05.05.13 | 20:55 | 0 Kommentare

Allmachtsphantasien

(Von Andrian Kreye) Die Binsenweisheit ist ein perfides rhetorisches Mittel. Normalerweise ist sie Anzeichen für die Selbstüberschätzung unbegabter Autoren. In den Texten von Autoritäten ist die Binse allerdings ein Vehikel für Ideologie und Dogma. Gerade deswegen ist das Buch 'Die Vernetzung der Welt - ein Blick in unsere Zukunft' der beiden Google-Spitzen Eric Schmidt und Jared Cohen so interessant. Als Grundlagenliteratur empfehlen sich hier aber nicht die Bücher sogenannter Digerati wie Clay Shirky, David Gelernter und Jaron Lanier, die dem rätselhaften Phänomen der Computertechnologien und -netzwerke mit intellektueller Schärfe auf den Grund gehen. Man sollte eher die Texte von Baghwan Shree Rajneesh, dem Dalai Lama oder L. Ron Hubbard lesen, um die Technik der Dogmabinse kennenzulernen.

Das allseits Bekannte, das Selbstverständliche und Faktische sollen in solchen Texten Vertrauen in die Wahrhaftigkeit des Textes schaffen und die Autorität der Verfasser zementieren, die dann ihre eigentliche Botschaft nicht nur glaubwürdig absetzen, sondern auch in einen universalen Gültigkeitsanspruch stellen können. In 'Die Vernetzung der Welt - ein Blick in die Zukunft' liest man dann zum Beispiel, dass die Zahl der Internetnutzer im ersten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts von 350Millionen auf mehr als zwei Milliarden gestiegen ist, und dass ein einfacher Bauer in der afrikanischen Savanne heute über sein Handy das gesamte Weltwissen abrufen kann. Es geht um die digitale Identität, um Cyberkrieg und Effizienz, um Staaten, Revolutionen, Terror und Gesellschaft. Das meiste, was auf den mehr als 400 Seiten steht, kennt man selbst als durchschnittlich informierter Leser aus Büchern, Artikeln und Netzbeiträgen.

Was zunächst verwundert, ist, dass dieses Buch zwar von dem Mann verfasst wurde, der Google von 2001 bis 2011 aus der Start-up-Nische in die Marktführerschaft gesteuert hat. Als Koautor holte er sich einen ehemaligen Berater des US-Außenministeriums, der nun die Abteilung 'Google Ideas' leitet. Der Konzern wird aber so gut wie nicht genannt. Das ist erst mal enttäuschend.

Wenn sich Schmidt und Cohen mit der Zensur in China befassen, erwartet man endlich die wahre Geschichte des heftigen Machtkampfs zwischen Google und der Partei. Wenn es wie in jeder techno-optimistischen Abhandlung dieser Tage um den arabischen Frühling geht, will man wissen, wie der Konzern darauf reagierte, dass in Wael Ghonim ein Google-Angestellter zu einer der Schlüsselfiguren des Mubarak-Sturzes wurde, und ob man ihm beistand oder nicht. Bei den Themen Urheberrecht und Privatsphäre erfährt man nichts über Googles Kämpfe mit den deutschen Gerichten, der Gema und den Berliner Ministerien.

Es dauert eine Weile, bis man begriffen hat, warum es vordergründig gar nicht um Google gehen soll. Dann aber ist das Buch nicht mehr enttäuschend, sondern gespenstisch. All die Binsen, die ewig gleichen Anekdoten, Fortschrittsfabeln und Statistiken sind nichts anderes als Vehikel für eine Botschaft, die Schmidt und Cohen in einem Trommelfeuer prophetischer Behauptungen formulieren. Sie schreiben in einer Art imperativem Futur, der keine Zweifel zulässt. Denn in ihrem Zukunftsbild spielen die digitalen Medien eine ähnlich epochale Rolle bei den von ihnen beschworenen Umwälzungen in den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, wie die Volks- und Arbeiterbewegungen des 20. Jahrhunderts und die industrielle Revolution zusammen. Die Konkurrenz wird dabei durchaus benannt. Wenn es um die Gefahren der digitalen Welt geht, sind die Lücken im System bei Twitter, Facebook und Sony zu finden, niemals bei Google.

Die Visionen der digitalen Zukunft, die Schmidt und Cohen dabei in den ersten Kapiteln präsentieren, sind zunächst einmal von einer naiven Dürftigkeit. Da steht recht früh im Text die Binse: 'Für Menschen aller Schichten wird die Vernetzung deutlich erschwinglicher und einfacher werden.'

Dann fabulieren sie von einem Holodeck, wie man es aus 'Raumschiff Enterprise' kenne, das könnte schon bald das Unterhaltungsmedium der Zukunft sein. Damit könne man sich dann an einen Strand versetzen, an dem man einen Auftritt von Elvis Presley erlebt. Das ist eine so armselige Vorstellung von der digitalen Zukunft, dass man noch einmal kurz auf die Umschlagklappe schaut, ob der Koautor wirklich eine Abteilung namens Google Ideas leitet.

Es folgen dann noch ein paar Alltagsszenarien, die sich irgendwo zwischen der Frühstücksmaschine aus der Kinderserie 'Wallace & Gromit' und dem Retrofuturismus auf den Hobby-Titelblättern des Illustrators Klaus Bürgle einpendeln.

Doch solche allzu schlichten Zukunftsbilder haben eine ähnliche Funktion wie die Info-Binsen. Sie sollen den Leser darauf vorbereiten, die Kernbotschaft des Buchs bereitwilliger zu schlucken. Denn die Zukunft, da sind sich Schmidt und Cohen sicher, wird nicht nur einen digitalen Alltag, sondern eine grundlegende Erschütterung der bestehenden Verhältnisse durch digitale Katalysatoren bringen. Nur wer bereit ist, sich der digitalen Welt hinzugeben, wer mit ihr verschmilzt und sein digitales Ich so schätzt und pflegt wie seine irdische Existenz, der wird Teil dieser Zukunft sein, die so vieles verspricht. Da aber wird die Ideologie zum Heilsversprechen.

Die neuen Kräfte der Transparenz werden demnach die Mächtigen in die Pflicht nehmen. Die Erfassung sämtlicher Lebensbereiche in einem Paralleluniversum der Datenströme soll Sicherheit, Wohlstand und Gesundheit bringen. Die radikale Demokratisierung der Informationen, des Wissens und der Bildung bedeutet eine Ermächtigung der ohnmächtigen Massen. Auch solche Ideale sind längst Binsen. Doch bei einem Buch, das zwar nicht das Firmensignet, aber doch zwei prominente Namen aus der Spitze von Google auf dem Cover trägt, bedeutet die Feier einer solch durchgreifenden globalen Demokratisierung nichts anderes als die Rechtfertigung einer neuen Monopolisierung.

Nun sollte man die Allmachtsphantasien von Wirtschaftskapitänen normalerweise nicht zu ernst nehmen, nur weil sie sich in der Mitte des Lebens berufen fühlen, ihre vermeintliche Weisheit in Buchform zu bringen. Wie so viele andere Techno-Utopisten auch blenden sie in ihrem Weltbild aus, dass die digitalen Technologien bisher keineswegs so grundlegende und positive Umwälzungen mit sich brachten wie die industrielle Revolution. Die vielbeschworene Transparenzkultur war bisher vor allem ein Skandal, den Julian Assanges Wikileaks mit einem einzigen Datensatz entfesselte. Big Data resultierte bisher vor allem in einer Optimierung hübscher Infografiken. Von der Ermächtigung der Massen und der Demokratisierung des Wohlstandes, die Elektrizität, Verbrennungsmotoren und Massenmedien im 20. Jahrhundert auslösten, sind die digitalen Technologien noch weit entfernt, auch wenn sie ein paar Geschäftsmodelle in Medien, Kultur und Kommunikation zunichte machten.

Der Allmachtsanspruch, den Schmidt und Cohen formulieren, geht jedoch weit über das traditionelle Monopolstreben hinaus. Im Konkurrenzkampf der digitalen Industrie geht es neben wirtschaftlicher vor allem um kulturelle, gesellschaftliche und politische Macht. Bisher lautete das Motto der Firma 'Don"t be evil'. In der Kommunikation nach außen wurde das immer als Neutralitätsideal vermittelt. Google produzierte die Werkzeuge, die Welt die Inhalte. Mit 'Die Vernetzung der Welt' hat Eric Schmidt dieses Ethos aufgekündigt.

27.04.13 | 11:40 | 1 Kommentar

Netz-Utopien

(Leitartikel von Andrian Kreye) Sterben Utopien, wird der Schmerz rasch ideologisch. Im Streit um die Pläne der deutschen Telekom, die Flatrate für den Internetgebrauch abzuschaffen, haben beide Seiten irgendwie recht. Die einen wollen Geld mit ihrer Leistung verdienen, die anderen freien Zugang zu dem öffentlichen Raum des Internets. Tatsache ist aber: Mit den Flatrates wird auch der Freiheitsgedanke verschwinden, der das Internet zu einem Spielfeld für gesellschaftliche und politische Experimente gemacht hat. Der Grund dafür liegt allerdings genau in diesem Freiheitsgedanken.

Dass Flatrates eine wirtschaftliche Utopie sind, wissen die Anbieter der Internetindustrie schon lange. Immer leistungsfähigere Kabelnetze, Router und Speicherfarmen kosten Geld. Die Konkurrenz der Tarife hat die Einkünfte jedoch über die Jahre kontinuierlich verringert. In den USA haben die Anbieter deswegen schon länger begonnen, ihre Kunden aus den Flatrate-Tarifen zu drängen. Und auch in Deutschland wird die Telekom nicht die einzige Firma bleiben, die sich den Verbrauch der Datenmengen bezahlen lässt.

Der Freiheitsgedanke, der dabei verloren geht, geistert seit einiger Zeit mit dem Begriff der Netzneutralität durch die Debatten. Dabei geht es um eine Gleichbehandlung aller Daten, egal ob es sich um die Megabyte-Ströme handelt, die beim Onlinespielen und Ansehen von Filmen anfallen, um Webseiteninhalte, oder um die Kurznachrichten politischer Oppositioneller, auf die jeder gleichen Zugriff haben soll. Das wiederum läuft auf einen radikalen Gleichheitsgedanken zurück. Der hatte im Netz von Beginn an zwei Seiten.

Auf der einen Seite standen da die Gerechtigkeitsbegriffe früher Demokratiebewegungen und des Sozialismus. Immerhin - die Pioniere der digitalen Technologien und Kulturen rekrutierten sich zu einem Großteil aus dem Umfeld der kalifornischen Hippieszene in der Bay Area zwischen San Francisco und San José.

Auf der anderen Seite geht es aber auch um Adam Smiths Idee vom Markt, der sich wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt von selbst reguliert. In der Praxis stehen diese beiden Gedanken im Widerspruch zueinander - gesellschaftliche Gerechtigkeit und wirtschaftliche Freiheit sind nur selten dasselbe. Das zeigt sich nun im Streit um die Telekom. Da stellt sich die Frage - ist das Internet ein kommerzieller Service oder eine öffentliche Infrastruktur?

In Deutschland wurde die Frage 1995 erstmals beantwortet. Damals wurde das Fernmeldewesen der Deutschen Bundespost privatisiert. Wenn man Infrastrukturen und Grundversorgung den Kräften des freien Marktes aussetzt, spart sich oder verdient der Staat Geld. Er sorgt auch für wirtschaftliche Freiheit. Die gesellschaftlichen Folgen sind in solche Fällen aber selten zum Nutzen der Bürger.

In den USA war das Fernmeldewesen dagegen schon in privater Hand, als der Telefonerfinder Alexander Graham Bell 1877 in Boston die Bell Telephone Company gründete. Die hielt das Monopol auf die Leitungen in den USA, bis das amerikanische Justizministerium das Firmenkonglomerat 1984 zerschlug.

Nun konnte man sowohl im Amerika von 1984 als auch im Deutschland von 1995 voraussehen, dass aus dem neuen Medium Internet einmal eine Infrastruktur werden würde, die den gesamten privaten und öffentlichen Alltag tangiert. Der Umgang mit dieser neuen Infrastruktur unterschied sich in Amerika und Europa dann allerdings erheblich.

In den USA machte der damalige Senator aus Tennessee Al Gore als Vizepräsidentschaftskandidat neben Bill Clinton das Internet schon im Wahlkampf von 1992 zum Thema. Sein Schlagwort war der 'Information Superhighway'. Das war ein stimmiges historisches Bild. Gore spielte auf Präsident Eisenhowers Programm für den Ausbau des Highway-Netzes von 1956 an. Das war der Motor für das amerikanische Wirtschaftswunder. Genauso sollte das Internet neue Märkte erschließen, sowie Bildung und Medien demokratisieren.

In Europa wurden die Chancen des Internets zunächst verschlafen. Dann entdeckten die Populisten das Thema, um mit vermeintlichen und echten Bedrohungen durch das Netz Stimmung zu machen. Das bremste die heimische digitale Entwicklung noch stärker ein.

Weltweit gibt es nun schon seit einiger Zeit Versuche, die Utopie vom Internet als frei zugängliche Infrastruktur neu umzusetzen. Meist sind das Versuche auf regionaler oder lokaler Ebene. Regionen wie die Bay Area, Singapur, Städte wie Paris oder Taipei richten Stück für Stück Wifi-Netze ein, die jedem gratis zur Verfügung stehen. Wie utopisch dieses Unterfangen ist, zeigte sich ausgerechnet in der Bay Area, wo die Innovation des Internets im Silicon Valley bei San José ja ihren Ursprung hat. Der Wust aus lokalen, bundesstaatlichen und nationalen Verordnungen, die Stahlbetonkomplexe der Innenstädte und Industrieparks, die technischen Unzulänglichkeiten der verschiedenen Systeme brachten die ersten Experimente in den letzten zehn Jahren immer wieder zum Scheitern.

In einem Land wie Singapur stellt sich zudem die Frage, ob man das Internet von einer Regierung kontrollieren lassen will, die das Bürgerrechtsverständnis einer viktorianischen Gouvernante hat. Dazu kommt, dass Behörden und Regierungen viel zu behäbig sind, um die nötige Innovation voranzutreiben, die mit der Entwicklung des Internets einhergeht. Einzige Ausnahme ist da vielleicht das amerikanische Verteidigungsministerium, dessen Forschungsinstitut Darpa an der Erfindung des Internets entscheidend beteiligt war. Fraglich, ob sich die Interessen der Wehrtechnik mit den gesellschaftlichen Freiheitsgedanken der digitalen Kultur vereinbaren lassen.

Was der Netzgemeinde nun bleibt, ist die Frage, wer die Infrastruktur des Internets wohl technisch innovativer ausbauen und dabei die Freiheitsgedanken der Netzneutralität erhalten kann: Der Staat oder die Privatwirtschaft? Die Antwort lautet: keiner von beiden. Weil das Internet aber Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur gleichermaßen verändert, braucht die digitale Welt keine Nutzer, die nur Konsumenten sind, sondern sich als Bürger der Bedeutung des Internets sowohl als Infrastruktur wie auch als Freiraum bewusst sind.

Erste Anzeichen für eine solche Bürgerbewegung gibt es auch in Deutschland - die Digitale Gesellschaft, der Chaos Computer Club oder Konferenzen wie die re:publica leisten hervorragende Arbeit. Der Ausbau der Netzes wird jedenfalls ein Ringen um Hoheiten bleiben. Dieses darf man nicht Politik und Wirtschaft allein überlassen.

18.03.13 | 23:15 | 1 Kommentar

Die Wanderheilige unserer Krise

(Von Andrian Kreye) Das Schwierige an importierten Befindlichkeiten ist normalerweise, dass sie auf Geschichten beruhen, die nicht die eigenen sind. Das können die Geschichten von Nationen genauso sein, wie die Geschichten von Generationen. Im Fall der amerikanischen Sängerin Amanda Palmer ist sogar beides der Fall. Man muss aber nicht wissen, dass sie neben ihrer Solo-Arbeit eine Hälfte des Punk-Cabaret-Duos Dresden Dolls ist, man muss auch ihre exaltierten Lieder nicht mögen, um zu verstehen, warum sie gerade zu einer der Schlüsselfiguren der Popkultur aufsteigt.

Amanda Palmers bisher größter Hit ist kein Song, sondern ein Vortrag mit dem Titel 'The Art of Asking' (Die Kunst des Bittens), den sie Ende Februar beim Ideenfestival Ted Conference in Long Beach hielt. Darin erzählt sie von ihrer Karriere, die sie als lebende Statue in Fußgängerzonen begann, und die sie nun ohne Hilfe von Platten- oder sonstigen Firmen vorantreibt. Dafür hat sie nach einem Streit mit ihrem Label ein Geschäftsmodell entwickelt, das vor allem darauf beruht, keine Geschäfte zu machen. Ihr letztes Album beispielsweise finanzierte sie mit einem kurzen Video, mit dem sie auf der Crowdfunding-Webseite Kickstarter ihre Fans um Geld bat.

1,2 Millionen Dollar bekam sie so zusammen. Auch ihre Tourneen lässt sie nicht mehr von etablierten Veranstaltern organisieren. Meist sind es Fans, die über soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook einen ihrer Auftritte möglich machen, weil sie Geld, Saal und Verstärker besorgen. Unterwegs steigt sie nicht in Hotels ab, sondern übernachtet bei meist unbekannten Anhängern. Dazu zeigte sie in Long Beach Bilder, auf denen sie vor selbstgekochten Buffets steht, auf Sofas und Matratzen schläft, sich von Fans bemalen lässt.

Wer die Diskussionen um das Urheberrecht und die digitale Kultur in den vergangenen Jahren verfolgt hat, wird da - je nach Lager - das Ideal oder das Horrorszenario der künftigen Kulturwirtschaft erkennen. Neigt man eher zum traditionellen Ansatz, dass Arbeit und Ware auch regulär bezahlt werden sollten, verspürte man während des Vortrages spätestens dann den Bauchknoten des Fremdschämens, als Amanda Palmer davon erzählte, wie sie bei einer Familie illegaler Einwanderer in Miami übernachtete. Als sie beschreibt, wie die Mutter sie am nächsten Morgen beiseite nimmt, und ihr sagt, wie wichtig Palmers Musik für ihre Tochter sei, stehen der Sängerin die Tränen in den Augen. Da gipfelt diese wohlformulierte Ballade von Selbstlosigkeit, Vertrauen und Rebellion gegen die Konsumgesellschaft in einer gewaltigen Ladung Pathos. Und doch haben über eineinhalb Millionen Menschen in den vergangenen drei Wochen das Video des Vortrages angesehen und zumeist begeistert kommentiert.

Mit einem Song wäre Amanda Palmer damit weit oben in den Charts. Als Mem beweist sie Instinkt für einen Zeitgeist, der weit mehr ist, als die Trotzhaltung, dass man für Musik nichts bezahlen will. Das Ideal des Teilens geht in den USA auf einen ganz spezifischen Moment der Geschichte zurück. Auf dem Höhepunkt der Depression der Zwanziger- und Dreißigerjahre gab es in ganz Amerika einen unvergleichlichen Geist der Solidarität. Während Europa und Russland diesen Geist von den Diktaturen aufgezwungen bekamen, formierte sich in den USA ein Gemeinschaftsgefühl, auf dem Präsident Franklin D. Roosevelt sein Reformpaket des New Deal aufbauen konnte. Oder verkürzt gesagt: In Amerika bekamen sie Bankenreformen und Rentenversicherungen, in Europa die Nazis und den Kommunismus.

In der Weltwirtschaftskrise des 21. Jahrhunderts, ist dieses Solidaritätsgefühl in Amerika, aber eben auch in Europa weitgehend verschwunden. Wer von Schulden erdrückt wird (in den USA als Bürger, in Europa als Staat), ist selbst schuld - hätte er eben nicht über seine Verhältnisse gelebt. Deswegen ist Amanda Palmer kein rein amerikanisches Phänomen.

Für eine Generation, die nicht nur mit den Schulden ihrer Vorväter leben wird, sondern auch mit dem Ende eines Wachstums, das bisher die Verbesserung des Lebensstandards von Generation zu Generation über mehrere Jahrhunderte automatisierte, wird Amanda Palmer so zu einer Art Wanderheiligen. Die Sängerin verkörpert gleich mehrere Ideale: Sie lebt ohne die Zwänge der Konsumgesellschaft, sie vertritt ein ethisch einwandfreies Wertesystem, sie ist ein Rockstar und sie macht all das durch das identitätsstiftende Internet möglich. Das ist keine Pose, sondern ein Kraftakt. Genau deswegen funktioniert ja auch ihr Pathos.

08.03.13 | 19:32 | 1 Kommentar

Hinter der Jetsons-Grenze



Einmal im Jahr treffen sich bei der Ted Conference in Kalifornien die vier Institutionen, die unsere Zukunft und unsere Werte prägen: Silicon Valley, Hollywood, die Naturwissenschaften und die Investorenzunft. Die Aussicht ist dort meistens – rosig

(Von Andrian Kreye - Videos sind von Ted Talks bei der Ted Conference 2013) Die Zukunft sieht manchmal sehr albern aus. Als Google-Gründer Sergey Brin im kalifornischen Long Beach die Bühne der Ted Conference betritt, hat er ein klobiges Brillengestell auf der Nase, bei dem die Gläser fehlen. Stattdessen hängt ein winziger Monitor über dem rechten Auge. Google Glass heißt das Gerät und sieht aus, als hätten Ingenieure versucht, Olivia Newton-Johns Aerobic-Stirnbänder für die retrofuturistische Welt der „Jetsons“ zu optimieren.

Bald schon kann man mit diesem Gerät die eigene Sicht auf die Welt via Nasenkamera nahtlos in die sozialen Netzwerke übertragen, gleichzeitig im Internet surfen und kommunizieren. Und das alles nur mit Blicken und Worten. Da geht es natürlich nicht nur um Technik. Es ist der ultimative Angriff auf den Apple-Konzern. Der hat mit seinen Geräten gleich zwei Mal nicht nur das Konsumverhalten, sondern auch die Gestik der computerisierten Weltbevölkerung grundlegend verändert. Erst mit dem Schritt vom Tippen zum Schieben, dann zum Wischen. Brin zieht ein Smartphone aus der Tasche und erklärt, es gäbe ja wohl nichts entwürdigenderes, als auf die eigene Hand zu starren. Googles Kampfansage: Schluss mit den Gesten. Mensch und Maschine werden eins.

Der Veranstaltungstitel „Technology, Entertainment and Design Conference“ führt zunehmend in die Irre. Ted ist kein interdisziplinäres Branchentreffen. Seit einigen Jahren ist Ted eine globale Medienmarke. Kern sind die Kurzvorträge während der Ideenfestivals, die nach den Konferenzen als Videos ins Netz gestellt werden und schon mehr als eine Milliarde Mal angesehen wurden. Das schaffte das „Gangnam Style“-Video zwar in ein paar Wochen, aber bei Ted werden anspruchsvolle, oft wissenschaftliche Themen verhandelt.

Bei der alljährlichen kalifornischen Ausgabe, dem Epizentrum von Ted, handelt es sich inzwischen um ein Gipfeltreffen, bei dem Silicon Valley, Hollywood, die Naturwissenschaften und die Investorenzunft den Stand der Dinge und der Zukunft prüfen. Der technisch-wissenschaftliche Status Quo dient dabei nur als Grundlage. Seit dem späten 20. Jahrhundert prägen genau diese vier Institutionen immer deutlicher die Werte und das Bild der Welt, auch wenn man diese Rolle immer noch lieber der Politik, der Philosophie und dem Glauben zuschreiben mag. Deswegen stellen sich dort auch Fragen, die viel größer sind, als die, wie wir in Zukunft unsere Elektrogeräte bedienen.

Zweifler haben es hier nicht leicht. Hin und wieder lässt Ted-Chef Chris Anderson zwei gegensätzliche Meinungen gegeneinander antreten. Gleich zu Beginn erklärt zum Beispiel der Ökonom Robert J. Gordon von der Northwestern University, dass das Wachstumsmodell der Wirtschaftswissenschaften nach 800 Jahren nun am Ende sei.

Das Wachstum sei ein phänomenaler Motor der Zivilisation gewesen, sagt er. Bis in die Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts hätten die Generationen den Lebensstandard ihrer Eltern jeweils verdoppeln können. Nun seien die Wachstumskurven rückläufig. Seit den Fünfzigern habe sich das Wachstum verlangsamt, vor sechs Jahren habe die Schrumpfung begonnen. Arbeitslosigkeit, Bildungskrise, Schuldenlasten und zunehmende Ungleichheit seien die vordergründigsten Ursachen.
Aber auch die Fortschritte des digitalen Zeitalters nähmen sich im Vergleich mit den Errungenschaften der industriellen Revolution geradezu lächerlich aus. Alleine die Elektrizität habe neben der enormen Produktivitätssteigerung auch die vertikale Stadt, die Besiedelung unwirtlicher Klimazonen und die Befreiung der Frau möglich gemacht. Der Verbrennungsmotor sei die Grundlage unseres Wohlstands, die Überproduktion von Nahrungsmitteln. Alleine in den USA habe man im 19. Jahrhundert noch ein Viertel allen bebaubaren Landes für Pferdefutter gebraucht. Solche Zivilisationssprünge hätten die digitalen und biologischen Technologien noch nicht geschafft.

Als Gegenspieler tritt der Direktor des Centers for Digital Business am MIT, Erik Brynjolfsson, an. Eigentlich kann er nicht überzeugen. Die Wachstumsfaktoren, die er ins Feld führt, sind die Gratisprodukte der Wissensgesellschaft wie Wikipedia, Twitter und Google, die Leistungen der künstlichen Intelligenz in Kombination mit dem Teamgeist der „crowd“, die enorme Geschwindigkeit, mit der sich digitale Technologien entwickeln. Gordon wendet ein, dass nichts davon direkten Einfluss auf den Lebensstandard der Weltbevölkerung habe. Das leuchtet ein. Doch das Publikum bleibt mit Applaus auf Brynjolfssons Seite.

Die Zweifel am technischen Fortschritt werden allerdings auch in den inneren Zirkeln von Wissenschaft und Technik immer deutlicher. In seiner Winterausgabe zeigte die MIT Technology Review ein Porträt von Buzz Aldrin auf dem Titel, dem zweiten Mann auf dem Mond, darunter die Zeile: „Ihr habt mir Kolonien auf dem Mars versprochen, stattdessen habe ich Facebook gekriegt“. Nimmt man „The Jetons“ als Messlatte, die ab 1962 als Bilderbuchfamilie im Science-Fiction-Idyll mit Haushaltsroboter und fliegenden Untertassen auf Sendung gingen, ist die Technologie wirklich noch nicht sehr weit. Ideen wie Google Glass hatten die Autoren von Groschenromanen und TV-Serien schon vor Jahrzehnten. Als der MIT-Professor Rodney Brooks seinen neuesten Industrie-Roboter Baxter vorführt, einen klobigen Blech-Golem von zwei Metern Höhe, der in der Fertigung eingesetzt werden soll, amüsiert sich die Komikerin Julia Sweeney: „Sieh da, ein Roboter, der Sachen hochheben kann!“ Und doch scheint die Wissenschaft gerade an mehreren Fronten die Jetsons-Grenze zu erreichen.

Stewart Brand zum Beispiel. Brand ist so etwas wie Hochadel im Silicon Valley. Als Schlüsselfigur der kalifornischen Hippiebewegung definierte er 1968 die politisch und ökologisch bewusste Zukunft des Konsums mit seinem „Whole Earth Catalog“. In den letzten Jahren verwirrte der studierte Ökologe seine Anhänger jedoch mit leidenschaftlichen Plädoyers für Atomkraft als Mittel gegen die Erderwärmung. An diesem Nachmittag aber stellt er ein Projekt vor, das er mit befreundeten Gen- und Biotechnikern betreibt: das „de-extinction project“. Mit Hilfe der Gentechnologie wollen Wissenschaftler ausgestorbene Arten nicht nur wieder ins Leben, sondern auch in die freie Wildbahn zurückholen.
Das Projekt ist längst keine Theorie mehr. In den USA wird die im späten 19. Jahrhundert von Vogeljägern ausgerottete Wandertaube rekonstruiert. In Spanien wurde der ausgestorbene Pyrenäensteinbock erfolgreich geklont. In Holland soll der Auerochse wieder auferstehen.

Noch verblüffender ist der Vortrag von Mary Lou Jepsen, die die Entwicklung von Bildschirmtechnologien bei Google leitet. Ziel ihrer Arbeit sei es derzeit, die Sprache als Mittler zwischen Gedanken und digitalen Medien zu überspringen. Moderne Hirnscan-Technologie mache es möglich. So habe man Testpersonen Bilderfolgen gezeigt und sie später wieder daran denken lassen. Neue Scanner zapfen diese Hirnströme an und übersetzen sie wieder in Bilder.

Jepsen zeigt Vorlage und Hirnscan. Der Scan besteht vor allem aus Farben und Pixeln. Und doch erkennt man schon ansatzweise die Umrisse und Flächen der Vorlage. Janet Baker, die in Cambridge Pionierarbeit für Spracherkennung geleistet hat, bestätigt später, das sei ein ganz neuer technologischer Schritt. Die Technologien, mit denen Ingenieure auf anderen Ted-Konferenzen verblüfften, weil man mit Hirnströmen Computerprogramme steuern kann, die gäbe es seit 40 Jahren. Aber was Jepsen da vorgeführt habe, sei radikal neu, selbst wenn das (visuelle) Signal-Rausch-Verhältnis noch bei über 90 Prozent liege.

Wer entscheidet dann, welche ausgestorbenen Arten wieder zum Leben erweckt werden? Wer verhindert, dass solche Hirnscanmethoden zur Überwachung eingesetzt werden? Wer wird genialische Köpfe wie den 17-jährigen Taylor Wilson im Zaum halten, der am selben Nachmittag erzählt, wie er in der Garage seiner Eltern mit 14 einen Fusions-Reaktor konstruierte, und der nun mit Kernspaltung experimentiert?
Im Silicon Valley, an den technischen Universitäten und in Hollywood stellen sich solche Fragen selten. Prinzipiell herrscht hier ein Geist, dass es selbstverständlich ist, nur das Beste für die Menschheit zu wollen. Das wurzelt in der Haltung des philanthropischen Auftrages, der ein unumstößlicher Teil der amerikanischen Identität ist. Man wolle die Fehler der Menschheit wieder gut machen, sagt denn auch Stewart Brand auf die Frage, was denn die Motivation sei, ausgestorbene Arten wieder zurückzubringen.

Der Glaube an das Gute im Menschen und der Wille, etwas dafür zu tun, ist verstärkt zum Leitmotiv der Ted Conference geworden, seit der britische Verleger Chris Anderson die Non-Profit-Organisation im Jahr 2001 gekauft hat. Anderson ist der Sohn eines Augenarztes, der in Indien, Pakistan und Afghanistan gearbeitet hat. Das prägte. Das Missionarische vieler Ted Talks geht einigen auch schon auf die Nerven. Wären die guten Taten nicht so wirksam.

Auftritt Bono. Der weiß um den Widerwillen gegen seine Person und gegen die allzu gut gemeinten Ted Talks. „Das hier ist doch das ideale Forum für meinen Messias-Komplex“, witzelt er gleich zu Beginn und macht sich später noch einige Male über sein Rockstar-Gehabe lustig. Aber dann kommen die Fakten. Mit seiner Wohltätigkeitsorganisation One hat er mitgeholfen eine magische Zahl zu halbieren – extreme Armut, unter die alle Menschen fallen, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen, habe sich von 1990 bis heute von 43 auf 21 Prozent der Weltbevölkerung halbiert. Das Ziel sei: null Prozent bis 2028. Das sei realistisch. Und natürlich nicht das Ende der Armut. Aber auch die harten Zahlen wie Kindersterblichkeit und Hungertote reduzierten sich dabei.

Als Ben Affleck zwei Tage später frisch von seinen Oscar-Feiern mit Musikern des Kinshasa-Symphonieorchesters auftritt, um Werbung für seine Arbeit im Ostkongo zu machen, scheint sich schon eine neue Konkurrenz der Giganten anzubahnen. Denn auch das gehört zum Geiste Kaliforniens: Der Weg zu den „last frontiers“, den letzten Grenzen der Menschheit, ist auch immer ein Wettlauf.

19.02.13 | 19:07 | 0 Kommentare

Kein schlechter Mensch


Welche Bedeutung Bücher für Amazon-Chef Jeff Bezos haben

(Von Andrian Kreye) Um Bücher geht es schon lange nicht mehr bei Amazon. Trotzdem bleiben Bücher der Schlüssel, um zu verstehen, wie der Firmengründer Jeff Bezos funktioniert. Und um zu begreifen, dass der Skandal um die Behandlung der Leiharbeiter in Amazons deutschen Lagerhäusern vor allem ein PR-Unfall ist, wie er im Alltag der Weltkonzerne immer wieder vorkommt. Andere haben sich von solchen Skandalen schon erholt: Nike (Kinderarbeit in Südost- und Vorderasien), Coca-Cola (Ermordung von Gewerkschaftern in Kolumbien), Apple (unmenschliche Behandlung von Arbeitern in China). Auch Amazon wird sich erholen. Dafür wird Bezos schon sorgen. Der lässt sich nur ungern aufhalten.

Wenn Jeff Bezos irgendwo auftaucht, auf einer der exklusiven Wirtschafts- und Ideenkonferenzen im amerikanischen Westen oder beim Dinner bei einem seiner Freunde, dann ist er oft der reichste, aber nicht unbedingt der auffälligste Mann im Raum. Er hört eher zu, als dass er spricht. Blick und Muskelspannung sind in ständiger Bereitschaft. Kein Gramm Fett, kein Härchen, keine Kleiderfarbe sind da zu viel. Er erinnert ein wenig an Ben Kingsleys Gangster in „Sexy Beast“ – einen Mann, der seinen Willen gegen jeden Widerstand durchsetzen wird. Mit dem Unterschied, dass sich seine laserstrahlhafte Konzentration nicht in Faustschlägen, sondern in Lachstößen entlädt.

Man kann natürlich keine Memme sein, wenn man die wertvollste Firma in der Geschichte der Menschheit herausfordert: Apple, Amazons derzeitiges Angriffsziel. Nun ist Jeff Bezos mit seinem Buchversand Amazon zwar schon der größte Internet-Einzelhändler der Welt geworden. Mit dem Elektronikkonzern kann er sich aber noch nicht messen. Jahresumsatz 2012 von Apple laut SEC: mehr als 156 Milliarden Dollar; von Amazon laut Bloomberg Businessweek 61,1 Milliarden. Langfristig will Jeff Bezos aber das, was auch Apple, Facebook, Google, Microsoft wollen: im Kampf um die Vorherrschaft im Internet als Einziger übrig bleiben. Und dieser Kampf begann für Jeff Bezos vor nun 19 Jahren.

Als leidenschaftlicher Leser war Jeff Bezos dabei nie bekannt. Als die Nachrichtenwebseite Business Insider vergangene Woche die Lieblingsbücher von 21 Wirtschaftsführern auflistete, musste sie bei Jeff Bezos auf Interviews von 2001 und 2009 zurückgreifen, um herauszufinden, dass er Wirtschaftssachbücher und Kazuo Ishiguros Roman „Was vom Tage übrig blieb“ mag. Wobei die Erwartung, dass ein Konzernchef eine emotionale Nähe zu den Produkten haben muss, die er herstellt oder verkauft, eine bildungsbürgerliche Sentimentalität ist, die in der Wirtschaft eher weltfremd anmutet.

1994 gelang Jeff Bezos mit Büchern der Einstieg in eine neue Geschäftswelt, die den Einzelhandel revolutionieren sollte.

31 Jahre alt war er damals. Er hatte nach seinem Informatikstudium in Princeton ein Netzwerk für die Finanzcomputerfirma Fitel aufgebaut, es bei dem Bankhaus Bankers Trust zum Vizepräsidenten gebracht und dann beim Hedgefonds D.E. Shaw & Co. sehr viel Geld verdient. Wer bei einem Hedgefonds viel Geld verdient, will meist viel lieber noch mehr Geld auf eigene Faust verdienen. Entweder er gründet dann seinen eigenen Hedgefonds. Oder er findet eine Marktlücke.

1994 waren die Auswirkungen des Internets für Laien noch nicht abzusehen. World Wide Web und Browser waren Versuchsmodelle. Das Internet teilte sich in die Masse der Normalnutzer, die sich über simple Programme von Anbietern wie AOL oder Compuserve ins Netz wählten, und die Eingeweihten, die sich im Formel- und Codegewirr auskannten. Als Amazon ein Jahr später ans Netz ging, gab es weltweit nur 16 Millionen Nutzer.

Buchhändler war in Amerika 1994 weniger ein Beruf als eine Leidenschaft. Das Geschäft war dagegen gewaltig. In den USA wurden damals Bücher für 19 Milliarden Dollar verkauft. Ein Viertel des Umsatzes machten die Buchhandelsketten Barnes & Noble und Borders. Unabhängige Buchhandlungen verkauften ein weiteres Fünftel. Das Gros setzten jedoch Buchclubs, Supermärkte und große Kaufhäuser um. Das waren die Giganten, die Bezos ins Fadenkreuz nahm. Dass dabei die kleinen unabhängigen Läden und Community Bookstores von Amazon ums Geschäft gebracht wurden, war nur ein Kollateralschaden.

Bezos großes Risiko und letztendlich der entscheidende Schritt zu seinem Erfolg war, dass er eine Million Titel in seinem Sortiment führte. Selbst die großen Ketten konnten es sich nicht erlauben, mehr als 175 000 Titel zu führen. Bezos eroberte damit das, was in der digitalen Wirtschaft als „Long Tail“ bezeichnet wird: Amazon konnte jeden noch so ausgefallenen Nischenwunsch erfüllen, egal ob es sich um einen Gedichtband in Kleinstauflage oder ein wissenschaftliches Werk handelte. Und über das Internet erreichte der Versand auch Kunden, die im Umkreis von Hunderten Meilen keinen ordentlichen Buchladen fanden, was im Hinterland von Amerika keine Seltenheit ist.

Stück für Stück arbeitete sich Jeff Bezos mit Amazon so an sein eigentliches Ziel heran – der größte Einzelhändler der Welt zu werden. Bald kamen Musik und Filme dazu, sowie Warengruppen, die man in Super-, Drogerie- und Elektronikmärkten findet. Später eliminierte er mit dem Lesegerät Kindle die Lager- und Lieferkosten für Bücher, mit dem Kindle Fire auch für Musik und Filme. Als Marktführer konnte Amazon bald schon die Preise diktieren. Verlage, die sich gegen die eingeforderten Rabatte wehrten, wurden einfach aus dem Sortiment genommen. Das konnte sich bald niemand mehr leisten.

Mit dem Buchhandel hatte Jeff Bezos die beste aller Marktlücken gefunden – ein krisengeschütteltes Geschäftsfeld mit Tradition. Sein Konkurrent Steve Jobs sollte dieses Manöver 2003 wiederholen. Da war die Musikindustrie durch digitale Tauschbörsen im Internet wie Napster in die Krise geraten. Jobs lancierte einen Online-Shop für Apples Musikspieler iTunes und eroberte innerhalb von fünf Jahren den Online-Musikmarkt.

Für den Buchhandel und die Verlagswelt ist Amazon eine wirtschaftliche Lebensgefahr. Längst versucht sich der Onlineversand schon als Verlag. Durchaus zum Vorteil der Autoren. Wer sein Buch bei Amazon als E-Book veröffentlicht, bekommt drei- bis viermal so viel Geld wie bei einem herkömmlichen Verlag. Auch da zeigt sich Bezos Verhältnis zum Produkt Buch. Denn wer bei Amazon publiziert, dem eröffnet sich ein globaler Vertriebsweg. Die Erarbeitung von Themen, das Lektorieren und die Betreuung des fertigen Buches und seines Autors gibt es dort nicht.

Empörend ist das nicht. Jeff Bezos ist kein schlechter Mensch, sondern – genauso wie Steve Jobs – ein erfolgreicher Geschäftsmann. Nur stammt Jeff Bezos eben nicht aus der Kultur der Verlage und Buchhändler, sondern aus der Welt der Hedgefonds. Die beobachten den Fluss des Geldes und suchen dort die geringsten Widerstände. Kultur ist dafür wie geschaffen. Denn Kultur basiert zuallererst auf der Leidenschaft am Werk, das Geschäftliche ist nachrangig. Das gilt selbst für die Schöpfer der ganz großen Erfolge – für J.K. Rowling etwa, für Madonna oder Steven Spielberg. da ist es ein Leichtes, in die Lücken zu stoßen, die jede Krise dort schafft.

Es bleibt jeder Gesellschaft selbst überlassen, ob sie ihre Kultur vor den Kräften der Marktwirtschaft schützen will. In der Verlagswelt der USA schwärmt man jedenfalls seit einigen Jahren vom weltweit einzigen Ort, der Jeff Bezos Widerstand leistet: Deutschland. Dort gibt es ein schlichtes Bollwerk gegen die Kräfte der Marktwirtschaft: die Buchpreisbindung.

Foto: DPA

10.11.12 | 16:45 | 0 Kommentare

Kaufdown

Occupy Wall Street erwirbt Schulden, um sie dann zu erlassen

(Von Andrian Kreye) Es ist seit dem Herbst etwas ruhig um die New Yorker Protestbewegung Occupy Wall Street geworden. Nach der Schließung des Camps im Zucotti Park Mitte November hatte sich die Bewegung vermeintlich zerstreut. Doch mit dem Hurrikan Sandy meldete sich Occupy zurück. Als die staatliche Nothilfestelle Fema und das Rote Kreuz noch Kräfte und Ressourcen sammelten, schlugen die Occupy-Aktivisten schon ihr Hauptquartier in einer Kirche in Brooklyn auf, nannten sich 'Occupy Sandy', organisierten Bergungsfahrten und gaben täglich 10000 Mahlzeiten aus.

Nun rüstet sich die Occupy-Bewegung zu einer neuen, höchst pragmatischen Aktion. Unter dem Schlagwort 'The People"s Bailout' (Der Volksrettungsschirm) sammeln Aktivisten Spenden, um Schulden aufzukaufen und diese dann zu erlassen. Occupy nutzt dabei den verrufenen Graumarkt, der von sogenannten Schuldenmaklern bedient wird. Diese kaufen von Banken und Kreditinstituten für einen Bruchteil des Wertes Privatschulden auf, um sie dann zu Geld zu machen. Es steht den Maklern frei, ob sie den Schuldnern die Eintreiber mit dem Baseballschläger vorbeischicken oder die Schulden zu neuen Paketen schnüren und weiter im Markt verschieben. Die Zinsen, die sich ansammeln, steigern den Wert ja automatisch.

Occupy kauft nun 'distressed debts'. Das sind Schulden, bei denen es so aussichtslos ist, dass sie je zurückgezahlt werden, dass sie jetzt zum Dumpingpreis weiterverkauft werden: Oft im Verhältnis von 30 zu einem Dollar. Solche 'giftigen Schulden' waren in den sogenannten neuen Produkten der Banken wichtig und führten zum 'predatory lending' - zur bewussten Überschuldung von Privatkunden.

Bei einem Testlauf kaufte Occupy Schulden im Wert von 14000 Dollar für 500 Dollar. Der realistische Mittelwert für die Aktion liegt nun bei einem Preis von 100 Dollar für 2000 Dollar Schulden. Die Occupy-Bewegung will vor allem versuchen, überfällige Studentenkredite, Krankenhausrechnungen und Hypotheken von Familien mit Kindern zu kaufen.

Präzise steuern lässt sich der Ankauf nicht. Die Schuldenpakete sind meist nach Zahlen, nicht nach Inhalten gebündelt. Auch kann man sich bei Occupy nicht für so einen Erlass bewerben, dafür ist das System zu undurchschaubar. Doch ein Anfang ist bereits gemacht. Auf der Webseite http://rollingjubilee.org werden nun Spenden gesammelt. Am 15. November ist der offizielle Beginn der Aktion, die mit einer Benefiz-Veranstaltung im Greenwich-Village-Lokal Le Poisson Rouge startet, bei dem unter anderen Musiker von Sonic Youth, Fugazi und TV on the Radio auftreten. 'Wir haben die Banken gerettet, und sie haben uns im Stich gelassen', heißt es im Video dazu. 'Wir schulden ihnen gar nichts. Wir schulden uns gegenseitig alles.'

13.10.12 | 14:17 | 0 Kommentare

Lasst die Versager versagen

Die Rückkehr des Calvinismus im aktuellen US-Wahlkampf

(Von Andrian Kreye) Wenn die Deutschen in Amerika wählen dürften, wäre die Sache längst gelaufen. 89 Prozent aller Befragten antworteten gerade auf die Frage des ZDF-Politbarometers, dass Sie für Barack Obama stimmen würden. Nur zwei Prozent würden sich für Mitt Romney entscheiden. Und da ist man dann schon beim eigentlich Faszinierenden an amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfen.

Das ist dieses unheimliche Gefühl, dass einem dieses Land, das man doch so liebt (Manhattan, Dylan, Philip Roth) letztendlich doch sehr fremd ist (Genfood, Wall Street, George W. Bush). Ist Mitt Romney nicht einer von denen, die der Welt die finsterste Wirtschaftskrise seit 1929 eingebrockt haben? Und hat Obama nicht die Truppen aus Irak und Afghanistan abgezogen, armen Amerikanern eine Krankenversicherung besorgt und Osama Bin Laden zur Strecke gebracht? Und trotzdem bleibt der Wahlkampf ein Kopf-an-Kopf-Rennen?

Es gibt gute Erklärungen für Mitt Romneys Erfolge. Einige davon findet man in dem Buch "Arme Milliardäre" von Thomas Frank. Der gehört zu jenem Kreis Intellektueller, die während der Neunzigerjahre in dem Magazin The Baffler aus Chicago eine neue Form der Kapitalismuskritik erfanden, die sich viel mit Realitäten und wenig mit Theorien beschäftigte. Thomas Frank war neulich auf Lesereise in Deutschland unterwegs. Und wenn er da von seinem Land erzählte, schaute er in Säle voll ungläubiger Gesichter.

Ausführlich beschrieb er, wie Amerika auf die Finanzkrise reagierte - nicht mit Reformen, sondern mit einer noch konsequenteren Deregulierung, mit einer radikalen Durchsetzung der freien Marktwirtschaft, mit einer grimmigen Ablehnung jeglicher sozialer Maßnahmen und Programme.

Das erinnert an mittelalterliche Medizinpraktiken, als man Wunden mit Glüheisen ausbrannte. Vor allem aber verkehrte sich die auch in Amerika natürliche Reaktion auf eine solche Krise in ihr Gegenteil. Anstatt Solidarität und Gemeinsinn herrscht im Land nun eine gehörige Wut auf die Opfer der Krise - auf die Verlierer, Pleitiers, Bankrotteure, auf die Millionen, die mit Zwangsbescheiden auf die Straße gesetzt wurden. Und auf die Regierung, die sich anschickte, ihnen zu helfen und ihr Versagen damit auch noch zu legitimieren.

Motor dieses bizarren Zeitgeists ist eine neue Kaste aus der obersten Steuerklasse: die Beleidigten. Sie haben inzwischen eine erstaunlich große Anhängerschaft unter jenen Mittelständlern und lediglich Wohlhabenden gefunden haben, die sich so eine harte Linie eigentlich gar nicht leisten können.

Die Geburtsstunde dieser Kaste wurde am 29. Februar 2009 auf dem Wirtschaftsnachrichtensender CNBC live übertragen. Da stand der Reporter Rick Santelli auf dem Parkett der Chicagoer Börse und steigerte sich in einen Wutausbruch. Das staatliche Hilfsprogramm für Hauseigentümer, die ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten, sei "Belohnung von Fehlverhalten" und "eine Subvention der Kredite von Verlieren". Empört fragte er in die Runde der Börsenmakler: "Wer will hier für den Hauskredit seines Nachbarn aufkommen, der sich ein zweites Badezimmer geleistet hat und nun die Raten nicht mehr zahlen kann?" Voll in Rage rief er aus: "Wir leben hier in Amerika!"

Ähnlich zornig gebärdete sich der Vorkämpfer der Beleidigten Leon Cooperman, ein Investmentfonds-Gründer aus New Jersey. Der verfasst im November einen Brief an Barack Obama, der bald schon die Runde machte. Ausführlich erzählt er da von seiner Kindheit als Sohn eines Klempners in der Bronx, von seinem langen Weg in der Finanzindustrie, den er als verschuldeter Uniabsolventen antrat und nun als Multimilliardär abschließt. Was Obama mit seiner Rhetorik von den Armen und den Reichen und seinen Sozialprogrammen anrichte, sei nichts weniger als einen "Klassenkampf" anzuzetteln.

Heiliges Buch der Beleidigten ist Ayn Rands inzwischen viel zitierter Roman "Der Streik", der im Original viel treffender "Atlas zuckte die Schultern" heißt. Atlas, der Gott, der die Welt schultern musste, das sind all diejenigen, die Mitt Romney und die Beleidigten als die "Geber" der Gesellschaft ansehen. Mitt Romneys berüchtigte 47 Prozent der "Nehmer" sind die Last, die es durch ein Schulterzucken abzuwerfen gilt.

In Europa ist diese oft weinerlich vertretene Ideologie einer fundamentalistischen Meritokratie nur schwer nachvollziehbar, weil sie dem Verständnis von Gesellschaft und Staat grundlegend widerspricht. Die Solidargemeinschaft, für die man sich auch in Deutschland auf einen Kompromiss der Mittelmäßigkeiten, der hohen Steuern und relativ großen sozialen Sicherheiten eingelassen hat, ist heilig.

In Amerika aber ist der unermessliche Reichtum und Wohlstand an diesem Punkt fast ausschließlich aus eigener Kraft geschaffen. Noch nie war es in der Geschichte der Menschheit möglich, so schnell zu solchen Vermögen zu kommen wie in den Jahren 1997 bis 2008. In den meisten Fällen wurde dieser Reichtum keineswegs mit den traditionellen Methoden der Ausbeutung geschaffen. Finanzgeschick, Innovationsindustrien und Risikobereitschaft waren die Antriebskräfte. So wird Reichtum nicht als Privileg verstanden, sondern als Belohnung für harte Arbeit. Warum sollte man diesen Lohn nun mit den Heerscharen der Versager teilen, die sich nicht die Mühe gemacht haben, selbst zu etwas zu kommen?

Da aber schlägt jener Glaube durch, der ganz am Anfang der Geschichte der modernen Amerikas stand - der Calvinismus, der aus Europa in die neue Welt vertrieben wurde. Der geht (in groben Zügen) davon aus, dass der Mensch als Sünder geboren wird. Doch Gott belohnt die Tüchtigen. Und bestraft die Müßigen - Armut ist demnach selbst verschuldet. Dieses Credo schwelte schon immer in der amerikanischen Gesellschaft. Erst Franklin D. Roosevelt konnte diesen Urgedanken der freien Marktwirtschaft mit seinem "New Deal", seinem neuen Gesellschaftsvertrag nach der großen Depression, etwas bändigen.

Nun aber kehrt der Calvinismus mit aller Macht zurück. Mitt Romney mag Mormone sein, doch er steht mit seiner Biografie für genau diesen Grundsatz aus den Wurzeln der Nation. Auch wenn es nicht mehr Gott ist, der die Schuldfrage klärt: "Lasst die Versager versagen." Europäern sind solche Gedanken sehr fremd. Es sei denn, sie sollen gerade Griechenland und Spanien retten.

05.10.12 | 11:59 | 0 Kommentare

Urvater der Erstanwender



Vor 50 Jahren erschien '007 jagt Dr. No', der erste James-Bond-Film. Damals traf er den Nerv einer urbanen, hedonistischen Nachkriegsgeneration. Doch was bleibt von seinem Erbe?

(Von Andrian Kreye) Den Kalten Krieg hat James Bond dann doch nicht gewonnen. Das waren (je nach Interpretation) Ronald Reagan, Mathias Rust oder die Montagsdemonstranten von Leipzig. Dabei gehörte es bis zum Wendejahr 1989 zu den wichtigsten Aufgaben des Agenten 007, die Welt vor dem Atomkrieg zu bewahren. Auch wenn das russische Amt für Spionageabwehr Smersh aus den Romanvorlagen fürs Kino gegen die sinistre Weltverschwörungsorganisation Spectre ausgetauscht wurde. Aber das war Programm. Politik hat James Bond noch nie interessiert.

Fünfzig Jahre ist es nun her, dass der erste Bond-Film '007 jagt Dr. No' am 5. Oktober 1962 im London Pavilion am Picadilly Circus Premiere hatte. Die meisten männlichen Erwachsenen der westlichen Welt in der werberelevanten Zielgruppe zwischen 18 und 49 sind heute längst selbst hochgebildete, vergnügungssüchtige, konsumgeile, eitle Großmäuler. Deswegen ist es schwer nachvollziehbar, dass die Figur des James Bond damals eine gesellschaftliche Vorreiterrolle einnahm und sein wahres Erbe eben nicht die Bewahrung des Weltfriedens war, sondern vielmehr ein Befreiungsschlag mit Rundumwirkung.

1962, als James Bond auf dem Karibikeiland Crab Key mit der halb nackten Ursula Andress als Honey Ryder in das Hauptquartier des Dr. No eindrang, um dort die gesichtslosen Horden seiner Handlanger mit lässiger Geste auszuschalten, gehörten Bikinimädchen mit mangelndem Schamgefühl und zweideutigen Künstlernamen noch in die Unterhaltungskategorie, die man verschämt 'Burlesque' nannte. Diese Koketterie mit Pornografie und Gewalt, die sich in den nächsten Jahrzehnten mit jedem der Bond-Filme sanft steigern sollte, war ein ganz bewusster Verstoß gegen die Regeln des Anstands und der Moral. Denn nur als brachialer Verführer und Killer konnte Bond das Neuland erobern, das für gestandene Männer bis dahin als Tabu gegolten hatte: kosmopolitische Bildung, Mode, Konsum und Stilbewusstsein.

Solche Privilegien galten in einer Gesellschaft, die zwei Weltkriege und eine globale Wirtschaftskrise hinter sich gebracht hatte, als feminin und dekadent. James Bond sollte aber ganz bewusst den Nerv einer jungen, urbanen Generation treffen, die nun die Spaßdividenden der Wirtschaftswunder einlösen wollte und es nicht eilig damit hatte, das immer reichlicher verfügbare Einkommen in der Suburbia mit einer Familie zu teilen.

Das Verhältnis von Sex und Gewalt in den Bond-Filmen war dabei ein wichtiger Faktor. Die Gewalt hatte weder den existenzialistischen Stachel des Film noir, noch den triumphalistischen Gestus jener Actionfiguren, wie sie später Sylvester Stallone oder Bruce Willis verkörpern sollten. Jede der meist zufälligen Tötungen im ersten und zweiten Akt waren jedoch von einer solch lapidaren Lässigkeit, dass sie der Erobererfigur eine letztgültige Aura der Männlichkeit verliehen. Der Sex aber diente vor allem dazu, die femininen Seiten des hemmungslosen Hedonismus auszugleichen. War der Archetyp des stilbewussten Junggesellen bis dahin noch ein Code für Homosexualität, so war die Vielweiberei des James Bond nicht nur ein Bruch mit der Moral der Vätergenerationen, sondern ein sich ständig bestätigender Beweis der Männlichkeit. Und wer konnte das perfekter darstellen, als der kantige, haarige Sean Connery?

Dass der seine Eroberungen und Abenteuer mit einem unerschütterlichen Sinn für Ironie durchstand, bekräftigte nur noch den Bruch mit der jüngsten Vergangenheit. Ironie, so schrieb der Kulturkritiker Paul Fussell in seinem epochalen Werk über den Ersten Weltkrieg, war ein Produkt der Schützengräben und Großstädte Europas, in denen die lächelnde Arroganz einer der wenigen Auswege aus dem Grauen war. Sie blieb von da an immer der perfekte Rückzug aus dem Kampf, auch wenn er nur gegen die Widrigkeiten des Großstadtlebens geführt wurde. James Bond legte stellvertretend für die neue Generation der Kosmopoliten das Grauen und die Ernsthaftigkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den Akten. Und man wusste ja bald, was 007 von Akten hielt.

Mit einer solch durchgestählten Männlichkeit konnte sich James Bond hemmungslos seiner Lust am Konsum hingeben. Exotische Reiseziele waren in einer Zeit, in der sich das europäische Publikum grade langsam die Badestrände des Mittelmeeres eroberte und nur zwei Prozent der Amerikaner ihr Land ohne Auftrag verlassen hatten, ein unanständiger Luxus. Bonds exquisiter Geschmack in Mode und Alkoholika galt nach einer Zeit der Entbehrungen nur als frivol. Doch es waren vor allem die allerneuesten Sportwagen, die Technospielereien und Geheimwaffen, die ihn zu einem Urvater der Erstanwender machten. Sein ewiges Beharren, dass man ihm den Martini geschüttelt und nicht gerührt servieren sollte, war dabei so etwas wie der Leitspruch für jenes Distinktionsbürgertum, das Pierre Bourdieu als die neue 'petite bourgeoisie' bezeichnete. Geschmack wurde zum Synonym für Prestige und damit zum Motor des Konsums. Da führt die Linie vom kugelsicheren Aston Martin ganz direkt zum iPhone 5.

Nun gehörte James Bond nicht alleine zur Avantgarde. Das 'Rat Pack' von Las Vegas um Frank Sinatra und Dean Martin hatte das stilvolle Lotterleben schon längst gegen die kleinbürgerliche Moral in Stellung gebracht. Die Zeitschrift Playboy hatte dem Männerkonsum mit den Bunnys das gebotene Testosteronumfeld geschaffen. Ganz so unverfroren propagierte James Bond seinen Hedonismus ja nicht. Immerhin hatte er den Weltfrieden als universale Legitimation zu bieten. Da liegt dann vielleicht auch der einzige politische Kern der Reihe - der Sieg des kapitalistischen Spaßes über die Tristesse des Sozialismus.

Mitte der Siebzigerjahre hatte sich die Figur des rebellischen Hedonisten dann schon abgenutzt. Roger Moore war bald nur noch die Karikatur dieses Archetyps. Mit jedem Schauspielerwechsel wurde die Bond-Serie immer deutlicher zum reinen Kintopp. Bis Daniel Craig ins Bild kam, der erste humorlose Bond, der Schmerzen erleiden und Angst zeigen darf. Der unterscheidet sich kaum noch von den modernen Actionhelden wie Ethan Hunt oder Jason Bourne. Dem Zeitgeist ist Craigs Bond damit wieder sicher auf der Spur. Die Zeiten sind hart und ernst. Und gerade deswegen sehnt man sich einen Helden zurück, dessen größtes Problem der inkorrekte Einsatz eines Rührstäbchens ist.


Video: Adeles Titelsong für den nächsten James Bond "Skyfall"
Foto: Luciana Paluzzi und Sean Connery in ´James Bond 007 - Feuerball`"; Morgan

21.09.12 | 19:00 | 1 Kommentar

Moral bindet und blendet

Im amerikanischen Wahlkampf geht es wieder einmal um moralische Überlegenheit. Doch wer hat die eigentlich?  Und warum wählen Menschen überhaupt Parteien, deren Programme ihren Interessen eigentlich widersprechen? Ein Interview mit dem Sozialpsychologen an der NYU Jonathan Haidt, der in seinem Buch "The Righeous Mind" die Spaltung von Gesellschaften untersucht.

(Von Andrian Kreye)
Als Europäer wundert man sich , warum so viele Menschen mit bescheidenem Einkommen eine Partei wählen, deren Kandidat Mitt Romneyfür sie offensichtlich nichts Gutes will, während Obama doch einiges für sie getan hat. Warum wählen Menschen gegen ihre eigenen Interessen?

Jonathan Haidt: Die Frage geht davon aus, dass eine Wahlentscheidung aufgrund einer rationalen Berechnung der eigenen Interessen gefällt wird. Als Moralpsychologe sehe ich das anders – Politik ist dem Glauben sehr viel ähnlicher als dem Shopping. In der Soziologie des 20. Jahrhunderts gab es zwar die Idee vom Homo oeconomicus, der ganz rational das beste Ergebnis für sich errechnet.

Ratio spielt in der Politik keine Rolle?

Wir haben das lange untersucht. Ich habe versucht, ein einfaches Bild zu finden, und bin auf den Elefanten und seinen Reiter gekommen. Unser Bewusstsein ist der Reiter, alles andere ist der Elefant. Bewusstsein macht aber lediglich zwei Prozent unseres Selbst aus, der Elefant sind die restlichen 98 Prozent – das Unbewusste, die Emotionen und vor allem die Moral.

Haben politische Einstellungen dann gar nichts mit Vermögensverhältnissen zu tun?

Nur bis zu einem gewissen Grad. Je wohlhabender jemand ist, desto konservativer wird er sein. Doch je weiter man sich im Einkommensspektrum vom vermeintlichen Kern der Partei entfernt, desto deutlicher wird, dass das nicht der entscheidende Grund ist.

Ist es nicht auch eine Altersfrage?

Da kenne ich die Zahlen nicht. Ich weiß, dass es zwei Einschnitte im Leben gibt, die einen konservativer machen – wenn man Kinder bekommt, und wenn man eine Firma gründet. Die Altersfrage hängt aber auch davon ab, wann man geboren wurde – manche Generationen sind liberaler als andere. Das hängt von den Erfahrungen ab, die man als Teenager und vor allem in seinen Zwanzigern gemacht hat. Die prägen einen fürs Leben. Auslandsreisen machen einen beispielsweise liberaler.

Erklärt das, warum in Deutschland so viele Leute mit hohem Einkommen die Grünen oder die SPD wählen?

Die meisten Menschen bleiben in ihrem moralischen Spektrum, das sie in frühen Jahren entwickelt haben. Es sind nämlich nicht nur die Erfahrungen, auch die Persönlichkeitsstruktur spielt eine Rolle, und die ist angeboren.

Wie unterscheiden sich Linke und Konservative da?

Linke sind eher neugierig, haben wenig Scheu, sie reisen gerne und experimentieren mit exotischen Speisen. Konservative sind eher von Ängsten vor Bedrohungen, Unordnung und Verfall geleitet. Da sind wir wieder beim Elefanten.  

Wenn nun im amerikanischen Fall deutlich mehr Wähler mit den Republikanern gegen ihre eigenen Interessen abstimmen, heißt das im Umkehrschluss, dass die Konservativen moralische Überzeugungen glaubwürdiger ansprechen können?

Ich frage mich, ob die Demokraten überhaupt wissen, dass es einen Elefanten gibt. Aber die Konservativen decken auch das Spektrum der moralischen Grundlagen besser ab. Wir haben nach unseren langjährigen Untersuchungen und Feldversuchen eine Theorie entwickelt, nach der es fünf moralische Fundamente gibt. Das sind Mitgefühl, Gerechtigkeitssinn, Loyalität, Respekt für Autorität und Glaube. Erstellt man nun ein Diagramm, welche dieser Grundlagen von sehr liberalen bis zu sehr konservativen Menschen besonders ausgeprägt sind, dann erkennt man, dass sehr liberale Menschen ein besonders ausgeprägtes Mitgefühl und einen besonders ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben. Loyalität, Respekt für Autorität und Glaube spielen kaum eine Rolle. Diese fünf Kurven nähern sich bis nach rechts dann an. Für politisch Moderate und für konservative Menschen spielen alle fünf Grundlagen eine ähnlich wichtige Rolle im Leben. Linke Parteien wie die Demokraten bedienen nur zwei dieser fünf Grundlagen, während die Republikaner alle fünf dieser moralischen Sinne ansprechen.   

Werden da nicht bloß Empörungspotenziale abgerufen?

Ja, aber bisher empörten sich die beiden Seiten vor allem gegenseitig. Es hilft, dabei im Blick zu haben, was der jeweiligen Seite heilig ist. Für die Linke sind Opfer heilig, vor allem machtlose Opfer. Das waren von den Fünfzigerjahren an bis vor ungefähr zehn Jahren die Afroamerikaner. Das ändert sich zum Glück. Jetzt sind es vor allem die Umwelt und Homosexuelle.

Warum zum Glück?

Weil das Problem mit dem Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft kein zentrales mehr ist. Die New York Times zeigte neulich ein Diagramm, das zwei Problematiken über die letzten 40 Jahre hinweg gegeneinander stellte. Die Kurve für die Rassenproblematik ging dabei stetig nach unten, die Kurve für die Ungleichheit der allgemeinen Einkommen nach oben. Vor ungefähr zehn Jahren haben sie sich gekreuzt. Wir haben nun in erster Linie ein massives Klassenproblem.

Warum tut sich Amerika so schwer, das Klassenproblem zu thematisieren?

Da müssten Sie einen Soziologen fragen. Aber auch da spielt Moral mit hinein. Früher gab es zum Beispiel auch in den USA so etwas wie eine Aristokratie der Stände – der soziale Status wurde meist weitervererbt. Dann gab es einen gewaltigen Wandel, den Charles Murray 1994 in seinem Buch „The Bell Curve“ beschrieb. Die Linke hat ihn dafür gehasst, weil sie glaubte, dass er über Rassenunterschiede schreibt, dabei ging es ihm um Klassenunterschiede. Er sah vieles voraus, was nun eingetreten ist. Er sagte, wenn man den gesellschaftlichen Status nicht mehr durch die Geburt erlangt, sondern auf Grundlage von IQ, dann sortiert man alle klugen Menschen in eine Ecke, sie heiraten untereinander und bekommen kluge Kinder. Die nicht ganz so klugen Menschen werden dagegen in eine andere Ecke sortiert. So teilt man auf Dauer sowohl die geistigen als auch die sozialen Ressourcen. Die Menschen an der Spitze der Gesellschaft haben gute Voraussetzungen, um Kinder großzuziehen. Die Voraussetzungen für die Menschen am unteren Ende der Skala sind dagegen ein Desaster. Egal ob für Weiße oder Schwarze.

Und was ist den Konservativen heilig?

Gott und Vaterland. Als Konservative in den Sechziger- und Siebzigerjahren sahen, dass junge Amerikaner das Sternenbanner verbrennen, dass sie ein Geschichtsbild entwarfen, in dem Amerika die Unterdrückung und das Böse verkörpert, war das, als hätte man mit der Faust in einen Bienenstock geschlagen. So haben sich die beiden Seiten seit den Sechzigerjahren gegenseitig aufgeregt. Im 21. Jahrhundert kam dann noch die politische Innovation des Bush-Rove-Teams dazu, dass man Wahlen nicht gewinnt, indem man die Mitte überzeugt, sondern indem man das eigene Lager in Rage bringt.

Funktionieren die Tea-Party- und Occupy-Bewegungen nicht so?

Ja, das sind moralische Gemeinschaften, die sich um geheiligte Werte herum organisieren. Das Interessante ist, dass sie so viel gemeinsam haben, vor allem die Wut auf den Kapitalismus. Sie könnten eigentlich gemeinsame Sache machen, wären sie nicht die exemplarischen Ausformungen der psychologischen Profile der Linken und der Rechten.

Wie kann man eine moralisch gespaltene Gesellschaft dazu bringen, vernünftig zu diskutieren?

Ganz grundsätzlich: Moral bindet und blendet. Das gilt nicht nur für die politischen Debatten, das gilt auch für die Wissenschaften. Irgendwann in den Sechzigerjahren tat sich da eine Kluft zwischen den Geistes- und Naturwissenschaftlern auf. Die Verwerfungslinie war die Frage: Ist die Evolution relevant oder nicht? Wenn Evolution relevant ist, dann gibt es ja vielleicht Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Doch weil das sexistisch ist, durfte es nicht wahr sein. Wenn man weiß, was der jeweiligen Gruppe heilig ist, kann man auch erkennen, in welchen Punkten sie unzugänglich für Beweise und Tatsachen sind.

Ist das auch der Grund, warum die Beschneidungs- oder die Urheberrechtsdebatten mit solcher Härte geführt werden?

Die Beschneidungsdebatte hat mich extrem verärgert. Ich bin zwar ein atheistischer Jude, aber wie kann man die Grundlagen eines Glaubens so infrage stellen? Ich kenne mich aber besser mit Urheberrechten und Patenten aus – mein Vater war Patentanwalt. Bislang war das eine eher obskure Debatte für Rechts- und Wirtschaftstheoretiker, die wenig mit dem Alltag der meisten Menschen zu tun hatte. Und dann kommt plötzlich das Internet und alles ist verfügbar. Die wenigsten würden wahrscheinlich jemandem eine CD aus dem Rucksack stehlen. Aber wenn man etwas von einer Webseite herunterlädt – wem schadet man da schon? Und auf einmal kommen die Regierung und irgendein Anwalt für irgendeine Plattenfirma und sagen, dass man das nicht mehr darf, sie beginnen, den Computer auszuspähen. Das berührt das Freiheitsverständnis der Leute negativ. Ihr erzählt uns, dass wir etwas nicht mehr tun dürfen, auch wenn unser moralischer Kompass da kein Problem damit hat? Fuck you. Dann baut sich eine Philosophie drumherum auf. Information muss frei sein! Das hat irgendjemand mal vor Jahrzehnten gesagt. So kann man das in einen normativen Imperativ packen.

  

Noch einmal: Wie kocht man eine Debatte wieder herunter?

Es gibt einen alten Vaudeville-Witz: Kommt ein Mann zum Arzt und sagt, es tut so weh, wenn ich so mache. Sagt der Arzt, dann hören Sie halt auf damit. Ich meine damit nicht, dass man keine vernünftigen Argumente anbringen sollte, aber man darf nicht erwarten, dass sie funktionieren. Prinzipiell sollte man kein Sakrileg begehen, weil sich die andere Seite sonst nie wirklich mit dem Thema beschäftigt. Und man kennt die Heiligtümer der anderen doch. Nehmen Sie die Regelung der Obama-Regierung, dass katholische Krankenhäuser und Colleges für die Empfängnisverhütung ihrer Angestellten bezahlen sollen. Das war unfassbar dumm. Das hat nur das Gefühl zementiert, dass es einen Krieg gegen Religion gibt. Dass sie ein Opfer sind. Dass die Demokraten Religion hassen.

Sie selbst sind auch eher liberal – beraten Sie die Demokraten?

Ich habe mich vor Jahren den Demokraten als Berater angeboten. Die meisten haben gar nicht reagiert. Ein paar Einladungen habe ich bekommen, aber ich habe die meisten abgelehnt. Demokraten glauben immer noch, dass sie nur die Botschaft richtig hinkriegen müssen, dann passt die wie ein Schlüssel in die Köpfe der Leute und bringt sie auf ihre Seite. Ich habe immer versucht, ihnen beizubringen, dass der Botschafter so wichtig ist wie die Botschaft. Die Leute müssen einem vertrauen.

Warum sollte man den Demokraten weniger vertrauen als den Republikanern?

Da müssen sie nicht einmal moralisch argumentieren. Die machen schon auf der rationalen Ebene grobe Fehler. Demokraten gelten als geschäftsfeindlich. Wenn sie sagen, dass wir den Markt regulieren müssen, um ihn effizient zu machen, dann ist das zwar ein dringend nötiges Argument für jede moderne kapitalistische Gesellschaft. Doch die Leute glauben, dass das nur ein Machtanspruch ist. Wäre allgemein bekannt, dass die Demokraten den Kapitalismus lieben, wenn sie sich als großer Freund der kleinen Geschäftsleute im Kampf gegen Big Business profiliert hätten, dann stünden sie in der Tradition von Andrew Jackson in den 1820er-Jahren. Das wäre eine wirklich gute Position. Die Linke muss sich wirklich überlegen, was es im 21. Jahrhundert heißt, links zu sein.

Und wie erklären Sie, dass das Rennen so knapp bleibt, obwohl Mitt Romney gerade erklärt hat, dass ihm 47 Prozent der Amerikaner egal sind?

Die 47 Prozent decken sich mit seinem Gerechtigkeitsverständnis. Er teilt das Land in die „Makers“, die mehr einbringen als herausnehmen, und die „Takers“, die mehr herausnehmen als einbringen. Das hält er für so ungerecht, dass es rechtfertigt, die Steuern der „Makers“ zu senken und die Zuwendungen für die „Takers“ zu streichen. Ich glaube allerdings, dass ihm dieser Kommentar sehr schaden wird.

05.09.12 | 20:28 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Bob Neuwirth über Schattenwirtschaft

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