24.02.10 | 17:49 | Dichtung & Wahrheit | Kommentare 5 Kommentare

Zwei Frühlings-Haikus

Die Pflege der japanischen Gedichtform ist Ehrensache in diesem lyrikaffinen Blog und hat auch schon einen kleinen Fankreis. Dazu gehört mein geschätzter Landsmann, der fränkische Dichter Fitzgerald Kusz. Heute mailte er zwei Frühlings-Haikus, extra für diesen Blog. Es sei dies “der Versuch einer lyrischen Winteraustreibung”. Danke, lieber Fitzgerald Kusz! Auch ich habe die Schnauze voll vom Winter und habe heute früh schon mal die Radl-Saison eröffnet.


hobb frühlingswind blous

bis wech senn däi aldn

bläddä vom vägangänä joä

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21.02.10 | 22:07 | Dies & das | Festivals | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Berlinale (3): Umjubelte Weltpremieren, überall

Zu den Rätseln des Festivalalltag gehört die Wahrnehmung, gehören die Wahrnehmungsverschiebungen der Menschen, die in die Filme, die dort laufen, ihr Herzblut gesteckt haben – oder doch wenigstens ihr Geld. Nun ist das Publikum in den Galas oft großzügiger als das Fachpublikum, das den Film ein paar Stunden vorher gesehen hat, besonders jener Teil des Publikums, der für die Karten stundenlang angestanden hat. Man wundert sich, wenn man als Kritiker mal die Seiten wechselt und in der Gala sitzt, hinterher oft, was einem in Nachhinein als “tosender Applaus” beschrieben wird. Wirklich gern dabei gewesen wäre ich bei der Vorführung von “Jud Süß” am Abend – mittags wurde er vom Fachpublikum kräftig ausgebuht. Die Reaktion des Galapublikums beschreibt offensichtlich jeder anders: Verhalten, sagen die einen. Einiges an Applaus, sagen die anderen. Der Verleih sagt jedenfalls: Bejubelt!!
In Venedig, bei der Mostra, gibt es ein ganz eigenartiges Phänomen: Man kann in der Sala Grande, in der die Galavorstellungen laufen, die Schauspieler und Regisseure, die zur Vorführung kommen, nicht sehen – weswegen auch Filme, die so richtig böse durchgefallen sind, in der Erinnerung ihrer Schöpfer gern mit einer stehenden Ovation gefeiert wurden.

19.02.10 | 14:14 | Kulinarik | Musikalitäten | Publikationen | Kommentare 0 Kommentare

Das neue “Max Joseph”: Pfui Teufel!

Huuuh …. sieht es heutzutage so aus, das Böse? Ja, an der Bayerischen Staatsoper schon …

Maxjoseph

… zumindest auf und in der neuen Ausgabe des hauseigenen Magazins “Max Joseph”, benannt nach dem Ort des Geschehens (die Staatsopern-Adresse lautet: Max-Joseph-Platz 2). Erinnert irgendwie an Heath Ledger, dieses Doppelheft-Monster – und es verbergen sich ja auch zwei richtige Joker dahinter: der ungarische Komponist und Dirigent Peter Eötvös (links) und der Münchner Dichter Albert Ostermaier. Am kommenden Montag, 22. Februar, feiert im Münchner Nationaltheater ihre Oper “Die Tragödie des Teufels” Uraufführung. Darin betritt der Teufel des 21. Jahrhunderts die Bühne, und man darf gespannt sein, welcher Gestalt er sein wird.

Albert Ostermaier ließ sich für sein Libretto von Imre Madáchs “Die Tragödie des Menschen” inspirieren, das ist so etwas wie der ungarische “Faust”. Peter Eötvös, der den Text vertont hat, zählt als Komponist und Dirigent zu den wichtigsten Musikern unserer Zeit.  Seine Bühnenwerke wie “Drei Schwestern”, “Angels in America” und jüngst “Love and other demons” werden weltweit erfolgreich aufgeführt. Den Ruhm merkt man diesem bescheiden auftretenden, freundlich zurückhaltenden Mann gar nicht an. Alle, die ihn kennen, loben ihn als einen unglaublich sympathischen, charmanten, kenntnisreichen und rhetorisch gewandten Künstler, der tatsächlich über Musik reden, Musik erklären, musikalische Vorgänge verständlich machen könne. Und den man, wie ein Kritikerkollege sagte, als Mensch einfach “liebhaben” müsse.

Ich habe bei der Präsentation des neuen Opernhefts leider nicht mit ihm gesprochen, sondern nur oben stehendes Foto gemacht, das jetzt mal aufgedeckt werden muss:

Eötvös-Ostermaier

Das neue “Max Joseph” – es ist die dritte Ausgabe unter der Chefredaktion der stilsicheren Anne Urbauer (vormals “Liebling”) – hat den Teufel gleich zum Titelhelden gemacht. Es sind satanische Hefte, “Pfui Teufel!” steht darauf – ironischer Kommentar zu den Geschmackssachen im Inneren. Etwa zu der Fotostrecke von Philipp Lachenmann, die in hochästhetischen Aufnahmen edel-, nein: ekel-kulinarische Schweinereien wie Kutteln, Kalbsfuß oder Lammhirn zeigt. Der Kinokritiker Georg Seeßlen schreibt über die Faszination des Satans im Film, und zehn Münchner sagen, wen oder was sie zum Teufel wünschen (zum Beispiel DJ Hell: “Vielfliegerei!” Oder Chris Dercon vom Haus der Kunst: “Flashmobs und Leute, die sich bei Massenveranstaltungen entmündigen lassen”). Und der Teufelsdichter Albert Ostermaier führt in dem Heft erstmals selber ein Interview: mit dem Torhelden Oliver Kahn, dem Ostermaier als Torwart der Autoren-Nationalmannschaft immer schon nachgeeifert hat. Sie sprechen über die Oper, über den Transfermarkt, über Helden und Dämonen. Und Andreas Mühe, Sohn des verstorbenen Schauspielers Ulrich Mühe, hat – wie ein heimlicher Beobachter aus dem Wald heraus – ein sehr schönes Foto von den beiden in dunklen Outdoor-Jacken am Ufer eines Kanals gemacht (neben einem Schild: “Vorsicht Lebensgefahr!”).

"Max Joseph"-Chefredakteurin Anne Urbauer

"Max Joseph"-Chefredakteurin Anne Urbauer

Es ist jedenfalls – wieder – ein sehr schönes Heft geworden, hochwertig in der Aufmachung, toller Look, stringentes Konzept, interessante Autoren (so schreibt zum Beispiel der Kulturwissenschaftler Robert Pfaller über “Das Gute am Schlechten”: Alles, was uns Freude mache und amüsiere, entstehe durch die feierliche Umwandlung von etwas Verwerflichem zu etwas Genüsslichem).

Vorgestellt wurde das Magazin gestern bei einem “Presse-Cocktail” im Münchner Hotel Louis, diesem wunderbaren neuen Stadthotel der Wirte Kull & Weinzierl mit Blick auf den Viktualienmarkt. Das dazugehörige japanische Restaurant Emiko (hervorragende Küche in drei Kategorien: japanische Haute Cuisine, Sushi/ Sashimi, Steaks) lieferte die Häppchen bei dem Empfang. Was soll ich sagen … köstlich!

Ja, ja, die Oper hat sich da nicht lumpen lassen. Und es gab auch schon eine Kostprobe aus der “Tragödie des Teufels”: Georg Nigl, Darsteller des Luzifers, sang “Luzifers Lied”. Darin heißt es:

“Ich habe einen Schnupfen/ Ich hab mich an der Welt erkältet / und ich träume mir die Welt in Kälte …”

"Ich habe einen Schnupfen": Georg Nigl singt im Hotel Louis schon mal "Luzifers Lied"

"Ich habe einen Schnupfen": Georg Nigl singt im Hotel Louis schon mal "Luzifers Lied"

Opernintendant Klaus Bachler (früher Direktor des Wiener Burgtheaters) scheint sehr stolz zu sein auf seine Teufelsoper und betonte, wie selten solche Uraufführungen – wirklich große Auftragswerke für neue Opern – im Bereich Musiktheater sind.

Opernintendant Klaus Bachler (links) mit Chris Dercon, der das Münchner Haus der Kunst leitet

Opernintendant Klaus Bachler (links) mit Chris Dercon, der das Münchner Haus der Kunst leitet

Die Spannung ist jedenfalls groß. Aber man weiß ja: Der Teufel steckt im Detail … und das sehen wir dann am Montag.

16.02.10 | 23:00 | Fernsehkultur | Musikalitäten | Kommentare 5 Kommentare

Lena nach Oslo!

Habe gerade auf Pro Sieben -- in grober Missachtung meines mir heute selbst auferlegten Fernsehverbots -- in Stefan Raabs Castingshow “Unser Star für Oslo” reingezappt. Und da bin ich auf ein absolut bezauberndes Wesen namens Lena Meyer-Landrut gestoßen, mit süßem Mini-Hängerchen und hochgesteckten Haaren -- eine Mischung aus Audrey Hepburn, Nora Tschirner, bisschen Björk und was sehr Eigenem. Mag sein, dass schon alle von ihr reden und nur ich wieder nichts mitbekommen habe. Jedenfalls haben mich der Song, mit dem die 18-Jährige auftrat, und ihre eigenwillig-charmante, angenehm DSDS-untypische Performance/ Erscheinung/ Interpretation spontan begeistert: “Diamond Dave” von The Bird and The Bee. Kannte ich überhaupt nicht … gleich bei YouTube gesucht. Zu hören hier:

P.S.: Ich habe erstmals bei so einer Castingshow eine sms geschickt: an die Nummer 40400. Mit dem Buchstaben “I” -- “I” stand für Lena!

16.02.10 | 16:35 | Festivals | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Berlinale (2): Das Kino lebt

Das Kino, wird gern behauptet, sei eine tote Kunst – einmal auf Film gebannt, verändert sich nichts mehr. Das stimmt nicht, man sieht Dinge mit immer neuen Augen. Zu meinen persönlichen Lieblingsterminen auf der diesjährigen Berlinale gehörte die Aufführung von “Mary Reilly” von Stephen Frears in der Retrospektive Play it again, in der Filme aus sechzig Jahren Berlinale laufen, ausgewählt vom Filmhistoriker David Thomson. Dass er sich auf “Mary Reilly” kapriziert hat, konnte nicht einmal Stephen Frears verstehen. Eine “Mary Reilly”-Szene, die mir beim Wiedersehen besonders gut gefallen hat: wie Mary Dr. Jekyll erzählt, wie ihr Vater ihr die Narben beigebracht hat, und Jekyll wissen will, warum sie ihren Vater nicht hasst. Das hat einem Kollegen, der “Mary”, wie so viele, in schlechter Erinnerung hat, schon als Erzählung gefallen. Es war damals einfach so: Vor 14 Jahren galt Julia Roberts als hübsche, schlechte Schauspielerin, und keiner hat verstanden, was Stephen Frears eingefallen ist, sie in so einer Rolle zu besetzen und dann auch noch ungeschminkt zu filmen – von heute aus betrachtet, muss man sagen: wie weise. Und die vorsichtigen Special Effects sind – hey, wir haben inzwischen alles Mögliche gesehen, von “Herr der Ringe” bis “Transformers!” – ungemein … diskret.

15.02.10 | 23:37 | Festivals | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Berlinale (1): Ich ruf mir ein Tiertaxi

Das zweitgrößte Rätsel der Berlinale, was genau sich Martin Scorsese bei “Shutter Island” gedacht hat, bleibt ungelöst. Aber das größte ist endlich aufgeklärt. Am Freitag, zu Beginn des Festivals, wurde die neue Restaurierung von “Metropolis”, nun fast wieder ganz in der Premierenfassung von 1927 zu haben, im Friedrichsstadtpalast vorgestellt, und via Arte auch überall sonst. Nur hat überall sonst etwas gefehlt: erstens das 78köpfige Live-Orchester, sowas gibt´s nicht alle Tage – wäre die Frage, wie oft Gottfried Huppertz´Originalmusik seit 1927 überhaupt je in voller Besetzung gespielt wurde. Und dann war da noch was: Bei den vorab gezeigten Geburtstagskurzfilmen für die 60. Filmfestspiele erschienen im Friedrichsstadtpalast eigenartig losgelöste Untertitel. In diesen Filmen lobt Armin Rohde die Berlinale und Tilda Swinton versucht, sechzig Mal “Happy birthday” zu sagen, und drunter standen merkwürdige Zeilen zu lesen: “Die kenn ich doch gar nicht”, “Sollen wir uns das Bier teilen?”, “Ich ruf mir jetzt ein Tiertaxi”.
Tiertaxi?
Ich dachte schon, ich werde bis zu meinem Lebensende drüber grübeln müssen, in welchem Film wohl ein Tiertaxi vorkommt, aber ich habe ihn inzwischen gefunden: Ben Stiller teilt sich in ´Greenberg` ein Bier und ruft sich ein Tiertaxi. Der Film läuft im Wettbewerb der Berlinale; da gehört er zwar nicht hin, aber ich bin trotzdem froh, dass die Sache geklärt ist.

13.02.10 | 16:41 | Dichtung & Wahrheit | Literatur | Publikationen | Kommentare 0 Kommentare

Helene Hegemann und der Schattenmann

Mein SZ-Kollege Thorsten Schmitz hat den Blogger Airen besucht, nachzulesen im Feuilleton der aktuellen Printausgabe (“Der Schattenmann”) und hier. Airen bleibt nach wie vor anonym. Sein aus seinem Blog hervorgegangenes Buch “Strobo”, aus dem Helene Hegemann ohne irgendwelche Verweise abgeschrieben hat, ist inzwischen vergriffen. Es ist in einer Auflage von nur 300 Exemplaren in dem kleinen Underground-Verlag Sukultur erschienen. Wäre nicht Hegemanns Plagiat aufgeflogen, hätte wohl kaum jemand davon Notiz genommen.

Dass Airen jetzt ein Stück des Kuchens abkriegt, wäre ihm schwer zu wünschen. Die Grundzutaten stammen schließlich von ihm, auch wenn ganz andere den Erfolg gebacken haben. Mit dem Ullstein-Verlag, in dem Helene Hegemanns “Axolotl Roadkill” erschien, wurde vereinbart, dass in künftigen Ausgaben jene Passagen erwähnt werden, die aus “Strobo” stammen. Angeblich will Ullstein dem Sukultur-Verlag auch eine kleine vierstellige Summe zahlen und von Herbst an “Strobo” in Lizenz als Taschenbuch herausgeben. Airen selbst darf über das Abkommen nicht reden. Über Hegemann, deren Buch er gut findet, sagt er: “Ich bin nicht sauer, dass sie von mir kopiert hat. Aber zu sagen, Kopieren sei ein Remix, ist nicht fair.”

Thorsten Schmitz´ Besuch bei Airen, findet an jenem Donnerstag statt, an dem Helene Hegemann in der Show von Harald Schmidt auftritt (siehe meinen vorherigen Blog-Eintrag). Airen sitzt vor dem Fernseher und sieht, wie er von Schmidt als der eigentliche Plagiator durch den Kakao gezogen wird. Sein Kommentar: “Was ist denn das für ein Scheiß!” Es gilt auch hier die alte Spruchweisheit: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen … Unfair? Aber ja! Airen moniert auch zurecht, dass Harald Schmidt das Buch von Hegemann mehrmals in die Kamera gehalten hat “und meines überhaupt nicht”. Und auch Hegemann hat seinen Namen wieder mal nicht erwähnt.

Die einen steh´n im Dunkeln, die andern steh´n im Licht, und man ehrt nur die im Lichte, die im Dunkeln ehrt man nicht … (Geklaut von Brecht und leicht abgewandelt.) Ist nun mal so. Auch wenn es hier gerade das Berghain-Dunkle ist, was da im Scheinwerferspot des Literaturbetriebs so gefeiert wird. Und die strahlende Jugend der Autorin natürlich. Unter dem Pseudonym Axel Lottel nimmt sich heute in einem Text in der Frankfurter Rundschau “ein prominenter Literaturkritiker, der namentlich nicht genannt werden möchte” (warum eigentlich nicht?), die unglückliche Rolle der Kritik in dieser Sache vor. Er schreibt:

“Hegemann ist denn auch gar nicht das Problem. Das Problem ist die Kritik. Der Literaturbetrieb zeigt sich in der gesamten Affäre in neuer Deutlichkeit. Der Literaturbetrieb, das ist das Peinliche, an das niemand rühren möchte, ist seinen eigenen Fiktionen aufgesessen. Der Literaturbetrieb hat sich eine junge Autorin einverleibt, die genau die Anforderungen erfüllte, von denen der Betrieb träumt.”

Zu der Frage übrigens, welche Rolle Papa Hegemann bei der Erfolgsgeschichte seiner Tochter spielt, muss man ganz klar sagen: selbstverständlich eine große. Professor Carl Hegemann, einst Chef-Ideologe an Castorfs Berliner Volksbühne, ist in der Theater-, Literatur- und Kunstszene super vernetzt und geschätzt. Und natürlich hat er seiner Tochter nicht nur für ihr Buch und dessen Besprechung zu wertvollen Kontakten verholfen, sondern ihr als Vater immer schon ein intellektuelles, künstlerisch-kreatives Umfeld und den damit zusammenhängenden Erfahrungs- und Wissensschatz geboten. Darauf mag neidisch sein, wer mag. Aber das kann man der davon profitierenden Tochter nun wirklich nicht vorwerfen.

Ich habe Helene Hegemann im März letzten Jahres am Wiener Burgtheater bei der Premiere von Schlingensiefs “Mea Culpa” kennen gelernt. Carl Hegemann war der Dramaturg der Produktion und hat seine Tochter damals allen möglichen Leuten vorgestellt: als 16-Jährige, die gerade einen tollen Film gemacht habe (“Torpedo”). Carl Hegemann schwärmte so begeistert davon, und andere, die den Film oder zumindest die begabte Tochter schon kannten, stimmten so bedeutsam raunend ein, dass ich mir das sogar auf einem Zettel notierte: Helene Hegemann “Torpedo”. Ich muss den Zettel dann verloren haben, jedenfalls vergaß ich die Begegnung – erst durch ihr Buch und die ganze Publicity stieß ich wieder auf das “Wunderkind” Hegemann.

Das Mädchen hat zweifellos eine Begabung, wenn auch nicht gerade zur Ehrlichkeit. Aber sie hat ja noch viel Zeit, sich zu entwickeln: als eigenständige Literatin wie als Mensch.

12.02.10 | 13:15 | Dichtung & Wahrheit | Fernsehkultur | Literatur | Kommentare 20 Kommentare

Helene Hegemann bei Harald Schmidt

Das Copy & Paste-Genie Helene Hegemann war gestern bei Harald Schmidt (siehe “Eine kleine Nachtkritik” von Ruth Schneeberger). Hab´s leider verpasst, weil ich im Real Life unterwegs war. Aber man konnte es ja nachsehen auf der Website des Ersten. (Meistens gibt´s von den Gastauftritten ein Extra-Video. Hier nicht. Man muss die ganze Sendung aufrufen -- und dann vorspulen auf 31:15, da beginnt der Hegemann-Auftritt. Hier der Link -- das Video ist  leider nur bis zum 26. Februar verfügbar.)

Inzwischen kann man den Auftritt bei YouTube sehen, aufgeteilt auf zwei Videos:

Lustig -- nein, eigentlich doch eher peinlich, wie onkelhaft sich Harald Schmidt an die 17-Jährige ranschmeißt. Mit so einer altväterlichen, hyperaffirmativen Bewunderung und Ergebenheit (“Bist Du wirklich erst siebzehn?????”, fünf Fragezeichen in der säuselnden Stimme) … iiieh! Diese anbiedernde Lobhudelei. Und dazu dieser Teddybärblick! (Wahrscheinlich hat er die Tochter nur in die Sendung gekriegt, indem er Papa Hegemann, dem Dramaturgie-Intellektuellen,  absolute Freundlichkeit und Jugendschutz garantierte). Immer wieder nennt er Hegemann “sehr intelligent, sehr eloquent”, eine “extrem eloquente, sehr wache junge Frau” (Sie, geschmeichelt: “Findest du?”). Ja, findet er. Und er findet es auch “total sympathisch, wie du dich präsentierst”. Er schilt mit semidramatischer Übertreibung die Medien (“schlimm!”), und ob er mal sagen solle, wie er, Schmidt, “die Situation” einschätze? Nämlich so: Die “Literatur-Mafia” (sic!) brauche “dringend eine Nachfolgerin für Charlotte Roche, medientechnisch”. Als Helene Hegemann später sagt, sie sei so aufgeregt, witzelt Schmidt: “Du kannst froh sein, dass Du nicht bei Wetten dass bist, da würde der Moderator schon auf dir sitzen!” Ha ha, dabei sitzt er doch selber schon bei Hegemann auf dem Schoß, medientechnisch.

Helene Hegemann  (Foto: dpa)

Helene Hegemann (Foto: dpa)

Die betont forsche Helene ist indes sichtlich um ihr Erscheinungsbild bemüht. Rechts neben ihr scheint sich ein Monitor zu befinden, in dem sie sich selber sieht. In den blickt sie immer wieder wie in einen Spiegel und nestelt ständig an ihrem (betont ungekämmten) Haar rum -- das heißt: wenn sie nicht gerade (betont burschikos) die Arme in die Hüften stemmt. Schmidt macht sich über die Journalisten lustig, die in den Porträts über Hegemann immer von ihren Haaren schreiben. Aber das mit den Haaren hat, wie man hier sehr schön sehen kann, schon seinen berechtigten Grund (und auch Schmidt muss HH auffordern, die Haare bitte vom Mikro wegzunehmen). Das Mädchen selbst sagt: “Die Haare zeigen meine Stimmung an”, das sei in der Gestik (also an welcher Strähne sie wann zieht und so) “alles viel subtiler”, als man vielleicht vermute.

Na ja, sie ist halt doch noch ein Teenager, das darf man nicht vergessen. Auch wenn man natürlich über vieles, was sie da bei Schmidt im Gestus der Abgeklärten äußert (viel Hohles und viel Widersprüchliches, alles wortreich verpackt), schon ein bisschen spotten möchte. Etwa über ihre Gedächtnislücken, Passagen ihres eigenen Buches betreffend. Oder darüber, dass Schmidt sie beim Stichwort Giorgio Agamben (René Polleschs Lieblingsphilosophen, den sie naseweiß in ihrem Buch namedroppen lässt) völlig blank antraf -- was vielleicht sogar eine Falle war. Hegemann versuchte die aufziehende Peinlichkeit dann cool aufzufangen mit den Worten: “Du, also bitte, nicht hier …” *Grins* Sehr aufschlussreich auch, was sie über den Berliner Superclub Berghain zu sagen hat, das Zentrum der von ihr in “Axolotl Roadkill” beschriebenen Drogen-, Sex- und Partyrausch-Exzesse: “… also es hat ein Konzept meines Erachtens. Ich weiß nicht genau, was für eins, aber es ist irgendwie da …” Ah ja.

Den Spott kriegte bei Harald Schmidt der Blogger und Buchautor Airen ab, von dem Helene Hegemann so arg- und hemmungslos geklaut hat. In einem Interview-Sketch (“Wer schreibt von wem ab?”) vor Hegemanns Auftritt wurde Airen, der nach wie vor anonym bleiben will, selber als Plagiator vorgeführt (wahrscheinlich weil er in seinem Buch “Strobo” Ernst Jünger erwähnt und in seinem Blog mal ein Gedicht von Gottfried Benn zitiert). Mit verstellter Stimme und schwarzem Pappbalken vor dem Gesicht verhohnepiepelte der Stuttgarter Schauspieler Christian Brey (Schmidts Regisseur im Stuttgarter “Hamlet”-Musical) diesen Blogger, der hier unter dem Pseudo-Pseudonym “Ayran” firmiert, als einen unbedarften Literaturdieb, der sich frisch und frei aus berühmten Werken bedient. Etwa aus Kafkas “Die Verwandlung” (“Als Gregor Samsa aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seiner eigenen Kotze wieder”) oder aus Astrid Lindgrens “Pippi Langstrumpf” (“Ich mache mir die Welt ficke-ficke wie sie mir gefällt”) oder aus einem berühmten Rilke-Gedicht (“Wer jetzt kein Berghain hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt nicht reinkommt, bleibt für immer draußen.”).  Auf diese Weise kam das -- im Gespräch mit der Abschreiberin freundlichst ausgeparte -- Thema Plagiat zumindest mal vor in dieser Hegemann-Feier-Sendung, wenn auch in absoluter Verdrehung des Tatbestandes unter dem Deckel der Satire.

Der wahre, angesichts des medialen Wirbelsturms um ihn herum erstaunlich gelassene Airen kommt heute (unbekannt bleibend) in einem Interview in der FAZ zu Wort. Lesenswert!

Unbedingt auch den darunter stehenden Zitate-Vergleich ansehen! Auch wenn da (für die zartbesaiteten FAZ-Leser) steht: “Warnung: Die Zitate sind teilweise sexuell sehr explizit und könnten die Gefühle der Leser verletzen …” Die Kollegen haben sich die Mühe gemacht, Hegemanns “Axolotl Roadkill” mit Airens Buch “Strobo” und seinem Blog parallel zu lesen -- und dann haben sie alle ähnlichen Stellen aufgelistet: von schamlos abgekupfert bis leicht abgeändert. Ganz schön eindrucksvolle Diebstahlsliste!  (Siehe dazu auch Deef Pirmasens, der in seinem Popkulturblog “Die Gefühlskonserve” die Plagiatsvorwürfe als erster geäußert hat). Im direkten Vergleich wird einem erst richtig klar, was sich die kleine Hegemann da buchstäblich herausgenommen hat. Wie sie sich nicht nur die Sprache eines anderen, sondern auch dessen Lebensgefühl, dessen Erfahrungen, dessen gelebtes Leben aneignet. Und das originalgeniehaft als was (literarisch) Eigenes ausgibt. Schon dreist. Mit dem Verweis auf “Intertextualität” und den Mashup-Praktiken im Internetzeitalter jedenfalls ist das nicht hinreichend zu rechtfertigen …

Wer erwartet haben sollte, die Textdiebin Hegemann würde den Fernsehauftritt nutzen, um sich mehr oder weniger zerknirscht zu entschuldigen oder ihre Sicht der Dinge klarzumachen, lag falsch. Dafür entschuldigt sich der Blogger Don Alphonso im Namen des Feuilltons “beim Internet” für das “komplette Versagen” des Kulturbetriebs, nachzulesen hier.

“Das ist kein Roman, das war mein Leben”, sagt Airen im FAZ-Interview. “Ich habe mir das nicht ausgedacht. Helene Hegemann hat das nicht erlebt. Ich habe das so erlebt.” Er sagt das ohne Wut und Vorwürfe. Und er erzählt, dass er keinen seiner Texte nüchtern geschrieben habe, das Buch sei “im Rausch erlebt und im Rausch geschrieben” -- das musste irgendwie raus. “Was ich geschrieben habe, habe ich durchlitten.”

Hier der Trailer zu “Strobo -- Technoprosa aus dem Berghain”:

Ganz anders Helene Hegemann: Bevor sie schreibe, so erzählte sie bei Schmidt, gehe sie am liebsten erst mal joggen. Sie brauche da “gar nicht diesen Leidensdruck”. Gut, das zu hören. Frische Luft und Bewegung! Man hatte sich ja schon Sorgen gemacht um dieses womöglich heillos abgefuckte, den Drogen und Sünden der Nacht verfallene Dramaturgen-Kind. Die Arme hat nun zwar “den Glauben an seriöse Berichterstattung verloren” (“Es gibt da überhaupt keinen Zweifel für den Angeklagten!”) -- aber ansonsten gehe es ihr “hervorragend”. Aber irgendwie auch wieder nicht (“Ich bin vollkommen überfordert…”).

Jedenfalls: Wenn sie das alles “halbwegs überstanden” habe, dann werde sie wahrscheinlich zur Bundeswehr gehen. Sagte sie wirklich. Und das ist, bei näherer Betrachtung, vielleicht gar keine schlechte Idee: Bei der Bundeswehr kann sie für das nächste Buch jene harten Extremerfahrungen sammeln, die sie jetzt noch klauen musste. Rohe Schweineleber essen, saufen bis zum Umfallen … wenn sie da erst mal durch ist, schreibt sich das nächste Buch ganz von alleine.

11.02.10 | 13:00 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Literatur | Kommentare 1 Kommentar

Pokalfinale: Brecht-Preis für Albert Ostermaier

Ganz Augsburg stand gestern im Zeichen des DFB-Pokal Viertelfinales. Ganz Augsburg? Jawohl! Im Goldenen Saal des Rathauses kam am frühen Abend zwar eine illustre Schar unbeugsamer Kulturliebhaber zusammen, die das entscheidende Pokalspiel zwischen dem FC Augsburg und dem 1. FC Köln ausließ (wenn nicht vereinzelt sogar kalt ließ), um der Verleihung des Bertolt-Brecht-Preises 2010 beizuwohnen. Aber da nun mal dieser Preis an den Münchner Schriftsteller und Theaterautor Albert Ostermaier ging, blieb der Fußball auch in diesem ehrwürdigen Rahmen keineswegs ausgespart.

Preisträger Albert Ostermaier

Preisträger Albert Ostermaier

Ostermaier praktiziert diese Sportart nicht nur als Torwart der Autorennationalmannschaft, er kultiviert und poetisiert sie auch als Dichter. So hat er zum Beispiel schon mal eine “Ode an Kahn” verfasst. Ja, man kann wohl sagen: Ostermaier liebt den Fußball mindestens so leidenschaftlich, wie er Brecht liebt. Eine Ahnung davon bekam man in der anspielungsreich komischen, wohl nur den eingeweihten Team-Spielern ganz verständlichen Laudatio des Münchner Krimi-Autors Friedrich Ani: “Die Bank – Ein Spiel in Stimmen zu Ehren des Dichters Albert Ostermaier” nannte er das sprachgeschickt ins Absurde dribbelnde Dramolett zu Ehren seines Freundes.  Darin holt er den dichtenden Torwart Ostermaier von der Ersatzbank auf das Sprachfeld des Erfolges, auf dem dieser mit traumwandlerischer Sicherheit einen Pokal nach dem anderen holt: vom Kleist- und Toller-Preis bis hin jetzt zum Augsburger Brecht-Preis. Es treten in diesem Fußballstück auf: Ostermaier – Hansameyer – Libuda – Buddha – Masseurin – Masseuse – Onetti – Herr Achternbusch – Frau Haushofer – Zwei Bühnenarbeiter – Balljunge – Der Mann. Den Prolog spricht “Der Mann”, und zwar mit Albert-Ostermaier-Maske in einem leeren Stadion:

“An seinen Stücken zerschellen die Gehirne von Regisseuren und Intendanten und Dramaturgen und Kritikern, zerschellen und liegen herum in der Rollkragenpulloverwelt. Und jeder schneidet sich an den Scherben und flucht und winselt und blutet und verachtet sein Blut. Anstatt sich das Herz herauszureißen und es ins Drama zu schleudern, mit großer Gebärde, mutvoll und übermütig, auf dass es zu ihnen zurückrase und in ihnen einschlage wie ein lodernder Meteor, wickeln sie es in Butterbrotpapier und fächern sich allen Ernstes mit einem Fetzen Gehirn Luft zu und sind einer Meinung. (…) Von der Sehnsucht des Torwarts, das unhaltbare Leben mit beiden Händen fliegend zu umfassen und nie mehr loszulassen, nie mehr loszulassen – davon verstehen sie nichts auf den Rängen, sie applaudieren aus Gewohnheit und weil sie es können. Sie hängen ihm Preise um, weil sie es gern sehen, wenn er den Kopf vor ihnen beugt. (…)”

Und hier noch ein kleiner Szenen-Auszug aus Anis Dramolett:

LIBUDA

Ist das schwer: dichten?

OSTERMAIER

Es ist die Hölle.

BUDDHA

Immer diese katholischen Wahnvorstellungen.

LIBUDA

Lass ihn ausreden, Fettsack.

Buddha lächelt.

LIBUDA

Haben sie dich gezwungen, Dichter zu werden?

OSTERMAIER

Schreiben ist Notwehr, Schreiben ist der Strafraum, wenn dir einer zu nahe kommt, ziehst du die Notbremse. Und dann hältst du eigenhändig den Elfmeter. So läuft das.

HANSAMEYER

Bei mir hat er keinen einzigen Elfmeter gehalten. Er trinkt aus der Flasche.

OSTERMAIER

Weil mir die Stürmer egal waren. Ich ließ sie ins Leere laufen. Wenn der Schiri dann trotzdem pfiff, war er eine Pfeife, da blieb ich auf der Linie stehen und schrieb mein nächstes Stück. Die meisten Schiedsrichter sind blind, taub, dement und bestochen. Das wär eine Mannschaft für dich, Hansameyer, mit denen könntest du übers Kuckucksnest fliegen und sie mit deiner Taktik terrorisieren.

Herr Achternbusch tritt auf. Er trägt einen Zylinder und hat ein Messer in der Hand.

HERR ACHTERNBUSCH

Wer ist hier bestochen? Trau dich doch. Ich stech dich ab, du bist nicht der erste.

LIBUDA

Sie hab ich schon mal gesehen. Haben Sie nicht eine Talkshow bei Pro7?

HERR ACHTERNBUSCH

Sie brunzen ja aus dem Mund, Sie Depp.

LIBUDA

Ich glaub, ich habe Sie mit Arabella Kiesbauer verwechselt.

MASSEUSE

Is die oiwei no so schwarz?

OSTERMAIER

Herr Achternbusch hat schon mit Beckett Whiskey getrunken.

LIBUDA

Mit wem?

OSTERMAIER

Beckett.

LIBUDA

Mit wem hat der gespielt?

OSTERMAIER

Godot.

LIBUDA

Bordeaux?

OSTERMAIER

Godot.

HERR ACHTERNBUSCH

Wen muss ich jetzt erstechen?

OSTERMAIER

Mich.

HERR ACHTERNBUSCH

Sie sind doch ein bayerischer Dichter, Sie kann ich nicht abstechen, da geniere ich mich, ich würde lieber einen bayerischen Schauspieler abstechen.

————————————————————-

Bertolt Brecht war ja eher dem Boxsport zugeneigt. Aber Albert Ostermaier musste gar keine großen Haken schlagen, um in seiner Dankesrede den geschätzten B.B. mit dem Fußball  zusammen- und sogar noch DFB-Präsident Theo Zwanziger mit reinzubringen:

“Fußball ist wie Brecht, man weiß nie aus welcher Richtung der Ball kommt. Fußball ist politisch. Und das möchte ich hier einmal voller Bewunderung sagen: niemand weiß so aufrichtig, so mutig und entschieden, so geballten Herzens mit dem Fußball für das zu kämpfen, für das auch Brecht kämpfte, wie Theo Zwanziger. Sein Einsatz, seine Haltungsstärke gegen Diskriminierung und Rassismus, seine fordernden Freundlichkeit, das finde ich sehr brechtisch. Und er hätte es auch geschafft, dass sich Brecht für Fussball begeistert und uns in der Autorennationalmannschaft die Stammplätze streitig macht mit seinen Übersteigern und Traumpässen in die Tiefe des Raums.”

Überhaupt war das eine sehr schöne und sehr persönliche Dankesrede, in der Ostermaier den gebürtigen Augsburger Brecht als einen Dichter würdigte, der ihn von Anfang an fasziniert und ihn gelehrt habe, „das Leben zu lesen“:

“Brecht begeisterte mich von Anfang an, schon von der ersten Zeile an. Dieser junge Brecht, der sich als Marke inszenierte: der zu große Ledermantel, der geschorene Kopf, die lässige Beiläufigkeit, die provokanten Augen, die Verse wie präkordiale Faustschläge auf die Stillstandsseligkeit der Gesellschaft. Diese gespannten Sehnen kurz vor dem Sprung. Die Kälte aus den Gefrierkammern zwischen seinen Herzwänden. Der Sound seiner Zeilen, wie auf Stahlsaiten geschrieben, die Gitarre, die knurrige Stimme. Die schnellen Autos, die wechselnden Verträge, die Frauen und Lieben. Die Furchtlosigkeit vor dem Trivialen, der Hass auf das Bestehende und die Stehengebliebenen. Wenn man ihn so sieht und hört, den jungen Brecht, dann denkt man nicht, wie lange das her ist. Er liegt für mich weniger weit zurück als meine eigene Kindheit. Er ist jung geblieben und wird nicht älter, er bleibt Zeitgenosse. Man möchte ihn anrufen. (Er schriebe eine SMS zurück).

Brecht war von Anfang an Pop, ein Beatle vor den Beatles, ein Punk vor den Punks, ein Gangsterrapper vor allen Gangsterrappern, er hatte von Anfang an Streetcredibility und seine Hauspostille ist immer noch das beste Songbook, das es gibt. Unzählige junge Dichter haben und werden nach diesen Buch das Schreiben lernen und die Musikalität der Sprache. Und die Kraft, zu benennen und die Welt als veränderbar zu erfinden.”

Zuvor hatten im kalten, aber sehr prunkvollen Goldenen Rathaussaal, diesem Kulturdenkmal der Spätrenaissance, jene Schauspieler aus Gedichten von Brecht und Ostermaier vorgelesen, die trotz der Winterhindernisse nach Augsburg durchgekommen waren: Hannelore Elsner, Birgit Minichmayr und Axel Milberg. Minichmayr musste in Jeans auftreten, weil ihr Koffer mit dem kleinen Schwarzen nicht vom Flieger mitgeliefert wurde. Thomas Thieme hatte krankheitsbedingt ganz abgesagt. Aber es war ja die Grünen-Politikerin Claudia Roth da, die hat dann auch was mit vorgelesen. Ich bin leider mit meinem SZ-Kollegen Gerhard Matzig aufgrund von Stau und Schnee zu spät gekommen – und habe die ganze lyrische Vortragsrunde samt der Begrüßungsworte des Augsburger Oberbürgermeisters verpasst.

Albert Ostermaier mit der Tochter von Bertolt Brecht, Barbara Brecht-Schall

Albert Ostermaier mit der Tochter von Bertolt Brecht, Barbara Brecht-Schall

Die Jury-Begründung habe ich aber mitbekommen. Darin hieß es, Albert Ostermaier sei ein Dichter sui generis, der in der kritischen Tradition Brechts stehe. Seine Werke seien “Kompositionen, in denen die Grenzen von Lyrik, Dramatik und Epik im doppelten Sinn aufgehoben” seien. Ostermaier  besteche durch „Inhalte, die das Gegenwärtige erfassen und transzendieren“ sowie durch eine „hochdifferenzierte formale Struktur“.  Der Jury gehörten u. a. die Literaturwissenschaftler Uwe Wittstock und Mathias Mayer, der Suhrkamp-Lektor Jürgen Drescher und die Brecht-Tochter Barbara Brecht-Schall an. Der Preis, der nur alle drei Jahre verliehen wird,  ist mit 15 000 Euro dotiert. Frühere Preisträger waren Franz Xaver Kroetz, Christoph Ransmayr, Robert Gernhardt, Urs Widmer und Dea Loher.

Mit der Vergabe dieses Preises an Albert Ostermaier schloss die Stadt Augsburg wieder jenen Leiter ihres Brecht-Festivals in die Arme, den sie 2008 abgeschossen hatte. Damals wollte der Augsburger Kulturreferent Ostermaier nach dreijähriger Tätigkeit partout nicht als Festivalchef verlängern. Jetzt wurde dem vormals Geschassten vom Oberbürgermeister bescheinigt, er habe mit seinem “ABC-Festival” das Brecht-Bild in der Stadt entkrampft:  „Durch ihn haben wir gelernt, den Stückeschreiber lebendig und zeitgemäß zu würdigen.“ Ostermaier, nun doch noch glücklicher Pokalsieger, bedankte sich herzlich und schien sich wirklich und aufrichtig zu freuen. Am Ende seiner Dankesrede sagte er:

Nichts ist so erfreulich und herzerfrischend wie eine unerwartete Freundlichkeit. ‘Und nimm dir sein Geld’, schreibt Brecht, ‘Du darfst es.’

09.02.10 | 19:24 | Harte Realitäten | Kritikerin unterwegs | Kommentare 0 Kommentare

Berlin – ein gefährliches Pflaster

Komme gerade (mit verspätetem Flieger) aus Berlin zurück – was für ein gefährliches Pflaster! Die Gehwege: total vereist. Die Straßen: von Eisbänken verkrustet. Überall Glatteisgefahr. Rutschende, schlitternde Menschen. Mit dem Rollkoffer zum Hotel zu laufen, war eine einzige Rutschpartie. Ich bin froh, heil wieder aus dieser Stadt herausgekommen zu sein. Dort sind sie dem harten Winter echt nicht Herr geworden. Hunderte Berliner sind schon schwer gestürzt und mit Knochenbrüchen im Krankenhaus gelandet.

Der “Tagesspiegel” machte das Eis-Chaos in seiner heutigen Ausgabe auf der Titelseite zum Thema – Schlagzeile: “Der Fall Berlin”. Im Lokalteil erfährt man unter der Überschrift “Glatt versagt”, dass allein am vergangenen Wochenende 108 Patienten behandelt wurden, die auf dem Eis ausgerutscht waren. Aber es wird auch Hoffnung gestreut: “Die Stadtreinigung (BSR) räumt oder bestreut nun auch Gehwege, Haltestellen oder Plätze, für die sie nicht zuständig ist. So wurde und wird auch auf eisige Nebenstraßen Splitt gestreut.” Ein Obdachloser hat aus der Not immerhin eine Notunterkunft gemacht – und sich am Nollendorfplatz ein Iglu gebaut.

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