18.10.12 | 18:34 | 0 Kommentare

Transparenz schafft kein Vertrauen

Der Politologe Ivan Krastev über die Illusion, dass ein Staat wirklich besser ist, wenn wir alles über ihn wissen

(Von Andrian Kreye)  Transparenz ist eine neue politische Währung, sei es in den Basisbewegungen, die Wikileaks oder die Piratenpartei unterstützen, oder im deutschen Bundestag, der nun über neue Richtlinien für Transparenz diskutiert. Ist das ein Fortschritt?
Ivan Krastev: Transparenz könnte ein wichtiges politisches Instrument sein. Doch letztlich ist sie nur ein Motor der Depolitisierung und ein Instrument, um Vertrauen zu managen, statt Vertrauen zu schaffen. Sie vermittelt Bürgern vor allem das Gefühl, dass sie wegen neuer Technologien und neuen Sensibilitäten dem politischen System prinzipiell misstrauen sollen und dass mehr Information über das, was Politiker tun, auch zu einer besseren Politik führen wird. Die Frage ist aber vielmehr, wie wir das Vertrauen in die politischen Institutionen wieder zurückgewinnen. Denn wir brauchen ein gewisses Maß an Vertrauen in den Staat, damit demokratische Institutionen funktionieren können.

Ist Transparenz nicht ein erster Schritt?
Nicht unbedingt. Ein Niveau, das wirklich jeden davon überzeugt, dass die Regierung transparent ist, wird man nie erreichen. Dafür sind schon zu viele Leute zu misstrauisch. Und es gibt nichts Verdächtigeres als eine Regierung, die so tut, als sei sie transparent. Es gibt aber auch ein praktisches Problem. Wenn Sie wirklich größtmögliche Transparenz schaffen würden, wären die Bürger kaum bereit oder fähig, alles zu verfolgen, selbst wenn sie sich 24 Stunden mit politischen Vorgängen beschäftigten würden.

Ist Transparenz nicht eine entscheidende Voraussetzung für Mitbestimmung?
Doch, ich glaube wie gesagt, dass sie ein großartiges Instrument sein kann. Aber sie sollte kein primäres Ziel demokratischer Politik sein. Jede politische Entscheidung hat positive und negative Auswirkungen. Man wird die Entscheidungsprozesse aber nie ganz transparent machen können. In der Wirtschaft ist das anders. Da gibt es messbare Größen wie Geld und Investitionen, die kann man viel einfacher nachvollziehen. Wenn wir aber versuchen, Dinge zu erklären, die in der Politik passieren, können wir meistens nicht nachvollziehen, warum Leute etwas entschieden haben. Moral, Kultur, Identität, Religion, Freundschaften – all das spielt eine Rolle. Nehmen Sie die Privatisierung in den osteuropäischen Ländern. Die war sehr umstritten. Der einfachste Weg, sie zu legitimieren, war der Preis. Die Regierungen haben also den höchsten Preis zum Kriterium gemacht. Aber der höchste Bieter ist oft nicht der beste Käufer, weil das nichts darüber sagt, wie der Käufer mit der Ressource umgeht. Aber der Preis ist eben messbar. Solche Kriterien führen zwangsläufig zu einer selektiven Transparenz. Die wird meistens gesteuert.

Von wem?
Von den Regierungen selbst. Als Putin gegen Chodorkowski vorging, proklamierte er einen Kampf gegen Korruption. Jeder Kampf gegen Korruption kann allerdings auch sehr selektiv sein.

Aber es sind ja nicht nur Regierungen, die Transparenz als politisches Instrument einsetzen.
Nein, es sind aber sonst vor allem aktive Minderheiten. Nehmen Sie die Entscheidung Deutschlands, aus der Kernenergie auszusteigen. Ich persönlich hielt das zwar für eine gute Entscheidung. Aber sie wurde von einer sehr aktiven Minderheit erzwungen. Die Regierung hatte das Gefühl, dass sie ihre Position nicht mehr verteidigen kann. Da ging es nur um das politische Überleben. Die eigentliche Debatte, wie man mit Umweltfragen umgeht, wurde einfach ausgelassen. Und das in Deutschland, dem Land mit den meisten öffentlichen Debatten, weil die Medienlandschaft und die Gesellschaft das besser zulassen, als in den meisten anderen Ländern.

Sind es nicht meistens aktive Minderheiten, die Wandel vorantreiben?
Stellen Sie sich mal vor, was in kleineren Ländern passiert, wo es viel leichter ist, genügend Leute zu mobilisieren, um irgend etwas zu verhindern. In der Ukraine haben zwei Kids eine Firma gegründet, über die man Menschenmassen anmieten konnte. Nicht jede Partei hat für so etwas Geld. Das führt schnell dazu, dass die Aktionen von Minderheiten die öffentliche Debatte ersetzen und Konsenspolitik unmöglich wird.

Wie kann man das Vertrauen in politische Institutionen wieder herstellen?
Man braucht zunächst ein gemeinsames Ziel. Die Leute sollten entweder einer oder ganz unterschiedlicher Meinung sein. Sie brauchen Loyalitäten. Wenn diese Loyalitäten schwach sind, interessiert es sie auch nicht, wer an der Macht ist. So kann Demokratie nicht funktionieren. Es gibt natürlich auch das andere Extrem, vor allem in den USA. Da hat die Polarisierung der Politik inzwischen einen Grad erreicht, dass man keine gemeinsame Mitte von Bedeutung mehr findet.

Waren die Loyalitäten früher stärker?
Früher waren politische Parteien stärker ideologischen Prinzipien verpflichtet. Es gab zwar auch mehr Korruption, aber man wusste zumindest, wo man steht. Demokratie war ein Mechanismus, um mit Enttäuschung umzugehen, und ein Korrektiv, mit dem man verändern konnte. Dieses Korrektiv ist geschwächt. Heutzutage zählen Wahlen kaum noch etwas. Es gibt ein dominantes politisches Paradigma, das durch Instabilität und demokratisch legitimierte Personalwechsel gestützt wird. Eine Rückkehr zur Politik wäre es, den Gesellschaftsvertrag neu zu verhandeln, vor allem zwischen den Generationen.

Führt Enttäuschung dann nicht zwangsläufig zu Unruhen, die einen Wandel erzwingen? Dafür gibt es in der jüngeren Vergangenheit genügend Beispiele. Und Unruhen gibt es in Griechenland und Spanien jetzt schon.
Die aktuellen Wandlungsprozesse in Europa werden oft mit den Umwälzungen in den osteuropäischen Ländern verglichen. Der entscheidende Unterschied war allerdings, dass die Leute damals mit dem vorherigen System unzufrieden waren. Sie konnten sich deswegen auch als Sieger fühlen. In Griechenland und in Spanien geht es um junge Leute, die sich als die großen Verlierer sehen. Sie können es mit 1968 vergleichen. Da gingen die Leute auf die Straße, weil sich nicht wie ihre Eltern sein wollten. Heute gehen die jungen Leute auf die Straße, weil sie auf ihr Recht pochen, wie ihre Eltern zu leben. Sie haben aber seit den Neunzigerjahren einen ökonomischen Niedergang, der auch generationsbedingt ist.

Ist Transparenz deswegen vor allem ein Thema der Jugend?
Darauf habe ich noch keine Antwort gefunden. Sicherlich verstehen die Digital Natives das Internet als Demokratie, weil sie den Schwarmgeist als Form von Mitbestimmung erfahren. Es ist allerdings keine liberale, sondern eine libertäre Generation, weil das Internet libertär ist. Und viele dieser jungen Bewegungen sind defensiv. Sie verteidigen zum Beispiel die Freiheit des Internets. Wenn man tiefer schürft, sieht man, dass sie den Status Quo verteidigen.

Julian Assange und Wikileaks sind aber keineswegs defensiv.
Assange ist eine großartige Geschichte. In der ersten Phase hat sich Wikileaks auf ganz spezifische Informationen eingeschossen, die sie öffentlich gemacht haben, weil sie die Vorgänge als Skandal betrachteten. Wenn man dann aber sämtliche Depeschen des amerikanischen Außenministeriums veröffentlicht, erklärt man alles, was die Regierung tut, pauschal zum Skandal. Als die sowjetische Regierung 1917 an die Macht kam, war es eine der ersten Amtshandlungen Leo Trotzkis als Volkskommissar des Auswärtigen, die komplette diplomatische Korrespondenz des russischen Staates öffentlich zu machen. Das war für ihn der beste Weg, den Staat als solchen zu delegitimieren. Und das ist das grundsätzliche Problem mit der Transparenz. Sehen wir sie als Weg, Regierungen als solche zu legitimieren oder zu delegitimieren?

Ivan Krastev, 47, leitet das Centre for Liberal Strategies in Sofia. Er ist Mitglied des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien und des European Council on Foreign Relations.

Foto: Unruhen in Athen, dpa

07.07.12 | 22:07 | 0 Kommentare

Die Welt bleibt jetzt rund

Transparenz und Offenheit sind die Maximen der globalisierten Welt – das Ideenfestival Ted fragt warum

(Von Andrian Kreye) Es wirkt immer etwas verdächtig, wenn Schlagworte zu Maximen werden. Momentan sind Transparenz und Offenheit auf dem besten Weg zum Credo für Wirtschaft und Politik aufzusteigen. Dass sich das Ideenfestival Ted Conference in der vergangenen Woche damit in Edinburgh beschäftigte, lag nahe. Wikileaks-Gründer und Transparenz-Hardliner Julian Assange hatte bei einer Ted Conference in Oxford vor zwei Jahren quasi sein Debüt auf der Weltbühne. Wenige Wochen später veröffentlichte er die diplomatischen Depeschen aus Amerika und formulierte eine Ideologie der Transparenz, die letztendlich auch zum Erfolg der Piratenpartei führte. Zeit also für eine Bestandsaufnahme mit dem Titel „radical openness“.

Auftritt Ellen Jorgensen. Die Molekularbiologin gilt als Mutter der Biopunk-Bewegung. Sie sieht aus, als habe sie irgendwann mal in einer dieser klugen, aber lauten New Yorker Bands wie Sonic Youth oder den Pixies gespielt – akkurater Mittelscheitel, darunter der strenge Blick subkultureller Weisheit. Sie berichtet von ihrem Labor „GenSpace“ in Brooklyn. Da betreibt sie mit Amateuren und Teenagern „Do-it-yourself-Biotech– Biohacking“. Letztlich geht es darum, Genetik so zu verstehen wie einen Computer. Man könnte sich noch auf die Analogie einlassen, dass die DNA letztlich die ultimative Programmiersprache ist. Das tut Jorgensen nicht. Stattdessen zeigt sie, dass die Entwicklungskurve der Biotechnologie noch viel steiler ist als die der Informatik. Vor zwölf Jahren kostete die Entschlüsselung des ersten Genoms noch drei Milliarden Dollar. Heute ist das für unter tausend zu machen. Die radikale Offenheit kommt also zwangsläufig. Jorgensen sagt, es sei besser, die breite Bevölkerung verstehe die Materie und könne damit umgehen. Ignoranz hilft schließlich niemandem.

In Europa ist das Ideenfestival Ted Conference noch nicht ganz so bekannt. Das Prinzip ist ja einfach: eine Idee, eine Bühne, ein Mikrofon, ein Projektor und eine gute Viertelstunde Zeit. Nach der Konferenz wird eine Aufzeichnung des Vortrags ins Internet gestellt. Da haben diese sogenannten „Ted Talks“ oft einen Erfolg, den sonst nur Popsongs haben. Die Anwältin Susan Cain erzählte im Februar bei der kalifornischen Ted Conference davon, wie schwierig es ist, als introvertierter Mensch in einer Welt zu leben, die von Extrovertierten dominiert wird. Eine halbe Million Menschen haben sich diesen Vortrag seither angesehen. Als Popsängerin wäre sie damit in den Hitparaden. In Europa ist die Form des komprimierten Intellektualismus noch verdächtig. In den USA hat sie Tradition. Die Zeitschrift New Yorker findet in ihrer aktuellen Ausgabe die Wurzeln von Ted in den Vortragstourneen des Philosophen Ralph Waldo Emerson.

Weil die Ted Conference ihre Wurzeln im Silicone Valley hat, wo der Konferenzgründer Richard Saul Wurman Anfang der achtziger Jahre beobachtete, dass Technologie, Entertainment und Design (T.E.D.) eine neue Einheit bilden, ist die vorherrschende Stimmung eine leicht euphorisierte Zukunftsgläubigkeit. Sie bestimmt auch die Woche in Edinburgh. Das ist auch sicher der große Reiz an der Ted Conference. Aber so einfach machen es sich die Chefkuratoren Chris Anderson und Bruno Giussani dann doch nicht, schon gar nicht im skeptischen Europa. Einer der ersten Sprecher findet dann auch einen ganz anderen Begriff für die radikale Offenheit, die derzeit auf allen Ebenen Einzug hält. Tim Leberecht von Frog Design erzählt vom Kontrollverlust. Der sei unabwendbar. Sein Fazit: Design für den Kontrollverlust. Offensiv angehen, was nicht vermeidbar ist.

Ted ist ein gutes Beispiel für solch einen gewollten Kontrollverlust. Mit einem Eintrittsgeld von rund fünftausend Euro bleiben die Konferenzen vor allem Festivals für intellektuell neugierige Eliten. Im Publikum – viele Unternehmer, einige Stars. Auf der Bühne – Wissenschaftler, Aktivisten, Intellektuelle. Erst kam die Entscheidung, die Videos gratis ins Netz zu stellen. Die wurden bisher 80 Millionen Mal angesehen. Dann wurde die Marke selbst entfesselt. Wer will, kann eine TedX-Lizenz beantragen und selbst so eine Konferenz veranstalten. 2009 startete das Experiment. Inzwischen gab es über viertausend TedX-Konferenzen in 133 Ländern. Der Erfolg ist immens. Ted wandelte sich in drei Jahren vom Elitenforum zur Weltmarke. Ein Modellfall? Viele träumen solche Strategien schon. Gerade Medienkonzerne finden das Vorbild Ted sehr verlockend. Chefkurator Chris Anderson räumt ein, Ted ist ein gemeinnütziger Verein und muss als solcher keine Profite machen. Da fällt radikale Offenheit schon leichter.

Hinter den Schlagworten versteckt sich dann doch eine handfeste Entwicklung. Auftritt James Stavridis, amerikanischer 4-Sterne-Admiral und derzeit Kommandeur der Nato. Inmitten der kalifornisch-europäischen Lässigkeit wirkt er in der gestärkten Uniform und mit seiner geometrischen Gestensprache wie ein Polka-begeisterter Unteroffizier, der Robin Williams im Film „Good Morning Vietnam“ das Leben schwer macht. Der Admiral erzählt davon, dass Mauern als strategische Allegorien nicht mehr funktionieren. Brücken müsse man nun bauen, um Sicherheit zu schaffen. Beispiel organisiertes Verbrechen – Piraten rauben jährlich Güter im Wert von 10 Milliarden Dollar. Die kann man mit Kanonenbooten verfolgen. Cybercrime hingegen hat eine Dimension von 3 Trillionen erreicht. „Da nützen uns die Waffen des 20. Jahrhunderts nicht viel.“

Wenn Transparenz und Kontrollverlust unvermeidlich sind, welche Regeln gelten dann? Internet-Visionär Don Tapscott findet vier Grundregeln. Zusammenarbeit. In einer vernetzten Welt schafft das nur Mehrwert. Offenheit. Wer versucht, sich gegen Transparenz zu wehren, kann nur verlieren. Teilen. Hätte die Musikindustrie die neue Kultur des Miteinander verstanden, hätte sie Lösungen finden können. Ermächtigung. Wenn die neuen Technologien den Massen neue Macht verleihen, sollte man sie nicht bremsen, sondern fördern, um Teil der Bewegung zu bleiben.

Nichts wirkt auf einer Ted Conference so gut, wie ein fundierter Skeptiker. Der Wirtschaftswissenschaftler Pankaj Ghemavat tritt gegen die beiden populärsten Globalisierung-Theorien an. Gegen Paul Krugmans These, die Welt sei flach, also letztgültig internationalisiert. Gegen Naomi Kleins Theorie, die globalisierte Welt werde von multinationalen Banken und Konzernen beherrscht. Er nennt vier Werte. Von allen Telefonanrufen weltweit seien immer noch 98 Prozent innerhalb eines Landes. Die Zahl der Auswanderer beträgt weltweit 3 Prozent. Der Anteil internationaler Investments liege bei zehn Prozent. Das Verhältnis von Exporten zum Bruttosozialprodukt liege im internationalen Schnitt bei 20 Prozent. Die Vernetzung und damit einhergehende Öffnung findet vor allem in unseren Köpfen statt. Die Welt ist also – rund.



"RADICAL OPENNESS" - for TEDGlobal 2012 by @Jason_Silva from Jason Silva on Vimeo.

02.06.12 | 16:18 | 8 Kommentare

Prediger und Revolutionäre

(Von Andrian Kreye) Das Schlimmste an der Euphorie ist der Kater danach. Der stellt sich rund um das Internet in letzter Zeit immer häufiger ein. Das liegt weniger am Internet als an den hohen Erwartungen. Die gibt es schon lange. Als sich der wegen seiner LSD-Forschungen als Hippie-Guru gefeierte Harvard-Psychologe Timothy Leary mit dem Schriftsteller und Erfinder des „Cyberspace“-Begriffs, William Gibson, vor fast zwanzig Jahren über die Zukunft des Internets unterhielt, landeten die beiden schon bald bei Hermann Hesses „Glasperlenspiel“. Hesse deute an, „dass die Entwicklung von Intelligenzmaschinen neue Religionen schaffen wird“, stellten sie da fest.

Leary und Gibson waren früh auf der richtigen Spur: Der Glaube an die menschheitsverändernden Umwälzungen durch die digitalen Technologien, den sie erstmals formulierten, hat durchaus religiöse Züge. Unzählige Prediger ziehen immer wieder mit Heilsversprechen durch die Welt, die mit buchstäblicher Verzückung angenommen werden. Einer dieser Prediger ist Julian Assange.

Es gibt nur wenige Figuren, die eine so atemberaubende Laufbahn hinter sich haben wie der australische Gründer der Enthüllungs-Webseite Wikileaks. Vor zwei Jahren stieg er innerhalb von wenigen Monaten vom obskuren Hacker zur Schlüsselfigur des Weltgeschehens auf. Mehrere hunderttausend geheime Regierungsakten veröffentlichte er über seine Webseite. Seine Ideologie einer radikalen Transparenz hatte dabei nicht nur alle Züge eines religiösen Dogmas. Assanges Anhänger glaubten, dass sie den Lauf der Geschichte ein für allemal verändern würde. Und nicht nur seine Anhänger glaubten dies. Das US-Nachrichtenmagazin Time hätte ihn fast zur Person des Jahres 2010 erklärt. Seine Gegner verteufelten den weißhaarigen Internetaktivisten dagegen als gefährlichen Frevler.

Heute ist Assange nur noch eine Fußnote im Weltgeschehen. Am vergangenen Mittwoch lehnte der britische Supreme Court Assanges Berufung gegen seine Auslieferung nach Schweden ab, wo er wegen des Verdachts sexueller Belästigung befragt werden soll. Das interessierte die breite Öffentlichkeit kaum noch. Dabei war es der bisher größte Rückschlag im Leben eines Mannes, der noch vor eineinhalb Jahren als Revolutionär gefeiert und gefürchtet wurde.

Es gibt sicher viele Gründe dafür, dass Julian Assanges Ansehen so gelitten hat. Seine egomanischen Züge, sein chronischer Verfolgungswahn, seine Verschwörungstheorien, und auch die diffusen Berichte über seine erotischen Erlebnisse mit den zwei schwedischen Damen, die sich bei der Polizei über ihn beschwerten. Vernünftig war weder die Verehrung, noch ist es die Enttäuschung.

Assange hat den Lauf der Geschichte nicht verändert. Nicht einmal das Wesen des Journalismus, wie es geheißen hatte. Er hat einen einmaligen Coup gelandet. Sämtliche der großen Wikileaks-Enthüllungen (die Akten aus den Kriegen in Afghanistan und Irak, die diplomatischen Depeschen und das Material aus dem Gefangenenlager Guantanamo) stammen aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem einzigen Datenpaket. Eineinhalb Jahre Hausarrest, der Boykott seiner Spendenkonten und die Abwanderung enger Mitarbeiter haben das Wirken von Assange beeinträchtigt. Gleichwohl haben seine Enthüllungen im Westen das Bild von den Kriegen bestätigt und die Volksbewegungen des arabischen Frühlings mit Fakten munitioniert.

Was im Bild der Öffentlichkeit jedoch bleibt, ist das leere Versprechen. Wie erwähnt, nicht das erste. Timothy Leary war nach seiner Rolle als Hippie-Guru selbst einer der ersten Prediger digitaler Heilsversprechen. Die „Virtual Reality“ war für ihn ein ebenso mächtiges Mittel zur Bewusstseinserweiterung wie zuvor psychedelische Drogen. Man setzte sich damals einen Rundumhelm auf, der einem Landschaften aus groben Leuchtlinien in die Augen projizierte. Ein verkabelter Handschuh steuerte dann eine Art Zeiger, mit der man sich durch diese virtuellen Welten bewegen konnte.

Heute ist diese Technologie längst vergessen. Genauso wie die virtuellen Welten der Internetanwendung „Second Life“, bei der man sich mit digitalen Avatar-Püppchen durch Phantasiewelten bewegen konnte, in die nicht nur die Werbeindustrie kurze Zeit viel Geld investierte. Die sogenannte erweiterte Wirklichkeit, die Google mittels einer Computerbrille erobern will, ist dann über die Technikkolumnen kaum hinausgekommen.

Auch die Revolutionen der Kommunikation sind flüchtige Erscheinungen. Newsgroups, basic-HTML-Webseiten, Blogs, Friendster und MySpace spielen keine oder nur noch untergeordnete Rollen im digitalen Miteinander. Die Macher des aktuellen Erfolgsmodells Facebook haben die Zukunft schon erkannt. Die liegt nicht im Internet, sondern in mobilen Geräten. Facebook will nun ein Smartphone entwickeln, um nicht nur als App auf dem iPhone zu enden.

Höhepunkt der digitalen Verzückung ist die Theorie der „Singularity“. Das ist eine Überlegung, die der amerikanische Informatiker Ray Kurzweil angestellt hat. Der prophezeit einen Zeitpunkt, an dem die Maschinen die Intelligenz des Menschen überflügeln und das Geschick der Welt übernehmen. Das erinnert an ein Leitmotiv des amerikanischen Protestantismus, der „Rapture“, des Erlösungsmoments mit der Rückkehr des Messias. Das klingt nicht nur nach Science Fiction. Das ist es auch.

Will man die digitalen Technologien nüchtern betrachten, sollte man die Rolle des Internets für die Volksbewegungen in Schwellen- und Entwicklungsländern sicher nicht unterschätzen. Doch in der westlichen Welt sind die großen Revolutionen schon zwei-, dreihundert Jahre her. Was sich in den Industrienationen durch digitale Technologien verändert hat, ist viel weniger glamourös – der Medienvertrieb, die Kulturvergütung, die Werbung und der Einzelhandel.

Eines der jüngsten Heilversprechen ist nun die „Liquid Democracy“. Die war schon bei Timothy Leary ein Thema. Nun predigt sie die Piratenpartei. Digitales Miteinander und Transparenz sollen dabei die Revolution beflügeln. Noch ist dieses Verfahren für Normalbürger ein schwer durchschaubarer Datensalat. Mag sein, dass es schon bald nutzerfreundliche Oberflächen dafür gibt. Das eigentlich Interessante ist dabei, dass die Piraten nicht die System-, sondern die Verfahrensfrage stellen. Das heißt aber – die Piraten sind keine Revolutionäre, sondern Bürokraten.

Das könnte sie umso wirksamer machen. Die Verfahrensfrage fordert die Politik viel direkter heraus, als eine Utopie. Erste Ansätze transparenter Politik gibt es auch schon. Das sind die Reformen unter dem Begriff „open government“. Dabei geht es jedoch nicht um Revolution, sondern um so banale Dinge wie Meldesysteme für Schlaglöcher und transparente Bezirksversammlungen. Da aber liegt Potenzial. Denn das Internet braucht keine Revolutionäre oder Messiasgestalten. Ein paar Realos und Agnostiker täten der Entwicklung ganz gut.

 

Foto: Timothy Leary/OH

02.11.11 | 17:14 | 1 Kommentar

Reality Check

(Von Andrian Kreye) Wikileaks-Gründer Julian Assange hat gute Gründe, sich verfolgt zu fühlen. Immerhin hat ihn der Vizepräsident der USA, Joe Biden, höchstpersönlich als „Hightech-Terroristen“ bezeichnet. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um aus so einer Bemerkung den Unterton „Guantanamo Bay“ herauszuhören. Andere US-Politiker fanden, man sollte es im Fall Assange nicht so genau nehmen mit Völkerrecht und Gesetz.
Nun hat Assange den Berufungsprozess gegen seine Auslieferung nach Schweden vor dem High Court in London verloren. Viele seiner Anhänger glauben, dass er von Schweden aus viel leichter an die USA auszuliefern sei. Doch zwischen dem Dirty-Harry-Gehabe amerikanischer Politiker und den juristischen Realitäten gibt es immer noch einen großen Unterschied. Assange brachte seine rechtliche Lage nach der Urteilsverkündung am Mittwoch auf den Punkt – er ist derzeit keines Verbrechens angeklagt. Schweden will ihn haben, um ihn wegen der Vorwürfe sexueller Nötigung zu befragen. Verschiedene amerikanische Behörden würden sich zwar gerne mit ihm unterhalten. Eine Auslieferung aus einer europäischen Demokratie ist aber auch unter den weiterhin scharfen Gesetzen des „Krieges gegen den Terror“ nur bei juristischer Stichhaltigkeit möglich.
Doch selbst wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass Assange im Lager von Guantanamo Bay landet, haben die USA schon taktische Muskeln gezeigt. Die Pleite von Wikileaks geht direkt auf den unlauteren Druck der USA auf Kreditkartenfirmen zurück. Mehr ist gar nicht nötig, um einen Gegner in die Knie zu zwingen. „Mission accomplished“: Letzte Woche hat Wikileaks seine Handlungsunfähigkeit bestätigt.

02.09.11 | 18:49 | 4 Kommentare

Digitale Ideologie



(Leitartikel aus der Wochenend-SZ vom 3.9.2011, von Andrian Kreye) Wer das Internet und seine Wirkung begreifen will, kommt mit technischem Verständnis nicht weit. Das zeigt die Aufregung um die Enthüllungsplattform Wikileaks. Die ist in diesen Tagen wieder groß. Das liegt zum einen daran, dass nun das gesamte Datenpaket diplomatischer Depeschen und Akten verschiedener Geheimhaltungsstufen aus den amerikanischen Ministerien für jedermann mit etwas Geschick einsehbar im Internet zirkuliert.

Die Aufregung um Wikileaks und seinen Gründer Julian Assange ist aber auch deswegen so groß, weil der Fall beispielhaft ist für den Kampf der Internet-Ideologien. Dass dieser Kampf nicht zu unterschätzen ist, belegt die Geschichte der Computerkultur und des Internets selbst. Denn das digitale Zeitalter ist nicht nur von einer technischen Entwicklung geprägt, sondern von Anfang an auch von der Fortsetzung der gesellschaftlichen Konflikte der sechziger und siebziger Jahre. Genauso wie die Geschichte der Bürgerrechtsbewegungen, ist die Entwicklung der digitalen Welt von klaren Ideologien bestimmt.
 
Wie in alle Ideologien werden in den digitalen Debatten entweder progressive Heilsversprechen abgegeben oder konservative Untergangsszenarien ausgemalt. Die Debatte ist dabei längst verhärtet, als gelte George W. Bushs Maxime aus dem Krieg gegen den Terror: Wer nicht dafür ist, ist dagegen.

In den Frühzeiten der Computerkultur verliefen die Fronten noch entlang den traditionellen gesellschaftlichen Spannungsfeldern. Die schrulligen Ingenieure und Informatiker, die sich im Norden von Kalifornien aufgemacht hatten, die Welt mit Lötkolben und Platinen zu verändern, waren nicht nur technologische Revolutionäre. Sie waren dem Geist der Hippies aus der Bay Area näher, als den Investmentbankern, die sie schon bald mit Kapital versorgten. Firmengründer wie Steve Jobs von Apple und Bill Gates von Microsoft hatten eine Welt herausgefordert, in der elektronische Rechner eine Domäne der staatlichen Institutionen und Konzerne waren. IBM konzipierte seine Computer für die Nasa und das Pentagon, für Banken und Börsen. Hingegen wollten Jobs und Gates Rechner für alle. Das war ein revolutionärer Gedanke, der die Gesellschaft in den nächsten dreißig Jahren in einem ähnlichen Maße verändern sollte, wie die Emanzipationsbewegungen in den dreißig Jahren davor.
 
Das Heilsversprechen der Revolutionäre war bald schon das Dogma der digitalen Kultur: Der Computer sollte das Volk für wenig Geld mit dem Zugang zum Weltwissen und mit den Produktionsmitteln der neuen Medienwelt ermächtigen. Neue Netzwerke sollten eine weltweite Gemeinschaft schaffen. Die neue Macht der computerisierten Bürger sollte die Politik verändern und neuen Wohlstand schaffen. Vor allem aber galt der Schlachtruf: Die Informationen sind frei. Julian Assanges Ideologie von der radikalen Transparenz war da nur ein logischer nächster Schritt.
 
Doch wie alle ideologischen Heilsversprechen stoßen auch die Verheißungen des digitalen Zeitalters an die Grenzen einer Wirklichkeit, in der die Menschen keineswegs so gut sind, wie die Ideologien es behaupten. Die Visionen lassen sich eben nicht so leicht in Realität übersetzen. Die Freiheit der Informationen zerstörte beispielsweise in der Kultur- und Medienindustrie viel Altes, ohne Neues zu schaffen.

Verlage, Plattenfirmen und Filmverleihe büßten durch digitale Kopien viel Geld ein. Den Verlust trugen aber nicht die Stars, sondern die weniger bekannten Autoren, Musiker und Schauspieler.
 
Das aber ist immer das Risiko der Revolution: Sie kann verkrustete Strukturen aufbrechen – ob danach aber etwas Neues oder gar etwas Besseres folgt, ist nie sicher. Die digitale Welt unterscheidet sich da kaum von der analogen. Die Stagnation nach der ersten Euphorie im arabischen Frühling erinnert entfernt an die Krise der Musikindustrie. In beiden Fällen wurden Machtzentren geschliffen. Aber es entstanden keine Strukturen, aus denen Neues erwachsen konnte.
 
In der digitalen Welt sind die Revolutionäre von einst nun die Mächtigen der Gegenwart. Nach einer kurzen Phase der Ermächtigung des digitalen Volkes haben Apple, Macintosh, Google und Facebook die Macht wieder an sich gerissen. Der amerikanische Internet-Theoretiker Jaron Lanier spricht vom „local-global flip“. In dieser Theorie, auch als „Lanier Effect“ gehandelt, wird der grundlegende Wandel der Netzwelt erklärt, in der jeder Einzelne im Internet in eine vermarktbare Einheit verwandelt wird – der User als Spielball globaler Kräfte. Wer einst als gleichberechtigter Akteur innerhalb eines großen Netzes vor seinem lokalen Rechner saß, zappelt jetzt im neuen Netz, einem Fanginstrument von Machtmonopolen globaler Konzerne. Der Schalter ist umgelegt (flip).
 
Diese Konzerne wiederum entwickeln ihre eigenen Ideologien, wie sie durch den Netznutzer Geld verdienen können. Apple setzt auf ein in sich geschlossenes Kontrollsystem, in dem jedes Datenpaket zwar Geld wert ist, der Geldfluss aber von Apple als einzigem Zwischenhändler kontrolliert wird. Google wiederum setzt auf eine radikale Offenheit, in der die Daten selbst wertlos werden, und nur Google über das Netz an sich die Daten noch zu Geld machen kann. Google nämlich verfügt über die Mittel zur Kontrolle des Chaos: über die Suchmaschinen. Facebook und Microsoft funktionieren auf ihre Weise ähnlich. Facebook will die absolute Kontrolle über seine Nutzer. Microsoft will in einem unkontrollierten System mit seiner Suchmaschine Bing und seinem Betriebssystem Windows die Grundlagen des digitalen Lebens liefern.
 
In diesen Kampf zwischen einer Ideologie der Kontrolle und einer Ideologie der Offenheit stieß nun Julian Assange mit seiner Forderung, die politischen Massen wieder stark zu machen mit dem Werkzeug radikaler Transparenz. Assange war ein Nachzügler in einem ideologischen Kampf, der – getreu des „Lanier Effekts“ – längst woanders ausgetragen wird. Was Assange nicht verstand: Transparenz kann ihr Heilsversprechen von Demokratie und Freiheit nur einlösen, wenn sie gezielt und lokal umgesetzt wird; wenn beispielsweise in einem Land wie Tunesien oder Ägypten das Ausmaß der Korruption enthüllt wird. Weil der Wikileak-Datensatz von 251 287 Akten aber undifferenziert Geheimnisse aus aller Welt offenbart, entsteht nur Chaos.
 
Letztlich wird das Netz nur dann dem Gemeinwohl dienen, wenn eine aufgeklärte Zivilgesellschaft im Internet eine neue Form des Gesellschaftsvertrags findet. In den neuen Formen des Open Government beispielsweise, die politische Transparenz schaffen, die Bürger verstehen und nutzen können. In sozialen Netzwerken, die Ordnung in chaotische Situationen bringen, wie die Nothilfenetze in Haiti und Japan.
 
Um das Netz zur sinnvollen gesellschaftlichen Kraft zu machen, braucht es vor allem Bildungsarbeit. Natürlich verspricht Pragmatismus nie so viel Glamour wie eine Revolution. Nach den Erfahrungen der Menschheit mit Ideologien weiß man aber, dass nur Pragmatismus am Ende weiter hilft.


Jaron Lanier über den "local-global flip" - hier (Video)

23.02.11 | 17:49 | 0 Kommentare

The History of Clubbing (Gaddafis Söhne)

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Wikileaks schon wieder - laut einem Artikel in der New York Times , der sich auf Wikileaks-Dateien bezieht, hat Gaddafis Sohn Seif al-Islam der Sängerin Mariah Carey 1 Million Dollar dafür bezahlt, dass sie auf seiner Sylvesterparty 2008/9 im Nikki Beach Club vier Lieder sang (Bild - Jay Z, Beyonce und Carey auf besagter Party). Die New Yorker Boulevardzeitung Daily News berichtete damals schon. Inklusive langer, prominenter Gästeliste. Im Jahr darauf soll Beyonce für eine ähnlichen Auftritt bei Muatsim-Billah Gaddafis Party auf St. Barts 2 Millionen Dollar bekommen haben.

Foto: beyoncenow.net

10.02.11 | 16:36 | 1 Kommentar

Pläne für Angriff auf Wikileaks

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Im Netz macht gerade eine Geschichte die Runde, über die Pläne der amerikanischen Datensicherheitsfirmen HBGary Federal, Palantir und Beric, Wikileaks anzugreifen. Obige Tafel ist aus einer Powerpoint-Präsentation, die die Angriffspläne erläutert. Betrachtet man nun den Bruderkrieg zwischen Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg (Buchkritik von Niklas Hofmann morgen im Feuilleton der SZ), könnte man auf durchaus verschwörungstheoretische Gedanken kommen. Wäre die Veröffentlichung der HBGary files auf Wikileaks justament zur Buchveröffentlichung von Domscheit-Berg nicht gar so durchsichtig.

Nachricht auf - Crowdleaks.

Analyse auf - techherald.

Powerpoint-Präsentation auf - Wikileaks.

08.02.11 | 20:18 | 1 Kommentar

Der Maschinist

Das DLD-Gespräch mit ex-Wikileaks-Vize Daniel Domscheit-Berg, das Grundlage für die Seite 3 vom Mittwoch ist:

Watch live streaming video from dldconference_2 at livestream.com
14.01.11 | 20:29 | 0 Kommentare

Hoffnung auf die Macht der Masse

Freundlichkeit, Vertrauen, Neugier: Seit zehn Jahren ist das Internetlexikon Wikipedia ein soziales Utopia

(Aus dem Feuilleton vom Wochenende) Es war kein Zufall, dass sich die Enthüllungsplattform Wikileaks einen Namen gab, der mit denselben Silben anfängt wie das Internetlexikon Wikipedia. Das Präfix Wiki ist zu einem Synonym für das Utopia einer Weltgemeinschaft geworden, die ohne Lohn im Dienste der objektiven Wahrheitsfindung an einem großen Ganzen arbeitet. Ein hehres Ideal, an dem sich in der Geschichte der Menschheit schon viele vergeblich abgearbeitet haben. So waren die Zweifel groß, als das Internetlexikon Wikipedia am 15. Januar 2001 ans Netz ging.

Der Traum vom Kollektiv der Amateure, das ein Werk vollbringt, das bis dahin der Wissenschaft vorbehalten war, schien so unrealistisch zu sein wie so viele andere digitale Utopien, die sich stets als Wunschträume einer technikbegeisterten Elite entpuppt hatten. Das Internet hatte bis dahin weder Urgewalten der Demokratie entfesselt noch einen neuen Weltgeist geschaffen, die Virtual Reality der frühen neunziger Jahre hatte weder psychedelische noch anderweitig entgrenzende Wirkung gezeigt. Das Misstrauen saß tief, nicht zuletzt, weil viele der digitalen Vordenker aus ebenjenem kalifornischen Milieu stammten, das all die fehlgeschlagenen Utopien der späten sechziger Jahre hervorgebracht hatte.

Da predigte der einstige LSD-Papst Timothy Leary die angeblich überwältigende bewusstseinserweiternde Kraft früher Virtual-Reality-Maschinen. Stewart Brand, der Vater der amerikanischen Ökologiebewegung und Herausgeber des Whole-Earth-Versandkataloges für alternative Produkte, initiierte mit The Well eine Netzgemeinschaft, die am Ende doch unter sich zu bleiben schien. Und für die Freiheit im Netz kämpfte John Perry Barlow mit seiner Electronic Frontier Foundation, ein ehemaliger Rancher, der Songs für Grateful Dead geschrieben hatte.

Angesichts solcher Fürsprecher übte sich der konservative Konsens in Amerika und Europa in genüsslicher Häme, galten die Vordenker der Hippiegeneration doch nurmehr als Sachwalter des Scheiterns. Wieso also sollte es plötzlich einem Heer aus Freiwilligen gelingen, das Weltwissen im Netz zu bündeln und dabei auch noch wissenschaftliche Neutralität zu garantieren?

Doch trotz aller Fehler, aller bürokratischen Verästelungen und pedantischen Debatten zwischen den Millionen Autoren der mit mehr als dreieinhalb Millionen englischen, 1,7 Millionen deutschen und ähnlich vielen anderssprachigen Einträgen inzwischen umfassendsten Enzyklopädie der Menschheitsgeschichte: Betrachtet man Wikipedia nicht als Werk, sondern als soziales Experiment, so ist es sehr wohl gelungen. Denn Wikipedia 'funktioniert zwar in der Praxis, aber nicht in der Theorie', wie der Netzkritiker Evgeni Morozov schrieb.

Nun ist das Wiki-Prinzip keine Erfindung der Wikipedia-Gründer Larry Sanger und Jimmy Wales. Der Begriff stammt aus dem Jahre 1994 und fand in der Webseite WikiWikiWeb seine erste Anwendung. Das WikiWikiWeb war der erste Versuch einer kollektiven Seite. Ihr Gründer Ward Cunningham hatte sich für den Namen vom Flughafenzubringer 'Wiki Wiki Shuttle' in Honolulu inspirieren lassen. Der wiederum ist nach dem Wort benannt, das in der Sprache der Ureinwohner 'schnell' bedeutet.

Daraus könnte man einen Rückschluss auf die Geschwindigkeit der Wikipedia ziehen. Immerhin verkündet das Online-Lexikon inzwischen Weltereignisse und das Ableben bekannter Persönlichkeiten manchmal schneller als die Nachrichtenagenturen. Doch erstens war der Ursprung der digitalen Bedeutung von Wiki ein ähnlicher Sprachklamauk ohne weiteren Hintersinn wie so viele Namen großer digitaler Firmen - man denke an Yahoo, Google oder Mozilla. Zweitens hat der allgemeine Sprachgebrauch längst Besitz von dem Wort ergriffen und ihm eine neue Bedeutung gegeben.

Wiki deutet den Begriff der Masse um. Der ist im sozialen Kontext ja eigentlich nur noch negativ besetzt: Massenbewegungen, Massenaufstände, Massenkultur, Massengeschmack, Massenverkehrsmittel, überhaupt alles, was massenhaft existiert, gilt als per se verdächtig. Vom Ideal der Massen als weisem und gerechtem Volkskörper in den Utopien des 20. Jahrhunderts ist da nichts geblieben. Elias Canettis 'Masse und Macht' gehört an deutschen wie an amerikanischen Hochschulen zur Pflichtlektüre. Darin wird der Masse eine immanente Zerstörungssucht attestiert, die viele auch im Internet wittern.

Weil man aber den Fragen des 21. Jahrhunderts immer seltener mit den Antworten des 20.Jahrhunderts beikommt, lohnt es sich, das Phänomen des Wiki für sich zu betrachten. So sieht der Professor für Internetrecht an der Harvard Law School Jonathan Zittrain in der Wikipedia ein Beispiel für seine Theorie vom Netz als Knotenpunkt für Millionen selbstlose Handlungen, die von Freundlichkeit, Vertrauen und Neugier bestimmt werden. Wer sich in der Wikipedia auch nur mit einem kurzen Eintrag wiederfindet, der kann das oft am eigenen Namen nachvollziehen.

Da findet man beispielsweise auf dem Höhepunkt der Debatte um Islam und Anti-Islamismus ein einzelnes Zitat in seinem Eintrag, das schlechtes Licht auf einen wirft. Eine kurze Beratung mit einem gelegentlichen Wikipedia-Autor ergibt, dass man dies nun auf keinen Fall selbst löschen sollte. Die Wiki-Gemeinschaft reagiert bei ihrer Suche nach einem Höchstmaß an Objektivität gereizt auf Einflussnahmen persönlich, politisch oder wirtschaftlich Interessierter. Bleibt also nur das Vertrauen in die Masse. Und die reagiert tatsächlich recht rasch. Ein paar Tage später ist das Zitat verschwunden. Es hätte den Eintrag in einen tendenziösen Kontext gestellt.

Oft ziehen sich die Debatten um so einen Eintrag über Monate hin. Die Frage, ob die polnische Hafenstadt an der Ostsee nun Danzig oder Gdansk heißt, wurde in der englischen Ausgabe mit mehr als 8000 Diskussionsbeiträgen diskutiert. Es blieb beim Eintrag Gdansk, mit Danzig als Zusatzklammer. In der deutschen Version ist es umgekehrt. Der Eintrag unterscheidet dann: Gdansk hieß die Stadt bis 1305 und nach 1945, Danzig in den 640 Jahren dazwischen.

Die Suche nach Objektivität und das Vertrauen in die oft beschworene Weisheit der vielen hat längst unzählige Nachahmer gefunden. Die Mikrokreditseite Kiva.org belegt das Vertrauen mit einer Rückzahlungsrate der Kreditnehmer in Entwicklungsländern von mehr als 90 Prozent. Auch die sozialen Netzwerke wie Facebook bekommen das zu spüren, kollidieren ihre Wirtschaftsinteressen doch ständig mit dem kollektiven Vertrauen ihrer Nutzer. Wie all die unzähligen Seiten, die aus der Wiki-Utopie Geld zu machen versuchen, was in der Managersprache 'Crowdsourcing' heißt.

Wikileaks ist nun die politische Fortführung. Wenn auf der Basis dieses Vertrauens die Netzgemeinschaft Politik und Wirtschaft zu Transparenz zwingen kann, so wird das soziale Experiment zu einer sozialen Norm. 'Die Revolution vollzieht sich nicht, wenn eine Gesellschaft neue Technologien, sondern wenn sie neue Verhaltensformen übernimmt', schrieb der Medienwissenschaftler Clay Shirky. Ob das soziale Experiment Wikipedia nach zehn Jahren ein Erfolg war, wird die weitere Geschichte von Wikileaks und dessen Nachfolgern zeigen.

02.01.11 | 21:24 | 1 Kommentar

#musicmonday

mia

Rechtzeitig zum neuen Jahr hat die britische Sängerin und Rapperin M.I.A. am Silvestertag im Internet ein Mixtape mit dem Titel 'Vicki Leekx Mixtape' veröffentlicht. Das kann man gratis auf der Webseite http://vickileekx.com/ herunterladen. Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob das nur ein PR-Gag ist, mit dem sich M.I.A. im Kielwasser der Wikileaks-Begeisterung von der herben Kritik an der Egomanie ihres dritten Albums 'Maya' im vergangenen Sommer rehabilitieren will. Oder ob sie den gleichen Nerv getroffen hat wie Julian Assange, der von der digitalen Generation als Symbol für die neue Macht des digitalen Kollektivs gefeiert wird.

Es mag schon sein, dass sich hinter M.I.A.s revolutionären Posen und Parolen meist nicht viel mehr verbirgt als ein Neuaufguss des 'Radical Chic' für politisch bewegte Halbwüchsige des 21. Jahrhunderts. Man sollte trotzdem nicht unterschätzen, dass sie schon aus ihrer Biografie heraus ein Gespür für die politischen Launen und Strömungen linker Subkulturen hat, die sie ähnlich kongenial in Pop umsetzen kann wie der Antiglobalisierungs-Barde Manu Chao oder die Politband Rage Against The Machine.

Geboren als Tochter tamilischer Einwanderer verbrachte Mathangi 'M.I.A.' Arulpragasam einen Teil ihrer Kindheit in ihrer Heimat Sri Lanka, wo sich ihr Vater der Rebellengruppe Tamil Tigers anschloss. Während des Bürgerkriegs in Sri Lanka lebte sie mit ihrer Familie zunächst im Untergrund, dann in einem indischen Slum, in einem britischen Flüchtlingslager und schließlich in den Sozialbauten im südlichen London. Eine solche Vergangenheit vergisst man auch nicht, wenn man einen Abschluss am prestigeträchtigen Central Saint Martins College of Art and Design gemacht und später den Milliardenerben der Bronfman-Schnapsdynastie geheiratet hat.

Man darf so ein Mixtape nicht mit einem Album verwechseln. Mixtapes waren im Hip Hop ursprünglich ein Weg, neue Musik im ungeschliffenen Mischungen im Stil von Radiosendungen an den Plattenfirmen vorbei über die Straße zu lancieren. Die 36 Minuten des 'Vicki Leekx Mixtape' sind dann auch ein roher Verschnitt aus hastig skizzierten Beats von einer ganzen Armada Produzenten wie Diplo, Blaqstarr, Switch und ihrem Bruder Sugu Arulpragasam, über die M.I.A. durch allerlei Filter ihre mal politischen, mal persönlichen Texte singt und rappt. Doch gerade im rohen Fluss des Mixtapes beweist sie hier Format und zielsicheres Gespür. Im Klangbild irgendwo zwischen den Sound Effects von Computerspielen, den Beats anachronistischer Rhythmusmaschinen und den Klangwällen tropischer Sound Systems schafft M.I.A. den Soundtrack für den ziellosen Zorn einer Generation, die im Machtbeweis des heimatlosen Hackers Julian Assange einen Hoffnung für einen Ausweg aus ihrer politischen Ohnmacht finden. Einer Generation, die man nicht unbedingt in den sozialen Netzwerken der Wohlstandsländer findet, sondern in den Internetcafes der Entwicklungsländer, der Flüchtlingsquartiere und Slums.

Foto: miauk.com

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