27.10.11 | 11:02 | 0 Kommentare

Data Journalism

IndiaSatteliteNASA

Derzeit macht ein hübsches Satellitenbild von Indien die Facebook-Runde, das angeblich den Subkontinent während des derzeitigen Lichtfestes Diwali zeigt.

In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Bild um ein Data Journalism composite, das die zunehmnde Elektifizierung Indiens von 1992 bis 2003 darstellt. Weisse Beleuchtung ist die Beleuchtung, die es schon 1992 gab, blau die Beleuchtung die 1992 dazukam, grün 1998, rot 2003. Es handelt sich also keineswegs um Feuerwerke.

Originalquelle ist die sciencephotogallery - hier.

Ach der Schwarmgeist, würde eine aggressive Schwellenlandregion so gerne ethnozentrisch verniedlichen. Weil so ein Lichtfest natürlich sehr viel hübscher ist, als die rapide technische Entwicklung eines vormals unterentwickelten Landes.

Abb.: NOAA/SCIENCE PHOTO LIBRARY

18.10.11 | 12:23 | 0 Kommentare

Martin Luther King

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In seinem Interview mit dem Playboy von 1965 erzählt Martin Luther King, wie er seiner sechsjährigen Tochter die Rassentrennung erklären musste:

PLAYBOY: Dr. King, are your children old enough to be aware of the issues at stake in the civil rights movement, and of your role in it?
MARTIN LUTHER KING: Yes, they are—especially my oldest child, Yolanda. Two years ago, I remember, I returned home after serving one of my terms in the Albany, Georgia, jail, and she asked me, “Daddy, why do you have to go to jail so much?” I told her that I was involved in a struggle to make conditions better for the colored people, and thus for all people. I explained that because things are as they are, someone has to take a stand, that it is necessary for someone to go to jail, because many Southern officials seek to maintain the barriers that have historically been erected to exclude the colored people. I tried to make her understand that someone had to do this to make the world better–for all children. She was only six at that time, but she was already aware of segregation because of an experience that we had had.

PLAYBOY: Would you mind telling us about it?
MARTIN LUTHER KING: Not at all. The family often used to ride with me to the Atlanta airport, and on our way, we always passed Funtown, a sort of miniature Disneyland with mechanical rides and that sort of thing. Yolanda would inevitably say, “I want to go to Funtown,” and I would always evade a direct reply. I really didn’t know how to explain to her why she couldn’t go. Then one day at home, she ran downstairs exclaiming that a TV commercial was urging people to come to Funtown. Then my wife and I had to sit down with her between us and try to explain it. I have won some applause as a speaker, but my tongue twisted and my speech stammered seeking to explain to my six-year-old daughter why the public invitation on television didn’t include her, and others like her. One of the most painful experiences I have ever faced was to see her tears when I told her that Funtown was closed to colored children, for I realized that at that moment the first dark cloud of inferiority had floated into her little mental sky, that at that moment her personality had begun to warp with that first unconscious bitterness toward white people. It was the first time that prejudice based upon skin color had been explained to her. But it was of paramount importance to me that she not grow up bitter. So I told her that although many white people were against her going to Funtown, there were many others who did want colored children to go. It helped somewhat. Pleasantly, word came to me later that Funtown had quietly desegregated, so I took Yolanda. A number of white persons there asked, “Aren’t you Dr. King, and isn’t this your daughter?” I said we were, and she heard them say how glad they were to see us there.

Das komplette Interview - hier.

Foto: Die Obama-Familie bei der Einweihung des Martin-Luther-King-Memorials am vergangenen Sonntag/AP.

17.03.11 | 10:54 | 0 Kommentare

Kamikaze waren die historische Ausnahme

Kamikaze
Sollen sich Einzelne für andere opfern? In Fukushima passiert das gerade. Der Historiker Sebastian Conrad über Selbstmörder als Symbol für die japanische Gesellschaft, konfuzianische Ethik und die Realität des 21. Jahrhunderts

(Interview von Andrian Kreye im Donnerstags-Feuilleton der SZ) Sebastian Conrad ist Historiker an der Freien Universität Berlin. Er hat mehrere Jahre in Japan gearbeitet. Seine letzte Veröffentlichung „The Quest for the Lost Nation: Writing History in Germany and Japan in the American Century“ ist 2010 in der California University Press erschienen.

Gibt es in Japan eine Philosophie, sich für das große Ganze zu opfern, das hier im Westen durch das Bild vom Kamikaze geprägt ist?

Sebastian Conrad: Es gibt die Vorstellung, dass die Kamikazebomber ein Ausdruck einer kollektivistischen Mentalität in Japan sind. Aber man kann das nicht zum Symbol für die japanische Gesellschaft machen, das waren junge Menschen, die in eine strikte Hierarchie in einer militärisch aussichtslosen Situation eingebunden waren, da muss man das Ausmaß von Freiwilligkeit relativieren.

Findet man denn Unterschiede zwischen unseren und japanischen Moralvorstellungen und Werten?

Conrad: Unterschiede kann man feststellen, aber sie sind grundsätzlich gradueller Art. Vieles kann man in Begriffe fassen, die auch in Europa Resonanz fänden – vom Pflichtbewusstsein bis zur Ethik des Gemeinwohls. Das sind keine anthropologisch unterschiedlichen Zugänge. Mein Eindruck ist, dass in Japan von früh an in Familie und Schule diese Einbindung in größere Kollektive stärker eingeübt wird und dass das, was in westlichen Gesellschaften als Freiheit bezeichnet wird, dort manchmal einen negativen Klang hat. Freiheit und Egoismus werden da bisweilen zusammengelesen.

Kann man das erklären?

Conrad: Man könnte eine historische Linie ziehen, die zeigt, dass in Japan – wie in anderen vom Konfuzianismus geprägten Gesellschaften – die Einbindung in soziale Beziehungen und die Vorstellung von einem größeren Ganzen fundamental war für ethische Entscheidungen des Individuums. Man darf das aber nicht verabsolutieren. Japan ist heute eine industrialisierte Gesellschaft mit im Grunde individualisierten Normen. Graduelle Unterschiede gibt es auch in westlichen Gesellschaften, wenn etwa behauptet wird, dass Pflichtbewusstsein in Deutschland eine größere Rolle spiele.

Gibt es dafür historische oder religiöse Gründe?

Conrad: Der religiöse Faktor spielt in Japan kaum eine Rolle. Das sind eher soziale Normen. In der Japanliteratur liest man, dass das Familiendenken, bis hin zum Staat als Familie, eine große Rolle gespielt hat. Das war bis Mitte des 20. Jahrhunderts so. Aber Japan ist seit den Neunziger Jahren eine hochindividualisierte Gesellschaft. Die Japaner des 21. Jahrhunderts sind ihren Altersgenossen in Europa normativ ähnlicher als etwa den Japanern von vor einhundert Jahren.

Gibt es ganz andere Gründe? Geografische vielleicht?

Conrad:Auch dieses Argument liest man häufig: Nur 16 Prozent dieses kleinen Landes sind überhaupt bewohnbar, daher müsse man mehr zusammenhalten. In Japan selbst gibt es eine lange Debatte der Selbstdeutung. Es gibt mehr Literatur als in jedem anderen Land auf der Erde zur nationalen Selbstverständigung: darüber, was es heißt, Japaner zu sein. Da werden eine ganze Reihe von solchen Aspekten genannt. Zum Beispiel auch das Klima und nicht zuletzt die Naturkatastrophen. Von diesen Stererotypen halte ich allerdings nicht viel. Sicher, im Alltag – etwas in überfüllten U-Bahnen – begegnet man sich mit viel Rücksichtnahme. Aber das lässt sich nicht auf Platzmangel oder die Insellage zurückführen – das sind Versuche, gesellschaftliche Normen als ein Ergebnis der Natur darzustellen.

 

Abb.: Nuh Sarche

08.03.11 | 06:56 | 0 Kommentare

Bond

Heute ist der 100. Weltfrauentag.

03.01.11 | 21:40 | 3 Kommentare

Atlas der Vorurteile

Europe According to Germany

Der bulgarische Designer Yanko Tsvetkov hat einen europäischen Atlas der Vorurteile gestaltet. Der recht gut illustriert, dass Kartographie letztlich doch ein sehr subjektives Handwerk ist.

Abb.: "Europe According to Germany" von Yanko Tsvetkov. Große Version - hier.

16.12.10 | 13:48 | 0 Kommentare

Reklame für mich selbst: Meine Texte in Büchern anderer Leute (2010)

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Über das Verständnis von Energie.


CoverSarrazinDebatte


Über die hässliche neue Wut des Bildungsbürgertums.


CoverSloterdijkDebatte


Über die Wut der Steuerzahler.


CoverLeggewieDebatte


Über den transatlantischen Graben des Religionsverständnisses.


CoverTheresienwiese1


Über das Oktoberfest.


80-81




Über Nina Hagen.


02.09.10 | 21:19 | 0 Kommentare

Sarrazins Dreisatz

(Aus dem Feuilleton vom Freitag) Das Gütesiegel für jede populistische Debatte ist der Satz: "Endlich sagt's mal einer." Hat man nun oft gehört und gelesen im Zusammenhang mit der Sarrazin-Debatte. Keineswegs an einem jener ominösen Stammtische, die man immer dann heraufbeschwört, wenn man eine Debatte diskreditieren will, sondern etwa im Parkett des Münchner Gasteigs vor einem Konzert der Münchner Philharmoniker. Und das auch nicht in diesen Tagen, sondern schon vor mehreren Monaten. Der Nerv, den Thilo Sarrazin mit seinem inzwischen legendären Interview in der Zeitschrift Lettre getroffen hat, spiegelt keineswegs ein untergründiges rechtes Raunen in den Abgründen des kollektiven Unterbewusstseins.
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Was Sarrazin anspricht sind die Ängste des Bildungsbürgertums. Er ist auch keineswegs der erste, der diese Ängste anspricht. "Deutschland schafft sich ab" führt letztlich die Debatte fort, die der Philosoph Peter Sloterdijk im vergangen Jahr mit seinem Essay "Aufbruch der Leistungsträger" angestoßen hat. Der entscheidende Unterschied zwischen Sloterdijk und Sarrazin liegt in der Rhetorik und im Denken. Sloterdijk ist ein Meister des analytischen Denkens. Sarrazin ist ein meisterhafter Analytiker Analyst. Der eine sucht nach größeren Zusammenhängen und ihren Ursachen, der andere sucht nach dem Kontext für ein mögliches Ergebnis.

Momentan konzentriert sich die Debatte auf die drei großen Schwachpunkte in Sarrazins Text: die Ethnisierung eines Klassenproblems; die eugenische Betrachtung eines Bildungsproblems; und die segregationistische Behandlung des Integrationsproblems. Man kann aber die inhaltlichen Schwierigkeiten des Buches auch außen vor lassen, die all jenen liberalen Widerwillen auslösen, mit dem man ihm in diesen Tagen begegnet. Untersucht man die Gründe für den furiosen Erfolg seiner Thesen und seines Buches, so stößt man rasch auf ein rhetorisches Muster, das man in den Debatten anderer Länder häufig, hierzulande aber noch selten findet.

Was Thilo Sarrazin in seinem Buch konstruiert, ist ein in sich stimmiges Weltbild, das von der verführerischen Logik der Demagogie getragen wird. Das ist als solches keine ideologische Domäne der Rechten. Der dezidiert linke amerikanische Dokumentarfilmer und Buchautor Michael Moore beherrscht diese Technik beispielsweise wie nur wenige. Was solch eine Logik zunächst einmal schafft, ist eine unumstößliche Souveränität, denn es zwingt jeden Debattengegner, in diese Logik von außen hinein zu sticheln. Wer souverän ist, der kann sich dazu noch den Luxus des Humors leisten. Da mag Sarrazin seine Defizite haben, doch wer Souveränität und Humor gegen Moral und differenzierte Argumentation ins Feld führen kann, ist rhetorisch im Vorteil. Kein Wunder, dass die moralische Seite der Debatte als Gegenargumente nur Ausschluss und Rauswurf ins Feld führt.

Die Grundlage derartiger Suggestionen ist entweder eine enzyklopädisch-eklektische Ideensammlung oder die eigene Erfahrung. Aus den eigenen Erfahrungen an den Frontlinien der Integrationsproblematik hat beispielsweise die verstorbene Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig ihr Buch "Das Ende der Geduld - Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter" gemacht, das in dieser Woche auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste steht, auf der Sarrazin den zweiten Platz belegt. Auch Heisig wurde eine rechts-autoritäre Position vorgeworfen, da sie einen harten Umgang mit straffälligen Jugendlichen vor allem in den Einwanderergemeinden der Republik forderte. Weil sie ihre Schlussfolgerungen jedoch mit einer so geballten Empirie untermauerte, gilt ihr Urteil als unanfechtbar. Und wie Sarrazin sprach sie eine diffuse Angst in Deutschland an, die hier eine Antwort findet.

Sarrazins Buch ist dagegen eine jener Ideensammlungen, aus denen auch Michael Moore seine Bücher und Filme konstruiert. Das Modell liefern die Bestseller der angelsächsischen Ideenkultur. Diese teilen sich in die populären Bücher angesehener Wissenschaftler, wie des Evolutionsbiologen Jared Diamond oder des Anthropologen Richard Wrangham und die Gedankenspiele von Autoren wie Malcolm Gladwell, Steven Levitt und Stephen Dubner. Die Bücher funktionieren nach einer Methodik, die man eigentlich aus dem Kino kennt. Sie zielen auf ein Aha-Erlebnis. Im Film sind solche "Twists" und Pointen festgesetzte Standards, die in einem Drehbuch auf die Minute genau der Handlung eine neue Wendung geben müssen.

In den Ideenbüchern sind es die unerwarteten, aber sofort nachvollziehbaren Gedanken, die beim Lesen einen unwiderstehlichen Sog entwickeln. Solche Ideen schaffen einen überschaubaren Kontext für komplexe Zusammenhänge. So erklärt Jared Diamond in "Untergang" die Gefahren für unsere Zivilisation am Beispiel untergegangener Gesellschaften wie des Mayareiches und der Osterinsel. Richard Wrangham betrachtet in "Feuer fangen" die Zivilisationsgeschichte über die Evolution der Ernährung.

Malcolm Gladwell beleuchtet in "Tipping Point" die Massenpsychologie der Konsumgesellschaft über Pop-Phänomene. Am erfolgreichsten spielen der Ökonom Steven Levitt und der Journalist Stephen Dubner mit diesem Prinzip in ihren Kolumnen und Büchern ("Freakonomics"), in denen sie aus zwei scheinbar unzusammenhängenden Phänomenen einen Schluss ziehen, der komplexe Zusammenhänge vereinfacht. So vergleichen sie eine Prostituierte mit einem Kaufhausnikolaus oder erklären, warum ein Selbstmordbomber eine Lebensversicherung abschließen sollte.

Es sind genau solche Vereinfachungen, mit denen Sarrazin arbeitet. So beschrieb er seine Methodik im Interview mit der Zeit als Dreisatz: "Unter Dreisatz versteht man, dass man aus zwei Tatsachen, die man nicht hinterfragt, eine logische Schlussfolgerung zieht: Die Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich. Die weniger Intelligenten vermehren sich schneller als der Durchschnitt. Das bedeutet in der Konsequenz, dass die Intelligenz der Grundgesamtheit sinkt."

Doch gerade da greift sein Buch zu kurz. Zum einen, weil man die komplexen Probleme eines Landes nicht auf einen Dreisatz reduzieren kann. Zum anderen, weil sein Text nicht von der intellektuellen Lust am Gedankenspiel getrieben ist, sondern vom populistischen Instinkt, verborgene Ängste anzusprechen.

Es gehört zu seinen Aufgaben als Ökonom, solche Ängste aufzuspüren und sie zu definieren, sind es doch gerade Ängste, die den Markt beeinflussen. Ein guter Banker hat auch gelernt, Kontexte zu schaffen, um die Unwägbarkeiten des Marktes einzuschätzen. Doch wer nur Ergebnisse betrachtet, so wie Sarrazin die sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Statistiken in seinem Buch; wer also vollkommen antihistorisch argumentiert und zugleich meint, über Gewissheiten über die Zukunft zu verfügen, der verliert letztlich die Ursachen und komplexen Zusammenhänge aus dem Auge.

Die Aufregung um Sarrazin ist nach der Sloterdijk-Debatte und dem Streit um die Islamkritik nun schon der dritte Diskurs in jüngster Zeit, in dem sich Deutschland mit den gesellschaftlichen Veränderungen und ihren Problemen auseinandersetzt, die sich so viel schneller vollziehen, als Politik und Gesellschaft es wahrhaben wollen. Die Polemik wird in den nächsten Wochen auf beiden Seiten verschwinden. Die Probleme werden es nicht.

16.06.10 | 23:20 | 4 Kommentare

Was Deutsche mögen (15): Neger

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Neger spielen in den Fantasien der Deutschen seit jeher eine prominente Rolle. Neger haben wahlweise "Rhythmus im Blut", "athletische Zauberkräfte", eine "Frohnatur" oder sind "Opfer" dieser oder jener historischer oder politischer Ereignisse. Gerade jetzt, während die Fussballweltmeisterschaften in Afrika stattfinden, findet man in Deutschland wieder öfter Zeit und Muße, die Rolle des Negers in der Welt und der Weltgeschichte zu kontemplieren. Dem Neger an sich wird in Deutschland allerdings auch eine außergewöhnliche erotische Qualität riefenstahlinafricazugesprochen, die sich schemenhaft aus den eingangs beschriebenen Rollenspezifika zusammensetzt. Prominente wie Gustav Gründgens, die späte Leni Riefenstahl oder Boris Becker sowie die Leser der Bestseller von Corinne Hofmann haben daraus eine regelrechte Obesssion entwickelt.

Eine besonders beliebte Methode, sich dem reizvollen Sujet zu nähern, ist es, sich als selbiges zu verkleiden. Dass die Methode des "Blackface", wenn also eine weissen Person mit dunklem Make-Up zum Schwarzen gemacht wird, eine Tradition des amerikanischen Rassismus ist, wird in Deutschland als "politisch korrekte Überempfindlichkeit" gesehen. Das zeigten erst neulich wieder die Fotos, die Karl Lagerfeld von seiner Muse Claudia Schiffer in Blackface in einer Sonderausgabe des Fotoheftes der Illustrierten Stern veröffentlichte. Ein anderer jüngerer Fall war die tragisch missglückte Aufdecker-Dokumentation "Schwarz auf Weiss", in der der legendäre Undercover-Journalist Günter Wallraff mit Afroperücke und dunkelbraunem Make-Up durch Deutschland reist und versucht, sogenannte Proleten zu rassistischen Ausschreitungen zu provozieren.

Dieser sorglose Umgang mit dem "Blackface" rührt daher, dass man sich längst ein etwas entspannteres Verhältnis zu Afrodeutschen, Afroamerikanern und Afrikanern zutraut, nachdem der Völkermord an den Herero von 1904 ja nicht nur über ein Jahrhundert zurückliegt und von zwei Weltkriegen sowie den Schrecken des NS-Regimes mit einem historisch viel gewichtigeren Völkermord längst in den historischen Schatten gestellt wurde. Doch auch das gute Verhältnis zu schwarzen GIs vom Frühjahr 1945 bis in die frühen neunziger Jahre hinein legte das Fundament für eine "gesunde Normalisierung".

Sollte das Gespräch in Deutschland nun auf die musikalische/animalische/athletische Begabung der Schwarzen oder auf die "Empfindlichkeite der Amis" in Bezug auf Blackface kommen, wechselt man am besten das Thema, da man als "politisch korrekter Spassfeind" schnell eine gesellschaftliche Pariarolle zugeschrieben bekommt. Die Sublimation deutschen Restunbehagen mit Menschen schwarzer Hautfarbe zum Beispiel über Diskussionen um die "nervigen Vuvuzelas" sollte man aus selbigem Grunde ebenfalls tunlichst ignorieren.

Abb.: Dom Perignon/Stern Fotografie, Taschen Verlag

15.11.09 | 22:51 | 10 Kommentare

Ironie und Haltung


GuttenbergAP

Es ist hin und wieder schon erstaunlich, wie vehement so mancher deutsche Leser auf Ironie reagiert. Nun hat es Kurt Kister erwischt, der fürs Feuilleton eine grandiose Satire auf den amtierenden Verteidigungsminister verfasste, die Medienkulturkritiker Sascha Lobo so richtig in den falschen Hals gekriegt hat und Kurt Kister dafür im Lobo-Blog mit der vollkommen ironiefreien Abbildung eines Fieberzäpfchens und einer detaillierten Tirade bedachte. Es sei ihm zu Gute gehalten, dass er seine Schelte dann doch noch überdacht (aber keineswegs vom Netz genommen) hat. Ist allerdings kein Einzelfall. Ein ironischer Artikel über die Statusängste Londoner Gourmets und den Dünkel französisicher Restauranttester wurde mir in einer Flut (na gut, einem Bächlein) zorniger Leserbriefe als unverhohlener Rassismus ausgelegt. Ganz zu schweigen von den heftigen Reaktionen auf einen Text, in dem ich Larry Summers zutiefst frauenfeindliche Ausführungen, die ihn dann letztlich seinen Job als Harvard-Chef kosteten, nicht so ganz ernst nehmen konnte. Alleine die Anspielung auf Philip Roths rassismuskritischen Roman in der Überschrift brachte mir die Forderung der Frauenbeauftragten der LMU ein, dass sich doch bitte der Chefredakteur persönlich bei ihr entschuldigen sollte. Ist das in den deutschen Zeitungen also wie im deutschen Fernsehen? Deutsche Komiker müssen ja immer noch großkartierte Jacketts, lustige Hütchen oder wenigstens eine schräge Frisur tragen und nach jeder Pointe eine Grimasse schneiden, damit man auch gleich weiss, dass das jetzt nicht alles ernst gemeint ist. Warum soll's uns da anders gehen.


Foto: AP

14.11.09 | 00:10 | 0 Kommentare

Blackface (nicht locker lassen)

The Daily Show With Jon Stewart Mon - Thurs 11p / 10c
Is Blackface Ever OK?
www.thedailyshow.com
Daily Show
Full Episodes
Political Humor Health Care Crisis

Immerhin hat es Wallraffs Blackface bis in Jon Stewarts "Daily Show" geschafft. Kommt erst gegen Ende (5:05), aber bis dahin ist der Kontext ziemlich deutlich. Larry Wilmore bringt Wallraffs Problem auf den Punkt: "If you wanna learn about the black experience in Germany - ask the black guy sitting next to you!!"

via Peter Hoffmanns Kommentar

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