31.12.09 | 13:41 | Theater | Kommentare 0 Kommentare

Das Theaterjahr 2009

Aus gegebenem Anlass ein Rückblick

DIE TOTEN

2009 war nicht nur das Jahr, in dem Michael Jackson, die Glühbirne und die Klementine aus der Waschmittelwerbung gestorben sind – auch im Bereich Theater gab es viele Tote, allzu viele. Ich habe in diesem Jahr mehr Nachrufe geschrieben als je zuvor. Das macht keine Freude, glauben Sie mir. Manchmal ging mir der Tod der betreffenden Person erst am nächsten Tag so richtig nah, wenn der Artikel geschrieben und der Kopf wieder frei von werbiographischen Details und Einordnungen war. Die famose Ruth Drexel, den distinguierten Jürgen Gosch, den ebenso großen wie großspurigen Peter Zadek habe ich nicht nur durch ihre Arbeiten, sondern auch persönlich gekannt, und den Sonntagmorgen im März 2007, als der herrliche Traugott Buhre an einem Hotelfrühstückstisch in Bensheim mit rauchiger Stimme Anekdoten zum besten gab, werde ich bestimmt nicht vergessen. So wie all diese Künstler (hoffentlich) nicht vergessen sein werden.

Gert Jonke (+ 4. Januar, österreichischer Dramatiker und Autor)

Ruth Drexel (+ 26. Februar, bayerische Löwin, Schauspielerin, Intendantin, Regisseurin – und Heldin des Münchner Volkstheaters)

Augusto Boal (+ 2. Mai, brasilianischer Regisseur und Theatertheoretiker, Begründer des “Theaters der Unterdrückten”)

Fritz Muliar (+ 4. Mai, Wiener Volksschauspieler, Querkopf und legendärer Schwejk-Darsteller)

Gisela Stein (+ 4. Mai, Tragödin an den Münchner Kammerspielen und am Bayerischen Staatsschauspiel unter Dieter Dorn)

Monica Bleibtreu (+ 13. Mai, wunderbare Charakterschauspielerin mit später Filmkarriere)

Karl-Michael Vogler (+ 9. Juni, Bühnen- und viel beschäftigter Filmschauspieler)

Jürgen Gosch (+ 11. Juni, zuletzt der beste, wichtigste und stilbildendste zeitgenössische Theasterregisseur)

Jörg Hube (+19. Juni, bayerischer Schauspieler, Herzkasperl und Kabarettist)

Hanne Hiob (+ 23. Juni, Brecht-Tochter, Schauspielerin, politische Aktionistin)

Pina Bausch (+ 30. Juni, weltberühmte Choreographin und Königin des modernen Tanztheaters)

Merce Cunningham (+ 26. Juli, amerikanischer Choreograph – eine Ballett-Legende)

Traugott Buhre (+ 26. Juli, begnadeter Charakterschauspieler, unvergessen als Bruscon in Thomas Bernhards “Der Theatermacher”)

Peter Zadek (+ 30. Juli, Regielegende, Zampano und notorischer Provokateur – einer der berühmtesten Theaterregisseure überhaupt)

Markus Luchsinger (30. Juli, Schweizer Theaterleiter, zuletzt Intendant in Chur)

Otomar Krejca (+ 6. November, legendärer Prager Regisseur und Intendant)

Kurt Wilhelm (+ 25.12., Münchner Autor und Regisseur, schuf die unverwüstliche Bühnenfassung “Der Brandner Kaspar und das ewig´Leben” nach der Vorlage von Franz von Kobell)

Franz Lehr (+ 25.12., Bühnen- und Kostümbildner)

DIE ÜBERLEBENDEN

Christoph Schlingensief: Seine Krebserkrankung zeichnete das Theaterjahr. Schlingensiefs hochpersönliches Fluxus-Oratorium “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” war der Höhepunkt bzw. das Hochamt des Berliner Theatertreffens. Zuvor hatte er mit “Mea Culpa” am Burgtheater Wien den Folgeteil seines Krebstheaters als therapeutisches Gesamtkunstwerk inszeniert – und feierte darin schon wieder seinen Überlebenswillen. Sein geplantes Opernhaus in Burkina Faso ist jetzt auch gebongt (siehe Blog-Eintrag “Weihnachtspost von Schlingensief” vom 21. 12).

Johannes Heesters: ist am 4. Dezember 106 geworden und will auch 2010 wieder auf die Bühne: Regisseur Dieter Wedel – im Vergleich zu Joopi mit seinen 70 Jahren noch ein Jungspund – will Heesters einen Part in seinem neuen Theaterstück “August der Starke und seine Liebe zu Gräfin Cosel” geben, das im August in Dresden herauskommen soll.

DIE BESTEN (gemäß der Kritiker-Umfrage in “Theater heute”)

Theater des Jahres wurden, völlig zurecht, die Münchner Kammerspiele, denen Intendant Frank Baumbauer vor seinem Abschied noch mal eine Glanzspielzeit beschert hat

Inszenierung des Jahres: Jürgen Goschs lebensnahe und sterbenstraurige Tschechow-Inszenierung “Die Möwe” am Deutschen Theater Berlin

Bühnenbild des Jahres: das riesige, rotierende Auge (des Gesetzes), auf dem Andreas Kriegenburg an den Münchner Kammerspielen Kafkas “Der Prozess” inszeniert hat – er hat diese faszinierende Pupillen-Drehscheibe selbst entworfen.

Schauspielerin des Jahres: Für die meisten war das Birgit Minichmayr in Karl Schönherrs “Der Weibsteufel” – eine Inszenierung von Martin Kusej für das Burgtheater Wien, gefeiert beim Berliner Theatertreffen

Schauspieler des Jahres: Die meisten Voten erhielten Alexander Scheer (als Kean an der Berliner Volksbühne) und Joachim Meyerhoff für seine Rollen am Burgtheater Wien. Für mich persönlich waren es Lars Eidinger (als Moppel-Hamlet an der Berliner Schaubühne) – und, aber das gilt fast immer: der tolle André Jung von den Münchner Kammerspielen.

Stück des Jahres: “Rechnitz” von Elfriede Jelinek über ein NS-Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern – uraufgeführt an den Münchner Kammerspielen in einer brillanten, wahnsinnig nahegehenden Inszenierung von Jossi Wieler.

Ärgernis des Jahres: das populistische Fernsehformat “Preiskampf”, in dem 3sat und der ZDFtheaterkanal während des Theatertreffens von einer vierköpfigen Jury live den 3at-Preisträger ermitteln ließen. Claus Peymann gab dabei den Dieter Bohlen – und setzte sich natürlich durch.

DIE AUFREGER

Volker Lösch: Mit seiner Inszenierung “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden” am Deutschen Schauspielhaus Hamburg erregte er die Gemüter, löste Zorn und Proteste (nicht zuletzt der Hamburger Kultursenatorin), aber auch Beifallsstürme im Publikum aus. Ein Chor aus Arbeitslosen liest darin die Namen der reichsten Hamburger vor – und ruft am Ende gar zum Widerstand auf: “Bomben in Sexshops!”, “Hamburg soll brennen!”, “Das Geld ganz abschaffen!”Löschs wütendes Agit-Prop-Theater bleibt weiterhin umstritten, was auch die Reaktionen auf seine jüngste Inszenierung, “Berlin Alexanderplatz” an der Berliner Schaubühne (mit einem Häftlings-Chor), zeigen.

28.12.09 | 16:16 | Dies & das | Theater | Kommentare 0 Kommentare

Kräftige, schöne Männer gesucht!

Das Berliner Ensemble hat ein Problem, das viele Frauen nur zu gut kennen: Es sucht „kräftige und gut aussehende Männer“ im Alter von 18 bis 45 Jahren. Tja, liebes BE, leicht wird das nicht! Auch wenn das Einsatzgebiet der Supermänner hier stark beschränkt und klar umrissen ist: Sie sollen in Peter Steins Sophokles-Inszenierung „Ödipus auf Kolonos“ die Soldaten spielen. In der Titelrolle wird Klaus Maria Brandauer zu sehen sein.

Das Casting für die Soldaten-Rollen ist am 2. Januar um 19.00 Uhr. Treffpunkt ist im Gartenhaus des Berliner Ensembles – das klingt zwar nach einem lauschigen Stelldichein, aber wer den Miesepeter Stein kennt, weiß: Er kann durchaus den Dieter Bohlen!

Die Proben für die Statisten sind den Angaben des Theaters zufolge in der Zeit vom 15. Juni  bis 8. Juli 2010 und dann wieder ab 23. August im Berliner Ensemble. Die Berliner Premiere ist für den 25. August angekündigt. Zuvor kommt die Inszenierung bei den Salzburger Festspielen heraus (Premiere: 26. Juli auf der Pernerinsel).

Kontakt unter 030/28408-153 und statisten@berliner-ensemble.de

28.12.09 | 12:17 | Fernsehkultur | Musikalitäten | Nicht verpassen | Kommentare 10 Kommentare

Die schönste Oper aller Zeiten

Persönliche Bestenlisten anzulegen, macht Spaß und durchaus auch Sinn, wie wir nicht erst seit Nick Hornbys Roman “High Fidelity” wissen. Egal, ob man seine „Top Five in Brüche gegangener Beziehungen“ festlegt, wie Hornbys Romanheld Rob Gordon, oder sich in leidenschaftlicher Selbstbefragung zu zehn Lieblingfilmen oder Lebensbüchern durchringt – es verlangt Entscheidungsfreude und Bekennertum, man muss Prioritäten setzen, und das schafft Ordnung im Herzen und im Hirn. Es kann natürlich auch in einen ultimativen Chartshow-Wahnsinn ausarten (“Die erfolgreichsten Cover-Songs/ Rock Classics/ Casting-Stars/ Grand-Prix-Songs/ Après-Ski-Hits/ Rock-Pop-Christmas-Songs etc. … aller Zeiten”), wie ihn etwa RTL seit Jahren in endlosschleifender Fortsetzungsbeliebigkeit betreibt.

Jetzt hat auch das Kulturfernsehen das Prinzip Hitparade entdeckt. Nachdem bereits ARTE 2008 den größten Dramatiker aller Zeiten wählen ließ (die Wahl fiel selbstverständlich auf Mister Shakespeare), zeigt 3sat im Verbund mit dem ZDFtheaterkanal “Die schönsten Opern aller Zeiten” – mit dem Ziel, die allerschönste zu küren. Es sei, so loben sich die Sender, “ein Schwerpunkt zum Thema Opern, wie es ihn in dieser Dichte und Qualität im Fernsehen noch nie gegeben hat”.

Zehn Opern, die in einer Vorauswahl per Zuschauerabstimmung ermittelt wurden, stehen zur Auswahl, als da wären:

Die zehn Werke werden zur Zeit auf 3sat, dem ZDFtheaterkanal und auf dem Kabelmusiksender Classica in verschiedenen Inszenierungen ausgestrahlt, davor gibt es jeweils eine Dokumentation zur Einführung in die entsprechende Oper. Bildungsfernsehen par excellence.

Wagners “Lohengrin” in der Inszenierung von Richard Jones an der Bayerischen Staatsoper machte am Samstag den Anfang, gefolgt von der Strauss-Oper “Der Rosenkavalier” am gestrigen Sonntag. Heute geht es weiter mit Beethovens “Fidelio” in einer Inszenierung von Pierluigi Pier’Alli (Valencia 2006). Musikalische Leitung: Zubin Mehta. Mit Peter Seiffert, Waltraud Meier, Matti Salminen. Erstausstrahlung auf 3sat um 20.15 Uhr.  Die Einführung beginnt um 19.20 Uhr.

Hier noch ein schneller Programmüberblick über die nächsten Operntermine auf 3sat:

Di, 29. 12.: Puccini “Tosca”

Mi, 30.12.: Verdi “Aida”

Fr, 01.01.: Mozart “Don Giovanni” (es handelt sich um Martin Kusejs Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 2006, mit Thomas Hampson und Christine Schäfer)

Sa, 02.01.: Puccini “La Bohème” (Robert Dornhelms empfehlenswerte Opernverfilmung mit Anna Netrebko und Rolando Villazón, hab ich neulich erst im TV gesehen)

So, 03.01.: Mozart “Die Zauberflöte”

Mo, 04.01.: Bizet “Carmen”

Di, 05.01.: Verdi “La Traviata” (Willy Deckers gerühmte Inszenierung für die Salzburger Festspiele 2005 – mit dem Operntraumpaar Netrebko und Villazón)

Die “schönste Oper aller Zeiten” wird in einer großen Finalshow am Samstag, den 9. Januar um 20.15 Uhr live in 3sat
ermittelt (Wiederholung am 10. Januar, 19.40 Uhr im ZDFtheaterkanal).  Abstimmen können Sie hier, wenn Sie auf das rote “Voting”-Fenster klicken.

Fragt sich nur, wie das Kritierium “schön” zu handhaben ist. Was macht eine Oper zur “schönsten”? Wenn sie, wie bei Mozart, viele Noten und einen märchenhaften Zauber oder wenn sie, wie bei Verdi, ein trauriges Frauenschicksal zum Thema (und am besten noch die Netrebko in der weiblichen Hauptrolle) hat? Zählen die Tränen, die man dabei unterdrückt oder die Arien zum Mitsummen? Ich will damit sagen: “Schön” ist als Wettbewerbs-Kriterium natürlich ein Quatsch, wir sind hier schließlich nicht bei einer Miss-Wahl. Es kann bei diesem Opern-Ranking allenfalls um Beliebtheit gehen.

Daher mein Tipp: Mozarts “Zauberflöte” wird das Rennen machen – vor Verdis “La Traviata”. Gemäß der Statistik des Deutschen Bühnenvereins war “Die Zauberflöte” im vergangenen Jahrzehnt die meistgespielte Oper in Deutschland und auch weltweit steht sie ganz oben auf der Beliebtheitsskala.

24.12.09 | 11:04 | Off-Office | Kommentare 0 Kommentare

Früher war mehr Lametta …

Fröhliche Weihnachten allen Lesern unseres kleinen Kultur-Blogs!                                          Für mehr Lametta!

23.12.09 | 13:59 | Dichtung & Wahrheit | Literatur | Kommentare 0 Kommentare

Weihnachts-Haiku

In unserer kleinen lyrischen Reihe zur Förderung der japanischen Gedichtform heute ein Weihnachts-Haiku meines fränkischen Landsmannes Fitzgerald Kusz (eines, das die klassische Haiku-Form in aller Gemütsruhe sprengt):

in dä warmä boodwannä hoggn
„here comes the sun“ vo di beatles horng
und enn schdernlässchbeiä oozindn

Hochdeutsche Roh-Übersetzung:

in der warmen badewanne sitzen
“here comes the sun” von den beatles hören
und eine wunderkerze anzünden

Mit herzlichem Dank an www.beatstories.de

22.12.09 | 14:41 | Kollegialitäten | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Matusseks Suchtblogger-Dramolett

Matthias Matussek vom Spiegel ist ja im Grunde ein verhinderter Theaterkritiker. In seinem wöchentlichen Videoblog auf Spiegel online lebt er daher nicht nur sein kulturjournalistisches Ego, sondern vor allem auch seine Leidenschaft für die Bühne aus, die ihm die verhassten Ekel- und Regietheaterfritzen so oft vergällen. Diese Regie-Rabauken können ihn alle mal! In seinem Blog schafft Matussek seine eigenen, garantiert texttreuen Inszenierungen – mit sich selbst als Autor und Hauptdarsteller. Inzwischen ist er in der Kunst der Selbstinszenierung derart vorangeschritten, dass er seine Solonummern zu richtigen Einaktern ausbaut und dafür schon mal Nebendarsteller engagiert, welche er sogar zu Wort kommen lässt. Na ja, zumindest dann, wenn er glaubt, dass sie, wie BILD-Chef Kai Diekmann, seinem Format entsprechen. Mit dem aktuellen Video-Dramolett “Jahrestreffen der Anonymen Blogger” ist somit ein veritabler Schwank von ebenso selbstironischer wie zeit(ungs)diagnostischer Qualität entstanden.

Gekonnt spielt der Regisseur mit der Krankheit als Metapher, um gerade dadurch die Suchtblogger als die Superblogger und sich selbst als den Oberblogger zu entlarven – wobei Rollen-, Sitz-  und Textverteilung seiner ehrenwerten Herrenrunde keinen Zweifel daran lassen, dass es neben ihm, Matussek, allenfalls einen geben kann: BILD-Blogger Diekmann, dessen Redaktionskonferenzraum nicht von ungefähr als Bühnenbild dient. Dass er die Kollegen Harald Martenstein, Jan Fleischhauer, Alan Posener und Christoph Schwennicke dennoch als willige Statisten gewinnen konnte, indem er sie offensichtlich bei ihrem Alphatierrudelinstinkt zu packen wusste, spricht für Matusseks Besetzungskunst. Auch wie hier die Nichtrepräsentanz von Frauen kritisch unterlaufen und durch eine blonde Vorzeige-Sekretärin im amerikanischen Serienstil aufgefangen wird, muss man dem Stück als gendertechnische Volte anrechnen. Wäre natürlich noch ausbaufähig …

21.12.09 | 16:01 | Geht doch! | Kommentare 0 Kommentare

Weihnachtspost von Schlingensief

Frohe Botschaft von Christoph Schlingensief: Der krebskranke Regisseur ist, den Umständen entsprechend, bei guter Verfassung. Und glücklich ist er auch, hat er doch endlich, nach langer Suche,  in Burkina Faso den Ort gefunden, an dem sein Projekt “Ein Festspielhaus in Afrika” realisiert werden soll.

Hier sein Weihnachtsbrief, den er über das Goethe-Institut veröffentlichen ließ:

Liebe Freundinnen und Freunde des Operndorfes in Burkina Faso!

Es ist soweit, im Januar 2010 beginnt der Bau des Operndorfs in Burkina Faso. Die dortige Regierung hat uns ein wunderbares, spirituell aufgeladenes Gelände von 6 ha Größe übergeben. Mein Freund Francis Kere aus Burkina Faso hat die Pläne fertig gestellt. Er benutzt einheimische Materialien. Viele Freiwillige aus Burkina Faso sorgen für die Realisierung. Zunächst wird die Schule gebaut für 500 Kinder und Jugendliche, mit der Besonderheit, dass es Film- und Musikklassen gibt. Der Theatersaal, von der Ruhrtriennale gestiftet, ist bereits in Containern verpackt auf dem Weg zur Verschiffung. Die Weihnachtszeit ist für mich in diesem Jahr wirklich eine fröhliche Zeit, zumal auch meine Medikamente zur Zeit prächtig wirken und die Metastasen im verbliebenen rechten Lungenflügel zum Verschwinden gebracht haben. Wir haben Spenden bekommen, die nicht nur den Bau des Operndorfes ermöglichen, sondern auch seinen Betrieb für eine gute Weile absichern können. Ich danke dem ehemaligen Außenminister, dem Goethe-Institut, der Kulturstiftung des Bundes, Henning Mankell als Helfer der ersten Stunde, Herbert Grönemeyer, Roland Emmerich und vielen anderen für ihre unglaublich großzügige Unterstützung, und nicht zuletzt danke ich auch der Agentur Jung von Matt und der Wochenzeitung “Die Zeit”, die uns die Weihnachtsausgabe ihres gesamten Feuilletons zur Verfügung gestellt hat, das am 22. Dezember erscheint und umfassende Informationen enthält über Anfänge, Gründe und Hintergründe unseres Projekts.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Weihnachtsfest!
Ihr Christoph Schlingensief

Mehr zu “Ein Festspielhaus in Afrika” und die Möglichkeit, das Projekt mit einer Spende zu unterstützen, unter www.festspielhaus-afrika.de

20.12.09 | 18:13 | Kritikerfrust | Theater | Kommentare 8 Kommentare

Gesundheitsrisiko Theater

Da duscht man jeden Morgen mindestens eine Minute lang kalt, um seine Abwehrkräfte zu stärken; da zieht man sich, allen Überdosierungswarnartikeln des geschätzten Kollegen Werner Bartens zum Trotz,  jede Menge Vitamine in Apfel- und Kapselform rein, um den Widerstandskampf gegen gemeine Erreger und Radikale aufzunehmen; da fährt man, sofern es nicht stürmt und schneit, tagaus, tagein mit dem Rad in die Arbeit, um sich zu stählen und die Virenschleudern in der S-Bahn vom Leib zu halten; da hat man also der Herbst- und der Schweinegrippe und allen sonstigen saisonalen Infekten erfolgreich getrotzt, kommt putzmunter und pumperlgesund aus dem Urlaub zurück – und dann sitzt man im Theater und wird augenblicklich krank! Nein, ich meine hier nicht: krank vor Langeweile, sondern ich meine die Erkältung, die ich mir gestern bei der Premiere von Georg Kaisers “Von morgens bis mitternachts” im Münchner Residenztheater zugezogen habe.

Parkett, Reihe 5, Platz 126: ein Kritikerplatz. Während der Aufführung wird es kalt und kälter, es zieht die ganze Zeit, man spürt den Lufthauch wehen. Haben die in der bisher kältesten Nacht des Jahres tatsächlich die Klimaanlage an, oder was ist hier los? Ich fühle förmlich, wie es in mir keimt und wie die Viren werkeln. Die Augen tränen, ich fange zu niesen an, einmal, nochmal, wieder und wieder. Meinen Schal habe ich im Vertrauen auf einen vernünftig beheizten Theaterraum an der Garderobe abgegeben, ich kann nur noch schützend den Kragen meiner Weste hochziehen und mit der linken Hand, mit der ich nicht mitschreibe, am wehen Hals zusammenhalten. Zwei Stunden ohne Pause. Es gibt kein Entkommen, schon gar nicht für eine Kritikerin. Am Ende ist der Kopf dumpf und die Nase zu, ich schniefe und niese. Meine Sitznachbarin wünscht mir zum Abschied: “Gute Besserung!”

Das Theater gesund betreten – und mit Erkältung verlassen. Ich bin in jeder Hinsicht verschnupft! Gehört das zum Berufsrisiko – oder ist das eine neue Art, sich an unliebsamen Kritikern zu rächen?

Eines ist klar: Der Kampf gegen Zugluft und amerikanische Kühlschrank-Klimatisierung, den ich den ganzen Sommer über mit der Deutschen Bahn und leider auch gegen die neue, supereinsatzbereite Klimaanlage in den Münchner Kammerspielen führen musste – er geht weiter! Nieder mit den Kältestuben! Für mehr Wärme im Theater!

17.12.09 | 22:10 | Kollegialitäten | Musikalitäten | Nicht verpassen | Kommentare 0 Kommentare

Deadline!

Die Deadline ist für Journalisten gemeinhin ja ein Graus: sitzt einem im verspannten Nacken und löst Adrenalinschübe aus. Nicht so bei der SZ: Da hat der Terminus buchstäblich einen sehr erfreulichen Klang, ja, es gibt sogar eingefleischte Deadline-Fans, die voll darauf abfahren, denn wenn bei uns ein Deadline-Termin ansteht, bedeutet das alles andere als Stress – dann rockt hier die Redaktion!

15 Kollegen, die nicht nur des gehaltvollen Schreibens, sondern auch des ungehemmten Musizierens mächtig sind, bilden jene ressortübergreifende Band, die sich im Spätsommer letzten Jahres spontan gegründet hat, als es darum ging, das Abschiedsfest zum Auszug der “Süddeutschen” aus der Sendlinger Straße zu gestalten. “The Last Time” von den Rolling Stones war damals der sentimentale Höhepunkt, aber auch mit Rockklassikern wie “Me and Bobby McGee”, “Time Warp” oder “Brown Sugar” heizten einem die Deadliners – darunter meine Feuilletonchefs Andrian Kreye (Saxophon) und Thomas Steinfeld (Bass) – ganz schön ein.  Mannomann, war das eine Stimmung! Was als einmaliger Auftritt unter Kollegen und Freunden gedacht war, stieß auf eine derartige Begeisterung, dass das Fortbestehen der Band geradezu eingefordert wurde. Im neuen Hochaus hat man den Redaktionsrockern sofort einen Probenraum eingerichtet, und als Deadline in diesem Sommer bei der “SZ-Nacht der Autoren” auftrat, waren alle ganz aus dem Hochhäuschen.

Wer erleben möchte, wie die SZ abgeht, wenn sie rockt, hat an diesem Wochenende auf dem Münchner Winter-Tollwood-Festival Gelegenheit dazu: Am Samstag, 19. Dezember, gibt die Redaktionsband ab 19.30 Uhr  im Weltsalon auf der Theresienwiese ihr (mittlerweile bereits zweites) Tollwood-Benefizkonzert. Der Eintritt ist frei, es wird jedoch um Spenden für die Aktion “Zivilcourage statt Zivilblamage” der Lichterkette e.v. gebeten. Deadline-Coverhits wie “Summertime”, “You can leave your hat on” oder “Summer of ´69″ sind ebenso garantiert wie die bayerisch-souveräne Coolness von Bandleader Karl (“Charly”) Forster, der als “James Last der SZ” seine Truppe fast so gut im Griff hat wie die Tastatur seiner Hammondorgel. Als Gast an der Gitarre präsentiert Deadline diesmal Mister Conrad Tribble, den US-Generalkonsul in München. Rhythm ist it – und Dabeisein ist alles!

Toi toi toi, liebe Kollegen, Ihr seid großartig!

16.12.09 | 18:52 | Geht gar nicht | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Von Frauen für Frauen?

Die Filmkritikerin der New York Times, Manohla Dargis, hat in einem Artikel das Thema Frauen in Hollywood sehr kompakt zusammengefasst – warum 2009 zwar, was Frauen und das amerikanische Kino betrifft, ein guter Jahrgang war, es aber trotzdem keinen Grund zum Jubeln gibt. Es gab in diesem Jahr eine ganze Reihe von Filmen, die für die wichtigen amerikanischen Filmpreise, Oscars inklusive, in Frage kämen, und Kathryn Bigelows ´The Hurt Locker` hat auch schon ein paar kleinere Auszeichnungen bekommen. Aber der erste Regieoscar für eine Frau ist wohl trotzdem noch weit weg.
Was Dargis aufgeschrieben hat, ist alles nicht neu – vor ein paar Jahren waren tatsächlich die Hälfte aller wichtigen Studiochefs Frauen, und es hat nichts genützt. Die Spielregeln für Frauen bleiben völlig andere. Dargis vergleicht Michael Mann und Kathryn Bigelow – wie lange man wegen eines Flops auf die Reservebank muss, ist offensichtlich unter anderem eine Frage des Geschlechts. Man könnte aber auch Elaine May mit irgendwem vergleichen, denn die hat, weil ihr ´Ishtar´in den Achtzigern absoff, nie wieder Regie geführt.

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