29.01.10 | 23:20 | Theater | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

“Tzaddhik” – ein Oratorium im Krematorium

Komme gerade vom nächtlich verschneiten Münchner Ostfriedhof zurück. Wie bezaubernd schön es ist, nachts, auf einem schneebedeckten Friedhof! Welch eine Sanftheit. Was für eine Ruhe. Ewige Lichter markierten den Weg zum Krematorium, und es gingen zwei Fackelträger voran.

Ostfriedhof

Nein, was hier in der Trauerhalle des Krematoriums stattfand, war keine nächtliche Beerdigung, sondern eine Theaterproduktion der Gruppe Old Jewish Failures: ein Memento mori, oder vielleicht besser gesagt: ein Memento belli unter dem Titel “Tzaddhik”. Das Stück, vor zehn Jahren schon geschrieben von Terry Swartzberg, seines Zeichens internationaler Wirtschaftsjournalist und amtierender Pressesprecher der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom, ist eine krude Mischung aus biblischem Slapstick, musikalisch untermaltem Wortoratorium und einem jüdisch-liturgischen Kriegsgedenk-Gottesdienst -- unter Einbeziehung der Zuschauer, die ihre Zähne zeigen sollen (immer schön lächeln: “Cheese!”) und mit denen dann ein “Schuldchor” einstudiert wird.

Ein Cellist hat sehr schön gespielt, das muss man sagen. Ansonsten war das Ganze … nun ja, eine ziemlich verschmockte Goodwill-Anstrengung wider den Krieg und wider das Vergessen, inszeniert von Barry Goldman, der als Mitglied einer rabbinerhaften “Memory Gang” selber mitwirkte. Ganz unerschrocken mitgespielt hat als Laien-”Kibbitzer” übrigens auch mein ehemaliger SZ-Kollege, der inzwischen als Professor wirkende Theaterkritiker C. Bernd Sucher (selber jüdischen Glaubens). Ihn drängt es mit seinen literarischen “Leidenschaften” ja schon seit geraumer Zeit auf die Bühne. Wohl wissend, dass es sich bei diesem “Tzaddhik” nicht, wie von Hauptdarsteller Swartzberg vollmundig-ironisch angekündigt, um “the greatest masterpiece of all time” handelt, demonstrierte Sucher durchaus eine gewisse Distanz zum Stück und schmiss das Textbuch schon mal in inszenierter Auflehnung auf den Boden.

Ein Tzaddhik ist laut talmudischer Überlieferung ein Gerechter, um dessentwillen Gott die Menschheit trotz ihrer Verfehlungen nicht untergehen lässt. In jeder Generation, so sagt es der jüdische Mythos, gibt es 36 solcher Tzaddhikim: 36 Gerechte, die die Selbstzerstörung der Welt durch ihre Worte und Taten aufhalten, selber aber unerkannt bleiben.

Terry Swartzberg, geboren 1953 in Norwalk/Connecticut, spielt einen solchen Tzaddhik -- und zwar nicht etwa als heiligen Mann oder edlen Nathan, sondern als einen wissenden Narren, Witzereißer und (eher lauen) Entertainer. 5770 Jahre und mehr als 10 000 Kriege hat dieser Tzaddhik hinter sich, alles aufgeschrieben, immer gemahnt -- und doch geht das Morden weiter: Iran, Irak, Afghanistan, Libanon, Israel, Palästina … Hauptsächlich und namentlich aber geht es um die Kriege einer einzigen Dekade, nämlich im Zeitraum von 1850 bis 1860. Man versteht nicht, warum, kann aber auf der Homepage zum Stück nachlesen, dass sich Swartzberg für seine Kriegsforschungsstudien diese zehn Jahre herausgegriffen hat, weils sie ihm am ruhigsten erschienen. Aber nein: Kein Jahrzehnt ohne Krieg! “Kill the living, forget the dead” erklärt Swartzberg zum Leitmotiv der Menschheitsgeschichte -- und seines absolut gut gemeinten Abends.

(Weiterer Vorstellungstermin: Samstag, 31.1., um 19 Uhr in der Trauerhalle des Krematoriums am Münchner Ostfriedhof. Ab 18.30 Uhr werden die Zuschauer “Am Giesinger Feld” von Fackelträgern abgeholt.)

29.01.10 | 00:01 | Glückwunsch! | Literatur | Theater | Kommentare 0 Kommentare

In memoriam Anton Tschechow

“Du fragst, was das Leben ist? Das ist das Gleiche, als würde man fragen, was ist eine Mohrrübe? Eine Mohrrübe ist eine Mohrrübe, und das ist alles.”

Tschechow2

Vor 150 Jahren, am 29. Januar 1860, wurde im südrussischen Taganrog Anton Tschechow geboren. Laut dem im Zarenreich gültigen Julianischen Kalender war der Geburtstag zwar bereits am 17. Januar – aber egal, wir feiern ihn hier und heute: Tschechow, den genialen Menschenbeobachter, Seelenforscher, Weltschmerzanalysten, Philantrophen, Mediziner, Novellisten – einen der großartigsten, tiefgründigsten Dramatiker der Welt.

Warum leben wir nicht so, wie wir leben könnten? – Das ist die Frage in und hinter allen Tschechow-Dramen. “Die Möwe”, “Onkel Wanja”, “Drei Schwestern”, “Der Kirschgarten” – viel an Handlung passiert darin ja nicht. Vielmehr sitzen die Menschen darin ihr Leben aus: abwarten und Tee trinken! Dabei reden und philosophieren sie, rauchen sie und legen Patiencen, langweilen und sehnen sie sich – und immer, immer verlieben sie sich in die Falschen. Wie erbärmlich, wie lächerlich, wie ausweglos … und wie abgrundtief komisch doch! All diese Vergeblichkeitsmenschen und “Man müsste doch!”-Theoretiker, in denen wir uns selber wiedererkennen. Man fühlt sich zuhause in einem Tschechow-Stück, warm umfangen und seelisch geborgen. Und irgendwie auch getröstet … weil einem diese Menschen so nahe gehen. Weil sie einem sagen: Du bist nicht allein.

Tschechow starb am 15. Juli 1904 im deutschen Kurort Badenweiler an Tuberkulose. Er wurde nur 44 Jahre alt. Es wird kolportiert, dass unmittelbar nach seinem letzten Atemzug die legendäre Champagnerflasche, die neben seinem Bett stand, regelrecht explodierte: Der Korken öffnete sich wie von Geisterhand und soll wie ein Raketengeschoss durch die Luft geflogen sein. Wie passend für einen Dramatiker, bei dem jede Tragödie den Kern einer Komödie birgt. Zum Schießen!

Begraben liegt Tschechow auf dem Moskauer Friedhof Nowodewitschi. Ich war im Oktober letzten Jahres dort und habe auf seinem Grab eine Rose hinterlegt. A rose is a rose is a rose … so wie eine Mohrrübe eine Mohrrübe ist – und das Leben eben das Leben.

Tschechows Grab auf dem Moskauer Friedhof Nowodewitschi

Tschechows Grab auf dem Moskauer Friedhof Nowodewitschi

Woody Allen: “Anton Tschechow ist überhaupt der Größte!” – “Bei Tschechow weinen die Leute und lachen im nächsten Moment.”

Samuell Beckett: “Ein Lächeln wie seines gab es kein zweites Mal.”

Jean-Louis Barrault: “Erster Akt: Der Kirschgarten muss vielleicht verkauft werden. Zweiter Akt: Der Kirschgarten wird verkauft werden. Dritter Akt: Der Kirschgarten ist verkauft. Vierter Akt: Der Kirschgarten ist verkauft worden. Der Rest ist Leben.”

Leo Tolstoi: “Wenn ein betrunkener Arzt auf dem Sofa liegt und es draußen regnet, so wird das, nach Meinung Tschechows, ein Theaterstück.”

Maxim Gorki: “Von seinen Schauspielen sprach er als von >lustigen Stücken<, und mir scheint, er war aufrichtig davon überzeugt, dass er eben >lustige Stücke< schrieb.”

… und als aktuelle Stimme, weil so schön treffend:

Rüdiger Schaper (im “Tagesspiegel” vom 24.1.2010): “In seine Erzählungen und Theaterstücke tritt man ein wie in eine vertraute Welt, man glaubt sich da auszukennen und auf Verwandte und Bekannte zu treffen, was natürlich auch daran liegt, dass die besten Regisseure und Schauspieler des deutschsprachigen Theaters uns in den letzten Jahrzehnten mit ihren wunderbaren Tschechow-Aufführungen verwöhnt haben. Klaus Michael Grübers „An der großen Straße“, Peter Steins „Drei Schwestern“, Peter Zadeks „Iwanow“ und Jürgen Goschs Vermächtnis mit „Onkel Wanja“ und der „Möwe“: Sie haben Theatergeschichte geschrieben, an die sich die eigene Biografie anlehnt. Ebenso wenig wie man sich ein Leben ohne Theater und Literatur vorstellen kann, lässt sich das Theater ohne Tschechow denken. Es hätte weder Sinn noch Herz und Verstand.”

27.01.10 | 17:35 | Fernsehkultur | Geht gar nicht | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Der Coco-Krieg: Leno vs. O´Brien

Zu den größten Merkwürdigkeiten des jungen Jahres 2010 gehört der Kampf des amerikanischen Fernsehgottes Jay Leno mit seinem Nachfolger Conan O´Brien. Kurz zusammengefasst: Nach mehrjährigen vertraglich abgesicherten Vorlauf hat O´Brien im Juni 2009 die “Tonight Show” übernommen, jene legendäre Talkshow, die angeblich Harald Schmidt inspiriert hat. Jay Leno bekam eine andere Sendung, und weil das alles insgesamt quotentechnisch suboptimal lief, ging es nach Weihnachten zur Sache und der Sender machte kurzen, aber lautstarken Prozess: Jay Leno ist wieder Jay Leno, und Conan O´Brien ist Geschichte, alles vollzogen unter reger medialer Anteilnahme und Boykottaufrufen (gegen Leno, die Coco-Fans sind irgendwie brachial). Wer die Details wissen will: Die Geschichte hat es inzwsichen zu einem eigenen Wikipedia gebracht – “2010 Tonight Show host and timeslot conflict”.
Ach, sind wir doch ein friedlich Fernsehvolk!! Vielleicht liegt es auch bloß daran, dass im deutschen Fernsehen keiner arbeitet, der solche Leidenschaften entfesselt, dass es eine echte Schlammschlacht gibt wegen einer….Fernsehsendung. Siehe hier.

26.01.10 | 00:50 | Dichtung & Wahrheit | Literatur | Nicht verpassen | Kommentare 2 Kommentare

Frank Schätzing treffen in der Deutschen Bahn!

Der Autor Frank Schätzing hat jetzt endgültig den Durchbruch geschafft: Er ist auf dem Cover der aktuellen “mobil”, dem Magazin der Deutschen Bahn! Das könnte zu den 3,85 Millionen Käufern seines Bestsellers “Der Schwarm” noch einmal einen satten Schwarm von potentiellen Lesern seines neuen Romans “Limit” hinzubringen, ist es doch kaum möglich, seinem herausfordernden Beau-Blick vor halber Mondkugel auf einer längeren Zugfahrt zu entgehen.

Bahnmobil

Nichts gegen das Porträt des Schriftstellers von Christiane Winter; der Text ist bei aller Verwunderung darüber, “diesem schönen Mann plötzlich live gegenüberzustehen”, völlig okay. Im Editorial aber, wo sich die “mobil”-Redakteurin (und stellvertretende Chefredakteurin) an der Herzensseite des verehrten Schriftstellers mit bewunderndem Praktikantinnen-Blick vor dessen Apple-Notebook abbilden ließ, geht die Ergriffenheitspoesie doch mit ihr durch: “Hier hat er also gesessen”, schwärmt der Text. Gemeint ist der Eckplatz im vorderen Teil des Kölner Restaurants “Fonda”, wo Frank Schätzing einen Großteil seines neuen Mond-Thrillers “Limit” in guter alter Kaffeehaustradition geschrieben haben soll. Und auch Christiane Winter, so fährt der Text fort, “durfte beim Gespräch auf eben diesem hohen Stuhl sitzen und einen Blick ins Allerheiligste werfen: den Bauplan des Romans.” So was aber auch. Auf demselben Stuhl gesessen wie Frank Schätzing! In dessen Kölner Stammrestaurant!

Die Chancen stehen übrigens gut, in den folgenden Wochen in einem der DB-Züge auf demselben Platz zu sitzen, auf dem auch Frank Schätzing schon mal gesessen hat!!! Ja, vielleicht hat die eine oder andere Verehrerin sogar das Glück, im selben Abteil mit ihrem Schwarm zu fahren! Der supererfolgreiche, supergutaussehende und laut “mobil”-Porträt auch noch supernette (na gut: “Eine gewisse Eitelkeit gehört dazu …”) Schriftsteller tourt nämlich im Februar und im März mit der Deutschen Bahn durch Deutschland, um “Limit” vorzustellen – und zwar nicht in einer ordinären Lesung, sondern in einer ausgefeilten Multimediashow mit Filmausschnitten, kabarettistischen Einlagen, wissenschaftlichen Exkursen und einem von ihm selbst komponierten Soundtrack. Dieser Frank Schätzing! Entweder er ist der sagenumwobene Mann im Mond – oder einfach nur zu gut, um wahr zu sein.

Hier schon mal die Auftrittstermine – für die Streckenplanung:

24. Februar: Weimar, CCN Weimarhalle

25. Februar: Leipzig, Gewandhaus

28. Februar: Mannheim, Rosengarten

1. März: Frankfurt, Alte Oper

2. März: Nürnberg, Meistersingerhalle

3. März: Stuttgart, Liederhalle

7. März: Düsseldorf, Tonhalle

8. März: Hannover, Theater am Aegi

9. März: Berlin, Admiralspalast

10. März: Hamburg, Laeiszhalle

14. März: München, Herkulessaal in der Residenz

15. März: Dresden, Kulturpalast

17. März: Köln, Lanxess Arena

19. März: Bremen, Pier 2

20. März: Münster, Halle Münsterland

21. März: Dortmund, Konzerthaus

24.01.10 | 17:51 | Dies & das | Kritikerin unterwegs | Preview | Kommentare 1 Kommentar

Essen – die Einkaufs-Kulturhauptstadt

Weil ich doch gerade in Essen war: Die Stadt ist ja, stellvertretend für das Ruhrgebiet, Kulturhauptstadt Europas 2010. Und wie merkt man ihr das bei der Ankunft an? Erst mal gar nicht. Wenn man aus dem – innen erweiterten, außen gleichgeblieben scheußlichen – Bahnhof tritt, präsentiert sich die Stadt nach wie vor in großen Lettern als “DIE EINKAUFSSTADT”, als die sich immer schon gerühmt hat:

Essen-Einkaufsstadt

Keine Ahnung, warum ausgerechnet Essen “die Einkaufsstadt” sein soll. Vielleicht weil die Kettwiger Straße mit ihren vielen Geschäften seit den 20er Jahren als die erste offizielle Fußgängerzone Deutschlands gilt. Oder weil 1913 in Essen Schonnebeck der erste Aldi mit einer Größe von 35 Quadratmetern eröffnete. Jedenfalls findet sich das erste sichtbare offizielle “Kulturhauptstadt”-Signet passenderweise an der Fassade des Kaufhofs:

Essen-Kaufhof

Profaner geht´s kaum. Man sah die Essener dann auch fleißig bei der Schnäppchenjagd (Big Sale!), und ich habe es ihnen gleichgetan und mir eine Jacke aus der Winterkollektion, reduziert um 50 Prozent, gekauft. Mein Beitrag zum Kulturhauptstadteinkaufsjahr!

Gut, man hätte sich auch um ein Ticket für das Kulturhauptstadt-Projekt „Still-Leben Ruhrschnellweg“ bemühen können – es läuft gerade die zweite Bewerbungsrunde. Bei dem Kulturfest am 18. Juli soll der sogenannte Ruhrschnellweg (Autobahn 40 / Bundesstraße 1) auf einer Strecke von 60 Kilometern gesperrt werden – und dann werden auf der Fahrbahn von Dortmund nach Duisburg 20 000 Tische aufgestellt: für ein Massenpicknick auf der Autobahn. Das Straßenfest soll gemäß einer Graphik von Ruhr.2010 ungefähr so aussehen:

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Am Essener Schauspiel hat man unterdessen mit Anna Seghers´ “Transit” und Ibsens “Peer Gynt” (Kritik folgt im Feuilleton) schon mal recht kulturhauptstadtwürdig das Thema “Oyssee Europa” eingeleitet, das Ende Februar in einem gleichnamigen, groß angelegten Schauspielprojekt gipfeln wird: einer Theaterirrfahrt durch das Ruhrgebiet (und “durch Raum und Zeit”) auf den Spuren von Odysseus, an der sich vom kleinen Schlosstheater Moers bis hin zum Schauspielhaus Bochum sechs Ruhr-Bühnen beteiligen werden. Infos unter www.odyssee-europa.de.

Spätabends, beim Verlassen des Grillo-Theaters, stieß ich dann noch auf den “Mercator Bücherschrank”: eine aufklappbare Glasvitrine voller gebrauchter Bücher (Romane, Bestseller, Ratgeber, Jutta Ditfurth), die offen dazu einladen, sie mitgehen zu lassen. Genau das ist auch der Sinn der Sache! Auf einem Zettel an der Vitrine heißt es:

“Gefällt Ihnen ein Buch? Nehmen Sie es heraus und mit ins nächste Café oder nach Hause. Lesen Sie es durch und stellen Sie es danach wieder zurück. Gerne können Sie auch eigene Bücher in den Schrank stellen.”

Take-away-Literatur: Ein Essener am "Offenen Bücherschrank"   (Fotos: cd)

Take-away Literatur: Ein Essener am "Offenen Bücherschrank" (Fotos: cd)

Na sowas, ein Bücher-Take-away-and-Fill-up! Es soll diese “offenen Bücherschränke” auch in anderen Städten Deutschlands, zum Beispiel in Bonn und Hannover, geben. Sie wollen eine “sinnvolle Ergänzung” zu Buchhandlungen und Stadtbibliotheken darstellen und einen “soziokommunikativen Prozess sowie die Leseförderung der Bürger” anregen.

Ich frage einen jungen Typen mit Ziegenbart, welches Buch er sich da gerade rausgenommen hat. Er zeigt es mir. Es ist ein fetter, antiquarischer Band: “Der stille Don” von Michail Scholochow, Band eins.  Ich frage: Und wenn es so gut ist, dass du unbedingt wissen willst, wie es weitergeht? Er: “Dann besorge ich mir den zweiten Band.” Wenn das kein Indiz für die kulturelle Verfasstheit der Einkaufsstadt Essen ist!

23.01.10 | 17:18 | Kritikerfrust | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Knistern im Parkett

Gestern im Essener Grillo-Theater, Premiere von Ibsens “Peer Gynt”. Neben mir eine beleibte Kritikerin, bei der auch der Spiralblock ein etwas größeres Format hat: Sie benutzt nicht den kleinen Block (DIN A6), den fast alle Kritiker für ihre Notizen verwenden und der als Corpus delicti in der Spiralblock-Affäre (= die Attacke des Schauspielers Thomas Lawinky auf den FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier im Jahr 2006) zu ungewohnter Berühmtheit gelangte – sein Platz im Theatermuseum ist ihm seither sicher. Der Block der Essener Kritikerin hat Halbblatt-Format (DIN A5), und weil die Frau Kollegin ihre Notizen im Halbdunkel sehr großzügig über das Papier verteilt, muss sie den Block ständig umblättern, was natürlich Geraschel verursacht, welches sie dadurch zu verringern sucht, dass sie die Blätter unendlich langsam, in einer Art Dauerverzögerungsgeblätter, umschlägt. Das hat geradezu den gegenteiligen Effekt: statt des kurzen Geräusches eines zügigen Umblätterns ein permanentes Geknister. Sorry, aber da musste ich dann doch mal einschreiten …

Spiralblock-Blog

Ohnehin ist es im Theater Usus, gerade durch vermeintliche  Geräuschvermeidungsstrategien störende Rascheleien zu erzeugen. Jeder, der schon mal erlebt hat, wie sich ein Zuschauer ein Hustenbonbon aus der Tasche fieselt, weiß, was ich meine: Statt den Bonbon in einem kurzen, natürliche Geräusche produzierenden Prozess herauszuholen (raus und runter damit – und a Ruh is), wird er in umständlichster, minutenlang sich hinziehender Krämerei herausgefingert und langsamst aus dem Papier gepuhlt, um nur ja nicht zu stören. Das Gegenteil ist meist der Fall.

Und wenn ich schon mal beim Thema bin: Gerade Damen älteren Semesters haben ja die Angewohnheit, ihr Handtäschchen während der Vorstellung liebevoll auf ihrem Schoß zu platzieren und gerne auch zu umklammern. Das Kroko- und Rindsledergeknirsche ist ein ganz spezielles … knisternde Spannung im Parkett wird damit jedenfalls eher unterlaufen als erzeugt, wenn ich das mal sagen darf.

Mein aktueller Kritikerblock ist übrigens ein kleines kanarienvogelgelbes “Universal-Notizbuch”, das ausschaut wie ein Reclamheft. Finde ich sehr chic (“Sie wollten immer schon zum illustren Kreis der Reclam-Autoren zählen?”, witzelt auf der Rückseite der Klappentext). Das Büchlein ist auch sehr geräuscharm. Nur leider fällt es jetzt schon auseinander und wird zur Loseblattsammlung. So werde ich wohl oder übel doch wieder zum guten alten Spiralblock zurückkehren. Und ihn fest umklammern wie eine Handtasche, damit ihn mir niemand entreißt.

21.01.10 | 13:18 | Dichtung & Wahrheit | Kino | Kritikerlust | Preview | Kommentare 0 Kommentare

Unbezwingbar

Clint Eastwood hat eine poetische Ader, in “Million Dollar Baby” und “The Bridges of Madison County” hat er Gedichte von William Butler Yates verwendet. Sein neuer Film handelt von Nelson Mandela -- da finden Wahrheit und Dichtung sozusagen zueinander, der Film heißt nach Mandelas Lieblingsgedicht, “Invictus”, von William Ernest Henley.
Die letzten Zeilen haben in den Trailer gefunden.

Aber das ganze Gedicht, das Henley, 1902 gestorben, geschrieben hatte, als er krank war, ist natürlich noch schöner -- Mandela hat es während seiner Inhaftierung immer wieder rezitiert. Und es passt auch besser zu Mandela als zu dem rechtsextremistischen Terroristen Timothy McVeigh -- der Attentäter von Oklahoma City -- , der eine handgeschriebene Kopie just dieses Gedichts vor seiner Hinrichtung als letztes Statement hinterlassen hat.

Invictus

Out of the night that covers me,
Black as the Pit from pole to pole,
I thank whatever gods may be
For my unconquerable soul.

In the fell clutch of circumstance
I have not winced nor cried aloud.
Under the bludgeonings of chance
My head is bloody, but unbowed.

Beyond this place of wrath and tears
Looms but the Horror of the shade,
And yet the menace of the years
Finds, and shall find, me unafraid.

It matters not how strait the gate,
How charged with punishments the scroll.
I am the master of my fate:
I am the captain of my soul.

20.01.10 | 18:32 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kollegialitäten | Literatur | Kommentare 1 Kommentar

Kabarettreif: Hoferichter-Preis für Unterstöger und Pelzig

Preisverleihungen, das weiß jeder, können ganz schön öde sein. Wenn der Preis aber an einen Kabarettisten wie Erwin Pelzig geht und dazu auch noch an einen humoristischen Sprachlaboranten wie meinen verehrten SZ-Kollegen Hermann Unterstöger und beide diesen Preis aus den Händen des Münchner Oberkabarettisten Oberbürgermeisters Christian Ude entgegennehmen, welcher als Redekünstler wiederum abgelöst wird von dem ebenso stil- wie ironiesicheren Allerweltsbetrachter und Meisterkolumnenschreiber Axel Hacke – dann, liebe Leser, können Sie Gift darauf nehmen, dass es eine wunderbar charmante, geistreiche und hochkomische Angelegenheit ist! Soll heißen: Die gestrige Verleihung des Ernst-Hoferichter-Preises im Münchner Literaturhaus war absolut kabarettreif.

Der Münchner Ernst-Hoferichter-Preis wird seit 1975 jährlich an Autoren verliehen, die in ihrer Arbeit “Originalität mit Weltoffenheit und Humor” verbinden – insofern gehen die Preisträger Frank-Markus Barwasser (alias Erwin Pelzig) und Hermann Unterstöger (gewürdigt als “Meister der kleinen Form”) auf alle Fälle in Ordnung, auch wenn sie nicht unbedingt als Jungspunde mit diesem “Förderpreis” geehrt wurden. Unterstöger ist fast 67, Barwasser wird in diesem Jahr 50. Ude in seiner seitenhieb- und stichfesten Rede: “Der Hoferichter-Preis ist meistens nicht der erste Preis, den einer bekommt, aber oft der letzte.”

Der Münchner OB Christian Ude mit den Preisträgern Frank-Markus Barwasser (alias Erwin Pelzig) und Hermann Unterstöger.  Foto: Stephan Rumpf

Der Münchner OB Christian Ude mit den Preisträgern Frank-Markus Barwasser (alias Erwin Pelzig) und Hermann Unterstöger. Foto: Stephan Rumpf

Während der Unterfranke Frank-Markus Barwasser mit seinen kabarettistischen Soloprogrammen, seiner TV-Show “Pelzig unterhält sich” und dem Film “Vorne ist verdammt weit weg” einem breiten Publikum bekannt ist – zumindest unter dem Namen seiner fränkischen Kunstfigur Erwin Pelzig -, tritt SZ-Redakteur Hermann Unterstöger kaum je öffentlich und als “Streiflicht”-Autor nicht einmal namentlich in Erscheinung. Was ganz gut zu seinem bescheidenen Naturell passt, welches Laudator Axel Hacke – dereinst Unterstögers Kollege bei der “Süddeutschen” und selber Träger des Ernst-Hoferichter-Preises – in anschaulichen Szenen höchst amüsant zu beschreiben wusste.

Etwa, als er darlegte, wie sich SZ-Redakteure an manchen ereignislosen Tagen verlegen und ratlos unter ihren Zeitungen wegducken und wichtigste Termine vorschützen, wenn es bei der Morgenkonferenz darum geht, das “Streiflicht” zu vergeben. Und wie sich dann, in der größten Not, leise der Hermann meldet, mit langsam sich rötenden Wangen: “Es gäbe da vielleicht ein Thema, ein wirkliches Thema ist es nicht, eigentlich nur ein Achtelthema, aber man könnte zur Not . . .” So ist der Sprachfiesler Unterstöger in seinen 25 Jahren bei der SZ nicht nur zum Altmeister, sondern auch zum Fackelträger und Retter des “Streiflichts” geworden. Und man muss froh sein, dass er nicht dem Rat seines Lehrers gefolgt ist, der ihm einst anempfahl: “Mensch, Unterstöger, werd´ Friseur, da kannst du auch Kopfarbeit leisten!”

Laudator Axel Hacke, selber Ernst-Hofericht-Preisträger und Meister der kleinen Form.  Foto: Rumpf

Laudator Axel Hacke, selber ein Meister der kleinen Form. Foto: Stephan Rumpf

Unterstöger indes hat seinen Rückzug ins heimatliche Altötting schon eingefädelt und das Preisgeld dem Fliesenleger versprochen, der ihm das Bad verlegt. Im Ruhestand, so verriet er in seiner streiflichtwürdigen Dankesrede, werde er sich dann einem dreibändigen Langzeitstudienprojekt widmen. Titel: “Wenn Altötting das Herz Bayerns ist, was ist dann München?” Im Dunstkreis der berühmten Kapelle an seinem Alterswohnsitz wird Unterstöger dann vielleicht auch jene göttliche Gnade erfahren, die ihm ein frommes Altöttinger Großmütterchen einst absprach, als sie ihn fragte: “San Sie immer noch bei dem Kommunistenblattl?” (gemeint war die SZ), und als Unterstöger diese seine Tätigkeit nicht leugnete, richtete die Alte den Finger gen Himmel mit den Worten: “Jeder muss sich amol verantworten – dort drobn!” So viel zum (niederbayerischen) Background des stets so ab- und tiefgründig ausgeschrittenen Spannungsfeldes “Gott und die Welt” in Unterstögers Texten.

Die Laudatio auf den Preisträger Pelzig hielt die Kritikerin Beate Kayser, die ehemalige Feuilletonchefin der Münchner “tz”. Von Pelzigs Spießeroutfit mit Cordhut und Herrenhandtasche auf Barwassers “blitzschnelles Switching” kommend, porträtierte sie den fränkischen Kabarettisten als gespaltene Künstlerpersönlichkeit von hohem Unterhaltungs-, Erkenntnis- und Überraschungswert: Er stelle seinen Gästen jene Fragen, “die der Zuschauer sich selbst zu stellen nie getraut hätte”, und er kitzle Seiten heraus, “die keiner vermutet hätte” – aber, so Frau Kayser: “nie mit diesen Bratwurstthemen”.

Pelzig erregt sich.   Foto: Rumpf

Pelzig erregt sich. Foto: Rumpf

Der solcherart Gelobte zeigte zum Dank den Wolf im Schaf-Pelzig, indem er sich immer mehr in Rage redete, bis er von den Themen Preisgeld, München und Gerechtigkeit auf verarmte Milliardäre, die fehlende Protestkultur in Deutschland und auf Westerwelles FDP kam: Er wolle ja nicht sagen, dass die FDP käuflich sei, “aber man kann sie mieten”. Pelzig ist dagegen unbezahlbar.

19.01.10 | 18:30 | Dies & das | Theater | Kommentare 5 Kommentare

Betrunkene Schauspieler

Es wird auf unseren Bühnen ja generell sehr viel gesoffen. Wenn ich alleine dran denke, welche Mengen an Whiskey Wiebke Puls als Blanche DuBois in “Endstation Sehnsucht”, der jüngsten Premiere der Münchner Kammerspiele, an einem Abend so weggkippt! Oder wie sich Barbara Melzl in “Ritter Dene Voss” im Cuvillièstheater dauerrauchend dem Rotwein ergibt (um nur mal zwei aktuelle Beispiele aus München zu nennen)  … mannomann, da ächzt die Leber! Aber, so hat man zumindest immer gedacht: Ist ja alles nicht echt! Die tun ja bloß so. Das ist schließlich die vornehmste Aufgabe des Theaters: so zu tun als ob.

Denkste. Am Schauspiel Frankfurt sind vier Schauspieler in einer szenischen Lesung buchstäblich aus der Rolle und, so wird berichtet, sogar von der Bühne gefallen, weil sie sich heillos betranken. Das Gelage war zwar völlig im Sinne des Stückes, handelte es sich doch um einen veritablen Säufertext („Die Reise nach Petuschki“ von dem Russen Wenedikt Jerofejew– im Spielplan angekündigt als die „aberwitzige Beschreibung einer der berühmtesten Sauftouren der Weltliteratur“). Nur war es eben kein Wasser, was die vier Männer da auf der kleinen Frankfurter Experimentalbühne “Box” fröhlich bechernd zu sich nahmen – sondern echter, hochprozentiger Wodka. Der haut, wie sich zeigte, selbst die stärksten Mimen um. In diesem Fall: Marc Oliver Schulze, Torben Kessler, Oliver Kraushaar und Michael Abendroth, die irgendwann nur noch torkelten und lallten.

Am schlimmsten erging es Marc Oliver Schulze, gefeierter Protagonist in Michael Thalheimers Inszenierung “Ödipus /Antigone”. Der klappte am Ende zusammen und musste als Schnapsleiche mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. Zu seiner Ehrenrettung führt das Schauspiel Frankfurt an, dass er einen “extrem harten Tag” gehabt und kaum was gegessen habe. Er sei nach einer Stunde Rekonvaleszenz auch wieder aus dem Hospital entlassen worden. Die drastische Schilderung des Saufgelages in der Frankfurter “Bild”-Zeitung (fliehende Zuschauer, Chaos, Überfallkommando, Hundeführer, Polizeieinsatz mit vier Streifenwagen) wird von offizieller Theaterseite allerdings als überzogen bezeichnet.

Echtheit ist derzeit im Theater ja schwer angesagt. Man will das wahre Leben in Gestalt von Erfahrungsberichten und Laien – und es nicht immer nur faken. Insofern liegt das authentische Saufen durchaus im Trend. Sollte es Schule machen, dann Prost!

19.01.10 | 14:51 | Geht gar nicht | Kino | Kommentare 5 Kommentare

Mann trägt wieder Bart

Glückwunsch übrigens noch an Christoph Waltz! Dass der österreichische Schauspieler für seine SS-Rolle in Quentin Tarantinos “Inglourious Basterds” einen Golden Globe als bester Nebendarsteller bekam, ist natürlich eine feine Sache. Er hat sich bei der Preisverleihung ja auch gefreut wie ein Schneekönig und seine Dankesworte in bestem Englisch platziert. Aber – hilfe! – wie sah er denn dabei aus?! Woher plötzlich dieses Stoppelkinn?

Foto: afp

Waltz bei den Golden Globe Awards Foto: afp

Okay, es kann zwar sein, dass dieses Gesichtsgestrüpp keiner Geschmacksverirrung, sondern Waltz´ nächster Rolle geschuldet ist: In David Cronenbergs Verfilmung von Christopher Hamptons Theaterstück “The Talking Cure” wird er als Sigmund Freud vor der Kamera stehen. Aber grundsätzlich ist Waltz´ Kinnbehaarung ja wohl der augenfälligste Beweis dafür, dass sich der Schauspieler bereits bestens in Hollywood akklimatisiert hat. Das Role Model, dem er ganz offensichtlich nacheifert, ist kein Geringerer als George “Stachelbart” Clooney:

Clooney bei den Golden Globe Awards   Foto: AP

Clooney bei den Golden Globe Awards Foto: AP

Ohnehin war es die Siegernacht der graumelierten Stoppelträger. Auch Jeff Bridges, ausgezeichnet als bester männlicher Bartträger Hauptdarsteller für seine Rolle in “Crazy Heart”, konnte mit einem stattlichen – im Vergleich mit den anderen ziemlich stylishen – Exemplar aufwarten:

Jeff Bridges bei den Golden Globe Awards  Foto: AP

Jeff Bridges bei den Golden Globe Awards Foto: afp

All diese Barttrachten sind natürlich nur ein Gestoppel gegen den nachgerade göttlichen Rauschebart von Preisträger Michael Haneke (“Das weiße Band”), auch er ein Ösi wie Waltz – inzwischen fast schon mit der Anmutung eines alpenländischen Öhis:

Michael Haneke bei den Golden Globe Awards  Foto: afp

Michael Haneke bei den Golden Globe Awards Foto: afp

Und in Deutschland? Da versucht Harald Schmidt ja schon seit längerem, den Trend durchzusetzen. Bislang, gottlob, ohne größeren Erfolg. Woran´s wohl liegen mag?

Auch Harald Schmidt progagiert das Stoppelkinn.   Foto: ddp

Auch Harald Schmidt progagiert das Stoppelkinn. Foto: ddp

Ausgerecht Harald Schmidt war es, der 2005 in seiner “Focus”-Kolumne mit der Forderung “Bart ab!” gegen den damaligen Superstar der SPD Matthias Platzeck zu Felde zog: “Das mehrfach melierte Kurzgestrüpp in der unteren Gesichtshälfte von Matthias Platzeck geht gar nicht!”, schrieb Schmidt und schlug vor, Steinbrück solle da mal “mit dem Rasenmäher drübergehen”.

Schmidt weiter, in aller satirischen Glätte: “Wer Deutschland in die Zukunft führen will, sollte optisch unterscheidbar sein von einem Lyriker aus dem Kosovo, den die politischen Verhältnisse zum Gewerkschaftsidol gemacht haben. Ist wichtig, ehrlich, in unserer Mediengesellschaft.” Ja ja … aber was kümmert einen Spaßbartisanen schon seine Rasur von gestern.

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