01.08.11 | 18:56 | 1 Kommentar

Die Shanghai-Theorie

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Stuttgart 21, Olympia 22, die Philharmonien und der Traum vom sichtbaren Wachstum

(Von Andrian Kreye) Man sollte nicht immer jeden historischen Wandel des 21. Jahrhunderts auf die Anschläge des 11. September schieben, aber: Der Zusammenbruch der Zwillingstürme war der Beginn des Abstiegs der New Yorker Skyline als Symbol für Hoffnung, Aufbruch und Wachstum. Diese Rolle hat nun die Skyline von Shanghai, genauer gesagt das Wolkenkratzerpanorama des neuen Geschäftsviertels Pudong am Ufer des Huangpu Jiang. Und es ist nicht nur ein Traumbild. Seit fast schon zwanzig Jahren kann Shanghai zweistellige Wachstumszahlen melden. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Die Ablöse hat sich im Bewusstsein Europas und Amerikas vielleicht noch nicht so offensiv vollzogen wie im Rest der Welt. Da hat Pudong seinen neuen Status noch im Unterbewusstsein. In Afrika und Asien hat der Oriental Pearl Tower mit seinen drei monumentalen Kugeln allerdings einen ähnlichen Symbolwert wir das Empire State Building. Da findet man die Skyline von Pudong schon auf Plakaten in Büros und Geschäften oder auf den naiven Wandgemälden an Supermärkten und Bushaltestellen.Stadtpanoramen waren schon immer das beste Bild, um in der kollektiven Wahrnehmung ein so abstraktes Phänomen wie wirtschaftliches Wachstum und kulturelle Macht zu verdeutlichen. Wobei es eigentlich nicht Manhattan ist, das dem Unterbewusstsein als Blaupause für diesen Sehnsuchtsreflex dient, sondern Paris. Seit seiner Eröffnung zum Beginn der Weltausstellung von 1889 hat der Stahlfachwerkturm den Ehrgeiz der Mächtigen beflügelt, sich in der Skyline ihrer Städte zu verewigen. Dem Pearl Oriental Tower war er offensichtliches Vorbild. Das Chrysler und das Empire State Building waren entfernte Zitate. Doch auch Großprojekte wie Bahnhöfe, Sportstadien oder Konzertsäle sind letztlich ein Echo jener städtebaulichen Sinnstiftung aus den Frühzeiten der Industriegesellschaft.

Es ist also kein Wunder, dass es die großen Architekturbüros derzeit nach China zieht, wo sie sich in den Stadtbildern mit kühnen Projekten profilieren können. Exemplarisch war der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas, der die Mitarbeit an der Wiederbebauung von Ground Zero in New York ablehnte und stattdessen lieber das neue Hauptquartier des Staatsfernsehsender Central China Television in Peking baute.

Das ist auch der Grund, warum sich die Debatten um Großprojekte nur vordergründig um Geld und Nutzwert drehen. Es geht immer auch um Kultur und Seele einer Stadt, eines Landes, einer Gesellschaft. Hierzulande sind das derzeit die Debatten um Stuttgart 21, den Münchner Hauptbahnhof, Konzertsäle in München, Hamburg und Bonn, sowie das Großprojekt einer möglichen Winterolympiade in München (nach der Niederlage gegen Korea im Jahre 2022).

Die einfachste Erklärung dieser Debatten findet man in dem Buch „Der Architekturkomplex“ des Designtheoretikers Deyan Sudjic. Der zieht von den Pyramiden über den Taj Mahal, Versailles und die Diktaturen des 20. Jahrhunderts eine direkte historische Linie in die Moderne. Große Architektur, so Sudjic, war immer die Manifestation einer immanenten Profilneurose der Macht.

Im 21. Jahrhundert funktioniert diese These nicht mehr ganz so einfach. Die Berliner Rekonstruktionsdebatten zeigen, wie komplex und empfindlich das historische Bewusstsein einer Gesellschaft sein kann. Und der Aufstieg der Skyline von Shanghai zum globalen Symbol für Aufbruch und Wachstum birgt im Unterbewusstsein Europas und Amerikas eine viel schwierigere Erklärung in sich. Es ist nicht nur die Sehnsucht nach der archaischen Aufbruchsstimmung der industriellen Revolution, sondern auch nach der schlichten Wachstumsmaxime, die der Wirtschaftspolitologe am Massachusetts Institute of Technology Yasheng Huang als „Shanghai-Theorie des Wachstums“ bezeichnete.

Nach dieser Theorie wird nationaler Wachstum vor allem vom Aufbau von Infrastruktur getrieben. Dieser Aufbau aber funktioniert nur dann reibungslos, wenn ihn Staat und Wirtschaft ohne den Widerstand der Bürger vorantreiben können. Und wenn der Staat genügend Land besitzt oder zumindest die Verfügungsgewalt darüber hat, dass Großprojekte ohne langwierige Verhandlungen durchgeführt werden können. Das heimliche Faible für die Shanghai Theorie ist aber nichts anderes, als das kapitalistische Äquivalent zur Ostalgie in ehemals sozialistischen Ländern. Ähnlich wie man sich dort in Zeiten der Krise nach der Sicherheit eines autokratischen Systems nachhängt, steht die Shanghai Theorie für eine Zeit, in der Aufbruch, Wachstum und Wohlstand zumindest im historischen Rückblick eine deutliche Entwicklung nahmen.

In Europa und Amerika stellt sich aber vor allem die Frage – welche Infrastrukturen können dort noch Wachstum antreiben? Die Erklärung des Dilemmas zwischen Großträumen und städteplanerischen Realitäten findet sich aber nicht in Deyan Sudjics „Architekturkomplex“, sondern in dem obskuren Buch „The Baseball Economist“ des Wirtschaftswissenschaftlers John Charles Bradbury von der Kennesaw State University in Atlanta.

In seinem Kapitel über Sportstadien definiert Bradbury das Dilemma als die Kluft zwischen sichtbarem und unsichtbarem Wachstum. Ein neues Sportstadion gehört zu den sichtbarsten Formen des Wachstums. Zum einen, weil es im Stadtbild einen prominenten Platz haben wird. Das funktioniert selbst am Stadtrand, wie die Münchner Allianz Arena vom Architekturbüro Herzog & de Meuron beweist, die erst im Mai 2006 eröffnet wurde und jetzt schon auf den Titelseiten von Reiseführern den Frauentürmen Konkurrenz macht. Zum anderen, weil die Bevölkerung mit der Ausnahme von Bahnhöfen und Flughäfen keine Gebäude so häufig nutzen wird, wie ein Sportstadion.

Allerdings, so rechnet Bradbury vor, schaffen Sportstadien, die mit öffentlichen Geldern subventioniert werden, für die Kommune selbst nur einen ideellen Mehrwert. Jedes Großprojekt lässt sich schönrechnen. Das Grundproblem öffentlich finanzierter Stadien sei jedoch, dass es keinen Mehrwert schafft, sondern öffentlichen Wohlstand lediglich umschichtet. Denn die Arbeitsplätze, die so ein Projekt schafft, sind entweder zeitlich begrenzte Stellen in der Bauindustrie, schlecht bezahlte und saisonale Jobs in der Serviceindustrie, wie dem Getränke- oder Souvenirverkauf. Zusätzlich werden die Spitzengehälter der Sportler und des Managements quersubventioniert. Und das alles für ein Bauwerk, das im Falle eine Stadions vor allem an Sommerwochenenden genutzt wird.

Wer davon profitiert sind vor allem privatwirtschaftlicher Kräfte. Wem das Geld dann fehlt ist die öffentliche Hand. Im Groben lässt sich Bradburys Rechnung auch auf andere Großprojekte wie Konzertsäle, Museen und Messezentren umrechnen. Wie begrenzt der öffentliche Nutzen einer Sportanlage ist, kann man in München beispielsweise an den verkrampften Bemühungen sehen, den Olympiapark mit Leben zu erfüllen.

Die wirtschaftlich dynamischen Infrastrukturen des 21. Jahrhunderts sind aber keine traditionellen sichtbaren Projekte. Es sind unsichtbare Strukturen, die einem Stadtoberen, einem Finanzier oder Planer all den klassischen Glamour verweigern, den ein Großbau mit sich bringt – die Möglichkeit, dem Ding einen Namen zu geben, der weithin sichtbar angebracht wird, die Veränderung des Stadtbildes, der Pomp einer feierlichen Eröffnung, der Platz in der Stadtgeschichte.

Europa und Amerika verfügen längst über die Hardware der Infrastruktur. Was fehlt ist die Software. Freie W-Lan-Netze für ein gesamtes Stadtgebiet Der Aufbau von Energiestrukturen für die Elektromobilität. Die Erhöhung der Siedlungsdichte. Infrastrukturen für das so genannte „Creative Capital“, also die qualifizierten Arbeitskräfte von außen, die von Bildungseinrichtungen über Kinderbetreuung bis zum Aufbau von Glasfasernetzen reichen. Vor allem aber gehört die Modernisierung bestehender Infrastrukturen dazu, die in den europäischen und amerikanischen Metropolen in vielen Bereichen das Haltbarkeitsdatum überschritten hat.

Doch was ist schon die Renovierung einer Brücke gegen den Bau eines Stadions? Wer wird sich an den Finanzier eines W-Lan-Netzes erinnern? Wie armselig ist die elektrische Ladestation für den Verkehr des Zukunft? Die zweistelligen Wachstumsraten aus den Schwellenländern, die ihre Infrastrukturen noch erschließen müssen, werden noch lange die Wirtschaftsnachrichten bestimmen. China wird diese Nachrichten bis zum Jahr 2025 gute 40 Milliarden Quadratmeter Baufläche in rund fünf Millionen Gebäuden errichten. Das entspricht rund zehn New York Cities. So wird der Traum vom Großprojekt als Schlüssel zur urbanen Unsterblichkeit fortleben. Auch wenn er bei uns keinen Zweck mehr erfüllt.

Foto: Samuel Zuder/laif

27.07.11 | 15:02 | 0 Kommentare

TED Global 2011/13: Geoffrey West: The surprising math of cities and corporations

14.07.11 | 20:37 | 0 Kommentare

TED Global 2011/6: Urbane und andere Utopien

(Von Andrian Kreye) Nach drei Tagen auf dem Ideenfestival Ted Conference in Edinburgh ist es an der Zeit, sich seinen eigenen Platz in der globalen Debatte über Zukunft und Zustand der Welt zu suchen. Gerade weil sich das Festival zur wahrhaft globalen Plattform entwickelt und somit seinen Schwerpunkt von den Interessen der digitalen Eliten zu einem universell gültigen Zeitgeist des Optimismus verschoben hat. Nun ist man als Kontinentaleuropäer und vor allem als Deutscher nicht gerade zum Optimisten geboren (Debatten über die Theorie genetischer Wurzeln von Mentalitäten seien hier mal ausgespart). Und doch stellt man inmitten der Visionäre und Utopisten bald fest, dass man es - schlicht gesagt - verdammt gut hat im Zentrum von Europa.

Es sind vor allem die amerikanischen Urbanisten, die von Dingen sprechen, die in Europa längst Realität sind. Alex Steffen, kalifornischer Experte für Nachhaltigkeit, Herausgeber des Onlinemagazins Worldchanging und Autor des gleichnamigen Buches, für das Al Gore das Vorwort schrieb, hat beispielsweise eine ganz klare Vorstellung für die nachhaltige Stadt der Zukunft. Grüne Bautechniken, hohe Siedlungsdichte und eine Lokalpolitik, die die Bevölkerung dazu bringt, vom Auto aufs Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen, sind für ihn die wichtigsten Eckdaten. Dazu zeigt er Computersimulationen von Städten voller Radwege, Grünanlagen und Straßenbahntrassen, die wie schemenhafte Kopien von München, Amsterdam oder Kopenhagen wirken.

Geoffrey West

Auch Geoffrey West, Professor für Theoretische Physik am Santa Fe Institute, plädiert für die Stadt als perfekte Siedlungsform für einen übervölkerten Planeten. West hat ein Formelwerk entwickelt, das die Stadt weniger als soziales Modell denn als Organismus und System begreift. So entdeckte er eine Skalierbarkeit von Städten, aus der man eine Regelmäßigkeit sozialer und wirtschaftlicher Faktoren ableiten kann, die sich auf jede nur erdenkliche Stadt übertragen lässt. Nur wer solche Muster erkennt, so West, kann auch die Zukunft der Städte einschätzen und planen. Überträgt man Wests wissenschaftlich-abstrakte Skalierbarkeit auf Städte wie eben München, Amsterdam und Kopenhagen, dann kann man - ohne hier auf die komplexen Berechnungen breit angelegter Faktoren einzugehen - davon ausgehen, dass es sich da um robuste Organismen mit Vorbildfunktion handelt.

Nun darf man sicher nicht vergessen, dass Europa in seiner quasi visionären Urbanität des frühen 21. Jahrhunderts eben nicht isoliert dem Lauf der Geschichte entkommen ist. Als der neokonservative Politberater Robert Kagan 2003 sein Essay 'Macht und Ohnmacht - Amerika und Europa in der neuen Weltordnung' schrieb, warf er Europa genau diese Weltfremdheit in seinem Kantischen Paradies aus Frieden und Wohlstand vor, das mit dem Hobbesschen Realismus der USA kollidierte. Das Paradiesische kann rasch etwas gefährlich Lähmendes entwickeln. Spricht man beispielsweise auf einer der unzähligen Partys mit Yat Siu, dem jungen Chef einer chinesischen Firma für Bildungssoftware, dann spielt Europa in seinem Weltbild nur noch eine geringe Rolle, auch wenn er dort aufgewachsen ist. In einer Welt, in der technische und soziale Innovation die Kapitalströme der Globalwirtschaft umleiten, bedeuten Sicherheit und Wohlstand nicht nur das Ziel jeder Entwicklung. Sie sind auch Hemmschuhe. Fragt man in seiner Generation der Dreißig- bis Vierzigjährigen, die auch den Kern des Ted-Publikums ausmachen, die großen europäischen Metropolen ab, bleiben nicht einmal London (zu reich), Barcelona (zu pleite) und Amsterdam (zu handelsorientiert). Berlin gilt als die einzig interessante Stadt des Kontinents. Gerade weil es noch so unfertig, so unterentwickelt und deswegen so dynamisch ist. Eine Dynamik, die man sonst vor allem im Pioniergeist der amerikanischen Wissenschaften und in den aufstrebenden Wirtschaftsmächten der BRIC-Staaten findet.

Jarreth Merz

Es ist also kein Zufall, dass sich gerade die amerikanischen Wissenschaften mit der Produktion von Visionen profilieren. Weil das eigentliche Ziel selten der Lehrstuhl, sondern meist die Forschung bleibt. Wie schmal die Grenze zwischen Vision und Utopie ist, kristallisiert sich aber gerade auf einer Ted-Konferenz spätestens am dritten Tag heraus. Sicher, da gibt es das Machbare, das längst den Beweis der erfolgreichen Praxis erbracht hat. Nicht nur in den Wissenschaften. Gerade in der Politik. Der Filmemacher Jarreth Merz erzählt etwa von der Arbeit an seinem Film 'An African Election' über die Wahlen in seiner ursprünglichen Heimat Ghana vor drei Jahren. Dort kam es zu einem Wahlpatt, das ihn an Bush und Gore 2000 erinnerte. In Ghana aber hätten nicht die Gerichte, sondern die Wähler den endgültigen Ausgang bestimmt. Nun wird Merz mit seinem Film durch Afrika reisen und ihn in Ländern vorführen, die kurz vor Wahlen stehen. Um zu zeigen, dass Demokratie in Afrika ihren eigenen Weg finden kann.

Doch viele der Visionen kranken an genau jenem Realitätsdefizit, das Europa so gerne vorgeworfen wird, und das die Wissenschafts- und Technikeuphorie des 21. Jahrhunderts so angreifbar macht. Die Theorie kreist oft um sich selbst, vernachlässigt genau jene Hobbesschen Realitäten, die die Praxis so unerreichbar machen. Wenn die Molekularbiologin Cynthia Kenyon mit ihrer sanften Stimme vom daf-2-Gen erzählt, das in der genetischen Steuerung des Fadenwurms den Alterungsprozess vorantreibt, wenn sie davon schwärmt, dass man mit der Kontrolle über das Hox-Gen im Menschen auch unser Leben beträchtlich verlängern könne, spricht die biologische Vision vom Machbaren einen der ältesten Menschheitsträume an. Und doch bleibt von der wissenschaftlichen Theorie des Wunders ein bitterer Nachgeschmack der Skepsis.

Phillip Blond

Entwickelt eine Forschung oder auch eine politische Vision im unerprobten Frühstadium nicht gerade im populären Kontext einer Ted-Konferenz eine Relevanz, die sie nicht verdient hat? Verzerren beispielsweise die kruden Überlegungen von David Camerons kryptokonservativem Berater und Erfinder des 'Big Society'-Labels Phillip Blond zum Versagen sämtlicher politischer Lager nicht die politische Hoffnung von Jarreth Merz" 'An African Election'? Sind Cynthia Kenyons Langlebigkeitsforschungen nicht die Antipoden zum Vortrag von World-Food-Program-Direktorin Josette Sheeran, die neue Wege sucht, den Hungerkreislauf mit schlichten Ideen wie dem Ankauf von Hilfsgütern auf regionalen Märkten in den Griff zu bekommen?

Da ist sie wieder, die kontinentaleuropäische Skepsis, die Hoffnung sucht und keine Utopien zulässt. Doch nicht nur auf der Ted-Konferenz hat die Utopie Konjunktur. Die gewaltigen Umwälzungen gerade dieses Jahres haben eine Hoffnung neu geweckt: Dass all die unzähligen Veränderungen keine Einzelphänomene sind, sondern Teil einer komplexen Verschiebung der Zeitläufte. Das aber ist der Traum von einer umfassenden sozialen, politischen und wissenschaftlichen Revolution, um den es in der morgigen Ausgabe gehen wird.

Fotos: Geoffrey West; Jarreth Merz; Phillip Blond; by by James Duncan Davidson / TED

23.04.11 | 07:27 | 0 Kommentare

8 Quadradmeter New York City

Via Glaserei

16.12.10 | 13:48 | 0 Kommentare

Reklame für mich selbst: Meine Texte in Büchern anderer Leute (2010)

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Über das Oktoberfest.


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Über Nina Hagen.


03.12.10 | 21:41 | 0 Kommentare

Anthony Suau’s Foto-Essay über die Folgen der Immobilienkrise in Cleveland

19.11.10 | 17:14 | 1 Kommentar

Die Datenburka

Daheim

(Beitrag zur Google Streetview-Debatte aus dem Feuilleton der SZ vom Wochenende) Da ist sie nun, die Zwietracht. Beim ersten Betrachten der Münchner Straßen und Viertel in der Street-View-Anwendung von Google drängt sich angesichts all der unkenntlich gepixelten Gebäude ein neues Ressentiment auf. Wer sind denn diese paranoiden Kleingeister, die sich die Mühe gemacht haben, die Firma Google zu bitten, ihre Wohnstatt aus dem Plan zu nehmen? Und als Bewohner eines Mietshauses stellt sich daraufhin auch gleich die Frage - wer hat denn unser Haus verpixelt? Der in natura sehr hübsche Altbau steht bei Google zwischen den Nachbargebäuden als unansehnlicher Datenbrei im Stadtbild und signalisiert, nun ja, dass auch hier Datenschutz-Fundamentalisten wohnen. Zu denen man qua Sippenverpixelung nun selbst gehört.

Es reicht ja der Antrag eines einzigen Mieters, schon ist das Gebäude nur noch in einer Optik zu sehen, die ein wenig an die anonymisierten Kinderschänder erinnert, die Ministergattin zu Guttenberg bei RTL2 vorführt. Man traut es den Nachbarn eigentlich nicht zu, wenn man das Glück hat, in einer außergewöhnlich netten Hausgemeinschaft zu wohnen, mit der man gemeinsam aus Holzdielen eine Sonnenterrasse gebaut hat, auf der man sich im Fußballsommer dann zum gemeinschaftlichen Semi-Public-Viewing traf. Oder war es vielleicht doch der Vermieter, der seine Hausgemeinschaften vor der Grundsatzfrage bewahren wollte - Pixel oder freie Sicht?

Und an wen wendet man sich, wenn man sein Gebäude wieder entpixeln lassen will? Immerhin gibt es ja so manch praktische Anwendung jenes Programms, das Stadtpläne in übersichtliche Rundumbilder auf Straßenebene übersetzt, in denen man ganz einfach navigieren und somit Nachbarschaften und Wegstrecken erkunden kann. Man kann Freunden per E-Mail zeigen, wo man wohnt. Man selbst kann seine Nachbarschaft besser kennenlernen, weil die Stadtrundfahrt auf dem Monitor mit so genannten Airtags versehen ist. Das sind Markierungen der anliegenden Firmen und Lokale, die man mit einem Mausklick aktivieren kann, um mehr zu erfahren, was sich so alles in der Nachbarschaft befindet.

Wie zu erfahren ist, kann man sich gar nicht gegen die Verpixelung wehren. Die ist ab dem ersten Antrag eines Mitbewohners endgültig. Allerdings kann man solch einen digitalen Rundgang durchs Viertel auch ohne Google Street-View unternehmen. Die deutsche Webseite sightwalk.de bietet schon seit April 2008 den genau gleichen Dienst an. Nicht ganz so umfangreich. Lediglich sieben deutsche Städte sind dort im Angebot. Und es sind jeweils auch nicht alle Straßen der Städte erfasst. Doch wenigstens stören keine Pixelwände, die der Schriftsteller und digitale Kulturkritiker Peter Glaser zum Street-View-Start am Donnerstag in einer Twitter-Nachricht mit dem Satz kommentierte: ,,Die Datenburka, heute: Verschleierte Fassaden.‘‘

Nach dem ersten Ärger, dass Google es nun wirklich geschafft hat, die deutsche Bevölkerung zu polarisieren, drängen sich ein paar Fragen auf. Darf man sich einer Erfassung des öffentlichen Raumes entziehen? Warum tobt die Street-View-Debatte ausschließlich in Deutschland so heftig? Und haben die Zugeständnisse des Konzerns an den Datenschutz nicht einen Präzedenzfall geschaffen, der Folgen haben kann?

Die Frage, ob man sich der Erfassung des öffentlichen Raums entziehen kann, ist weniger eine rechtliche, als eine gesellschaftliche Frage. Der öffentliche Raum ist ein kostbares Gut der Allgemeinheit, das sowieso schon zunehmend gefährdet ist. Die Privatisierung des öffentlichen Lebens durch die Kultur der kommerziellen Passagen und Malls war lange ein amerikanisches Phänomen, das längst in allen Lebensbereichen Deutschlands angekommen ist. Egal ob die teuren Fünf Höfe in Münchens Innenstadt oder das billige Olympia-Einkaufszentrum an der Peripherie, an solchen Orten schlägt Hausrecht jedes Bürgerrecht. Der öffentliche Raum aber muss von allen genutzt werden dürfen. Auch von einem Konzern wie Google. Der betreibt letztlich nichts anderes, als eine moderne Form der Kartographie. Man kann ja seine Wohnstatt auch nicht einfach aus dem Falkplan löschen lassen. Wie das Beispiel sightwalk.de zeigt, ist Google auch keineswegs die einzige Firma, die solche neuen Formen der Kartographie benutzt.

Fast jeder digitale Konzern entwickelt derzeit solche neuen Technologien. Microsoft hat eine Kartentechnik entwickelt, die noch viel weiter geht, die Kartographie, Webvideos, Chat-Funktionen und Mobiltelefone miteinander verknüpft und so ungeahnte neue Möglichkeiten der Orientierung und Kommunikation schafft. Wer ein Smartphone besitzt, der weiß längst, was GPS für Funktionen erlaubt, auch wenn es den gegenwärtigen Aufenthaltsort verrät.

Die Gründe dafür, dass die Street-View-Debatte gerade in Deutschland so hochgekocht ist, sind in der Geschichte zu suchen. Nach einem 20. Jahrhundert, in dem zwei Diktaturen ihre Schreckensherrschaften auf deutschem Boden mit ausgedehnten Spitzelnetzwerken zementierten, ist die Skepsis gegenüber jeder Form der Datenerfassung fest im historischen Gedächtnis verankert.

Doch es gibt da noch einen Aspekt, der einen gerade als Journalisten beunruhigt. Wenn nun jeder Bürger, jede Firma den Google-Konzern zwingen kann, einen Ort oder ein Gebäude unkenntlich zu machen, legt das dann nicht das Fundament für eine Rechtsauslegung, die in Zukunft auch Pressefotografen dazu zwingt, Orte und Gebäude zu verpixeln? Die einschlägigen Hamburger Medienanwälte dürfte das freuen, immerhin vertreten sie Mandanten, denen ihre Privatsphäre viel Geld und juristischer Aufwand wert ist.

Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass Google daran gelegen ist, sämtliche Daten seiner Nutzer zu erfassen und zu vermarkten. Die Debatte um Street-View allerdings setzt am falschen Ende des digitalen Angebots an. Wer berechtigte Angst vor der Datenkrake Google hat, wäre besser beraten, deren Suchmaschine nicht mehr zu benutzen. Denn die erstellt beunruhigend präzise Nutzerprofile. Und auch aus den sozialen Netzwerken sollte man sich raushalten. Twitter und Facebook werden in den USA laut Wall Street Journal schon von Versicherungen genutzt, um Risikoprofile zu erstellen.

Die Gegenthese von Andreas Zielcke steht auf sueddeutsche.de .
Foto: Google Street-View screenshot unserer verpixelten Wohnung

05.11.10 | 16:48 | 0 Kommentare

Paradies der Basketballer

 

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Wenn nach dem Turnier die Schüsse fallen – ein Drehbericht aus Brooklyn

(Aus dem Feuilleton vom Wochenende) Man braucht Geduld für Geschichten, die sich selbst erzählen sollen. Man braucht noch mehr Geduld, wenn diese Geschichten für so viel mehr stehen müssen als die Inhaltsangabe. Wie eben: Die Wiener Dokumentarfilmerin Katharina Weingartner drehte in Wien, Brooklyn und Ghana mit ,,Sneaker Stories‘‘ einen Film über das weltweite Phänomen der Basketballturniere auf der Straße und entlarvte dabei die Marketingmechanismen der Turnschuh-Industrie. (Der Film läuft derzeit in mehreren deutschen Städten, unter anderem im Werkstattkino in München.)

Als sie mit ihrem Team in der Schwüle eines Sommernachmittags in den Housing Projects von Red Hook in Brooklyn steht, bleibt sowieso keine Zeit für Drehpläne. Da bekommt der Lauf der Dinge einen Schwung, der nicht zu kontrollieren ist. Die Mannschaften der Streetball-Amateure marschieren im Innenhof der Sozialbaublöcke auf, deren fünf- bis zwölfstöckige Türme mit ihren rotbraunen Klinkerwänden und den gedrängten Fensteröffnungen ein wenig so wirken wie die sadistische Phantasie eines stalinistischen Bauministers. Ein DJ spielt Hip-Hop, Nachbarn verkaufen auf Klapptischen Hot Dogs und Burger. Der Ball gibt den Rhythmus des Nachmittags vor, das rasende Dribbling, die Dynamik der Angriffe und Verteidigungen. Katharina Weingartner und ihr Team halten auf die Spieler, hetzen für eine Totale auf das Dach eines Wohnblocks. Die Interviews werden sie nachdrehen müssen, so richtig kommt heute niemand auf den Punkt hier. Die Stimmung steigt mit jedem Sieg, und die Siege kommen innerhalb von Minuten. Näher kommt man dem ursprünglichen Ideal des Direct Cinema nur selten.

Red Hook ist kein einfacher Ort. In den Siebzigern und Achtzigern gehörten die Red Hook Projects zu den symbolischen Orten für die urbane Katastrophe - Watts in Los Angeles, die Cabrini-Green Projects in Chicago, Newark in New Jersey und eben Red Hook. Der Reportagefotograf Eugene Richards fand hier seine Motive, als er die Crack-Epidemie der Achtziger dokumentierte. Die Zeiten mögen besser geworden sein, der Ruf nicht. Als die New Yorker Polizei vor ein paar Jahren einen Copkiller suchte, fand sie ihn hier, und als sie wenig später einen Brooklyner Drogenring zerschlug, verhaftete man hier Hunderte Verdächtige.

Das ,,Paradise Classic‘‘-Basketballturnier ist einer der wenigen Höhepunkte im Jahreskalender der Red Hook Projects. In der Streetball-Szene gilt es als eines der besten. An diesem Nachmittag gibt es nur wenige Zitate, die belegen, was Katharina Weingartner beim Dreh ihrer Doku über Markenfälscher ,,Knock Off‘‘ herausgefunden hat.

Seit Mitte der Achtziger haben sich die Umsätze der Sportartikelhersteller und Hip-Hop-Produzenten verdreifacht. Im selben Zeitraum hat sich auch die Zahl der jungen Schwarzen und Latinos in den Gefängnissen verdreifacht. So ein Teufelskreislauf aus Marketingmethoden und sozialen Zündstoffen lässt sich nicht einfach abfilmen. Da funktioniert Weingartners Technik am besten - mitfilmen, die Geschichte sich entwickeln lassen, auch im Schnitt keine Formalismen, keine Kommentare, Einspieler, Trickbilder, nicht einmal die üblichen Experten kommen zu Wort. Ganz nach dem Credo des Direct Cinema eben.

Es ist schon dunkel, als Drehtag und Turnier dem Ende zugehen. Die fahlgelben Straßenlampen und der Dunst des Sommertages tauchen die Szenerie in jenes warme Nachtlicht, das es nur auf amerikanischen Straßen gibt. Katharina Weingartner und ihr Team beginnen, Taschen und Geräte in den Kleinbus zu räumen. Die Anrainer sind begeistert. Das Turnier lief hervorragend. Das Kamerateam kann da die Siegerlaune der Nachbarschaft nur steigern. Die Geduld hat sich gelohnt. Und doch lassen sich manche Wendungen im Film nicht erzählen.

Es dauert nicht einmal eine Sekunde, bis aus dem freundlich energiegeladenen Nachmittag ein finsterer Abend wird. Die Teams haben ihre Sportkleidung schon wieder ausgezogen, die Nachbarn stehen noch beieinander. Es sollte eigentlich einer jener Abende werden, die nicht zu Ende gehen wollen. Da beendet das trockene Bellen einer halbautomatischen Pistole das Reden und Lachen und Feixen. Drei Schüsse gehen in den Nachthimmel, nicht gezielt, wie die Spurensicherung später herausfinden wird.

Die Reaktion ist einmütig. Die Menge stiebt auseinander, wer kann, duckt sich hinter einen Mauervorsprung, hetzt um eine Ecke. Es ist ja nicht das erste Mal, dass so ein Abend auf diese Weise zu Ende geht. Dann blinken schon die roten Lichter der Polizeiautos am Ende der Straße, die Sirenen nähern sich. Katharina Weingartners Team berät kurz, packt schließlich weiter ein. Die letzten Minuten waren eben doch eine andere Geschichte.

Trailer und Info - hier

Foto: pooldoks

01.11.10 | 23:27 | 0 Kommentare

Paris vs. New York



17creature



Städtevergleiche sind eines der amüsantesten Konversations- und Gesellschaftsspiele. Grafikdesigner Vahram Muratyan hat sich in seinem Blog Paris und New York vorgenommen.



13filmmakers

19.07.10 | 17:00 | 0 Kommentare

Botschafter der Krise (Queens-Bronx-Ausgabe)

Bronx

Nach seinem brillanten Essay über die verwaisten Werbetafeln von Brooklyn als Botschafter der Krise, setzt Richard Fleming seinen urbanen Wirtschaftsbarometer nun in Queens und in der Bronx fort.

Foto: Richard Fleming

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