“Tzaddhik” – ein Oratorium im Krematorium
Komme gerade vom nächtlich verschneiten Münchner Ostfriedhof zurück. Wie bezaubernd schön es ist, nachts, auf einem schneebedeckten Friedhof! Welch eine Sanftheit. Was für eine Ruhe. Ewige Lichter markierten den Weg zum Krematorium, und es gingen zwei Fackelträger voran.

Nein, was hier in der Trauerhalle des Krematoriums stattfand, war keine nächtliche Beerdigung, sondern eine Theaterproduktion der Gruppe Old Jewish Failures: ein Memento mori, oder vielleicht besser gesagt: ein Memento belli unter dem Titel “Tzaddhik”. Das Stück, vor zehn Jahren schon geschrieben von Terry Swartzberg, seines Zeichens internationaler Wirtschaftsjournalist und amtierender Pressesprecher der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom, ist eine krude Mischung aus biblischem Slapstick, musikalisch untermaltem Wortoratorium und einem jüdisch-liturgischen Kriegsgedenk-Gottesdienst -- unter Einbeziehung der Zuschauer, die ihre Zähne zeigen sollen (immer schön lächeln: “Cheese!”) und mit denen dann ein “Schuldchor” einstudiert wird.
Ein Cellist hat sehr schön gespielt, das muss man sagen. Ansonsten war das Ganze … nun ja, eine ziemlich verschmockte Goodwill-Anstrengung wider den Krieg und wider das Vergessen, inszeniert von Barry Goldman, der als Mitglied einer rabbinerhaften “Memory Gang” selber mitwirkte. Ganz unerschrocken mitgespielt hat als Laien-”Kibbitzer” übrigens auch mein ehemaliger SZ-Kollege, der inzwischen als Professor wirkende Theaterkritiker C. Bernd Sucher (selber jüdischen Glaubens). Ihn drängt es mit seinen literarischen “Leidenschaften” ja schon seit geraumer Zeit auf die Bühne. Wohl wissend, dass es sich bei diesem “Tzaddhik” nicht, wie von Hauptdarsteller Swartzberg vollmundig-ironisch angekündigt, um “the greatest masterpiece of all time” handelt, demonstrierte Sucher durchaus eine gewisse Distanz zum Stück und schmiss das Textbuch schon mal in inszenierter Auflehnung auf den Boden.
Ein Tzaddhik ist laut talmudischer Überlieferung ein Gerechter, um dessentwillen Gott die Menschheit trotz ihrer Verfehlungen nicht untergehen lässt. In jeder Generation, so sagt es der jüdische Mythos, gibt es 36 solcher Tzaddhikim: 36 Gerechte, die die Selbstzerstörung der Welt durch ihre Worte und Taten aufhalten, selber aber unerkannt bleiben.
Terry Swartzberg, geboren 1953 in Norwalk/Connecticut, spielt einen solchen Tzaddhik -- und zwar nicht etwa als heiligen Mann oder edlen Nathan, sondern als einen wissenden Narren, Witzereißer und (eher lauen) Entertainer. 5770 Jahre und mehr als 10 000 Kriege hat dieser Tzaddhik hinter sich, alles aufgeschrieben, immer gemahnt -- und doch geht das Morden weiter: Iran, Irak, Afghanistan, Libanon, Israel, Palästina … Hauptsächlich und namentlich aber geht es um die Kriege einer einzigen Dekade, nämlich im Zeitraum von 1850 bis 1860. Man versteht nicht, warum, kann aber auf der Homepage zum Stück nachlesen, dass sich Swartzberg für seine Kriegsforschungsstudien diese zehn Jahre herausgegriffen hat, weils sie ihm am ruhigsten erschienen. Aber nein: Kein Jahrzehnt ohne Krieg! “Kill the living, forget the dead” erklärt Swartzberg zum Leitmotiv der Menschheitsgeschichte -- und seines absolut gut gemeinten Abends.
(Weiterer Vorstellungstermin: Samstag, 31.1., um 19 Uhr in der Trauerhalle des Krematoriums am Münchner Ostfriedhof. Ab 18.30 Uhr werden die Zuschauer “Am Giesinger Feld” von Fackelträgern abgeholt.)
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