Knistern im Parkett
Gestern im Essener Grillo-Theater, Premiere von Ibsens “Peer Gynt”. Neben mir eine beleibte Kritikerin, bei der auch der Spiralblock ein etwas größeres Format hat: Sie benutzt nicht den kleinen Block (DIN A6), den fast alle Kritiker für ihre Notizen verwenden und der als Corpus delicti in der Spiralblock-Affäre (= die Attacke des Schauspielers Thomas Lawinky auf den FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier im Jahr 2006) zu ungewohnter Berühmtheit gelangte – sein Platz im Theatermuseum ist ihm seither sicher. Der Block der Essener Kritikerin hat Halbblatt-Format (DIN A5), und weil die Frau Kollegin ihre Notizen im Halbdunkel sehr großzügig über das Papier verteilt, muss sie den Block ständig umblättern, was natürlich Geraschel verursacht, welches sie dadurch zu verringern sucht, dass sie die Blätter unendlich langsam, in einer Art Dauerverzögerungsgeblätter, umschlägt. Das hat geradezu den gegenteiligen Effekt: statt des kurzen Geräusches eines zügigen Umblätterns ein permanentes Geknister. Sorry, aber da musste ich dann doch mal einschreiten …

Ohnehin ist es im Theater Usus, gerade durch vermeintliche Geräuschvermeidungsstrategien störende Rascheleien zu erzeugen. Jeder, der schon mal erlebt hat, wie sich ein Zuschauer ein Hustenbonbon aus der Tasche fieselt, weiß, was ich meine: Statt den Bonbon in einem kurzen, natürliche Geräusche produzierenden Prozess herauszuholen (raus und runter damit – und a Ruh is), wird er in umständlichster, minutenlang sich hinziehender Krämerei herausgefingert und langsamst aus dem Papier gepuhlt, um nur ja nicht zu stören. Das Gegenteil ist meist der Fall.
Und wenn ich schon mal beim Thema bin: Gerade Damen älteren Semesters haben ja die Angewohnheit, ihr Handtäschchen während der Vorstellung liebevoll auf ihrem Schoß zu platzieren und gerne auch zu umklammern. Das Kroko- und Rindsledergeknirsche ist ein ganz spezielles … knisternde Spannung im Parkett wird damit jedenfalls eher unterlaufen als erzeugt, wenn ich das mal sagen darf.
Mein aktueller Kritikerblock ist übrigens ein kleines kanarienvogelgelbes “Universal-Notizbuch”, das ausschaut wie ein Reclamheft. Finde ich sehr chic (“Sie wollten immer schon zum illustren Kreis der Reclam-Autoren zählen?”, witzelt auf der Rückseite der Klappentext). Das Büchlein ist auch sehr geräuscharm. Nur leider fällt es jetzt schon auseinander und wird zur Loseblattsammlung. So werde ich wohl oder übel doch wieder zum guten alten Spiralblock zurückkehren. Und ihn fest umklammern wie eine Handtasche, damit ihn mir niemand entreißt.
3 Kommentare »
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Das mit der Handtasche kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich hatte vor kurzem ein ähnliches Erlebnis. Im Theater saß eine Dame mit einer solchen geräuschvollen Handtasche auf den Knien hinter mir. Es ist unglaublich welch ein Knistern, Knautschen, Knirschen und Knarren von einer Handtasche ausgehen kann. Und das weit über 90 Minuten. Ich habe gleich danach meine eigene Tasche getestet. Kein Ton …
Comment by Martina Aschmies — Januar 26, 2010 @ 11:13 pm
ja, genau: A Ruh is. Haben Sie das Ihrer Kollegin gesagt? Ich trau mich meist nicht. Bisher nur ein Mal und da ist es ausgeartet in wüste Beschimpfungen. Dann doch lieber langsam auspacken lassen…das geringere Übel.
Comment by Hertha — Januar 28, 2010 @ 8:03 pm
Ich werde zu viel gestört und behindert in meinem doch sehr reiselastigen Leben, als dass ich mich mit Kritik (bzw. Gegenwehr) noch scheu zurückhalten würde. Vielleicht auch eine déformation professionelle? Jedenfalls ist mir an dem Abend im Grillo-Theater irgendwann der Kragen geplatzt, und ich habe der Kollegin – nachdem meine genervten Seitenblicke nicht gefruchtet hatten – zugeraunt, sie solle doch bitte (gefälligst!) in einem Rutsch umblättern, dieses Dauergeraschel sei ja nicht auszuhalten! She was not amused und sah mich beleidigt-empört an … aber eine Ruhe hat sie dann doch gegeben.
Comment by Christine Dössel — Januar 29, 2010 @ 12:19 am