26.04.12 | 19:10 | 0 Kommentare

Präsidiales Cool


(Aus der SZ vom 27.4. 12, von Andrian Kreye)
Am vergangenen Dienstag eröffnete Barack Obama die heiße Phase des US-Wahlkampfs während der Late Night Show des Moderators Jimmy Fallon mit einem Auftritt in dem Sketch 'Slow Jamming the News'. 'Slow Jams' sind in der Soulmusik so etwas wie die verschärfte Version des Schiebers. Sänger wie Barry White und Isaac Hayes waren in den siebziger Jahren für diese Sorte Songs bekannt, bei denen sie im verführerischen Bariton Erotisches über Rhythmen raunten, die ganz bewusst an die Bewegungen eines Liebesaktes erinnerten.

So ganz ernst nimmt man dieses Genre heute nicht mehr. Bei Jimmy Fallon verlesen Moderator und Band deswegen zur nationalen Belustigung Nachrichten in diesem Stil. Obama raunte auch keine Schlüpfrigkeiten. Er verkündete zum lasziven Beat der Studioband seine Initiative im Kongress, die Zinssätze für Studienkredite zu begrenzen. Nachdem die Sendung auf dem Campus der University of North Carolina in Chapel Hill aufgezeichnet worden war, war der Jubel des studentischen Live-Publikums erwartungsgemäß frenetisch.

Politisch positioniert sich Obama mit dem Auftritt ganz eindeutig. Amerikanische Studenten verlassen die Colleges und Universitäten wegen der hohen Studiengebühren mit einer Schuldenlast von durchschnittlich 25000 Dollar. Eine Summe, die sie oft durch die ersten zehn Jahre ihres Berufslebens schleppen. Mit seiner Ankündigung, diese Last wenigstens etwas zu mildern, stellte sich Obama deutlich gegen die Politik der Republikaner, die vor allem dafür bekannt sind, die Steuerlast des obersten Einkommensprozents zu senken.

Obama festigte mit seinem Auftritt aber auch sein Image als der 'coolste Präsident in der Geschichte Amerikas'. Es gab einige solcher Momente in den vergangenen Monaten. Sein Auftritt bei einer Wahlveranstaltung im Apollo Theater in Harlem, bei dem Obama recht ordentlich ein paar Takte aus Al Greens Soulklassiker 'Let"s stay together' anstimmte. Seine Einlage bei der 'Blues Night' des Weißen Hauses, als er zu B.B. Kings Gitarrenbegleitung 'Sweet Home Chicago' sang, während Mick Jagger ihn anfeuerte. Das Foto, das Obama zeigt, wie er mit einem der Hausmeister des White House den jovialen Faust-gegen-Faust-Gruß austauscht.

Um diese vermeintlich spontanen Einlagen zu übertreffen, war der Auftritt bei Jimmy Fallon perfekt. Fallon ist nicht nur der neue Star der Late-Night-Moderatoren, er gilt auch als der Coolste seiner Zunft. Seine Studioband ist die versierte Hip-Hop-Formation The Roots. Die meisten Amerikaner kennen Fallon noch als Komiker aus der Comedy-Sendung 'Saturday Night Live', die seit 1975 der Außenposten des Cool und Hip im Fernsehen ist. So erreicht Obama eine junge Wählerschaft, für die laut einer Untersuchung ironische Talk- und Satiresendungen wie 'The Daily Show with Jon Stewart' während Wahlkämpfen eine ebenso wichtige Informationsquelle sind wie Zeitungen und Nachrichtensendungen.

Nun haben Auftritte großer Politiker bei solchen Sendungen Tradition. Bill Clinton spielte in der Talkshow von Arsenio Hall Saxofon. John McCain war Stammgast bei Jon Stewart. Auftritte beim Chef-Ironiker David Letterman sind Pflicht im Wahlkampf. So souverän, wie Obama seine Slow-Jam-Nachrichten überstand, bekam es allerdings noch keiner hin. Bleibt nur die Frage, ob Cool noch cool sein kann, wenn der oberste Regierungsvertreter die einst so subversive Haltung für sich pachtet.

09.12.11 | 19:19 | 0 Kommentare

Alles ist fantastisch und niemand ist glücklich

23.11.11 | 21:54 | 0 Kommentare

The Power of Music

The Roots sind die Hausband für Jimmy Fallons Latenight Show auf dem amerikanischen Fernsehsender NBC. Für den Auftritt der ultrakonservativen Präsidentschaftskandidatenanwärterin Michelle Bachman am Dienstag spielten sie einen eher obskuren Song von Fishbone mit dem Titel "Lyin' Ass Bitch". Den offensichtliche weder Bachmann noch Fallon kannten. Im Netz blieb's nicht lange ein Geheimnis. Fallon tweetete am nächsten Morgen (Roots-Chef) "questlove hat Hausarrest".

Erinnert sich noch jemand an den subversiven DJ beim Einmarsch der Nationen bei den Winterspielen 2002? Auch sehr amüsant - Geschichte von damals hier.

15.05.11 | 16:42 | 0 Kommentare

Sehnsucht nach Europa

Eurovision Song Contest 2011

Der Eurovision Song Contest ist so kompliziert, weil der kontinentalen Popgeschichte das 20. Jahrhundert fehlt

(Von Andrian Kreye) Es ist relativ leicht, sich über einen Komponistenwettbewerb lustig zu machen, bei dem sich osteuropäische Schlagercombos mittleren Alters etwas ungelenk an Rock-Genres versuchen, die einst vom jugendlichen Ungestüm authentischer Subkulturen getrieben wurden, und Lokaldiven die Toleranzgrenzen des Modebewusstseins strapazieren. Nun rangierte das kulturtheoretische Interesse am Eurovision Song Contest schon immer irgendwo zwischen dem augenzwinkernden Kitschverständnis aus Susan Sontags Essay ,,Notes on Camp‘‘ und einer fundamentalen Verachtung für europäische Massenkultur, die mit dem Kanon der angelsächsischen Vorbilder nur selten mithalten kann.

Dabei ist der Schlagerwettbewerb natürlich gerade deswegen interessant, weil er sich eben nicht auf den angelsächsisch gefärbten Minderheitengeschmack gebildeter Stände einlässt. Die suchen im Pop immer noch die Relevanz eines Bob Dylan und die erzählerische Vielschichtigkeit von Hollywoodfilmen. Der Eurovision Song Contest bildet dagegen europäische Befindlichkeiten ab, die längst komplexer sind, als jeder amerikanische Actionfilm, der seine Effekte mit Anspielungen auf Philosophie und antike Sagenwelt durchwebt.

Sicherlich ist mit dem diesjährigen Sieg von Ell und Nikki aus Aserbaidschan erst einmal die Frage relevant geworden, ob die europäische Kontinentalplatte nun am Ural endet, oder doch erst hinter den vorderasiatischen Ölfeldern (siehe auch Kasten Seite 1). Diese Frage kann man entweder bürokratisch beantworten, weil jedes der 56 Mitgliedsländer der Europäischen Rundfunkunion EBU auch am Wettbewerb teilnehmen darf. Und zur EBU gehören inzwischen auch Teile Nordafrikas und Vorderasiens. Oder man wischt sie mit Bernard-Henri Lévys Zitat vom Tisch, Europa sei kein Ort, sondern eine Idee. Nimmt man den Eurovisions-Contest als populäres Abbild dieser Idee, dann wurde am Sonntag schon nach den ersten Beiträgen deutlich, wie es um den europäischen Pop des Jahres 2011 steht.

Prinzipiell steht es um den gar nicht so anders, wie 1956, als der Wettbewerb in Lugano mit sieben Teilnehmerländern zum ersten Mal ausgetragen wurden. Der europäische Schlager war damals schon ein regionales Phänomen, das letztlich immer der Versuch blieb, Volksmusik mit modernen Stilmitteln zu machen. Was dem europäischen Pop immer fehlte, war das solide Fundament des amerikanischen Vorbilds in der eigenen Geschichte. Denn dem europäischen Pop fehlt historisch gesehen die Frühphase der Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Da war die europäische Popkultur vor allem ein stiefmütterlich behandeltes Mittel der Nazidiktatur, sich die Massen gewogen zu machen.

Mit der Osterweiterung der Europäischen Rundfunkunion im Jahre 1990 hat sich dieses Problem für den Eurovision Contest noch einmal verschärft. Nun fehlen dem europäischen Pop nicht nur die Jahre bis 1945, sondern einem großen Teil seiner Mitglieder auch noch die Jahre bis 1989. Im Sozialismus mag Rockmusik eine ähnliche Funktion gehabt haben wie Jazz unter den Nazis - sie war ein verbotenes Medium der Sehnsucht nach Freiheit. Nach dem Fall der Mauer aber blieb europäischer Pop im Osten genauso eine kulturelle Travestie, wie im Nachkriegswesten. Deswegen wird der Schlagerwettbewerb seit Jahren mit unbeholfenen Rock-Acts geflutet, die mit dem sympathischen Kitsch der frühen Eurovisionsjahre nur wenig zu tun haben. Dass die Veranstalter nun versuchen, mit Popgenres wie den Coldplay-Epigonen aus Dänemark oder einem Star von internationalem Format wie Lena auch jüngere Zuschauer zu gewinnen, verwässert das Bild vom europäischen Pop zusätzlich.

Was bleibt ist eine Popkultur, die vor allem als Eskapismus aus der eigenen Geschichte fungieren soll. Was die mediterranen Lieder der fünfziger Jahre für das befreite Westeuropa waren, ist der Rock für die ehemaligen Ostblockländer - eine Pose ohne kulturelles Fundament und somit nicht mehr als ein Spiel mit Genres.

Richtig interessant wird es aber erst im zähen Teil der Veranstaltung, wenn alle Lieder gesungen und alle Publikumsstimmen abgegeben sind. Da vollzieht sich vor den Augen der Fernsehzuschauer ein Abstimmungsprozedere, das schwieriger nachzuvollziehen ist, als amerikanische Präsidentschaftswahlen. Da vermischen sich Geopolitik, die Last der Geschichte und die kulturellen Missverständnisse zu einer undurchsichtigen Rangliste, die sich im Laufe der 43 Stimmabgaben so dramatisch oft neu mischt, dass es mit der Musik nur wenig zu tun haben kann.

Dass der griechische Teil Zyperns regelmäßig viele Punkte für Griechenland vergibt, gilt als ausgemachte Sache, genauso wie die osteuropäischen Länder prinzipiell zu ihren Nachbarn stehen. Aber ist zum Beispiel die Tatsache, dass Weißrussland dieses Jahr nur fünf von zwölf Punkten an Russland vergeben hat nicht eine Versöhnungsgeste für den gar so nationalistisch gesinnten Diktator Lukaschenko? Waren die vielen Punkte Hollands für Bosnien Herzogevina eine späte Rüge für die europäische Balkanpolitik? Sollten die Null Punkte Israels für Lena nicht Grund zur Sorge um die deutsche Nahostpolitik sein? Und ist der dritte Platz für den schwachen Schweden nicht letztlich nur Ausdruck der Sehnsucht nach einem Staat, der so oft als Vorbild für eine funktionierende soziale Marktwirtschaft gehandelt wird?

Eines bleibt - Europa ist ein vielschichtiger und in sich widersprüchlicher Kontinent, dem auch ein gut gemeinter Schlagerwettbewerb nicht zu einer Identität verhelfen kann. Die Feinheiten der Einzelabstimmungen beim Eurovision Song Contest könnten den Lehrstuhl einer politologischen Fakultät bis zum nächsten Jahr beschäftigen. Da wird dann in Baku gesungen. Das gehört nun kulturell offiziell zu Europa, ob es dem Rest des Kontinents passt oder nicht. An der Musik lag es wie gesagt nicht. Die Dame und der Jüngling konnten ebenso wenig intonieren, wie der Song überzeugte. Rumänien, Italien und Lena waren musikalisch mit Abstand besser. Im Sinne der Nouvelle Philosophie Bernard-Henri Lévys war es aber kein Sieg für Ell und Nikki, sondern ein Sieg für den europäischen Traum, der sich im Osten schon lange vom American Dream emanzipierte. Und aus dem muss ja nicht gleich eine gemeinsame Identität werden.

Foto: Eventpress Adolph

06.04.11 | 20:50 | 0 Kommentare

Trailerpark (Russischer Humor)

Schon als Trailer ein Meisterwerk, weil er das Hauptproblem des Film (die Zielgruppe hat die Fernsehserie "Everybody Loves Raymond") wahrscheinlich nicht oder nur unregelmässig gesehen) thematisiert, aber dann elegant vermittelt, dass die Serie nur Anlass, nicht Gegenstand des Films ist. Das sind vielmehr sämtliche Befürchtungen über Russland, die sich dem Besucher aus Hollywood bestätigen.

07.02.11 | 12:16 | 0 Kommentare

Everything Is A Remix

Everything Is A Remix: KILL BILL from robgwilson.com on Vimeo.

Der Filmemacher Kirby Ferguson hat eine vierteilige Videoserie über die Remix- und Sample-Kultur in Popmusik und Film begonnen, die das sonst so trockene Thema Urheberrecht und Kreativität schlüssig illustriert. Hier - eine Analyse der Inspirationsquellen für Quentin Tarrantinos "Kill Bill", der natürlich das dankbarste aller Studienobjekte ist. Ähnlich brillant - die >Analyse von Star Wars im zweiten Teil der Doku.

04.02.11 | 12:31 | 0 Kommentare

RevEddice

Gil Scott-Heron via Eddice.com

21.01.11 | 07:01 | 0 Kommentare

Friday Night Live

17.01.11 | 16:25 | 0 Kommentare

Beatnik Baby

suzukibeane


Großartige Wiederentdeckung auf Boing Boing - Louise Fitzhughs Beatnik-Kinderbuch "Suzuki Beane" von 1961, eine Satire auf den amerikanischen Kinderbuchklassiker "Eloise", dem kleinen Mädchen, das im Plaza Hotel wohnt. Suzuki Beane lebt mit ihren existentialistischen Beatnik-Eltern auf der Coffe-House-Meile Bleecker Street im New Yorker Greenwich Village und spricht authentische Beatnik Lingo ("She's a real swingin' chick. She's my mother" ... "I dig life the most, I mean it really swings"). Antiquarisch ist das Buch nur schwer zu haben zu haben. Aber Boing Boing hat auf Youtube einen Pilot für eine Fernsehserie aufgestöbert, die mal geplant war. Und mindestens so charmant ist, wie das Buch. Und man kann das Buch mangels Verfügbarkeit auch auf Scribd lesen.


17.01.11 | 13:06 | 0 Kommentare

Golden Globes

Ricky Gervais (das britische Original für Stromberg) - selten bissiger Moderator für eine Hollywood Award Show. Letzte Nacht noch böser als letztes Jahr.

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