27.11.09 | 20:33 | Dies & das | Kommentare Kommentare deaktiviert

Oberammergau (2): Hängeprobe

Morgen gehen also, wie bereits kundgetan, die Proben zu den Oberammergauer Passionsspielen 2010 los. Zur ersten großen Leseprobe mit Regisseur Christian Stückl erscheinen: die 21 Hauptdarsteller, dazu die 21 Zweitbesetzungen (Hauptrollen wie Jesus, Maria, Kaiphas oder Pontius Pilatus sind doppelt besetzt) plus 120 Nebendarsteller. Alles gebürtige Oberammergauer – das ist ehernes Gesetz!

Die erste “Hängeprobe” war aber schon und soll von einem kulturellen Blog wie diesem nicht vernachlässigt werden. Frederik Mayet, gemeinsam mit Andreas Richter der neue Jesus (und auch schon entsprechend langhaarig), wurde bereits genagelt und gut aufgestellt:

Mayet-Haengeprobe-neu

Herr Mayet, wie hängt es sich denn so am Kreuz? – “Am schlimmsten ist dieses Ausgestelltsein. Wenn du halbnackt dort oben hängst, ahnst du, was für eine fürchterliche und entwürdigende Todesart das ist.” – Keine Schmerzen? – “Na ja, es waren nur fünf Minuten. Trotzdem total anstrengend. Man spürt es in den Armen und Schultern. In der fertigen Inszenierung muss ich 20 Minuten da oben hängen!” – Wie hält man sich da eigentlich? – “Man ist gesichert durch einen Bergsteigergurt unterm Lendenschurz. Unter den Füßen hat man so kleine Plättchen, und die Handgelenke stecken in Halterungen aus halb gebogenen Nägeln.” – Iiiieeeh, weicht einem da nicht das Blut aus den Armen? – “Jesus-Erfahrene raten, man soll die Finger leicht bewegen, dann ist es besser.”

Na, das wird noch ein ziemlicher Kreuzweg werden bis zur Premiere am 15. Mai. Frederik Mayet, hauptberuflich Pressesprecher des Münchner Volkstheaters, wird bis dahin 30 Jahre alt sein und damit das Todesalter von Jesus um drei Jahre unterschreiten. Bei der letzten Passion im Jahr 2000 war er auch schon dabei: Als Jesu Lieblingsjünger Johannes sah er das Kreuz damals allerdings nur von unten.

Herr Mayet, wie wird man eigentlich Jesus? – “Man muss Christian Stückl beim Casting vorsprechen, weiß dabei aber nicht, um welche Rolle es geht. Wenn Christian entschieden hat, muss der Gemeinderat die Besetzung erst noch beschließen.” – Gratulation zur Hauptrolle! Wie war Ihre erste Reaktion? – “Am Anfang dachte ich nur: Oh Gott!”

27.11.09 | 18:02 | Dies & das | Kommentare 0 Kommentare

Oberammergau (1): Jesus in Amerika

Da sage noch einer, die Amerikaner hätten von Tuten und Blasen keine Ahnung! Als Jesus und Maria Magdalena neulich in Los Angeles ankamen, sagte der Zollbeamte mit Blick auf ihren Pass: “Oh, you are from Oberammergau where the passion play is from!” Sapperlot.

Ja, doch: Die Oberammergauer Passionsspiele sind weltbekannt, vor allem in Amerika. Bei der letzten Vorstellungsserie des alle zehn Jahre stattfindenden Laientheaters im Jahr 2000 kam mehr als die Hälfte der 500 000 Besucher aus englischsprachigen Ländern: aus Großbritannien, Südafrika – und eben aus den USA.  Für die kommenden Passionsspiele im Mai 2010 lief der Vorverkauf allerdings etwas schleppend (die Weltwirtschaftskrise!), weshalb sich Jesus und Maria Magdalena – als da wären: Frederik Mayet und Eva-Maria Reiser – Ende Oktober auf Promotiontour nach Kalifornien begaben. In drei Tagen gaben sie sieben bis acht Interviews, danach noch mal drei in Toronto, wo sie sogar der Chefkritiker des “Toronto Star” zum Gespräch bat – das ist immerhin die SZ von Kanada.

Gleich nach ihrer Ankunft in L.A. waren sie Gast in der TV-Show “First to know” des weltweit größten religiösen Fernsehsenders Trinity Broadcast Network (TBN). Moderator Paul Crouch jun. befragte die beiden bayerischen Laienspieler eine halbe Stunde lang zu Glaubensdingen und zur Tradition und Geschichte der Passionsspiele. “Nicht die leichteste Übung”, sagt Jesus-Darsteller Mayet, “solche Fragen sind ja nicht mal im Deutschen leicht zu beantworten.”

Oberammergau-Talk in der US-Show "First to know" auf TBN: Jesus (Frederick Mayet, in der Mitte) und Maria Magdalena (Eva-Maria Reiser) stehen Moderator Paul Crouch in L.A. Rede und Antwort.

Oberammergau-Talk in der US-Show "First to know" auf TBN: Jesus (Frederik Mayet, in der Mitte) und Maria Magdalena (Eva-Maria Reiser) stehen Moderator Paul Crouch in L.A. Rede und Antwort.

Die Oberammergauer Passionsspiele werden seit 1634 alle zehn Jahre aufgeführt (es gab nur wenige zeitbedingte Unterbrechungen). Das religiöse Laientheater geht auf ein Gelübde im Jahr 1633 zurück: Damals wütete die Pest in dem oberbayerischen Ort am Fuß des Kofels, und die Bewohner gelobten hoch und heilig, das Leiden und Sterben Christi aufzuführen, falls die verheerende Seuche endlich vorübergehe. Bis heute halten sich die Oberammergauer an den Schwur – und fast der ganze Ort macht mit. Man kann die Mitspieler schon jetzt an ihren langen Haaren und Bärten erkennen, an welche sie bis zur Passion im nächsten Jahr keinen Friseur ranlassen.

Und woher kommt nun eigentlich dieses amerikanische Interesse an Oberammergau? Der neue Jesus Frederik Mayet weiß bescheid, er ist schließlich nicht nur der Pressesprecher des Münchner Volkstheaters, sondern auch der Sprecher der Passionsspiele 2010. Er erzählt, dass Thomas Cook, seines Zeichens der Erfinder des Massentourismus, schon 1880 in Oberammergau weilte und dann für die Passionsspiele 1890 viele Königshäuser eingeladen hat. Im Jahr 1900 sind dann die Oberammergauer Laienspieler selber aktiv geworden und mit dem Schiff nach Amerika gereist: um dort ihr Theaterspiel und die berühmten Holzschnitzereien des Ortes vorzustellen. Es war dies die erste Oberammergauer US-Promo-Tour. Sehr innovativ für die damalige Zeit. Und mit einschlagendem Erfolg: Amerikanische Persönlichkeiten wie Henry Ford oder Präsident Eisenhower waren in Oberammergau zu Gast – und machten die Passion in den USA entsprechend bekannt.

Morgen, am Samstag, gehen sie los, die Proben für die 41. Passionsspiele, das professionellste Laientheater der Welt. Regie führt, schon zum dritten Mal, Christian Stückl, der Intendant des Münchner Volkstheaters. Dieses Blog bleibt dran!

24.11.09 | 16:47 | Fernsehkultur | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Gênant

Rainer Brüderles Vorstoß zur Vermenungung von Kabarett und Politik (er steht, Schäuble sitzt, haha) in allen Ehren: Gemessen an den derzeitigen Élysée-Palast-Bewohnern total dilettantisch. So weit wie Carla Bruni und ihr Anhängsel muss man es erst einmal bringen, bis zu den ´Simpsons´ nämlich, siehe hier: http://www.dailymotion.com/video/xb7hmc_nicolas-sarkozy-et-carla-bruni-dans_news. Andere Länder, andere Verlegenheiten.

21.11.09 | 21:39 | Kunstgeschehen | Kommentare 3 Kommentare

Bitte nicht berühren!

Es ist ein hartes Los, die Ai Weiwei-Ausstellung “So sorry” im Münchner Haus der Kunst zu besuchen. Wie sehr laden die eindrucksvollen Exponate des chinesischen Künstlers doch ein, sie anzufassen, zu betasten, zu befühlen, daran entlang zu streicheln, sie zu spüren! Aber es gilt, wie immer im Museum, das Verdikt “Don´t touch!” Das ist ja schon ein bisschen bitter, um nicht zu sagen: unbefriedigend. Diese Riesenschale mit den Süßwasserperlen zum Beispiel: Ist sie nicht geradezu eine Aufforderung, hineinzugrapschen, mit beiden Händen reinzuwühlen, die Perlen durch die Finger gleiten zu lassen und gerade dadurch ein Gefühl dafür zu bekommen? Oder gleich daneben, dieser Ameisenhügel aus Sonnenblumenkernen, alle handgefertigt aus Porzellan: eine einzige haptische Verführung! Aber nein: anfassen strengstens verboten! Und die Aufseher wachen mit Argusaugen darüber, dass der Tastsinn auch ja mit niemandem durchgeht. So sorry! Das einzige, was sie einem erlauben: an dem Kubus aus einer Tonne gepressten Tees zu schnuppern. Und ja, tatsächlich: Man hat so was Earl-Grey-Artiges in der Nase.

Sonnenblumenkerne, handgefertigt aus Porzellan

Sonnenblumenkerne, handgefertigt aus Porzellan. Bloß nicht reinfassen!

Auch einer der 100 Baumwurzelstämme aus der Installation “Rooted upon” in der großen Ausstellungshalle riecht – und zwar erdig und feucht-frisch -, aber es riecht wirklich nur dieser eine, wie uns ein Aufseher erklärt, was wir ihm mal glauben wollen (wir haben das nicht an allen 100 Baumstrünken nachgeprüft). Aber kaum tritt man näher an die Stämme heran und spürt dieses weiche, flauschige Polstergefühl unter den Füßen, wird man schon wieder zurückgepfiffen: Teppich betreten verboten! Dabei fühlt es sich wirklich gut an, plötzlich von den harten Fliesen auf den “Soft Ground” zu treten, den Ai Weiwei eigens für diese Ausstellung hat fertigen lassen: 380 m² textile Flauschfläche, auf der die 969 Solnhofener Fußbodenplatten des Raums originalgetreu nachgebildet sind, mit all ihren Schattierungen und Abnutzungserscheinungen. Jede einzelne Steinplatte wurde dafür vorher abfotografiert und dann mit chinesischer Kopierfertigkeit in der Provinz Hebei nachgewoben.

Installation "Rooted upon" auf Teppichboden ("Soft Ground"). Betreten verboten!

Installation "Rooted upon" auf Teppichboden ("Soft Ground"). Betreten verboten!

Was wird mit diesem Teppich eigentlich nach der Ausstellung geschehen? Und darf man ihn saugen? Der Aufseher mit dem russischen Akzent hat das Betreten-Verbot jedenfalls so begründet: “Erstens: ist Kunst. Und wenn dreckig, man muss putzen.”

Hier noch der Link zum Ai Weiwei Blog vom Haus der Kunst. Jeder kann mitbloggen.

21.11.09 | 01:30 | Fernsehkultur | Kommentare 1 Kommentar

Anne Tismer bei Harald Schmidt

Ist ja schon sehr cool, wie unerschrocken und von keinem Quotendruck beunruhigt Harald Schmidt gegen alle Populärfernsehgesetze Theaterleute in seine Show lädt, um kollegial mit ihnen zu fachsimpeln -- auf Augenhöhe, versteht sich, er ist inzwischen ja selber Ensemblemitglied am Staatsschauspiel Stuttgart. Neulich war der Schauspieler Ulrich Matthes bei ihm zu Gast, und sie redeten so selbstverständlich über den verstorbenen Jürgen Gosch, als sei dieser auch außerhalb der Theaterszene jener berühmte Regiemeister, als der er in der deutschsprachigen Bühnenlandschaft verehrt wurde -- und als der er fehlt.

Und nun also Anne Tismer, die jetzt bei Schmidt überhaupt zum ersten Mal in einer Fernsehtalkshow auftrat. Ich fürchtete ja erst, sie würde in ihrer immer sehr ungeschützten, manchmal so zerbrechlich und kindlich naiv wirkenden, völlig fernsehstaruntauglichen, masseninkompatiblen, für die meisten wohl etwas durchgeknallten Künstlerinnenart ausgestellt und vorgeführt werden. Aber auch wenn man ihr die TV-Unerfahrenheit natürlich anmerkte, und zwar bis hinein in ihr glucksendes Kinderlachen, schlug sich Tismer wacker: einfach durch Authentizität. Dazu gehörte, dass sie von selber gleich mal einräumte, dass sie “eine leichte Form von Asperger” habe, also eine Form von Autismus, und dass sie deshalb oft “nicht so viel mitkriege” und alles “wie unter einer Glasglocke” erlebe, auch bei Proben und auf der Bühne. Es gäbe dann durchaus Kritik von den Kollegen, aber diese Kritik, sagte Anne Tismer, die verstehe sie oft gar nicht -- oder erst ein paar Jahre später. Aber Barack Obama müsse ja auch viel Kritik einstecken. Na dann …

Das Gespräch gibt es inzwischen als Video auf YouTube:

Die Theaterprobe, die Anne Tismer dann mit einem leidenschaftlich furzend sich ins Zeug werfenden Harald Schmidt aufführte (“Hitlerine in der afrikanischen Wüste”), hat mich aber, bei aller Liebe, wirklich abgehängt. Voll strange. Schwer zu sagen, worum es da -- außer um einen vollgekackten Jeep -- ging und wo der tote Fötus mit Nabelschnur herkam. Tja, und lustig war Schmidts Performance als Ameise auch nicht. Aber sehen Sie selbst:

Tismers “Hitlerine” hat am 31. Januar in der Berliner Volksbühne Premiere. Hier ein Link auf Anne Tismers Website, wo man sich einen Reim machen kann auf ihre Arbeitsphilosophie:

ich fang so an eine sache zu schreiben
von so themen die mich interessieren
oder wo ich nicht mit zurande komm
und dann bau ich mir noch zeug dazu
damit ich das bildlich vor mir habe
und dann stell ich das alles zusammen auf
manchmal alleine und manchmal mit burkart
und manchmal mit den andern von “gutestun”
und manchmal in lomé mit meinen freunden da
und dann wurschtel ich da so rum
und geh durch alles immer wieder durch
bis ich das kann und die andern auch
und so kommt das dann zustande

(anne tismer)

20.11.09 | 22:15 | Nicht verpassen | Kommentare 3 Kommentare

Aurora – Bar mit Wichtelkunst

Andreas (“Anderl”) Lechner – als Schauspieler, Regisseur, Autor, Musiker, Filmemacher und Produzent ein echtes Münchner Unikum – hat jetzt seine eigene Bar eröffnet: die Aurora Bar am Beethovenplatz 2, etwas versteckt gelegen zwischen Altstadtring und Theresienwiese. Wer Anderl Lechner kennt, weiß: Der Mann hat Geschmack, er weiß, was Gastfreundschaft bedeutet, und das Wirts-Gen hat er auch – schon seine Vorfahren betrieben in München ein Hotel und verschiedene
Gaststätten (das Hotel Münchner Hof, den Bayerischen Löwen, die Sportschule Grünwald). Seine Aurora Bar hat mehr Wohnzimmer- denn Kneipencharakter. Sehr stilvoll das Interieur. Dunkles Holz, gemütliche Sessel und Sofas, rote Vorhänge an den Fenstern. Club-Atmosphäre. Unter den Gästen viele aus der Film- und Theaterszene. Ein Klavier gibt es auch, bei der Eröffnung spielte ein Jazz-Trio.

Auch eine Kuhfotoserie und drei der umstrittenen Gartenzwerge des Nürnberger Kunstprofessors Ottmar Hörl haben hier einen Platz gefunden: einer der inkriminierten Wichtel macht den Hitlergruß, einer – sein Name ist “Ben” – faltet die Hände zum Gebet, ein dritter zeigt hinter dem Tresen den Stinkefinger, alle drei in güldener Ausführung.

Aurora – so hieß der Panzerdeckkreuzer der russisch-zaristischen Marine, der 1917 den ersten Schuss zum Beginn der Oktoberrevolution abgab. Wie weit von der Aurora Bar revolutionäre Signale ausgehen, wird noch zu sehen sein. Aurora heißt aber auch die römische Göttin der Morgenröte, und es kann durchaus sein, dass man diese hier erblickt.

17.11.09 | 18:57 | Geht gar nicht | Kommentare 0 Kommentare

Abgewrackt

Als SZ-Redakteurin muss man inzwischen schon Urlaub haben, um überhaupt mal wieder in die Münchner Innenstadt zu kommen. Seit wir im Münchner Osten arbeiten – Berg am Laim heißt die unwirtliche Gegend, wo die Zeitung seit einem Jahr residiert -, sieht man die Stadt ja nur noch als Fensterpanoramabild vom Hochhaus aus. Also, ich habe Urlaub – und hab es mir heute gegeben: das Zentrum. Das Herz der Stadt. Marienplatz, Sendlinger Straße, Jakobsplatz … alles noch da. Nur die “Süddeutsche” nicht mehr. Abgerissen. Vergangen. Perdu. Dort, wo früher das Verlagsgebäude stand – Färbergraben, Ecke Sendlinger -, klafft eine riesige Baustelle, die eine städtische Wunde zu nennen keine pathetische Übertreibung ist. Es gibt mir immer noch einen Stich, das zu sehen … Hier meine kleine Vorher-Nachher-Schau:

15.11.09 | 23:53 | Kritikerin unterwegs | Kommentare 1 Kommentar

Zug der Zeit

Wien, Hotel Regina. WLAN nur in der Lobby, und man muss dafür bezahlen. Sei´s drum. Ich muss unbedingt noch was zu einem meiner Lieblingsthemen loswerden: den Speisewagen. Ich bin ja eine große Anhängerin dieser kultivierten Form des Essens auf Rädern. Ich fördere den Speisewagen, sofern es ihn überhaupt noch gibt, durch regelmäßigen Konsum und trage so hoffentlich zu seinem Überleben bei. Auf meinen Theaterreisen reserviere ich meistens gar nicht erst einen Platz, sondern setze mich direkt in das „Bordrestaurant“, wie man das heute nennt, und verpflege mich auf diese zugegeben nicht ganz billige Weise. Und wenn das Angebot der deutschen Regionalspitzenköche des Monats mal wieder zu hausmannsköstlich ist … der Salat mit Thunfisch geht immer.

Dass der Speisewagen bei der Deutschen Bahn Zug um Zug zu einer Schrumpfform der Gattung verkümmert, bestehend aus vier ordinären Vierertischen, die aussehen wie Sitzplätze in einem ganz normalen Abteil, halte ich für ein Unding. Aber es gibt ja immer noch die Züge nach Wien – mit ihren herrlich altmodischen, atmosphärischen, ja geradezu klassisch stilvollen Speisewagen, in denen sich auch die österreichische Küche kein bisschen lumpen lässt. Und in denen man eine Melange serviert bekommt, die schmeckt. Tu felix Austria … in Österreich fängt die Essens- und Kaffeehauskultur halt schon mit der Anreise an.

Klassischer österreichischer Speisewagen, aufgenommen im Frühjahr auf dem Weg von München nach Wien. Der Herr rechts im Bild ist zufälligerweise Sepp Bierbichler.

Klassischer österreichischer Speisewagen, aufgenommen im Frühjahr auf dem Weg von München zu Schlingensiefs "Mea Culpa" in Wien. Der Herr rechts im Bild ist zufälligerweise Sepp Bierbichler.

Doch, ach, selbst das droht zu verkommen! Es gibt jetzt diese neumodischen „railjets“ der ÖBB, die sich „modernster Ausstattung, höchsten Komforts und eines zeitgemäßen Designs“ rühmen. Ich bin mit einem angereist, dem „railjet 67 München – Budapest“.  Es gibt darin ein Drei-Klassen-System: First, Premium, Economy. Wobei man in der Premium und First „Class“ (wer spricht denn noch von Klasse?) einen „Am-Platz-Service” des “railjet-Bordpersonals“ buchen kann (pay Service), während man in der „Economy  Class“ den „railjet-Trolleyservice“ in Anspruch nehmen kann: die mobile Snack-Verkäuferin. Ihre Kaffeepads-Maschine hat leider nur tröpfchenweise braune Brühe von sich gegeben. Das, was dabei als „Verlängerter“ herauskam, war eine Frechheit

Und der Speisewagen? Fehlanzeige. Stattdessen gibt es ein trostloses „railjet-Bistro“ mit dem Charme eines Postbank-Kundenzentrums.

Das Railjet-Bistro mit Take-Away-Service

Das Railjet-Bistro mit Take-Away-Service

Im „railjet“-Flyer heißt es dazu: „Unser Bistro bietet ein Self-Service-Restaurant und eine moderne Lounge für ein Steh- oder Sitz-in.“  Ähm … geht´s noch?

Manchmal hasse ich ihn einfach nur, den Zug der Zeit.

13.11.09 | 23:15 | Fernsehkultur | Kommentare 0 Kommentare

Stürmen und drängen

“Ich hab mich verliebt. Das Leben hat einen Sinn.”

Hach, das sind Sätze … Glücklich, wer sie sprechen kann! So wie Goethes Werther, der am Mittwoch bei 3sat in der modernen Gestalt von Stefan Konarske so himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt seiner Lotte hinterherschmachtete. Eine ganze Woche lang hat der Sender im Verbund mit dem ZDF-Theaterkanal den Programmschwerpunkt “Sturm und Drang” angesetzt: “Die jungen Wilden des 18. Jahrhunderts” -- und ihre Strahlkraft auf die Hormonberauschten der Gegenwart. Soll´s ja tatsächlich noch geben.

Leander Haußmanns supergefühlspathetische Verfilmung von “Kabale und Liebe” aus dem Schillerjahr 2005 war da zum Beispiel noch mal zu sehen -- sehr passend zu den Geburtstagsfeierlichkeiten dieser Woche, denn wir haben ja schon wieder Schillerjahr. Das bürgerliche Trauerspiel als echter Schmachtfetzen á la “Shakespeare in Love”: ein Film im pochenden Rhythmus der Herzen, großartig besetzt mit dem immer so herrlich übernächtigten August Diehl (als Giftlimomischer Ferdinand), der engelsholden Paula Kalenberg (Luise), einem sagenhaft verdrucksten Detlev Buck (fieser Wurm) und wem nicht alles von Götz George bis Katja Flint … Herrje, und dazu dieser hemmungslos romantische Soundtrack -- wer sich dieser Manipulation entziehen kann, muss ein herzloser Philister sein. Oder gar ein Philologe.

Die Entdeckung dieser Reihe aber war für mich der junge Schauspieler Barnaby Metschurat in “Lenz”, einer Neuverfilmung der Büchner-Novelle von Andreas Morell, ins Heute übertragen von Thomas Wendrich. Sehr ambitionierte Angelegenheit, mit Flashbacks, Brüchen, surrealen Sequenzen. Wie traumverloren und irre leuchtend Barnaby Metschurat hier den Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz spielt … das ist groß. Wie selig er manchmal lächelt -- oder ist sein Lächeln meschugge? Irgendwas zwischendrin. Denn einerseits ist dieser Lenz total durchgeknallt, andererseits einfach nur (und pur) das, was er einen “Sternengucker” nennt: “mit dem Gesicht zum Himmel”.

Die “Sturm und Drang”-Reihe stürmt morgen, also Samstag, mit “Annettes DaschSalon” ihrem Ende zu (22.50 Uhr): eine Aufzeichnung aus dem Berliner Radialsystem, wo die Sopranistin Annette Dasch seit zwei Jahren regelmäßig ihren Liedersalon veranstaltet. Ihre Gäste diesmal zum Thema Freiheit: Schauspielerin Julia Jentsch, Bassbariton Thomas Quasthoff, Sängerin Celina Bostic. Könnte man ja mal reinschauen. Soll zumindest musikalisch sehr ergiebig sein. — Dazu fällt mir Orsino ein, aus Shakespeares “Was ihr wollt”:

“Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter! Gebt mir volles Maß! Dass so die übersatte Lust erkrank’ und sterbe.” -- Hach, ja …

12.11.09 | 16:57 | Geht gar nicht | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Geruchsproblem

Gestern im Münchner Volkstheater. Es gastierte die hochgelobte Inszenierung “Dritte Generation” von Yael Ronen & the Company, eine Koproduktion der Berliner Schaubühne mit dem Habima Nationaltheater Tel Aviv. Plötzlich ein olfaktorischer Angriff, der definitiv nicht von der Bühne, sondern von einem der Sitznachbarn kommt. Sehr unangenehm in der Nase. Da scheint jemand seine Darmgase nicht unter Kontrolle gehabt zu haben. Okay, kann man nichts machen. Fart happens. Nase zu und durch. Aber nein, jetzt schon wieder! Schwallweise zieht der Mief heran. Eine einzige Geruchsbelästigung. Ich inspiziere den Herrn im Anzug rechts von mir näher – und was muss ich feststellen? Er hat seine Schuhe ausgezogen und sitzt strumpfsockig im Stuhl! Es ist sein Fußschweiß, der da heranweht. Sag mal, geht´s noch?!

Ich ziehe den Kragen meines Pullovers über die Nase, rücke deutlich von dem Stinker ab, nicht ohne seine Füße demonstrativ in den Blick zu nehmen – alles in der Hoffnung, er würde meine Reaktionen zu deuten wissen. Aber nix da. Während ich total abgelenkt bin, schaut er konzentriert auf die Bühne. Das ärgert mich noch mehr. Also auf zum Frontalangriff:

Ich (auf seine Schulter klopfend): “Entschuldigen Sie, ziehen Sie im Theater immer Ihre Schuhe aus?” – Er (selbstbewusst): “Ja! Stört Sie das?” – Ich (maliziös): “Ehrlich gesagt, schon. Vor allem der Geruch.” – Treffer. Vielleicht nicht gerade die feine englische Art, aber effektiv: Er zieht seine Schuhe wieder an. Lustigerweise geht es just in diesem Moment auf der Bühne gerade um den penetranten Gestank von irgendetwas, das ich leider nicht mitgekriegt habe.

Nachdem das Geruchsproblem behoben war, war ich aber wieder voll dabei. Deshalb hier kurz noch eine Empfehlung für die “Dritte Generation”: Wer Gelegenheit hat, das Stück zu sehen, sollte sich das nicht entgehen lassen. Das ist eine wirklich sehr gescheite, kritisch-witzige, befreiend sarkastische und bitterkomische Inszenierung jenseits aller political correctness – entstanden als work in progress mit jungen deutschen, palästinensischen und israelischen Schauspielern, die sich wie bei einer Gruppentherapie all ihre Familiengeschichten, Vorurteile, Schuldkomplexe und Klischees um die Ohren hauen (und zwar in ihrer jeweiligen Landessprache).  Sie alle gehören der “dritten Generation” nach der Shoa an und versuchen irgendwie, die Vergangenheit “aufzuarbeiten”, wobei sie ständig auf unsägliche Peinlichkeiten, Widersprüche und natürlich an ihre Grenzen stoßen. Total unverschämt, dieses Theater. An der Berliner Schaubühne wieder am 12., 14., 19. und 20. Dezember zu sehen. Und, bitte: Lassen Sie Ihre Schuhe an!

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