09.02.10 | 18:04 | Kritikerin unterwegs | Kulinarik | Kommentare 3 Kommentare

Württemberger wollen Wulle

Ich war am Sonntag in Stuttgart und möchte hier nicht versäumen, zu vermelden, dass es dort ein neues altes Kult-Bier gibt: Wulle. Das klingt mehr nach Berlin als nach dem Schwabendländle, ist aber ein traditionsreicher Name: Ernst Imanuel Wulle (1832-1902) war ein schwäbischer Brauerei-Unternehmer, dessen Wulle-Brauerei (gegründet 1861) Anfang der 70er von Dinkelacker übernommen wurde. Damit verschwand das Wulle-Bier. Im März letzten Jahres wurde es aber wieder eingeführt – in Bügelflaschen und mit dem alten Schriftzug.

Wulle-Bier

Die Flasche im Retro-Look macht “Plopp”, wenn man sie öffnet, und dabei entfährt einem schon mal ein “Huch!”. Schmecken tut dieses “Vollbier” wirklich sehr passabel, nicht zu bitter, eher mild, eigentlich richtig süffig. Besser jedenfalls als dieses badische “Tannenzäpfle”-Bier, das sie sonst in Stuttgart trinken. Ich meine: Bitteschön, wie kann man ein Bier “Tannenzäpfle” nennen?! Jetzt macht in Stuttgart wieder der alte Wulle-Slogan die Runde: “Wir wollen Wulle!” 

08.02.10 | 16:53 | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Prinzessinnenfeminismus

Man muss ja neidlos anerkennen, wenn andere Leute besser aufgepasst haben, selbst dann, wenn sie ganz schön spät dran sind. Im Herbst lief der Disney-Zeichentrickfilm “The Princess and the Frog” in den Kinos an, bei uns unter dem wenig ansprechenden Titel “Küss den Frosch” – der Film war vorab lange diskutiert worden, denn seine Heldin ist, ein Novum im Disney-Universum, schwarz. Und ob es nun wirklich so richtig antirassistisch ist, dass ausgerechnet diese Heldin sich fix in einen Frosch, Verzeihung! – eine Fröschin verwandelt, das war dann die Frage. Aber die Kollegin vom Guardian hat es in ihrem Blog messerscharf erkannt – der wirklich radikale Bruch zur Disney-Tradition ist nicht ihre Hautfarbe. Hey, das Mädel hat einen Job!

06.02.10 | 15:33 | Glückwunsch! | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Hildegard Schmahl wird 70 – auch Jelinek gratuliert

Heute feiert die wunderbare Schauspielerin Hildegard Schmahl ihren 70. Geburtstag.

Herzlichen Glückwunsch!


Schmahl

Hildegard Schmahl ist ein Nordlicht – eigentlich ist Hamburg ihre Stadt. Dort ist sie, als Flüchtlingskind aus Pommern, in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen. Dort hatte sie, Ende der 50er Jahre, ihr erstes Engagement am Thalia Theater, wo sie als Aschenputtel debütierte. Dort war sie dann (nach Engagements in Bochum und Berlin) Anfang der Achtziger am Deutschen Schauspielhaus – mit ihrem damaligen Mann, dem Regisseur und Intendanten Niels-Peter Rudolph. Nach einer Auszeit in Rom und einigen Jahren bei George Tabori in dessen Wiener Theater “Der Kreis” ging sie 1990 wieder nach Hamburg ans Thalia, diesmal unter der Intendanz von Jürgen Flimm.

Der Intendant Frank Baumbauer hat die Schauspielerin schließlich überredet, mit ihm nach München zu gehen. Seit 2001 gehört sie zum Ensemble der Münchner Kammerspiele. Dort steht sie heute Abend wieder als Prospero in Shakespeares “Der Sturm” auf der Bühne, das hat sie sich gewünscht. Sie sagt: “Das ist auch ein Danke an meinen Beruf.” Der Beruf hat Hildegard Schmahl immer Halt gegeben und sie durch die dunkelsten Phasen ihres Lebens getragen – und es gab in ihrem Leben viele solcher dunklen Phasen, Zeiten der Depression und des Schmerzes. Aber gerade, weil diese Schauspielerin so leidgeprüft und leiderfahren ist, haben ihre Figuren auch eine besondere, oft sehr abgründige Tiefe und, wie ich das nenne, eine gefährlich schimmernde Durchlässigkeit.

Das Foto entstand Ende Januar bei einem Gespräch mit Hildegard Schmahl im Kammerspiele-Restaurant “Conviva”, dem “Blauen Haus”. Es war ein sehr persönliches Gespräch, kein normales Interview. Das Porträt, das daraus entstanden ist, kann man in der aktuellen Wochenendausgabe der SZ nachlesen, im Feuilleton.

—————————– NACHTRAG ———————————-

Schmahl-Rosen

Das Geburtstagsfest für die Schauspielerin, am Samstagabend nach der “Sturm”-Vorstellung, war rauschend und sehr sehr rührend. Absolut liebevoll. Die Kammerspiele-Kollegen haben für Hildegard Schmahl, die sie “Hilli” nennen, ein selbst gedichtetes Lied gesungen (“Hilli”, nach der Melodie von “Sunny”) – wunderbar. Und sie haben ein unglaubliches Büffet hingezaubert, alles selbst gebacken und gekocht. Das scharfe Chili con Carne von André Jung zum Beispiel: ein Gedicht! Und dann all diese köstlichen Kuchen und Torten!

Die Schauspielerin Katja Bürkle las Geburtstagsgrüße von Regisseuren wie Jürgen Flimm, Stephan Kimmig und Jossi Wieler vor. Und auch Elfriede Jelinek hat für Hildegard Schmahl, die in ihrem Stück “Rechnitz” eine so funkelnd zwielichtige Botin spielt, einen Text geschrieben.

Hier die Worte von Elfriede Jelinek – ich habe mir die Genehmigung für die Veröffentlichung dieses sehr persönlichen Geburtstagsgrußes per E-Mail bei Frau Jelinek eingeholt. Und sie bekommen. Danke, liebe Elfriede Jelinek!

Die haben immer noch nicht genug, diese Frauen. Da kann eine siebzig Jahre alt werden, und sie hat dann immer noch nicht genug, und wir haben auch nicht genug von ihr, wir können gar nicht genug von ihr bekommen, nie, es wäre nie genug, das ginge gar nicht. Sie muss weiter sprechen, auch wenn ich vielleicht manchmal an ihr vorbeigesprochen haben mag, sie hat nie an mir vorbeigesprochen, sie hat genau mich angesprochen, obwohl ich kannte, was sie sagte, mich mit größter Genauigkeit angesprochen; sie spricht wie eine Nachtwandlerin, sie spricht wie eine Tagwandlerin, sie wandelt, was ich schreibe, in Sprechen, und das schon so lange. Ich bin ganz ergriffen von ihr, was für eine Abenteurerin des Sprechens, und das schon so lange!

Ich gestatte mir, irgendwas zu sagen, aber so wie sie es sagt, schon so lange sagt, verschwindet das alles hinter ihr und wird erst recht, viel mehr als ich das könnte, zu meinem Sagen und wird wieder unsagbar, obwohl es gesagt werden musste, dieses Hindernis überwindet sie mühelos, jedes Hindernis überwindet sie, es ist einfach schön, wie sie es sagt, auch wenn es schrecklich ist, es ist unsagbar schön. Ich freue mich über sie und gratuliere ihr herzlich. Sie wissen, wen ich meine, aber jetzt wieder an die Arbeit! Weiter im Text!

Hildegard Schmahl mit Familie: Tochter Hannah Rudolph (Regisseurin), Sohn Sebastian Rudolph (Schauspieler am Hamburger Thalia Theater) und Enkel Anton (Sohn von Sebastian Rudolph)

Hildegard Schmahl mit Familie: Tochter Hannah Rudolph (Regisseurin), Sohn Sebastian Rudolph (Schauspieler am Hamburger Thalia Theater) und Enkel Anton (Sohn von Sebastian Rudolph)

Als Zehnjährige hatte Hildegard Schmahl in einem Schulaufsatz geschrieben, was sie einmal werden möchte: “Schauspielerin, von allen geliebt und verehrt.” Wie schön, wenn sich ein Leben solchermaßen erfüllt.

05.02.10 | 19:25 | Kunstgeschehen | Kommentare 0 Kommentare

“Schön war´s!”

“Schön war´s!” – mit Anführungszeichen und Ausrufezeichen! – heißt der neue Bilderzyklus von Stefan Hunstein, seines Zeichens Schauspieler am Bayerischen Staatsschauspiel München, aber auch Fotokünstler, seit 1977 schon. “Schön war´s!”: Dieser Ausdruck heller oder vielleicht auch nur gewollter Begeisterung stand, handgeschrieben von deutschen Urlaubern, auf vielen der Postkarten aus den 50er und 60er Jahren, die Hunstein fleißig zusammengetragen hat. Er fand sie auf Flohmärkten, bei Haushaltsauflösungen, in privaten Archiven. Die markantesten, aussagekräftigsten dieser Ansichtskarten hat er abfotografiert und jener Manipulationstechnik unterzogen, mit der er bisher vor allem Originalfotos aus der Nazizeit verfremdete (so z.B. in seinen Bilderserien “Wen Gott lieb hat, lässt er fallen, ins Berchtesgad’ner Land”  oder “Blondi”).

Stefan Hunstein präsentiert eine scheinbar heile 50er-Jahre-Welt. (Foto: SZ / Robert Haas)

Stefan Hunstein präsentiert eine scheinbar heile 50er-Jahre-Welt. (Foto: SZ / Robert Haas)

Hunstein vergrößert, verzerrt und entschärft diese Fotos, koloriert sie teilweise nach, bearbeitet Details – und entstellt sie so zu neuer Kenntlichkeit. Es ist der Betrachtungsvorgang selbst, den er dabei hinterfragt; ihm geht es um den “zweiten Blick”. Was ist Wahrheit, was Progpaganda, Lüge, Erfindung? Durch seine Verunschärfungsmethoden zwingt Hunstein den Betrachter, das Bild mit dem eigenen Blick zu vervollständigen, Geschichte zu entdecken in den Geschichten.

In “Schön war`s” hat er nun die junge Bundesrepublik ins Visier genommen, die Zeit des Wirtschaftswunders und des wachsenden Wohlstands in den 50er und frühen 60er Jahren. Denn davon künden diese bildtechnisch manipulierten Ansichtskarten: von Aufbruch, Stolz, Neuanfang. Von Fortschrittseifer, architektonischen Nachkriegsleistungen (vieles einfach nur: Bausünden) und einer neuen Mobilität. Wir leisten uns was! Wir sind wieder wer! Wir können auch anders … (als Krieg zu führen)! Ordentliche Vorgärten, Geranien auf dem Balkon, vor dem Haus der VW-Käfer: Es ist das Kleinbürgerglück der Reihenhaushälfte, das hier seinen Ausdruck findet. Eine (scheinbar) heile Welt. Mit Pool und Tulpenrabatten.  Alles so sauber … alles so kleinkariert. Der Deutsche im Urlaub an der Ostsee oder im Harz. Die Städte protzen mit neuen Bahnhöfen und Einkaufszentren, man gibt und fühlt sich hochmodern. Schön war´s! Schön musste es einfach sein!!

Hauptbahnhof, München. Aus: "Schön war's!" 2007-2009 c) Stefan Hunstein

Hauptbahnhof, München. Aus: "Schön war's!" 2007-2009 c) Stefan Hunstein

100 Fotoarbeiten sind so entstanden, die zusammengenommen ein erhellendes Panorama ergeben: auf das Selbstempfinden und die Selbstdarstellung einer Republik, die sich gerade erst aus dem Trauma und den Trümmern des Krieges erhoben hat. Und die von diesem Krieg nichts mehr wissen will. “Die Ansichtskarte zeigt immer eine geschönte Seite”, sagt Hunstein. “Man erkennt da, wie reingemalt, die Vorstelleungsweise der Menschen. Das Traumatische bleibt völlig ausgeschaltet. Das ist wie eine Erzählung.”

Mein Reihenhaus, meine Hecke, mein Ziegeldach: "Schön war´s!" c) Stefan Hunstein

Mein Reihenhaus, meine Buxbaumhecke, mein Ziegeldach: "Schön war´s!" c) Stefan Hunstein

Gezeigt wurden die Bilder gestern in einer Kurzausstellung im Münchner Haus der Kunst: einen Abend lang – und jetzt sind sie schon wieder abgehängt. Der Museumsleiter Chris Dercon will das in Zukunft öfers so praktizieren: schnelle, kurze Ausstellungen, 1 Tag, 1 Nacht … hin und weg. Nach dem Motto: Immer schön flexibel bleiben! Muss ja nicht immer ein Blockbuster sein.

Der Andrang war trotzdem groß. Opel sponsorte Wein und Brot und hatte direkt vor dem Haus einen weißen Opel Kadett der Reihe A Limousine geparkt, Baujahr ´63.

Stefan Hunstein mit seiner Frau, der Schauspielerin Sophie von Kessel. Das von ihm verfremdete und vergrößerte Postkartenbild zeigt das Höhencafe Pension Schmeusser / Donzdorf.   (Foto: lok/ Robert Haas)

Stefan Hunstein mit seiner Frau, der Schauspielerin Sophie von Kessel. Das von ihm verfremdete und vergrößerte Postkartenbild zeigt das Höhencafe Pension Schmeusser / Donzdorf. (Foto: lok/ Robert Haas)

Vorgestellt wurde an dem Abend auch das gleichnamige Buch, das zu der Arbeit erschienen ist: “Schön war´s!” – Aus den frühen Jahren der Republik, herausgegeben von Petra Giloy-Hirtz im Verlag Hatje Cantz und von Hunstein selbst gestaltet. Der war an dem Abend zwar fiebrig krank und musste mit Penicillin hochgepäppelt werden, strahlte aber vor Glück.

Den Text “Es wird etwas geschehen” von Heinrich Böll, den er vorlesen wollte, hatte er vor Aufregung im Taxi liegen lassen. Er hat dann in Windeseile einen Auszug aus Thomas Bernhards Roman “Auslöschung” besorgt und dann eben den vorgelesen:

“Ich hasse Fotografie”, schimpft Bernhard darin in einer seiner üblichen Tiraden. Die Fotografie sei eine “niederträchtige Leidenschaft”, eine “Krankheit”, eine “perverse Verzerrung der Welt”, kurz: “das größte Unglück des 20. Jahrhunderts”. Sehr lustig. Man kann das natürlich auch anders sehen. Zumindest auf den “zweiten Blick”.

03.02.10 | 18:00 | Geht gar nicht | Kino | Kritikerfrust | Kommentare 0 Kommentare

Aus der virtuellen Schreckenskammer

Ist das

wirklich schlimmer als das?

Roberto Benigni als hysterisch quasselnder Pinocchio -- das ist wirklich grauenhaft, und steht nicht mal auf der Liste: Das britische Filmmagazin Empire hat über die fünzfig schlechtesten Filme aller Zeiten abstimmen lassen, “The 50 worst movies ever made”. Und es ist natürlich irgendwie klar, was dabei herauskommt: Über Geschmack lässt sich nicht streiten, oder doch wenigstens nur unter Alkoholeinfluss. Dass Paul Verhoevens “Showgirls” (Platz 48) da hineinfindet, ist keine Überraschung -- man braucht schon ein großes Herz für Trash, um den zu mögen. Jaja, “Gigli” (Platz 19) und das unvergessliche Madonna-Guy-Ritchie-Debakel “Swept Away” (Platz 20), was natürlich in Wirklichkeit ein Dokument reiner, wenn auch endlicher Liebe ist -- Madonna hätte jeden Clip-Regisseur, der sie so alt aussehen lässt, enthaupten lassen. Aber wer “Batman und Robin” (Platz 1) -- das ist der fürchterliche Clooney-Batman mit den schlechten Psycho-Einlagen -- für den schlechtesten Film aller Zeiten hält, war einfach nicht oft genug im Kino.
Und “Heaven´s Gate” (Platz 6) hat auf einer solchen Liste einfach nichts verloren. Hier das ganze Ding.

02.02.10 | 19:50 | Harte Realitäten | Theater | Kommentare 2 Kommentare

Quelle des Übels, Quelle des Glücks

Der letzte seiner Art: Quellekatalog Herbst/Winter 2009/10 (Foto: cd)

Der letzte seiner Art: Quellekatalog Herbst/Winter 2009/10 (Foto: cd)

Aus. Vorbei. Geschichte. Die Firma Quelle ist nicht mehr. Tausende haben ihren Arbeitsplatz verloren, davon viele ihre ganze Existenzgrundlage. Neun dieser “Ehemaligen” sind gestern im Stadttheater Fürth auf die Bühne getreten, um vom Erfolg, Niedergang und dem plötzlichen Aus ihrer Firma und damit von sich selbst zu erzählen: in Liedern, Geschichten, Märchen, Gedichten und in ganz persönlichen Erfahrungsberichten (siehe auch meinen Artikel im SZ-Feuilleton in der Printausgabe vom 3. Februar).

“Die Menschen von Primondo und Quelle” hieß dieser Bürgertheaterabend, der einem Trauer- und Gedenkgottesdienst glich -- mit all den emotionalen Ups and Downs, den so eine Abschlussveranstaltung hat. Selige Erinnerung, Trauer, Freude, Stolz: “Man hielt zusammen wie in einer richtigen Familie. Man lebte von und für die Quelle.” Der Blick nach vorn. Selbst auferlegte Hoffnung, trotzige Zuversicht, neue Pläne: “Ich vertraue auf meine Stärke” -- “Vielleicht geht was in Richtung Werbung …” Aber auch eine große Wut brach sich da Bahn und wurde ausgelassen an den letzten Quellekatalogen, die sich auf der Bühne stapelten. Der Slogan auf der Titelseite wirkt im Nachhinein wie ein Hohn: “Tausend Wünsche. Eine Quelle.” Die Gültigkeit des Kataloges, dieses letzten seiner Art, ist mit dem 31.01.2010 abgelaufen -- so wie auch der Arbeitsvertrag des IT-Spezialisten Winfried Lernet (Quelle Itellium), der auf der Bühne seinen ersten Tag als Arbeitsloser mit Gongschlägen einläutete und mit Klangschalen wimmernde, meditative Töne erzeugte. Statt selber zu reden, zeigte er seine persönliche Art der Aufarbeitung als Powerpointpräsentation:

“Was nehme ich aus der Zeit bei Quelle und Itellium mit? -- Verbundenheit mit der Quelle. Engagement für die Quelle. Zielgerichtete Zusammenarbeit. Wertschätzung der Kolleginnen / der Arbeit.”

Zur Einstimmung auf den Abend gab es einen Film, der die Geschichte der Quelle vom blühenden Versandhandelsunternehmen über die zuletzt gestorbene Hoffnung bis hin zum Ausverkauf an den Wühltischen kurz und gefühlsbündig zusammenfasst:

Später wurde die Leinwand dann für andere Einblendungen freigegeben: Fotos aus dem täglichen Arbeitsleben, Gruppenbilder, Mitarbeiter- und Umsatzzahlen. Lautes Gelächter im Publikum, als ein riesiges Schwarz-Weiß-Foto von Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz erscheint. Daneben zu lesen:  “Ich muss beim Discounter kaufen und in der Pizzeria um die Ecke essen, denn mein 3 Mrd.-Euro-Aktienpaket ist nur noch 27 Mio Euro wert.” Folgt eine lange Betonkopf-Galerie all der Topmanager, die das Unternehmen von 1983 bis 2009 auf Vordermann bringen sollten. “Es war ein endloser Kreislauf, von einer Idee zur nächsten Vision”, erzählt Lisa Hallmeier aus der Quelle-Markenkommunikation in ihrem ziemlich lustigen Vortrag über die ewige “Baustelle Quelle”:  “Manager kamen und gingen und mit ihnen die Ideen und Konzepte.”

Monika Follmer, Disposition Einkauf / Abteilung Kinderkonfektion, erzählt ihre persönliche Quelle-Geschichte als ein Märchen, das in Erfüllung ging: Es handelt von einem jungen Mädchen aus einem kleinen rumänischen Dorf, das beim Durchblättern ihres ersten Quellekatalogs wahre Glücksgefühle erlebte. So musste das Schlaraffenland aussehen! Als sie dann vor 19 Jahren selber zu dem Unternehmen kam, empfand sie das als “eine große Ehre”.

Während die Einkäuferin Follmer verträumt im Quellekatalog blättert, haut Beatrix Zensner die Exemplare wütend auf den Boden und lässt all ihren Zorn und Frust daran aus. Sie war Callcenter-Mitarbeiterin und Betriebsrätin bei Quelle und erzählt mit Wut in der Stimme von ihrem aussichtslosen Kampf: “Nachts habe ich geheult und geschrien … habe dann gelernt, darüber zu reden, mitzureden, habe mich an ignoranten Wänden kalt geschlagen, bin an der Ohnmächtigkeit und der auferlegten Verantwortung beinahe zugrunde gegangen.” Sie sei auch ein Opfer: “ein Opfer von Druck und Ausbeutung und mangelnder Anerkennung”.

Ehemalige Quelle-Mitarbeiter lassen ihre Wut raus ... und am Katalog aus.  (Foto: ddp)

Ehemalige Quelle-Mitarbeiter lassen ihre Wut raus ... und am Katalog aus. (Foto: ddp)

Musikalisch begleitet wurde der Abend kritisch-lyrisch-traurig-trotzig von dem fränkischen Trio B3B1B (“Bach drei Barden eine Band”). Zwei der Bandmitglieder, der Sänger und Texter Armin Bachhuber und Bassist Stefan Kugler, waren selber bei der Quelle beschäftigt. Sie haben drei Lieder eigens für die Quellianer geschrieben: “Ich bin”, “Der lange Weg” und “Leistung lohnt sich wieder”.

Hier ein Auszug aus dem “Ich bin”-Song:

Der Herr Vorstand hat gemeint / er hätt gestern fast geweint / und es tät ihm furchtbar leid / liebe Leut / die Firma hat sich heut / von euch befreit / keine andre Möglichkeit / der Markt ist halt noch nicht so weit / der Schaden ist kollateral / nicht fatal / das Gesicht, das dieses spricht / ist so banal …

Und der Refrain:

Denn ich bin noch nicht tot / Ich bin noch am Lebn / Ich bin nicht tot / Ich werd nicht aufgebn / Denn ich bin / Ich bin / Ich bin nicht kleinzukriegen

Am Ende formierten sich alle 13 Darsteller (vier davon waren Schauspieler) zu einem antiken Schlusschor und skandierten einen Text,  den der Fürther Schriftsteller Ewald Arenz für sie geschrieben hat: eine Stillstandsbeschreibung im griechischen Versmaß. Über Schreibtische, die leer geräumt, Schränke, die ein letztes Mal geöffnet werden, Staub, der sich festsetzt -- “und nichts kann mehr glitzern in diesen Tagen”. Am Ende aber heißt es:

“Nicht mit gesenktem Kopf / kann man leben / Erhobenen Blicks erst / sieht man das Licht”

Bewegte Gesichter. Standing Ovations. Das Leben wird weitergehen. Es muss.


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