Heute feiert die wunderbare Schauspielerin Hildegard Schmahl ihren 70. Geburtstag.
Herzlichen Glückwunsch!

Hildegard Schmahl ist ein Nordlicht – eigentlich ist Hamburg ihre Stadt. Dort ist sie, als Flüchtlingskind aus Pommern, in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen. Dort hatte sie, Ende der 50er Jahre, ihr erstes Engagement am Thalia Theater, wo sie als Aschenputtel debütierte. Dort war sie dann (nach Engagements in Bochum und Berlin) Anfang der Achtziger am Deutschen Schauspielhaus – mit ihrem damaligen Mann, dem Regisseur und Intendanten Niels-Peter Rudolph. Nach einer Auszeit in Rom und einigen Jahren bei George Tabori in dessen Wiener Theater “Der Kreis” ging sie 1990 wieder nach Hamburg ans Thalia, diesmal unter der Intendanz von Jürgen Flimm.
Der Intendant Frank Baumbauer hat die Schauspielerin schließlich überredet, mit ihm nach München zu gehen. Seit 2001 gehört sie zum Ensemble der Münchner Kammerspiele. Dort steht sie heute Abend wieder als Prospero in Shakespeares “Der Sturm” auf der Bühne, das hat sie sich gewünscht. Sie sagt: “Das ist auch ein Danke an meinen Beruf.” Der Beruf hat Hildegard Schmahl immer Halt gegeben und sie durch die dunkelsten Phasen ihres Lebens getragen – und es gab in ihrem Leben viele solcher dunklen Phasen, Zeiten der Depression und des Schmerzes. Aber gerade, weil diese Schauspielerin so leidgeprüft und leiderfahren ist, haben ihre Figuren auch eine besondere, oft sehr abgründige Tiefe und, wie ich das nenne, eine gefährlich schimmernde Durchlässigkeit.
Das Foto entstand Ende Januar bei einem Gespräch mit Hildegard Schmahl im Kammerspiele-Restaurant “Conviva”, dem “Blauen Haus”. Es war ein sehr persönliches Gespräch, kein normales Interview. Das Porträt, das daraus entstanden ist, kann man in der aktuellen Wochenendausgabe der SZ nachlesen, im Feuilleton.
—————————– NACHTRAG ———————————-

Das Geburtstagsfest für die Schauspielerin, am Samstagabend nach der “Sturm”-Vorstellung, war rauschend und sehr sehr rührend. Absolut liebevoll. Die Kammerspiele-Kollegen haben für Hildegard Schmahl, die sie “Hilli” nennen, ein selbst gedichtetes Lied gesungen (“Hilli”, nach der Melodie von “Sunny”) – wunderbar. Und sie haben ein unglaubliches Büffet hingezaubert, alles selbst gebacken und gekocht. Das scharfe Chili con Carne von André Jung zum Beispiel: ein Gedicht! Und dann all diese köstlichen Kuchen und Torten!
Die Schauspielerin Katja Bürkle las Geburtstagsgrüße von Regisseuren wie Jürgen Flimm, Stephan Kimmig und Jossi Wieler vor. Und auch Elfriede Jelinek hat für Hildegard Schmahl, die in ihrem Stück “Rechnitz” eine so funkelnd zwielichtige Botin spielt, einen Text geschrieben.
Hier die Worte von Elfriede Jelinek – ich habe mir die Genehmigung für die Veröffentlichung dieses sehr persönlichen Geburtstagsgrußes per E-Mail bei Frau Jelinek eingeholt. Und sie bekommen. Danke, liebe Elfriede Jelinek!
Die haben immer noch nicht genug, diese Frauen. Da kann eine siebzig Jahre alt werden, und sie hat dann immer noch nicht genug, und wir haben auch nicht genug von ihr, wir können gar nicht genug von ihr bekommen, nie, es wäre nie genug, das ginge gar nicht. Sie muss weiter sprechen, auch wenn ich vielleicht manchmal an ihr vorbeigesprochen haben mag, sie hat nie an mir vorbeigesprochen, sie hat genau mich angesprochen, obwohl ich kannte, was sie sagte, mich mit größter Genauigkeit angesprochen; sie spricht wie eine Nachtwandlerin, sie spricht wie eine Tagwandlerin, sie wandelt, was ich schreibe, in Sprechen, und das schon so lange. Ich bin ganz ergriffen von ihr, was für eine Abenteurerin des Sprechens, und das schon so lange!
Ich gestatte mir, irgendwas zu sagen, aber so wie sie es sagt, schon so lange sagt, verschwindet das alles hinter ihr und wird erst recht, viel mehr als ich das könnte, zu meinem Sagen und wird wieder unsagbar, obwohl es gesagt werden musste, dieses Hindernis überwindet sie mühelos, jedes Hindernis überwindet sie, es ist einfach schön, wie sie es sagt, auch wenn es schrecklich ist, es ist unsagbar schön. Ich freue mich über sie und gratuliere ihr herzlich. Sie wissen, wen ich meine, aber jetzt wieder an die Arbeit! Weiter im Text!

Hildegard Schmahl mit Familie: Tochter Hannah Rudolph (Regisseurin), Sohn Sebastian Rudolph (Schauspieler am Hamburger Thalia Theater) und Enkel Anton (Sohn von Sebastian Rudolph)
Als Zehnjährige hatte Hildegard Schmahl in einem Schulaufsatz geschrieben, was sie einmal werden möchte: “Schauspielerin, von allen geliebt und verehrt.” Wie schön, wenn sich ein Leben solchermaßen erfüllt.