20.12.09 | 18:13 | Kritikerfrust | Theater | Kommentare 8 Kommentare

Gesundheitsrisiko Theater

Da duscht man jeden Morgen mindestens eine Minute lang kalt, um seine Abwehrkräfte zu stärken; da zieht man sich, allen Überdosierungswarnartikeln des geschätzten Kollegen Werner Bartens zum Trotz,  jede Menge Vitamine in Apfel- und Kapselform rein, um den Widerstandskampf gegen gemeine Erreger und Radikale aufzunehmen; da fährt man, sofern es nicht stürmt und schneit, tagaus, tagein mit dem Rad in die Arbeit, um sich zu stählen und die Virenschleudern in der S-Bahn vom Leib zu halten; da hat man also der Herbst- und der Schweinegrippe und allen sonstigen saisonalen Infekten erfolgreich getrotzt, kommt putzmunter und pumperlgesund aus dem Urlaub zurück – und dann sitzt man im Theater und wird augenblicklich krank! Nein, ich meine hier nicht: krank vor Langeweile, sondern ich meine die Erkältung, die ich mir gestern bei der Premiere von Georg Kaisers “Von morgens bis mitternachts” im Münchner Residenztheater zugezogen habe.

Parkett, Reihe 5, Platz 126: ein Kritikerplatz. Während der Aufführung wird es kalt und kälter, es zieht die ganze Zeit, man spürt den Lufthauch wehen. Haben die in der bisher kältesten Nacht des Jahres tatsächlich die Klimaanlage an, oder was ist hier los? Ich fühle förmlich, wie es in mir keimt und wie die Viren werkeln. Die Augen tränen, ich fange zu niesen an, einmal, nochmal, wieder und wieder. Meinen Schal habe ich im Vertrauen auf einen vernünftig beheizten Theaterraum an der Garderobe abgegeben, ich kann nur noch schützend den Kragen meiner Weste hochziehen und mit der linken Hand, mit der ich nicht mitschreibe, am wehen Hals zusammenhalten. Zwei Stunden ohne Pause. Es gibt kein Entkommen, schon gar nicht für eine Kritikerin. Am Ende ist der Kopf dumpf und die Nase zu, ich schniefe und niese. Meine Sitznachbarin wünscht mir zum Abschied: “Gute Besserung!”

Das Theater gesund betreten – und mit Erkältung verlassen. Ich bin in jeder Hinsicht verschnupft! Gehört das zum Berufsrisiko – oder ist das eine neue Art, sich an unliebsamen Kritikern zu rächen?

Eines ist klar: Der Kampf gegen Zugluft und amerikanische Kühlschrank-Klimatisierung, den ich den ganzen Sommer über mit der Deutschen Bahn und leider auch gegen die neue, supereinsatzbereite Klimaanlage in den Münchner Kammerspielen führen musste – er geht weiter! Nieder mit den Kältestuben! Für mehr Wärme im Theater!

8 Kommentare »

  1. “Für mehr Wärme im Theater!”

    Das ist ja ein geradezu weihnachtliches Posting… ;-)

    Ansonsten aber gilt: frohe Weihnachtsbesserung.

    Comment by Nikolaus — Dezember 21, 2009 @ 12:45 pm

  2. Auch eine gute Besserung. Lieven.

    Comment by lieven nottebaere — Dezember 21, 2009 @ 12:47 pm

  3. Wir saßen in der 3. Reihe am gleichen Premierenabend und spürten keinerlei Zugluft oder Kälte, hörten allerdings hinter einmal jemanden, der sein Nießen mehrmals hintereinander unterdrückte.
    Wir sind allerdings schon über Siebzig und sicher den Temperaturen gemäß im Winter anders gekleidet.
    Gute Besserung!

    Comment by Gerhart Ehrlicher — Dezember 21, 2009 @ 4:54 pm

  4. Vielen Dank für all die Besserungswünsche! Gestern schniefend im Cuvilliéstheater (Premiere “Ritter, Dene, Voss”) – immerhin: Da war es warm.

    Comment by Christine Dössel — Dezember 21, 2009 @ 4:56 pm

  5. Liebe Kritikerin,
    ich glaube, es ist nicht die Zugluft gewesen, sondern eine Tröpfcheninfektion, die Sie niedergestreckt hat. Anfang 2008 habe ich mir in den Kammerspielen eine Grippe eingefangen. Ich konnte die Tröpfchen damals förmlich spüren, als sie von der Bühne regneten. Im Laufe des Stücks wurde mir heiß. Gegen Ende habe ich gefroren oder was war der kalte Schauer? Ich könnte Namen nennen. Aus wessen Mund der gefährliche Nebel niedergegangen ist. Aber das würde Folgen haben. Stellen sie sich vor: Der Schauspieler wäre wirklich krank gewesen damals. Und wenn dann rauskäme, derselbe Virus. Der den ich danach hatte. Dann wäre Theater ansteckend!
    Die vorderen Reihen, 1, 2, 3, 4, 5, die direkt im Spuck- und Speibereich der Bühne liegen, müssten vorgewarnt werden. Warnschilder, Handzettel, Durchsagen. Nein! Schutzzonen müssen her. Besser! Eine Glasscheibe wird die Kranken von den Gesunden trennen. Das reicht nicht! Es muss anders inszeniert werden. Ja! Schauspieler, geht nicht so nah ran an den Bühnenrand, an die Zuschauer und wenn – die Hand vorm Mund! Gefälligst! Sprecht ohne Sprühnebel! Unbedingt! Und am Ende, wenn ihr euch vorbeugt, im Chor: Gute Besserung! Und ab von der Bühne. Nach Hause. Zuhause bleiben. Quarantäne.
    Das Theater wäre tot.
    So macht es Sie nur ein wenig krank. Sie überstehen‘s und gesunden. Vielleicht. Hoffentlich! Also: Theater statt Grippeimpfung! Nur weiter hinein, nur Mut und nicht zu warm ziehen.

    Comment by MO — Dezember 27, 2009 @ 8:33 pm

  6. Lieber MO,

    Sie haben vielleicht gar nicht so unrecht mit Ihrer Tröpfcheninfektionsdiagnose. Zwar sitzt man in Reihe 5 schon im geschützteren Zuschauerbereich und sollte eigentlich meinen, dass man dort den Spuckattacken gewisser Schauspieler nicht direkt ausgesetzt ist – aber was weiß man schon über die Reichweite und die genauen Flugbahnen von Speichelpartikeln … Sie Armer sind ja selber Opfer davon geworden. Ich rate Ihnen: Meiden Sie auf alle Fälle die vorderen Reihen des Münchner Volkstheaters, denn auf dieser Bühne gibt es den derzeit auffälligsten Schauspiel-Spucker. Ja, auch ich könnte den Namen nennen … aber das ist überhaupt nicht nötig, denn der Sprühregen des jungen Herrn ist weithin sichtbar – meistens hat er dann auch noch, wie in “Hamlet”, Großmaulrollen. Sie können sich vorstellen, was das bedeutet! Betroffen sind allerdings vornehmlich seine Bühnenpartner, denen unsere eigentliche Besorgnis gelten sollte.
    Was nun aber generell die Ansteckungsgefahr im Theater angeht, so muss ich sagen: Die ist absolut gegeben! Mich hat der Virus ja schon vor vielen Jahren erwischt, und selbst die langweiligsten Aufführungen konnten ihn bisher nicht ausmerzen. Es ist chronisch. Da kann man nichts machen.
    Theater hat, wenn es gut ist, Nebenwirkungen. In diesem Sinne: Lassen Sie sich anstecken!

    Comment by Christine Dössel — Dezember 28, 2009 @ 11:44 pm

  7. Ja, das ist so eine Sache mit den vermeintlichen Kritikerplätzen… ;-)

    Wie war denn die eigentliche Premiere von “Von morgens bis mitternachts”?

    Comment by Der Spielplan — März 10, 2010 @ 8:52 pm

  8. Wie die Premiere war, konnte man in meiner Kritik lesen. Ist ja sowieso nur eine Alibifrage, Hauptsache, Sie konnten Ihren Spielplan-Link hier mal postieren. Wohl bekomm´s!

    Comment by Christine Dössel — März 10, 2010 @ 11:12 pm

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