02.11.11 | 17:14 | 1 Kommentar

Reality Check

(Von Andrian Kreye) Wikileaks-Gründer Julian Assange hat gute Gründe, sich verfolgt zu fühlen. Immerhin hat ihn der Vizepräsident der USA, Joe Biden, höchstpersönlich als „Hightech-Terroristen“ bezeichnet. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um aus so einer Bemerkung den Unterton „Guantanamo Bay“ herauszuhören. Andere US-Politiker fanden, man sollte es im Fall Assange nicht so genau nehmen mit Völkerrecht und Gesetz.
Nun hat Assange den Berufungsprozess gegen seine Auslieferung nach Schweden vor dem High Court in London verloren. Viele seiner Anhänger glauben, dass er von Schweden aus viel leichter an die USA auszuliefern sei. Doch zwischen dem Dirty-Harry-Gehabe amerikanischer Politiker und den juristischen Realitäten gibt es immer noch einen großen Unterschied. Assange brachte seine rechtliche Lage nach der Urteilsverkündung am Mittwoch auf den Punkt – er ist derzeit keines Verbrechens angeklagt. Schweden will ihn haben, um ihn wegen der Vorwürfe sexueller Nötigung zu befragen. Verschiedene amerikanische Behörden würden sich zwar gerne mit ihm unterhalten. Eine Auslieferung aus einer europäischen Demokratie ist aber auch unter den weiterhin scharfen Gesetzen des „Krieges gegen den Terror“ nur bei juristischer Stichhaltigkeit möglich.
Doch selbst wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass Assange im Lager von Guantanamo Bay landet, haben die USA schon taktische Muskeln gezeigt. Die Pleite von Wikileaks geht direkt auf den unlauteren Druck der USA auf Kreditkartenfirmen zurück. Mehr ist gar nicht nötig, um einen Gegner in die Knie zu zwingen. „Mission accomplished“: Letzte Woche hat Wikileaks seine Handlungsunfähigkeit bestätigt.

02.09.11 | 18:49 | 4 Kommentare

Digitale Ideologie



(Leitartikel aus der Wochenend-SZ vom 3.9.2011, von Andrian Kreye) Wer das Internet und seine Wirkung begreifen will, kommt mit technischem Verständnis nicht weit. Das zeigt die Aufregung um die Enthüllungsplattform Wikileaks. Die ist in diesen Tagen wieder groß. Das liegt zum einen daran, dass nun das gesamte Datenpaket diplomatischer Depeschen und Akten verschiedener Geheimhaltungsstufen aus den amerikanischen Ministerien für jedermann mit etwas Geschick einsehbar im Internet zirkuliert.

Die Aufregung um Wikileaks und seinen Gründer Julian Assange ist aber auch deswegen so groß, weil der Fall beispielhaft ist für den Kampf der Internet-Ideologien. Dass dieser Kampf nicht zu unterschätzen ist, belegt die Geschichte der Computerkultur und des Internets selbst. Denn das digitale Zeitalter ist nicht nur von einer technischen Entwicklung geprägt, sondern von Anfang an auch von der Fortsetzung der gesellschaftlichen Konflikte der sechziger und siebziger Jahre. Genauso wie die Geschichte der Bürgerrechtsbewegungen, ist die Entwicklung der digitalen Welt von klaren Ideologien bestimmt.
 
Wie in alle Ideologien werden in den digitalen Debatten entweder progressive Heilsversprechen abgegeben oder konservative Untergangsszenarien ausgemalt. Die Debatte ist dabei längst verhärtet, als gelte George W. Bushs Maxime aus dem Krieg gegen den Terror: Wer nicht dafür ist, ist dagegen.

In den Frühzeiten der Computerkultur verliefen die Fronten noch entlang den traditionellen gesellschaftlichen Spannungsfeldern. Die schrulligen Ingenieure und Informatiker, die sich im Norden von Kalifornien aufgemacht hatten, die Welt mit Lötkolben und Platinen zu verändern, waren nicht nur technologische Revolutionäre. Sie waren dem Geist der Hippies aus der Bay Area näher, als den Investmentbankern, die sie schon bald mit Kapital versorgten. Firmengründer wie Steve Jobs von Apple und Bill Gates von Microsoft hatten eine Welt herausgefordert, in der elektronische Rechner eine Domäne der staatlichen Institutionen und Konzerne waren. IBM konzipierte seine Computer für die Nasa und das Pentagon, für Banken und Börsen. Hingegen wollten Jobs und Gates Rechner für alle. Das war ein revolutionärer Gedanke, der die Gesellschaft in den nächsten dreißig Jahren in einem ähnlichen Maße verändern sollte, wie die Emanzipationsbewegungen in den dreißig Jahren davor.
 
Das Heilsversprechen der Revolutionäre war bald schon das Dogma der digitalen Kultur: Der Computer sollte das Volk für wenig Geld mit dem Zugang zum Weltwissen und mit den Produktionsmitteln der neuen Medienwelt ermächtigen. Neue Netzwerke sollten eine weltweite Gemeinschaft schaffen. Die neue Macht der computerisierten Bürger sollte die Politik verändern und neuen Wohlstand schaffen. Vor allem aber galt der Schlachtruf: Die Informationen sind frei. Julian Assanges Ideologie von der radikalen Transparenz war da nur ein logischer nächster Schritt.
 
Doch wie alle ideologischen Heilsversprechen stoßen auch die Verheißungen des digitalen Zeitalters an die Grenzen einer Wirklichkeit, in der die Menschen keineswegs so gut sind, wie die Ideologien es behaupten. Die Visionen lassen sich eben nicht so leicht in Realität übersetzen. Die Freiheit der Informationen zerstörte beispielsweise in der Kultur- und Medienindustrie viel Altes, ohne Neues zu schaffen.

Verlage, Plattenfirmen und Filmverleihe büßten durch digitale Kopien viel Geld ein. Den Verlust trugen aber nicht die Stars, sondern die weniger bekannten Autoren, Musiker und Schauspieler.
 
Das aber ist immer das Risiko der Revolution: Sie kann verkrustete Strukturen aufbrechen – ob danach aber etwas Neues oder gar etwas Besseres folgt, ist nie sicher. Die digitale Welt unterscheidet sich da kaum von der analogen. Die Stagnation nach der ersten Euphorie im arabischen Frühling erinnert entfernt an die Krise der Musikindustrie. In beiden Fällen wurden Machtzentren geschliffen. Aber es entstanden keine Strukturen, aus denen Neues erwachsen konnte.
 
In der digitalen Welt sind die Revolutionäre von einst nun die Mächtigen der Gegenwart. Nach einer kurzen Phase der Ermächtigung des digitalen Volkes haben Apple, Macintosh, Google und Facebook die Macht wieder an sich gerissen. Der amerikanische Internet-Theoretiker Jaron Lanier spricht vom „local-global flip“. In dieser Theorie, auch als „Lanier Effect“ gehandelt, wird der grundlegende Wandel der Netzwelt erklärt, in der jeder Einzelne im Internet in eine vermarktbare Einheit verwandelt wird – der User als Spielball globaler Kräfte. Wer einst als gleichberechtigter Akteur innerhalb eines großen Netzes vor seinem lokalen Rechner saß, zappelt jetzt im neuen Netz, einem Fanginstrument von Machtmonopolen globaler Konzerne. Der Schalter ist umgelegt (flip).
 
Diese Konzerne wiederum entwickeln ihre eigenen Ideologien, wie sie durch den Netznutzer Geld verdienen können. Apple setzt auf ein in sich geschlossenes Kontrollsystem, in dem jedes Datenpaket zwar Geld wert ist, der Geldfluss aber von Apple als einzigem Zwischenhändler kontrolliert wird. Google wiederum setzt auf eine radikale Offenheit, in der die Daten selbst wertlos werden, und nur Google über das Netz an sich die Daten noch zu Geld machen kann. Google nämlich verfügt über die Mittel zur Kontrolle des Chaos: über die Suchmaschinen. Facebook und Microsoft funktionieren auf ihre Weise ähnlich. Facebook will die absolute Kontrolle über seine Nutzer. Microsoft will in einem unkontrollierten System mit seiner Suchmaschine Bing und seinem Betriebssystem Windows die Grundlagen des digitalen Lebens liefern.
 
In diesen Kampf zwischen einer Ideologie der Kontrolle und einer Ideologie der Offenheit stieß nun Julian Assange mit seiner Forderung, die politischen Massen wieder stark zu machen mit dem Werkzeug radikaler Transparenz. Assange war ein Nachzügler in einem ideologischen Kampf, der – getreu des „Lanier Effekts“ – längst woanders ausgetragen wird. Was Assange nicht verstand: Transparenz kann ihr Heilsversprechen von Demokratie und Freiheit nur einlösen, wenn sie gezielt und lokal umgesetzt wird; wenn beispielsweise in einem Land wie Tunesien oder Ägypten das Ausmaß der Korruption enthüllt wird. Weil der Wikileak-Datensatz von 251 287 Akten aber undifferenziert Geheimnisse aus aller Welt offenbart, entsteht nur Chaos.
 
Letztlich wird das Netz nur dann dem Gemeinwohl dienen, wenn eine aufgeklärte Zivilgesellschaft im Internet eine neue Form des Gesellschaftsvertrags findet. In den neuen Formen des Open Government beispielsweise, die politische Transparenz schaffen, die Bürger verstehen und nutzen können. In sozialen Netzwerken, die Ordnung in chaotische Situationen bringen, wie die Nothilfenetze in Haiti und Japan.
 
Um das Netz zur sinnvollen gesellschaftlichen Kraft zu machen, braucht es vor allem Bildungsarbeit. Natürlich verspricht Pragmatismus nie so viel Glamour wie eine Revolution. Nach den Erfahrungen der Menschheit mit Ideologien weiß man aber, dass nur Pragmatismus am Ende weiter hilft.


Jaron Lanier über den "local-global flip" - hier (Video)

23.02.11 | 17:49 | 0 Kommentare

The History of Clubbing (Gaddafis Söhne)

beyonce-jay-mariah

Wikileaks schon wieder - laut einem Artikel in der New York Times , der sich auf Wikileaks-Dateien bezieht, hat Gaddafis Sohn Seif al-Islam der Sängerin Mariah Carey 1 Million Dollar dafür bezahlt, dass sie auf seiner Sylvesterparty 2008/9 im Nikki Beach Club vier Lieder sang (Bild - Jay Z, Beyonce und Carey auf besagter Party). Die New Yorker Boulevardzeitung Daily News berichtete damals schon. Inklusive langer, prominenter Gästeliste. Im Jahr darauf soll Beyonce für eine ähnlichen Auftritt bei Muatsim-Billah Gaddafis Party auf St. Barts 2 Millionen Dollar bekommen haben.

Foto: beyoncenow.net

10.02.11 | 16:36 | 1 Kommentar

Pläne für Angriff auf Wikileaks

palantiroutput_pdf-pages

Im Netz macht gerade eine Geschichte die Runde, über die Pläne der amerikanischen Datensicherheitsfirmen HBGary Federal, Palantir und Beric, Wikileaks anzugreifen. Obige Tafel ist aus einer Powerpoint-Präsentation, die die Angriffspläne erläutert. Betrachtet man nun den Bruderkrieg zwischen Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg (Buchkritik von Niklas Hofmann morgen im Feuilleton der SZ), könnte man auf durchaus verschwörungstheoretische Gedanken kommen. Wäre die Veröffentlichung der HBGary files auf Wikileaks justament zur Buchveröffentlichung von Domscheit-Berg nicht gar so durchsichtig.

Nachricht auf - Crowdleaks.

Analyse auf - techherald.

Powerpoint-Präsentation auf - Wikileaks.

08.02.11 | 20:18 | 1 Kommentar

Der Maschinist

Das DLD-Gespräch mit ex-Wikileaks-Vize Daniel Domscheit-Berg, das Grundlage für die Seite 3 vom Mittwoch ist:

Watch live streaming video from dldconference_2 at livestream.com
14.01.11 | 20:29 | 0 Kommentare

Hoffnung auf die Macht der Masse

Freundlichkeit, Vertrauen, Neugier: Seit zehn Jahren ist das Internetlexikon Wikipedia ein soziales Utopia

(Aus dem Feuilleton vom Wochenende) Es war kein Zufall, dass sich die Enthüllungsplattform Wikileaks einen Namen gab, der mit denselben Silben anfängt wie das Internetlexikon Wikipedia. Das Präfix Wiki ist zu einem Synonym für das Utopia einer Weltgemeinschaft geworden, die ohne Lohn im Dienste der objektiven Wahrheitsfindung an einem großen Ganzen arbeitet. Ein hehres Ideal, an dem sich in der Geschichte der Menschheit schon viele vergeblich abgearbeitet haben. So waren die Zweifel groß, als das Internetlexikon Wikipedia am 15. Januar 2001 ans Netz ging.

Der Traum vom Kollektiv der Amateure, das ein Werk vollbringt, das bis dahin der Wissenschaft vorbehalten war, schien so unrealistisch zu sein wie so viele andere digitale Utopien, die sich stets als Wunschträume einer technikbegeisterten Elite entpuppt hatten. Das Internet hatte bis dahin weder Urgewalten der Demokratie entfesselt noch einen neuen Weltgeist geschaffen, die Virtual Reality der frühen neunziger Jahre hatte weder psychedelische noch anderweitig entgrenzende Wirkung gezeigt. Das Misstrauen saß tief, nicht zuletzt, weil viele der digitalen Vordenker aus ebenjenem kalifornischen Milieu stammten, das all die fehlgeschlagenen Utopien der späten sechziger Jahre hervorgebracht hatte.

Da predigte der einstige LSD-Papst Timothy Leary die angeblich überwältigende bewusstseinserweiternde Kraft früher Virtual-Reality-Maschinen. Stewart Brand, der Vater der amerikanischen Ökologiebewegung und Herausgeber des Whole-Earth-Versandkataloges für alternative Produkte, initiierte mit The Well eine Netzgemeinschaft, die am Ende doch unter sich zu bleiben schien. Und für die Freiheit im Netz kämpfte John Perry Barlow mit seiner Electronic Frontier Foundation, ein ehemaliger Rancher, der Songs für Grateful Dead geschrieben hatte.

Angesichts solcher Fürsprecher übte sich der konservative Konsens in Amerika und Europa in genüsslicher Häme, galten die Vordenker der Hippiegeneration doch nurmehr als Sachwalter des Scheiterns. Wieso also sollte es plötzlich einem Heer aus Freiwilligen gelingen, das Weltwissen im Netz zu bündeln und dabei auch noch wissenschaftliche Neutralität zu garantieren?

Doch trotz aller Fehler, aller bürokratischen Verästelungen und pedantischen Debatten zwischen den Millionen Autoren der mit mehr als dreieinhalb Millionen englischen, 1,7 Millionen deutschen und ähnlich vielen anderssprachigen Einträgen inzwischen umfassendsten Enzyklopädie der Menschheitsgeschichte: Betrachtet man Wikipedia nicht als Werk, sondern als soziales Experiment, so ist es sehr wohl gelungen. Denn Wikipedia 'funktioniert zwar in der Praxis, aber nicht in der Theorie', wie der Netzkritiker Evgeni Morozov schrieb.

Nun ist das Wiki-Prinzip keine Erfindung der Wikipedia-Gründer Larry Sanger und Jimmy Wales. Der Begriff stammt aus dem Jahre 1994 und fand in der Webseite WikiWikiWeb seine erste Anwendung. Das WikiWikiWeb war der erste Versuch einer kollektiven Seite. Ihr Gründer Ward Cunningham hatte sich für den Namen vom Flughafenzubringer 'Wiki Wiki Shuttle' in Honolulu inspirieren lassen. Der wiederum ist nach dem Wort benannt, das in der Sprache der Ureinwohner 'schnell' bedeutet.

Daraus könnte man einen Rückschluss auf die Geschwindigkeit der Wikipedia ziehen. Immerhin verkündet das Online-Lexikon inzwischen Weltereignisse und das Ableben bekannter Persönlichkeiten manchmal schneller als die Nachrichtenagenturen. Doch erstens war der Ursprung der digitalen Bedeutung von Wiki ein ähnlicher Sprachklamauk ohne weiteren Hintersinn wie so viele Namen großer digitaler Firmen - man denke an Yahoo, Google oder Mozilla. Zweitens hat der allgemeine Sprachgebrauch längst Besitz von dem Wort ergriffen und ihm eine neue Bedeutung gegeben.

Wiki deutet den Begriff der Masse um. Der ist im sozialen Kontext ja eigentlich nur noch negativ besetzt: Massenbewegungen, Massenaufstände, Massenkultur, Massengeschmack, Massenverkehrsmittel, überhaupt alles, was massenhaft existiert, gilt als per se verdächtig. Vom Ideal der Massen als weisem und gerechtem Volkskörper in den Utopien des 20. Jahrhunderts ist da nichts geblieben. Elias Canettis 'Masse und Macht' gehört an deutschen wie an amerikanischen Hochschulen zur Pflichtlektüre. Darin wird der Masse eine immanente Zerstörungssucht attestiert, die viele auch im Internet wittern.

Weil man aber den Fragen des 21. Jahrhunderts immer seltener mit den Antworten des 20.Jahrhunderts beikommt, lohnt es sich, das Phänomen des Wiki für sich zu betrachten. So sieht der Professor für Internetrecht an der Harvard Law School Jonathan Zittrain in der Wikipedia ein Beispiel für seine Theorie vom Netz als Knotenpunkt für Millionen selbstlose Handlungen, die von Freundlichkeit, Vertrauen und Neugier bestimmt werden. Wer sich in der Wikipedia auch nur mit einem kurzen Eintrag wiederfindet, der kann das oft am eigenen Namen nachvollziehen.

Da findet man beispielsweise auf dem Höhepunkt der Debatte um Islam und Anti-Islamismus ein einzelnes Zitat in seinem Eintrag, das schlechtes Licht auf einen wirft. Eine kurze Beratung mit einem gelegentlichen Wikipedia-Autor ergibt, dass man dies nun auf keinen Fall selbst löschen sollte. Die Wiki-Gemeinschaft reagiert bei ihrer Suche nach einem Höchstmaß an Objektivität gereizt auf Einflussnahmen persönlich, politisch oder wirtschaftlich Interessierter. Bleibt also nur das Vertrauen in die Masse. Und die reagiert tatsächlich recht rasch. Ein paar Tage später ist das Zitat verschwunden. Es hätte den Eintrag in einen tendenziösen Kontext gestellt.

Oft ziehen sich die Debatten um so einen Eintrag über Monate hin. Die Frage, ob die polnische Hafenstadt an der Ostsee nun Danzig oder Gdansk heißt, wurde in der englischen Ausgabe mit mehr als 8000 Diskussionsbeiträgen diskutiert. Es blieb beim Eintrag Gdansk, mit Danzig als Zusatzklammer. In der deutschen Version ist es umgekehrt. Der Eintrag unterscheidet dann: Gdansk hieß die Stadt bis 1305 und nach 1945, Danzig in den 640 Jahren dazwischen.

Die Suche nach Objektivität und das Vertrauen in die oft beschworene Weisheit der vielen hat längst unzählige Nachahmer gefunden. Die Mikrokreditseite Kiva.org belegt das Vertrauen mit einer Rückzahlungsrate der Kreditnehmer in Entwicklungsländern von mehr als 90 Prozent. Auch die sozialen Netzwerke wie Facebook bekommen das zu spüren, kollidieren ihre Wirtschaftsinteressen doch ständig mit dem kollektiven Vertrauen ihrer Nutzer. Wie all die unzähligen Seiten, die aus der Wiki-Utopie Geld zu machen versuchen, was in der Managersprache 'Crowdsourcing' heißt.

Wikileaks ist nun die politische Fortführung. Wenn auf der Basis dieses Vertrauens die Netzgemeinschaft Politik und Wirtschaft zu Transparenz zwingen kann, so wird das soziale Experiment zu einer sozialen Norm. 'Die Revolution vollzieht sich nicht, wenn eine Gesellschaft neue Technologien, sondern wenn sie neue Verhaltensformen übernimmt', schrieb der Medienwissenschaftler Clay Shirky. Ob das soziale Experiment Wikipedia nach zehn Jahren ein Erfolg war, wird die weitere Geschichte von Wikileaks und dessen Nachfolgern zeigen.

02.01.11 | 21:24 | 1 Kommentar

#musicmonday

mia

Rechtzeitig zum neuen Jahr hat die britische Sängerin und Rapperin M.I.A. am Silvestertag im Internet ein Mixtape mit dem Titel 'Vicki Leekx Mixtape' veröffentlicht. Das kann man gratis auf der Webseite http://vickileekx.com/ herunterladen. Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob das nur ein PR-Gag ist, mit dem sich M.I.A. im Kielwasser der Wikileaks-Begeisterung von der herben Kritik an der Egomanie ihres dritten Albums 'Maya' im vergangenen Sommer rehabilitieren will. Oder ob sie den gleichen Nerv getroffen hat wie Julian Assange, der von der digitalen Generation als Symbol für die neue Macht des digitalen Kollektivs gefeiert wird.

Es mag schon sein, dass sich hinter M.I.A.s revolutionären Posen und Parolen meist nicht viel mehr verbirgt als ein Neuaufguss des 'Radical Chic' für politisch bewegte Halbwüchsige des 21. Jahrhunderts. Man sollte trotzdem nicht unterschätzen, dass sie schon aus ihrer Biografie heraus ein Gespür für die politischen Launen und Strömungen linker Subkulturen hat, die sie ähnlich kongenial in Pop umsetzen kann wie der Antiglobalisierungs-Barde Manu Chao oder die Politband Rage Against The Machine.

Geboren als Tochter tamilischer Einwanderer verbrachte Mathangi 'M.I.A.' Arulpragasam einen Teil ihrer Kindheit in ihrer Heimat Sri Lanka, wo sich ihr Vater der Rebellengruppe Tamil Tigers anschloss. Während des Bürgerkriegs in Sri Lanka lebte sie mit ihrer Familie zunächst im Untergrund, dann in einem indischen Slum, in einem britischen Flüchtlingslager und schließlich in den Sozialbauten im südlichen London. Eine solche Vergangenheit vergisst man auch nicht, wenn man einen Abschluss am prestigeträchtigen Central Saint Martins College of Art and Design gemacht und später den Milliardenerben der Bronfman-Schnapsdynastie geheiratet hat.

Man darf so ein Mixtape nicht mit einem Album verwechseln. Mixtapes waren im Hip Hop ursprünglich ein Weg, neue Musik im ungeschliffenen Mischungen im Stil von Radiosendungen an den Plattenfirmen vorbei über die Straße zu lancieren. Die 36 Minuten des 'Vicki Leekx Mixtape' sind dann auch ein roher Verschnitt aus hastig skizzierten Beats von einer ganzen Armada Produzenten wie Diplo, Blaqstarr, Switch und ihrem Bruder Sugu Arulpragasam, über die M.I.A. durch allerlei Filter ihre mal politischen, mal persönlichen Texte singt und rappt. Doch gerade im rohen Fluss des Mixtapes beweist sie hier Format und zielsicheres Gespür. Im Klangbild irgendwo zwischen den Sound Effects von Computerspielen, den Beats anachronistischer Rhythmusmaschinen und den Klangwällen tropischer Sound Systems schafft M.I.A. den Soundtrack für den ziellosen Zorn einer Generation, die im Machtbeweis des heimatlosen Hackers Julian Assange einen Hoffnung für einen Ausweg aus ihrer politischen Ohnmacht finden. Einer Generation, die man nicht unbedingt in den sozialen Netzwerken der Wohlstandsländer findet, sondern in den Internetcafes der Entwicklungsländer, der Flüchtlingsquartiere und Slums.

Foto: miauk.com

14.12.10 | 09:18 | 2 Kommentare

Die Wut im Netz

anonymus

(Leitartikel aus der heutigen SZ) Politische Wut ist keine exklusive Domäne von Jugendlichen; Jugendliche neigen nur dazu, sie besonders impulsiv auszudrücken. Das war schon immer so: Da konnte man beispielsweise eine Mülltonne umstoßen und ihren Inhalt in Brand stecken. Mit etwas Gespür für den richtigen Ort und die richtige Tageszeit kam man damit in die Zeitung, manchmal sogar ins Fernsehen. Wer es ernster meinte, der erreichte mit Blockaden aller Art viel Aufmerksamkeit, wenn nicht mehr.

Auch die Jugendlichen, die aus Wut über die Verhaftung des Wikileaks-Gründers Julian Assange Webseiten von Kreditinstituten, Internetkonzernen und Online-Händlern lahmlegen, reagieren aus einem solchen Impuls heraus. Mit dem Unterschied, dass ihre subversive Affekthandlung im Internet globale Bedeutung bekommen kann. Denn mit dem Fall Wikileaks hat die Subkultur der Hacker die Weltbühne betreten.

Diese Subkultur ist per se friedlich. Der Reiz, unerlaubt in fremde Computer einzudringen, wurzelt bei den meisten Hackern in einer Lust am Experiment. Nach dem ungeschriebenen Hacker-Kodex ist es verpönt, Schaden anzurichten, wenn man in fremde Netzwerke eindringt. Auch wenn die meisten versierten Hacker wohl über die Fertigkeiten dazu verfügen. Aus dieser Subkultur ist nun ein beunruhigend wirksames Störwerkzeug in Umlauf gekommen – ein Programm mit dem Namen „Low Orbit Ion Cannon“ (Ionenkanone in niedriger Erdumlaufbahn). Damit kann man auch ohne technische Computerkenntnisse einen „Distributed denial of service“-Angriff gegen eine Webseite starten. Der führt dazu, dass eine Webseite durch zu viele vermeintliche Anfragen außer Betrieb gesetzt wird.

Man ist nun erst einmal versucht, den Fall Wikileaks und seine Folgen verständlich einzuordnen. Doch weder ist Julian Assange ein romantischer Rebell noch ein anarchistischer Spion. Man kann die Internet-Aktionen des durch die neue Stör-Software rapide wachsenden Hackernetzwerkes auch weder mit dem zivilen Widerstand der Bürgerrechtsbewegung noch mit einem rasenden Mob vergleichen, an den jemand Handgranaten verteilt hat. Das Internet funktioniert nach seinen eigenen digitalen Naturgesetzen. Weil man die aber noch nicht versteht, gibt es für sie auch keine Regeln.

Wie schwierig es ist, Phänomenen im Netz Herr zu werden, zeigen die verzweifelten Versuche der amerikanischen Justiz, gegen Julian Assange vorzugehen. Bisher hat er gegen kein Gesetz verstoßen. Weil es kaum Gesetze gibt, die das Internet und die Freiräume, die es geschaffen hat, erfassen. Solche Fälle zeigen, dass man sich den großen Fragen der digitalen Gesellschaft im 21. Jahrhundert nicht mit den Antworten des 20. Jahrhunderts nähern kann. Wenn eben statt der Mülltonne ein internationales Kreditinstitut umfällt, sind die Auswirkungen nicht abzusehen. Kettenreaktionen sind Teil der Faszination des Internets. Innerhalb von Tagen oder Stunden können sie weltweite Aufmerksamkeit schaffen oder Wirkung zeigen. Darauf gründen sich die Welterfolge von humorigen Netzvideos, aber auch der rapide Aufstieg von Digitalfirmen.

Was von Werbung und Industrie als erhoffte Kettenreaktion gesucht wird, kann aber auch Kontrollverlust bedeuten. Es ist unwahrscheinlich, dass die Teenager, die derzeit mit der digitalen Ionenkanone Webseiten internationaler Konzerne lahmlegen, langfristig Schaden anrichten. Ihre Gegner sind selbst Hacker, die in den Diensten von Konzernen und digitalen Sicherheitsfirmen stehen. Solche Verteidigungs-Hacker haben bisher noch jeden digitalen Angriff abgewehrt und jeden neuen Computervirus in den Griff bekommen.

Die Politik allerdings wird die Gelegenheit nutzen, um zu versuchen, den Kontrollverlusten im Internet mit aller Macht zu begegnen. Die Gelegenheit ist günstig. Der Streit um ein so komplexes Thema wie das Urheberrecht oder die Scharmützel der Software-Soldaten in sogenannten Cyberkriegen sind für viele kaum nachvollziehbar. Ein selbsternannter Vorkämpfer für radikale Informationsfreiheit, der Staatsgeheimnisse verrät, Teenager, die Internetauftritte von Weltkonzernen lahmlegen, und eine nebulöse Widerstandsgruppe mit dem Namen Anonymous sind jedoch der ideale Stoff, um daraus Szenarien weltweiter Bedrohung zu entwickeln.

Staaten und Konzerne werden wohl versuchen, die Freiheit im Netz so zügig wie möglich zu beschränken. Inwieweit ihnen das gelingen wird, ist schwer zu sagen. Politische und wirtschaftliche Institutionen des 20. Jahrhunderts werden in einem System des 21. Jahrhunderts aber ihre Machtbereiche nicht mit überkommenen Mitteln sichern können. Wie weltfremd diese Institutionen oft reagieren, zeigen hierzulande der hilflose Umgang mit Google Street View oder der technisch nicht umsetzbare Staatsvertrag für Jugendmedienschutz. Das wird einen Generationenkonflikt zementieren. Es wird eine Jugend geben, die immer neue Wege finden wird, ihre Wut im Internet nicht nur in Worte zu fassen, sondern auch in Taten umzusetzen. Das führt zu einem Wettlauf um die Vormacht im Netz, der so schnell nicht enden wird.

10.12.10 | 14:51 | 0 Kommentare

Die Wikileaks-Doku

"Wikirebels`- sehr sehenswerte Doku über Wikileaks aus dem schwedischen Fernsehen (auf englisch).

30.11.10 | 11:43 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Julian Assange

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