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(4.5. 2012, von Andrian Kreye) Am vergangenen Freitag ist Adam Yauch gestorben, einer der Beastie Boys. Als die Beastie Boys im Sommer 1985 im Vorprogramm des frisch gekürten Superstars Madonna ihre ersten großen Auftritte in den Hallen und Stadien Amerikas hatten, waren sie etwas unerhört Neues. Drei jüdische Bürgerkinder, die Hip-Hop mit der Attitüde von Lower Eastside Punks aufführten. Damals war Hip-Hop selbst noch etwas Neues. Es war erst sechs Jahre her, dass mit „Rapper’s Delight“ die erste Rap-Platte veröffentlich wurde. L.L. Cool J und Run DMC hatten gerade erst begonnen, das neue Genre aus den Nischen der New Yorker Ghettos in die Randgebiete des Pop zu holen.
Als junger Kritiker schämte man sich schon bald, dass man den Auftritt der drei im Madison Square Garden mit ein paar lakonischen Sätzen abgefertigt hatte. Mag sein, dass die Halle zu groß, der Kontrast zwischen dem Downtown Punk Rap der Beasties zum Bubble Gum Pop von Madonna zu groß gewesen war. Nur ein Jahr später stürmten die Beastie Boys jedoch mit ihrer Debütplatte „License To Ill“ als erster Hip Hop Act auf Platz eins der Billboard Album Charts. Und auf dieser Platte fand sich auch der Song, der bis heute ihr Leitmotiv geblieben ist: „(You Gotta) Fight For Your Right (To Party)!“.
Der Song war ein ungehobeltes Stück Rock-Rap. So platt ironisch war der Titel gar nicht gemeint. Im Downtown New York der achtziger Jahre vermischten sich Clubwelt, Intellektuelle und linke Politszene zu einer Gegenkultur, der die Yippies der Youth International Party, Andy Warhol und die Proto-Punks des CBGB’s-Clubs gleichermaßen Pate standen.
Der Aufstieg der Beastie Boys zu Weltstars begann dann direkt im Anschluss an die Veröffentlichung auf der „Raising Hell Tour“. Während dieser Package-Tour zeigten die Beastie Boys auch, dass sie es schafften, die Rassengrenzen des Pop in umgekehrter Richtung einzureißen. Zwischen den Hardrock-geprägten Headlinern Run DMC, dem Verfechter des Ghetto-Lokalpatriotismus L.L.Cool J und den radikalen Politrappern Public Enemy wirkten die Beastie Boys mit ihrer Punk-Färbung keineswegs als Fremdkörper. Hier waren die Straßen von New York auf Welttournee. Schande, wer da aus dem positiven Rassismus der Linken heraus Ghetto-Authentizität einforderte.
Die Punk-Attitüde der Beasties kam nicht von ungefähr. Die drei hatten 1978 als klassisches Punkband begonnen. Adam Yauch spielte Bass, Michael Diamond sang und spielte später Schlagzeug. Zwei Mitglieder stiegen aus, dafür kam Gitarrist Adam Horovitz dazu. Als sie auf Hip-Hop umschwenkten, gaben sie sich entsprechende Pseudonyme zu. Aus Adam Yauch wurde MCA, aus Diamond Mike D, aus Horovitz Ad-Rock. Beastie stand der Legende nach für „Beings Entering Anarchistic States Towards Internal Excellence“.
Es half dem Erfolg, dass die drei so markant verschieden waren. Das Erfolgsrezept des Pop seit den Beatles. Adam Yauch verkörperte dabei so etwas wie der George Harrison der Beasties – er war der Ruhige, oft zurückhaltende, der später sein Heil in fernöstlicher Spiritualität und Menschenrechtsaktivismus suchte. Adam Yauch wurde am 5. August 1964 in Brooklyn geboren. Sein Vater Noel ist ein Architekt und Maler, seine Mutter Frances eine Schulbeamtin. Zunächst wuchs er in Midwood auf, einem Kleinbürgerviertel im Herzen des Stadtbezirkes. Noch auf der High School gründete er die Beastie Boys mit drei Schulkameraden. Mit Adam Horovitz, dem Sohn des Dramatiker Israel Horovitz lösten sich die Beasties erst einmal von ihren Wurzeln in Brooklyn.
Die Stadt New York allerdings blieb im gesamten Katalog der Beastie Boys das bestimmende Thema, auch als Mike D und Ad-Rock schon in Kalifornien lebten. Das Album „Paul’s Boutique“ war 1988 der damals noch nicht gentrifizierten Lower Eastside gewidmet. „To The Five Boroughs“ war 2002 eine Liebeserklärung an gleich alle fünf Stadtbezirke der Stadt. Das Rüpelhafte ihres Debütalbums machte schon auf dem zweiten Album Platz für eine frühe Hipstermentalität, die ihre musikalischen Quellen in sämtlichen Genres fand, um sie unter dem frenetischen Rap der drei Beasties zu einer Mischung zu vereinen, mit der sie die Hip-Hop-Gemeinde ebenso ansprechen konnten wie Rockfans und feierlaunige Popbürger.
2002 gründete Adam Yauch die Produktionsfirma Oscilloscope Laboratories und eröffnete ein Tonstudio. Er produzierte das Comebackalbum der Hardcore-Legenden Bad Brains. Yauch führte selbst Regie und arbeitete mit Regisseuren wie Michel Gondry und Spike Jonze, die schon bald die Speerspitze einer neuen Avantgarde in Hollywood bilden sollten.
Yauchs politisches Engagement war so breitgefächert, wie das Themenspektrum der Antiglobalisierungs-Bewegung. Bei einem Benefizkonzert in New York trat dann schon mal der linke Politologe Benjamin Barber auf, der mit seinen Tiraden gegen die Bush-Regierung und die Ausbeutungsmechanismen der Weltwirtschaft einen ebenso heftigen Applaus bekam, wie die Beastie Boys, die nach der Ansprache ihre Hits wie „Fight For Your Right“, „Sabotage“ und „Intergalactic“ spielten.
2009 fand man einen Tumor in Yauchs Speicheldrüse. Seither kämpfte er mit dem Krebs. Als die Beastie Boys vor zwei Wochen in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurden, war er schon zu schwach, um zur Zeremonie nach Cleveland zu reisen. Am Freitag Vormittag amerikanischer Ortszeit ist Adam Yauch an den Folgen seiner Krankheit in New York gestorben. Er wurde 47 Jahre alt.
Foto: OH
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(Aus der SZ vom 27.4. 12, von Andrian Kreye) Am vergangenen Dienstag eröffnete Barack Obama die heiße Phase des US-Wahlkampfs während der Late Night Show des Moderators Jimmy Fallon mit einem Auftritt in dem Sketch 'Slow Jamming the News'. 'Slow Jams' sind in der Soulmusik so etwas wie die verschärfte Version des Schiebers. Sänger wie Barry White und Isaac Hayes waren in den siebziger Jahren für diese Sorte Songs bekannt, bei denen sie im verführerischen Bariton Erotisches über Rhythmen raunten, die ganz bewusst an die Bewegungen eines Liebesaktes erinnerten.
So ganz ernst nimmt man dieses Genre heute nicht mehr. Bei Jimmy Fallon verlesen Moderator und Band deswegen zur nationalen Belustigung Nachrichten in diesem Stil. Obama raunte auch keine Schlüpfrigkeiten. Er verkündete zum lasziven Beat der Studioband seine Initiative im Kongress, die Zinssätze für Studienkredite zu begrenzen. Nachdem die Sendung auf dem Campus der University of North Carolina in Chapel Hill aufgezeichnet worden war, war der Jubel des studentischen Live-Publikums erwartungsgemäß frenetisch.
Politisch positioniert sich Obama mit dem Auftritt ganz eindeutig. Amerikanische Studenten verlassen die Colleges und Universitäten wegen der hohen Studiengebühren mit einer Schuldenlast von durchschnittlich 25000 Dollar. Eine Summe, die sie oft durch die ersten zehn Jahre ihres Berufslebens schleppen. Mit seiner Ankündigung, diese Last wenigstens etwas zu mildern, stellte sich Obama deutlich gegen die Politik der Republikaner, die vor allem dafür bekannt sind, die Steuerlast des obersten Einkommensprozents zu senken.
Obama festigte mit seinem Auftritt aber auch sein Image als der 'coolste Präsident in der Geschichte Amerikas'. Es gab einige solcher Momente in den vergangenen Monaten. Sein Auftritt bei einer Wahlveranstaltung im Apollo Theater in Harlem, bei dem Obama recht ordentlich ein paar Takte aus Al Greens Soulklassiker 'Let"s stay together' anstimmte. Seine Einlage bei der 'Blues Night' des Weißen Hauses, als er zu B.B. Kings Gitarrenbegleitung 'Sweet Home Chicago' sang, während Mick Jagger ihn anfeuerte. Das Foto, das Obama zeigt, wie er mit einem der Hausmeister des White House den jovialen Faust-gegen-Faust-Gruß austauscht.
Um diese vermeintlich spontanen Einlagen zu übertreffen, war der Auftritt bei Jimmy Fallon perfekt. Fallon ist nicht nur der neue Star der Late-Night-Moderatoren, er gilt auch als der Coolste seiner Zunft. Seine Studioband ist die versierte Hip-Hop-Formation The Roots. Die meisten Amerikaner kennen Fallon noch als Komiker aus der Comedy-Sendung 'Saturday Night Live', die seit 1975 der Außenposten des Cool und Hip im Fernsehen ist. So erreicht Obama eine junge Wählerschaft, für die laut einer Untersuchung ironische Talk- und Satiresendungen wie 'The Daily Show with Jon Stewart' während Wahlkämpfen eine ebenso wichtige Informationsquelle sind wie Zeitungen und Nachrichtensendungen.
Nun haben Auftritte großer Politiker bei solchen Sendungen Tradition. Bill Clinton spielte in der Talkshow von Arsenio Hall Saxofon. John McCain war Stammgast bei Jon Stewart. Auftritte beim Chef-Ironiker David Letterman sind Pflicht im Wahlkampf. So souverän, wie Obama seine Slow-Jam-Nachrichten überstand, bekam es allerdings noch keiner hin. Bleibt nur die Frage, ob Cool noch cool sein kann, wenn der oberste Regierungsvertreter die einst so subversive Haltung für sich pachtet.
0 Kommentare(Aus der SZ vom 21.4.2012, von Andrian Kreye) In den letzten Jahren seines Lebens, als Levon Helm schon an jenem Krebs erkrankt war, dem er nun erlegen ist, war die Scheune, die er in den Wäldern bei Woodstock zu einem Konzertstudio ausgebaut hatte, die wohl eindrücklichste Pilgerstätte des amerikanischen Rock. Jeden Sonntag veranstaltete er dort einen sogenannten Midnight Ramble, eine Session mit Bands, Musikern und Stars, die oft aus dem ganzen Land zusammenkamen. Levon Helm saß in diesen Nächten selbst am Schlagzeug, und als er nach den ersten Operationen seine Stimme wiedergefunden hatte, sang er auch wieder. Vor allem die Songs, mit denen er gemeinsam mit The Band Geschichte geschrieben hatte – „The Weight“, „King Harvest“, „The Night They Drove Old Dixie Down“.
Wenn dann in einer Sommernacht die Scheunentore offenstanden, vom Teich eine Brise in den großen Raum wehte und er mit seiner rauen Stimme die biblisch schweren Zeilen der Songs anstimmte, verstand man auch als Europäer, warum The Band für die amerikanische Rockgeschichte eine ähnliche Bedeutung hatten, wie die Beatles für den Rest der Welt.
Der Journalist John Poppy beschrieb das 1970 so: „Sie haben in mir Gefühle aufgewühlt, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe. Sie beschwören ein Amerikanischsein, das mich direkt in eine Art Heimat des Herzens transportiert. Das sind Versatzstücke unseres gemeinsamen Lebens auf diesem Kontinent. Und deswegen treffen dich ihre Songs wie ein Geruch aus der Kindheit, der sofort satte, scharfe Erinnerungen in einem weckt.“
Als Europäer kann man so etwas natürlich nur als exotischen Rausch begreifen. Dieses inbrünstige Gemeinschaftsgefühl aus dem gemeinsamen Kampf um den Kontinent, die spirituellen Wurzeln im Glauben und seinen Mythen sind einem als säkularem Humanisten so fremd wie die Ekstasen islamischer Sufis. In der Musik aber lassen sich solche Erlebnisse auch ohne die Wurzeln und den Glauben nachvollziehen. Und so versteht man auch, dass eine solch emotionale Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln in den Ausläufern der psychedelischen Hippiejahre eine Revolution gewesen sein muss.
Als 1968 The Band’s Debütalbum „Music From The Big Pink“ erschien, hatten die Beatles im Jahr zuvor den üppig produzierten Bilderbogen „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ herausgebracht, die Rolling Stones hatten sich in psychedelische Experimente verrannt. Die karg produzierte Musik von The Band war eine Absage an den Mehrspur-Monumentalismus, der aus der popmusikalischen Gegenkultur schon bald eine Industrie machen sollte. Big Pink war ein rosafarbenes Holzhaus in West Saugerties, in dem sich die fünf Musiker zusammenfanden, um mit Bob Dylan zu arbeiten, der ins benachbarte Woodstock gezogen war.
Sie hatten ihn seit 1965 auf seinen elektrisch verstärkten Touren begleitet. Mit seinem ersten elektrischen Auftritt beim Newport Folk Festival hatte sich Dylan nachhaltig den Groll seiner Fans zugezogen. Dylan steckte den Groll zwar souverän weg. Seine ursprüngliche Band hatte ihn jedoch schon bald verlassen. Und auch für die fünf Clubmusiker, die Dylan in Toronto entdeckt hatte, war es nicht leicht. Gleich beim ersten Auftritt vor 15 000 Menschen im New Yorker Tennisstadion Forest Hills brach der Zorn über sie herein.
Helm stieg schon nach wenigen Konzerten aus. Er sei nicht dafür geschaffen, sich ausbuhen zu lassen, sagte er. Für seine vier Mitmusiker und auch für Dylan war es ein schwerer Schlag. Robbie Robertson, Rick Danko, Garth Hudson und Richard Manuel hatten Helm 1960 kennengelernt, als er mit dem Rockabilly-Sänger Ronnie Hawkins aus dem amerikanischen Arkansas ins kanadische Toronto gezogen war, weil die Gagen dort besser waren. Hawkins engagierte die vier jungen Kanadier. Für die, und später auch für Dylan, der nicht weit von der kanadischen Grenze in Minnesota aufwuchs, verkörperte Helm als Sohn des amerikanischen Südens all die Urmythen des amerikanischen Rock, die sie in ihrer Jugend nur aus dem Radio kannten. Helm war auf einer Farm im Mississippi Delta aufgewachsen. In den Clubs im nahen Helena hatte er schon als Kind Blues und Country gehört, hatte bald selbst angefangen zu spielen. In der elften Klasse verließ er die Schule, um sich Ronnie Hawkins’ Band anzuschließen. Die biblische Schwere in den Texten, die Dylan und The Band Ende der sechziger Jahre schrieben, die spröde Musik voller Country, Blues, Gospel und archaischem Folk waren für Helm keine exotischen Sehnsuchtsmotive, sondern Teil seiner DNA.
Als sich Dylan dann nach Woodstock zurückzog, kehrte auch Helm zurück. Die Musik, mit Dylan, die auf den legendären „Basement Tapes“ erschien, und die Songs, die sie ohne Dylan auf ihren ersten beiden Alben einspielten, legten das Fundament für alles, was in der amerikanischen Rockmusik bis heute geschehen ist. Da fand sich die Rückbesinnung auf Country, wie ihn The Grateful Dead und The Eagles praktizierten, die Bodenständigkeit von Bruce Springsteen und die Amerikana-Mentalität, die sich durch Dylans Spätwerk und durch die Musik all der Wiedergänger von Wilco über die Fleet Foxes bis zu Arcade Fire zieht.
Offiziell lösten sich The Band 1976 mit dem Konzert auf, das Martin Scorsese für den Film „The Last Waltz“ aufnahm. Nach dem Streit mit Gitarrist Robbie Robertson tourte Helm immer wieder mit den anderen Musikern als The Band. Er begann eine Laufbahn als Schauspieler, spielte in Filmen wie „Nashville Lady“ und „The Right Stuff“. In den letzten Jahren wurzelten Levon Helms Alben immer deutlicher im Country und Folk. Drei Grammys bekam er dafür. Am Donnerstag ist Levon Helm in einem New Yorker Krankenhaus gestorben. Er wurde 71 Jahre alt.
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(Leitartikel aus der SZ vom 3.4. 2012, von Andrian Kreye) Es war ein durchsichtiges Manöver, als sich Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin am Wochenende in einem Interview für die Kulturflatrate aussprach. „Jeder zahlt einmal eine Gebühr und kann so viel runterladen, wie er will“, gab er dem Magazin Wirtschaftswoche zu Protokoll. Für einen Wahlkampf gegen die Piratenpartei ist die Kulturflatrate eine schöne Leerformel: So kann man bei digital sozialisierten Jungwählern punkten, ohne die bürgerlichen Stammwähler zu verprellen. Für das eigentliche Problem, wie man nämlich das Urheberrecht reformieren und damit das Auskommen von Autoren, Filmern und Musikern in die Zeiten digitaler Medien retten kann, sind solche politischen Manöver nicht hilfreich. Denn Debatten ums Internet sind längst ideologisch aufgeheizt.
Wer sich für das Urheberrecht ausspricht, gilt dabei schnell als Reaktionär. Der Wutausbruch des Rockmusikers und Schriftstellers Sven Regener, der im Bayerischen Rundfunk die Bedrohung der Urheberrechte als persönliche Beleidigung jedes Künstlers beschrieb, sprach zwar vielen aus der Seele. Genauso wie die hysterischen Reaktionen Zehntausender Demonstranten, die im Handelsabkommen gegen Produktpiraterie Acta ein sinistres Ermächtigungsgesetz vermuteten. Doch da ist auf beiden Seiten Emotion im Spiel. Das zeigt schon der Kampfbegriff der Raubkopie. Beim illegalen Herunterladen handelt es sich nicht um Raub, denn es wird ja keine Gewalt angewendet. Es geht aber auch nicht um Kopien, sondern um digitale Klone.
Im Kern dreht sich die Debatte um das Internet um eine atemlos rasante technische Entwicklung, hinter der Gesetzgeber, Politik und Kulturindustrie verzweifelt herhecheln. Die alten Regelwerke einfach über Bord zu kippen oder durch halbgare Kompromisse zu ersetzen, nur weil es der euphorische Zeitgeist so will, führt zu keinen Lösungen. Vor allem, weil kaum ein Debattenbeitrag einräumt, dass das Internet im Frühjahr 2012 ein ganz anderes Netz ist als das Internet vor fünf Jahren. Die Zeit der Experimente ist nämlich vorbei.
Momentan kämpfen die vier digitalen Giganten Apple, Amazon, Facebook und Google um eine Vormacht im Netz. Zwischen den Giganten aber bilden sich totalitäre Strukturen heraus, denen Urheberrechte nur im Weg stehen, und für die die selbsternannten digitalen Rebellen letztlich den Weg bereitet haben. Steve Jobs, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Larry Page und Sergej Brin sind keine rebellischen Popstars, sondern knallharte Monopolisten. Sie wurden in der aggressiven Investmentkultur des Silicon Valley groß, nicht in der digitalen Subkultur. Für ihre eigenen Urheberrechte und Patente kämpfen sie mit Heerscharen von Anwälten, und wenn es sein muss: mit einem Rollkommando der Polizei.
Nun reichen die Urheberrechte aus den Zeiten des Buchdrucks und des Grammophons für die technischen Realitäten des 21. Jahrhunderts nicht mehr aus. Doch Kulturflatrates schwächen den Kampf für eine Reformierung des Urheberrechts nur. Sie spiegeln vor, dass es einfache und schnelle Lösungen gibt.
Selbst wenn man den Idealfall eines öffentlich-rechtlichen Modells durchsetzen könnte, wenn also von jedem Haushalt eine Abgabe in der Höhe der Rundfunkgebühren eingetrieben würde – wer oder welche Behörde sollte über die Verteilung der Erlöse bestimmen? Wer bekäme beispielsweise die deutschen Beiträge einer solchen Flatrate? Deichkind oder doch Rihanna? Der Regisseur Christian Petzold oder die Produzenten der „Hunger Games“? Es geht bei der Debatte um das Urheberrecht im Internet ja keineswegs um Hochkultur. Die wird subventioniert oder finanziert sich über das authentische Einzelwerk. Es geht vor allem um Popmusik und Film. Das sind Produkte für den freien Markt, nicht für bürokratische Systeme oder Subventionsmodelle.
Trittins Hinweis, solche Flatrate-Modelle funktionierten schon im Netz, widerlegt eine Grafik des Datenjournalisten David McCandless. Um den gesetzlichen US-Mindestlohn von monatlich 1160 US-Dollar zu verdienen, muss eine Band entweder 1161 Alben verkaufen, 12 399 Songs auf iTunes absetzen oder rund vier Millionen Mal auf dem Streaming-Dienst Spotify abgerufen werden, mit dem man gegen eine Monatsgebühr so viel Musik auf Computern oder Smartphones abspielen kann, wie man will.
Es gibt nun viele wohlfeile Vorwürfe gegen die Kulturindustrien: Die Plattenfirmen und Filmstudios hätten die technischen Entwicklungen verschlafen. Rockmusiker und Filmer könnten sich im Netz doch selbst vermarkten. Das ist weltfremd. Plattenfirmen und Filmstudios suchen schon lange vergeblich nach Möglichkeiten, Vertriebswege zu finden, die mit der Geschwindigkeit und Gratiskultur der Tauschbörsen konkurrieren können. Wer einen Rocksong oder ein Drehbuch schreiben kann, hat selten auch eine kaufmännische Begabung.
Die digitale Revolution ist buchstäblich eine solche: Revolutionen kippen lediglich bestehende Machtverhältnisse. Wer oder was nach dem Umsturz kommt, ist weder klar noch garantiert. Ideologische Verhärtungen und opportunistische Manöver wie das Trittins helfen niemandem. Höchstens den Monopolen.