19.01.10 | 18:30 | Dies & das | Theater | Kommentare 5 Kommentare

Betrunkene Schauspieler

Es wird auf unseren Bühnen ja generell sehr viel gesoffen. Wenn ich alleine dran denke, welche Mengen an Whiskey Wiebke Puls als Blanche DuBois in “Endstation Sehnsucht”, der jüngsten Premiere der Münchner Kammerspiele, an einem Abend so weggkippt! Oder wie sich Barbara Melzl in “Ritter Dene Voss” im Cuvillièstheater dauerrauchend dem Rotwein ergibt (um nur mal zwei aktuelle Beispiele aus München zu nennen)  … mannomann, da ächzt die Leber! Aber, so hat man zumindest immer gedacht: Ist ja alles nicht echt! Die tun ja bloß so. Das ist schließlich die vornehmste Aufgabe des Theaters: so zu tun als ob.

Denkste. Am Schauspiel Frankfurt sind vier Schauspieler in einer szenischen Lesung buchstäblich aus der Rolle und, so wird berichtet, sogar von der Bühne gefallen, weil sie sich heillos betranken. Das Gelage war zwar völlig im Sinne des Stückes, handelte es sich doch um einen veritablen Säufertext („Die Reise nach Petuschki“ von dem Russen Wenedikt Jerofejew– im Spielplan angekündigt als die „aberwitzige Beschreibung einer der berühmtesten Sauftouren der Weltliteratur“). Nur war es eben kein Wasser, was die vier Männer da auf der kleinen Frankfurter Experimentalbühne “Box” fröhlich bechernd zu sich nahmen – sondern echter, hochprozentiger Wodka. Der haut, wie sich zeigte, selbst die stärksten Mimen um. In diesem Fall: Marc Oliver Schulze, Torben Kessler, Oliver Kraushaar und Michael Abendroth, die irgendwann nur noch torkelten und lallten.

Am schlimmsten erging es Marc Oliver Schulze, gefeierter Protagonist in Michael Thalheimers Inszenierung “Ödipus /Antigone”. Der klappte am Ende zusammen und musste als Schnapsleiche mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. Zu seiner Ehrenrettung führt das Schauspiel Frankfurt an, dass er einen “extrem harten Tag” gehabt und kaum was gegessen habe. Er sei nach einer Stunde Rekonvaleszenz auch wieder aus dem Hospital entlassen worden. Die drastische Schilderung des Saufgelages in der Frankfurter “Bild”-Zeitung (fliehende Zuschauer, Chaos, Überfallkommando, Hundeführer, Polizeieinsatz mit vier Streifenwagen) wird von offizieller Theaterseite allerdings als überzogen bezeichnet.

Echtheit ist derzeit im Theater ja schwer angesagt. Man will das wahre Leben in Gestalt von Erfahrungsberichten und Laien – und es nicht immer nur faken. Insofern liegt das authentische Saufen durchaus im Trend. Sollte es Schule machen, dann Prost!

5 Kommentare »

  1. der trend ist aber auch schon ein paar jährchen alt … ich verweise nur mal auf diter rot, radiosonate. da zeigt sich die wahre kunst des trinkens.

    Comment by Matthias Mader — Januar 21, 2010 @ 12:24 am

  2. kleine Korrektur: Wiebke Puls spielt in “Endstation Sehnsucht” die Blanche DuBois und nicht Stella!

    Comment by alexa agnelli — Februar 1, 2010 @ 2:30 pm

  3. Ja, das stimmt natürlich – schon ausgebessert!

    Comment by Christine Dössel — Februar 1, 2010 @ 3:10 pm

  4. Also, wenn der Arzt die Blanche, nicht die Stella, dann am Ende einsammelt – das war dann nicht echt und auch nicht wegen Komasaufen. Äh, das war irgendwie Schauspiel. Nur so.

    Prost dann mal, Christine
    Tintentante

    Comment by Tintentante — Februar 6, 2010 @ 10:52 pm

  5. Ich bin selber schon einigen Schauspielern begegnet die vor dem Spielen eine Fahne hatten und eindeutig angetrunken waren, aber das steht bestimmt nicht an der Tagesordnung.Das könnten die meisten ja überhaupt nicht aushalten. Stellt euch vor die haben jeden Tag Aufführungen und teilweise noch mehrere, das würde nicht funktionieren.

    Comment by Steve — April 1, 2010 @ 8:29 am

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