31.03.10 | 17:06 | Begegnung mit ... | Glückwunsch! | Kommentare 5 Kommentare

Rolf Boysen 90

Boysen

Heute wird der großartige Schauspieler und Sprechkünstler Rolf Boysen 90 Jahre alt. NEUNZIG – das muss man erst mal hinkriegen! Noch dazu so wie Boysen, der überhaupt nicht senil und gebrechlich, sondern grandseigneurhaft würdig, körperlich rüstig und geistig absolut rege wirkt. Und darüber hinaus auch noch sehr charmant und geistreich ist.

Für einen Geburtstagsartikel im Feuilleton (heutige Printausgabe) habe ich den Schauspieler letzte Woche in Begleitung der Fotografin Regina Schmeken in Bad Wiessee am Tegernsee besucht. Er weilte dort in der Fachklinik Medical Park, einer Kurklinik für Orthopädie und Sportmedizin, mit der schönen Adresse “Am Kirschbaumhügel”. Ich dachte schon, er würde uns in Krankenhauskleidung und/oder gar im Rollstuhl empfangen. Aber nein: Er war gekleidet wie ein englischer Gentleman und wirkte auch sonst rein gar nicht wie ein Patient (siehe meine Fotos). Auf die Frage, was der Grund seines Klinikaufenthalts sei, erzählte er uns die Geschichte seines Sturzes (der übrigens schon ein ganzes Weilchen her ist): Wie er zu Hause, als er eine Flasche Wein holen wollte, rückwärts die Kellertreppe hinabgefallen ist … und sich dabei einen doppelten Wirbelbruch zugezogen hat. Zwei Schrauben habe er seither hinten drin. “Aber”, grinst der Bordeaux-Liebhaber Boysen, “halb so wild: Die Flasche blieb heil.”

Das ist natürlich eine schöne Geschichte, fast möchte ich sagen: ein Treppenwitz – und ich habe damit meinen Geburtstagsartikel begonnen. Der muss und soll hier nicht wiederholt werden. Nur so viel: Die zwei Stunden mit Rolf Boysen waren sehr beschwingend. Wenn einer auf so ein langes und reiches Bühnenleben zurückblicken kann wie Boysen, der die bedeutendsten Rollen der Dramenliteratur gespielt und die größten Werke der Weltliteratur gelesen hat, dann hat er natürlich was zu erzählen. Vom Krieg zum Beispiel, in dem ihm ein Kamerad aus seiner Division zwei Theaterrollen beibrachte (den Karl Moor und den Faust). Von seinem schnellen Einstieg und Aufstieg als Schauspieler in der Nachkriegszeit, als keiner nach einer Schauspielausbildung fragte – es herrschte Männermangel. Von Hans Schweikart, dem “großen Naturalisten und Raumbeherrscher”, und Fritz Kortner, diesem “Elementarerlebnis” – beide waren Boysens große, prägende Lehrmeister an den Münchner Kammerspielen. Von der Faszination des Theaters überhaupt. Und von der Sprache natürlich, die Boysen so liebt und meisterhaft beherrscht – von ihrer Schönheit, ihren Feinheiten, ihren Forderungen und Erfordernissen.

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Boysen ist ein kluger, denkender Schauspieler. Die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse seines Berufslebens hat er in dem lesenswerten Essay-Band “Nachdenken über Theater” veröffentlicht. Aus diesem Buch wird er heute Abend, an seinem 90. Geburtstag, im Münchner Residenztheater vorlesen, an das er 2001 mit Dieter Dorn von den Kammerspielen rübergewechselt ist. Ehrensache, dass ich da hingehe! Wer den stimmgewaltigen Boysen als Rezitator antiker Literatur kennt, weiß: Er ist ein grandioser Vortragskünstler, in seiner Intonierungsgabe unerreicht. Einer, der schwere Textbrocken wie die “Ilias” oder Vergils “Aeneis” nicht einfach nur liest, sondern sie stimmlich strukturiert, rhythmisiert und dramatisiert – so dass man sie mit ihm durchleben, durchdringen … und sie tatsächlich auch verstehen kann.

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Natürlich ließ ich mir nicht die Gelegenheit entgehen, für mein persönliches Exemplar des Buches eine Widmung zu erbitten – die mir Rolf Boysen dann netterweise auch gab. Wobei er sich sehr für seine wackelige Handschrift entschuldigte. Zum Abschied drückte er mich dann sogar – und diese herzliche Umarmung will was heißen, wo ich doch am Münchner Residenztheater als Kritikerin so gar nicht gelitten bin und es wahrscheinlich nicht übertrieben ist, zu sagen, dass Dieter Dorn mich und meine Theaterauffassung nicht ausstehen kann.

Und deshalb hier noch dieses Foto mit mir und dem sehr galanten Herrn Boysen, diesem hanseatischen Charmeur, der bestimmt mal ein großer Womanizer war (Und wenn jetzt wieder welche unken: “Frau Dössel, haben Sie das nötig …!?”, dann sag´ ich: Jawohl! Und warum auch nicht? Das hier, liebe Leute, ist mein Blog … da darf ich sogar mal ICH zu mir sagen!) :

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Herzlichen Glückwunsch, lieber Rolf Boysen! War mir ein Vergnügen.

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Nachtrag vom 1. April: “Nachdenken über Theater” – Boysens Geburtstags-Lesung

Boysens Geburtstags-Lesung, gestern im Münchner Residenztheater, war komplett ausverkauft. Und etliche hofften in der Warteschlange noch auf eine Karte. Im Foyer sah man langjährige Kollegen von Boysen wie Lambert Hamel, Stefan Hunstein und Doris Schade (seine Desdemona aus Fritz Kortners “Othello”-Inszenierung von 1962!). Joachim Kaiser, der am Nachmittag in der Redaktion noch über sein stressiges Wochenprogramm geklagt hatte, war dann doch auch gekommen. Und Michael Krüger vom Hanser Verlag. Es fehlten natürlich auch nicht Boysens Söhne Markus und Peer, Schauspieler der eine, Regisseur der andere. Sie stützten ihre Mutter Marianne, mit der Boysen schon 52 Jahre verheiratet ist. Von ihr heißt es, dass sie ebenfalls gestürzt sei, jüngst erst. (Nach der Lesung wollte Boysen – das hatte er in Bad Wiessee erzählt – mit seiner Familie gleich wieder abdampfen: in ein Hotel am Starnberger See, wo es sehr schön sein soll und guten Rotwein gibt.)

Viel weißes Haar im Parkett – klar, bei einem 90-jährigen Jubilar. An einem Desk im Foyer haben sich mehrere Besucher Hörgeräte ausgeliehen. Ganze 40 gingen über den Tisch, ich habe nachgefragt. Lustig. Bisher wusste ich gar nicht, dass das Theater einen solchen Service bietet.

Der Geburtstags-Boysen bekam nicht nur am Ende gebührenden Applaus und Standing Ovations, sondern gleich schon am Anfang. Kaum war er auf die Bühne getreten, erhob sich der Saal. Eine Welle aus Bewunderung, Respekt und großer Zuneigung schwappte da nach vorne und umfing den Jubilar mit stürmischer Wärme. Dieser setzte sich auf der großen, mal wieder Dorn-typisch bis zur Brandmauer aufgerissenen und blau angestrahlten Bühne ganz vorne an einen Lesetisch und schaffte es auf Anhieb, in dem Riesenraum eine Konzentration und Intimität herzustellen, wie es nur einem Erzählmagier wie ihm gelingt. Boysen mit seiner unvergleichlich gewaltigen, geschmeidigen Stimme, seiner vokalen Dramatisierungs- und Intonierungskunst.

Da ist er schon bei der Zugabe, der Geschichte von Judith und Holofernes, die er locker ohne Hocker gibt - ein Gentleman von höchster Lesegewalt. (Foto: C.D. von der 10. Reihe aus)

Da ist er schon bei der Zugabe, der Geschichte von Judith und Holofernes, die er locker ohne Hocker gibt - ein Gentleman von höchster Lesegewalt. (Foto: C.D. von der 10. Reihe aus)

“Nachdenken über Theater”: Boysen begann mit dem ersten Kapitel seines Buches, das die Überschrift trägt “Vor der Vorstellung”; er sagte: “Man kann es auch nennen: Ich weiß es nicht.” Denn was genau es mit diesem Geheimnis des Theaters, dem Faszinosum der leeren, erst noch vom Schauspieler zu belebenden Bühne auf sich hat, das hat er nach 64 Bühnenjahren noch immer nicht ergründet. Boysen weiß aber sehr wohl ein Hohelied auf die Guckkastenbühne zu singen und die Gegenwärtigkeit des Theaters als dessen Alleinstellungsmerkmal zu rühmen: “Nirgendwo sonst berühren sich Vergangenheit und Gegenwart so innig wie hier. Hier und jetzt findet es statt. Heute abend findet es statt. Und wer es sehen will, muss hingehen und schauen.”

Sehr lustig das Kapitel “Na, Alter”, in dem der Schauspieler einleitend von einem Ritual mit einem langjährigen Freund erzählt, der ihn stets – auch schon in jüngeren Jahren – mit den Worten zu begrüßen pflegte: “Na, Alter, wie ist es denn heute?”, woraufhin Boysen gewohnheitsgemäß antwortete: “Danke, mein Alter, es geht schon!” – - Damit wäre Boysen nun also beim Thema Alter, und er schreibt, dass “alt werden ein Geschenk sein kann”: alt werden habe mit “Dauerhaftigkeit” zu tun, “mit Standhaftigkeit und mit Wachsen”.

Alles das, was war, schreibt Boysen, “haben wir in den großen Sack unseres Lebens gesteckt und tragen es mit uns herum”. Und der alt gewordene Schauspieler schleppe neben seinem ganzen “Lebensplunder” auch noch den ganzen “Theaterplunder” mit sich rum. Wenn nun ein Junger komme und in diesen Sack hineinsehe, weil er von dem erfahrenen Alten einen Rat haben möchte, dann könne es sein, dass dieser Junge feststellen müsse: “Aber es ist ja gar nichts darin!”

Etwas aber gibt der Alte dem Jungen dann doch mit auf den Weg: “Da du unbedingt einen Rat haben willst, merke dir dieses: beim Komma hebe die Stimme, und senke sie beim Punkt.” Der Junge in der Geschichte hält das für einen Witz und läuft lachend davon, wir alle aber wissen, wie grundlegend ernst das gemeint ist. Es ist die Basis von Boysens Sprachmeisterschaft.

Die Lesung dauerte nicht lange, von acht bis viertel nach neun. Zwischen den Texten, die Boysen aus seinem Buch vortrug – darunter auch das Kriegsheimkehrer-Kapitel “Fünfzig Jahre” -, spielte ein ausgezeichnetes Jazz-Trio mit Peter Cudek am Kontrabass, Florian Persler an der Gitarre und der stimmschönen Sängerin Nadine Germann, die später vom Jubiliar herzlichst umarmt wurde.

Am Ende kam Dieter Dorn auf die Bühne (mit einer beachtlich wuscheligen Grauhaarlöwenmähne) und überreichte seinem langjährigen Protagonisten einen Strauß roter Rosen. Auch aus dem Parkett, in dem sich schon längst wieder alle erhoben hatten, gab es von einigen Damen Rosen, und dann sangen alle, wirklich alle, auf der Bühne wie im Zuschauerraum, “Happy birthday”, und der Schauspielkünstler Rolf Boysen freute sich königlich und erhob zum Dank die Arme, und bevor er rechts abging, schulterte er zum Spaß seine Rosen. Dann kam er noch mal zurück, mit seinem vollen, glänzenden Silberhaar, seinem eleganten Schnauzer und dem dunklen Jackett wirklich sehr würdevoll aussehend, lehnte sich locker gegen das Lesetischchen und gab noch eine Zugabe: “Die Heldin”, das Kapitel über Judith und Holofernes – hochdramatisch, zum Fürchten gut.

Nach diesem Schluss ging Rolf Boysen nicht nach rechts, sondern nach hinten ab, in die blaue Tiefe der Bühne: gelassenen, beinahe federnden Schrittes, ein Jahrhundertschauspieler, der fröhlich schlenkernd abdankt. Sehr bewegend, dieses Bild … das alsbald ein sich senkender Vorhangprospekt verschloss.

29.03.10 | 15:55 | Dies & das | Kommentare 2 Kommentare

Furchteinflößend

Vielleicht wurde dieses Projekt ja befeuert vom Erfolg einer anderen, wesentlich größeren blauen Spezies, den Na´vi aus “Avatar” – jedenfalls hat Hollywood einen Schlumpf-Film in der Mache. “The Smurfs” , basierend auf der von Peyo ersonnenen Schlumpfsaga, angelegt als Trilogie, Teil eins soll nächsten Sommer so richtig abräumen, mindestens so wie im Moment gerade “Drachenzähmen leicht gemacht”, der Trickfilm, der am Wochenende in den USA “Alice im Wunderland” enttrohnt hat. Die Schlümpfe werden in toller Starbesetzung verfilmt: Katy Perry als Schlumpfinchen, Hank Azaria als Gargamel…und Quentin Tarantino als Schlausschlumpf. Killer Quentin in einem Schlumpffilm, das ist so ungefähr der absurdeste Besetzungscoup, den ich mir vorstellen kann. Wirft Fragen auf: Wird er sich für die Interviews blau schminken? Oder das Feuer auf die anderen Schlümpfe eröffnen? Und: Ist Hollywood noch zu retten?

28.03.10 | 23:02 | Geht doch! | Harte Realitäten | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Solidarität mit dem Schauspielhaus Wuppertal

Wuppertal-Button

Am Samstag war Welttheatertag, und die deutschen Bühnen nutzten diesen sonst eher vergessenen Termin für eine Mobilmachung in eigener Sache. Fast 60 Theater aus der ganzen Republik schickten Einsatzkommandos nach Wuppertal, um mit Lesungen, Reden und szenischen Beiträgen gegen die Schließung des dortigen Schauspielhauses zu protestieren. Denn ja: Die Stadt Wuppertal plant allen Ernstes, ihr Theater dichtzumachen! Und weil in diesen finanzkrisengebeutelten Zeiten auch andere Stadttheater um ihre Existenz fürchten müssen, haben die im Deutschen Bühnenverein organisierten Intendanten zu einer Protestaktion aufgerufen.

Mit enormer Resonanz. Es war die bisher größte Solidaritätsdemonstration deutscher Bühnen, die da am Samstag zustande kam, ein theatralischer Großkampftag.

Kleine Theater wie die Burghofbühne Dinslaken, das Stadttheater Gießen oder das ebenfalls von Schließung bedrohte Schlosstheater Moers nahmen ebenso daran teil wie das Schauspielhaus Düsseldorf, das Staatstheater Stuttgart, das Nationaltheater Mannheim oder das Berliner Ensemble. Das Hamburger Schauspielhaus schickte den wütenden Hartz IV-Chor aus Volker Löschs Inszenierung „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“, das Schauspiel Köln den „Engel der Geschichte“ aus Elfriede Jelineks Wirtschaftskrisenkomödie „Die Kontrakte des Kaufmanns“. Und für den Schauspieler Ulrich Matthes vom Deutschen Theater Berlin war es eine Ehrensache, seine Unterstützung für das Wuppertaler Schauspielhaus mit einer Tschechow-Lesung auszudrücken. Matthes hatte schon vor Weihnachten dem Wuppertaler Oberbürgermeister einen mehrseitigen Brief geschrieben, in dem er ihm vom traurigen Tod des Berliner Schiller-Theaters berichtete und von dem Phantomschmerz, den diese Theaterschließung hinterließ. Matthes hat nie eine Antwort erhalten.

Hier seine Kurzansprache in Wuppertal, leider sieht man sein Gesicht nicht:

Ein Theater zu liquidieren, ist eine hässliche, folgenschwere Angelegenheit. Für jeden Politiker eine denkbar unpopuläre Maßnahme – aber auszuschließen ist sie nicht. Die Lage in Wuppertal ist so bitter ernst, wie die Stadt pleite ist. In der Regel machen die Kommunen ihre Theater nicht gleich ganz dicht, sondern zehren sie aus: fahren sie finanziell und damit auch personell runter, streichen ihnen die Etats zusammen, schließen einzelne Sparten, bürden ihnen neue und immer neue Kosten auf und sparen sie so langsam kaputt. In den letzten 15 Jahren wurden im deutschen Theater 7000 Arbeitsplätze gestrichen. Da ist kein Speck mehr abzutragen, das ist ausgedünnt. Wenn man so weitermacht, ist es ein Tod auf Raten.

Es gibt ein Menetekel: das Berliner Schiller-Theater -- nicht nur für Ulrich Matthes eine offene Wunde. 1993 wurde es geschlossen, ein Haus mit wirklich großer Tradition – das waren immerhin mal die Staatlichen Schauspielbühnen Berlin. Auch damals wollte das mit der Schließung erst keiner glauben. Auch damals wurde demonstriert. Holk Freytag, der Vorsitzende der Intendanten im Deutschen Bühnenverein, war zu jener Zeit Intendant am heute so gebeutelten Wuppertaler Haus. Er erzählt, wie alle NRW-Intendanten geschlossen nach Berlin gereist sind, um lautstark gegen die Schließung des Schiller-Theaters zu protestieren. Nie mehr, so schwuren sie, würden sie mit einer Aufführung nach Berlin kommen! Keine Zusammenarbeit, kein Gastspiel, keine Pina Bausch sollte es dort mehr geben! Selbst das Theatertreffen wollten sie boykottieren! Nun ja, man weiß, was aus der stolzen Androhung geworden ist, und wenn das Wuppertaler Protestspektakel vom Samstag so effektiv ist wie die Demonstration damals in Berlin, dann gute Nacht …

Die SMS, die Holk Freytag heute Mittag geschickt hat – wir waren wegen eines Artikels in Kontakt, den ich fürs Feuilleton geschrieben habe –, ist allerdings voller Zuversicht. Es klingt darin jener euphorische Optimismus an, den jeder kennt, der, gestärkt von der beglückenden Erfahrung menschlicher Solidarität, von einer Groß-Demo für eine gute Sache zurückkommt.

Hier also die Nachricht des Hauptorganisators:

„Es war ganz toll gestern, und es ging bis weit nach Mitternacht. Es waren Tausende auf der Straße, selbst die drei Kilometer lange Menschenkette vom Schauspiel- zum Opernhaus hat geklappt. Vielleicht schaffen wir da ja doch was .“

„Vielleicht schaffen wir ja doch was“ … ja! Das ist schön! Das wäre zu wünschen.

Ich war am Samstagabend nicht in Wuppertal, sondern bei der Premiere von “Don Carlos” am Staatsschauspiel Dresden (da, wo Holk Freytag zuletzt Intendant war, bevor Wilfried Schulz ihn ablöste). Beim Schlussapplaus, der mit Fug und Recht begeistert und sehr ausgiebig war, zeigte sich Regisseur Roger Vontobel im gelben Wuppertal-Solidarität-T-Shirt. Die Dresdner Schauspiel-Gesandtschaft hatte es frisch von der Wuppertaler Protestaktion mitgebracht. Fand ich gut.

Regisseur Roger Vontobel im Solidaritäts-T-Shirt, rechts: Burghart Klaußner, Darsteller des Philipp im Dresdner "Don Carlos"  (Fotos: cd)

Regisseur Roger Vontobel im Solidaritäts-T-Shirt, rechts: Burghart Klaußner, Darsteller des Philipp im Dresdner "Don Carlos" (Fotos: cd)

Nach der Vorstellung, die bis zwanzig nach elf ging (die Sommerzeitumstellung mit einkalkuliert, war es fast schon halb eins -- so viel zu den Arbeitszeiten einer Theaterkritikerin!), also nach der Vorstellung lief ich dem Intendanten Wilfried Schulz über den Weg. Der trug einen Wuppertal-Solidaritäts-Button -- und außerdem von der linken Schulter bis zum Arm einen nicht zu übersehenden Klettschienenverband. Was für ein Kämpfer! Sah aus, als wäre er selber bei der Wuppertaler Demo dabei gewesen und hätte sich dort ganz schön ins Zeug gelegt, ja regelrecht fürs Theater geschlagen.

Kämpfer für Wuppertal ... und überhaupt: Der Dresdner Intendant Wilfried Schulz mit Solidaritäts-Button und geschientem Arm

Kämpfer für Wuppertal ... und überhaupt: Der Dresdner Intendant Wilfried Schulz mit Solidaritäts-Button und geschientem Arm

Nein, so weit ist es natürlich nicht gekommen. Er ist beim Skifahren gestürzt, der Arme. Letzter Tag, letzte Abfahrt, alles schon gepackt, Auto stand abfahrbereit, einmal noch rauf … und dann das: Trümmerbruch. Schulz, dieser wirklich nette Mensch mit dem lustigen Kiebich-Gesicht, legt auch bei dieser Unglücksschilderung einen milden Ton und sein immer so freundlich scheues Lächeln auf. Diese deutschen Intendanten! Hart im Nehmen sind sie ja schon. Einfach nicht kleinzukriegen.

Wäre doch gelacht, wenn mit denen der Kampf gegen den Theatertod nicht zu gewinnen wäre.

24.03.10 | 10:45 | Dichtung & Wahrheit | Kommentare 4 Kommentare

Frühling, ja du bist´s

Foto: ddp

Foto: ddp

Jetzt aber!!! Der Frühling hat nicht nur kalendarisch begonnen, sondern tatsächlich Einzug gehalten, was zuletzt ja kaum mehr zu erwarten war.  Hier nun also, wie versprochen, mein Lieblings-Frühlingsgedicht, das eigentlich ein Frühling-geht-in-den-Sommer-geht-in-den-Herbst-Gedicht ist, weshalb es auch “Jahreszeiten” heißt (wobei es den Winter schlichtweg unterschlägt). Es ist von Karl Krolow. Ich liebe es schon seit langem und kann es auswendig — finde ja, dass jeder ein paar Gedichte auswendig können sollte …

Jahreszeiten

Jeder Frühling beginnt mit Übertreibungen.

Wie atemlos dieses Rascheln. Ein Farbstift

wird unruhig, und ein Staatsstreich kommt

aus der Luft, die Marseillaise

der Vögel – ein unwiderstehlicher Text.

Über Nacht kennt ihn jeder. Früher seufzte man,

man hatte mehr Zeit.

Heute ist alles rasch und endgültig grün.

Danach das ruhige Rauschen:

Der Sommer.

Vorbei die vertauschte Prinzessin / der bittere Faulbaum.

Das alles wurde bedichtet. Doch

nun schützt sich ein jeder, so gut er kann,

vor dem Durst.

Und der Traklsche Herbst

/ fängt an.

Karl Krolow

22.03.10 | 21:05 | Begegnung mit ... | Harte Realitäten | Musikalitäten | Kommentare 3 Kommentare

Schlingensief über sich … und Wolfgang Wagner

Christoph Schlingensief   (Foto: dpa)

Christoph Schlingensief (Foto: dpa)

Ich habe heute – auf der Suche nach Stimmen zum Tod von Wolfgang Wagner – mit Christoph Schlingensief telefoniert. Er ist gerade in Oberhausen bei seiner Mutter, und es geht ihm “so lala”. Man ist ja immer etwas befangen, wenn man jemanden auf seine Krebserkrankung anspricht … ich zumindest bin das. Ein einfaches “Wie geht es Dir denn?” erscheint mir in einem so ernsten Fall zu wenig, zu gewöhnlich. Aber ich kann doch auch nicht einfach fragen: Sind die Metastasen wieder da???

Schlingensief weiß das – und nimmt einem sofort jegliches Gefühl der Betretenheit. Er plappert einfach los, spricht völlig frei von der Leber weg: über seinen nerven- und kräftezehrenden “Endloskampf”, seine letzte Chemo, die “total nach hinten losgegangen” sei (Riesenallergie, Zusammenbruch, Bronchitis), dann “wieder in die Röhre”,  festgestellt: “Die Metastasen wachsen weiter”, immer dasselbe, aber jetzt nehme er wieder diese eine Tablette, die überhaupt nur bei zwei Prozent (!) aller Krebsleidenden länger als einen Monat wirke und das in der Regel auch nur bei Menschen aus dem asiatischen Raum – bei ihm, Schlingensief, wirke sie erstaunlicherweise aber auch, zumindest wenn er zwischendurch damit pausiere, seltsam, er müsse da irgendeinen asiatischen Vorfahren in der Verwandschaftslinie haben … jedenfalls ein Riesenglück, aber diese Tablette habe ihn auch sehr schlapp gemacht, und er habe eben eine “wahnsinnige Depression – permanent”, ohne Aino wäre das alles gar nicht zu ertragen, die Liebe zu dieser wunderbaren Frau helfe ihm sehr, aber ihre Beziehung sei natürlich auch von der Situation belastet (“man weiß ja nie, was morgen ist”), alles sei ja doch sehr “niederschmetternd”, andererseits sei es für ihn das größte Glück, “dass ich das alles reflektieren kann”, er brauche das: denken zu können, und auch die Afrika-Sache sei einfach ein “wahnsinniges Glück” …

Tja, und dann geht es pausen- und atemlos weiter im Schlingensiefschen Textfluss: Jetzt ist er bei seinem Opernhaus-Projekt in Burkina Faso und erzählt von der “eigenen Dramaturgie” dieses Ortes und von einer Projekteröffnungsfeierlichkeit mit afrikanischen Müttern, Kindern und sage und schreibe 12 Häuptlingen, und der Oberhäuptling habe eine Rede gehalten, in der er kundtat, dass sie von ihren Göttern und Ahnen die Zustimmung eingeholt und auch tatsächlich bekommen hätten, und das sei so eine Freude, auch wenn er, Schlingensief, ganz klar sagen müsse, dass das “permanente Missverständnis zwischen uns und denen” nie zu überwinden sein werde, man müssse sich da nichts vormachen: “Wir gehören nicht zusammen”, 95 Prozent aller Bilder aus und über Afrika, die wir gesehen und in unserem Kof haben, stammten “von Weißnasen”, das sei immer ein weißer Blick, und es gebe auch jede Menge Ethnologen und selbst ernannte Experten, die jetzt mit Tipps und guten Ratschlägen auf ihn zukämen, sich förmlich aufdrängten  … na, jedenfalls: Er fährt jetzt diese Woche wieder für zehn Tage “runter” und macht an einer Tanzschule ein Casting für ein Theaterprojekt mit dem Arbeitstitel “Via Intoleranza”, so eine “kleinere Sache”. Soll am 15. Mai beim Kunstfestival in Brüssel herauskommen, dann auf Kampnagel, dann bei Bachler in München: im neuen “Pavillon 21 Mini Opera Space” der Bayerischen Staatsoper auf dem Marstallplatz …

Es ist einfach der Wahnsinn, mit Schlingensief zu telefonieren!!! Mir schwirrt jetzt noch der Kopf. Ich kenne ihn jetzt echt schon lange, und doch frappiert mich seine intensive, hochemotionale, sprudelnd mitteilsame Art immer wieder. Er ist der offenste, verwundbarste, red- und leutseligste Mensch, den man sich vorstellen kann. Und wer das als “Masche” abtut, hat diesen Menschen nicht kapiert.

Jedenfalls musste ich ihn dann unterbrechen und seinen unablässigen Redefluss regelrecht abwürgen, denn es war bereits 16.10 Uhr, und ich wollte doch eigentlich mit ihm über den verstorbenen Bayreuther Festspielchef Wolfgang Wagner reden! Ein Statement einholen! Fürs Feuilleton ! In der Printausgabe, die gleich in Druck gehen musste!! Über Wagner und den Grünen Hügel, wo Schlingensief dereinst den “Parsifal” inszenierte, wusste er dann noch ein paar schöne Anekdoten zu berichten. Und er hatte für den alten Maestro durchaus dankbare und warme Worte übrig (anders als für dessen verstorbene Frau Gudrun).

"W" wie Wagner: Trauerbeflaggung am Grünen Hügel mit der so genannten Festspielfahne zu Ehren des am Sonntag verstorbenen Wolfgang Wagner (Foto: ddp)

"W" wie Wagner: Trauerbeflaggung am Grünen Hügel mit der so genannten Festspielfahne zu Ehren des am Sonntag verstorbenen Wolfgang Wagner (Foto: ddp)

Aber lesen Sie selbst! Schlingensief hat in seinem Schlingenblog einen Text zu Wolfgang Wagner verfasst und mir die Erlaubnis gegeben, ihn hier zu veröffentlichen.  Danke, lieber Christoph, und von Herzen gute & nachhaltige Besserung!

>>Das letzte Mal sah ich Wolfgang Wagner bei der Trauerfeier von Gudrun Wagner. Das war sehr traurig und sehr anrührend wie er da saß… das letzte Mal gesehen und auch gesprochen habe ich ihn im letzten Jahr von Parsifal kurz vor Eröffnung der Festspiele 2007.

Es gab da damals diesen kleinen Konferenzsaal, in dem die Königsfamilie Wagner in den Pausen gerne einige Auserwählte zu einem kleinen Plausch einlud. Und in diesem Raum fanden auch die Sitzungen für neue, aber auch laufende Produktionen statt. Da müssen also alle mal gesessen haben. Jedenfalls in den letzten 20 Jahren. Zu Beginn der Besprechungen zum Parsifal bekamen wir großartige Schnittchen mit Lachs, Leberwurst vom feinsten, hervorragende Fleischwaren, Getränke rund um den Globus und sogar zum Kaffee noch hervorragende Pralinen oder Kuchenstücke, die ihres gleichen suchten.

Im Verlaufe der Produktion stürzten wir aber ab und saßen bereits im zweiten Jahr nur noch mit einer von jenen Keksdosen am Konferenztisch, die man normalerweise von schlecht sehenden Großtanten kennt. Irgendwelche zerbrochenen, ausgetrockneten Plätzchen mit leicht grauer Schokoladenfüllung oder merkwürdigem Käsegeschmack. Diese Reduzierung aufs Mindeste hatte nicht nur mit der finanziellen Situation zu tun, die auch bewirkte, dass mir jedes Jahr schriftlich mitgeteilt wurde, dass nur 1000 Euro für Kostüm- oder Bühnenänderungen zur Verfügung stünden, sondern vor allem mit der dadurch sinnfällig werdenden Tatsache, dass man in der Gunst von Gudrun extrem abgestürzt war. Aber auch das war egal, weil es ja um die Arbeit ging und nicht um irgendwelche Schnittchen.

Und genau diese Arbeit, und das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich noch einmal wiederholen, weil es noch immer irgendwelche Hofschranzen gibt, die behaupten, ich wäre undankbar und wolle Bayreuth nur noch schlecht reden, weil sie damit ihre Chance wittern irgendwann zum inneren Zirkel des großen Wagnerkuchens zu gehören, überhaupt nicht verstanden haben, bzw. eben immer nur Informationen aus zweiter Hand haben; denn die Arbeit in Bayreuth war, egal wie groß der Stress und die Gehässigkeiten, die Verachtung und der Widerwille an diesem Ort geschürt wurden, für mich die größte Freude, die man mir jemals bereitet hat. Die Momente, über die so viele Gerüchte kursieren, einmal live erlebt zu haben, ist eine Belohnung, die ich nicht missen möchte.

Der Prinzipal Wolfgang Wagner während seiner Verabschiedung im August 2008. Im Hintergrund sieht man seine Töchter Katharina und Eva, sie sind seine Nachfolgerinnen in der Festspielleitung.  (Foto: ap)

Der Prinzipal Wolfgang Wagner während seiner Verabschiedung im August 2008. Im Hintergrund sieht man seine Töchter Katharina und Eva, sie sind seine Nachfolgerinnen in der Festspielleitung. (Foto: ap)

Was war das für eine helle Freude, wenn Wolfgang Wagner selbst gegen den Willen seiner Frau mit mir Kontakt aufnahm, um dann ganz großartige Geschichten über die Wollunterhose von Winnie zu berichten oder über Furtwängler, der fast vom Mähdrescher auf der Judenwiese bei dem Versuch ein weiteres Blumenmädchen zu verführen, überrollt worden wäre. Da lachte Wolfgang, da blitzten seine Augen. Oder wenn er erzählte, wie er es schaffte Gelder vom Marshallplan so umzuleiten, dass sie in der Bayreuther Scheune landeten. Der Mann war ein Schlitzohr und das genoss er jede Stunde! Immer wieder tauchte er auf –  nicht nur bei mir – und sagte: “Machen Sie doch was Sie wollen. Sie haben künstlerische Freiheit! Das interessiert mich nicht mehr!”

Ich weiß noch, wie er vor der ersten Probe im zweiten Jahr auf die Probebühne kam und schrie: „Was soll das? Ist jetzt schon schlechter als im letzten Jahr!“ Da hörte man ihn in seinem tiefsten Inneren regelrecht gröhlen. Denn er liebte seine Kommentare, seine Geschichten, seine Auf- und Abtritte. Wenn er dann die große Bühne “endgültig” verließ und schrie, dass es auch der Letzte in der letzten Reihe hören konnte: “Machen Sie doch was Sie wollen. Das interessiert mich nicht mehr!”, so saß er schon 2 Minuten später wieder auf seinem eigenen Inspizientenstuhl auf der linken Seite (vom Zuschauerraum aus gesehen) oder er marschierte gleich zu Gudrun, die in ihrem Zimmer sämtliche Überwachungskameras oder Abhörmikrophone bedienen konnte.

Es war wirklich viel los in diesem kleinen Königshaus, was nicht mit Geld zu bezahlen ist. Und wenn ich dann lese, ich würde die Hand meines Arbeitgebers schlagen oder so was… dann lache ich noch lauter als Wolfgang, denn zum einen lebe und arbeite ich mittlerweile woanders und zum anderen war die Zeit mit Wolfgang so ziemlich das Tollste, was ich überhaupt je auf einer Bühne erlebt habe. Alleine in den ersten zwei Jahren Pierre Boulez erleben und von ihm lernen zu dürfen, dann zu sehen was passiert, wenn der neue Parsifalsänger plötzlich anfängt zu leben, ein wirklicher Mensch zu sein, oder im dritten Jahr zu lernen, wie einige Sänger nicht mehr über eine Verlängerung informiert wurden, weil sie sich kritisch über das Haus geäußert hatten und deshalb plötzlich umbesetzt wurden… das waren Sternstunden der Musikausbildung!

Und das Tollste war Wolfgang, der zwar im dritten Jahr stark vernachlässigt mit Löchern in der Hose durchs Haus stolperte bis sich dann Katharina für ihren Vater einsetzte und dafür sorgte, dass er nicht jeden zweiten Tag die Treppe runterfiel, wenn er immer wieder durch “sein Haus” und somit “sein Werk” schritt! Ja, so muss ich es sagen. Bei allen Alterserscheinungen fand er immer wieder Kraft in seiner Scheune, in seinen Probenräumen, den Konferenzen, den kleinen und großen Kriegen.

Wolfgang war wirklich Bayreuth! Und über Gudrun muss ich ja nichts schreiben. Aber Wolfgang hat mich sehr beeindruckt, und nach vier Jahren, als dann auch der eine Sänger nicht mehr mit am Tisch essen durfte und unser Parsifal mittlerweile mehr als positiv denn als negativ für die Entwicklung Bayreuths eingestuft wurde, (worüber nicht nur ich mich gefreut habe, sondern auch Wolfgang und Katharina), da war der Laden schon wieder ein bisschen weicher geworden. Da war es teilweise sogar richtig angenehm.

Und da endet dann auch meine kleine Geschichte über die Parsifalzeit in Bayreuth. Wir saßen wieder in diesem verwanzten Konferenzzimmer… und diesmal wurden wir mit Tramezinis der allerbesten Art überschüttet. Wolfgang und ich saßen uns gegenüber. Gudrun links, mein Team rechts und links an meiner Seite. Und Wolfgang und ich haben vor lauter Glück, dass kein männlicher Intrigant mehr am Tisch saß, sondern plötzlich so ein kleiner Frieden eintrat, unzählige dieser Toastdinger in uns reingestopft. Es brach sozusagen ein großer gemeinsamer Hunger aus. Ein Hochgenuss sozusagen, bis Gudrun dann irgendwann sagte: „Wolfgang, du bist mal wieder dein bester Gast!”, und da hörte Wolfang Wagner auf zu essen, wischte sich den Mund ab, stand auf, deutete mir an, dass er mich vorne an der Türe sehen wollte,… ich folgte ihm und dort, bei geöffneter Türe wohlgemerkt, sagte er zu mir: „Gell, das war schon toll! Das war eine tolle Sache mit uns. Wir waren doch immer Freunde, nicht wahr?”… und da habe ich „Ja, Herr Wagner” gemurmelt und musste fast heulen. Wir haben uns sogar kurz in den Arm genommen. Kurz, aber herzlich, und ich bin dann wie benommen davongegangen.

Ob die anderen noch weiter gegessen haben, weiß ich nicht mehr… und ich rufe dem alten Herren zu: AUF WIEDERSEHEN! Das ist für alle Menschen die schönste Drohung, die man so aussprechen kann. Und in diesem Falle wäre es sogar eine sehr schöne Drohung, auch wenn die Hofschranzen daraus wieder etwas Böses lesen wollen… Ich mag Bayreuth und ich bin sehr gespannt, was daraus werden wird. Auch wenn die Zeichen momentan eher auf Keksdose stehen! <<  – Christoph Schlingensief

22.03.10 | 12:52 | Glückwunsch! | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Das Kino hat Geburtstag

Am 22. März 1895 haben die Brüder Lumière erstmals einen ihrer Erstversuche mit bewegten Bilder vor Publikum getestet -- keine öffentliche Vorführung, eher eine Präsentation, bei der Société d’Encouragement à l’Industrie Nationale. Nicht den berühmten “L`arrivée d`un train à La Ciotat”, sie zeigten “Arbeiter verlassen die Lumière-Werke”, “La sortie de l’usine Lumière à Lyon”.

17.03.10 | 17:02 | Geht gar nicht | Kommentare 0 Kommentare

Du siehst da was, was ich nicht seh

Wahrnehmungsverschiebung I:

Conan O´Brien, der geschasste Tonight-Show-Talkmaster, der seinen Sessel für seinen eigenen Vorgänger Jay Leno räumen musste, geht nun nicht mehr auf Sendung, dafür aber auf Tour. Dreißig amerikanische Städte will er mit seiner “Legally Prohibited From Being Funny on Television Tour” heimsuchen. Ins Fernsehen darf er nämlich bis September nicht mehr, das hat ihm sein Ex-Sender untersagt – im Rahmen einer vertraglichen Vereinbarung, welche nicht nur die Fernsehabstinenz regelte, sondern auch im Gegenzug O´Brien das runde Sümmchen von 32 Millionen Dollar (ja, zweiunddreißig) zusicherte. Acht Monate nicht arbeiten für 32 Millionen Dollar – eine echte Zumutung, findet O´Brien, da fühlt er sich echt gemaßregelt.
Wenn das keine leicht verdrehte Wahrnehmung ist…dann ist vielleicht das eine:

Wahrnehmungsverschiebung II:

Der Spiegel berichtet in dieser Woche bierernst, der National Enquirer, ein Käseblatt, wie es die deutsche Presse gar nicht zu bieten hat, sei im Gespräch für einen Pulitzer Preis. Der National Enquirer, die letzte amerikanische Institution, bei der man sich noch Gehör verschaffen kann ohne einen Aufenthalt in einer Gummizelle zu riskieren, wenn man grüne Männchen und fliegende Untertassen sieht, hat nämlich eine ganz grandiose Geschichte enthüllt – John Edwards, 2004 Kandidat als US-Vizepräsident und zuletzt Präsidentschaftskandidatenanwärter, hat eine Geliebte und ein unehehliches Kind, und das, obwohl seine kranke Gattin in Amerika ausgesprochen populär war; und dann hat er, drauf angesprochen, auch noch gelogen. Jetzt finden einige seiner US-Kollegen – man kann die Details in der New York Times nachlesen -, dafür habe der Enquirer doch echt endlich einen Preis verdient, und manche sind nicht so begeistert, weil der National Enquirer für Informationen zahlt, auch für Teile der Edwards-Recherche, wenn auch nicht für den eingereichten Enthüllungsartikel.
Wäre es nicht eigenartig, sollte es im Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise im bis zur Hüfte in den Irakkrieg verstrickten Amerika wirklich keine wichtigere Lüge zu enttarnen geben als die, dass ein Mann, der sowieso nicht Präsident geworden ist, eine Geliebte hatte?

15.03.10 | 11:05 | Dichtung & Wahrheit | Haiku | Kommentare 0 Kommentare

März-Haiku

Der geschätzte Fitzgerald Kusz hat noch mal ein fränkisches März-Haiku geschickt. Es ist sehr luftig und frühlingshaft charmant, wie man nachstehend lesen kann. Aber: Es geht leider komplett an der gegenwärtigen Wetterlage vorbei!!! Ich weiß ja nicht, wie es in Nürnberg ist und ob es tatsächlich die Amsel ist, die da singt (war es nicht vielleicht die Nachtigall???) … hier in München jedenfalls ist der Winter mit all seinem Gematsche zurück. Heute schneit´s mal wieder, es ist gar garstig, und weiter will ich dazu nix mehr sagen.

Nichtsdestotrotz, hier das März-Haiku des Frankendichters:

hobb, raus assm bedd
reiß alle fensdä auf:
di amseln singä widdä

Hochdeutsche Übersetzung:

los, raus ausm bett
reiß alle fenster auf:
die amseln singen wieder

P.S. Wenn der Frühling endlich da ist, veröffentliche ich in diesem Blog mein absolutes Jahreszeiten-Lieblingsgedicht. Aber erst dann!

14.03.10 | 18:32 | Fernsehkultur | Musikalitäten | Kommentare 0 Kommentare

Lena, twelve points

Lena, twelve points. Lena, douze points … Na, wer sagt´s denn! Herzlichen Glückwunsch, liebe Lena. Dann vertrete uns mal schön charmant und keck-prägnant in Oslo und gib uns wieder ein bisschen Stolz zurück! Beim Eurovision Song Contest musste man sich zuletzt ja nur noch für sein Land schämen. Das war schon nicht mehr zum Aushalten … Dieses Jahr am 29. Mai sind wir aber wieder dabei, versprochen! Und drücken für “Satellite” auch die Daumen. Schlecht ist der Song ja nicht, wenn auch nicht so unverwechselbar speziell wie seine Interpretin.

Das Schöne an Lena ist ja, dass sie so eigenwillig ist -- keines von diesen glatten 0-8-15-Glamour-Sternchen, wie man sie bei DSDS und auch sonst so gern in den Fernsehshows züchtet und protegiert. Lena hat Kopf und Charakter, zumindest wirkt sie so -- wie eine junge Frau mit Persönlichkeit (und bald auch mit Abitur). Schon die eher exzentrische Auswahl ihrer Songs war immer was Besonderes. Ihr Styling: stilvoll individueller Kreativ-Chic, nicht vordergründig auf Sex-Appeal und Primärreize ausgerichtet. Sie wirkt keck, cool, selbstbewusst, weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen. Sie ist keine von diesen hochgeschminkten Kreisch- und “I love you all”-Lieseln, die auf Big Star machen und ihre Idole eilfertig kopieren. Sie ist Lena Meyer-Landrut, Meyer mit “ey” (auch wenn sie aussieht wie die kleine Schwester von Nora Tschirner). Sie kommt aus Hannover und kann einen kuriosen British-English-Suburb-Akzent, mit dem singend zu kokettieren ihr hörbar Spaß macht. Überhaupt singt sie sehr kapriziös. Sie ist, kurzum, schon sehr bezaubernd, und sie versteht es, mit dieser originellen Kombi ein ziemlich breites Publikum zu mobilisieren, darunter, so denk´ ich mal, durchaus auch eine weniger fernsehaffine Kultur- und Intellektuellen-Klientel.

Schämen muss man sich am 29. Mai jedenfalls nicht für unseren Star aus Deutschland. Damit ist schon mal viel Land gewonnen.

Nachtrag vom 15.03, 15.35 Uhr:

Wie die Nachrichtenagentur ddp soeben meldet, hat Lena einen neuen
Charts-Rekord aufgestellt. Noch nie verkaufte sich nach Angaben von
Media Control ein Musik-Download innerhalb von drei Tagen so oft wie
das Siegerlied „Satellite“, mit dem die 18-Jährige in Oslo antreten wird.  Zwischen Freitag und Sonntag verkaufte sich „Satellite“ demnach mehr als doppelt so häufig wie Lenas zweiter (eigentlich ja besserer) Song „Love Me“.  Beide Songs machten zusammengerechnet fast die
Hälfte aller Top-Ten-Verkäufe bei den Download-Singles aus. Respekt!

06.03.10 | 02:10 | Fernsehkultur | Kommentare 4 Kommentare

Birgit Minichmayr bei Harald Schmidt

Habe vorhin die Wiederholung der Harald Schmidt Show vom Donnerstag gesehen. Zu Gast diesmal: die Schauspielerin Birgit Minichmayr, deren Film “Alle anderen” (Regie: Maren Ade) jetzt auf DVD erscheint -- das war der Anlass. Toller Film übrigens, mit subkutaner Wirkung, auch Minichmayrs Filmpartner Lars Eidinger ist darin super.

Auftritt Birgit Minichmayr: pumuckelig, mit rotem, zausigem Wellenhaar, royalblauem Seidenkleid, Signalmund im blassen Gesicht -- sehr stark geschminkt. Schmidt, in aufrichtiger Verehrung und mit fachkundig-interessiertem Eleven-Blick, lobt sie über den grünen Klee. Auf so viel Schmeichelei kann man als Gerühmter ja immer schlecht was sagen, genauso wie auf die Eingangsfrage: “Warum sind Sie eigentlich so gut?”

Schmidt lobt Minichmayr noch ein bisschen, für ihre Leichtigkeit in “Alle anderen” und überhaupt … und findet dann (mit echter, wirklich echter Bewunderung): “Auf dem Theater sind Sie mindestens noch toller!!!” Tja, da kann man als Schauspielerin nur geschmeichelt lächeln und sich bedanken und hoffen, dass jetzt mal ein Gespräch losgeht …  und das tut es dann auch. Birgit Minichmayr erzählt von dem Regisseur Klaus Michael Grüber, mit dem sie als Anfängerin unbedingt hatte arbeiten wollen -- was ihr natürlich, wie scheinbar alles bisher, gelungen ist. Und sie erzählt von Klaus Maria Brandauer, ihrem “Entdecker”, wie Schmidt ihn anführt.

Entdecker? Na ja, vielleicht nicht unbedingt Entdecker, signalisiert Minichmayr, aber: “Förderer, Mentor, wichtiger Wegbegleiter” -- und immer noch ein guter Freund. Minichmayr hatte ihn als Lehrer am Wiener Max-Reinhardt-Institut, KMB hatte das Ausnahmetalent der burschikosen Linzerin gleich erkannt. 2002 besetzte er sie als Ophelia in seiner “Hamlet”-Inszenierung am Burgtheater. Damals, bei den Proben in Wien, habe ich Birgit Minichmayr kennengelernt und sie für meine Brandauer-Biographie (“Die Kunst der Verführung”) auch interviewt: als ehemalige Schülerin, die begeistert von Brandauers “Religionsstunden” erzählte, von seinem Improvisationsunterricht, von der Art, wie er die Leute fordert, herausfordert, provoziert. Mit dem Hamlet Michael Maertens wurde sie damals übrigens auch privat ein Paar. 2006 war Birgit Minichmayr dann auch bei Brandauers Inszenierung der “Dreigroschenoper” im Berliner Admiralspalast dabei. Sie spielte die Polly und schlug sich in dem Debakel sehr wacker. Mit ihrem Mackie Messer alias Campino wurde sie damals auch privat ein Paar …

Aber zurück zu Schmidt. Minichmayr wird dieses Jahr bei den Salzburger Festspielen die neue Buhlschaft spielen und erzählte, dass sie sich schon mal darauf einstelle, “wie eine Mozartkugel behandelt und dauernd fotografiert” zu werden. Dabei sei sie nicht der Typ Schauspielerin, der bei jeder “Strumpfhosenshoperöffnung” oder “Krautfleckerl-Verkostung” dabei sein müsse. Lustig, wie bei dem Wort “Krautfleckerl-Verkostung” ihr breites Österreichisch durchkam -- das hat sie sonst aber inzwischen ganz gut im Griff. Und sollte sie etwa tatsächlich, wie letztes Jahr in einigen Interviews angekündigt, mit dem Rauchen aufgehört haben? Oder warum klang Minichmayrs sonst so kratzige Reibeisenstimme hier so zivil?

Sie haben dann noch über Frank Castorf und die Berliner Volksbühne geplaudert, wo die Minichmayr ja auch mal eine Zeit lang künstlerisch beheimatet war, bevor sie 2008 wieder an die Burg zurückkehrte. Sie rühmt das Volksbühnen-Ensemble als “autonom, sehr eigenständig, selbstbewusst”, das habe ihr gut gefallen: dass man da als Schauspieler “nicht so zum Material verkommt”.

Ein neuer Film ist vorerst offenbar nicht in Sicht. Birgit Minichmayr sagt, man merke hier die Auswirkungen der Krise: Sperrige Filmprojekte seien derzeit schwer zu finanzieren. Und sie nehme sich den Luxus heraus, auf die Projekte zu warten, die sie wirklich interessieren.

Das ist natürlich sehr sympathisch. Aber sie kann es sich ja auch leisten. -- “Genau!”, würde sie jetzt wohl sagen, so wie sie diesen Ausdruck der Zustimmung die ganze Zeit über in der Sendung gebraucht hat: “Genau!” Für jeden journalistischen Interviewer wäre so eine Dauergesprächsreaktion der Bejahung und Affirmation ein Armutszeugnis. Nicht für Harald Schmidt, denn bei ihm geht es im Gespräch um -- genau: Akklamation.

Siehe dazu hier den lustigen “Genau!-”-Zusammenschnitt auf YouTube:

“Ging ja schnell”, sagte Birgit Minichmayer am Ende sichtlich erleichtert (denn sie war natürlich aufgeregt, worüber ihre allzu betont lockere Schmollmund-Frische nicht hinwegtäuschen konnte). Es klang wie nach einem unerwartet schmerzfreien Zahnarztbesuch. Dabei zieht Harald Schmidt doch längst keine Zähne mehr. Vielmehr dürfen die Gäste sich freuen: Er schmiert ihnen Honig um den Mund.

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