24.01.10 | 17:51 | Dies & das | Kritikerin unterwegs | Preview | Kommentare 1 Kommentar

Essen – die Einkaufs-Kulturhauptstadt

Weil ich doch gerade in Essen war: Die Stadt ist ja, stellvertretend für das Ruhrgebiet, Kulturhauptstadt Europas 2010. Und wie merkt man ihr das bei der Ankunft an? Erst mal gar nicht. Wenn man aus dem – innen erweiterten, außen gleichgeblieben scheußlichen – Bahnhof tritt, präsentiert sich die Stadt nach wie vor in großen Lettern als “DIE EINKAUFSSTADT”, als die sich immer schon gerühmt hat:

Essen-Einkaufsstadt

Keine Ahnung, warum ausgerechnet Essen “die Einkaufsstadt” sein soll. Vielleicht weil die Kettwiger Straße mit ihren vielen Geschäften seit den 20er Jahren als die erste offizielle Fußgängerzone Deutschlands gilt. Oder weil 1913 in Essen Schonnebeck der erste Aldi mit einer Größe von 35 Quadratmetern eröffnete. Jedenfalls findet sich das erste sichtbare offizielle “Kulturhauptstadt”-Signet passenderweise an der Fassade des Kaufhofs:

Essen-Kaufhof

Profaner geht´s kaum. Man sah die Essener dann auch fleißig bei der Schnäppchenjagd (Big Sale!), und ich habe es ihnen gleichgetan und mir eine Jacke aus der Winterkollektion, reduziert um 50 Prozent, gekauft. Mein Beitrag zum Kulturhauptstadteinkaufsjahr!

Gut, man hätte sich auch um ein Ticket für das Kulturhauptstadt-Projekt „Still-Leben Ruhrschnellweg“ bemühen können – es läuft gerade die zweite Bewerbungsrunde. Bei dem Kulturfest am 18. Juli soll der sogenannte Ruhrschnellweg (Autobahn 40 / Bundesstraße 1) auf einer Strecke von 60 Kilometern gesperrt werden – und dann werden auf der Fahrbahn von Dortmund nach Duisburg 20 000 Tische aufgestellt: für ein Massenpicknick auf der Autobahn. Das Straßenfest soll gemäß einer Graphik von Ruhr.2010 ungefähr so aussehen:

stillleben_gross_99641

Am Essener Schauspiel hat man unterdessen mit Anna Seghers´ “Transit” und Ibsens “Peer Gynt” (Kritik folgt im Feuilleton) schon mal recht kulturhauptstadtwürdig das Thema “Oyssee Europa” eingeleitet, das Ende Februar in einem gleichnamigen, groß angelegten Schauspielprojekt gipfeln wird: einer Theaterirrfahrt durch das Ruhrgebiet (und “durch Raum und Zeit”) auf den Spuren von Odysseus, an der sich vom kleinen Schlosstheater Moers bis hin zum Schauspielhaus Bochum sechs Ruhr-Bühnen beteiligen werden. Infos unter www.odyssee-europa.de.

Spätabends, beim Verlassen des Grillo-Theaters, stieß ich dann noch auf den “Mercator Bücherschrank”: eine aufklappbare Glasvitrine voller gebrauchter Bücher (Romane, Bestseller, Ratgeber, Jutta Ditfurth), die offen dazu einladen, sie mitgehen zu lassen. Genau das ist auch der Sinn der Sache! Auf einem Zettel an der Vitrine heißt es:

“Gefällt Ihnen ein Buch? Nehmen Sie es heraus und mit ins nächste Café oder nach Hause. Lesen Sie es durch und stellen Sie es danach wieder zurück. Gerne können Sie auch eigene Bücher in den Schrank stellen.”

Take-away-Literatur: Ein Essener am "Offenen Bücherschrank"   (Fotos: cd)

Take-away Literatur: Ein Essener am "Offenen Bücherschrank" (Fotos: cd)

Na sowas, ein Bücher-Take-away-and-Fill-up! Es soll diese “offenen Bücherschränke” auch in anderen Städten Deutschlands, zum Beispiel in Bonn und Hannover, geben. Sie wollen eine “sinnvolle Ergänzung” zu Buchhandlungen und Stadtbibliotheken darstellen und einen “soziokommunikativen Prozess sowie die Leseförderung der Bürger” anregen.

Ich frage einen jungen Typen mit Ziegenbart, welches Buch er sich da gerade rausgenommen hat. Er zeigt es mir. Es ist ein fetter, antiquarischer Band: “Der stille Don” von Michail Scholochow, Band eins.  Ich frage: Und wenn es so gut ist, dass du unbedingt wissen willst, wie es weitergeht? Er: “Dann besorge ich mir den zweiten Band.” Wenn das kein Indiz für die kulturelle Verfasstheit der Einkaufsstadt Essen ist!

1 Kommentar »

  1. Mein Eindruck als ein paar Jahre halb-in-Essen-gewohnt-Haber: Kultur und Ruhrgebiet heißt in erster Linie Staatsknete und zugekauftes Personal. Der Wildwuchs ist angesichts der Unmenge von Menschen, die dort wohnen, vernachlässigbar klein. Oder?

    Comment by Fritz Feger — Januar 25, 2010 @ 12:52 am

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