31.12.09 | 13:41 | Theater | Kommentare 0 Kommentare

Das Theaterjahr 2009

Aus gegebenem Anlass ein Rückblick

DIE TOTEN

2009 war nicht nur das Jahr, in dem Michael Jackson, die Glühbirne und die Klementine aus der Waschmittelwerbung gestorben sind – auch im Bereich Theater gab es viele Tote, allzu viele. Ich habe in diesem Jahr mehr Nachrufe geschrieben als je zuvor. Das macht keine Freude, glauben Sie mir. Manchmal ging mir der Tod der betreffenden Person erst am nächsten Tag so richtig nah, wenn der Artikel geschrieben und der Kopf wieder frei von werbiographischen Details und Einordnungen war. Die famose Ruth Drexel, den distinguierten Jürgen Gosch, den ebenso großen wie großspurigen Peter Zadek habe ich nicht nur durch ihre Arbeiten, sondern auch persönlich gekannt, und den Sonntagmorgen im März 2007, als der herrliche Traugott Buhre an einem Hotelfrühstückstisch in Bensheim mit rauchiger Stimme Anekdoten zum besten gab, werde ich bestimmt nicht vergessen. So wie all diese Künstler (hoffentlich) nicht vergessen sein werden.

Gert Jonke (+ 4. Januar, österreichischer Dramatiker und Autor)

Ruth Drexel (+ 26. Februar, bayerische Löwin, Schauspielerin, Intendantin, Regisseurin – und Heldin des Münchner Volkstheaters)

Augusto Boal (+ 2. Mai, brasilianischer Regisseur und Theatertheoretiker, Begründer des “Theaters der Unterdrückten”)

Fritz Muliar (+ 4. Mai, Wiener Volksschauspieler, Querkopf und legendärer Schwejk-Darsteller)

Gisela Stein (+ 4. Mai, Tragödin an den Münchner Kammerspielen und am Bayerischen Staatsschauspiel unter Dieter Dorn)

Monica Bleibtreu (+ 13. Mai, wunderbare Charakterschauspielerin mit später Filmkarriere)

Karl-Michael Vogler (+ 9. Juni, Bühnen- und viel beschäftigter Filmschauspieler)

Jürgen Gosch (+ 11. Juni, zuletzt der beste, wichtigste und stilbildendste zeitgenössische Theasterregisseur)

Jörg Hube (+19. Juni, bayerischer Schauspieler, Herzkasperl und Kabarettist)

Hanne Hiob (+ 23. Juni, Brecht-Tochter, Schauspielerin, politische Aktionistin)

Pina Bausch (+ 30. Juni, weltberühmte Choreographin und Königin des modernen Tanztheaters)

Merce Cunningham (+ 26. Juli, amerikanischer Choreograph – eine Ballett-Legende)

Traugott Buhre (+ 26. Juli, begnadeter Charakterschauspieler, unvergessen als Bruscon in Thomas Bernhards “Der Theatermacher”)

Peter Zadek (+ 30. Juli, Regielegende, Zampano und notorischer Provokateur – einer der berühmtesten Theaterregisseure überhaupt)

Markus Luchsinger (30. Juli, Schweizer Theaterleiter, zuletzt Intendant in Chur)

Otomar Krejca (+ 6. November, legendärer Prager Regisseur und Intendant)

Kurt Wilhelm (+ 25.12., Münchner Autor und Regisseur, schuf die unverwüstliche Bühnenfassung “Der Brandner Kaspar und das ewig´Leben” nach der Vorlage von Franz von Kobell)

Franz Lehr (+ 25.12., Bühnen- und Kostümbildner)

DIE ÜBERLEBENDEN

Christoph Schlingensief: Seine Krebserkrankung zeichnete das Theaterjahr. Schlingensiefs hochpersönliches Fluxus-Oratorium “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” war der Höhepunkt bzw. das Hochamt des Berliner Theatertreffens. Zuvor hatte er mit “Mea Culpa” am Burgtheater Wien den Folgeteil seines Krebstheaters als therapeutisches Gesamtkunstwerk inszeniert – und feierte darin schon wieder seinen Überlebenswillen. Sein geplantes Opernhaus in Burkina Faso ist jetzt auch gebongt (siehe Blog-Eintrag “Weihnachtspost von Schlingensief” vom 21. 12).

Johannes Heesters: ist am 4. Dezember 106 geworden und will auch 2010 wieder auf die Bühne: Regisseur Dieter Wedel – im Vergleich zu Joopi mit seinen 70 Jahren noch ein Jungspund – will Heesters einen Part in seinem neuen Theaterstück “August der Starke und seine Liebe zu Gräfin Cosel” geben, das im August in Dresden herauskommen soll.

DIE BESTEN (gemäß der Kritiker-Umfrage in “Theater heute”)

Theater des Jahres wurden, völlig zurecht, die Münchner Kammerspiele, denen Intendant Frank Baumbauer vor seinem Abschied noch mal eine Glanzspielzeit beschert hat

Inszenierung des Jahres: Jürgen Goschs lebensnahe und sterbenstraurige Tschechow-Inszenierung “Die Möwe” am Deutschen Theater Berlin

Bühnenbild des Jahres: das riesige, rotierende Auge (des Gesetzes), auf dem Andreas Kriegenburg an den Münchner Kammerspielen Kafkas “Der Prozess” inszeniert hat – er hat diese faszinierende Pupillen-Drehscheibe selbst entworfen.

Schauspielerin des Jahres: Für die meisten war das Birgit Minichmayr in Karl Schönherrs “Der Weibsteufel” – eine Inszenierung von Martin Kusej für das Burgtheater Wien, gefeiert beim Berliner Theatertreffen

Schauspieler des Jahres: Die meisten Voten erhielten Alexander Scheer (als Kean an der Berliner Volksbühne) und Joachim Meyerhoff für seine Rollen am Burgtheater Wien. Für mich persönlich waren es Lars Eidinger (als Moppel-Hamlet an der Berliner Schaubühne) – und, aber das gilt fast immer: der tolle André Jung von den Münchner Kammerspielen.

Stück des Jahres: “Rechnitz” von Elfriede Jelinek über ein NS-Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern – uraufgeführt an den Münchner Kammerspielen in einer brillanten, wahnsinnig nahegehenden Inszenierung von Jossi Wieler.

Ärgernis des Jahres: das populistische Fernsehformat “Preiskampf”, in dem 3sat und der ZDFtheaterkanal während des Theatertreffens von einer vierköpfigen Jury live den 3at-Preisträger ermitteln ließen. Claus Peymann gab dabei den Dieter Bohlen – und setzte sich natürlich durch.

DIE AUFREGER

Volker Lösch: Mit seiner Inszenierung “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden” am Deutschen Schauspielhaus Hamburg erregte er die Gemüter, löste Zorn und Proteste (nicht zuletzt der Hamburger Kultursenatorin), aber auch Beifallsstürme im Publikum aus. Ein Chor aus Arbeitslosen liest darin die Namen der reichsten Hamburger vor – und ruft am Ende gar zum Widerstand auf: “Bomben in Sexshops!”, “Hamburg soll brennen!”, “Das Geld ganz abschaffen!”Löschs wütendes Agit-Prop-Theater bleibt weiterhin umstritten, was auch die Reaktionen auf seine jüngste Inszenierung, “Berlin Alexanderplatz” an der Berliner Schaubühne (mit einem Häftlings-Chor), zeigen.

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