Bitte nicht berühren!
Es ist ein hartes Los, die Ai Weiwei-Ausstellung “So sorry” im Münchner Haus der Kunst zu besuchen. Wie sehr laden die eindrucksvollen Exponate des chinesischen Künstlers doch ein, sie anzufassen, zu betasten, zu befühlen, daran entlang zu streicheln, sie zu spüren! Aber es gilt, wie immer im Museum, das Verdikt “Don´t touch!” Das ist ja schon ein bisschen bitter, um nicht zu sagen: unbefriedigend. Diese Riesenschale mit den Süßwasserperlen zum Beispiel: Ist sie nicht geradezu eine Aufforderung, hineinzugrapschen, mit beiden Händen reinzuwühlen, die Perlen durch die Finger gleiten zu lassen und gerade dadurch ein Gefühl dafür zu bekommen? Oder gleich daneben, dieser Ameisenhügel aus Sonnenblumenkernen, alle handgefertigt aus Porzellan: eine einzige haptische Verführung! Aber nein: anfassen strengstens verboten! Und die Aufseher wachen mit Argusaugen darüber, dass der Tastsinn auch ja mit niemandem durchgeht. So sorry! Das einzige, was sie einem erlauben: an dem Kubus aus einer Tonne gepressten Tees zu schnuppern. Und ja, tatsächlich: Man hat so was Earl-Grey-Artiges in der Nase.

Sonnenblumenkerne, handgefertigt aus Porzellan. Bloß nicht reinfassen!
Auch einer der 100 Baumwurzelstämme aus der Installation “Rooted upon” in der großen Ausstellungshalle riecht – und zwar erdig und feucht-frisch -, aber es riecht wirklich nur dieser eine, wie uns ein Aufseher erklärt, was wir ihm mal glauben wollen (wir haben das nicht an allen 100 Baumstrünken nachgeprüft). Aber kaum tritt man näher an die Stämme heran und spürt dieses weiche, flauschige Polstergefühl unter den Füßen, wird man schon wieder zurückgepfiffen: Teppich betreten verboten! Dabei fühlt es sich wirklich gut an, plötzlich von den harten Fliesen auf den “Soft Ground” zu treten, den Ai Weiwei eigens für diese Ausstellung hat fertigen lassen: 380 m² textile Flauschfläche, auf der die 969 Solnhofener Fußbodenplatten des Raums originalgetreu nachgebildet sind, mit all ihren Schattierungen und Abnutzungserscheinungen. Jede einzelne Steinplatte wurde dafür vorher abfotografiert und dann mit chinesischer Kopierfertigkeit in der Provinz Hebei nachgewoben.

Installation "Rooted upon" auf Teppichboden ("Soft Ground"). Betreten verboten!
Was wird mit diesem Teppich eigentlich nach der Ausstellung geschehen? Und darf man ihn saugen? Der Aufseher mit dem russischen Akzent hat das Betreten-Verbot jedenfalls so begründet: “Erstens: ist Kunst. Und wenn dreckig, man muss putzen.”
Hier noch der Link zum Ai Weiwei Blog vom Haus der Kunst. Jeder kann mitbloggen.
3 Kommentare »
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Christine, ich empfehle Dir “früh” aufzustehen, dann riechst Du die Bäume wirklich, danach vermischt sich der Geruch mit dem der vielen Besucher. Die Ausstellung öffnet um 10 Uhr
Comment by jonny — Dezember 15, 2009 @ 3:28 am
Das Motto “Bitte nicht beruehren” gilt nur fuer die niederen Besucher. Als ich letzten Sonntag die ausgezeichnete Ausstellung besuchte, konnte ich beobachten, wie sich ein Besucher einen der Sonnenblumenkerne aus dem Haufen herauspickte und diesen seinen Begleitern zeigte. Die Aufpasserin, die den Besucher nur von hinten gesehen hatte, sprang panisch dazwischen und schrak aber zurueck, als sie das Gesicht des Besuchers erblickte. Es handelte sich um Chris Dercon, den Direktor des Hauses. Die Aufpasserin entschuldigte sich vielmals und unterwuerfigst, wurde von Herrn Dercon jedoch fuer ihr Einschreiten gelobt. Die umstehenden Besucher waren zum Großteil sehr irritiert von dem Vorgang. Quod licet Iovi, non licet bovi??
Ich muss dem Blog-Eintrag zustimmen: Die Ausstellungsstuecke verfuehren zur Interaktion. Ich meine, dies waere auch durchaus im Sinne von Herrn Ai Weiwei. Wie spannend waere es, wenn man die Besucher (vor allem die Kinder!) auf die Sonnenblumenkerne losließe. Waeren die Kerne am Ende eines Tages auf die gesamte Ausstellung verteilt? Wuerden sie auf den anderen Ausstellungsstuecken liegen? Haetten sich viele kleine Haufen gebildet?
Auf einer der Tafeln in der Ausstellung wird Ai Weiwei mit folgenden Worten zitiert: “Es ist spannend fuer mich, wenn ich nur sehr vage die Kontrolle behalte oder sie sogar ganz aufgebe, irgendwohin verschwinde und schaue, wie weit die Arbeit von alleine gedeiht…”.
Vielleicht sollten sich die Macher der Ausstellung ihre eigenen Info-Tafeln mehr zu Herzen nehmen und ueberlegen, was im Sinne des Kuenstlers ist. Zumindest aber sollten sie das Prinzip “Gleiches Recht fuer alle” beherzigen und sich nicht Rechte herausnehmen, die den ordinaeren Besuchern nicht gewaehrt werden.
Im uebrigen aber vielen Dank fuer die tolle Ausstellung.
MfG,
Martin
Comment by Martin — Januar 19, 2010 @ 1:56 pm
An sich n cooler post, aber kannst beim nächsten mal n bisschen detailierter sein?
Comment by rulett stratégiák — Februar 5, 2010 @ 1:30 am