0 KommentareDer unberührte Planet
(Von Andrian Kreye) Die Wucht, mit der einem die Schwarzweißbilder von Sebastião Salgado begegnen, ist schwer zu beschreiben. In der Fotografie finden sich nur wenige Künstler, die solch eine Wirkung erzielen. Ansel Adams schaffte es mit seinen Landschaftsbildern aus Amerika. Mit Peter Paul Rubens Gemälde „Löwenjagd“ kommt man schon weiter, das einen in der Alten Pinakothek im Format von zweieinhalb mal fast vier Meter selbst im Kontext einer machtvollen Sammlung überwältigen kann. Die Emotionalität solcher Gesten findet man eher in der Musik, in Anton Bruckners 8. Symphonie etwa, die einen mit einem tragischen C-Moll überrollt, oder in Led Zeppelins monströser Interpretation von Kansas Joe McCoys und Memphis Minnies Flutkatastrophen-Blues „When The Levee Breaks“.
Das ist viel Pathos für ein Foto-Essay, eine Form, die normalerweise von der Nähe und einer subtilen Allgemeingültigkeit lebt. Pathos ist jedoch eine wichtige Facette in Salgados Arbeiten. Das beginnt schon mit der Wahl seines Themas. Seine beiden bisher größten Arbeiten handelten vom Verschwinden der körperlichen Arbeit und vom Verlust der Heimat auf der Flucht.
Bei seiner neuesten Arbeit „Genesis“ schlug das Pathos zunächst einmal in künstlerischen Größenwahn um. Der Planet Erde, so Salgado, sei zu 46 Prozent immer noch im unberührten Stadium des Schöpfungsbuches Genesis. Genau das wolle er abbilden, um die Menschheit an ihre Verantwortung für diesen Planeten zu erinnern. Der Größenwahn des Anspruchs, der ihm in den letzten Jahren oft vorgehalten wurde, relativiert sich allerdings nun, da das abgeschlossene Werk vorliegt. Sebastião Salgado ist das wohl ambitionierteste Projekt in der Geschichte der Fotografie furios gelungen.
528 Bilder umfasst die Publikumsausgabe des Buches, das auf englisch schon vorliegt und am 27. April auch auf deutsch erscheint. Die Beschreibung und Interpretation der einzelnen Aufnahmen würden einen eigenen Band füllen. Jedem Exemplar liegt ein 36-seitiges Heft bei, in dem der Hintergrund der Bilder erklärt wird. Das Spektrum reicht vom Eis der Antarktis über die Regenwälder und Savannen der Tropen bis in die Gebirge und Tundren des Nordens. Die Tierwelt ist vom stampfenden Elefantenbullen über den lauernden Jaguar, von den urzeitlichen Echsen bis zu feingliedrigen Äffchen in fast enzyklopädischer Vollständigkeit vertreten.
Bei den Menschen stößt er von den Urvölkern in den Regenwäldern seiner Heimat Brasilien und den Savannen Ostafrikas über die Viehzüchter im Sudan bis zu den ersten Siedlungsformen in Äthiopien weit über das Buch Genesis ins Alte Testament vor. Doch sein Blick bleibt radikal bei einem Planeten Erde, auf dem das Feuer gerade mal, das Rad aber noch nicht erfunden wurde. Die höchste Form menschlicher Zivilisation sind die Schlitten der Nenzen, die damit ihre Rentierherden im nördlichen Sibirien begleiten.
Nun arbeitet Salgado nicht nur mit Wucht. Das wäre bei einem Werk von solchem Umfang auch zu erschöpfend. Der Kralle eines Iguanas verleiht Salgado mit Bildausschnitt und Aufnahmewinkel eine subtile Geste, die das Projekt im Makrodetail auf einen Punkt bringt. Schützend und abweisend zugleich scheint die gepanzerte Kralle den Fels zu umfassen. Nun lag der Iguana am Ufer einer Galapagosinsel ja nur, um seinen Körper nach dem Abweiden der Algenfelder im kalten Pazifik im Sonnenschein wieder auf Betriebstemperatur zu bringen. Und doch ist die Geste unmissverständlich. So zieht sich durch die Bilder immer auch das Anliegen, nie bloß die Bewunderung für die Natur.
Eigentlich sind Landschaft und Tier fremde Sujets für Salgado. Bisher ging es in seinen Bildern fast immer um Menschen und ihre meist harten Schicksale. In seinen bekanntesten Bildern der Arbeitermassen in den schlammigen Kratern der offenen Goldmine von Serra Pelada wird die Mühsal der körperlichen Arbeit zu einem epischen Tableau des Leidens. Diesen zutiefst sozialkritischen Blick wird er auch in der Natur nie ganz los.
Es ist kein Zufall, dass die Aufnahme der Zügelpinguine, die auf einem Eisberg zwischen den Südlichen Sandwichinseln Argentiniens zu den wenigen Fotos gehört, die er für die Bebilderung von Zeitungsartikeln über „Genesis“ freigegeben hat. Die Allegorie auf die Zerstörung des Anthropozäns ist überdeutlich – langsam bewegen sich die Vögel in einer Reihe auf den Mahlstrom der Brandung zu, geraten ins Rutschen, während der erste schon mit einem Kopfsprung in die Gischt stürzt. Die Eismasse, die sich im Hintergrund noch in bedrohlichen Klüften gegen einen düsteren Sturmhimmel abzeichnet, wird auf den vorderen Schollen schon von Brechern zu filigranen Flächen geschliffen. Da muss man keine Bildwissenschaften bemühen, um das Untergangsszenario zu erkennen.
Zwischen seinem Anliegen und seiner Ästhetik entstand in Salgados Bildern oft ein Widerspruch. In Ihrem Buch „Das Leiden anderer betrachten“ schrieb Susan Sontag, in der Schönheit von Salgados Bildern verflüchtige sich das Leid ins Abstrakte. Und auch Ingrid Sischy kritisierte seine Bilder aus der Sahelzone im „New Yorker“ als Ästhetisierung des Elends.
Kann Salgado dies nun mit „Genesis“ überwinden? Er romantisiert das Archaische selten, rückt aber bei den Naturvölkern in einigen Aufnahmen in den zivilisationsfeindlichen Kitsch von Jean-Jacques Rousseaus Idee vom edlen Wilden. Mit ein Grund auch dafür, dass die großen amerikanischen Museen sich gerade scheuen, „Genesis“ auszustellen, weil Salgados Verklärung des Stammeslebens politisch korrekte Empfindlichkeiten stört.
Lieblich ist hier jedoch in der Regel nichts. Wenn er die Korowai im Dschungel von West Papua bei der Jagd begleitet oder die Rituale der äthiopischen Surma fotografiert, bildet er ihre Kulturen nicht als New-Age-taugliche Ideale ab, sondern als zwar schützenswerte, doch immer fremde Lebensformen. Nur bei den Zo’e im Amazonas geraten seine Bilder ein wenig ins Schwärmen. Da schwingt sich der Affenjäger allzu anmutig in die Bäume, wandelt das nackte Mädchen betont grazil über den Pfad. In der brasilianischen Heimat fehlt ihm da wohl der Abstand. Immerhin – als Kind wuchs Salgado auf einer Farm im brasilianischen Regenwald auf.
Acht Jahre lang fotografierte er in 32 Ländern für „Genesis“. Finanziert hatte er die Arbeit mit einer Sponsorship des brasilianischen Bergbauunternehmens „Vale“ und mit Vorverkäufen an Zeitschriften. Lange schon beherrscht Salgado solche Querfinanzierungen großer Projekte. Das hatte er gelernt, als er 1981 unerwartet zu einigem Geld kam. Er war Fotoreporter für die Agentur Magnum, als er zufällig dabei war, wie der Attentäter John Hinckley den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan niederschoss. Mit den Erlösen des historischen Fotos finanzierte er seine ersten Langzeitprojekte.
Die Präsentation von „Genesis“ ist nun ähnlich wuchtig wie das Werk selbst. Seit dieser Woche kann man 216 der Bilder im Londoner Natural History Museum sehen. Weitere Ausstellungen sind geplant. Bei Taschen erscheinen neben dem 520-seitigen Publikumsband zwei limitierte Sammlereditionen, die bei einem Kaufpreis von mehreren Tausend Euro sein „Instituto Terra“ finanzieren sollen, mit dem er an der Ostküste Brasiliens großflächig das Ökosystem des atlantischen Regenwaldes wieder aufbauen will.
Erstmals vorgestellt hatte er „Genesis“ Ende Februar beim Ideenfestival der „Ted Conference“ im kalifornischen Long Beach. Von dem Größenwahn, dem man ihm oft vorwirft, war dort nichts zu spüren. Salgado spricht mit der behutsamen Ruhe eines Mannes, der genau weiß, dass seine Arbeit viel zu groß ist, um sie in ein paar Slogans zu beschreiben. Zwischen all den Innovatoren, Investoren und extrovertiert Zukunftsbegeisterten wirkte er etwas verloren, eine anachronistische Forschergestalt mit kahlem Schädel und scharfem Profil.
Die Wirkung seiner Bilder kann der 69-jährige sehr gut einschätzen. So bestritt er seinen Vortrag über Strecken damit, seine gewaltigen Bilder ohne ein Wort des Kommentars auf zwei riesige Leinwände zu projizieren. Der Kunstgriff funktionierte. Die gut 1500 Zuschauer im großen Saal des Kongresszentrums schwiegen mit ihm und ließen die Wucht der Bilder auf sich wirken.
Photographs by Sebastião SALGADO / Amazonas images








