Stürmen und drängen
“Ich hab mich verliebt. Das Leben hat einen Sinn.”
Hach, das sind Sätze … Glücklich, wer sie sprechen kann! So wie Goethes Werther, der am Mittwoch bei 3sat in der modernen Gestalt von Stefan Konarske so himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt seiner Lotte hinterherschmachtete. Eine ganze Woche lang hat der Sender im Verbund mit dem ZDF-Theaterkanal den Programmschwerpunkt “Sturm und Drang” angesetzt: “Die jungen Wilden des 18. Jahrhunderts” -- und ihre Strahlkraft auf die Hormonberauschten der Gegenwart. Soll´s ja tatsächlich noch geben.
Leander Haußmanns supergefühlspathetische Verfilmung von “Kabale und Liebe” aus dem Schillerjahr 2005 war da zum Beispiel noch mal zu sehen -- sehr passend zu den Geburtstagsfeierlichkeiten dieser Woche, denn wir haben ja schon wieder Schillerjahr. Das bürgerliche Trauerspiel als echter Schmachtfetzen á la “Shakespeare in Love”: ein Film im pochenden Rhythmus der Herzen, großartig besetzt mit dem immer so herrlich übernächtigten August Diehl (als Giftlimomischer Ferdinand), der engelsholden Paula Kalenberg (Luise), einem sagenhaft verdrucksten Detlev Buck (fieser Wurm) und wem nicht alles von Götz George bis Katja Flint … Herrje, und dazu dieser hemmungslos romantische Soundtrack -- wer sich dieser Manipulation entziehen kann, muss ein herzloser Philister sein. Oder gar ein Philologe.
Die Entdeckung dieser Reihe aber war für mich der junge Schauspieler Barnaby Metschurat in “Lenz”, einer Neuverfilmung der Büchner-Novelle von Andreas Morell, ins Heute übertragen von Thomas Wendrich. Sehr ambitionierte Angelegenheit, mit Flashbacks, Brüchen, surrealen Sequenzen. Wie traumverloren und irre leuchtend Barnaby Metschurat hier den Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz spielt … das ist groß. Wie selig er manchmal lächelt -- oder ist sein Lächeln meschugge? Irgendwas zwischendrin. Denn einerseits ist dieser Lenz total durchgeknallt, andererseits einfach nur (und pur) das, was er einen “Sternengucker” nennt: “mit dem Gesicht zum Himmel”.
Die “Sturm und Drang”-Reihe stürmt morgen, also Samstag, mit “Annettes DaschSalon” ihrem Ende zu (22.50 Uhr): eine Aufzeichnung aus dem Berliner Radialsystem, wo die Sopranistin Annette Dasch seit zwei Jahren regelmäßig ihren Liedersalon veranstaltet. Ihre Gäste diesmal zum Thema Freiheit: Schauspielerin Julia Jentsch, Bassbariton Thomas Quasthoff, Sängerin Celina Bostic. Könnte man ja mal reinschauen. Soll zumindest musikalisch sehr ergiebig sein. — Dazu fällt mir Orsino ein, aus Shakespeares “Was ihr wollt”:
“Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter! Gebt mir volles Maß! Dass so die übersatte Lust erkrank’ und sterbe.” -- Hach, ja …
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