15.11.09 | 23:53 | Kritikerin unterwegs | Kommentare 1 Kommentar

Zug der Zeit

Wien, Hotel Regina. WLAN nur in der Lobby, und man muss dafür bezahlen. Sei´s drum. Ich muss unbedingt noch was zu einem meiner Lieblingsthemen loswerden: den Speisewagen. Ich bin ja eine große Anhängerin dieser kultivierten Form des Essens auf Rädern. Ich fördere den Speisewagen, sofern es ihn überhaupt noch gibt, durch regelmäßigen Konsum und trage so hoffentlich zu seinem Überleben bei. Auf meinen Theaterreisen reserviere ich meistens gar nicht erst einen Platz, sondern setze mich direkt in das „Bordrestaurant“, wie man das heute nennt, und verpflege mich auf diese zugegeben nicht ganz billige Weise. Und wenn das Angebot der deutschen Regionalspitzenköche des Monats mal wieder zu hausmannsköstlich ist … der Salat mit Thunfisch geht immer.

Dass der Speisewagen bei der Deutschen Bahn Zug um Zug zu einer Schrumpfform der Gattung verkümmert, bestehend aus vier ordinären Vierertischen, die aussehen wie Sitzplätze in einem ganz normalen Abteil, halte ich für ein Unding. Aber es gibt ja immer noch die Züge nach Wien – mit ihren herrlich altmodischen, atmosphärischen, ja geradezu klassisch stilvollen Speisewagen, in denen sich auch die österreichische Küche kein bisschen lumpen lässt. Und in denen man eine Melange serviert bekommt, die schmeckt. Tu felix Austria … in Österreich fängt die Essens- und Kaffeehauskultur halt schon mit der Anreise an.

Klassischer österreichischer Speisewagen, aufgenommen im Frühjahr auf dem Weg von München nach Wien. Der Herr rechts im Bild ist zufälligerweise Sepp Bierbichler.

Klassischer österreichischer Speisewagen, aufgenommen im Frühjahr auf dem Weg von München zu Schlingensiefs "Mea Culpa" in Wien. Der Herr rechts im Bild ist zufälligerweise Sepp Bierbichler.

Doch, ach, selbst das droht zu verkommen! Es gibt jetzt diese neumodischen „railjets“ der ÖBB, die sich „modernster Ausstattung, höchsten Komforts und eines zeitgemäßen Designs“ rühmen. Ich bin mit einem angereist, dem „railjet 67 München – Budapest“.  Es gibt darin ein Drei-Klassen-System: First, Premium, Economy. Wobei man in der Premium und First „Class“ (wer spricht denn noch von Klasse?) einen „Am-Platz-Service” des “railjet-Bordpersonals“ buchen kann (pay Service), während man in der „Economy  Class“ den „railjet-Trolleyservice“ in Anspruch nehmen kann: die mobile Snack-Verkäuferin. Ihre Kaffeepads-Maschine hat leider nur tröpfchenweise braune Brühe von sich gegeben. Das, was dabei als „Verlängerter“ herauskam, war eine Frechheit

Und der Speisewagen? Fehlanzeige. Stattdessen gibt es ein trostloses „railjet-Bistro“ mit dem Charme eines Postbank-Kundenzentrums.

Das Railjet-Bistro mit Take-Away-Service

Das Railjet-Bistro mit Take-Away-Service

Im „railjet“-Flyer heißt es dazu: „Unser Bistro bietet ein Self-Service-Restaurant und eine moderne Lounge für ein Steh- oder Sitz-in.“  Ähm … geht´s noch?

Manchmal hasse ich ihn einfach nur, den Zug der Zeit.

1 Kommentar »

  1. Ich verweise auf einen ebenfalls um den Speisewagen kreisenden Text des von mir sehr geschätzten Harald Martenstein: http://www.zeit.de/2009/45/Martenstein-45

    Als ich noch viel Zug gefahren bin, war ich auch oft dort. Und wenn’s wegen sonst vollbesetzter Abteile war.

    Der Anglizismen-Fundamentalkritik kann ich mich nur anschließen: hier ist die Bahn ganz weit vorn. ServicePoint, Call-a-bike, Park&Ride und überhaupt BahnCard… isch krisch Placke!

    Comment by Fritz Feger — November 16, 2009 @ 11:57 am

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