12.04.13 | 19:09 | 0 Kommentare

Der unberührte Planet

(Von Andrian Kreye) Die Wucht, mit der einem die Schwarzweißbilder von Sebastião Salgado begegnen, ist schwer zu beschreiben. In der Fotografie finden sich nur wenige Künstler, die solch eine Wirkung erzielen. Ansel Adams schaffte es mit seinen Landschaftsbildern aus Amerika. Mit Peter Paul Rubens Gemälde „Löwenjagd“ kommt man schon weiter, das einen in der Alten Pinakothek im Format von zweieinhalb mal fast vier Meter selbst im Kontext einer machtvollen Sammlung überwältigen kann. Die Emotionalität solcher Gesten findet man eher in der Musik, in Anton Bruckners 8. Symphonie etwa, die einen mit einem tragischen C-Moll überrollt, oder in Led Zeppelins monströser Interpretation von Kansas Joe McCoys und Memphis Minnies Flutkatastrophen-Blues „When The Levee Breaks“.

Das ist viel Pathos für ein Foto-Essay, eine Form, die normalerweise von der Nähe und einer subtilen Allgemeingültigkeit lebt. Pathos ist jedoch eine wichtige Facette in Salgados Arbeiten. Das beginnt schon mit der Wahl seines Themas. Seine beiden bisher größten Arbeiten handelten vom Verschwinden der körperlichen Arbeit und vom Verlust der Heimat auf der Flucht.

Bei seiner neuesten Arbeit „Genesis“ schlug das Pathos zunächst einmal in künstlerischen Größenwahn um. Der Planet Erde, so Salgado, sei zu 46 Prozent immer noch im unberührten Stadium des Schöpfungsbuches Genesis. Genau das wolle er abbilden, um die Menschheit an ihre Verantwortung für diesen Planeten zu erinnern. Der Größenwahn des Anspruchs, der ihm in den letzten Jahren oft vorgehalten wurde, relativiert sich allerdings nun, da das abgeschlossene Werk vorliegt. Sebastião Salgado ist das wohl ambitionierteste Projekt in der Geschichte der Fotografie furios gelungen.

528 Bilder umfasst die Publikumsausgabe des Buches, das auf englisch schon vorliegt und am 27. April auch auf deutsch erscheint. Die Beschreibung und Interpretation der einzelnen Aufnahmen würden einen eigenen Band füllen. Jedem Exemplar liegt ein 36-seitiges Heft bei, in dem der Hintergrund der Bilder erklärt wird. Das Spektrum reicht vom Eis der Antarktis über die Regenwälder und Savannen der Tropen bis in die Gebirge und Tundren des Nordens. Die Tierwelt ist vom stampfenden Elefantenbullen über den lauernden Jaguar, von den urzeitlichen Echsen bis zu feingliedrigen Äffchen in fast enzyklopädischer Vollständigkeit vertreten.

Bei den Menschen stößt er von den Urvölkern in den Regenwäldern seiner Heimat Brasilien und den Savannen Ostafrikas über die Viehzüchter im Sudan bis zu den ersten Siedlungsformen in Äthiopien weit über das Buch Genesis ins Alte Testament vor. Doch sein Blick bleibt radikal bei einem Planeten Erde, auf dem das Feuer gerade mal, das Rad aber noch nicht erfunden wurde. Die höchste Form menschlicher Zivilisation sind die Schlitten der Nenzen, die damit ihre Rentierherden im nördlichen Sibirien begleiten.

Nun arbeitet Salgado nicht nur mit Wucht. Das wäre bei einem Werk von solchem Umfang auch zu erschöpfend. Der Kralle eines Iguanas verleiht Salgado mit Bildausschnitt und Aufnahmewinkel eine subtile Geste, die das Projekt im Makrodetail auf einen Punkt bringt. Schützend und abweisend zugleich scheint die gepanzerte Kralle den Fels zu umfassen. Nun lag der Iguana am Ufer einer Galapagosinsel ja nur, um seinen Körper nach dem Abweiden der Algenfelder im kalten Pazifik im Sonnenschein wieder auf Betriebstemperatur zu bringen. Und doch ist die Geste unmissverständlich. So zieht sich durch die Bilder immer auch das Anliegen, nie bloß die Bewunderung für die Natur.

Eigentlich sind Landschaft und Tier fremde Sujets für Salgado. Bisher ging es in seinen Bildern fast immer um Menschen und ihre meist harten Schicksale. In seinen bekanntesten Bildern der Arbeitermassen in den schlammigen Kratern der offenen Goldmine von Serra Pelada wird die Mühsal der körperlichen Arbeit zu einem epischen Tableau des Leidens. Diesen zutiefst sozialkritischen Blick wird er auch in der Natur nie ganz los.

Es ist kein Zufall, dass die Aufnahme der Zügelpinguine, die auf einem Eisberg zwischen den Südlichen Sandwichinseln Argentiniens zu den wenigen Fotos gehört, die er für die Bebilderung von Zeitungsartikeln über „Genesis“ freigegeben hat. Die Allegorie auf die Zerstörung des Anthropozäns ist überdeutlich – langsam bewegen sich die Vögel in einer Reihe auf den Mahlstrom der Brandung zu, geraten ins Rutschen, während der erste schon mit einem Kopfsprung in die Gischt stürzt. Die Eismasse, die sich im Hintergrund noch in bedrohlichen Klüften gegen einen düsteren Sturmhimmel abzeichnet, wird auf den vorderen Schollen schon von Brechern zu filigranen Flächen geschliffen. Da muss man keine Bildwissenschaften bemühen, um das Untergangsszenario zu erkennen.

Zwischen seinem Anliegen und seiner Ästhetik entstand in Salgados Bildern oft ein Widerspruch. In Ihrem Buch „Das Leiden anderer betrachten“ schrieb Susan Sontag, in der Schönheit von Salgados Bildern verflüchtige sich das Leid ins Abstrakte. Und auch Ingrid Sischy kritisierte seine Bilder aus der Sahelzone im „New Yorker“ als Ästhetisierung des Elends.

Kann Salgado dies nun mit „Genesis“ überwinden? Er romantisiert das Archaische selten, rückt aber bei den Naturvölkern in einigen Aufnahmen in den zivilisationsfeindlichen Kitsch von Jean-Jacques Rousseaus Idee vom edlen Wilden. Mit ein Grund auch dafür, dass die großen amerikanischen Museen sich gerade scheuen, „Genesis“ auszustellen, weil Salgados Verklärung des Stammeslebens politisch korrekte Empfindlichkeiten stört.

Lieblich ist hier jedoch in der Regel nichts. Wenn er die Korowai im Dschungel von West Papua bei der Jagd begleitet oder die Rituale der äthiopischen Surma fotografiert, bildet er ihre Kulturen nicht als New-Age-taugliche Ideale ab, sondern als zwar schützenswerte, doch immer fremde Lebensformen. Nur bei den Zo’e im Amazonas geraten seine Bilder ein wenig ins Schwärmen. Da schwingt sich der Affenjäger allzu anmutig in die Bäume, wandelt das nackte Mädchen betont grazil über den Pfad. In der brasilianischen Heimat fehlt ihm da wohl der Abstand. Immerhin – als Kind wuchs Salgado auf einer Farm im brasilianischen Regenwald auf.

Acht Jahre lang fotografierte er in 32 Ländern für „Genesis“. Finanziert hatte er die Arbeit mit einer Sponsorship des brasilianischen Bergbauunternehmens „Vale“ und mit Vorverkäufen an Zeitschriften. Lange schon beherrscht Salgado solche Querfinanzierungen großer Projekte. Das hatte er gelernt, als er 1981 unerwartet zu einigem Geld kam. Er war Fotoreporter für die Agentur Magnum, als er zufällig dabei war, wie der Attentäter John Hinckley den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan niederschoss. Mit den Erlösen des historischen Fotos finanzierte er seine ersten Langzeitprojekte.

Die Präsentation von „Genesis“ ist nun ähnlich wuchtig wie das Werk selbst. Seit dieser Woche kann man 216 der Bilder im Londoner Natural History Museum sehen. Weitere Ausstellungen sind geplant. Bei Taschen erscheinen neben dem 520-seitigen Publikumsband zwei limitierte Sammlereditionen, die bei einem Kaufpreis von mehreren Tausend Euro sein „Instituto Terra“ finanzieren sollen, mit dem er an der Ostküste Brasiliens großflächig das Ökosystem des atlantischen Regenwaldes wieder aufbauen will.

Erstmals vorgestellt hatte er „Genesis“ Ende Februar beim Ideenfestival der „Ted Conference“ im kalifornischen Long Beach. Von dem Größenwahn, dem man ihm oft vorwirft, war dort nichts zu spüren. Salgado spricht mit der behutsamen Ruhe eines Mannes, der genau weiß, dass seine Arbeit viel zu groß ist, um sie in ein paar Slogans zu beschreiben. Zwischen all den Innovatoren, Investoren und extrovertiert Zukunftsbegeisterten wirkte er etwas verloren, eine anachronistische Forschergestalt mit kahlem Schädel und scharfem Profil.

Die Wirkung seiner Bilder kann der 69-jährige sehr gut einschätzen. So bestritt er seinen Vortrag über Strecken damit, seine gewaltigen Bilder ohne ein Wort des Kommentars auf zwei riesige Leinwände zu projizieren. Der Kunstgriff funktionierte. Die gut 1500 Zuschauer im großen Saal des Kongresszentrums schwiegen mit ihm und ließen die Wucht der Bilder auf sich wirken.

Photographs by Sebastião SALGADO / Amazonas images

18.03.13 | 23:15 | 1 Kommentar

Die Wanderheilige unserer Krise

(Von Andrian Kreye) Das Schwierige an importierten Befindlichkeiten ist normalerweise, dass sie auf Geschichten beruhen, die nicht die eigenen sind. Das können die Geschichten von Nationen genauso sein, wie die Geschichten von Generationen. Im Fall der amerikanischen Sängerin Amanda Palmer ist sogar beides der Fall. Man muss aber nicht wissen, dass sie neben ihrer Solo-Arbeit eine Hälfte des Punk-Cabaret-Duos Dresden Dolls ist, man muss auch ihre exaltierten Lieder nicht mögen, um zu verstehen, warum sie gerade zu einer der Schlüsselfiguren der Popkultur aufsteigt.

Amanda Palmers bisher größter Hit ist kein Song, sondern ein Vortrag mit dem Titel 'The Art of Asking' (Die Kunst des Bittens), den sie Ende Februar beim Ideenfestival Ted Conference in Long Beach hielt. Darin erzählt sie von ihrer Karriere, die sie als lebende Statue in Fußgängerzonen begann, und die sie nun ohne Hilfe von Platten- oder sonstigen Firmen vorantreibt. Dafür hat sie nach einem Streit mit ihrem Label ein Geschäftsmodell entwickelt, das vor allem darauf beruht, keine Geschäfte zu machen. Ihr letztes Album beispielsweise finanzierte sie mit einem kurzen Video, mit dem sie auf der Crowdfunding-Webseite Kickstarter ihre Fans um Geld bat.

1,2 Millionen Dollar bekam sie so zusammen. Auch ihre Tourneen lässt sie nicht mehr von etablierten Veranstaltern organisieren. Meist sind es Fans, die über soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook einen ihrer Auftritte möglich machen, weil sie Geld, Saal und Verstärker besorgen. Unterwegs steigt sie nicht in Hotels ab, sondern übernachtet bei meist unbekannten Anhängern. Dazu zeigte sie in Long Beach Bilder, auf denen sie vor selbstgekochten Buffets steht, auf Sofas und Matratzen schläft, sich von Fans bemalen lässt.

Wer die Diskussionen um das Urheberrecht und die digitale Kultur in den vergangenen Jahren verfolgt hat, wird da - je nach Lager - das Ideal oder das Horrorszenario der künftigen Kulturwirtschaft erkennen. Neigt man eher zum traditionellen Ansatz, dass Arbeit und Ware auch regulär bezahlt werden sollten, verspürte man während des Vortrages spätestens dann den Bauchknoten des Fremdschämens, als Amanda Palmer davon erzählte, wie sie bei einer Familie illegaler Einwanderer in Miami übernachtete. Als sie beschreibt, wie die Mutter sie am nächsten Morgen beiseite nimmt, und ihr sagt, wie wichtig Palmers Musik für ihre Tochter sei, stehen der Sängerin die Tränen in den Augen. Da gipfelt diese wohlformulierte Ballade von Selbstlosigkeit, Vertrauen und Rebellion gegen die Konsumgesellschaft in einer gewaltigen Ladung Pathos. Und doch haben über eineinhalb Millionen Menschen in den vergangenen drei Wochen das Video des Vortrages angesehen und zumeist begeistert kommentiert.

Mit einem Song wäre Amanda Palmer damit weit oben in den Charts. Als Mem beweist sie Instinkt für einen Zeitgeist, der weit mehr ist, als die Trotzhaltung, dass man für Musik nichts bezahlen will. Das Ideal des Teilens geht in den USA auf einen ganz spezifischen Moment der Geschichte zurück. Auf dem Höhepunkt der Depression der Zwanziger- und Dreißigerjahre gab es in ganz Amerika einen unvergleichlichen Geist der Solidarität. Während Europa und Russland diesen Geist von den Diktaturen aufgezwungen bekamen, formierte sich in den USA ein Gemeinschaftsgefühl, auf dem Präsident Franklin D. Roosevelt sein Reformpaket des New Deal aufbauen konnte. Oder verkürzt gesagt: In Amerika bekamen sie Bankenreformen und Rentenversicherungen, in Europa die Nazis und den Kommunismus.

In der Weltwirtschaftskrise des 21. Jahrhunderts, ist dieses Solidaritätsgefühl in Amerika, aber eben auch in Europa weitgehend verschwunden. Wer von Schulden erdrückt wird (in den USA als Bürger, in Europa als Staat), ist selbst schuld - hätte er eben nicht über seine Verhältnisse gelebt. Deswegen ist Amanda Palmer kein rein amerikanisches Phänomen.

Für eine Generation, die nicht nur mit den Schulden ihrer Vorväter leben wird, sondern auch mit dem Ende eines Wachstums, das bisher die Verbesserung des Lebensstandards von Generation zu Generation über mehrere Jahrhunderte automatisierte, wird Amanda Palmer so zu einer Art Wanderheiligen. Die Sängerin verkörpert gleich mehrere Ideale: Sie lebt ohne die Zwänge der Konsumgesellschaft, sie vertritt ein ethisch einwandfreies Wertesystem, sie ist ein Rockstar und sie macht all das durch das identitätsstiftende Internet möglich. Das ist keine Pose, sondern ein Kraftakt. Genau deswegen funktioniert ja auch ihr Pathos.

08.03.13 | 19:32 | 1 Kommentar

Hinter der Jetsons-Grenze



Einmal im Jahr treffen sich bei der Ted Conference in Kalifornien die vier Institutionen, die unsere Zukunft und unsere Werte prägen: Silicon Valley, Hollywood, die Naturwissenschaften und die Investorenzunft. Die Aussicht ist dort meistens – rosig

(Von Andrian Kreye - Videos sind von Ted Talks bei der Ted Conference 2013) Die Zukunft sieht manchmal sehr albern aus. Als Google-Gründer Sergey Brin im kalifornischen Long Beach die Bühne der Ted Conference betritt, hat er ein klobiges Brillengestell auf der Nase, bei dem die Gläser fehlen. Stattdessen hängt ein winziger Monitor über dem rechten Auge. Google Glass heißt das Gerät und sieht aus, als hätten Ingenieure versucht, Olivia Newton-Johns Aerobic-Stirnbänder für die retrofuturistische Welt der „Jetsons“ zu optimieren.

Bald schon kann man mit diesem Gerät die eigene Sicht auf die Welt via Nasenkamera nahtlos in die sozialen Netzwerke übertragen, gleichzeitig im Internet surfen und kommunizieren. Und das alles nur mit Blicken und Worten. Da geht es natürlich nicht nur um Technik. Es ist der ultimative Angriff auf den Apple-Konzern. Der hat mit seinen Geräten gleich zwei Mal nicht nur das Konsumverhalten, sondern auch die Gestik der computerisierten Weltbevölkerung grundlegend verändert. Erst mit dem Schritt vom Tippen zum Schieben, dann zum Wischen. Brin zieht ein Smartphone aus der Tasche und erklärt, es gäbe ja wohl nichts entwürdigenderes, als auf die eigene Hand zu starren. Googles Kampfansage: Schluss mit den Gesten. Mensch und Maschine werden eins.

Der Veranstaltungstitel „Technology, Entertainment and Design Conference“ führt zunehmend in die Irre. Ted ist kein interdisziplinäres Branchentreffen. Seit einigen Jahren ist Ted eine globale Medienmarke. Kern sind die Kurzvorträge während der Ideenfestivals, die nach den Konferenzen als Videos ins Netz gestellt werden und schon mehr als eine Milliarde Mal angesehen wurden. Das schaffte das „Gangnam Style“-Video zwar in ein paar Wochen, aber bei Ted werden anspruchsvolle, oft wissenschaftliche Themen verhandelt.

Bei der alljährlichen kalifornischen Ausgabe, dem Epizentrum von Ted, handelt es sich inzwischen um ein Gipfeltreffen, bei dem Silicon Valley, Hollywood, die Naturwissenschaften und die Investorenzunft den Stand der Dinge und der Zukunft prüfen. Der technisch-wissenschaftliche Status Quo dient dabei nur als Grundlage. Seit dem späten 20. Jahrhundert prägen genau diese vier Institutionen immer deutlicher die Werte und das Bild der Welt, auch wenn man diese Rolle immer noch lieber der Politik, der Philosophie und dem Glauben zuschreiben mag. Deswegen stellen sich dort auch Fragen, die viel größer sind, als die, wie wir in Zukunft unsere Elektrogeräte bedienen.

Zweifler haben es hier nicht leicht. Hin und wieder lässt Ted-Chef Chris Anderson zwei gegensätzliche Meinungen gegeneinander antreten. Gleich zu Beginn erklärt zum Beispiel der Ökonom Robert J. Gordon von der Northwestern University, dass das Wachstumsmodell der Wirtschaftswissenschaften nach 800 Jahren nun am Ende sei.

Das Wachstum sei ein phänomenaler Motor der Zivilisation gewesen, sagt er. Bis in die Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts hätten die Generationen den Lebensstandard ihrer Eltern jeweils verdoppeln können. Nun seien die Wachstumskurven rückläufig. Seit den Fünfzigern habe sich das Wachstum verlangsamt, vor sechs Jahren habe die Schrumpfung begonnen. Arbeitslosigkeit, Bildungskrise, Schuldenlasten und zunehmende Ungleichheit seien die vordergründigsten Ursachen.
Aber auch die Fortschritte des digitalen Zeitalters nähmen sich im Vergleich mit den Errungenschaften der industriellen Revolution geradezu lächerlich aus. Alleine die Elektrizität habe neben der enormen Produktivitätssteigerung auch die vertikale Stadt, die Besiedelung unwirtlicher Klimazonen und die Befreiung der Frau möglich gemacht. Der Verbrennungsmotor sei die Grundlage unseres Wohlstands, die Überproduktion von Nahrungsmitteln. Alleine in den USA habe man im 19. Jahrhundert noch ein Viertel allen bebaubaren Landes für Pferdefutter gebraucht. Solche Zivilisationssprünge hätten die digitalen und biologischen Technologien noch nicht geschafft.

Als Gegenspieler tritt der Direktor des Centers for Digital Business am MIT, Erik Brynjolfsson, an. Eigentlich kann er nicht überzeugen. Die Wachstumsfaktoren, die er ins Feld führt, sind die Gratisprodukte der Wissensgesellschaft wie Wikipedia, Twitter und Google, die Leistungen der künstlichen Intelligenz in Kombination mit dem Teamgeist der „crowd“, die enorme Geschwindigkeit, mit der sich digitale Technologien entwickeln. Gordon wendet ein, dass nichts davon direkten Einfluss auf den Lebensstandard der Weltbevölkerung habe. Das leuchtet ein. Doch das Publikum bleibt mit Applaus auf Brynjolfssons Seite.

Die Zweifel am technischen Fortschritt werden allerdings auch in den inneren Zirkeln von Wissenschaft und Technik immer deutlicher. In seiner Winterausgabe zeigte die MIT Technology Review ein Porträt von Buzz Aldrin auf dem Titel, dem zweiten Mann auf dem Mond, darunter die Zeile: „Ihr habt mir Kolonien auf dem Mars versprochen, stattdessen habe ich Facebook gekriegt“. Nimmt man „The Jetons“ als Messlatte, die ab 1962 als Bilderbuchfamilie im Science-Fiction-Idyll mit Haushaltsroboter und fliegenden Untertassen auf Sendung gingen, ist die Technologie wirklich noch nicht sehr weit. Ideen wie Google Glass hatten die Autoren von Groschenromanen und TV-Serien schon vor Jahrzehnten. Als der MIT-Professor Rodney Brooks seinen neuesten Industrie-Roboter Baxter vorführt, einen klobigen Blech-Golem von zwei Metern Höhe, der in der Fertigung eingesetzt werden soll, amüsiert sich die Komikerin Julia Sweeney: „Sieh da, ein Roboter, der Sachen hochheben kann!“ Und doch scheint die Wissenschaft gerade an mehreren Fronten die Jetsons-Grenze zu erreichen.

Stewart Brand zum Beispiel. Brand ist so etwas wie Hochadel im Silicon Valley. Als Schlüsselfigur der kalifornischen Hippiebewegung definierte er 1968 die politisch und ökologisch bewusste Zukunft des Konsums mit seinem „Whole Earth Catalog“. In den letzten Jahren verwirrte der studierte Ökologe seine Anhänger jedoch mit leidenschaftlichen Plädoyers für Atomkraft als Mittel gegen die Erderwärmung. An diesem Nachmittag aber stellt er ein Projekt vor, das er mit befreundeten Gen- und Biotechnikern betreibt: das „de-extinction project“. Mit Hilfe der Gentechnologie wollen Wissenschaftler ausgestorbene Arten nicht nur wieder ins Leben, sondern auch in die freie Wildbahn zurückholen.
Das Projekt ist längst keine Theorie mehr. In den USA wird die im späten 19. Jahrhundert von Vogeljägern ausgerottete Wandertaube rekonstruiert. In Spanien wurde der ausgestorbene Pyrenäensteinbock erfolgreich geklont. In Holland soll der Auerochse wieder auferstehen.

Noch verblüffender ist der Vortrag von Mary Lou Jepsen, die die Entwicklung von Bildschirmtechnologien bei Google leitet. Ziel ihrer Arbeit sei es derzeit, die Sprache als Mittler zwischen Gedanken und digitalen Medien zu überspringen. Moderne Hirnscan-Technologie mache es möglich. So habe man Testpersonen Bilderfolgen gezeigt und sie später wieder daran denken lassen. Neue Scanner zapfen diese Hirnströme an und übersetzen sie wieder in Bilder.

Jepsen zeigt Vorlage und Hirnscan. Der Scan besteht vor allem aus Farben und Pixeln. Und doch erkennt man schon ansatzweise die Umrisse und Flächen der Vorlage. Janet Baker, die in Cambridge Pionierarbeit für Spracherkennung geleistet hat, bestätigt später, das sei ein ganz neuer technologischer Schritt. Die Technologien, mit denen Ingenieure auf anderen Ted-Konferenzen verblüfften, weil man mit Hirnströmen Computerprogramme steuern kann, die gäbe es seit 40 Jahren. Aber was Jepsen da vorgeführt habe, sei radikal neu, selbst wenn das (visuelle) Signal-Rausch-Verhältnis noch bei über 90 Prozent liege.

Wer entscheidet dann, welche ausgestorbenen Arten wieder zum Leben erweckt werden? Wer verhindert, dass solche Hirnscanmethoden zur Überwachung eingesetzt werden? Wer wird genialische Köpfe wie den 17-jährigen Taylor Wilson im Zaum halten, der am selben Nachmittag erzählt, wie er in der Garage seiner Eltern mit 14 einen Fusions-Reaktor konstruierte, und der nun mit Kernspaltung experimentiert?
Im Silicon Valley, an den technischen Universitäten und in Hollywood stellen sich solche Fragen selten. Prinzipiell herrscht hier ein Geist, dass es selbstverständlich ist, nur das Beste für die Menschheit zu wollen. Das wurzelt in der Haltung des philanthropischen Auftrages, der ein unumstößlicher Teil der amerikanischen Identität ist. Man wolle die Fehler der Menschheit wieder gut machen, sagt denn auch Stewart Brand auf die Frage, was denn die Motivation sei, ausgestorbene Arten wieder zurückzubringen.

Der Glaube an das Gute im Menschen und der Wille, etwas dafür zu tun, ist verstärkt zum Leitmotiv der Ted Conference geworden, seit der britische Verleger Chris Anderson die Non-Profit-Organisation im Jahr 2001 gekauft hat. Anderson ist der Sohn eines Augenarztes, der in Indien, Pakistan und Afghanistan gearbeitet hat. Das prägte. Das Missionarische vieler Ted Talks geht einigen auch schon auf die Nerven. Wären die guten Taten nicht so wirksam.

Auftritt Bono. Der weiß um den Widerwillen gegen seine Person und gegen die allzu gut gemeinten Ted Talks. „Das hier ist doch das ideale Forum für meinen Messias-Komplex“, witzelt er gleich zu Beginn und macht sich später noch einige Male über sein Rockstar-Gehabe lustig. Aber dann kommen die Fakten. Mit seiner Wohltätigkeitsorganisation One hat er mitgeholfen eine magische Zahl zu halbieren – extreme Armut, unter die alle Menschen fallen, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen, habe sich von 1990 bis heute von 43 auf 21 Prozent der Weltbevölkerung halbiert. Das Ziel sei: null Prozent bis 2028. Das sei realistisch. Und natürlich nicht das Ende der Armut. Aber auch die harten Zahlen wie Kindersterblichkeit und Hungertote reduzierten sich dabei.

Als Ben Affleck zwei Tage später frisch von seinen Oscar-Feiern mit Musikern des Kinshasa-Symphonieorchesters auftritt, um Werbung für seine Arbeit im Ostkongo zu machen, scheint sich schon eine neue Konkurrenz der Giganten anzubahnen. Denn auch das gehört zum Geiste Kaliforniens: Der Weg zu den „last frontiers“, den letzten Grenzen der Menschheit, ist auch immer ein Wettlauf.

21.10.12 | 19:00 | 3 Kommentare

Eine Reise ins Innere des Internets

Zwei Jahre lang reiste der Architekturkritiker Andrew Blum an Orte, an denen das Internet physisch zu sehen ist – zu Kabelstrecken, Knotenpunkten, Serverfarmen.

(Von Andrian Kreye) Warum haben Sie sich damals auf den Weg gemacht?
Andrew Blum: Als ich meine Reise begann, habe ich vor allem über Architektur geschrieben und mir kaum noch Gebäude angesehen. Ich habe mein Leben fast ausschließlich vor dem Bildschirm verbracht. Irgendwann stieß mir auf, dass sich unser Raumgefühl in den letzten 15 Jahren dramatisch verändert hat. Seit Zehntausenden von Jahren haben wir auf unsere direkte Umgebung geachtet. Jetzt sind wir ständig an zwei Orten gleichzeitig – im Netz und in der physischen Welt. Aber niemand redet über die physischen Realitäten des Internets hinter dem Bildschirm. Wir haben das Netz selbst vergessen und glauben an diese verführerische Phantasie, dass das alles irgendwie von Zauberhand geschieht.

Was haben Sie gefunden?
Meine größte Herausforderung war, Orte zu finden, an denen das Internet so etwas wie eine greifbare Schönheit besitzt. Meistens bin ich ja in irgendwelche anonymen Gebäude gegangen, die kein Schild an der Tür hatten und von Parkplätzen umgeben waren. Und wenn ich dann durch eine verriegelte Tür nach der anderen gegangen bin, war das meist so, als ob man das Innere einer Maschine betritt. Da ist es laut und kalt und meist sieht man die Decke nicht mehr, weil sie von Kabeln verdeckt wird. Dann gibt es dort Stahlkäfige, in denen kühlschrankgroße Router stehen, an denen Lichter blinken und die über Kabelbäume mit den Routern in anderen Käfigen verbunden sind.

Wo fanden Sie da die Schönheit?
Die Schönheit liegt zum Beispiel darin, wie diese Orte buchstäblich mit der Erde verbunden sind. Da manifestiert sich dann dieser wirklich schöne Gedanke, dass das Internet, von dem wir glauben, dass es überall sein kann, an einem sehr spezifischen Ort angesiedelt ist. Einer der schönsten Orte auf meiner Reise war die Glasfaserkammer im Equinix-Gebäude in Ashburn, Virginia, in dem sich mehr Netzwerke verbinden als irgendwo sonst auf der Welt. Das ganze Gebäude ist auch so eine laute, kalte Maschine. Doch dann öffnet man eine Tür und es ist heiß, große Röhren mit Kabelsträngen kommen direkt aus dem Boden, und wenn man sich da hineinbeugt, kann man die Tonerde von Virginia riechen. Und dort ist das unfassbare Durcheinander des Netzes mit der Erdkruste verbunden.

Wie haben Sie Ihre Reise geplant?
Ich habe mich auf die unteren Ebenen des sogenannten OSI-Schichtmodells konzentriert. Schicht null ist der Boden, Schicht eins ist Glas, Schicht zwei ist Licht, Schicht drei ist die erste Protokollebene, die Schichten vier bis sieben sind dann all die Dinge wie TCP/IP, POP, IMAP oder HTML – die Ebenen, auf denen das Internet kommuniziert, darstellt, funktioniert. Meist war ich also in den Schichten null und eins unterwegs, den physischen Ebenen.

Wo liegen denn die Unterschiede zwischen dem physischen Internet und dem Telefonnetz?
Die überschneiden sich. Der entscheidende Unterschied ist, dass das Telefonnetz noch hierarchisch von oben aufgebaut wurde, von großen Telefongesellschaften wie der deutschen Telekom, BT oder AT&T. Die Knoten und Netzstrecken des Internets entstanden dagegen eher spontan.

Kann man so eine Infrastruktur noch kontrollieren?
Nur schwer. Aber es handelt sich ja um einen Verbund autonomer Netzwerke, deren Hauptinteresse es ist, sich mit anderen Netzwerken zu verbinden. So manifestiert sich da dieser libertäre Gedanke, dass jedes Netzwerk nur in der Verbindung mit anderen Netzwerken funktionieren kann. Das findet sich dann im Kodex der Netzwerkingenieure wieder, deren Motto lautet: Mach das Internet nicht kaputt.

Könnte man das Internet denn kaputt machen?
Je weiter man im OSI-Schichtenmodell nach oben geht, desto komplexer und anfälliger wird es. Da gibt es den berühmten Fall der Pakistan Telekom. Aus irgendeinem Grund sollte ein Ingenieur dort Youtube blockieren. Der hat dann aber anstatt einfach die Seite zu blockieren das so programmiert, dass alle Anfragen für Youtube zur Pakistan Telecom umgeleitet wurden. Diese Information hat sich dann über die Router innerhalb von Minuten rund um die Welt verbreitet. Weil Router eben so funktionieren – die sagen letztlich „hier bin ich und das sind die Leute hinter mir“. Und weil das Netzwerk auf einem digitalen System des Vertrauens aufgebaut ist, haben weltweit alle Router das auch geglaubt, und jeder, der Youtube aufgerufen hat, landete bei Pakistan Telecom. Das hat ein paar Stunden gedauert, dann war das wieder repariert.
Wenn das auf so einem System beruht, gibt es da unter Netzwerkingenieuren einen besonders ausgeprägten Ethos?
Ingenieure würden kaum sagen, dass sie ethisch vorgehen, sie nennen das operativ.
Aber sie sind sich bewusst, dass sie zu einem größeren Ganzen gehören?
Absolut.
Wie viele solcher Netzwerkingenieure gibt es denn?
Das ist eine sehr kleine Gruppe. Ein paar hundert vielleicht weltweit. Und die kennen sich alle. Das ist wichtig. Die treffen sich auf den Konferenzen der North American Network Operators’ Group oder auf den Konferenzen solcher Organisationen in Europa, Asien oder Afrika und trinken Bier zusammen. Ich war in Texas auf so einer Konferenz.

Was ist das für ein Menschenschlag?

Klassische Geeks. Unfassbar intelligent und sehr selbstbewusst, was diese Intelligenz betrifft. Da herrscht dann auch so eine Gladiatorenkampfstimmung, weil jeder von ihnen glaubt, dass sie genau wissen, wie man am besten vorgeht.

Gibt es denn noch viele Experimente?
Permanent. Deswegen ist es ja auch so wichtig, dass die Bier miteinander trinken. Damit sie im Falle, dass etwas nicht funktioniert, sofort wissen, wem sie eine SMS schicken müssen. Auf unseren Bildschirmen sieht es zwar immer so aus, als passiere alles im Netz automatisch, aber in Wahrheit funktioniert alles nur, weil zwei Kerle in Texas zusammen ein Bier getrunken haben.

Und die betreiben den Backbone des Internets?
Auch das hat sich in den letzten zehn Jahren geändert. Das Netz ist feinmaschiger geworden. Einige Anbieter von Inhalten sind inzwischen selbst globale Netzwerke geworden. Google, Microsoft und Facebook betreiben ihre eigenen Netze und sind so zu ihren eigenen Backbones geworden. Deswegen sind die Knotenpunkte so wichtig geworden.

Wie viel Aufwand betreiben diese Firmen denn beim Aufbau und Betrieb von physischen Infrastrukturen?
Ich war bei Microsoft und dort arbeiten von 90 000 Mitarbeitern ein paar Hundert in deren Global-Network-Abteilung. Dabei sind die Kabel, die da durch die Ozeane gezogen werden, eher klein. Google und Facebook arbeiten derzeit vor allem daran, riesige Datenzentren in die entferntesten Winkel des Planeten zu stellen.

Warum so abseits?
Das hat ganz einfache Gründe. Ich war in Facebooks Datenzentrum in Oregon. Das ist eine rund 30 000 Quadratmeter große Halle voller Server und Router. Wenn man eine Facebookseite aufruft und ein Bild einstellt, dann läuft das dort zusammen. Und dann gibt es noch das neue Datenzentrum in Schweden, nicht einmal hundert Meilen vom Polarkreis entfernt. In solchen Gegenden kann man diese Anlagen sehr effizient betreiben, weil man buchstäblich das Fenster aufmachen und die kalte Luft zur Kühlung benutzen kann.

Brauchen solche Zentren nicht trotzdem enorme Energiemengen?
Ja, das Zentrum in Oregon verbraucht so viel Energie, wie der gesamte Landkreis, wo es steht. Auch wenn das ein sehr ländlicher Landkreis ist. Das liegt in der Größenordnung von 30 bis 40 Megawatt.

Haben Sie jenseits der Gebäude Strukturen gefunden, mit denen man das Internet als Gesamtprojekt begreifen kann?
Was mich wirklich erstaunt hat, war, dass die physische Infrastruktur den alten Handelsrouten folgt. Die Unterseekabel verbinden dieselben Orte, die schon immer miteinander verbunden waren – New York, Lissabon, Mombasa, Mumbai, Singapur. Im Landesinneren sind es auch die traditionellen Handelsstädte – Frankfurt, Guangdong. Ein paar Ausnahmen gibt es natürlich, wie Equinix in Ashburn, Virginia. Da hat der Firmengründer Jay Adelson eben ein Stück Land gekauft.

Wenn das Internet eine globale, aber überschaubare Infrastruktur mit einigen wenigen Knotenpunkten ist, ist es dann nicht doch sehr anfällig?
Nicht so anfällig, dass man schlaflose Nächte haben müsste. Die wichtigen Verbindungspunkte sind entweder in sehr großen Gebäuden, oder sie ersetzen einander. Nehmen Sie Frankfurt – das zentrale Gebäude ist im Westen der Stadt, aber es gibt noch eines im Osten. Es gibt also einen Back-up. Und selbst wenn Frankfurt komplett überschwemmt würde, dann würde Amsterdam einspringen und Paris. Genauso wie Virginia einspringen würde, wenn es ein Erdbeben in Kalifornien gäbe. Nur wenn es gleichzeitig ein Erdbeben in Kalifornien und eine Überschwemmung in Frankfurt gibt, dann wird es kritisch. Als es 2006 ein großes Erdbeben in Taiwan gab und sechs Unterseekabel durchtrennt wurden, gab es wirklich mehrere Wochen lang in Teilen Südostasiens kein Internet. Irgendwann lenkte sich das Internet dann selbst um und die Kabel wurden dann auch repariert. Aber dieses Umlenken funktionierte eben dadurch, dass ein Typ in Los Angeles ein Kabel aussteckte, quer durch einen Raum lief und es auf der anderen Seite wieder einsteckte.

Foto: Facebooks Prinevill Data Center in Oregon/afp

26.09.12 | 08:39 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Clay Shirky – How the Internet will (one day) transform government

05.09.12 | 20:28 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Bob Neuwirth über Schattenwirtschaft

07.07.12 | 22:07 | 0 Kommentare

Die Welt bleibt jetzt rund

Transparenz und Offenheit sind die Maximen der globalisierten Welt – das Ideenfestival Ted fragt warum

(Von Andrian Kreye) Es wirkt immer etwas verdächtig, wenn Schlagworte zu Maximen werden. Momentan sind Transparenz und Offenheit auf dem besten Weg zum Credo für Wirtschaft und Politik aufzusteigen. Dass sich das Ideenfestival Ted Conference in der vergangenen Woche damit in Edinburgh beschäftigte, lag nahe. Wikileaks-Gründer und Transparenz-Hardliner Julian Assange hatte bei einer Ted Conference in Oxford vor zwei Jahren quasi sein Debüt auf der Weltbühne. Wenige Wochen später veröffentlichte er die diplomatischen Depeschen aus Amerika und formulierte eine Ideologie der Transparenz, die letztendlich auch zum Erfolg der Piratenpartei führte. Zeit also für eine Bestandsaufnahme mit dem Titel „radical openness“.

Auftritt Ellen Jorgensen. Die Molekularbiologin gilt als Mutter der Biopunk-Bewegung. Sie sieht aus, als habe sie irgendwann mal in einer dieser klugen, aber lauten New Yorker Bands wie Sonic Youth oder den Pixies gespielt – akkurater Mittelscheitel, darunter der strenge Blick subkultureller Weisheit. Sie berichtet von ihrem Labor „GenSpace“ in Brooklyn. Da betreibt sie mit Amateuren und Teenagern „Do-it-yourself-Biotech– Biohacking“. Letztlich geht es darum, Genetik so zu verstehen wie einen Computer. Man könnte sich noch auf die Analogie einlassen, dass die DNA letztlich die ultimative Programmiersprache ist. Das tut Jorgensen nicht. Stattdessen zeigt sie, dass die Entwicklungskurve der Biotechnologie noch viel steiler ist als die der Informatik. Vor zwölf Jahren kostete die Entschlüsselung des ersten Genoms noch drei Milliarden Dollar. Heute ist das für unter tausend zu machen. Die radikale Offenheit kommt also zwangsläufig. Jorgensen sagt, es sei besser, die breite Bevölkerung verstehe die Materie und könne damit umgehen. Ignoranz hilft schließlich niemandem.

In Europa ist das Ideenfestival Ted Conference noch nicht ganz so bekannt. Das Prinzip ist ja einfach: eine Idee, eine Bühne, ein Mikrofon, ein Projektor und eine gute Viertelstunde Zeit. Nach der Konferenz wird eine Aufzeichnung des Vortrags ins Internet gestellt. Da haben diese sogenannten „Ted Talks“ oft einen Erfolg, den sonst nur Popsongs haben. Die Anwältin Susan Cain erzählte im Februar bei der kalifornischen Ted Conference davon, wie schwierig es ist, als introvertierter Mensch in einer Welt zu leben, die von Extrovertierten dominiert wird. Eine halbe Million Menschen haben sich diesen Vortrag seither angesehen. Als Popsängerin wäre sie damit in den Hitparaden. In Europa ist die Form des komprimierten Intellektualismus noch verdächtig. In den USA hat sie Tradition. Die Zeitschrift New Yorker findet in ihrer aktuellen Ausgabe die Wurzeln von Ted in den Vortragstourneen des Philosophen Ralph Waldo Emerson.

Weil die Ted Conference ihre Wurzeln im Silicone Valley hat, wo der Konferenzgründer Richard Saul Wurman Anfang der achtziger Jahre beobachtete, dass Technologie, Entertainment und Design (T.E.D.) eine neue Einheit bilden, ist die vorherrschende Stimmung eine leicht euphorisierte Zukunftsgläubigkeit. Sie bestimmt auch die Woche in Edinburgh. Das ist auch sicher der große Reiz an der Ted Conference. Aber so einfach machen es sich die Chefkuratoren Chris Anderson und Bruno Giussani dann doch nicht, schon gar nicht im skeptischen Europa. Einer der ersten Sprecher findet dann auch einen ganz anderen Begriff für die radikale Offenheit, die derzeit auf allen Ebenen Einzug hält. Tim Leberecht von Frog Design erzählt vom Kontrollverlust. Der sei unabwendbar. Sein Fazit: Design für den Kontrollverlust. Offensiv angehen, was nicht vermeidbar ist.

Ted ist ein gutes Beispiel für solch einen gewollten Kontrollverlust. Mit einem Eintrittsgeld von rund fünftausend Euro bleiben die Konferenzen vor allem Festivals für intellektuell neugierige Eliten. Im Publikum – viele Unternehmer, einige Stars. Auf der Bühne – Wissenschaftler, Aktivisten, Intellektuelle. Erst kam die Entscheidung, die Videos gratis ins Netz zu stellen. Die wurden bisher 80 Millionen Mal angesehen. Dann wurde die Marke selbst entfesselt. Wer will, kann eine TedX-Lizenz beantragen und selbst so eine Konferenz veranstalten. 2009 startete das Experiment. Inzwischen gab es über viertausend TedX-Konferenzen in 133 Ländern. Der Erfolg ist immens. Ted wandelte sich in drei Jahren vom Elitenforum zur Weltmarke. Ein Modellfall? Viele träumen solche Strategien schon. Gerade Medienkonzerne finden das Vorbild Ted sehr verlockend. Chefkurator Chris Anderson räumt ein, Ted ist ein gemeinnütziger Verein und muss als solcher keine Profite machen. Da fällt radikale Offenheit schon leichter.

Hinter den Schlagworten versteckt sich dann doch eine handfeste Entwicklung. Auftritt James Stavridis, amerikanischer 4-Sterne-Admiral und derzeit Kommandeur der Nato. Inmitten der kalifornisch-europäischen Lässigkeit wirkt er in der gestärkten Uniform und mit seiner geometrischen Gestensprache wie ein Polka-begeisterter Unteroffizier, der Robin Williams im Film „Good Morning Vietnam“ das Leben schwer macht. Der Admiral erzählt davon, dass Mauern als strategische Allegorien nicht mehr funktionieren. Brücken müsse man nun bauen, um Sicherheit zu schaffen. Beispiel organisiertes Verbrechen – Piraten rauben jährlich Güter im Wert von 10 Milliarden Dollar. Die kann man mit Kanonenbooten verfolgen. Cybercrime hingegen hat eine Dimension von 3 Trillionen erreicht. „Da nützen uns die Waffen des 20. Jahrhunderts nicht viel.“

Wenn Transparenz und Kontrollverlust unvermeidlich sind, welche Regeln gelten dann? Internet-Visionär Don Tapscott findet vier Grundregeln. Zusammenarbeit. In einer vernetzten Welt schafft das nur Mehrwert. Offenheit. Wer versucht, sich gegen Transparenz zu wehren, kann nur verlieren. Teilen. Hätte die Musikindustrie die neue Kultur des Miteinander verstanden, hätte sie Lösungen finden können. Ermächtigung. Wenn die neuen Technologien den Massen neue Macht verleihen, sollte man sie nicht bremsen, sondern fördern, um Teil der Bewegung zu bleiben.

Nichts wirkt auf einer Ted Conference so gut, wie ein fundierter Skeptiker. Der Wirtschaftswissenschaftler Pankaj Ghemavat tritt gegen die beiden populärsten Globalisierung-Theorien an. Gegen Paul Krugmans These, die Welt sei flach, also letztgültig internationalisiert. Gegen Naomi Kleins Theorie, die globalisierte Welt werde von multinationalen Banken und Konzernen beherrscht. Er nennt vier Werte. Von allen Telefonanrufen weltweit seien immer noch 98 Prozent innerhalb eines Landes. Die Zahl der Auswanderer beträgt weltweit 3 Prozent. Der Anteil internationaler Investments liege bei zehn Prozent. Das Verhältnis von Exporten zum Bruttosozialprodukt liege im internationalen Schnitt bei 20 Prozent. Die Vernetzung und damit einhergehende Öffnung findet vor allem in unseren Köpfen statt. Die Welt ist also – rund.



"RADICAL OPENNESS" - for TEDGlobal 2012 by @Jason_Silva from Jason Silva on Vimeo.

11.03.12 | 16:48 | 1 Kommentar

Das Woodstock der Ideen

Fünf Tage Reizüberflutung: Ein Besuch auf der  Ted Conference, dem Weltgipfel der Optimisten

(März 2012, von Andrian Kreye) 

Die Regeln für die Redner des Ideenfestivals Ted Conference sind einfach – eine Idee, eine Bühne, eine Projektionsfläche, eine gute Viertelstunde Zeit. Und schon geht’s los. Die Konkurrenz ist hart. Die meisten, die hier vortragen haben sich im Leben längst bewiesen. Sie haben Bestseller, Professuren, Patente, Nobelpreise oder Milliarden vorzuweisen. Das garantiert hier aber nicht unbedingt Erfolg. Die 1500 Besucher der Konferenz sehen 90 Auftritte in vier Tagen. Wer in einer solch fulminanten Reizüberflutung bestehen will, muss überzeugen.

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Auftakt der Ted 2012: Der Physiker Brian Green erklärt das Prinzip des Multiversums. Dazu muss er aber zuerst noch die Stringtheorie erklären. Die mit den Elementarteilchen. Unser Universum ist nur eines von vielen. Manche bestehen, manche klappen zusammen. Schnell noch ein astrophysikalischer Witz. Alles verstanden? Rauschender Applaus. Ist das die letztgültige Verflachung der Wissenschaften? Der Übervater der amerikanischen Gegenkultur Stewart Brand lächelt über solch europäische Skepsis. „Das wissenschaftliche Entertainment hat in Amerika eine lange Tradition“, sagt er. Im 19. Jahrhundert gingen Wissenschaftler auf Tour und sprachen vor zahlendem Publikum. Wie Popstars.

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Auf die Frage, was auf der Ted Conference eigentlich verhandelt wird, gibt es keine einfache Antwort. Angelsächsische Kollegen haben immer wieder ein paar Schlagworte ins Spiel gebracht – Woodstock der Ideen, Davos der Optimisten, die Feriencamps für Millionäre. Das Kürzel steht für Technology, Entertainment und Design, aber das galt für die Teds der neunziger Jahre, als sie noch ein Treffen der Silicon-Valley-Elite in Monterey war. Inzwischen findet die Ted im kalifornischen Long Beach statt und der Themenkreis wurde um Natur- und Geisteswissenschaften, Menschenrechte, Film, Musik und Kunst erweitert.

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Wenn das hier Woodstock ist, dann ist Peter Diamandis der Jimi Hendrix des Optimismus. Sein Sprachfluss bebt vor Tatendrang. Diamandis ist Kind griechischer Einwanderer aus der Bronx. Im zivilen Leben betreibt er Firmen für zivile Raumfahrt, die Singularity University und die X-Prize-Stiftung, welche Millionenpreise für Ingenieure vergibt. Er hat gerade ein Buch mit dem Titel „Abundance“ geschrieben – Überfluss. Damit meint er das Potential unseres Planeten, Überfluss zu produzieren. Für jedes Problem der Menschheit kann es eine technologische Lösung geben. Fortschritt sei schon lange nicht mehr aufzuhalten. Beweise? Ein Afrikaner mit Handy hat Zugang zu mehr Informationen, als einst US-Präsident Ronald Reagan. Es gilt – das Credo des Machbaren.

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Long Beach ist nicht unbedingt der ideale Ort, um sich Gedanken darüber zu machen, ob es einen Intellektualismus des 21. Jahrhunderts gibt und welche Rollen das Internet und die Naturwissenschaften dabei spielen. Long Beach besteht vor allem aus dem Verladehafen der Stadt Los Angeles und einem Downtown, in dem sich überdimensionierte Hotel- und Bürotürme um kaum befahrene Schnellstraßen und ein verwaistes Kinocenter gruppieren. Aber weil in der örtlichen Kongresshalle einmal im Jahr das Ideenfestival Ted Conference stattfindet, ist Long Beach nun neben den Skiorten Davos und Aspen die wichtigste Station auf der Route des Wanderzirkus mächtiger und kluger Menschen, die sich Gedanken um die Welt und um die Zukunft machen.

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Wer Glück hat, wird auf eines der privaten Essen eingeladen, die am Rande der Ted Conference stattfinden. Peter Diamandis lädt zum Italiener L’Opera. Er stellt seinen nächsten Preis vor – zehn Millionen Dollar für das Team, das ein tragbares Diagnosegerät entwickelt, mit dem man das Gesundheitswesen revolutionieren kann. Er hat mächtige Freunde, die gekommen sind, um ihn zu unterstützen. Amazon-Chef Jeff Bezos. MIT-Media-Lab-Gründer Nicholas Negroponte. Google-Chef Larry Page. Hollywoodstar Cameron Diaz.

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Der allgegenwärtige Optimismus im Saal, in den Gängen, in den Lounges und auf den Partys hat sicher etwas mit diesem Credo des Machbaren zu tun, das sich durch so viele Vorträge zieht. Aber auch damit, dass sich das Publikum immer noch zu einem großen Teil aus der kalifornischen Elite rekrutiert. 7500 Dollar kostet der Eintritt. Das reduziert das Zielpublikum. Verdient wird nichts. Träger der Ted Conference ist eine Stiftung. Die finanziert mit den Einnahmen all die Projekte, die aus der Konferenz in den letzten Jahren eine Marke gemacht haben – die Videoplattform im Netz, die TedX-Ableger, die jeder veranstalten kann, der sich an ein paar Regeln hält, die Fernseh- und Radiosendungen, die E-Books, der Preis, die Stipendien, das TedEd-Bildungsprogramm auf Youtube, das am Montag online gehen wird. Das hat Ted zu einem Dreigestirn gemacht – Konferenz, Prädikatssiegel, Massenmedium für Ideen.

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Die Chefgründer der großen Digitalkonzerne sind fast alle auf der Konferenz. Die Nähe zum Weltwirtschaftsmotor Silicon Valley kann auch bedrücken. Der Buchdesigner Chipp Kidd wagt, eine Lanze für den Anachronismus zu brechen. Er zeigt den Buchumschlag, den er für Orhan Pamuks „Rot ist mein Name“ gestaltet hat. Die Liebenden verbergen sich auf dem Buchrücken. Der Sultan lugt vom Umschlag herüber. Sie sind entdeckt. Weiter geht es im Text. „Versuchen Sie das mal auf einem Kindle“, sagt Kidd. Und wiegelt gleich wieder ab. Er fände E-Books natürlich sehr praktisch und habe auch gar nichts gegen sie. Muss er das sagen? Als Buchgestalter?

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Hin und wieder reicht es dann aber auch mit der Machbarkeit. Dann tritt der Optimismus in die Kulisse. Etwa beim Auftritt der Friedensnobelpreisträgerin Leymah Gbowee. Sie erzählt vom Krieg, den Mädchen, den Vergewaltigungen in ihrer Heimat Liberia und schließt mit einem Appell: Gebt Mädchen den Raum, zu lernen und sich zu entfalten. Sie können der Motor der Entwicklung sein. Oder beim Vortrag von Al Gores Klimaberater James Hansen. Er prophezeit einen Temperaturanstieg von sechs Zehntelgrad Fahrenheit. Das entspräche der Energie von 400 000 Hiroshima-Bomben. Oder beim Auftritt des einstigen Greenpeace-Chefs Paul Gilding. Er sagt: Unser Planet ist voll. Kein Platz mehr. Keine Ressourcen. Wir brauchen eineinhalb Erden, um unser Wirtschaftssystem aufrechtzuerhalten. Der Erde ist unser Fortschritt egal. Sie verhandelt nicht.

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Widersprüche gibt es immer wieder. Chris Anderson bittet den Hyperoptimisten Peter Diamandis und den Turbopessimisten Paul Gilding gemeinsam auf die Bühne. Sie sollen sich streiten. Sie bleiben anderer Meinung. Und doch scheinen sie nur zwei Schritte des klassischen Dreisatzes jeder Problemlösung zu sein. Gilding erkennt die Probleme. Diamandis die Lösung. Leute, die solche Lösungen umsetzen, gibt es hier sowieso genug.

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Andere Widersprüche lassen sich nicht so leicht auflösen. Soll die Friedensnobelpreisträgerin Gbowee auf derselben Veranstaltung auftreten, wie Regina Dugan, die Darpa leitet, die Forschungsabteilung des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Darpa muss man nicht schönreden. Das ist die Waffenschmiede der Zukunft. Zivile Nebenprodukte der Darpa: das Internet, GPS, Impfstoffe. Dugan zündet ein Feuerwerk der jüngsten Projekte. Eine Flugdrohne mit Höchstgeschwindigkeit von Mach 20. Die könnte in elf Minuten von New York nach Kalifornien fliegen. An jeden anderen Ort der Welt in weniger als 60 Minuten. Eine Miniaturdrohne, die wie ein Kolibri aussieht und fliegt. Ein Super-GPS, das Blitzschläge als Leitpunkte nutzt. Chris Anderson fragt Regina Dugan nach dem Vortrag vorsichtig – die Zuladung der Mach-20-Drohne, das seien wohl nicht nur Kameras? Sie schüttelt den Kopf.

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Weiter geht’s in der Innovationsrunde. Vijay Kumar entwickelt an der University of Pennsylvania handgroße Hubschrauber, die in Formation fliegend handwerkliche und Aufklärungsarbeiten verrichten können. Wieder die Frage – fürs Militär? Oder den Katastrophenschutz? Sind in Amerika oft ein und dasselbe. Donald Sadoway vom Massachusetts Institute of Technology skizziert auf einer Schiefertafel das Grundproblem der Solarenergie, das Speichern. Hat er aber gerade mit seiner Flüssigmetallbatterie gelöst.

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Auch der Techno-Utopismus will gebrochen werden. Moralforscher Jonathan Haidt erklärt die Rolle der Religionen in der Evolution. „Sind Sie spirituell?“, fragt er das Publikum. Die Hälfte hebt die Hand. Haidt sagt, das Heilige habe die Zivilisation begründet, nur das Heilige vermag die Menschen zu überlebensfähigen Gruppen zu verbinden.

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Psychologe Steven Pinker und seine Frau, die Philosophin Rebecca Newberger, stellen dann das Gegenmodell auf. Nur die Vernunft habe die menschliche Zivilisation ermöglicht. David Hume, John Locke, Mary Astell, Sebastian Castellio werden zitiert.

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Kulturprogramm am Rande. Der Organist Cameron Carpenter reißt das Publikum mit frenetischen Kadenzen von den Sitzen. Das American Ballet Theatre tanzt Choreographien von Twyla Tharp. Die Soulsängerin Meklit Hadero singt zur Wandergitarre. Abigail Wahburn spielt Banjo. Die Auswahl erinnert an die eklektischen Programme öffentlich rechtlicher Sender wie das amerikanische National Public Radio oder Deutschlandradio Kultur. Bewährt Akustisches aus aller Welt.

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Je schneller Ted wächst (700 Millionen Zugriffe auf die Ted-Talk-Videos, innerhalb von drei Jahren, über 3200 TedX-Ablegerkonferenzen in 126 Ländern), desto stärker wird der Gegenwind. Der Literatenblog The New Inquiry findet die Macht der Ted Conference beunruhigend. Der Wissenschaftsjournalist Kent Sepkowitz schreibt, Ted-Konferenzen reduzierten Intellektualismus zu „Smart Style“. Ein Akademiker verflucht den Konferenzbetrieb im Kielwasser der Ted. Zu viele wirklich große Akademiker seien viel zu sehr damit beschäftigt, Bestseller zu schreiben und sie auf Konferenzen zu vermarkten, um noch ordentlich zu forschen. Verfechter entgegnen: Noch nie gab es in Amerika eine so massenkompatible Plattform für komplexe Themen. Das ist kein intellektueller Salon. Der Slogan lautet „Ideas worth spreading“. Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden.

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Am Ende der Woche stellt sich ein Zustand mentaler Erschöpfung ein. „Ted Lag“ nennen sie diesen Kater der Reizüberflutung. Nachdenken müssen sie später.

 

Foto: James Duncan Davidson

01.03.12 | 20:07 | 0 Kommentare

TED 2012 #2

Ähnliche Fragen stellen sich bei neuen Technologien oft, aber selten so deutlich - Feuerwehr oder US Marines?

01.03.12 | 20:03 | 0 Kommentare

TED 2012 #1

Paul Gilding und Peter Diamandis direkt hintereinander auftreten zu lassen, brachte den manisch-depressiven Subtext der TED-Konferenz perfekt auf den Punkt.

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