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0 KommentarePionier einer neuen Haltung
(Von Andrian Kreye) Wenn Jay Leno im kommenden Jahr die "Tonight Show" an Jimmy Fallon abgibt, ist das mehr als eine US-Medienpersonalie. Die alte Ironie hat sich überlebt, Fallon wird eine Wende im Humor bringen - spürbar wohl auch im Rest der Welt.
Es ist nicht nur eine amerikanische Medienpersonalie, dass der Spätnachtmoderator Jimmy Fallon der Nachfolger des Talkshow-Gastgebers Jay Leno werden soll. Wenn sich die Machtübergabe bei der Tonight Show im nächsten Jahr vollzieht, wird das auch eine Zeitenwende in der Humorgeschichte Amerikas markieren. Und weil Amerika immer noch die führende Unterhaltungsnation ist, dürfte das auch im Rest der Welt spürbar werden.
Der 38-jährige Fallon vertritt einen warmen Humor, der sich eher an den Frühzeiten des amerikanischen Entertainments orientiert, am Slapstick und den Revueshows. Das verbindet er mit dem gesamten Instrumentarium des digitalisierten Popzeitalters - viele seiner Sketche entwickeln als virale Videos weltweit ein Eigenleben. Die Zuschauer dürfen über Twitter mitreden. Seine Studioband ist das Hip-Hop-Kollektiv The Roots.
Der 62-jährige Leno steht dagegen für das Diktat der Ironie, dem sich die amerikanischen Fernsehshows und Komiker während der vergangenen drei Jahrzehnte fast ausnahmslos beugten. Gerade für die jüngere Generation ist Ironie allerdings eine Luxushaltung, die sich ihre Eltern und Großeltern noch leisten konnten.
Wieder zu Haltung gezwungen
Die kalte Distanz, mit der sich Talkmaster wie Leno, David Letterman oder Conan O'Brien, Fallons Vorgänger bei der nächtlichen Late Night Show, über die Welt lustig machten, wirkt für das jüngere Publikum eher befremdlich. Denn Ironie ist immer auch eine Flucht vor Haltung. Das wurzelt im Cool, jenem Gestus, den Frank Sinatra und das Rat Pack in Las Vegas etablierten, und den die Komiker der Sketchsendung Saturday Night Live perfektionierten, ehe er zum Status quo der Massenunterhaltung wurde.
Das hat sich überlebt. Nicht nur, weil das Leben in der Dauerkrise die jüngeren Amerikaner wieder zu Haltung zwingt, sondern auch, weil jeder Mainstream der Popkultur von den nachfolgenden Generationen irgendwann als altbacken empfunden wird. Jon Stewart ist mit seiner Daily Show der Einzige, der es geschafft hat, die Ironie ins 21. Jahrhundert zu retten. Weil er ihr politisches Gewicht gegeben hat.
Nun wurde Jimmy Fallon zwar als Komiker bei Saturday Night Live bekannt. Doch das war noch traditionelle TV-Ironie. Erst mit seinem Debüt als Late-Night-Moderator im März 2009 begann er aufzublühen. Seine Mischung aus naiver Freundlichkeit und verschmitztem Feixen half nicht nur bei den Quoten. Sie schaffte vor allem bei den Prominenten Vertrauen - und die Grundlage für seinen weltweiten Internetruhm.
So brachte er Mariah Carey dazu, ein Weihnachtslied mit ihm zu singen, das die Roots auf Spielzeuginstrumenten begleiteten. First Lady Michelle Obama tanzte mit ihm die "Geschichte der Mama-Tänze". Und selbst der Präsident ließ sich im Wahlkampf auf einen Sketch mit ihm ein. Es wird nicht leicht sein, Fallons Stil zu kopieren. Aber das dachte man bei der Ironie von Leno und Letterman ja auch. Bis Harald Schmidt kam.
0 KommentareDie Rückkehr der edlen Wilden
Immer wenn die Zukunft Angst macht, wächst die Sehnsucht nach Einfachheit, selbst wenn es nur die Nostalgie nach den Frühformen des Kapitalismus ist
(Von Andrian Kreye) Wenn man das Dorf Ipai auf der Insel Tanna im Archipelstaat Vanuatu besucht, begrüßen einen gestandene Männer mit geflochtenen Kränzen im Haar und bunten Tüchern um die Hüften. Die Frauen stampfen auf dem Dorfplatz Yam und Tarowurzeln zu Brei. Dazwischen jagen Kinder Schweine durchs Gehölz, hinter dem der Dschungel beginnt. Mit etwas Glück darf man bleiben, und wenn sich die Südseesonne dann langsam dem Horizont zuneigt, laden einen die Dorfältesten zu einer Schale Kava ein, jenem Getränk, das einen in einen wohligen Dämmerzustand versetzt. Die Ruhe, die einen am späten Nachmittag erfasst, scheint einen Urzustand der Zufriedenheit wieder herzustellen, der einem als Europäer seit Jahrhunderten fremd geworden ist.
Es ist eine trügerische Ruhe und ein täuschender Urzustand. Ähnlich wie in den meisten Weltgegenden, in denen die Urvölker in archaischen Dorfgemeinschaften leben, sind Blätterkränze, Baströckchen und Stammestänze längst nur noch Kostüm. Sie wurden den Ureinwohnern meist in den Sechziger- und Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts von wohlmeinenden Ethnologen aus den Archiven ihrer Universitäten in die Busch- und Fischerdörfer zurückgebracht. Auf den melanesischen Inseln Vanuatu, Salomonen und Papua-Neuguinea entstanden in Folge die sogenannten Kastom Villages. Das sind Brauchtumsdörfer, die althergebrachte Lebensweisen inzwischen auch für Touristen kultivieren, die dort auf der Suche nach dem authentischen Südseeparadies am vermeintlichen Ziel ihrer Sehnsüchte angelangt sind.
Diese Suche nach dem Echten in der Vergangenheit ist nichts Neues. Von der Renaissance über den Klassizismus des 18. und die Romantik des 19. Jahrhunderts wurde die Hochkultur Europas und Amerikas immer wieder von solchen nostalgischen Wellen erfasst. Meist waren das Reaktionen auf die beängstigenden Entwicklungen neuer Zeiten - der Aufklärung, der Demokratisierung, der Industrialisierung, der Moderne.
Oft war es nur ein Versuch, in vermeintlich reinen Urformen der eigenen Gesellschaft so etwas wie die verlorene Unschuld wiederzufinden. So bezogen sich Renaissance, Klassizismus und Romantik vor allem auf die Antike und ihre unverfälschten Frühformen der Zivilisation. Spätestens mit dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau kam jedoch eine handfeste Zivilisationsmüdigkeit zu den nostalgischen Verklärungen früherer Zeiten.
In seiner 'Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen' entwickelte er das Bild vom edlen Wilden. Der kannte nach Rousseau in seinem Naturzustand weder gut noch böse, vor allem aber keinen Besitz. Die Ungleichheit der Menschen kam erst mit der Zivilisation - dem Feuer, dem Ackerbau, der Sesshaftigkeit.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Zukunft wieder einmal beängstigendes Neuland. Der Fortschrittsglaube des späten 20. Jahrhunderts ist existenziellen Ängsten gewichen. Es ist nicht abzusehen, was Internet, Bio- und Nanotechnologie mit uns anstellen werden. Weltwirtschaftsprobleme haben das Urvertrauen in die Wohlstandsgefüge der westlichen Welt nachhaltig erschüttert. Kein Wunder also, dass die Verklärung der Vergangenheit und auch der edle Wilde wieder zurückkehren.
Der buchstäblich edle Wilde findet sich vor allem im Weltbild eines ökologischen Populismus, der den radikalen Verzicht als einzigen Weg der Rettung vor dem planetarischen Super-GAU erkennt. Da macht sich eine Zivilisationsmüdigkeit breit, die nicht nur den Fortschritt, sondern in ihrer letzten Konsequenz auch den Menschen an sich infrage stellt. Gerade in der Esoterik finden sich Untergangsphantasien, die noch ein Stückchen grausamer sind als die christlichen und islamischen Apokalyptiker, weil es keine Erlösung von den Sünden gibt.
Doch das Bild vom edlen Wilden findet sich längst nicht mehr nur in den radikalen Weltbildern. Die gesamte Popkultur ist derzeit von solchen rückwärtsgewandten Sehnsüchten durchsetzt. Der klassische edle Wilde hat da immer noch eine Rolle. In James Camerons Science-Fiction-Epos 'Avatar' von 2009 verteidigte der Held Jake Sully die unschuldigen Urmenschen des Planeten Pandora gegen die rohstoffhungrigen Menschen. Terrence Malick verklärte die Indianerprinzessin Pocahontas in seinem Film 'The New World' zur Lichtgestalt der Urvölker.
Solche direkten Übersetzungen des edlen Wilden sind für den Pop allerdings meist zu plump. Nicht das Urvolk, sondern die Urform wird da gefeiert. Der Eskapismus der da betrieben wird, erinnert an die Flucht der Romantik in alte Welten, die bis zum Kitsch verklärt werden.
Vor allem in den neuen Fernsehserien der gebildeten Stände findet man eine Art edle Wilde des Kapitalismus, die den undurchschaubaren Zerstörungsmechanismen des entfesselten Marktes ein archaisches Gangster-Ethos entgegensetzen, das doch so viel ehrlicher und moralischer zu sein scheint als der Raubtierkapitalismus der Wall Street.
Gleich die erste Serie dieser neuen Welle etablierte dieses Motiv. Die 'Sopranos' mögen eine brutale Mafiafamilie sein, doch letztlich waren sie eben - eine Familie. Wenn der Chemielehrer Walter White in der Serie 'Breaking Bad' nach der Krebsdiagnose das Auskommen seiner Familie mit Drogenhandel sichern will, dann stellt er ein urtümliches Ethos des Ernährers über die Zwänge der Gesellschaft. Und wenn er seine Konkurrenten ermordet - setzt er da nicht letztlich die Gesetze des freien Marktes in ihrer reinsten Konsequenz um?
Auch die Serie 'Mad Men' dreht sich in all ihrer politischen Unkorrektheit um die Unschuld einer sehr überschaubaren Gemeinschaft von Werbern, die erst im Laufe der Jahre ihre Unschuld verlieren und sich immer tiefer in den Morast des Kommerzes begeben. Und selbst in der Popmusik werden diese edlen Wilden des Kapitalismus gefeiert. Denn die Gangsta des Hip-Hop sind nichts anderes als Kapitalisten, die zu einer unverfälschten Urform des Handels zurückfinden: Geld gegen Ware, Blut gegen Schuld.
In all diesen Verklärungen und Bildern steckt ein finsterer Kern. Zivilisationsmüdigkeit und Romantisierung sind nichts anderes als sanfte Formen des Nihilismus. Wenn ein Wissenschaftler wie Jared Diamond nun die Urvölker, die er besser kennt als jeder andere, in seinem Buch "Vermächtnis" ganz differenziert darauf untersucht, welche ihrer Fehler und welche ihrer Weisheiten die Zivilisation verdrängt hat, dann tut er der Welt einen großen Gefallen (siehe ausführliches Interview im SZ Feuilleton von 24.11.2012). Er bricht mit den beiden ideologischen Weltbildern der Zivilisationsmüdigkeit und der Fortschrittsgläubigkeit zugleich. Was bleibt, ist Realismus.
Foto: AMC
0 KommentarePräsidiales Cool
(Aus der SZ vom 27.4. 12, von Andrian Kreye) Am vergangenen Dienstag eröffnete Barack Obama die heiße Phase des US-Wahlkampfs während der Late Night Show des Moderators Jimmy Fallon mit einem Auftritt in dem Sketch 'Slow Jamming the News'. 'Slow Jams' sind in der Soulmusik so etwas wie die verschärfte Version des Schiebers. Sänger wie Barry White und Isaac Hayes waren in den siebziger Jahren für diese Sorte Songs bekannt, bei denen sie im verführerischen Bariton Erotisches über Rhythmen raunten, die ganz bewusst an die Bewegungen eines Liebesaktes erinnerten.
So ganz ernst nimmt man dieses Genre heute nicht mehr. Bei Jimmy Fallon verlesen Moderator und Band deswegen zur nationalen Belustigung Nachrichten in diesem Stil. Obama raunte auch keine Schlüpfrigkeiten. Er verkündete zum lasziven Beat der Studioband seine Initiative im Kongress, die Zinssätze für Studienkredite zu begrenzen. Nachdem die Sendung auf dem Campus der University of North Carolina in Chapel Hill aufgezeichnet worden war, war der Jubel des studentischen Live-Publikums erwartungsgemäß frenetisch.
Politisch positioniert sich Obama mit dem Auftritt ganz eindeutig. Amerikanische Studenten verlassen die Colleges und Universitäten wegen der hohen Studiengebühren mit einer Schuldenlast von durchschnittlich 25000 Dollar. Eine Summe, die sie oft durch die ersten zehn Jahre ihres Berufslebens schleppen. Mit seiner Ankündigung, diese Last wenigstens etwas zu mildern, stellte sich Obama deutlich gegen die Politik der Republikaner, die vor allem dafür bekannt sind, die Steuerlast des obersten Einkommensprozents zu senken.
Obama festigte mit seinem Auftritt aber auch sein Image als der 'coolste Präsident in der Geschichte Amerikas'. Es gab einige solcher Momente in den vergangenen Monaten. Sein Auftritt bei einer Wahlveranstaltung im Apollo Theater in Harlem, bei dem Obama recht ordentlich ein paar Takte aus Al Greens Soulklassiker 'Let"s stay together' anstimmte. Seine Einlage bei der 'Blues Night' des Weißen Hauses, als er zu B.B. Kings Gitarrenbegleitung 'Sweet Home Chicago' sang, während Mick Jagger ihn anfeuerte. Das Foto, das Obama zeigt, wie er mit einem der Hausmeister des White House den jovialen Faust-gegen-Faust-Gruß austauscht.
Um diese vermeintlich spontanen Einlagen zu übertreffen, war der Auftritt bei Jimmy Fallon perfekt. Fallon ist nicht nur der neue Star der Late-Night-Moderatoren, er gilt auch als der Coolste seiner Zunft. Seine Studioband ist die versierte Hip-Hop-Formation The Roots. Die meisten Amerikaner kennen Fallon noch als Komiker aus der Comedy-Sendung 'Saturday Night Live', die seit 1975 der Außenposten des Cool und Hip im Fernsehen ist. So erreicht Obama eine junge Wählerschaft, für die laut einer Untersuchung ironische Talk- und Satiresendungen wie 'The Daily Show with Jon Stewart' während Wahlkämpfen eine ebenso wichtige Informationsquelle sind wie Zeitungen und Nachrichtensendungen.
Nun haben Auftritte großer Politiker bei solchen Sendungen Tradition. Bill Clinton spielte in der Talkshow von Arsenio Hall Saxofon. John McCain war Stammgast bei Jon Stewart. Auftritte beim Chef-Ironiker David Letterman sind Pflicht im Wahlkampf. So souverän, wie Obama seine Slow-Jam-Nachrichten überstand, bekam es allerdings noch keiner hin. Bleibt nur die Frage, ob Cool noch cool sein kann, wenn der oberste Regierungsvertreter die einst so subversive Haltung für sich pachtet.
0 KommentareThe Power of Music
The Roots sind die Hausband für Jimmy Fallons Latenight Show auf dem amerikanischen Fernsehsender NBC. Für den Auftritt der ultrakonservativen Präsidentschaftskandidatenanwärterin Michelle Bachman am Dienstag spielten sie einen eher obskuren Song von Fishbone mit dem Titel "Lyin' Ass Bitch". Den offensichtliche weder Bachmann noch Fallon kannten. Im Netz blieb's nicht lange ein Geheimnis. Fallon tweetete am nächsten Morgen (Roots-Chef) "questlove hat Hausarrest".
Erinnert sich noch jemand an den subversiven DJ beim Einmarsch der Nationen bei den Winterspielen 2002? Auch sehr amüsant - Geschichte von damals hier.
0 KommentareSehnsucht nach Europa

Der Eurovision Song Contest ist so kompliziert, weil der kontinentalen Popgeschichte das 20. Jahrhundert fehlt
(Von Andrian Kreye) Es ist relativ leicht, sich über einen Komponistenwettbewerb lustig zu machen, bei dem sich osteuropäische Schlagercombos mittleren Alters etwas ungelenk an Rock-Genres versuchen, die einst vom jugendlichen Ungestüm authentischer Subkulturen getrieben wurden, und Lokaldiven die Toleranzgrenzen des Modebewusstseins strapazieren. Nun rangierte das kulturtheoretische Interesse am Eurovision Song Contest schon immer irgendwo zwischen dem augenzwinkernden Kitschverständnis aus Susan Sontags Essay ,,Notes on Camp‘‘ und einer fundamentalen Verachtung für europäische Massenkultur, die mit dem Kanon der angelsächsischen Vorbilder nur selten mithalten kann.
Dabei ist der Schlagerwettbewerb natürlich gerade deswegen interessant, weil er sich eben nicht auf den angelsächsisch gefärbten Minderheitengeschmack gebildeter Stände einlässt. Die suchen im Pop immer noch die Relevanz eines Bob Dylan und die erzählerische Vielschichtigkeit von Hollywoodfilmen. Der Eurovision Song Contest bildet dagegen europäische Befindlichkeiten ab, die längst komplexer sind, als jeder amerikanische Actionfilm, der seine Effekte mit Anspielungen auf Philosophie und antike Sagenwelt durchwebt.
Sicherlich ist mit dem diesjährigen Sieg von Ell und Nikki aus Aserbaidschan erst einmal die Frage relevant geworden, ob die europäische Kontinentalplatte nun am Ural endet, oder doch erst hinter den vorderasiatischen Ölfeldern (siehe auch Kasten Seite 1). Diese Frage kann man entweder bürokratisch beantworten, weil jedes der 56 Mitgliedsländer der Europäischen Rundfunkunion EBU auch am Wettbewerb teilnehmen darf. Und zur EBU gehören inzwischen auch Teile Nordafrikas und Vorderasiens. Oder man wischt sie mit Bernard-Henri Lévys Zitat vom Tisch, Europa sei kein Ort, sondern eine Idee. Nimmt man den Eurovisions-Contest als populäres Abbild dieser Idee, dann wurde am Sonntag schon nach den ersten Beiträgen deutlich, wie es um den europäischen Pop des Jahres 2011 steht.
Prinzipiell steht es um den gar nicht so anders, wie 1956, als der Wettbewerb in Lugano mit sieben Teilnehmerländern zum ersten Mal ausgetragen wurden. Der europäische Schlager war damals schon ein regionales Phänomen, das letztlich immer der Versuch blieb, Volksmusik mit modernen Stilmitteln zu machen. Was dem europäischen Pop immer fehlte, war das solide Fundament des amerikanischen Vorbilds in der eigenen Geschichte. Denn dem europäischen Pop fehlt historisch gesehen die Frühphase der Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Da war die europäische Popkultur vor allem ein stiefmütterlich behandeltes Mittel der Nazidiktatur, sich die Massen gewogen zu machen.
Mit der Osterweiterung der Europäischen Rundfunkunion im Jahre 1990 hat sich dieses Problem für den Eurovision Contest noch einmal verschärft. Nun fehlen dem europäischen Pop nicht nur die Jahre bis 1945, sondern einem großen Teil seiner Mitglieder auch noch die Jahre bis 1989. Im Sozialismus mag Rockmusik eine ähnliche Funktion gehabt haben wie Jazz unter den Nazis - sie war ein verbotenes Medium der Sehnsucht nach Freiheit. Nach dem Fall der Mauer aber blieb europäischer Pop im Osten genauso eine kulturelle Travestie, wie im Nachkriegswesten. Deswegen wird der Schlagerwettbewerb seit Jahren mit unbeholfenen Rock-Acts geflutet, die mit dem sympathischen Kitsch der frühen Eurovisionsjahre nur wenig zu tun haben. Dass die Veranstalter nun versuchen, mit Popgenres wie den Coldplay-Epigonen aus Dänemark oder einem Star von internationalem Format wie Lena auch jüngere Zuschauer zu gewinnen, verwässert das Bild vom europäischen Pop zusätzlich.
Was bleibt ist eine Popkultur, die vor allem als Eskapismus aus der eigenen Geschichte fungieren soll. Was die mediterranen Lieder der fünfziger Jahre für das befreite Westeuropa waren, ist der Rock für die ehemaligen Ostblockländer - eine Pose ohne kulturelles Fundament und somit nicht mehr als ein Spiel mit Genres.
Richtig interessant wird es aber erst im zähen Teil der Veranstaltung, wenn alle Lieder gesungen und alle Publikumsstimmen abgegeben sind. Da vollzieht sich vor den Augen der Fernsehzuschauer ein Abstimmungsprozedere, das schwieriger nachzuvollziehen ist, als amerikanische Präsidentschaftswahlen. Da vermischen sich Geopolitik, die Last der Geschichte und die kulturellen Missverständnisse zu einer undurchsichtigen Rangliste, die sich im Laufe der 43 Stimmabgaben so dramatisch oft neu mischt, dass es mit der Musik nur wenig zu tun haben kann.
Dass der griechische Teil Zyperns regelmäßig viele Punkte für Griechenland vergibt, gilt als ausgemachte Sache, genauso wie die osteuropäischen Länder prinzipiell zu ihren Nachbarn stehen. Aber ist zum Beispiel die Tatsache, dass Weißrussland dieses Jahr nur fünf von zwölf Punkten an Russland vergeben hat nicht eine Versöhnungsgeste für den gar so nationalistisch gesinnten Diktator Lukaschenko? Waren die vielen Punkte Hollands für Bosnien Herzogevina eine späte Rüge für die europäische Balkanpolitik? Sollten die Null Punkte Israels für Lena nicht Grund zur Sorge um die deutsche Nahostpolitik sein? Und ist der dritte Platz für den schwachen Schweden nicht letztlich nur Ausdruck der Sehnsucht nach einem Staat, der so oft als Vorbild für eine funktionierende soziale Marktwirtschaft gehandelt wird?
Eines bleibt - Europa ist ein vielschichtiger und in sich widersprüchlicher Kontinent, dem auch ein gut gemeinter Schlagerwettbewerb nicht zu einer Identität verhelfen kann. Die Feinheiten der Einzelabstimmungen beim Eurovision Song Contest könnten den Lehrstuhl einer politologischen Fakultät bis zum nächsten Jahr beschäftigen. Da wird dann in Baku gesungen. Das gehört nun kulturell offiziell zu Europa, ob es dem Rest des Kontinents passt oder nicht. An der Musik lag es wie gesagt nicht. Die Dame und der Jüngling konnten ebenso wenig intonieren, wie der Song überzeugte. Rumänien, Italien und Lena waren musikalisch mit Abstand besser. Im Sinne der Nouvelle Philosophie Bernard-Henri Lévys war es aber kein Sieg für Ell und Nikki, sondern ein Sieg für den europäischen Traum, der sich im Osten schon lange vom American Dream emanzipierte. Und aus dem muss ja nicht gleich eine gemeinsame Identität werden.
Foto: Eventpress Adolph
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Schon als Trailer ein Meisterwerk, weil er das Hauptproblem des Film (die Zielgruppe hat die Fernsehserie "Everybody Loves Raymond") wahrscheinlich nicht oder nur unregelmässig gesehen) thematisiert, aber dann elegant vermittelt, dass die Serie nur Anlass, nicht Gegenstand des Films ist. Das sind vielmehr sämtliche Befürchtungen über Russland, die sich dem Besucher aus Hollywood bestätigen.



