Berlinale (3): Umjubelte Weltpremieren, überall
Zu den Rätseln des Festivalalltag gehört die Wahrnehmung, gehören die Wahrnehmungsverschiebungen der Menschen, die in die Filme, die dort laufen, ihr Herzblut gesteckt haben – oder doch wenigstens ihr Geld. Nun ist das Publikum in den Galas oft großzügiger als das Fachpublikum, das den Film ein paar Stunden vorher gesehen hat, besonders jener Teil des Publikums, der für die Karten stundenlang angestanden hat. Man wundert sich, wenn man als Kritiker mal die Seiten wechselt und in der Gala sitzt, hinterher oft, was einem in Nachhinein als “tosender Applaus” beschrieben wird. Wirklich gern dabei gewesen wäre ich bei der Vorführung von “Jud Süß” am Abend – mittags wurde er vom Fachpublikum kräftig ausgebuht. Die Reaktion des Galapublikums beschreibt offensichtlich jeder anders: Verhalten, sagen die einen. Einiges an Applaus, sagen die anderen. Der Verleih sagt jedenfalls: Bejubelt!!
In Venedig, bei der Mostra, gibt es ein ganz eigenartiges Phänomen: Man kann in der Sala Grande, in der die Galavorstellungen laufen, die Schauspieler und Regisseure, die zur Vorführung kommen, nicht sehen – weswegen auch Filme, die so richtig böse durchgefallen sind, in der Erinnerung ihrer Schöpfer gern mit einer stehenden Ovation gefeiert wurden.
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