06.10.14 | 09:35 | Abschied von ... | Schauspieler/innen | Theater | Kommentare 0 Kommentare

In memoriam Guntram Brattia

Guntram-Gedenkfeier.Blog

Kondolenzbuch für Guntram Brattia im Münchner Residenztheater, Oktober 2014 ©Dössel

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns
mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

(Rainer Maria Rilke)

Der Tod von Guntram Brattia hat uns alle, die wir ihn als Schauspieler kannten, liebten und schätzten, komplett überfahren, erschüttert, entsetzt. Guntram tödlich verunglückt? Man konnte und wollte es nicht glauben, wähnte ihn vielleicht in irgendeinem Krankenhaus, verwundet, verletzt, bandagiert, ja, das konnte sein, es wäre nicht das erste Mal gewesen. Aber doch nicht tot!

Der Tod ist groß, sagt Rilke. Stimmt, nicken wir jetzt wieder kleinlaut und beklommen. Aber der Tod ist natürlich auch ein Arsch. Ist hinterrücks und gemein, ungerecht, mies und willkürlich – oder nach was für einem Gesetz verfährt er denn, bitteschön? In welchem Auftrag schlägt er zu? “Schicksal” hin oder her: Was ist der Sinn? Was steckt dahinter?

Guntram Brattias Tod ist tragisch. Guntram war nicht alt, nicht krank, noch lange nicht fertig mit seinem Leben. Er hat eine Frau, Alemnesh, genannt Alem – sie stammt aus Äthiopien – und drei kleine Kinder, die ihn brauchen, Yolanda (11), Emilio (8) und Benjamin (4). Er war viril, vital, übervoll von Leben. Überborstend von Energie. Am 21. November hätte er seinen 48. Geburtstag gefeiert. Und dann – wusch – ist er einfach weg. Wie weggeputzt. Wegrasiert. Rast, keine Ahnung unter welchen Umständen, in ein Auto und ist auf der Stelle tot. Motorradunfall. Von der Maschine soll nichts übrig geblieben sein. Die Autofahrerin: unverletzt. Guntram Brattia wohnte mit seiner Familie 35 Kilometer außerhalb von München in einem kleinen Ort bei Markt Schwaben. Der tödliche Unfall ereignete sich nachts – also am frühen Morgen des 19. September -, als Brattia mit seinem Motorrad auf dem Heimweg vom Resi war. Die Saison ging gerade wieder los. Er war (als Zuschauer, nicht als Mitwirkender) bei Kusejs Eröffnungspremiere “Wer hat Angst vor Virginia Woolf?”, viele haben auf der Premierenfeier noch mit ihm geredet. Und jetzt nicht mehr. Jetzt geht das nicht mehr.

Das Münchner Residenztheater verliert einen seiner wichtigsten, glühendsten Schauspieler. Der Schock am Haus ist groß. Am gestrigen Sonntag, dem 5. Oktober, hätte Guntram Brattia erstmals nach der Sommerpause wieder auf der Bühne stehen sollen: als Präsident in Schillers “Kabale und Liebe”, inszeniert von seiner langjährigen Vertrauten Amélie Niermeyer. Das Haus hat stattdessen eine Gedenkfeier anberaumt. Es war eine sehr würdige, sehr berührende Veranstaltung. Auf der Resi-Bühne im Halbkreis versammelt: seine Kollegen, das Ensemble, das später den Song “Boulevard of Broken Dreams” der Punkrockband Green Day singt, weil “Gunti”, wie ihn seine Freunde nannten, diesen offenbar sehr mochte und auf Premierenfeiern gerne sang. Begleitet werden sie von Rudolf Gregor Knabl und anderen Musikern.

Das Haus zittere noch immer von der Erschütterung durch diesen Tod, sagt Chefdramaturg Sebastian Huber und erzählt von Brattias Anfängerjahren am Resi, 1988 bis 1993, als er neben Rufus Beck, Wolfgang Maria Bauer und anderen (Männern) zu einer “Gruppe junger Wilder” gehörte, die damals die Inszenierungen prägten. Er spielte den Schufterle in den gefeierten “Räubern” von Andras Fricsay, den leidenschaftlich fühlenden Moritz Stiefel in der “Frühlings Erwachen”-Inszenierung von Amélie Niermeyer, den akrobatischen Puck in Robert Lepages “Sommernachtstraum”-Version “Rapid Eye Movement” und natürlich, unvergessen: den heißblütigen Romeo in Leander Haußmanns legendärer “Romeo und Julia”-Inszenierung. Danach weitere “abzählbare” Theaterstationen: Deutsches Theater Berlin unter Thomas Langhoff (wo Brattia Ensemblesprecher und Protagonist war), Theater Frankfurt, Schauspielhaus Düsseldorf. Seit 2011 dann wieder in München am Resi. Kein glamouröses Theaterleben, nicht geschmückt mit großen Preisen, wie Sebastian Huber einräumt, aber ein “reiches”, gekennzeichnet von Brattias ausgesprochener Verlässlichkeit, seiner Geradlinigkeit, seiner Empfindlichkeit.  Hamlet, Don Carlos, Piccolomini im “Wallenstein”, Stanley Kowalsky in “Endstation Sehnsucht”, Jason im “Goldenen Vlies”, Amphitryon, Orsino – was hat Brattia nicht alles gespielt! Das müsse man sich bei allem Schmerz eben auch vor Augen halten, so Huber, “wie viel wir von ihm hatten”.

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Guntram Brattia ©Residenztheater

Amélie Niermeyer, mit Guntram Brattia seit 25 Jahren eng befreundet und von seinem Tod sichtlich mitgenommen, hielt die innigste, ehrlichste, persönlichste und auch die wütendste Rede. Wie oft sei er bei ihr in den Inszenierungen gestorben – immer mit einer Haltung, eigenverantwortlich und störrisch. Wie oft hätten sie über den Tod geredet, ihn diskutiert und inszeniert. Und nun, wo Guntram tatsächlich tot ist, mit einem Mal weg für immer, da erscheine ihr alles, was dem Theater dazu einfalle, als “Firlefanz”, nichts wert, denn: “Wir wissen gar nichts vom Tod. Der richtige Tod ist etwas Fremdes. Unfassbar. Brutal. Endgültig.” Guntrams Tod hinterlasse nichts als Schmerz, Wut, Unverständnis.

Den Künstler und Menschen Guntram Brattia beschrieb Niermeyer in all seinen Facetten, in all seinem Wüten und Lieben: als einen, der stets ein Suchender war, sich nie zufrieden gab, mit Lust Gefundenes zerstörte und immer wieder alle und  alles herausforderte; der dadurch auch anstrengend war, auf den Proben wie in den Vorstellungen. Aber auch ein treuer Freund, der sich sorgte und regelmäßig meldete, anrief und Briefe schrieb. Und ein Weltverbesserer, einer, der etwas bewegen wollte, auch mit den Mitteln des Theaters. Wie ein Michael Kohlhaas sei er mit seinem unglaublichen Gerechtigkeitsempfinden gegen die Wände gerannt, die Arroganz der westlichen Industrienationen habe ihn zum Teil wahnsinnig gemacht, auch die deutsche Bürokratie. Ein Sturkopf sei er gewesem, der auch heftig austeilen konnte, mit niemand anderem habe sie so sehr gestritten. Und ein Spinner: immer neue Träume, Pläne, Ideen. Häuschen-Kauf hier, Häuschen-Kauf dort. “Unbeirrbar” nennt Niermeyer ihn: Keiner Meinung habe er sich angepasst, wenn er zu einer Produktion stand, war es ihm scheißegal, ob die anderen sie völlig bescheuert fanden. Und dann noch “Guntram, der Kamikazemensch”: Immer hat er sich irgendwie verletzt. Prellungen, Knochenbrüche, Bänderrisse gehörten zu seinem Leben – “immer ging was in die Brüche”.

Das trat im Laufe des Abends noch öfters und noch deutlicher hervor: was für ein Exzessivmensch Brattia war, schon auch ein echter Haudrauf, immer volles Risiko. Und dafür immer eins auf die Nase gekriegt – all diese Verletzungen, Unfälle, Brüche. Hart, das so geballt zu hören. Dass er so schonungslos in die Vollen ging. So ungeschützt. Und man denkt unwillkürlich: Dazu passt dieser Tod.

Ist das nun Schicksal?

Andererseits beschrieb Amélie Niermeyer ihn auch als einen verantwortungsvollen Familienmenschen. Als einen, der besonnener, achtsamer, sorgsamer geworden sei, seit er eine Familie hatte. Die Familie sei ihm heilig gewesen.

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Lieber Guntram, ich entnehme dieses Bild Deinem Facebook-Posting vom 26. Juni 2011, Du schriebst dazu “Goin´home”. Ich hoffe, ich darf das. (Guntram Brattia hat auf FB viele Fotos von sich und auch von seinen Kindern gepostet, er ließ seine “Freunde” intensiv teilhaben an seinem Schauspieler- und Familienleben. Er war ein ausdruckswilliger, ausdrucksstarker, ein offensiv offener Mensch.)

 

Auch Leander Haußmann war gekommen, Regisseur jener gefühlsintensiven, jugendfrisch ungestümen “Romeo und Julia”-Inszenierung, die 1993 mit Guntram Brattia und Anne-Marie Bubke in den Titelrollen am Münchner Residenztheater herauskam und alsbald Kult wurde. Er erzählte – mit schon ein bisschen altväterlichem Hornbrillen-Habitus -, dass er die Romeo-Rolle damals nachts beim Bier sämtlichen  jungen Männern am Haus irgendwann mal versprochen hatte. Nur dem Guntram nicht, der aber der hartnäckigste gewesen sei. Der Legende nach belagerte er die Tür des damaligen Intendanten Günther Beelitz so unnachgiebig, bis er von Haußmann besetzt wurde, “eher dem Herz nach als nach dem Hirn”. Er sollte es dann aber nicht bereuen.

Bis heute schlägt mein Zuschauerherz höher, wenn ich an diese “Romeo und Julia”-Inszenierung denke. Das war für mich damals als junge, angehende Kritikerin eine der ganz heißen, konstituierenden, mich beseelenden, beflügelnden Begegnungen im Theater. Auch wenn die Balkon-Szene in der nun noch mal gezeigten 3sat-Fernsehaufzeichnung keinen Zweifel daran lässt, dass zwanzig Jahre ins Land gegangen sind, konnte sie doch wieder abrufen, was ich – und ein Großteil des Publikums – damals empfuden hatte: pures Theaterglück. Der wunderbar heißblütige, testosteronbeflügelte und doch seelisch hochempfindsame Romeo-Brattia erst mit einer viel zu kurzen, dann mit einer ungenügend mittleren, schließlich mit einer langen, aber leider morschen Leiter vergeblich sein Eroberungsglück am Balkon versuchend: Das ist schon sehr hitzig, slapstickig und witzig. (Gut, für heutige Verhältnisse auch sehr ausführlich.) Furios, wie er sich schließlich den Weg zur Liebsten akrobatisch erklettert und erhangelt, zum Teil nur mit einem Arm am Geländer baumelnd. Um dann gar nicht zu merken, dass er tatsächlich schon oben ist, tête-à-tête mit der Geliebten, bisschen verschämt auf einmal und ungeheuer aufgeregt, dampfend vor Lust und Leidenschaft. Der ganze Brattia-Furor steckte da schon drin.

Im Anschluss trat – betont verwuschelt, da in seinem “Menschheitsverständnis durcheinander” – Tobias Moretti auf. Er war damals, zu “Romeo”-Probenzeiten, mit seinem Tiroler Landsmann und Freund Guntram im Urlaub – Griechenland, Billig-Absteige -, hatte aber nicht nur Anekdotisches beizutragen. Er beschrieb Guntram, den Grenzgänger mit diesem so “unbeirrbaren” wie auch “verlässlichen” Wesen und diesem “Vollmondgesicht”, als einen “antiken Charakter”. Er selber, Moretti, sei sich ihm gegenüber immer als ein “Durchschwindler, Clown, Durchlawierer” vorgekommen. “Antike Schicksale werden verhängt”, sagte Moretti und klagte in diesem Fall aber bei den Göttern einen Fehler ein: “Ein Irrtum ist passiert.”

Moretti, raukehlig: “Dein Romeo, Gunti, entscheidet sich so klar und fraglos für sein Schicksal. Und so hast Du Dich in Deinem Leben auch entschieden. Alles in die Waagschale geworfen – für die Liebe, fürs Theater.” Moretti spricht von Alem, von den Kindern Jolanda, Emilio und Benjamin. Und dann, vorm Abgang, sagt er: “Gunti, tritt mich in den Arsch, wenn ich jemals müd werd´an meinem Glück.”

Schluck.

Ebenfalls berührend: der Brief von Rufus Beck, den Sibylle Canonica vorliest. Brattia und Beck waren gute Freunde seit den Münchner Anfängen 1988, das ist selten im Theater. “Wie ein jüngerer Bruder” sei ihm Brattia immer erschienen, schreibt der zehn Jahre ältere Beck, dessen “Energie, Hingabe und Risikobereitschaft” rühmend, “rebellisch” sei er gewesen, “unversöhnlich”, “alles im Übermaß”. Beide seien sie ohne richtige Ausbildung ans Theater gekommen, “100 Prozent Einsatz war Minimum”.

“Der Tod ist nicht zu begreifen und das Leben ein Wunder.” Auch das schreibt Rufus Beck.

Dann Auftritt Valery Tscheplanova, das zarte Wesen von einem anderen Stern. Sie trägt einen Text von Moritz Rinke vor, den dieser als Nachruf im Berliner Tagesspielgel veröffentlich hat, “Der Mann ohne Trapez – ein Romeo für die Ewigkeit”, nachzulesen hier.

(Anmerkung: Wie von mehreren Seiten zu hören war, stimmt das aber nicht so ganz, was Rinke schreibt: Brattia hat sich den Daumen während der Endproben zu “Die Schwärmer” verletzt, und der damals am DT tätige Martin Baucks lässt ausrichten, es sei dies alles andere als ein normaler Moment für  Guntram  gewesen, er schrie: Mein Finger, mein Finger! Zur Premiere habe er umbesetzt werden müssen, was ihn sehr betrübte. Und es sei natürlich auch nicht der Eiserne Vorhang heruntergefallen, “denn der Eiserne fährt ganz langsam herunter”. Brattia habe sich vielmehr an der Tür des Eisernen verletzt, weil eine Kollegin sie versehentlich zuschlug.)

 

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Guntram Brattia in “FINAL FAUST II FANTASY”, Premiere war im Juli 2014 im Marstall, Regie: Patrick Steinwidder @Thomas Dashuber / Residenztheater

Weniger passend erschienen nur die Beiträge von Juliane Köhler (sie trug, hart-theatralisch, jene Totenklage eines/ einer Liebenden von W.H. Auden vor, die durch den Film “Vier Hochzeiten und ein Todesfall” berühmt geworden ist) und des spät eingetroffenen Intendanten Martin Kusej, der von den “schwersten Stunden, seit ich dieses Theater leite” sprach. Er widmete seinen schon etwas älteren Gedanken-Trip “Goethe Exzess Theater” über den Inhalt von “Faust II” dem Verstorbenen und las den Text vor, weil er “Guntrams  exzessivem Wesen” entspreche. Die beiden haben leider in keiner Inszenierung am Haus je zusammengearbeitet.

Die Aufführung von Kusejs “Faust”-Inszenierung am 7. Dezember ist eine Benefizvorstellung. Der Erlös geht an Brattias Frau und seine drei Kinder. Für diese wurde zur Unterstützung auch ein Konto eingerichtet: A. Brattia, VR-Bank eG, IBAN DE3670091900010713808. Siehe auch die Traueranzeige in der Süddeutschen Zeitung

Zum Abschluss ein Eintrag aus Guntram Brattias Kalender, den die Familie in ihrer Traueranzeige in der Tiroler Tageszeitung zitierte:

Life is short
break the rules 
forgive quickly, kiss slowly
love truly
laugh uncontrollably
and never regret ANYthing
that makes you smile

(Mark Twain)

 

 

 

 

 

 

 

 

06.10.14 | 09:25 | Geht wieder | Kommentare 0 Kommentare

Wieder da

Liebe Leser,

 

ich blogge wieder.

Na, zumindest will ich wieder … hin und wieder.

Zeit hab ich zwar keine, aber Lust schon.

 

Mal schaun.

 

HerzlichCD-Blog-2014-2

Ihre / Eure

Christine Dössel

21.11.11 | 22:45 | Abschied von ... | Kollegialitäten | Kritikerlust | Kommentare 3 Kommentare

Benjamin Henrichs verabschiedet sich von der Zeitung (2)

Zum Abschied von Benjamin Hemrichs von der Zeitung (siehe vorherigen Blog-Eintrag), möchte ich hier gerne – mit seinem Einverständnis natürlich – eine Kolumne von ihm veröffentlichen. Sie erschien am 11. Dezember 2004 im SZ-Wochenende unter der damaligen Rubrik “Theater? Theater!”. Henrichs trägt eine Kopie davon in seiner Jackentasche und zieht den Text gerne wie ein Beweisstück oder einen ärztlichen Befund hervor, wenn er mal wieder gefragt wird, was er denn jetzt, im Ruhestand, zu tun gedenke. Zum Beispiel würde er gerne bei Marthaler den Lear spielen. Und außerdem fühlt er sich gar nicht alt … Aber lesen Sie selbst.  

 

Theater? Theater!

Wenn ich einmal alt bin

von Benjamin Henrichs

Wer von uns würde nicht mit Rührung zurückdenken an die Tage, da er achtzehn war? Und wen würde nicht ein Grauen würgen, wenn er an sein Leben mit achtzig denkt?

So denken wir alle, doch wahrscheinlich denken wir falsch. Denn erstens war die Zeit mit achtzehn, wenn man sie einmal nicht durchs Auge der Rührung betrachtet, so wundervoll nicht. Nein, für viele waren es die lausigsten Tage jenes lausigen Lebensabschnitts, den man die Pubertät nennt. Und zweitens (und auch schon letztens) wird unsere Zeit mit achtzig womöglich unsere beste Zeit werden. Ein nahezu ungeheuerlicher Gedanke – welchen wir aber nicht der eigenen Geisteskraft verdanken, sondern dem deutschen Dichter Tankred Dorst. Der, wie nun wohl allgemein bekannt ist, mit genau achtzig Jahren seine erste Premiere als Opernregisseur haben wird – und das gleich mit dem gewaltigsten aller Opernwerke, Richard Wagners „Ring des Nibelungen”. Bayreuth, im Sommer 2006.

Theaterkritiker und Kolumnist Benjamin Henrichs - 42 Jahre bei der Zeitung, davon 13 Jahre bei der SZ.

Theaterkritiker und Kolumnist Benjamin Henrichs - 42 Jahre bei der Zeitung, davon 13 Jahre bei der SZ.

Dorst, ausgerechnet Dorst. Den doch viele schon vor Jahrzehnten abgeschrieben hatten. Als, zum Beispiel, im Januar 1975 Dorsts welkes Familiendrama „Auf dem Chimborazo” uraufgeführt wurde, schmähte Hellmuth Karasek den Dichter unvergesslich als „Karstadt-Beckett”sowie „Neckermann-Strindberg”. Karasek, dies nebenbei, ist mittlerweile auch schon rüstig unterwegs Richtung achtzig – in nicht nachlassender Fröhlichkeit schreibend, plaudernd, zechend.

Zurück zu Dorst. Gleich nach seiner Inthronisation als „Ring”-Regisseur gab der gute Mann, soeben von einer Hüftoperation genesen, putzmuntere Interviews, und vor allem ein Satz darin hat mich total begeistert, wenn nicht mein Leben verändert. Dorst: „Ich habe mich früher nie jung gefühlt und fühle mich jetzt auch nicht besonders alt.” Es ist Zeit für ein Geständnis: Mir geht es ebenso. So richtig jung (jedenfalls im Sinne des Jungen Theaters e.V.) bin ich wohl nie gewesen. Schon mit sechzehn war ich Theaterchefkritiker der Schülerzeitung und erging mich weitschweifig und schwerfüßig zum Thema „Sophokles”.

Was also werde ich tun, wenn ich dereinst achtzig bin? Der „Ring”? Nicht mein Fall, weil leider zu laut.

Aber den König Lear würde ich sehr gern spielen, am liebsten unter Marthaler. Natürlich würde mein Lear in einer Marthaler-Inszenierung nicht sein Königreich an seine Töchter verteilen. Sondern, zum Beispiel, seine famose Plattensammlung. Zuerst würde die Sache gut laufen, doch dann, bei der Frage, wer den Klavier-Kaiser bekommt, würde tödlicher Streit ausbrechen unter den drei Weibern. Ich säße drei Theaterstunden lang still auf meinem Thron und würde allmählich in einer Traumwelt aus Schlaf und Musik versinken.

Genauso gut gefällt mir die Idee, mit achtzig eine Theatertalkshow aufzuziehen, am liebsten mit dem Kollegen Gerhard Stadelmaier zusammen. Unser Thema: Die goldenen Zeiten des Theaters. Titel der Sendung: „Lieben Sie Mnouchkine?”. Wir beide sollten hierbei auf einem riesigen Rudolf-Noelte-Sofa sitzen oder (als Hommage an Beckett) in zwei silbern glitzernden Mülltonnen.

Dritte und für heute letzte Idee: Ich beginne mit achtzig endlich meine Fußballkarriere und zwar als Bundestrainerberater mit dem Titel Chefideologe.

Hierfür prädestiniert bin ich erstens durch meine dann 76-jährigen Fußball-Erfahrungen und zweitens durch meine vielfach erprobte Motivationskunst. Wer dreißig Jahre lang das deutsche Theater starkgeredet hat (sogar in dessen schwächsten Tagen), der kann auch eine Fußballmannschaft „heißmachen”, wie die Fußballer gern sagen.

So wird es sein, wenn ich achtzig bin. Geil. Und noch etwas: Wenn ich achtzig bin, im Jahre 2026, ist Tankred Dorst dann hundert. Kein Alter heutzutage.

20.11.11 | 00:19 | Abschied von ... | Kollegialitäten | Kritikerlust | Kommentare 2 Kommentare

Benjamin Henrichs verabschiedet sich von der Zeitung (1)

"Wenn nicht Kritik, dann Komödie": Benjamin Henrichs verabschiedet sich nach 13 Jahren von der "Süddeutschen".      (Alle Fotos wie immer: von mir)

"Wenn nicht Kritik, dann Komödie": Benjamin Henrichs verabschiedet sich nach 13 Jahren von der "Süddeutschen". (Alle Fotos wie immer: von mir)

Hätte Kollege Hilmar Klute nicht diese eine Mail geschickt, ich hätt´s ja mal wieder nicht mitbekommen: Benjamin Henrichs, so war darin zu lesen, sei bereits Ende Juli in den Ruhestand gegangen. Und damit sein Abschied von der SZ nicht so sang- und klanglose bleibe, gebe es am 10. November ein kleines redaktionelles Abschiedsfest. Für “Kulinarik und Ansprachen” werde gesorgt.

Es war dann wirklich nur ein ausgesprochen kleines Abschiedsfest, abgehalten im “Kleinen Konferenzsaal” im 25. Stock unseres nüchtern-funktionalen, für gemütliche Feier-Runden wahrlich nicht geeigneten SZ-Hochhauses mit seiner vollautomatisierten Licht- und Jalousienregelung. Ein bisschen traurig, das alles.

Viele Kollegen waren verhindert, andere gar nicht erst eingeladen/ erschienen, oder sie mussten gleich wieder auf einen Abendtermin, es fanden mal wieder fünfzehn Sachen gleichzeitig statt. Literaturfest-Eröffnung zum Beipiel – egal. Habe ich gecancelt. Zu Henrichs Abschied zu kommen, betrachte ich als Ehrensache. Obwohl er nie ein Förderer war, und wir bei der SZ eigentlich auch überhaupt nichts miteinander zu tun hatten. Weiterhin als  Theaterkritiker tätig zu sein, weigerte sich B.H. hartnäckig von Anfang an, seit er 1998 von der ZEIT zur SZ gewechselt war. Er hatte damit abgeschlossen und sich eine stumme, aber doch sehr beredte Art zugelegt, uns SZ-Theaterschreibern mitzuteilen, was er von uns hielt: nämlich eher …  nichts. Schon klar: Wenn man einmal Kritikergott war und jede Menge ZEIT hatte, kann und will man sich nicht plötzlich als ordinärer SZ-Vasall in den täglichen Nah- und Tageskampf stürzen und sich die Nöte des Platz- und ZEITmangels antun – oder überhaupt: der veränderten Zeit.

Streiflicht-Autoren Wolfgang Roth, Benjamin Henrichs, Hermann Unterstöger, Harald Eggebrecht, Wolfgang Görl (von links)

Streiflicht-Autoren Wolfgang Roth, Benjamin Henrichs, Hermann Unterstöger, Harald Eggebrecht, Wolfgang Görl (von links)

Ich meine das gar nicht böse, ich konstatiere das nur. Mit dem journalistischen Abtritt von Benjamin Henrichs – und er sagt, dieser sein Abgang sei tatsächlich endgültig -, tröpfelt auch die Zeit der so genannten (und selbst ernannten) GROSSKRITIKER aus, als deren letzte Vertreter neben unserem hoch verehrten, im Moment leider gesundheitlich angeschlagenen Joachim Kaiser vielleicht nur noch Marcel Reich-Ranicki und der FAZ-Theaterredakteur Gerhard Stadelmaier gelten dürfen: die letzen Dinosaurier. Große, rhetorisch brillante Schlachten in großen, teils Seiten füllenden Kritiken haben sie geschlagen und dabei mit dem Theater immer auch sich selbst gefeiert - in Feuilletons, die dem Rezensionswesen geweiht und gewidmet waren, zur Feier der Hochkultur.

Wahnsinn, was sich da alles geändert hat in den letzten zwanzig Jahren – aber das ist ein anderes Thema. Hier soll es um die Person Benjamin Henrichs gehen, einen der letzten wirklich großen Kritiker des Theaters, einen Begnadeten seiner Zunft, der Held unserer Jugend – den wir alle, die wir schon ein gewisses Alter erreicht haben – und jetzt mindestens mit einer “4″ in der Angabe umgehen müssen -, für seine Rezensionen bewundert, geschätzt, ja: regelrecht geliebt haben. Sie waren Meisterwerke der Beobachtungs- und Sprachkunst, der Leidenschaft, Sensibilität und Empathie. Man konnte sich hineinträumen, hineinverlieben in sie und gedanklich auf´s Schönste, Genießerischste darin spazieren. Man konnte das Theater verstehen und lieben in diesen Rezensionen – und durch sie hindurch. Sie waren poetische, literarisch wertvolle Vergegenwärtigungen, als sei der Theaterabend in sprachliches Bernstein gebannt. Und gelernt hat man dabei auch immer was.

Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth (links) ist bereits im Ruhestand, jetzt folgt Benjamin Henrichs ihm nach - und muss sich zumindest nicht mehr sorgen, ob er denn auch ein Thema findet.

Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth (links) ist bereits im Ruhestand, jetzt folgt Benjamin Henrichs ihm nach - und muss sich zumindest nicht mehr sorgen, ob er denn auch ein Thema findet.

Dass Henrichs seinen Hamburger Wochenzeitungs-Luxusposten bei der ZEIT aufgab und 1998 zu jener Tageszeitung zurückkehrte, bei der er, der Sohn des Regisseurs und Münchner Intendanten Helmut Henrichs, dereinst als junger Mann begonnen hatte, lag an einer Frau: an Sigrid Löffler, der neuen Feuilletonchefin der ZEIT (1996 bis 1999), mit der er alles andere als harmonierte. Keine Ahnung, was die beiden miteinander ausgefochten haben – der Zwist, oder besser: Hass scheint jedenfalls tief gesessen zu haben – und zu sitzen. SZ-Chefredakteur Kurt Kister erzählte bei der Abschiedsfeier, wie er einmal in der Berliner Redaktion, der Henrichs in den ersten Jahren seiner SZ-Rückkehr angehörte, an einer Weihnachtsfeier der Kollegen teilnahm. Als er damals Henrichs mit ein paar flapsigen “Bemerkungen in Zusammenhang mit Frau Löffler” aufziehen wollte, habe dieser erst ein “unstetes Flackern in den Augen” aufgewiesen und ihm dann unvermittelt ein Glas Wasser ins Gesicht gekippt. So viel dazu.

Hermann Unterstöger überreicht dem Kollegen Henrichs eine Hörbuch-Edition lyrischer Stimmen.

Hermann Unterstöger überreicht dem Kollegen Henrichs eine Hörbuch-Edition lyrischer Stimmen.

Der Job, den der Rückkehrer und ZEIT-Flüchtling Benjamin Henrichs bei der SZ ausgehandelt hatte, war wieder ein Luxusposten. BH war direkt der Chefredaktion – damals: Kilz – unterstellt, war dem gemeinen Tagesgeschäft (mit Konferenzen, Blattmachen etc.) entzogen und konnte in Ruhe und für ein damals “exorbitant hohes Gehalt” – wie seit jeher der Flurfunk kolportiert hatte und nun auch SZ-Chef Kister nicht unterließ zu erwähnen – seinen journalistischen Liebhabereien nachgehen: Streiflichtern, Kolumnen, essayistischen Betrachtungen oder den gelegentlichen Reportagen eines Flaneurs.

Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth, seit einem Jahr selber im Ruhestand und tatsächlich nicht mehr schreiberisch tätig, lässt sich kaum mehr im SZ-Gebäude blicken, zu Henrichs Abschied aber war er gekommen - nicht zuletzt, um in einer Ansprache von den Eigenheiten des Streiflicht-Kollegen Henrichs zu berichten. Von dessen “Qualen” und “Sorgen” zum Beispiel, wenn bis mittags kein Streiflicht-Thema da war … bis dann der unerschütterliche Hermann Unterstöger irgendeinen Text aus seiner “Vorsorge-Schublade” zog. Henrichs selbst habe, wenn er ein Streiflicht schrieb, in der Regel immer schon am ‘Tag vorher das Thema gewusst. Als sanft und sensibel muss man sich ihn vorstellen, den (Streiflicht-)Autor Henrichs, aber auch als äußerst penibel.

Es wurden dann noch viele Anekdoten erzählt und Erinnerungen ausgetauscht. Mit dabei: Chefredakteur Kurt Kister.

Es wurden dann noch viele Anekdoten erzählt und Erinnerungen ausgetauscht. Mit dabei: Chefredakteur Kurt Kister.

Als dann bei seiner Abschiedsfeier Henrichs selbst das Wort ergriff, verriet er erst mal seinen Jugendtraum: SZ-Chefreporter der “Seite Drei” wollte er werden, in direkter Nachfolge von Hans Ulrich Kempski – drunter macht es ein Henrichs offenbar nicht. Die Alternative war dann, Kritiker zu werden (der Bub war ja theatralisch vorgeprägt durch seinen Vater); aber immer schon mit dem Wunsch und dem Anliegen: “Wenn nicht Kritik, dann Komödie.” In den letzten 13 Jahren bei der Süddeutschen, sagt Henrichs, habe er das schlussendlich umgesetzt: “Ich war so etwas wie ein journalistischer Komödienautor.” Etwa in der Kolumne “Theaterwahn”, die er im Jahr 2002 einen Monat lang täglich im Feuilleton bespielte – für Henrichs seine “schönste Kolumne überhaupt” (und er war, wohlgemerkt, bei der ZEIT ja auch Autor der Finis-Kolumne). Henrichs lobt die SZ dafür, dass sie solchen Leuten – wie ihn – immer eine Oase, ein Refugium geboten habe, und er fragt sich aber auch, ob dieser Typus nicht vom Aussterben bedroht sei: “Leute, die keine richtigen Journalisten, aber auch keine Schriftsteller sind …”

Seine Streiflichter, sagt Henrichs, habe er wie Kurzdramen konzipiert: “Vorhang auf – Action – Vorhang zu – Schlusspointe.” Und in der SZ-Wochenend-Beilage hat er solche Ministücke dann ja auch tatsächlich in Dramenform gebracht, meist mit dem Setting: Älteres Ehepaar sitzt am Frühstückstisch, liest Zeitung und stößt dabei auf ein (mehr oder weniger existenzielles) Gesprächs- und Gesprächspausen-Thema. Nicht selten winkten Tschechow oder Beckett um die Ecke, und Fußball kam auch immer drin vor.

Insgesamt 42 Jahre war Benjamin Henrichs printjournalistisch im Feuilleton tätig. Er sagt, das sei "groteskerweise genauso lange, wie Gaddafi in Libyen an der Macht war".

Insgesamt 42 Jahre war Benjamin Henrichs printjournalistisch tätig. Er sagt, das sei "groteskerweise genauso lange, wie Gaddafi in Libyen an der Macht war".

Dass er tatsächlich nicht mehr für die Zeitung oder das Theater arbeiten möchte, will man kaum glauben, aber Henrichs, der jetzt 65 ist, meint es ernst. Erstens, sagt er, sei da sein Augenproblem, er sehe viel zu schlecht – in den letzten Jahren konnte Henrichs nur noch mit einer Lupe lesen, und er behauptet, keine Gesichter zu erkennen; Theater gehe daher schon mal gar nicht. Und zweitens habe er “diesen unheilvollen Ehrgeiz, nicht aufhören zu können”, noch nie gut gefunden: “Irgendwann wird´s peinlich.” Selbst die besten Leute ihres Fachs würden im Alter schlechter werden, sagt Henrichs, “das ging ja selbst Goethe so”.

Da ihm, Henrichs, aber keiner den Rückzug glauben wolle und er ständig mit Fragen zu seinem zukünftigen Tun bombardiert werde, habe er sich eine befriedigende Antwort zurecht gelegt. Sie lautet:  “Geld zählen – oder Geld ausgeben.” Na dann …

Drei Tage nach seiner SZ-Verabschiedung, am Sonntag, 13.November, hielt Henrichs seine angeblich letzte Theater-Laudatio: Sie galt dem langjährigen Peymann-Dramaturgen Hermann Beil, der in Bochum den Bernhard-Minetti-Preis 2011 verliehen bekam. BH sagte dazu am Tag seines SZ-Abschiedsfests ganz nüchtern: “Heute beende ich mein Zeitungsleben und am Sonntag mein Theaterleben.” Hm. Und jetzt?

Ganz am Schluss sitzt Henrichs noch mal an einem SZ-Schreibtisch - im Büro von Hilmar Klute, wo jeden Morgen die Streiflichtleute tagen (und manchmal ob mangelnder Themen auch verzagen).

Ganz am Schluss sitzt Henrichs noch mal an einem SZ-Schreibtisch - im Büro von Hilmar Klute, wo jeden Morgen die Streiflichtleute tagen (und manchmal ob mangelnder Themen auch verzagen).

Er schreibt natürlich schon noch, alles andere wäre doch verwunderlich gewesen. Henrichs schreibt Kurzgeschichten, schon lange. Er druckt sie aus und steckt sie weg.  Demnächst hat er bestimmt mal Zeit, sie wieder hervorzuholen. Und um weitere zu verfassen: Zwei Schreibstunden am Tag hat er sich vorgenommen, immer von acht bis zehn. Henrichs, elegisch lächelnd: “Ich bin jetzt freier Schriftsteller: 90 Prozent frei und 10 Prozent Schriftsteller.”  Einen Lektüre-Tipp krieg ich auch noch von ihm: die “Handtellergeschichten” von Yasunari Kawabata. Der japanische Autor ist eine Art “Vorbild oder Idol” von ihm.

Einen Weg gäbe es ja schon, ihn aus dem Ruhestand zurückzuholen – und zwar direkt ins Scheinwerferlicht auf der Bühne: Wenn ihm jemand die Rolle des King Lear anböte! Diesen verwirrten, erzürnten, im greisen Alter zu einer schmerzhaften, Lebenserkenntnis stiftenden Passion gezwungenen  Shakespeare-Helden würde Henrichs gerne spielen: am liebsten in einer Marthaler-Inszenierung (siehe auch nächsten Blog-Eintrag).

Na bitte! Angebote nehme ich hier gerne entgegen und leite sie an Herrn Henrichs weiter, auch wenn das nicht so leicht werden dürfte, da er nach eigenen Angaben weder über ein Handy noch über eine E-Mail-Adresse verfügt. Soll es geben. Außerdem wird er seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Hamburg verlegen.

Alles Gute, Herr Henrichs! Das Theater hatte mit Ihnen eine große Zeit. Hoffen wir, dass es wichtig bleibt und überlebt.

17.11.11 | 22:01 | Begegnung mit ... | Dramatik | Glückwunsch! | Haiku | Kommentare 1 Kommentar

Herzlichen Glückwunsch, lieber Fitzgerald Kusz!

Frankendichter Fitzgerald Kusz (Foto aufgenommen im November 2010 bei ihm daham in Nämberch)

Frankendichter Fitzgerald Kusz (Foto aufgenommen im November 2010 bei ihm daham in Nämberch)

Heute feiert der Frankendichter Fitzgerald Kusz, mein so liebenswürdiger, geschätzter Landsmann, der diesen Blog seit Anbeginn mit seinen wunderbaren Haikus unterstützt, seinen 67. Geburtstag. Aus diesem Anlass sei hier das Porträt veröffentlicht, das ich vor einem Jahr im SZ-Feuilleton über ihn geschrieben habe (SZ vom 27.11.2010). Ich habe Herrn Kusz dafür in seinem Reihenhäuschen in Nürnberg-Langwasser besucht, es liegt in unmittelbarer Nähe zum riesigen Gebäudekomplex der Agentur für Arbeit. Anlass für den Artikel war der Austausch seines unverwüstlichen Langzeitrenners “Schweig, Bub!” auf dem Spielplan des Nürnberger Theaters gegen ein neues – und neuzeitiges – Kusz-Stück mit dem weihnachtlichen Titel “Lametta”. Dass ich diese Uraufführung (in der grobmotorisch plärrigen Anti-Franken-Regie von Frank Behnke) nicht sonderlich gut fand – und das natürlich auch schrieb -, hat mir Kusz erst ein bisschen krumm genommen. Völlig zu unrecht! Denn eigentlich – jetzt mal ehrlich, Herr Kusz – kann man meinen Text gar nicht anders verstehen als das, was er sein soll und ist: eine Liebeserklärung und Hommage. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Fitzgerald Kusz! Und ich freue mich schon auf neue Haikus, denn jetzt regt er sich wieder, dieser Blog.

Auf´s Maul geschaut

Ein Porträt des fränkischen Dichters Fitzgerald Kusz

Der Franke als solcher ist ein eher nüchterner Mensch mit grundsätzlich pessimistischer Weltsicht. Überschwänglichkeiten sind nicht so sehr sein Fall, er macht auch kein Aufhebens von sich selber. Im Tiefstapeln ist er Deutschlandmeister, doch im Hochdeutschen ist für ihn kein Pokal zu holen. Das „R“ macht er sich rollend gefügig, aber das harte „P“ und das harte „T“ sind und bleiben seine Feinde. Generell ist der Franke eher maulfaul. Die große Klappe überlässt er ehrgeizlos den Bayern und Preußen. Sein dazugehöriges Diktum lautet: „Iich sog nix, iich denk ma mein Teil . . .“ Aber wehe, wenn er mal loslegt, der Franke, dann kommt er umstandslos zur Sache und ist so unverblümt, derb und direkt, dass man froh sein muss, wenn ihn nicht alle verstehen.

nu ä wodd / und du hasd / dein ledzdn / schiiß gloun“ (noch ein wort / und du hast / deinen letzten / Furz gelassen)

Wer die fränkische Mund- und Wesensart derart konzise in einen Versrhythmus und auf den Punkt zu bringen versteht wie Fitzgerald Kusz, der kennt und liebt seine Pappenheimer und weiß sie beim (gesprochenen) Wort zu nehmen. Der Nürnberger Dichter, Jahrgang 1944, erbringt seit nun schon vier Jahrzehnten den Beweis, dass „das Fränggische“ sehr wohl auch zur lebendigen Literatursprache taugt, so wie zum Beispiel das Katalanische, oder nehmen wir Suaheli.

Franken-Klassiker: Nämbercher Broodwärscht (Nürnberger Bratwürste)

Franken-Klassiker: Nämbercher Broodwärscht (Nürnberger Bratwürste)

„Der fränkische Dialekt hat eine tolle Bildhaftigkeit“, weiß Kusz an seiner Muttersprache zu schätzen. Als Sohn einer waschechten Fränkin und eines gelernten Opernsängers aus Berlin ist er im mittelfränkischen Forth gewissermaßen zweisprachig aufgewachsen. Das Berlinerische mag er auch, aber das Fränkische, findet er, „ist die absolute Dialogsprache.“

Der 66-Jährige mit der lustigen Knubbelnase sitzt an einem großen Holztisch in seinem Reihenhäuschen in Nürnberg-Langwasser und schaut mit seiner rundlichen Pullunder-Gestalt und den Pantoffeln an seinen Füßen wie ein braver Pensionär aus. Wenn da nicht dieses listige, spitzbübische Grinsen wäre. Oder dieses „Schimpf-Sonett“ aus eigener Feder, das er gerade zum Beweis der Anschaulichkeit der fränkischen Sprache vorgetragen hat. „In der Jazzer-Sprache würde man sagen: Fränkisch groovt“, sagt der Jazz-und Blues-Fan Kusz. Man nehme allein die Synkopen: „Wenn auf einen kurzen Takt ein längerer kommt: gmacht statt gemacht, gsunga statt gesungen.“ In der Verknappung liegt Musik drin. Der Rhythmus macht’s.

Kusz ist der Pionier, wenn nicht der Vater der fränkischen Mundartdichtung – nicht einfach nur ein Heimatdichter, sondern ein professioneller, höchst geistreicher, nicht selten hinterfotziger Lyriker und Dramatiker, dessen Dialektgedichte regelmäßig im „Jahrbuch der Lyrik“ erscheinen und dessen Texte nicht nur in andere deutsche Mundarten wie zum Beispiel ins Hessische oder Plattdeutsche übertragen werden, sondern auch in englischen, italienischen und sogar türkischen Übersetzungen vorliegen.

Fitzgerald Kusz (links) mit dem Nürnberger Schauspielchef Klaus Kusenberg

Fitzgerald Kusz (links) mit dem Nürnberger Schauspielchef Klaus Kusenberg

Weit über das Frankenland hinaus bekannt und in selbigem weltberühmt wurde Fitzgerald Kusz 1976 mit seinem Volksstück „Schweig, Bub!“, dem Franken-Klassiker schlechthin. Das Drama schaut einer kleinbürgerlichen Nürnberger Verwandtschaftsrunde anlässlich der Konfirmationsfeier des 14-jährigen „Fritzla“ beim Reden und Essen aufs Maul. Dabei werden von der „selbä gmachtn Lebagnödlasuppm“ über „Schweinebrodn“ und fränkische Klöß bis hin zu den obligatorischen „Brodwärscht“ jede Menge regionaler Speisen nebst Unmengen von Alkohol konsumiert. Mehr ist das eigentlich gar nicht: ein großes Familienfressen. Aber auch: ein Gefressenwerden und Schwer-Angefressensein. Geschrieben ist das so böse, entlarvend und hundsgemein komisch, mit so zur Kenntlichkeit entstellten Figuren, deren deftiges Fränkisch Waffe und Wundbrand zugleich ist, dass dem kleinen Fress-und- Sauf-Stück eine sensationelle Karriere beschieden war. 34 Jahre lang stand es bis zum Juni dieses Jahres allein am Theater Nürnberg auf dem Programm. Ein absoluter Bühnenrenner.

„Das ist der Wahnsinn“, sagt Schauspielchef Klaus Kusenberg, der von Eltern berichtet, die da schon als Jugendliche drin waren und jetzt wieder mit ihren eigenen Kindern kommen. Oder besser gesagt: kamen. Denn nach 730 Vorstellungen in der Urinszenierung von 1976 (die kurioserweise von Friedrich Schirmer, dem späteren Stuttgarter und Hamburger Intendanten, stammt) soll das Stück nicht wieder aufgenommen werden. Damit schweigt der Bub, dem die Erwachsenen ständig übers Maul fahren und ihm dieses mit Knödeln stopfen, nun endgültig. Die – in all der Zeit vielfach umbesetzte – Inszenierung war „in keinem ordentlichen Zustand mehr“, wie Kusenberg das ausdrückt. Der Autor selbst sagt: „Die Luft war raus.“

"Lametta"-Autor Kusz am Abend der Premiere mit Schauspielchef Klaus Kusenberg (Mitte) und dem Uraufführungsregisseur Frank Behnke, inzwischen Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus und ab 2012 Schauspieldirektor in Münster.

"Lametta"-Autor Kusz am Abend der Premiere mit Schauspielchef Klaus Kusenberg (Mitte) und dem Uraufführungsregisseur Frank Behnke, inzwischen Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus und ab 2012 Schauspieldirektor in Münster.

Kein Problem, sollte man meinen. Kusz hat ja für Nachschub gesorgt und mit „Lametta“ eine Art Fortsetzung geschrieben. Wieder eine Familiengroteske, diesmal aufgehängt an Weihnachten – wenn nicht sogar buchstäblich am dazugehörigen Baum, dessen fehlendes Lametta für die Oma das Symbol des Niedergangs ist. Und es ist ja auch tatsächlich nichts mehr, wie es war: Wurden in „Schweig, Bub!“ der Schein und die Scheinmoral nach außen hin tapfer aufrecht erhalten und nur von der Sprache decouvriert, sind die Familienbande in „Lametta“ von vornherein zerrissen. Weihnachten im Jahr 2010 – das ist inzwischen eben auch in Franken das Fest der Rest- und Patchwork-Familien.

In diesem Fall ist es so, dass die Babs, die Neue vom Sparkassenfilialleiter Werner, ihr erstes Weihnachten mit dem Zukünftigen gerne bei einem „Brigitte-Menü für Zwei“ verbringen würde. Woraus natürlich nichts wird in diesem boulevardesken Tür-auf-Tür-zu-Theater. Einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen: Werners Sohn, Werners Mutter, Werners Ex, dazu der Babs ihre eigene Tochter, der Babs ihr Ex und dann auch noch dessen neue Frau, eine zweifache „Miss Franken“ von minderem IQ („Ich will definitiv ned störn. Echt ned.“).

„Anders scho, besser ned“: Omas Urteil über die neue Hängung am Christbaum gilt leider auch für Kusz’ Weihnachtsstück, das im Vergleich zu „Schweig, Bub!“ doch viel an Süffisanz und hintergründiger Brillanz missen lässt. In „Lametta“ tun sich keine Abgründe, sondern im Wesentlichen nur Mäuler auf. Das Stück begnügt sich mit der Situation selbst, ohne dass sich die Sprache – wie in „Schweig, Bub!“ und den besseren Kusz-Dramen – zur eigentlichen Protagonistin aufschwänge. Vorbilder schwarzen britischen Humors wie Michael Frayn oder Alan Ayckbourn („Schöne Bescherungen“) zwar durchaus im Blick habend, gerät Kusz’ Komödiantik hier aber doch zu banal und beliebig, manchmal sogar lieblich, etwa wenn der Verkündigungsengel an der Krippe den Zoff in Form eines gebrochenen „Flüchellä“ (Flügelchen) abkriegt und der Hausherr mit Kleber rummacht, als habe er keine anderen Sorgen: „Etz kriegt mei Engellä erscht widder sei Flüchellä.“

Von wegen Fitzgerald! Eigentlich heißt er Rüdiger: Rüdiger Hans Dieter Kusz. Den Namen Fitzgerald hat er sich ins einer wilden Poplyrik- und Politik-Phase von John F. Kennedy entliehen: John Fitzgerald Kennedy.

Von wegen Fitzgerald! Eigentlich heißt er Rüdiger. Den Namen Fitzgerald hat sich Kusz in seiner wilden Poplyrik- und Politik-Phase von John F. Kennedy entliehen: John Fitzgerald Kennedy.

Zur Ehrenrettung des Stücks muss man allerdings auch sagen, dass Regisseur Frank Behnke in seiner lärmigen, prolligen und dabei auch holprigen Uraufführung komplett die ätzende Farce verpasst hat, die darin stecken könnte. Dass er die Figuren breitärschig ausstopfen und in grässliche Kostüme und Perücken aus dem Fundus der Geschmacksverirrung stecken ließ, müsste ihm das Frankenpublikum eigentlich übel nehmen. So wie man als Franke irritiert registriert, dass die Schauspieler ja gar kein Fränkisch sprechen, sondern: das, was sie dafür halten. Aber Fakt ist: Es gibt keine Franken im Nürnberger Ensemble. Die Schauspieler haben für „Lametta“ extra Sprachunterricht erhalten.

Aber auch, wenn sich das mit dem Idiom mit der Zeit bessern sollte: Einschlagen wie „Schweig, Bub!“ wird „ Lametta“ wohl nicht. An die 80 Profi-Inszenierungen gibt es von Kusz’ frühem Hit, „und die Amateuraufführungen zählt mein Verlag schon gar nicht mehr“, sagt der Autor. Das Gute, wenn man so einen Erfolg gelandet hat, ist: Man kann davon leben. Zumindest konnte  der im SDS und in den 68er-Studentenkämpfen an der Uni Erlangen politisch gestählte Kusz schon 1982 seinen Beruf als Studienrat für Deutsch und Englisch an den Nagel hängen und sich ganz dem Schreiben widmen.

Der Ausweis zum Beweis: Fitzgerald Kusz heißt eigentlich Rüdiger Hans Dieter, geboren am 17. November 1944 in Nürnberg.

Der Ausweis zum Beweis: Fitzgerald Kusz heißt eigentlich Rüdiger Hans Dieter, geboren am 17. November 1944 in Nürnberg.

Seither hat er zwanzig abendfüllende Stücke verfasst, darunter Zwei-Personen-Dramen wie „Burning Love“ und „Höchste Eisenbahn“, die sehr lustigen „Witwendramen“ oder auch „Der Fränkische Jedermann“. Viele davon sind Hits im Volks- und Amateurtheaterbereich und auch wirklich pointiert geschrieben. (Die ins Türkische übersetzten “Witwendramen” wurden am 20.10. 2011 in Üsküdar, dem asiatischen Teil Istanbuls, zum 100sten Mal aufgeführt, wie Kusz im Oktober per Mail mitteilte. Mit dem Zusatz: “Wird das mein türkischer ,Schweig, Bub!´?”)

Die eigentliche Meisterschaft des Fitzgerald Kusz, der mit Vornamen eigentlich Rüdiger heißt – den Fitzgerald hat er sich in seiner wilden Poplyrik- und Politik-Phase von „John Fitzgerald Kennedy“ entliehen –, die größte Meisterschaft dieses Frankendichters liegt jedoch in der literarischen Miniatur. Seine fränkischen Haikus sind großartig, und wenn er mit seinen „Bluesbrothers“, dem Gitarristen Klaus Brandl und dem Mundharmonika-Spieler Chris Schmitt, lyrisch-musikalische „Blues & Kusz“-Programme macht, dann weiß man, dass die Melancholie aus Franken kommt.

„der vollmond über nämberch / is aa blouß / ä lebkoung“, heißt es in einem Franken-Haiku von Kusz (Der Vollmond über Nürnberg ist auch nur ein Lebkuchen). Na dann, schönen Christkindlesmarkt!

08.08.11 | 01:51 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kommentare 1 Kommentar

“Der Passionierte” – Laudatio auf Christian Stückl

Regisseur und Intendant Christian Stückl (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis, als da wären: Urkunde, Medaille und 5000 Euro Preisgeld. (Alle Fotos: von mir)

Regisseur und Intendant Christian Stückl erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis, als da wären: Urkunde, Medaille und 5000 Euro Preisgeld.

So, und hier nun also meine Laudatio auf Christian Stückl anlässlich des Oberbayerischen Kulturpreises 2011.

Der Passionierte

Wer den Menschen und Theaterkünstler Christian Stückl würdigen möchte, kommt um den Raucher Stückl nicht herum. Die Art, wie Christian Stückl raucht, hängt unmittelbar damit zusammen, wie er arbeitet und lebt, nämlich ziemlich intensiv. Jeder, der den Oberammergauer Passionsleiter und Münchner Volkstheater-Intendanten schon einmal hat qualmen sehen, weiß: Er zieht nicht nur an einer Zigarette, er saugt daran – heftig, hektisch, manchmal mit einem derart zischenden Inhalationsgeräusch, dass man den Lungenzug förmlich hört. Ungefähr so muss man sich den Kettenraucher Stückl auch als Theaterleiter und Regisseur vorstellen: gierig alles auf- und in sich hineinsaugend, glühend, leidenschaftlich, unbedingt. Christian Stückl ist ein Süchtiger, vor allem als Theatermacher. Er arbeitet, wie er raucht: auf Lunge.

Die Laudatorin beim Laudatieren (Foto: Wolfgang Englmaier)

Die Laudatorin beim Laudatieren (Foto: Wolfgang Englmaier)

Die Puste ausgehen tut ihm darob aber nicht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Energie dieser Mann hat. Als er in den letzten Wochen und Monaten Thomas Manns Mammutroman „Joseph und seine Brüder“  auf die Oberammergauer Passionsbühne stemmte – in einer eigenen Fassung, versteht sich –, da inszenierte er zwischendurch auch schnell noch die Wiederaufnahme von Hans Pfitzners sperriger Oper „Palestrina“. Diesmal nicht am Münchner Nationaltheater, wo Stückls Inszenierung bereits 2009 Premiere hatte, sondern – in neuer Besetzung – an der Hamburger Staatsoper. Und dann hat dieser unermüdliche Spieltriebtäter mit dem Münchner Volkstheater ja auch noch hauptberuflich ein Theater zu leiten. Das tut er mit so einschlägigem Erfolg, dass die Stadt München seinen Vertrag im Februar vorzeitig bis zum Jahr 2015 verlängert hat. Wohlweislich. Damit er ihr auch ja nicht ausbüchst, dieser Stückl, der für das dahinkriselnde Haus die Rettung war und, so darf man ohne Übertreibung hinzufügen, ein Segen ist.

Logo Volkstheater

Logo Münchner Volkstheater

Als Nachfolger von Ruth Drexel hat Christian Stückl das Münchner Volkstheater derart umgekrempelt und verjüngt, dass es trotz seiner finanziellen Zwergenhaftigkeit zwischen den zwei Schauspielriesen der Stadt, dem Residenztheater und den Kammerspielen, klein, aber fein aufgestellt und schwerlich zu übersehen ist. Schon vom Spielplan her hat sich das Haus den anderen beiden Bühnen selbstbewusst angenähert, denn wo „Volkstheater“ draufsteht, da ist für Stückl ganz gewiss nicht automatisch ein Volksstückl drin. Sondern: Shakespeare, Schiller, Kleist, klassische wie zeitgenössische Dramatik – das ganze Repertoire, bayerische Kultstücke wie „Der Brandner Kaspar“ oder „Der Räuber Kneißl“ nicht ausgeschlossen, denn die sind Stückls Spezialität und fast immer ein Publikumsrenner, so wie neuerdings auch seine Inszenierung der „Dreigroschenoper“. Stückl ist als Regisseur ein Stürmer und Dränger. Er erzählt seine Geschichten saftig, sinnlich, süffig, aus einer unbändigen – manchmal auch ungebändigten – Spielfreude heraus.

Stückl signiert

Stückl signiert

Seit seinem Amtsantritt 2002 hat Stückl die Einnahmen am Volkstheater kontinuierlich gesteigert. Der Laden läuft, es kommen 110 000 Zuschauer im Jahr. Das muss man erst einmal hinkriegen mit so einem Mini-Etat. Stückl hat es von Anfang an verstanden, aus der Not seines kleinen Hauses eine Tugend zu machen und mit Jugend zu punkten: mit jungen, hochbegabten Schauspielern, die er frisch von der Schauspielschule weg engagiert (und er hat ein exzellentes Gespür für Talente!); mit jungen, spannenden Regisseuren, denen er eine Plattform bietet; und nicht zuletzt mit dem famosen Festival „Radikal jung“, mit dem das Volkstheater längst überregionale Strahlkraft erlangt hat. Da wundert es einen nicht, dass den Intendanten manchmal der Frust überkommt, weil er gerne mehr machen, expandieren, das Festival ausbauen möchte, das Geld dafür aber hinten und vorne nicht langt.

Dass er sich trotzdem in seinem kreativen Elan nicht bremsen lässt, hat mit dem speziellen Schmieröl zu tun, das Stückls Motor am Laufen hält – und das ist seine sprudelnde, leidenschaftliche, Begeisterungsfähigkeit. Mit ihr stürzt er sich aufs Theater genauso wie auf Menschen oder die Auslegung der Bibel, und wer immer es dann mit ihm zu tun bekommt, sei gewarnt: Es besteht höchste Ansteckungsgefahr!

Stückl beim SZ-Interview im Vorfeld der Passionspremiere 2010. Wir sprachen damals über die Antijudaismen im althergebrachten Passionstext.

Stückl beim SZ-Interview im Vorfeld der Passionspremiere 2010. Wir sprachen damals über die Antijudaismen im althergebrachten Passionstext.

Das ist eine große Qualität des rastlosen Wirtssohns aus Oberammergau: dass er nicht nur für eine Sache brennen, sondern dass er auch andere Menschen entzünden, sie für sich und seine Sache begeistern kann. Stückl ist ein Menschenfänger, ein Talentefischer. Und wie dieser Jesus aus Nazareth, mit dem er sich so oft beschäftigt, sammelt auch er immer eine Schar von Jüngern um sich herum.

In Indien, nach Obernbayern sein Lieblingsland, ließ er sich einmal von einem Wahrsager aus der Hand lesen. Er müsse ein Künstler sein, sagte der Wahrsager zu Stückl, ein Künstler aus dem Bereich Theater oder Musik, es habe auf alle Fälle etwas mit Menschen zu tun. Stückl, der den Mann auf die Probe stellen wollte, sagte: „Ich bin Geschäftsführer einer GmbH.“ (Womit er nicht gelogen hat – das Münchner Volkstheater ist als GmbH strukturiert.) Darauf antwortete ihm der Inder: „Damit werden Sie nicht glücklich werden.“

Oberammergauer Passionsspiel 2010, zum dritten Mal geleitet von Stückl

Oberammergauer Passionsspiel 2010, zum dritten Mal geleitet von Stückl

„Es muss auf alle Fälle was mit Menschen zu tun haben . . .“ – Insofern hat der gelernte Holzbildhauer Christian Stückl absolut den richtigen Beruf ergriffen und kommt eigentlich nur seiner Bestimmung nach, wenn er als Massenregisseur und –dompteur im Passionstheater von Oberammergau Heerscharen von Darstellern arrangiert und inszeniert; Schafe, Tauben und Kamele inklusive. Er kann das wie kein anderer.

An die 2000 Mitwirkende waren es auch letztes Jahr wieder, beim Passionsspiel 2010, dem professionellsten, staunenswürdigsten, chorisch wie choreographisch eindrucksvollsten Laientheater, das man je zu sehen bekam. Eine grandiose Leistung, mehr große Oper als folkloristisches Dorftheater.

Oberammergau 2010 - beim Vorab-Interview mit dem Jesus-Darsteller Frederik Mayet (vorne) und dem Regissseur Stückl, der gerade draußen vor dem Thetercafé eine raucht.

Oberammergau 2010 - bei einem Vorab-Interview mit dem Jesus-Darsteller Frederik Mayet (vorne) und dem Regissseur Stückl, der gerade draußen vor dem Thetercafé eine raucht.

Stückl war nach 1990 und 2000 bereits zum dritten Mal der Spielleiter und konnte endlich all das durchsetzen, wofür er seit fast 25 Jahren in seinem Heimatort hartnäckig gekämpft hatte: die Modernisierung des Bühnenbildes und des überkommenen Textes mit seinen vielen Antijudaismen;  die freie Besetzung der Hauptrollen ohne Gemeinderatsbevormundung; selbst das unantastbare Nachtspielverbot war per Bürgerentscheid aufgehoben worden, so dass die Passionsspiele erstmals in ihrer langen Geschichte in die Abendstunden hinein verlagert werden konnten – was  Stückl atmosphärisch und lichtdramaturgisch natürlich sehr schön zu nutzen verstand.

Stückl, der gelernte Herrgottschnitzer, ist ein theatralisches Naturtalent. Ein Theaterviech. Weder hat er je eine Regieschule besucht noch sich als Assistent an den Bühnen des Landes hochgedient. Aber zugehört hat er, als in den siebziger Jahren im Gasthof der Eltern, der „Rose“, immerfort über die Passionsspiele und deren mögliche Reform diskutiert wurde. Stückl war damals Feuer und Flamme. Ein echter Passions-Passionierter.

Der elterliche Gasthof in Oberammergau wird inzwischen von Stückls Schwester betrieben

Der elterliche Gasthof in Oberammergau wird inzwischen von Stückls Schwester betrieben

Schon beim Bibelspiel von 1970 war er als Achtjähriger ununterbrochen im Passionstheater und nicht von der Bühne runterzukriegen. „Bühnenschreck“ nannten sie ihn damals. Das war nicht nur liebevoll gemeint. Klein-Stückl war derart theaterbesessen, dass er sich Kostüme grapschte und sich eigenmächtig in jedes „lebende Bild“ reinstellte. Als er deswegen vom Spielleiter eine Watschen fing, rannte der Stöpsel empört nach Hause und verkündete zornig: „ Wenn i amol Spielleiter bin, hau i zruck!“  Damit stand sein Berufswunsch fest, „aus niederen Beweggründen“, wie Stückl heute feixt.

Die neuerdings mit Glas überdachte Passionstheaterbühne bei der Premiere Anfang Mai 2010. Es war saukalt an dem Tag, am Ende hatte es minus vier Grad.

Die neuerdings mit Glas überdachte Passionstheaterbühne bei der Premiere Anfang Mai 2010. Es war saukalt an dem Tag, am Ende hatte es minus vier Grad.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er die Passionsspiele leiten würde. Vorher gründete er noch eine eigene Theatergruppe, mit der er in Oberammergau nicht etwa Bauernkomödien, sondern Stücke von Molière, Büchner und Shakespeare inszenierte, zum Beispiel 1986 den „Sommernachtstraum“. Ein Feriengast aus München, der Publizist Erich Kuby, war davon derart angetan, dass er den jungen Amateurregisseur nach München an die Kammerspiele empfahl. Das war ein Hammer und dürfte die Gemeinderatswahl von 1987 einigermaßen  beeinflusst haben. Damals wurde Stückl mit 25 Jahren zum Spielleiter für die 1990er Passion berufen, dem jüngsten aller Zeiten – zwar nur ganz knapp, mit neun zu acht Stimmen, aber gewählt ist gewählt.

Das Publikum bei der Passions-Premiere 2010, eingepackt in Ski- und Daunenjacken, gewärmt mit Mützen und Decken. Im Mai, wohl gemerkt!

Das Publikum bei der Passions-Premiere 2010, eingepackt in Ski- und Daunenjacken, gewärmt mit Mützen und Decken. Im Mai, wohl gemerkt!

Das war so fortschrittlich von den Oberammergauern, dass es ihnen hernach selber nicht ganz geheuer war. Von den Anfeindungen, Daumenschrauben, Verweigerungs- und Verhinderungsakten, die darauf folgten, kann Stückl herrliche Geschichten erzählen (Ruf aus dem renitenten Darstellerheer: „Wos wuin´ des Oarschloch da vorn?“). Dafür, dass er das alles ausgehalten und durchgestanden hat, verdient er allein schon einen Preis. Und man darf den Oberammergauern gratulieren zu ihrem unnachgiebigen „Bühnenschreck“ – diesem „Fachmann fürs Katholische“, wie Jürgen Flimm ihn nannte, als er Stückl zu den Salzburger Festspielen holte, wo es 2002 ebenfalls ein geistliches Spiel zu reformieren galt: den „Jedermann“.

Der Oberammergauer Bürgermeister Arno Nunn (Partei: "unabhängig") mit Roswitha und Peter Stückl, den Eltern des Preisträgers

Der Oberammergauer Bürgermeister Arno Nunn (Partei: "unabhängig") mit Roswitha und Peter Stückl, den Eltern des Preisträgers

Festlegen auf den Katholizismus und sein Bayerntum sollte man Stückl aber nicht. Das hieße, diesen sehr offenen, neugierigen, liberal und tolerant denkenden Menschen, diesen leidenschaftlichen Shakespeare-Fan und Indien-Fahrer, Geschichten- und Menschensammler doch sehr zu verkennen. Aber es passiert dann doch immer wieder, dass er gewissen Vorurteilen ausgesetzt ist, was manchmal allein schon an seinem Dialekt liegt, diesem schönen, unverdorbenen Bairisch, das der Stückl spricht.

Es war nicht an den Theatern in Frankfurt, Bonn oder Hannover, sondern ausgerechnet an den Münchner Kammerspielen, wo man ihn einst bei der Vorstellung fragte: „Herr Stückl, denken Sie, Sie können sich unseren Schauspielern in norddeutscher Sprache verständlich machen?“ Stückl war so perplex, dass er erstmal nur antwortete: „I moan scho.“ Inzwischen wurde er für seine ungenierte Verwendung des Dialekts in der Öffentlichkeit mit der  „Bairischen Sprachwurzel“ ausgezeichnet. Womit wir schon wieder bei der katholischen Kirche wären. Denn auch Papst Benedikt XVI. ist Träger dieses Preises.

Stückl mit seinem Regieassistenten Abdullah Kenan Karaca aus Oberammergau. Er war mit zur Preisverleihung gekommen.

Stückl mit seinem Regieassistenten Abdullah Kenan Karaca aus Oberammergau. Er war mit zur Preisverleihung gekommen.

Kein Wunder also, wenn manch einer diesen Stückl missionarischer Bestrebungen verdächtigt. Als er vor der 2000er Passion den muslimischen Vater des kleinen Abdullah aufsuchte, um ihn zu überreden, dass er seinen Jungen unbedingt mitspielen lassen müsse, da sagte der Türke: „Okay, wenn Chef sagt, Abdullah soll spielen, dann soll Abdullah spielen. ABER MACH MICH NICHT KATHOLISCH!“

Zehn Jahre später stand der herangewachsene Abdullah Kenan Karaca vor der Tür des Münchner Volkstheaters und hatte nur ein Begehr: ans Theater zu gehen. Er ist jetzt bei Stückl Regieassistent – ein neuer Jünger.

07.08.11 | 22:45 | Ausgezeichnet! | Fernsehkultur | Glückwunsch! | Kommentare 12 Kommentare

“Schuldig!” – Laudatio von Hans Well auf Dieter Wieland

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis: Urkunde, Medaille & 5000 Euro Preisgeld.          (Alle Fotos: von mir)

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis, als da wären: Urkunde, Medaille und 5000 Euro. (Alle Fotos: von mir)

Hier nun also, wie vorangehend angekündigt und mit freundlicher Genehmigung des geschätzten Autors, die Laudatio von Hans Well (“Biermösl Blosn”) auf seinen guten alten Freund, den Autor, Journalisten und Dokumentarfilmer Dieter Wieland (Jahrgang 1937), Kämpfer gegen Landschaftsverschandelung,? Begradigung und Verödung, der Schrecken aller Flurbereinigugsapologeten, bekannt für Sendereihen (meistens für den Bayerischen Rundfunk) wie “Topographie”, “Bauen und Bewahren”, “Die große Kunst, ein kleines Haus zu bauen” oder “Hauslandschaften”. 

 

Er is schuld!

Ich kann`s nicht anders sagen, dieser Preisträger hat sich schuldig gemacht, dass ich durch keine Landschaft oder Dörfer mehr fahren kann, ohne meine Mitfahrer durch permanente Hinweise auf schöne, alte, meistens verfallende Häuser zu nerven, dass ich unter seinem Einfluss denkmalgeschützte Häuser hergerichtet und dabei Weib und Kinder vernachlässigt hab, dass ich in Abbruchhäusern unter teils lebensgefährlichen Umständen beim Ausbau alter Türen, Fensterbeschläge, Balken, Bodenbretter herumgekraxelt bin. Er ist schuld daran, dass der BR wegen des durch ihn inspirierten Baywa-Liedes zehn Jahre ohne uns Biermösl senden musste , schuld, dass ich mich im Gegensatz zur Mehrheit meiner Klasse nicht für die Lehren von Mao oder Lenin, sondern für die Auswirkungen der Flurbereinigung interessiert hab, dass ich heute morgen gegen meine Natur um 8 Uhr aufgestanden bin für einen Veranstalter, wo ich normalerweis nie und nimmer . . .  na ja, ich bin zwar nicht nachtragend, aber vergessen tu ich auch nix, er is schuld, dass Edeka in meiner Heimatgemeinde Türkenfeld . . .

„I hob ma de ganze Zeit denkt, woher kenn i bloß de Stimm! Jetz woaß i´s wieda!“

Zum Auftakt seiner Rede gibt Hans Well ein biermösltypisches Gstanzl zum besten - eingangs trompetend begleitend von seinem Sohn Lukas, der sich "leider im Stimmbruch befindet, der Sauhund", weshalb er den kritisch-stimmlichen Part ganz dem Vater überlassen musste.

Zum Auftakt seiner Rede gibt Hans Well ein biermösltypisches Gstanzl zum besten - trompetend begleitet von seinem Sohn Lukas, der sich "leider im Stimmbruch befindet, der Sauhund", weshalb er den kritisch-stimmlichen Part ganz dem Vater überlassen musste.

Dieses Heureka einer Kellnerin im vollbesetzten Saal des Unterwirts  zu Türkenfeld nach seinem Plädoyer gegen die Außenansiedlung eines Edeka-Supermarktes „vor Ort“ sagt viel über den Wirkungsradius von Dieter Wieland. Seine wohlklingende Stimme aus dem Fernseh-Off, vor allem aber die Wortgewalt, mit der dieser Abraham de Santa Clara bayerischer Architektur und Heimatpflege gegen die Flurbereinigung traditioneller Kulturräume und die Unkultur von Kitsch und Einheitsbaustil zu Felde zog und dabei den Begriff Heimat entstaubte, sprach alle sozialen, Bildungs- und Altersschichten an.

Einem breiten Fernsehpublikum bekannt wurde Dieter Wieland 1972 durch die Sendereihe „Topographien“ mit so provokanten Titeln wie „Unser Dorf soll hässlicher werden“, später „Bauen und Bewahren“. Filme wie der über das Isental schufen ein Bewusstsein für den Verlust von Heimat zu einer Zeit, in der für die Begradigung von Bächen und Landschaft zur Flurbereinigung mehr Sprengstoff verbraucht wurde als für die gesamte Bundeswehr.

Seine ca. 180 Filme sind der Beweis, dass höchstes Niveau höchsten Einschaltquoten keineswegs widersprechen muss. Seine Publikationen sind längst Standartwerke nostalgieferner traditionsbewusster moderner Heimatpflege. Wegen der starken Nachfrage entschied sich das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz bei der Denkmalbroschüre „Bauen und Bewahren auf dem Lande“ , die 1978 erstmals erschienen war, 2003 in der inzwischen 10. Neuauflage! Ohne Übertreibung kann man sagen, dass mit ihm heute einer der bedeutendsten Bayern der letzten 50 Jahre geehrt wird.

Dabei wurde Dieter Wieland am 16. März 1937 in Berlin Dahlem geboren.  Dieses kleine biographische Missgeschick korrigierte die Vorsehung allerdings fundamental durch eine Kindheit und Jugend in Landshut. Nach dem Abitur ´56 in München und dem Studium der Bayrischen Landesgeschichte sowie der Neueren Geschichte und Kunstgeschichte an der Uni München betätigte er sich ab 1964 hauptsächlich als freier Autor und Fernsehregisseur beim BR, ein Glücksfall für die Zuschauer dieses Senders.

Laudator Hans Well von den "Biermösl Blosn"

Laudator Hans Well von den "Biermösl Blosn"

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ausgestorben in den 70ern die Dorfstraßen waren, wenn eine seiner “Topographien” lief. Wie sich Bauerngärten nach einer Sendung zu diesem Thema in mit traditionell gefertigten Zäunen umgebene blühende Oasen wandelten, alte Häuser – vorher als “oids Glump” missachtet – wieder hergerichtet wurden. Mit seinen Filmen und Schriften, die nie besserwisserisch belehrten, sondern mit Beispielen überzeugten, hielt dieser Mann die kulturelle Zerstörung bayrischer Lebensräume vorübergehend auf.

Sprossenfenster, Haustüren, einheimische Baumsorten, mäandernde Bäche hatten auf einmal wieder ihren Wert. Die Langweiligkeit des akurat Geraden, die feindselige Schärfe eckiger Putzkanten, die Hässlichkeit drahtgeriffelter Aluminiumhaustüren – es fiel einem wie Schuppen von den Augen. Seine Gegenüberstellung von Bildern stimmiger Häuser mit verhunzten Alt- oder Neubauten, unterlegt mit Sätzen von präziser Wucht, schlugen ein.

Beispielhaft der lakonische Kommentar zum Bild eines eternitversauten Wirtshauses: „Aus alt mach neu. Aus echt mach Synthetik. Gesims weg. Verzierung weg. Proportion und Baukörper weg. Eingesargt!“

Die „Renovierung“ alter Häuser mit  großen, gleich leeren Augenhöhlen in die Fassade gestanzten Fenstern und Türen aus Aluprofilen nennt er „Hausschlachtung“! Viele seiner Formulierungen gängiger Bausünden wie der Glasbaustein-„Harakirischlitz“, der  „Warzenputz“, die „Bajonettbepflanzung“ mit Blautannen und Koniferen wurden Volksgut. Auf einmal genierte man sich für seine Plastikzäune oder Waschbetontröge, „den Grünersatz in Dosen“ vor dem Haus, sah ihre Schäbigkeit, entwickelte wieder ein Selbstbewusstsein für traditionell Gewachsenes.

Die Medaille mit dem Wappen des Bezirks Oberbayern

Die Medaille mit dem Wappen des Bezirks Oberbayern

Seine Arbeit wirkte in der Bevölkerung, man diskutierte in Wirtshäusern über seine Sendungen. Weniger Erfolg allerdings hatte er bei Politik und Baubehörden, den Keimzellen der normativen Kraft des Faktischen. Schon vor 30 Jahren warnte Dieter Wieland in der Denkmalbroschüre „Bauen und Bewahren auf dem Lande vor dem gleichen Schicksal der Dörfer, wie es den Städten widerfahren war. Zitat:

Städte haben wir verpfuscht. Was gut war an Ihnen ,das kompakte Nebeneinander von Wohnen, Geschäft und Gewerbe -die Stadt der kurzen Wege,  die haben wir zerschlagen, …autogerecht zerhackt und mit Monotonie und Gesichtslosigkeit, mit überall gleichen Kaufhäusern, Bankhäusern, Parkhäusern aufgefüllt.“ Und von dort aus „…wuchern Geschwüre von Vorstädten, Schlafstätten, Satellitenstädten hinaus über Dörfer, Wiesen und Felder. Siedlingsbrei ohne Form und Format, ohne Ziel und Ende. Behausungen, Fabriken, Supermärkte, alle gleich lieblos, hässlich und kalt…“

Logisch: so eine neue Heimat braucht große Straßen und Flughäfen und Ersatzdrogen wie den Musikantenstadl oder Hansi Hinterseerkitsch, um ihrer Trostlosigkeit zu entfliehen und Museen, in denen die Überreste von Heimat aufgebahrt werden.

Das Ehepaar Wieland lauscht der Laudatio von Hans Well, einem langjährigen Freund der Familie.

Das Ehepaar Wieland lauscht der Laudatio von Hans Well, einem langjährigen Freund der Familie.

Seit Mitte der 90er Jahre sieht man Dieter Wieland selten im FS, seine Sendungen werden kaum wiederholt. Und das hat Folgen: nicht bloß die von „Dahoam is Dahoam“, sondern vor allem in der ungebremsten Vandalisierung unseres Kultur- und Lebensraumes, die von den Profiteuren genormter 0815-Baukultur + ihren politischen Handlangern wie Zeil oder Bocklet z. B. über den neuen Landesentwicklungsplan vorangetrieben wird. All die Lidl, Media Märkte, Praktiker, XXLutz, Obi und Co haben inzwischen längst die Legislative übernommen, bestimmen, wo und wie gebaut wird, und die Politik opfert ihnen die schönsten Filetstücke unseres Landes. Weithin sichtbar wie am Irschenberg der MacDonalds. Jede Gemeinde konkurriert mit der nächsten um Gewerbesteuer, flächendeckend.

Im Vorwort zur Neuauflage der Broschüre „Gebaute Lebensräume“, die 2009 erschien, beschreibt Dieter Wieland die landauf landab sichtbaren Folgen: „Es wurde nicht mit Bedacht geplant, sondern mit Subventionen geklotzt. Diskounterketten, Baumärkte, Möblhäuser, Outlets . . . nagelneue Einfamilienwüsten . . . Die Altstädte hängen heute am Tropf . . . Dazu ein Städtebau, der Energie geradezu verschleudert. Ein Flächenverbrauch wie nie zuvor. Mit alptraumhaften Konsequenzen für Umwelt, Klima und Ressourcen.“

Bitteres Resümee für jemand, der schon 30 Jahre vorher bei der Erstauflage der Broschüre gewarnt hatte: „Ein Kahlschlag geht durchs Land. Begradigung. Bereinigung. Erschließung. Neuordnung. Verordnung. Verödung. Das Land wird hergerichtet, abgerichtet, hingerichtet. Am Ende bleibt nur das Korsett des öden Rasters. Der Triumpf des rechten Winkels. Serienlandschaft.“

Dieter Wieland (re.) mit dem anderen Preisträger, dem Regisseur Christian Stückl.

Dieter Wieland mit dem anderen Preisträger, dem Regisseur Christian Stückl.

Während meines Engagements gegen die Edeka Planung „vor Ort“ in Türkenfeld hatte ich das Vergnügen, den Geschäftsführer des Planungsverbandes München Christian Breu kennenzulernen. Als er mir weismachen wollte, der spornartige Auswuchs von Edeka auf den Endmoränenhügel vor Türkenfeld stelle eine Verschönerung des Orts-und Landschaftsbildes dar, bekam ich eine Ahnung davon, wie frustrierend es für Dieter Wieland sein muss, unsere Heimat bei solchen Koryphäen aufgehoben zu wissen. Was nützen schließlich die besten Gesetze und Dorf-Entwicklungsprogramme (die er ja stark geprägt hat), wenn Regierung,  bürokratische Gschwollschädl und gewerbesteuergeile Kommunalpolitiker sie ignorieren. Wenn dieselben, welche die  Autobahn durchs Isental gerade genehmigt haben, also das bayr. Kabinett,  fünf Minuten später scheinheilig den Flächenverbrauch in Bayern beklagen.

Legendär die Begründung des Innenministers Hermann zum Bau der Isentalautobahn: „Juristisch ist diese Autobahn völlig in Ordnung“. Die sofortige Suspendierung dieses Ministers nach so einer Blödheit allerdings ist offenkundig juristisch völlig in Unordnung.

Bayern verändert sich in nie dagewesener Weise, verkommt rasant zum gesichtslosen Gewerbemischgebiet. Das Gegenrezept zu dieser Katastrophe wird heute geehrt. Dieter Wieland ist ein Aufklärer und Volkspädagoge im besten Sinn, ein feiner Mensch, bescheiden, wie besonders kluge Menschen eben sind. Er ist ein Evoluzzer, zum Revoluzzer stand ihm wohl sein humanistisches Weltbild im Weg. Er ist ein sehr politischer Mensch der sich auch im Bund Naturschutz oder als Kreisrat einbringt.

Vor kurzem hab ich den Essay von Stephanie Hessel „Empört Euch!“ gelesen. Aus allen Schriften, Filmen und Ausstellungen wie „Grün kaputt“ von Dieter Wieland spricht dieselbe Forderung, sich zu empören. Dagegen, dass unsere Lebensräume weiterhin geplündert und verschandelt werden, dass eine skrupellose Politik unsere Heimat, Lebensqualität und Zukunft an Auto-, Bau- und Lebensmittelkonzerne verscherbelt.

Hans Well mit seiner Frau Sabeeka, die aus Indien stammt, genauer: aus Kolkata / Kalkutta

Hans Well mit seiner Frau Sabeeka, die aus Indien stammt, genauer: aus Kolkata / Kalkutta

Dieter Wieland hat nie Architektur studiert, aber er hat Architektur als Raum der Geborgenheit und des Sich-Wohlfühlens wieder vom Kopf auf bodenständige Füße gestellt. Am besten ehrt man ihn nicht nur mit Preisen, sondern indem man seine Thesen zur Maxime bayerischer Landesentwicklung macht. Könner wie er sind ein seltener Glücksfall. Es braucht viel Dieter Wieland im Fernsehen, in den Ämtern, Zeitungen, an den Schulen. Zeigt seine Filme, bekniet ihn, neue zu machen! Die Rettung des „Seidl Parks“ in Murnau beweist, welche Energie dieser Mann nach wie vor hat. Er muss mit seinen Werken wieder ins Bewusstsein der Gesellschaft, der jungen Leute, sonst verlieren wir uns noch ganz.

Übrigens : Edeka hat  seine Außenansiedlungspläne für Türkenfeld im Juni zurückgezogen. Das Prinzip Heimat, das Prinzip Dieter Wieland hat in diesem Fall gesiegt.

07.08.11 | 22:12 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kommentare 0 Kommentare

Oberbayerischer Kulturpreis 2011, verliehen in Eichstätt

Bei der Verleihung des Oberbayerischen Kulturpreises 2011 spielte das Martina Eisenreich Quartett, eine echte Entdeckung. Die Band rund um die namensgebende Geigerin ist musikalisch nicht auf einen Stil festzulegen. Man könnte sagen: Die Vier bummeln musikalisch zwischen den Welten - wenn das nicht viel zu lahm klingen würde für die Rasanz und das Temperament dieses Quartetts.

Bei der Verleihung des Oberbayerischen Kulturpreises 2011 spielte das Martina Eisenreich Quartett, eine echte Entdeckung. Die Band rund um die namensgebende Geigerin ist musikalisch nicht auf einen Stil festzulegen. Man könnte sagen: Die Vier bummeln musikalisch zwischen den Welten - wenn das nicht viel zu lahm klingen würde für die Rasanz und das Temperament dieses Quartetts.

Und schon wieder habe ich eine Laudatio gehalten. Sonst nie, und dann gleich zwei in einem Monat (das war noch im Juli). Ich veröffentliche den Text – leider mal wieder verspätet – in meinem übernächsten Blog-Beitrag, siehe weiter oben.

Diesmal galt die Lobrede dem Regisseur Christian Stückl, dem Intendanten des Münchner Volkstheaters und Oberammergauer Passions-Spielleiter der letzten drei Jahrzehnte. Wir kennen uns schon lange. Ein toller Typ. Absoluter Theatermensch. Als solcher: Naturtalent, Kettenraucher, Sinnenmensch, Workaholiker. Ich mag und schätze ihn sehr, und wenn ich ihn treffe, geht mir immer irgendwie das Herz auf. Er ist so leidenschaftlich, offen, unverstellt, so erdverbunden-bairisch und authentisch, einfach grundsympathisch. Und er hat ein großartiges Gespür für gute Geschichten und talentierte Menschen, so einen humorvollen, sinnlich-prallen Theaterblick.

Christian Stückl mit seinen Eltern Roswitha und Peter Stückl aus Oberammergau. Der Vater spielt zur Zeit in "Joseph und seine Brüder" den "Fremden", und das macht er sehr eindrucksvoll.

Christian Stückl mit seinen Eltern Roswitha und Peter Stückl aus Oberammergau. Der Vater spielt zur Zeit in "Joseph und seine Brüder" den "Fremden", und das macht er sehr eindrucksvoll.

Schon am  20. Juli  hat Stückl den Bayerischen Verdienstorden bekommen – und vier Tage später den Oberbayerischen Kulturpreis. Den gibt es seit 1980, und geehrt werden damit jährlich zwei Persönlichkeiten, die sich besonders um die Kultur in Oberbayern verdient gemacht haben. In diesem Jahr neben Christian Stückl: der Dokumentarfilmer und BR-Journalist Dieter Wieland. Den Rahmen der Preisverleihung bildeten die Oberbayerischen Kulturtage, die in diesem Jahr bis zum 30. Juli in Eichstätt über diverse Bühnen und Plätze der Stadt gingen.

Die Preisverleihung war am Sonntag, 24. Juli, um 11 Uhr im Festsaal des Alten Stadttheaters in Eichstätt. Mein Namenstag, Papas Geburtstag – aber das nur nebenbei. Ich bin bereits am Abend zuvor angereist, wollte gemütlich mit dem Zug anrollen und dabei die in voller Pracht stehenden Hopfenfelder in der Holledau im Vorbeifahren genießen. Aber mach nur einen Plan mit der Deutschen Bahn …

Preisverleihung im Alten Stadttheater von Eichstätt. Links von mir: Preisträger Christian Stückl, rechts: Bezirkstagspräsident Josef Mederer, Laudator Hans Well und Preisträger Dieter Wieland (Foto: Wolfgang Engelmaier / Bezirk Oberbayern)

Preisverleihung im Alten Stadttheater von Eichstätt. Links von mir: Preisträger Christian Stückl, rechts: Bezirkstagspräsident Josef Mederer, Laudator Hans Well und Preisträger Dieter Wieland (Foto: Wolfgang Engelmaier / Bezirk Oberbayern)

Die Strecke zwischen München und Ingolstadt ist wegen Bauarbeiten lahmgelegt, es herrscht Schienenersatzverkehr, und das heißt: Du musst den Bus nehmen. Dieser ist heillos überfüllt, in meinem Fall leider auch mit einer präpotent grölenden, Bier und Flachmann kippenden Jungs-Gruppe, die was von Schulausflug faselt. Es fehlen aber die Mädels. Es sind nur Jungs – und zwar in einem schrecklichen Stadium auf dem Weg hin zu dem, was sie für Männlichkeit halten. Ich erobere den letzten Sitzplatz im Bus, leider mitten zwischen den Präpotenten, deren Alphatier den Sitz direkt hinter mir belegt. Diejenigen, die keinen Sitzplatz mehr ergattert haben, müssen allen Ernstes aussteigen, denn Stehen im Bus, so verkündet es der Fahrer, ist verboten. Nicht zu fassen! Die solcherart ermahnten steigen tatsächlich aus. Sie steigen nicht etwa um in einen zweiten Bus, denn es gibt gar keinen – nein, sie müssen eine geschlagene Stunde warten, bis der nächste Bus abfährt. Geht´s noch?!

Die Klimaanlage funktioniert nicht, es ist drückend heiß, laut und eng. An Zeitungslektüre ist nicht zu denken, dafür gelingt es mir, den explosiven Sitzplatz zu tauschen, und ich komme mit meiner 29-jährigen Sitznachbarin ins Gespräch, einer sehr speziellen, stark geschminkten Chemielaborantin aus Salzburg mit unfassbar guter Haut, von der ich alles über Nacktkatzen erfahre (ja: NACKTkatzen!), hässliche, alienhaft felllose, hart herangezüchtete und offenbar auch noch sündhaft teure Vierbeiner für Katzenliebhaber mit Katzenallergie … irgendwie pervers.

Nach einer Stunde zwanzig: Umsteigen am Bfh Ingolstadt in die Regionalbahn nach Eichstätt. Sie fährt nach “Eichstätt Bahnhof”. Wenn man dort aussteigt, ist man (keine Übertreibung!) voll in der Pampa, umringt von dichtem Grün. Ich suche den Ausgang, sehe aber nur Wald und Wiesen und Felsen und frage verdutzt: “Wo ist denn hier die Stadt?”

Die Stadt, die ist hier nicht! Um sie zu erreichen, erklärt mir ein junger Mann, müsse man umsteigen in die Stadtbahn – er deutet nach links auf ein Regio-Züglein, dass ich gar nicht wahrgenommen hatte -, mit dieser Bahn komme man (wenn sie denn dann endlich mal abführe) nach Eichstätt Stadt.

Künstlerisch gestaltetes Haus in Eichstätt. Schaut aus wie vollgeschneit, aber das sind keine Schneeflocken, sondern Schmetterlinge aus Papier

Künstlerisch gestaltetes Haus in Eichstätt. Schaut aus wie vollgeschneit, aber das sind keine Schneeflocken, sondern Schmetterlinge aus Papier

Es war die Anreise also eine etwas erschwerte, aber das ist man ja gewohnt von der DB, also Schwamm drüber, einchecken im “Hotel Adler” am Marktplatz, vier Sterne – the place to be in Eichstätt City – und dann auch noch Schwammerl drüber, als da wären: frische Pfifferlinge auf Salat im alteingesessenen, gemütlich rustikalen Restaurant Paradeis schräg gegenüber (empfehlenswert).

Eichstätt selbst macht einen schmucken, sympathischen Eindruck. Schöne barocke Altstadt mit eindrucksvoll ihre renovierte Pracht behauptenden Plätzen. Allerdings sehr frauenabsatzunfreundlich. High Heeels sollte man besser meiden.

Was mir als alter Oberfränkin aber auf Anhieb gut gefiel, war diese nicht
zu leugnende, mich sofort anspringende (anheimelnde) fränkische Anmutung des Altmühltals. Ich kann gar nicht genau benennen, was es ist – die typischen Juragesteinsfelsformationen vielleicht, diese atmosphärische Geballtheit, der irgendwie tiefere, plastischere, erdennähere Himmel, das Schlichtere, Dichtere, Ehrlichere in der Gesamtanschauung . . .  -, man merkt jedenfalls sofort, dass das nicht annähernd Oberbayern ist. Sondern Altfranken. Und das ist schön so.

Chinesische Künstler in der Lithographie-Werkstatt Eichstätt: Prof. Li Wang (rechts) und Prof. Kou Jianghui aus Tianjin. Beide unterrichten in ihrer Heimat Druckgrafik. In Eichstätt haben sie mit dem Stein aus Solnhofen gearbeitet, der als bestes Werkmaterial für den Lithografiedruck gilt.

Chinesische Künstler in der Lithographie-Werkstatt Eichstätt: Prof. Li Wang (rechts) und Prof. Kou Jianghui aus Tianjin. Beide unterrichten in ihrer Heimat Druckgrafik. In Eichstätt haben sie mit dem Stein aus Solnhofen gearbeitet, der als bestes Werkmaterial für den Lithografiedruck gilt.

Es gab dann am Abend noch eine Ausstellungseröffnung (“Stein-Schreiben”) in der Lithographie-Werkstatt um die Ecke, da sind die Chinesen zu Gast – in der interdisziplinären Reihe “Eichstätt und China”. Zu sehen sind Steindruke der chinesischen Künstler Li Wang und Kou Jianghui, die in Eichstätt entstanden sind und daher auch Eichstätter Stadt-Motive aufgreifen. Bei der Vernissage drängelte sich alles auf dem engen Vorhof vor der Tür der Werkstatt, so dass von den diversen Reden, Geschenkübergaben und musikalischen Darbietungen im und vor dem Türrahmen kaum etwasn zu hören oder zu sehen war.  Nennen wir das vorsichtig: suboptimal. Die Veranstaltung schien (vielleicht erfahrungsgemäß) für 15 Leute ausgelegt gewesen zu sein. Es kamen aber wesentlich mehr.

Egal, ich verplappere mich … Switch zur Preisverleihung am nächsten Vormittag im Festsaal des Alten Stadttheaters.

Stückl kam in Begleitung seines jungen Assistenten Abdullah (lustig, ich hatte Abdullah, den muslimischen Jungen aus Oberammergau, eh in meine Rede eingebaut) – und er kam total erkältet. Und überarbeitet wirkte er auch, aber das ist ja kein Wunder:

Hanitzsch-Karikatur von Stückl - hängt in der Kantine des Passionstheaters in Oberammergau

Hanitzsch-Karikatur von Stückl - hängt in der Kantine des Passionstheaters in Oberammergau

Erst vor kurzem hat Stückl in Oberammergau “Joseph und seine Brüder” nach dem Mammutroman von Thomas Mann auf die Passionbühne gewuchtet, wieder mit seinen Oberammergauer Laien. Die Bühnenfassung hat er selber erstellt, das allein ist bei dieser Riesen-Tetralogie ja schon ein Wahnsinn. Kaum war “Joseph und seine Brüder” draußen, musste Stückl weiter nach Salzburg und dort an der Wiederaufnahme seines “Jedermann” proben. Und dazwischen diverse Preisverleihungen. Nach dem Bayerischen Verdienstorden und dem Oberbayerischen Kulturpreis erhielt er in Salzburg für zehn Jahre “Jedermann” auch noch das Große Verdienstzeichen des Landes – all das kurz hintereinander.

Den anderen Preisträger, den Fernsehjournalisten und Dokumentarfilmer Dieter Wieland, hatte ich mit seiner Frau schon im Frühstücksraum des Hotels begrüßt. Wir kannten uns nicht, er-kannten uns jedoch sogleich an unserer in diesem Umfeld höchst “offiziellen” Kleidung. Alle anderen im Raum trugen Turnschuhe und Mountainbiker-Klamotten.

Dieter Wieland ist ein auf Anhieb hochsympathischer Mensch mit liebevoll-verschmitztem Blick und einer einnehmend sonoren Stimme. Seine legendäre Reihe “Topographie” (ab 1972 im Bayerischen Fernsehen mit ca. 150 Folgen) sagte mir gar nicht so viel; andere Sendereihen dieses Landschafts- und Architektur-Freaks hießen “Bauen und Bewahren” (seit 1979) oder “Die große Kunst, ein kleines Haus zu bauen” (ab 1984).

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis: Urkunde, Medaille & 5000 Euro.         (Alle Fotos: von mir)

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis: Urkunde, Medaille & 5000 Euro. (Alle Fotos: von mir)

Aber gut, als Kinder haben wir die BR-Reihe “Unter unserem Himmel”, in der Wielands Filme zumeist liefen, ja leider sehr oft und sehr trotzig boykottiert – weil der Vater das jeden Sonntag mit diktatorischer Bestimmtheit und basisundemokratischer Alternativlosigkeit einschaltete, egal, was die Töchter sagten oder wollten. Verzeihen Sie also, lieber Dieter Wieland, dass sie somit wohl unter unser grausames geschwisterliches “Spießer-Sender!”-Verdikt fielen.

Aber man muss zum Beispiel nur auf Facebook posten, dass der Oberbayerische Kulturpreis an Christian Stückl und Dieter Wieland ging, dann kommen von Alters- und Berufsgenossinnen ganz begeisterte Reaktionen wie diese hier:

Dieter Wieland? ist das nicht der großartige Mensch, der Ende der 70er in seiner “Topographie” den ganzen bayerischen Neubausiedlungshorror abgefahren und unermüdlich ästhetisch analysiert und skandalisiert hat ? Wenn er’s is, dann: Hoch, Hoch, Hoch! Und Tusch!”

Oder: “der wieland ist mein held. ohne ihn wäre mein leben anders verlaufen. wahnsinnsknabe, vorbild, streiter für gesunden menschenverstand. »Unser Dorf soll hässlich werden« und »grün kaputt«, würde ich gerne mal auf dvd sehen. kann man sowas nicht anregen?”

Familie Hans Well, mit Vater, Mutter Sabeeka und Sohn Jakob, rechts im Bild: der Stückl

Familie Hans Well, mit Vater, Mutter Sabeeka und Sohn Jakob, rechts im Bild: der Stückl

Der Wieland hat zurecht solche Fans. Er ist wirklich toll – und hat als Mahner und Bewahrer auf bayerischen Fluren sehr viel bewirkt. Und die saftige Laudatio, die Hans Well, der älteste von den geschätzten Well-Brüdern (“Biermösl Blosn”), auf ihn gehalten hat, ließ auch gar keinen Zweifel daran. Hans Well hat mir seinen Rede-Text zugemailt mit der ausdrücklichen Erlaubnis, ihn in meinem Blog abdrucken zu dürfen (siehe Beitrag weiter oben). Das freut und ehrt mich sehr.  Leider kann ich hier nicht das politisch-spitze Akkordeon-Gstanzl wiedergeben, mit dem Hans Well seine Rede eingeleitet hat. Instrumental begleitet wurde er von seinem pubertierenden Sohn Jakob, der leider gesanglich verhindert war, “weil er im Stimmbruch is, der Sauhund”, so der Papa.

Auch Marianne Sägebrecht war gekommen, als "Ehemalige". Sie bekam den Oberbayerischen Kulturpreis 2009.

Auch Marianne Sägebrecht war gekommen, als "Ehemalige". Sie bekam den Oberbayerischen Kulturpreis 2009.

Es war insgesamt eine erstaunlich lockere, stimmungsvolle und auch unterhaltsame Preisverleihung, das muss man wirklich sagen. Mich hat man – da Bezirkstagspräsident Mederer vergessen hatte, mich beruflich vorzustellen – für eine Schauspielerin gehalten. Ich nehme das mal als Kompliment.
Zu der angenehmen Atmosphäre trug wesentlich auch die musikalische Untermalung durch das Martina Eisenreich Quartett bei, eine Formation rund um eine flammend rothaarige Extrememotionalgeigerin, die ihrem Instrument hexenkunstartig ganze Klangwelten entlockt, so vielfältig wie romantisch-exotisch und in ihrem Stilmix immer wieder überraschend. Da kann sich in eine uralte mongolische Melodie schon mal Led Zeppelin mischen, und Weltmusik goes Rock & Pop. Was außerdem höchst apart ist am Auftritt der Violinistin  Martina Eisenreich: wie die Farbe ihrer Lockenhaarmähne mit ihrem Instrument – und mit dem Kontrabass – harmoniert!

Ein Teil der Gästeschar ist am Ende noch in den Skulpturenpark von Alf Lechner (Kulturpreisträger 2008)  in Obereichstätt gefahren. Ich war dabei, und sollte ich endlich mal ein bisschen mehr Zeit haben, dann werde ich Fotos davon veröffentlichen, denn dieser Stahlskulpturenpark rund um Lechners Wohnsitz ist ein Hammer.

07.07.11 | 16:52 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Laudatio auf Brigitte Hobmeier

Brigitte Hobmeier auf dem Plakat im Eingangsbereich der Münchner Kammerspiele

Brigitte Hobmeier auf dem Plakat im Eingangsbereich der Münchner Kammerspiele

Gestern hat die Schauspielerin Brigitte Hobmeier den Theaterpreis der Stadt München erhalten. Die Preisverleihung fand im Anschluss an die Vorstellung “Hotel Savoy” in der Spielhalle der Kammerspiele statt. Hier auf vielfachen Wunsch meine Laudatio  – mit der ich mich wieder zurückmelde in diesem Blog.

(Die lange Sendepause tut mir leid, das hatte persönliche und technische Gründe. Heute habe ich leider schon wieder keine Zeit, aber ich werde – sorry lieber Herr FAZ-Kollege! – schon auch noch jene Preisverleihung nachholen, die seit Mai überfällig ist: die Auszeichnung Gerhard Stadelmaiers mit dem Herbert-Riehl-Heyse-Preis)

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Preisträgerin,

Als ich mich letzte Woche zur Vorbereitung auf diese Laudatio mit Brigitte Hobmeier im Blauen Haus traf, da trat ein älterer Herr an unseren Tisch und bat die Schauspielerin in aller Ehrerbietung um ein Autogramm. Er hatte sich dafür eines der neuen Spielzeithefte der Kammerspiele geschnappt, die auf den Tischen ausliegen, und er hatte die Seite mit dem ernsten, asketisch-strengen, fast ikonisch wirkenden Schwarz-Weiß-Porträt von Hobmeier aufgeschlagen. In meine Richtung sagte er erklärend, er habe sie in „Hotel Savoy“ gesehen, da spiele sie „15 Rollen“.

Die rote "Gitti", von der Probe kommend - letzte Woche bei unserem Treffen im Blauen Haus

Die rote "Gitti", von der Probe kommend - letzte Woche bei unserem Treffen im Blauen Haus

Wie wir soeben sehen konnten, sind es nicht 15 Rollen, die Brigitte Hobmeier in „Hotel Savoy“ spielt, sondern „nur“ sieben, genau genommen: acht, aber die Intensität und virtuose Wandlungsfähigkeit, mit der sie diese Minirollen darstellt und zu grandiosen Kabinettstückchen aufwertet, ihre Knallchargenresitenz und komödiantische Durchschlagskraft – all das reicht natürlich locker für 15 und ist in dieser Aufführung so unübersehbar ausfüllend, dass man den Eindruck des begeisterten Autogrammjägers ohne Weiteres nachvollziehen kann.

Schon einmal habe ich mich mit Brigitte Hobmeier für ein längeres Gespräch getroffen, das war 2004 für ein Porträt in der Fachzeitschrift „Theater heute“. Damals war sie 28 und der Star am Münchner Volkstheater, und auf die Frage, was ihr berufliches Fernziel sei, antwortete sie: „Ich möchte gerne eine außergewöhnliche Schauspielerin werden.“ Und, „ja, doch“, auch Berühmtheit strebe sie an. Aber (Zitat): „Ich möchte kein Star sein nur um der Berühmtheit willen, sondern als Künstlerin etwas Besonderes.“

Tja, da kann man eigentlich nur gratulieren, denn wenn Brigitte Hobmeier etwas geworden ist, dann sicher eine außergewöhnliche Schauspielerin – die sie übrigens auch damals schon war. Etwas Besonderes. Eine Auffallende. Eine auffallend Unmodische, Untypische, Unverbogene . . . Rothaarige. Kussmündige. Bayerisch-Bodenständige. Inbrünstige.

1. Reihe: Die Familie Hobmeier (Brigitte, Bruder, Mutter, Vater), der Rede lauschend

1. Reihe: Die Familie Hobmeier aus Ismaning (Brigitte mit Bruder, Mutter und Vater), der Rede lauschend

Diese sehr besondere Schauspielerin Brigitte Hobmeier ist mit 35 Jahren die bislang jüngste Trägerin des Münchner Theaterpreises, einer Auszeichnung, für die nur Künstlerinnen und Künstler in Frage kommen, „die ihre Wirkungsstätte in München oder der Region haben und ? oder deren Schaffen mit dem Theaterleben Münchens eng verknüpft ist“.

Dass München sie gewonnen hat und wir sie heute überhaupt hier ehren können, verdankt sich einem harten Entscheidungsfindungsprozess, den Brigitte Hobmeier vor neun / zehn Jahren durchgemacht hat. Damals hatte sie gerade zwei Jahre im „Faust“-Ensemble von Peter Stein hinter sich gebracht, in Winzigrollen als Nymphe, Hexe, Wassergeist, Äffchen oder – jawohl! – als „Gemurmel“. Jetzt wollte sie spielen, endlich spielen! Aber wo: am Schauspielhaus Düsseldorf oder am Münchner Volkstheater? Von beiden Theatern hatte sie ein Angebot, in Düsseldorf stand sie damals sogar schon auf der Bühne, als Ismene in einer „Antigone“-Inszenierung der Intendantin Anna Badora. Es war eine Entscheidung zwischen einem großen und einem sehr kleinen Haus, zwischen Bundes- und Lokalliga, Nordrhein-Westfalen und Bayern, zwischen abgesichertem Stadttheaterbetrieb und einem ungesicherten Neuanfang, denn am damals siechenden Münchner Volkstheater übernahm im Herbst 2002 Christian Stückl die Intendanz, und noch wusste keiner, wo das hinführen würde.

Bürgermeisterin Christine Strobl liest die Jurybegründung vor. Sie kam direkt vom Marienplatz, wo an diesem Tag die Olympia-Entscheidung für Südkorea hingenommen werden musste

Bürgermeisterin Christine Strobl liest die Jurybegründung vor. Sie kam direkt vom Marienplatz, wo an diesem Tag die Olympia-Entscheidung für Südkorea hingenommen und verkraftet werden musste.

Brigitte Hobmeier nimmt solche Lebensweichenstellungen alles andere als leicht. Sie ist eine „Entweder/Oder-Frau“ – das, wofür sie sich entscheidet, gilt hundertprozentig, voll und ganz, und da haut sich sich dann auch entsprechend rein. Das muss also gut überlegt sein.

Wenn sie von den „verzweifelten Nächten“ erzählt, in denen sie damals mit sich gerungen hat, klingt das kein bisschen übertrieben. Sie sagt, die Verzweiflung sei ihr derart ins Gesicht geschrieben gestanden, dass sie ein Polaroid von sich machen musste: ein Porträtfoto als „Mahnmal“ für diesen existenziellen Zustand. Dieses Bild würde man gerne einmal sehen: Brigitte Hobmeiers schönes, expressionistisches Stummfilmdiven-Gesicht in selbst erzeugter München-Düsseldorf-Tragik, wahrscheinlich noch blässer als sonst, mit dunklen, weit aufgerissenen Augen wie Höhlen, darin die Angst, etwas komplett falsch zu machen …

Aber sie hat sich gottlob ja richtig entschieden – nämlich indem sie ihrem Herzen und dem Ruf der Heimat gefolgt ist. Es mag pathetisch klingen, aber Brigitte Hobmeier spricht tatsächlich von „Sehnsucht nach der Heimat“ und „heimkommen wollen“, wenn sie von ihrer Entscheidungsfindung damals erzählt.

Sie ist in Ismaning geboren, eine waschechte Bayerin, Münchnerin – mit Wurzeln in Niederbayern, von wo ihre Eltern stammen, aus Wendelskirchen, um genau zu sein, 20 Kilometer von Landshut entfernt, das ist tiefstes Martin-Sperr-Gebiet. Hier, in diesem Landstrich, wo sie ihre Kindheit und alle Ferien verbrachte, ist die Hobmeierin verwurzelt. Sie beherrscht den derbsten, g´schertesten Dialekt mit all den einschlägigen Schimpf- und Kraftausdrücken; sie verfügt über urbayerische Tugenden wie Sturheit, Erdung, Trotz, Widerborstigkeit, Eigensinn; und sie sagt Sätze wie: „Dieser Boden hier tut mir gut.”

Familie Hobmeier mit Hausarzt (rechts)

Familie Hobmeier mit Hausarzt (rechts)

Dass Brigitte Hobmeier, die ihre Schauspielausbildung an der Folkwangschule in Essen absolviert hat und danach fast zwei Jahre mit Steins „Faust“-Ensemble herumgetingelt ist, dass dieses weggezogene Münchner Kindl überhaupt von Stückls Neuanfang am Volkstheater erfuhr, ist Johan Adam Oest zu verdanken, dem Schauspieler vom Wiener Burgtheater, der in Steins Expo-„Faust“ einer der beiden Mephistos war. Er hat Brigitte Hobmeier gesagt: Du, da soll in München so ein Verrückter das Volkstheater übernehmen, das wär doch was für Dich . . .

Die Geschichte von Hobmeiers Vorsprechen am Volkstheater sollte man sich am besten von Christian Stückl erzählen lassen. Der weiß zwar nicht mehr, was die „Gitti“ ihm damals vorgespielt hat, dafür aber noch sehr genau, wie. Sie hatte nämlich eine Quarktasche dabei, und die muss sie so eindrucksvoll ausgepackt und auf der Bühne verspeist haben, dass Stückl sofort wusste: „Die wui i ham!“ 170 Schauspieler waren zu diesem Vorsprechen geladen, aber die Hobmeierin war die einzige, bei der er sich sofort sicher war. Es war übrigens die Restaurantszene aus Friederike Roths „Die einzige Geschichte“, die sie damals so quarktaschenverstärkt vorgetragen hat, und dann noch was aus der „Bernauerin“.

Preisträgerin mit Bürgermeisterin und Laudatorin

Preisträgerin mit Bürgermeisterin und Laudatorin

Hobmeier und Stückl – die beiden schienen in ihrer saftigen bayerischen Art wie für einander geschaffen, und wenn Stückl über die Hobmeierin sagt, sie sei ein „Theaterviech“, dann gilt das natürlich umgekehrt auch für ihn. Am Volkstheater avancierte Brigitte Hobmeier mit bayerischer Grandezza gleich in ihrer ersten Rolle, als Geierwally, zum Publikumsliebling – und dann sehr schnell zum Star des jungen Ensembles.

Als die „Gitti“, wie ihre Kollegen und Freunde sie nennen, in ihrer dritten Spielzeit dann wieder diesen Drang in sich spürte, der sie fort- und vorantreibt, da kündigte sie. Kündigte, ohne etwas Neues zu haben – aber sich auf Erfolgen auszuruhen, das ist ihre Sache nicht. Zum Abschied spielte sie bei Stückl noch die Lulu. Eine Paraderolle, weil diese Wedekind-Figur ähnliche Gegensätze in sich vereint, wie Brigitte Hobmeier sie als Schauspielerin ohnehin mitbringt: changierend zwischen Kindfrau und Vamp, Unschuldsengel und Mordsweib, zwischen Frömmigkeit und Frivolität, Entrücktheit, Derbheit und Arroganz – all das, was den speziellen Hobmeier-Mix ausmacht, dieses bayerisch-sommersprossig-bleichgesichtig-rothaarig-katholisch-ätherisch-Robuste, wenn Sie verstehen, was ich meine . . .

Die Ausgezeichnete beim Fototermin mit blauem Sofa

Die Ausgezeichnete beim Fototermin mit blauem Sofa

(Lassen sie mich an dieser Stelle einen aktuellen Einschub machen. Denn als ich heute auf Facebook auf diese Preisverleihung hingewiesen habe, da postete der Berliner Schauspieler Thomas Arnold einen Kommentar, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Er schrieb:

„Eine Kollegin, die den Glanz der früheren Zeit und den Heiligenschein ins Theater zurückgebracht hat – als Theater noch etwas Besonderes, Außerordentliches war. Sternenstaub und Handwerk sind hier wieder vereint.“)

Als sie 2005 an die Kammerspiele wechselte – sie selbst hat sich an dem Haus beworben –, da sagte der Intendant Frank Baumbauer zu ihr: „Hier werden Sie´s nicht so gut haben wie am Volkstheater.“  Wohl wahr, wenn man bedenkt, wie klein sie in diesem Edel-Ensemble angefangen hat. In Tschechows „Kirschgarten“ spielte sie 2006 die Anja, zu der Tschechow einmal in einem Brief anmerkte: Sie ist eine so unwichtige Figur, mir ist ganz egal, wer sie spielt.

Oder dann ihre Rolle in dieser grässlichen Fosse-Inszenierung von Laurent Chétouane!

Und noch mal die Hobmeierin

Und noch mal die schöne Hobmeierin

Aber Brigitte Hobmeier wollte es ja wissen, wollte nicht, wie sie es selbst ausdrückt, „Prinzessin sein im geschützten Hort“, sondern sich messen, sich stellen, herausgefordert werden an einem großen Haus mit vielen Stars und tollen Leuten. Und sie hat ja auch das Beste daraus gemacht, hat sich – wie auch jetzt wieder in „Hotel Savoy“ – mit der ihr eigenen Unbedingtheit in diese Minirollen gestürzt, ihnen Aufmerksamkeit, Bedeutung erspielt. Sie ist zwar eine geborene Hauptdarstellerin, aber eben auch eine großartige Supporterin – von wegen „Diva“!

Die Saison 2006/07 wurde dann ihre Spielzeit, da hat Brigitte Hobmeier ihre Kammerspiele-Chance erhalten. Zunächst als Elisabeth in Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, diesem unsentimentalen Sozialstaats-Totentanz, inszeniert von Stephan Kimmig. Hobmeier, einst Herzerlverkäuferin auf dem Oktoberfest (damit verdiente sie sich ihr Schauspielstudium), war die Idealbesetzung für Horváths traurige Glücksritterin: eine kraftvolle Unterschichtskämpferin, die sich taff, kokett und überaus trotzig zur Wehr setzt gegen die Zumutungen des Lebens. Die nie Glück hat – und trotzdem weitermacht. Bis sie sich am Ende bäuchlings auf der Bühne in einer Pfütze ertränken will, aber nicht einmal dieses Glück wird ihr gewährt. Ihr Japsen klingt einem bis heute in den Ohren. Was für eine Szene! Nicht umsonst hat sie für diese Rolle den „Faust“ als beste Darstellerin erhalten.

Dann kam Thomas Ostermeier, Intendant der Berliner Schaubühne, gebürtiger Niederbayer, aufgewachsen in Landshut, mit der Hobmeierin sofort auf einer Wellenlänge. Er inszenierte mit ihr als erotischen Fixstern Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“. Das war ein Abend, an dem sie aufs Schönste ihren kühlen Sex-Appeal ausspielen konnte und einen mit ihrer Hanna-Schygullahaftigkeit schier verblüffte.

Große Kolleginnen: Gundi Ellert, Doris Dörrie und (Hobmeiers erste "Filmmutti") Ulrike Kriener

Große Kolleginnen: Gundi Ellert, Doris Dörrie und (Hobmeiers erste "Filmmutti") Ulrike Kriener

Es war übrigens diese Rolle, in der sie Flo, ihr Mann, zum ersten Mal auf der Bühne sah. Kein Witz! Sie hatte es ihm verboten, sie im Theater zu sehen, wollte das Berufliche stets raushalten aus ihrer Beziehung. Und er hatte sich bis zu dieser Premiere auch immer daran gehalten. Nun aber ging er in einen Kostümverleih, klebte sich einen Schnurrbart an und kam: inkognito.

So viel zu den Eigentümlichkeiten in der Hobmeier-Ehe. Der Mann, ein Münchner, ist übrigens studierter Mathematiker, aber innerlich ein berufener Schriftsteller – als solcher hat er sich im Moment nach Berlin zurückgezogen, um seinen ersten Roman zu schreiben. Sollte er wider Erwarten heute Abend hier sein, dann sicher in guter Verkleidung. – Die beiden haben übrigens einen Sohn miteinander, den kleinen August. Er wird im September sechs.

Im April 2009 folgte, wieder mit Ostermeier, „Susn“ von Herbert Achternbusch, ein Stück aus den achtziger Jahren, aber wie geschrieben für die Hobmeier. Sie hat den Text dieser weiblichen Passionsgeschichte nicht einfach nur gespielt, sie hat ihn durchdrungen, ihn sich mit Leib und bayerischer Seele anverwandelt – und die Titelfigur dann auch gleich in allen Altersstufen gespielt. Es ist eine Wandlung über vier Lebensalter hinweg: vom aufmüpfigen Dorfmädchen im Beichtstuhl über die zornig-depressive Studentin in der Großstadt, die an der Seite des lieblosen Herbert verkümmert – bis hin zur vergrämten alten Alkoholikerin auf der Kloschüssel.

Es war ein brillanter Soloabend. Rau, ehrlich, schonungslos. Völlig uneitel. Ein Abend, der auch über die Videolandschaftsbilder sehr viel von Heimat erzählte, von Bayern, von dieser waidwunden Sehnsucht derer, die dieses Land lieben und hassen und fliehen wollen – und ihm doch nie entkommen. Brigitte Hobmeier hat diese Rolle ein „Geschenk“ genannt, weil sie da nicht nur aus dem Vollen, sondern auch aus ihrem Innersten schöpfen und sich mit all ihrer Spielgier hineinschmeißen konnte.

Brigitte Hobmeier zeigt maiken Hagemeister das Geschenk von Sepp Bierbichler: Eine Erstausgabe von Achternbuschs "Susn". Er hat sie, wie eine Widmung zeigt, von Achternbusch selbst bekommen. Nun gab er das Buch an die Susn-Darstellerin Hobmeier weiter, verpackt in einem Gefrierbeutel und versehen mit der Widmung "Servus Howe" (so nennt er die Hobmeierin auf gut Bayerisch).

Brigitte Hobmeier zeigt der Kammerspiele-Pressefrau Maiken Hagemeister das Geschenk von Sepp Bierbichler: eine Erstausgabe von Achternbuschs "Susn". Er hat sie, wie eine Widmung zeigt, von Achternbusch selbst bekommen. Nun gab er das Buch an die Susn-Darstellerin weiter, verpackt in einem Gefrierbeutel und versehen mit der Widmung "Servus Howe" (so nennt er die Hobmeierin auf gut Bayerisch).

Auch für uns Zuschauer war der Abend ein Geschenk, und so möchte ich Johan Simons, den neuen Intendanten, an diesem Abend herzlichst ersuchen, „Susn“ doch bitte wieder in den Spielplan zu nehmen. Auch wenn das vielleicht nur Bayern verstehen . . . aber diese Inszenierung rührt an unsere ureigensten Empfindungen und Prägungen. Sie erzählt davon, dass Bayern weniger ein Land als ein Zustand ist. Man würde diesen Abend gerne noch da haben und besuchen können, wie eine Andacht oder einen guten alten Bekannten. Und so schön es ist, Brigitte Hobmeier als Sissi in „Ludwig II.“ zu sehen – als Susn hätten wir noch viel mehr von ihr.

Aber wir müssen ja schon froh sein, dass sie uns überhaupt erhalten geblieben ist. Ostermeier wollte sie an die Berliner Schaubühne abziehen (sie hat dort bei ihm in den „Dämonen“ von Lars Norén gespielt), auch Film und Fernsehen kommen immer wieder auf sie zurück (erst im Mai lief mit ihr der viel beachtete ZDF-Film „Die Hebamme“), und das ist ja alles auch kein Wunder bei dieser Ausnahmeschauspielerin mit diesem Ausnahmegesicht.

Noch ein Wort dazu, dass es manchmal heißt, sie sei schwierig oder zickig. Wahrscheinlich ist das nur ihrer Unbedingtheit und ihrer niederbayerischen „Wuidheit“ geschuldet. Brigitte Hobmeier sagt: „Ich lass mich ungern komplett fremd bestimmen.“ Und sie verweist auf den raueren, viel direkteren Umgangston, mit dem sie, das Arbeiterkind, aufgewachsen ist.

Wenn Hobmeier aufstampft und zu einem Regisseur sagt: „So a Schmarrn!“, dann bedeutet das in etwa so viel, wie wenn ein Kollege aus nördlicheren oder wohlerzogeneren Gefilden sagen würde: „Du, könnten wir in dieser Szene vielleicht noch mal etwas Anderes ausprobieren?“

Alles gesagt: Die Laudatorin verlässt den Schauplatz - und gratuliert herzlichst!

Alles gesagt: Die Laudatorin verlässt den Schauplatz - und gratuliert herzlichst!

Nein nein, das passt schon so, wie sie ist. Dafür kriegt sie jetzt auch den Münchner Theaterpreis. Und dafür hat sie letztes Jahr in Regensburg bei den Bayerischen Theatertagen – mit „Susn“ – auch jenen Preis einer Jugend-Jury bekommen, der sich „Die Rampensau“ nennt. Das ist sehr schön, denn damit ist die Intensivschauspielerin Brigitte Hobmeier eine urkundlich beglaubigte Rampensau.

Herzlichen Glückwunsch!

30.04.11 | 17:25 | Abschied von ... | Kommentare 8 Kommentare

Die Geschichte vom weinenden Eichhörnchen

Eichhoernchen

Heute hat mir unser Hausmeister Herr K. eine rührende Geschichte erzählt. Sie handelt von einer Eichhörnchenliebe in unserem Hinterhof.

Wir haben hier in den drei großen Bäumen hinterm Haus vier Eichhörnchen wohnen, zwei rote und zwei schwarze. Offensichtlich handelt es sich um Pärchen. Sie sind sehr süß.

Heute nun also, erzählt Herr K., habe er eines der zwei rotbraunen Eichhörnchen reglos unter dem hinteren Baum liegend aufgefunden: tot. Darüber, auf einem Ast, sei das andere rote Hörnchen gesessen und habe, ohne irgendwelche Anstalten zu machen, verschreckt davonzuhuschen – wie es sonst so seine Art ist -,  einfach nur nach unten gestarrt, auf die Leiche seines Partners.

Herr K. hat die Leiche entsorgt (in der Mülltonne, wie er sagt), und als er drei Stunden später wieder am hinteren Baum vorbeikam, da habe, so schwört Herr K., auch das andere rote Eichhörnchen reglos auf dem Boden gelegen – an exakt derselben Stelle, wo zuvor sein Partnerhörnchen lag. Das zweite Hörnchen war aber nicht tot, es lag nur wie tot darnieder: herzenskrank, wie Herr K. befindet, niedergeschlagen vor Trauer und Schmerz. Er sagt: “Das ist wie Romeo und Julia.”

Herr K. hat dann den Tierschutzverein gerufen. Es sei eine “Ärztin” gekommen, die habe unserem trauernden Eichhörnchen eine “Aufbauspritze” gegeben und es mitgenommen.

Herr K. ist so aufgewühlt, dass er die Geschichte drei Mal erzählt. Er sagt, er habe selber weinen müssen, als er unser zweites Hörnchen so daliegen sah. An exakt derselben Stelle!

Wir stehen eine Weile im Hof und denken an unsere roten Hauseichhörnchen. Wie lustig sie immer in den Ästen herumsprangen. Wie lebendig und frech. Wir mochten sie sehr gerne. Wir hatten nur ihr Gefühlsleben unterschätzt.

Sie waren Romeo und Julia.

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