16.06.10 | 23:20 | 4 Kommentare

Was Deutsche mögen (15): Neger

claudiablackface

Neger spielen in den Fantasien der Deutschen seit jeher eine prominente Rolle. Neger haben wahlweise "Rhythmus im Blut", "athletische Zauberkräfte", eine "Frohnatur" oder sind "Opfer" dieser oder jener historischer oder politischer Ereignisse. Gerade jetzt, während die Fussballweltmeisterschaften in Afrika stattfinden, findet man in Deutschland wieder öfter Zeit und Muße, die Rolle des Negers in der Welt und der Weltgeschichte zu kontemplieren. Dem Neger an sich wird in Deutschland allerdings auch eine außergewöhnliche erotische Qualität riefenstahlinafricazugesprochen, die sich schemenhaft aus den eingangs beschriebenen Rollenspezifika zusammensetzt. Prominente wie Gustav Gründgens, die späte Leni Riefenstahl oder Boris Becker sowie die Leser der Bestseller von Corinne Hofmann haben daraus eine regelrechte Obesssion entwickelt.

Eine besonders beliebte Methode, sich dem reizvollen Sujet zu nähern, ist es, sich als selbiges zu verkleiden. Dass die Methode des "Blackface", wenn also eine weissen Person mit dunklem Make-Up zum Schwarzen gemacht wird, eine Tradition des amerikanischen Rassismus ist, wird in Deutschland als "politisch korrekte Überempfindlichkeit" gesehen. Das zeigten erst neulich wieder die Fotos, die Karl Lagerfeld von seiner Muse Claudia Schiffer in Blackface in einer Sonderausgabe des Fotoheftes der Illustrierten Stern veröffentlichte. Ein anderer jüngerer Fall war die tragisch missglückte Aufdecker-Dokumentation "Schwarz auf Weiss", in der der legendäre Undercover-Journalist Günter Wallraff mit Afroperücke und dunkelbraunem Make-Up durch Deutschland reist und versucht, sogenannte Proleten zu rassistischen Ausschreitungen zu provozieren.

Dieser sorglose Umgang mit dem "Blackface" rührt daher, dass man sich längst ein etwas entspannteres Verhältnis zu Afrodeutschen, Afroamerikanern und Afrikanern zutraut, nachdem der Völkermord an den Herero von 1904 ja nicht nur über ein Jahrhundert zurückliegt und von zwei Weltkriegen sowie den Schrecken des NS-Regimes mit einem historisch viel gewichtigeren Völkermord längst in den historischen Schatten gestellt wurde. Doch auch das gute Verhältnis zu schwarzen GIs vom Frühjahr 1945 bis in die frühen neunziger Jahre hinein legte das Fundament für eine "gesunde Normalisierung".

Sollte das Gespräch in Deutschland nun auf die musikalische/animalische/athletische Begabung der Schwarzen oder auf die "Empfindlichkeite der Amis" in Bezug auf Blackface kommen, wechselt man am besten das Thema, da man als "politisch korrekter Spassfeind" schnell eine gesellschaftliche Pariarolle zugeschrieben bekommt. Die Sublimation deutschen Restunbehagen mit Menschen schwarzer Hautfarbe zum Beispiel über Diskussionen um die "nervigen Vuvuzelas" sollte man aus selbigem Grunde ebenfalls tunlichst ignorieren.

Abb.: Dom Perignon/Stern Fotografie, Taschen Verlag

12.05.10 | 12:17 | 1 Kommentar

Was Deutsche mögen (13): Parteipolitik


parteienspektrum

Es gibt nur wenige Länder, in denen Politik so langweilig ist, wie in Deutschland. Das ist historisch gesehen eine feine Sache (die Nachbarländer werden das gerne bestätigen). Als Außenstehendem fällt es einem allerdings manchmal etwas schwer, dem politischen Prozess aufmerksam zu folgen. Mangels brisanter Themen, empörender Skandale und charismatischer Persönlichkeiten dreht sich das politische Geschehen in Deutschland  in erster Linie um Parteipolitik. Diese hochkomplizierte Mischung aus ideologischer Komparatistik und Daily Soap simuliert in den durchbürokratisierten Verfahren und Debatten Dramatik, die den allgemeinen Konsens allerdings nicht in Gefahr bringen soll. Der Aufstieg Guido Westerwelles zu einer Art Westentaschen-Cheney mit deutlichen Lobbybindungen, sowie die dreistelligen Milliardenzuwendungen für zweifelhafte Finanz- und Immobilieninstitute schienen zwar Stoff genug für eine klare Polarisierung der Wähler zu liefern. Die sogenannte Griechenlandkrise eigenete sich jedoch hervorragend dazu, aufkeimende kapitalismuskritische Strömungen in der breiten Bevölkerung in Ressentiments gegen mediterrane Volksgruppen zu kanalisieren, die auf den gut eingefahrenen Schienen der bewährten Gastarbeiterskepsis ganz hervorragend Geschwindigkeit aufnehmen konnten. Diese Sorte von Populismus zeigt in der Parteipolitik zwar keine Wirkung, sondern wird gerne zum Themenkreis unangenehmer Zeitphänomene wie Fernsehen, Internet und Massenarbeitslosigkeit gezählt und abgetan. Der indirekte Effekt ist jedoch nicht zu unterschätzen.

Parteipolitik bestimmt allerdings nicht nur Hauptstadt und Nachrichtenlage, sondern auch die persönlichen Ansichten der Bürger. Die meisten deutschen Wähler bleiben ihrer Partei von Kind auf bis ins hohe Alter treu. Familientraditionen spielen dabei meist eine größere Rolle, als politische Erkenntnisse. Nur wenn der Lebensweg auf dem sozialen Segment der eigenen Kinder- und Jugendjahre wegführt, wechselt man offensiv die Partei. Wer sich durch materiellen Erfolg von der Familie entfernt hat, wählt FDP, um der nun so kleinbürgerlich erscheinenden Vergangenheit zu entkommen. Wer in der Fürsorge gelandet ist, wählt die Linke, um die nun so spießbürgerlich erscheinende Vergangenheit zu vergessen.

In erster Linie dient die Parteipolitik jedoch dazu, den demokratischen Prozess unmerklich zu entdemokratisieren. Koalitionsverhandlungen dienen vor allem dazu, das Wahlergebnis nach dem Ermessen der Regierenden zu gestalten. Die Wähler geben zwar die Richtung vor, doch die eigentlichen Maßnahmen und Initiativen haben mit den Wahlen und ihren Versprechen oft nur noch wenig zu tun. Das reduziert die Wähler zwar zu politischen Mündeln, die bei Tisch vorbringen dürfen, ob sie Fisch, Fleisch oder Nudeln wollen, die eigentlich Zubereitung bleibt jedoch den Erziehungsberechtigten vorbehalten.

Wer sich als Außenstehender in ein Gespräch über Parteipolitik einmischt, wird schnell merken, dass er die inner- und zwischenparteilichen Machtkämpfe, sowie die Bedeutung plötzlich auftauchender Seil- und Feindschaften auf, deren Relevanz schon Jahre zurückliegt, nur schwer nachvollziehen kann. Wer da ins argumentative Hintertreffen gelangt, kann sich durch eine beiläufig eingestreute Bemerkung über die undemokratische Natur des politischen Systems in Amerika/Italien/Russland schnell wieder Sympathien sichern.

30.12.09 | 18:59 | 4 Kommentare

Was Deutsche mögen (12): Allwetterkleidung

Jack-Wolfskin-Damen-Doppeljacke-Osorno-4021278-0-135

Allwetterkleidung ist ein wichtiger Bestandteil deutscher Freizeitkleidung, wird aber auch gerne mit eher formaler Bekleidung kombiniert, beispielsweise über einem Anzug oder Business-Kostüm. Allwetterkleidung signalisiert zunächst einmal, dass ihr Träger prinzipiell auf jede Lebens- und Wetterlage eingestellt ist. Das beweist zum einen Lebensmut, zum anderen eine gesunde Skepsis. Denn auch wenn die Sonne scheint und man über einen großstädtischen Boulevard flaniert oder im Supermarkt die Einkäufe auf Rollband legt, ob man ein Museum besucht oder ein Kino, man weiss ja nie, ob einen nicht Wolkenbrüche, Sturmfronten oder Temperaturstürze überraschen. Und nur wer sich rechtzeitig wappnet, übersteht solche Ereigniss auch unbeschadet. Ein Volk das eine solche Geschichte wie die der Deutschen überlebt hat, das weiss spätestens seit dem Einfall der römischen Heere, dass man sich auf nichts verlassen kann.

Allwetterkleidung signalisiert aber auch eine gewisse Skepsis gegenüber der modernen und  urbanen Welt, die letztlich von dekadenten, verweichlichten Menschen bewohnt wird. Wer weiss, wann man gezwungen wird, sein behagliches, hochtechnisiertes Heim zu verlassen und Schutz vor ungeahnten Bedrohungen in der freien Natur zu suchen? Allzeit bereit ist nicht nur das Motto der Pfadfinder, sondern auch die Botschaft der Träger von Kleidungsmarken wie Jack Wolfskin, Northface und Patagonia. Diese Marken transportieren aber noch viel mehr -  eine Abneigung gegenüber Mode und Marken, eine sportliche Konstitution, eine Liebe zur Natur und eine gehörige Portion Pragmatismus. So viel Botschaften stecken sonst nicht einmal in einem T-Shirt von Ed Hardy.

Foto: Jack Wolfskin

25.12.09 | 13:44 | 0 Kommentare

Was Deutsche mögen (11): White Christmas

SinatraChristmas

Besucht man jüngerem säkulare Deutsche um die Weihnachtswoche herum, wird man beispielsweise zu einer Weihnachtsparty oder gar einem Weihnachtsessen eingeladen, so wird man mit Sicherheit amerikanische Weihnachtslieder zu hören bekommen, bevorzugt aus der Frühphase der Popkultur, wie sie Frank Sinatra, Dean Martin oder auch Jazzsänger verkörpern. Dies hat weniger mit dem kulturellen Hegemonismus des amerikanischen Pop zu tun, als mit der modernen Geschichte des Weihnachtsfestes im Deutschland der Nachkriegsjahre. Amerikanischer Weihnachtspop ist nämlich bis heute die einzige Möglichkeit für säkulare Deutsche, das Weihnachtsfest ohne jeglichen moralischen und religiösen Ballast zu feiern.

Auch in Deutschland ist das Weihnachtsfest längst über seine ursprüngliche, christliche Bedeutung hinausgewachsen und zum einzigen Termin im Kalenderjahr geworden, der jenseits von Kindsgeburten, Hochzeiten und Begräbnissen ein  generationenübergreifendes familiäres Zusammengehörigkeitsgefühl schafft. Weil die Abkehr vom christlichen Kern des Weihnachtsfestes in Deutschland seit den 60er Jahren sich jedoch weniger wegen kultureller Entwicklungen und intellektueller Schlüsse vollzog, sondern vielmehr nach dem Trauma der Partiendikaturen aus einem Impuls großen Misstrauens gegenüber jeder Form konzentrierter gesellschaftlicher Macht, wie sie die Kirchen einst ausübten, fehlt bis heute eine populäre säkulare Weihnachtskultur.

Irving Berlins "White Christmas" (egal ob in der Originalversion von Bing Crosby, in späteren Fassungen von Frank Sinatra und  Elvis Presley, oder auch in der vermeintlich subversiven Interpretation von Iggy Pop) bringt diese Sehnsucht nach winterlicher Familienwärme ohne den Ballast des christlichen Glaubens und dem damit verbundenen unterschwelligen schlechten Gewissens, dass man in einer Konsumgesellschaft Gefühle von Zuneigung durchaus mit Geschenken ausdrücken kann.


Foto: Reprise Records

09.12.09 | 16:55 | 0 Kommentare

Was Deutsche mögen (10): Das Klima

AUSTRALIA-POLITICS/CARBON

Die Klimadebatte enthält alles, was man braucht braucht, um in Deutschland eine politische Debatte mit großer Leidenschaft und ganz ohne Hemmungen zu führen: arrogante Amerikaner, sinistre Chinesen, menschenverachtende Konzerne und die Rolle der Deutschen als Vorreiter einer grünen Avantgarde. Eine Studie des Umweltministeriums hat ja wie gesagt ergeben, dass 91 Prozent der Deutschen Umweltschutz für eine wichtige Sache halten.

Nicht so ganz ins Konzept passt nun der Streit um das dänische Papier (siehe unten), in dem die Umweltschützeravantgarde der Industrieländer in die Rolle sinistrer Ausbeuter gedrängt werden. Bei der Abwägung sich einander widersprechender Grundrechte sollte man sich in Deutschland aber lieber auf die Seite der Deutschen schlagen, denn Grundrechte gelten immer und Recht haben die Deutschen viel zu selten, da sollte man ihnen nicht in die Parade fahren.

091127copenhagen

Foto: Reuters; Dokumentation des dänischen Papiers: Guardian

02.12.09 | 17:17 | 3 Kommentare

Was Deutsche mögen (9): Ladenschlusszeiten


Ladenschluss

Der Streit um die Regelungen der Ladenschlusszeiten wird in Deutschland als Kultur- und Klassenkampf geführt. Jedes Gerichtsurteil (wie jenes des Verfassungsgerichtes am gestrigen Dienstag), das den Erhalt der Ladenschlussgesetze vor allem für den Sonntag bestätigt, ist zunächst einmal ein Triumph für die Kirchen. Die können hier ihre letzten Reste von Macht beweisen. Die beruht inzwischen vor allem auf Gesetzen, die zu Zeiten erlassen wurden, als man der jungen bundesrepublikanischen Demokratie noch nicht vertraute und ein frappierender Mangel an glaubwürdigen moralischen Instanzen herrschte. Für die Kirchen sind Ladenschlussgesetze vor allem eine weltliche Implementierung des alttestamentarischen Gebots der Sonntagsruhe, die sie so der gesamten Bevölkerung aufzwingen können, auch wenn die vielbeschworene Besinnung für die betroffenen Einzelhandelsverkäuferinnen meist nichts anderes bedeutet, als der Familie Häppchen zu bereiten und dann bei zugezogenen Gardinen ein Fussballspiel oder ein Autorennen im Fernsehen anzusehen.

Im Namen der Einzelhandelsverkäuferinnen vermelden auch die Gewerkschaften gerne den Erhalt der Ladenschlussgesetze als Sieg im Klassenkampf. Sie können mit einer solchen Erfolgsmeldung überspielen, dass sie es nicht verhindern konnten, dass aus dem einstigen Lehrberuf der Verkäuferin ein Billiglohnjob geworden ist; dass sie keine Bedingungen geschaffen haben, in dem Frauen ohne höhere Schulbildung trotzdem berufliche Alternativen haben; und dass die meisten der Kaufhäuser, bald nicht nur an Adventssonntagen, sondern ganz geschlossen sein werden, weil unfähiges Management und eine planlose Branche die Chancen der Einzelhandelsindustrie im digitalen Zeitalter verpasst haben.

Ausserdem ist ein Gerichtsbeschluss zum Erhalt der Ladenschlussgesetze immer eine gute Gelegenheit für walrossgesichtige Redakteure des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in den Abendnachrichten gegen "entfesselten Kapitalismus" zu wettern. Das ist erst einmal das, war die Fernsehzuschauer hören wollen, aber auch Brandrede in eigener Sache. Würde der Kapitalismus im deutschen Mediengewerbe wirklich entfesselt und damit eine marktwirtschaftliche Chancengleichheit geschaffen, wäre es den walrossgesichtigen Redakteuren bald nicht mehr möglich, ihre klassenfeindlichen Bezüge per Gesetz von den Massen der Fernsehzuschauer einzutreiben.

Wer sich also als moralischer und klassenbewusster Mensch profilieren will, der sollte sich in Deutschland immer und grundsätzlich für den Erhalt der Ladenschlussgesetze aussprechen.

Abb.: Lehrtafel aus dem Grundschulunterricht der 50er/Puppenhausmuseum

25.11.09 | 22:31 | 1 Kommentar

Was Deutsche mögen (8): New York


ManhattanUA


New York ist für Deutsche die perfekte zweite Heimat, um den Mangel an Metropolen im eigenen Land zu kompensieren. Dank der kulturellen Dominanz amerikanischer Filme und Romane in Deutschland und dank der geografischen Dominanz New Yorks in amerikanischen Filmen und Romanen erkennt man rasch vermeintlich vertraute Ecken wieder und fühlt sich so schon nach Stunden heimisch. Der Effekt ist dabei ein ähnlicher, wie die Begegnung mit einem geliebten Serienstar, der seit Jahren zum eigenen Leben gehört, weswegen sich bei einer solchen Begegnung ein eigenartiges Gefühl der Nähe und Vertrautheit einstellt. Zudem kennt man sich dank des übersichtlichen Strassennetzes schon am zweiten Tage gut aus. Und innerhalb einer Woche kann man sich erhebliches Expertenwissen erarbeiten. Dazu gehören (in dieser Reihenfolge) ein Lokal in Chinatown, dem man es nicht ansieht, dass es wirklich gutes und exotisches Essen serviert; ein Jazzclub in Harlem, in dem nur Einheimische um die Bar sitzen, um einem wirklich großartigen Hammondorgelspieler und einem Saxophonisten zuzuhören; ein Nachtclub in Downtown Manhattan oder noch besser in einem der neueren Hipviertel in Brooklyn, den man von aussen nicht als solchen erkennen kann, weil es kein Schild gibt, sondern nur eine Graffiti-verschmierte Türe und eine Klingel. Und weil nur wenige Menschen in New York wirklich geboren und somit einheimisch sind, findet man auch schnell Anschluss und Bekannte. So lässt sich zu New York meist mit nur einer einzigen Reise ein inniges Verhältnis zu der Stadt und ein wichtiger Platz der Stadt im eigenen Leben herstellen, was einem in London, Paris oder Barcelona nie möglich wäre. Wegen des großen Erfolges der Filme von Wooday Allen und der Romane von Paul Auster ist es wichtig, dass man solches Herrschaftswissen im Gespräch nicht als Touristenkenntnisse, sondern als "Bildung der Strasse" anerkennt.

Foto: Titelkarte aus Woody Allens "Manhattan"/United Artists

18.11.09 | 21:39 | 4 Kommentare

Was Deutsche mögen (7): Manufactum


65254_1


Die deutsche Hochpreiskaufhauskette Manufactum verspricht mehr, als bloße Qualität. "Eine fast literarische Warenkunde von Küche, Möbeln, Kleidung und Werkzeug bis Spielzeug", heißt es im Katalog. Und der Firmenslogan verkündet: "Es gibt sie noch, die guten Dinge". Die prätentiöse Syntax mit dem redundanten Repetivsatz aus der Sprache der Romantik soll der Kundschaft symbolisieren, dass man sich hier mit dem Kauf überteuerter Gebrauchsgegenstände im anachronisischen Design frühindustrieller Jahre eine wertkonservative Haltung kaufen kann, die ideologisch unverdächtig ist, da durch die handwerkliche Qualität ja auch Nachhaltigkeit garantiert wird. Diese Form des nachhaltigen Konsums dient vor allem der Generation jener Deutschen als ideologische Brücke ins konservative Alter, die in den 80er Jahren groß und wohlhabend geworden sind. Gewisse Reste linken, grünen und protestantischen Bewusstseins lassen sich zwar schon längst nicht mehr mit dem eigenen Wohlstand und Lebensstil vereinbaren. Das Ideal von der Macht der Konsumenten, die qua ihrer Kaufentscheidung diese Welt zu einer besseren machen, erlaubt Firmen mit nachhaltigem Image, den Konsumenten im oberen Preissegment eine Art Ablasshandel anzubieten. Teure Qualitätsware bremst in diesem Ablasshandel den Konsumkreislauf aus Produktion und Abfallerzeugung. Dazu kommt die Aura eines erdverbundenen und doch komfortablen Lebens in einer Welt, in der es nach frischem Leder, feuchter Erde, heimeligem Selbstgebackenem und herbem Whisky riecht. Im wirklichen Leben ist diese Welt auf englischen Landgütern altersdepressiven Rockstars und degeneriertem Adel vorbehalten, umgibt man sich jedoch mit den Produkten aus dem Katalog von Manufactum kann zumindest die olfaktorische und haptische Illusion eines solchen Lebens erzeugt werden. Mit seiner uniformen Lebenswelt für wertkonservative Besserverdienende bleibt Manufactum aber letztlich doch nur das Ikea für FDP-Wähler.

Update: Leser ThomasCrown ergänzt sehr richtig: ´"Manufactum und niemand anderes hat den Nährboden für die schwarz-grünen Koalitionen gelegt."

Fotos: manufactum

11.11.09 | 22:31 | 0 Kommentare

Was Deutsche mögen (6): Gedenktage


MerkelUngarnReuters


Gedenktage sind für das Wohlbefinden der deutschen Nation eine essentielle Einrichtung. Sie geben dem deutschen Zeitgefühl einen Halt, in dem die Gegenwart stets Endpunkt der Vergangenheit ist, ein gegenteiliges Zeitgefühl zu dem der Amerikaner beispielsweise, für welche die Gegenwart stets Beginn der Zukunft ist. Mangels gedenkwürdiger Siege, Revolutionen und Entdeckungen teilen sich die deutschen Gedenktage in die festliche Anerkennung historische Scham oder die verschämte Anerkennung kultureller Leistungen, die länger als 100 Jahre her sind. Um gedenkfreie Tage zu überbrücken, bieten sich runde Geburtstage verdienter Personen aus In- und Ausland an, um in Rückblicken noch einmal vergangene Taten, Werke und Ereignisse Revue passieren zu lassen.

Neben der rituellen Geborgenheit von Besinnung und Erinnerung, bieten Gedenktage auch wunderbar Gelegenheit, vor Problemen der Gegenwart und Zukunft abzulenken. Angesichts der vielen Gräuel der deutschen Geschichte, die an Gedenktagen noch einmal in Bildern, Worten und Filmen in die Erinnerung gerufen werden, erscheinen die Probleme und Schwierigkeiten der Gegenwart und Zukunft im historischen Kontext vergleichsweise harmlos, wenn nicht sogar lächerlich. Als Aussenstehender sollte man sich gedenkenden Deutschen mit großer Vorsicht nähern, da die besinnungsfrohe Insichgekehrtheit und Ruhe durch eine unbedachte Bemerkung rasch in Empörung oder gar offene Wut umschlagen kann.

Foto: Reuters

04.11.09 | 16:33 | 1 Kommentar

Was Deutsche mögen (5): Die Berliner Mauer


grenzanlagen


Die Berliner Mauer nimmt in der kollektiven Psyche der Deutschen einen Platz ein, der die Bedeutung ähnlich symbolbeladener Gebäude für Nationen, wie beispielsweise des World Trade Center snach dem 11. September für Amerika, noch weit übertrifft. Über die "Mauer" - und jeder Deutsche kann an einer nur leicht forcierten Betonung erkennen, ob die Grenzanlagen zwischen West- und Ost-Berlin gemeint sind oder lediglich ein baustrukturelles Element - lassen sich sämtliche nationalen Traumata des 20. Jahrhunderts politisch korrekt diskutieren. Nationalsozialismus, Holocaust, Weltkrieg und die Parteiendiktatur der DDR manifestieren sich im grauen Trutzbeton der Berliner Mauer, die mit ihren Panzersperren und Wachtürmen deutlich an die Wach- und Sperranlagen der Konzentrationslager erinnert. Die Mauer ist der kathartische Sonderfall der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert - hier wurde ausnahmsweise Deutschland Unrecht getan. Und im Gegensatz zu den Bombardierungen und Vertreibungen galt die Berliner Mauer in den Augen der Weltgemeinschaft nie als gerechte Strafe für eine Nation von Völkermördern, sondern als barbarischer Übergriff einer ideologischen Diktatur, die ähnlich nach der Weltmacht griff, wie die deutschen Reiche. Und so diente die Mauer gleich zwei Mal für kathartische Erlebnisse der deutschen Psyche. Bei ihrem Bau durften sich die Täter als Opfer fühlen. Bei ihrem Fall durften sich die Deutschen als Vorkämpfer einer friedlichen Revolution feiern lassen, die der Schreckensherrschaft des Kommunismus ein Ende bereitete, und somit endgültig auf die Seite der Guten schlagen.

20 Jahre nach dem Mauerfall hat sich allerdings eine weitere Symbolik der Mauer in den Köpfen der Deutschen zementiert. So gilt die Mauer als Symbol für die weiterhin großen Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Bürgern der alten und Bürgern der neuen Bundesländer. Da gibt es die "Mauer im Kopf", die "Mauer im Herzen" und die "Mauer im Geldbeutel". Im Gespräch ist es immer die sicherste Methode, ausschließlich auf die historische Grausamkeit des Mauerbaus und die historische Bedeutung des Mauerfalls einzugehen. Forderung en wie "man sollte die Mauer wieder aufbauen" hängen meist weniger von der persönlichen Geschichte als von der aktuellen Laune der Gesprächspartner ab. Mit einer eigenen dezidierten Meinung dazu verstrickt man sich leicht in Positionsbestimmungen, die ähnlich wie gut gemeintes Zurden im Umgang mit Patienten mit pathologischer Identitätskrise unvorhersehbar für oder gegen einen ausgelegt werden.

Abb.: Berliner Mauerarchiv

Older Posts »