25.04.12 | 09:19 | 2 Kommentare

Die nächsten drei Milliarden

(Von Andrian Kreye) Wenn das soziale Netzwerk Facebook erste Grenzen seines Wachstums erreicht hat, so ist das erst einmal ein Ärgernis für den Konzern. Kurz vor dem Börsengang kann eine solche Nachricht den Wert drücken. Langfristig muss sich Facebook jedoch ganz andere Sorgen machen. Denn das Wachstum wird sich nicht mehr in traditionellen Werbemärkten vollziehen. Mit der zunehmend globalen Verbreitung werden sich die sozialen Netzwerke vom Lifestyle-Medium im Norden zur gesellschaftlichen Kraft auch im Süden wandeln und deswegen ihre Rolle neu definieren müssen.

Erste Anzeichen dafür konnte man während der Unruhen des arabischen Frühlings beobachten, bei der umstrittenen Internetkampagne gegen den ugandischen Warlord Joseph Kony, und in den Vorträgen von Alec Ross, dem Berater der US-Außenministerin Hillary Clinton, der für das neue Feld der digitalen Diplomatie zuständig ist.

Während des arabischen Frühlings zeigte sich, dass soziale Netzwerke des Internets als Instrument für die Mobilisierung und Koordination von Volksbewegungen so effektiv sind wie kein Mittel zuvor. Die „Kony2012“-Kampagne bewies, welch politische Macht der sogenannte Schwarmgeist im Internet entwickeln kann. Alec Ross aber reist derzeit um die Welt, um der digitalen Industrie begreiflich zu machen, dass die USA, stellvertretend für den Westen, ganz eindeutige Interessen haben, wenn es darum geht, Schwellen- und Entwicklungsländer in die globalen Kommunikationsnetze einzubinden. Die USA würden alles unternehmen, um Meinungsfreiheit – also: Demokratie – weltweit möglich zu machen.

Der digitale Kampf für Demokratie ist ein ehrbares Anliegen. Für einen digitalen Konzern, der sich mit nationalen Regierungen arrangieren muss, ist das nicht immer von Vorteil. Wenn Online-Dienste darauf achten müssen, dass auch die Standards autoritärer Herrscher eingehalten werden, kollidiert das schon mal mit westlichen Werten.
Betrachtet man nun die jüngsten Studien und Schätzungen zur Entwicklung digitaler Medien, kann man das ungefähre Ausmaß der Entwicklung schon ahnen. Bis zum Jahr 2016 werden laut einer Untersuchung der Beratergruppe Boston Consulting drei Milliarden Menschen Anschluss an das Internet haben. Vorsichtige Schätzungen nehmen außerdem an, dass in den nächsten zwanzig Jahren drei Milliarden weitere Menschen ans Netz gehen werden. Die größten Wachstumspotentiale gibt es dabei in den Schwellen- und Entwicklungsländern.

Die wichtigste Funktion des Internets sind aber jetzt schon die sozialen Netze. 82 Prozent aller globalen Nutzer sind heute Mitglieder eines sozialen Netzwerkes. Von diesen sind 55 Prozent Mitglied bei Facebook. Bei einer solchen Durchdringung des Marktes sind Grenzen des Wachstums im bestehenden Netz schon erreicht. Intern haben Konzerne wie Facebook und Google längst langfristige Strategien für diese Entwicklung. Das zeigt schon die Wortwahl: Im Silicon Valley ist Afrika keine Entwicklungsregion, sondern die Weltgegend mit den derzeit größten Wachstumschancen.

Der Konflikt der sich nun anbahnt, schwelt schon seit Beginn der Globalisierung. In fast allen Debatten, sei es um die Macht des Internets, sei es um die Wirtschafts- und Finanzkrisen, schwingt mit, dass Politik und Wirtschaft um die Vormacht ringen. Die Interessen der beiden sind oft konträr.
Präsident Obama hat soeben ein deutliches Zeichen gesetzt. Mit zwei Verfügungen beschloss er Sanktionen gegen jeden, der autoritäre Regime wie in Iran oder Syrien mit Technologie versorgt, die Unterdrückung möglich macht. Das ist ein erster Schritt, um auch soziale Netzwerke in die Verantwortung zu nehmen. Wenn die nächste Phase des Wachstums für Facebook beginnt, wird es jedenfalls nicht nur um Werbeeinnahmen gehen.

11.03.12 | 16:48 | 1 Kommentar

Das Woodstock der Ideen

Fünf Tage Reizüberflutung: Ein Besuch auf der  Ted Conference, dem Weltgipfel der Optimisten

(März 2012, von Andrian Kreye) 

Die Regeln für die Redner des Ideenfestivals Ted Conference sind einfach – eine Idee, eine Bühne, eine Projektionsfläche, eine gute Viertelstunde Zeit. Und schon geht’s los. Die Konkurrenz ist hart. Die meisten, die hier vortragen haben sich im Leben längst bewiesen. Sie haben Bestseller, Professuren, Patente, Nobelpreise oder Milliarden vorzuweisen. Das garantiert hier aber nicht unbedingt Erfolg. Die 1500 Besucher der Konferenz sehen 90 Auftritte in vier Tagen. Wer in einer solch fulminanten Reizüberflutung bestehen will, muss überzeugen.

*

Auftakt der Ted 2012: Der Physiker Brian Green erklärt das Prinzip des Multiversums. Dazu muss er aber zuerst noch die Stringtheorie erklären. Die mit den Elementarteilchen. Unser Universum ist nur eines von vielen. Manche bestehen, manche klappen zusammen. Schnell noch ein astrophysikalischer Witz. Alles verstanden? Rauschender Applaus. Ist das die letztgültige Verflachung der Wissenschaften? Der Übervater der amerikanischen Gegenkultur Stewart Brand lächelt über solch europäische Skepsis. „Das wissenschaftliche Entertainment hat in Amerika eine lange Tradition“, sagt er. Im 19. Jahrhundert gingen Wissenschaftler auf Tour und sprachen vor zahlendem Publikum. Wie Popstars.

*

Auf die Frage, was auf der Ted Conference eigentlich verhandelt wird, gibt es keine einfache Antwort. Angelsächsische Kollegen haben immer wieder ein paar Schlagworte ins Spiel gebracht – Woodstock der Ideen, Davos der Optimisten, die Feriencamps für Millionäre. Das Kürzel steht für Technology, Entertainment und Design, aber das galt für die Teds der neunziger Jahre, als sie noch ein Treffen der Silicon-Valley-Elite in Monterey war. Inzwischen findet die Ted im kalifornischen Long Beach statt und der Themenkreis wurde um Natur- und Geisteswissenschaften, Menschenrechte, Film, Musik und Kunst erweitert.

*

Wenn das hier Woodstock ist, dann ist Peter Diamandis der Jimi Hendrix des Optimismus. Sein Sprachfluss bebt vor Tatendrang. Diamandis ist Kind griechischer Einwanderer aus der Bronx. Im zivilen Leben betreibt er Firmen für zivile Raumfahrt, die Singularity University und die X-Prize-Stiftung, welche Millionenpreise für Ingenieure vergibt. Er hat gerade ein Buch mit dem Titel „Abundance“ geschrieben – Überfluss. Damit meint er das Potential unseres Planeten, Überfluss zu produzieren. Für jedes Problem der Menschheit kann es eine technologische Lösung geben. Fortschritt sei schon lange nicht mehr aufzuhalten. Beweise? Ein Afrikaner mit Handy hat Zugang zu mehr Informationen, als einst US-Präsident Ronald Reagan. Es gilt – das Credo des Machbaren.

*

Long Beach ist nicht unbedingt der ideale Ort, um sich Gedanken darüber zu machen, ob es einen Intellektualismus des 21. Jahrhunderts gibt und welche Rollen das Internet und die Naturwissenschaften dabei spielen. Long Beach besteht vor allem aus dem Verladehafen der Stadt Los Angeles und einem Downtown, in dem sich überdimensionierte Hotel- und Bürotürme um kaum befahrene Schnellstraßen und ein verwaistes Kinocenter gruppieren. Aber weil in der örtlichen Kongresshalle einmal im Jahr das Ideenfestival Ted Conference stattfindet, ist Long Beach nun neben den Skiorten Davos und Aspen die wichtigste Station auf der Route des Wanderzirkus mächtiger und kluger Menschen, die sich Gedanken um die Welt und um die Zukunft machen.

*

Wer Glück hat, wird auf eines der privaten Essen eingeladen, die am Rande der Ted Conference stattfinden. Peter Diamandis lädt zum Italiener L’Opera. Er stellt seinen nächsten Preis vor – zehn Millionen Dollar für das Team, das ein tragbares Diagnosegerät entwickelt, mit dem man das Gesundheitswesen revolutionieren kann. Er hat mächtige Freunde, die gekommen sind, um ihn zu unterstützen. Amazon-Chef Jeff Bezos. MIT-Media-Lab-Gründer Nicholas Negroponte. Google-Chef Larry Page. Hollywoodstar Cameron Diaz.

*

Der allgegenwärtige Optimismus im Saal, in den Gängen, in den Lounges und auf den Partys hat sicher etwas mit diesem Credo des Machbaren zu tun, das sich durch so viele Vorträge zieht. Aber auch damit, dass sich das Publikum immer noch zu einem großen Teil aus der kalifornischen Elite rekrutiert. 7500 Dollar kostet der Eintritt. Das reduziert das Zielpublikum. Verdient wird nichts. Träger der Ted Conference ist eine Stiftung. Die finanziert mit den Einnahmen all die Projekte, die aus der Konferenz in den letzten Jahren eine Marke gemacht haben – die Videoplattform im Netz, die TedX-Ableger, die jeder veranstalten kann, der sich an ein paar Regeln hält, die Fernseh- und Radiosendungen, die E-Books, der Preis, die Stipendien, das TedEd-Bildungsprogramm auf Youtube, das am Montag online gehen wird. Das hat Ted zu einem Dreigestirn gemacht – Konferenz, Prädikatssiegel, Massenmedium für Ideen.

*

Die Chefgründer der großen Digitalkonzerne sind fast alle auf der Konferenz. Die Nähe zum Weltwirtschaftsmotor Silicon Valley kann auch bedrücken. Der Buchdesigner Chipp Kidd wagt, eine Lanze für den Anachronismus zu brechen. Er zeigt den Buchumschlag, den er für Orhan Pamuks „Rot ist mein Name“ gestaltet hat. Die Liebenden verbergen sich auf dem Buchrücken. Der Sultan lugt vom Umschlag herüber. Sie sind entdeckt. Weiter geht es im Text. „Versuchen Sie das mal auf einem Kindle“, sagt Kidd. Und wiegelt gleich wieder ab. Er fände E-Books natürlich sehr praktisch und habe auch gar nichts gegen sie. Muss er das sagen? Als Buchgestalter?

*

Hin und wieder reicht es dann aber auch mit der Machbarkeit. Dann tritt der Optimismus in die Kulisse. Etwa beim Auftritt der Friedensnobelpreisträgerin Leymah Gbowee. Sie erzählt vom Krieg, den Mädchen, den Vergewaltigungen in ihrer Heimat Liberia und schließt mit einem Appell: Gebt Mädchen den Raum, zu lernen und sich zu entfalten. Sie können der Motor der Entwicklung sein. Oder beim Vortrag von Al Gores Klimaberater James Hansen. Er prophezeit einen Temperaturanstieg von sechs Zehntelgrad Fahrenheit. Das entspräche der Energie von 400 000 Hiroshima-Bomben. Oder beim Auftritt des einstigen Greenpeace-Chefs Paul Gilding. Er sagt: Unser Planet ist voll. Kein Platz mehr. Keine Ressourcen. Wir brauchen eineinhalb Erden, um unser Wirtschaftssystem aufrechtzuerhalten. Der Erde ist unser Fortschritt egal. Sie verhandelt nicht.

*

Widersprüche gibt es immer wieder. Chris Anderson bittet den Hyperoptimisten Peter Diamandis und den Turbopessimisten Paul Gilding gemeinsam auf die Bühne. Sie sollen sich streiten. Sie bleiben anderer Meinung. Und doch scheinen sie nur zwei Schritte des klassischen Dreisatzes jeder Problemlösung zu sein. Gilding erkennt die Probleme. Diamandis die Lösung. Leute, die solche Lösungen umsetzen, gibt es hier sowieso genug.

*

Andere Widersprüche lassen sich nicht so leicht auflösen. Soll die Friedensnobelpreisträgerin Gbowee auf derselben Veranstaltung auftreten, wie Regina Dugan, die Darpa leitet, die Forschungsabteilung des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Darpa muss man nicht schönreden. Das ist die Waffenschmiede der Zukunft. Zivile Nebenprodukte der Darpa: das Internet, GPS, Impfstoffe. Dugan zündet ein Feuerwerk der jüngsten Projekte. Eine Flugdrohne mit Höchstgeschwindigkeit von Mach 20. Die könnte in elf Minuten von New York nach Kalifornien fliegen. An jeden anderen Ort der Welt in weniger als 60 Minuten. Eine Miniaturdrohne, die wie ein Kolibri aussieht und fliegt. Ein Super-GPS, das Blitzschläge als Leitpunkte nutzt. Chris Anderson fragt Regina Dugan nach dem Vortrag vorsichtig – die Zuladung der Mach-20-Drohne, das seien wohl nicht nur Kameras? Sie schüttelt den Kopf.

*

Weiter geht’s in der Innovationsrunde. Vijay Kumar entwickelt an der University of Pennsylvania handgroße Hubschrauber, die in Formation fliegend handwerkliche und Aufklärungsarbeiten verrichten können. Wieder die Frage – fürs Militär? Oder den Katastrophenschutz? Sind in Amerika oft ein und dasselbe. Donald Sadoway vom Massachusetts Institute of Technology skizziert auf einer Schiefertafel das Grundproblem der Solarenergie, das Speichern. Hat er aber gerade mit seiner Flüssigmetallbatterie gelöst.

*

Auch der Techno-Utopismus will gebrochen werden. Moralforscher Jonathan Haidt erklärt die Rolle der Religionen in der Evolution. „Sind Sie spirituell?“, fragt er das Publikum. Die Hälfte hebt die Hand. Haidt sagt, das Heilige habe die Zivilisation begründet, nur das Heilige vermag die Menschen zu überlebensfähigen Gruppen zu verbinden.

*

Psychologe Steven Pinker und seine Frau, die Philosophin Rebecca Newberger, stellen dann das Gegenmodell auf. Nur die Vernunft habe die menschliche Zivilisation ermöglicht. David Hume, John Locke, Mary Astell, Sebastian Castellio werden zitiert.

*

Kulturprogramm am Rande. Der Organist Cameron Carpenter reißt das Publikum mit frenetischen Kadenzen von den Sitzen. Das American Ballet Theatre tanzt Choreographien von Twyla Tharp. Die Soulsängerin Meklit Hadero singt zur Wandergitarre. Abigail Wahburn spielt Banjo. Die Auswahl erinnert an die eklektischen Programme öffentlich rechtlicher Sender wie das amerikanische National Public Radio oder Deutschlandradio Kultur. Bewährt Akustisches aus aller Welt.

*

Je schneller Ted wächst (700 Millionen Zugriffe auf die Ted-Talk-Videos, innerhalb von drei Jahren, über 3200 TedX-Ablegerkonferenzen in 126 Ländern), desto stärker wird der Gegenwind. Der Literatenblog The New Inquiry findet die Macht der Ted Conference beunruhigend. Der Wissenschaftsjournalist Kent Sepkowitz schreibt, Ted-Konferenzen reduzierten Intellektualismus zu „Smart Style“. Ein Akademiker verflucht den Konferenzbetrieb im Kielwasser der Ted. Zu viele wirklich große Akademiker seien viel zu sehr damit beschäftigt, Bestseller zu schreiben und sie auf Konferenzen zu vermarkten, um noch ordentlich zu forschen. Verfechter entgegnen: Noch nie gab es in Amerika eine so massenkompatible Plattform für komplexe Themen. Das ist kein intellektueller Salon. Der Slogan lautet „Ideas worth spreading“. Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden.

*

Am Ende der Woche stellt sich ein Zustand mentaler Erschöpfung ein. „Ted Lag“ nennen sie diesen Kater der Reizüberflutung. Nachdenken müssen sie später.

 

Foto: James Duncan Davidson

07.03.12 | 18:45 | 4 Kommentare

Apple – die Coca Cola des 21. Jahrhunderts



(6.3. 2012, von Andrian Kreye)  Normal ist das ja nicht, wie euphorisiert die Welt auf fast jede Produktvorstellung des Elektronikkonzerns Apple wartet, selbst wenn es dann doch nur das alte Gerät mit ein paar Verbesserungen ist. Der Markenexperte Martin Lindstrom hat eine neurologische Untersuchung zu diesem Phänomen angestellt. Er wollte dabei dem Kalauer nachgehen, dass iPhone-Nutzer klassisches Suchtverhalten zeigen. Das Ergebnis war erstaunlich. Es sei keine Sucht. Die enge Bindung zum Gerät sei mit wahrer Liebe vergleichbar. Das zeigten zumindest die Kernspinaufnahmen. Die Reaktion auf das Vibrieren eines iPhones war fast identisch mit den Hirnströmen angesichts eines geliebten Menschen.

Es gibt natürlich unzählige Firmen, die Smartphones, Tablets oder Computer herstellen. Doch der Erfolg von Apple ist eher eine kulturgeschichtliche denn eine wirtschaftliche Entwicklung. Das steuerte Firmengründer Steve Jobs schon früh. Er dachte immer erst an den Nutzer, dann ans Gerät. So bekam Apple für das 21. Jahrhundert eine Bedeutung wie Coca-Cola für das 20. Jahrhundert.
 
Die weltweite Verbreitung der Cola galt als Analogie für den Siegeszug der freien Marktwirtschaft und Demokratie. Das rotweiße Markenzeichen stand für Freiheit. Nur in der negativen Interpretation war es Sinnbild für die Dominanz der westlichen Konsumkultur.

Die Symbolwirkung von Apple ist inzwischen ähnlich. Das funktioniert deshalb so gut, weil Apple-Computer lange Zeit Nischenprodukte der digitalen Avantgarde waren. Dieses Vorreiter-Image wurde raffiniert gepflegt. Das begann mit dem legendären Werbespot von 1984, in dem „Blade Runner“-Regisseur Ridley Scott die ersten Apple-Computer als Mittel für den Befreiungsschlag gegen eine graue Welt der Repression und Gleichförmigkeit inszenierte, die an Orwells Roman „1984“ erinnerte.
 
1997 lancierte Steve Jobs die „Think Different“-Kampagne, für die er nicht nur die Symbole der kulturellen Rebellion vereinnahmte, sondern auch ihre Helden. Der Werbespot zeigte Albert Einstein, Bob Dylan, Picasso und Maria Callas. Das legte den Grundstein für die Aura der Kreativität, mit der sich die Firma von nun an schmückte.

Nun sind Apple-Geräte heute längst Massenware. Für junge und jung denkende Menschen des 21. Jahrhunderts hat der angebissene Apfel des Firmenlogos jedoch eine ähnliche Bedeutung wie das Coca-Cola-Signet für die Demokraten des 20. Jahrhunderts und das Peace-Zeichen für die Generation der Hippie-Jahre. Er steht weniger für ein Produkt als für ein Lebensgefühl, oder zumindest die Sehnsucht danach.

Wer Apple-Geräte benutzt, der zählt sich zu einer Elite, die aus dem Strukturwandel des 21. Jahrhunderts als Sieger hervorgeht. Es sind die Kreativen, die Innovatoren, all jene also, die sich in einer Welt der Niedriglohnjobs auf die immer schmalere Seite der Gutverdienenden schlagen. Der rebellische Gestus hat dabei längst keinen politischen oder kulturellen Kern mehr. Es geht um die Eroberung einer aufregenden neuen Welt, die mit neuen Technologien das Leben der Menschen verändern wird.

Nun war Steve Jobs kein Ideologe, sondern Geschäftsmann. Aura und Lebensgefühl sind für Apple wie für jede Marke nur Vehikel, um sich von der Konkurrenz zu unterscheiden und Kunden zu binden. Für den Digital-Kosmos ist das immer wichtiger. Nur so konnte Apple eine Produktwelt schaffen, aus der es kaum noch ein Entkommen gibt. Wer Apple-Geräte benutzt, wird bald einen Großteil seines Alltages darüber abwickeln, egal ob er kommuniziert, Musik hört oder einkauft. Mit jeder Gerätegeneration schließt sich diese Welt ein wenig mehr. Das mag die negative Interpretation eines im Ansatz freundlichen Lebensgefühls sein. Es funktioniert aber gerade deswegen so nachhaltig, weil so viele Apple-Nutzer ihre Geräte regelrecht lieben.

01.03.12 | 20:03 | 0 Kommentare

TED 2012 #1

Paul Gilding und Peter Diamandis direkt hintereinander auftreten zu lassen, brachte den manisch-depressiven Subtext der TED-Konferenz perfekt auf den Punkt.

10.01.12 | 18:33 | 1 Kommentar

Der reine Moment





Warum der Jazz neue musikalische Maßstäbe braucht, wenn er überleben will

Bevor man sich auf eine Jazz-Debatte einlässt, sucht man erst einmal in der eigenen Gegenwart. Und ja, da gibt es immer wieder diese großen Momente, die nichts damit zu tun haben, ob ein Club ausverkauft war, ob Genregrenzen eingehalten wurden oder ob sich die Musiker in den letzten Jahren weiterentwickelt haben. Dr. Lonnie Smith beispielsweise versetzte einen imMünchner Hotel Bayerischer Hof in jenen Zustand der Überwältigung, der nicht zu erklären ist, weil ein schlichter Blues auf einer Hammondorgel zunächst einmal nichts Bewegendes verspricht. Ein paar Monate zuvor war es Gunter Hampel, der Pionier des freien Jazz, der beim Jazzlines-Festival mit einem Ensemble aus sehr jungen Musikern jene atemberaubenden Momente kollektiver Improvisationskraft erzeugte, die in der Musiktheorie mangels Erklärungsmodellen „Pulse“ heißen.



Doch was nutzt die Schwärmerei, wenn man erst einmal festhalten muss – es gibt für den Jazz derzeit kaum Raum, um sich zu entwickeln. Es fehlt an Clubs, an Plattenverkäufen und an gesellschaftlicher Akzeptanz. Wer das beklagt, der bezieht sich vor allem auf die sechziger und siebziger Jahre, als Modern Jazz nicht nur eine musikalische, sondern auch eine enorme gesellschaftliche Relevanz besaß. Jazz war damals die Popkultur der Gebildeten und Fortschrittlichen. Da unterschieden sich Europa und Amerika nicht sonderlich. Das allerdings nutzt heute nur wenigen.

Sicherlich spielt die Vergangenheit auch im Jazz eine wichtige Rolle. Selbst die radikalsten Formen standen immer in einer Tradition, auch wenn es nicht leicht ist, Ornette Colemans Bezüge auf Charlie Parker zu dechiffrieren.Das breite Publikum entdeckte den Jazz meist auch erst aus einem nostalgischen Moment heraus. Viele Clubs leben genau davon. Das Internet als Echokammer des kollektiven Popgedächtnisses funktioniert heute zusätzlich als Verstärker.

Da aber stößt die Debatte an erste Grenzen, denn das Fatale an den Musikdebatten der vergangenen Jahre war ja gerade, dass es sich dabei in viel zu vielen Fällen eigentlich um Wirtschafts- und Technologiedebatten handelte. Auch die Frage, ob es schlecht steht um den Jazz, und woran das liegen könnte, dreht sich schnell um solche Fragen, die erst um das Internet kreisen und dann bei der Forderung nach Subventionen landen. Dabei geht es bei jeder Musikdebatte doch eigentlich um – Musik.

Das ureigene Problem der Jazzdebatten ist zudem, das sich diese Musik solchen Debatten eigentlich immer verweigert. Debatten stützen sich immer auf Analysen. Der Modern Jazz aber war dezidiert darauf ausgelegt, Analyse unmöglich zu machen und die intellektuelle Debatte in der Abstraktion aufzulösen. Immerhin hatte der Jazz in den Jahren, die im Rückblick als seine goldenen Jahre gelten, immer auch ein revolutionäres Moment, dem der Jazz kein Forum, sondern ein Ventil lieferte.

Der Gestus, mit dem die Pionier des Bebop Charlie Parker und Dizzy Gillespie gegen das Diktat des Swing und seiner Big Bands antraten, unterschied sich nicht sonderlich vom Furor, mit dem die Vorläufer des Punk Patti Smith und Television gegen den Bombast des Rock der mittleren Siebziger anstürmten. Da trafen sich musikalische Bilderstürmerei und gesellschaftliche Unruhe. Das sorgte in beiden Fällen für eine musikalische Energie, die einen musikalischen Zeitgeist in die Zeitlosigkeit rettete.

Allerdings hat es der Modern Jazz seinem Publikum nie leicht gemacht, weswegen die Vergleiche mit dem Pop nicht greifen. Wie verstörend so ein revolutionärer Moment immer noch wirkt, erfährt jeder der sich heute Ornette Colemans Album „Free Jazz“ anhört. Da improvisierten im Dezember 1961 zwei Quartette scheinbar gegeneinander. Was für eine musikalische Höchstleistung hinter der Aufnahme steckt, lässt sich nach vierzig Jahren nur noch theoretisch nachvollziehen. Denn progressiver Jazz ist die Musik, die sich am schwierigsten reproduzieren lässt. Es ist die Musik des reinen Moments. Und gerade deswegen kochen Jazzdebatten immer wieder dann hoch, wenn die Gegenwart vermeintlich keinen Stoff für revolutionäre Momente liefert.

Die theoretische Erklärung, warum Ornette Colemans „Free Jazz“-Kollektivimprovisation so brillant war, liegt sicher in der intellektuellen Höchstleistung. Man muss nur ein halbes Jahr in der Jazzgeschichte zurückgehen, um das klarer zu sehen. Der Filmstudent Daniel Cohen hat sich die Mühe gemacht, die Notation von John Coltranes epochalem Saxofonsolo über „Giant Steps“ in einem Video zu animieren. Nach dem trügerisch simplen Thema schießen die Kadenzen in einem atemberaubenden Tempo und in immer komplexeren Figuren über die komplexe Akkordfolge. Das bleibt nachvollziehbar. Legt man die 4:33 Minuten von „Giant Steps“ auf die acht Musiker und rund 37 Minuten von „Free Jazz“ um, kommt man dem Ausmaß der Höchstleistung schon näher.

Weiterhelfen wird einem das nicht, wenn das Ohr instinktiv versucht, Ordnung in der Kakophonie zu schaffen. Und hier schließt sich der Kreis der Mangelwirtschaft: Jazz ist rein situative Musik und kann sich deshalb auch nur live weiterentwickeln. Dabei ist eben nichts so kurzlebig wie ein revolutionärer Moment. Das führt der Sampler„Freedom, Rhythm & Sound“ vor, den das Londoner Label Soul Jazz Records gerade veröffentlich hat. Der versammelt auf zwei CDs lauter Stücke, die voller revolutionärer musikalischer Gesten sind. Der „Attica Blues“, den Archie Shepp dem Gefängnisaufstand nach der Erschießung des Black–Panther-Gründers George Jackson widmete, wirkt mit seinen Wah-Wah-Gitarren und seinen Soulrhythmus extrem anachronistisch. Und auch Sun Ras „call and response“-Meditation über die Atomängste des Kalten Krieges funktioniert nur noch im Kontext der Revolutionsromantik.

Romantisiert man den Jazz aber nicht, sondern betrachtet man ihn als zeitgenössische Musik, die letztlich Raum für jedes Experiment lässt, wird man solche Experimente auch finden. Da gibt es beispielsweise ein Trio aus Jazzstudenten in Toronto mit dem Namen Badbadnotgood, die noch keine einzige Platte veröffentlicht haben, sondern ihre Musik über YouTube und Bandcamp vertreiben. Sie haben instinktiv erkannt, wohin das revolutionäre Moment der Musik abgewandert ist und improvisieren auf Kompositionen, die für ihre Generation relevant sind, allesamt aus dem progressiven Hip- Hop von Tyler, the Creator, J Dilla oder Ol’ Dirty Bastard.

Dieser Jazz klagt neue Maßstäbe ein. Der Pianist Matthew Tavares sagte kürzlich in einem Interview: „Irgendwann einmal ging es im Jazz um die Künstler und um wirklich solides Handwerk, aber das ist irrelevant geworden. Heute schert sich aber niemand mehr darum, wie gut man sein Instrument spielt.“ Wobei er sich damit keineswegs gegen die Jazzgeschichte richtet, sondern gegen den Konservatismus im Jazzgewerbe. Denn natürlich spielen Badbadnotgood mit souveräner Virtuosität. Nur dass sie dem Moment mehr Gewicht geben, als der Tradition. Und als Tyler the Creator neulich auf einer Tour im Übungsraum der drei vorbeikam und mit ihnen drauflos improvisierte, als er sich schließlich ans E-Piano setzte und drauflos spielte, sprang er danach auf, wand sich vor Begeisterung und fasste die Essenz des Jazz in einem Begeisterungsruf zusammen: „Ich glaube, ich hatte gerade einen Moment!“

Die Veteranen übrigens kennen die Debatten schon lange. Gunter Hampel sagt beispielsweise, die wirtschaftlich schwierige Lage und die Diskurse zwischen Traditionalisten und Progressiven gebe es seit vierzig Jahren. Es sei auch sicherlich schlimm bestellt um die Infrastruktur des Jazz. Aber es könne nicht nur darum gehen, bessere Strukturen zu schaffen. „Mündige Jazzhörer kriegt man wie im Fußball nur durch echte Begeisterung. Wir müssen da ein neues Bewusstsein schaffen. Und wir müssen uns um den Nachwuchs kümmern. Nicht nur bei den Musikern. Das ist unsere eigentliche Aufgabe.“

Tyler the Creator "having a moment" with Badbadnotgood (3:27):



Photos: Dr. Lonnie Smith/Jazztimes.com; Gunter Hampel European Quartet/Birth Records

01.11.11 | 15:19 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Hans Rosling über Bevölkerungswachstum

27.10.11 | 11:02 | 0 Kommentare

Data Journalism

IndiaSatteliteNASA

Derzeit macht ein hübsches Satellitenbild von Indien die Facebook-Runde, das angeblich den Subkontinent während des derzeitigen Lichtfestes Diwali zeigt.

In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Bild um ein Data Journalism composite, das die zunehmnde Elektifizierung Indiens von 1992 bis 2003 darstellt. Weisse Beleuchtung ist die Beleuchtung, die es schon 1992 gab, blau die Beleuchtung die 1992 dazukam, grün 1998, rot 2003. Es handelt sich also keineswegs um Feuerwerke.

Originalquelle ist die sciencephotogallery - hier.

Ach der Schwarmgeist, würde eine aggressive Schwellenlandregion so gerne ethnozentrisch verniedlichen. Weil so ein Lichtfest natürlich sehr viel hübscher ist, als die rapide technische Entwicklung eines vormals unterentwickelten Landes.

Abb.: NOAA/SCIENCE PHOTO LIBRARY

26.10.11 | 16:00 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Richard Wilkinson: How economic inequality harms societies

We feel instinctively that societies with huge income gaps are somehow going wrong. Richard Wilkinson charts the hard data on economic inequality, and shows what gets worse when rich and poor are too far apart: real effects on health, lifespan, even such basic values as trust.

25.10.11 | 16:06 | 3 Kommentare

The Robin Hood Tax

Campaign video by Richard Curtis and Bill Nighy, about the Robin Hood Tax, a tiny tax on bank transactions that could raise hundreds of billions for public services and to tackle poverty and climate change at home and around the world.

15.10.11 | 18:38 | 2 Kommentare

Alles wird gut


Der rationale Optimist Matt Ridley streitet gegen Pessimismus und sieht die letzten Bastionen traditioneller Macht in Politik, Kultur und Wirtschaft wanken

(Aus der Literaturbeilage der SZ im Oktober 2011, von Andrian Kreye) Gegen Ende seines gut 500 Seiten starken wissenschaftlichen Plädoyers für einen vernunftgesteuerten Optimismus gerät der britische Zoologe und Ökonom Matt Ridley kurz ins Anekdotische. Er besucht die Buchhandlung eines amerikanischen Flughafens, als ihn beim Anblick der Sachbuchbestseller der Zorn packt. „Die Generation, die so viel Frieden, Freiheit, Freizeit, Bildung, Medizin, Reisen, Filme, Mobiltelefone und Massagen genießt, wie keine andere Generation vor ihr, wittert bei jeder Gelegenheit den Untergang“, schreibt er da. „Ich sah die Regale durch. Ich fand Titel von Noam Chomsky, Barbara Ehrenreich, Al Franken, Al Gore, John Gray, Naomi Klein, George Monbiot und Michael Moore, die alle mehr oder weniger behaupteten, dass (a) die Welt ein schrecklicher Ort ist; (b) es noch schlimmer werden wird; (c) dies vor allem der Wirtschaft zu verdanken ist; und (d) wir vor einem Wendepunkt stehen. Ich habe kein einziges optimistisches Buch gesehen.“

Matt Ridley hat nun eines geschrieben. Er greift damit eine diffuse Stimmung auf, die noch kein rechtes Zentrum hat, und gibt ihr ein wissenschaftliches Fundament. „Wenn Ideen Sex haben“ lautete der Titel der deutschen Ausgabe. Man darf sich davon nicht irritieren lassen, denn was klingt wie eine kalauernde Filmkomödie aus den siebziger Jahren, ist in Wahrheit ein kluges Buch. Im Titel des Originals hat Ridley dies auf einen wunderbar schlüssigen Begriff reduziert: „The Rational Optimist“.

Ridleys rationaler Optimismus ist eine doppelte Kampfansage. Zum einen hält er Kulturpessimismus für einen gefährlichen Anachronismus. Die Welt sei im Verlauf der Menschheitsgeschichte eine immer bessere geworden. Und es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass sich das in Zukunft ändern sollte. Zum anderen erklärt er den klassischen Optimismus, der sich auf Emotionen, Glaube oder Utopien stützt, für ein weltfremdes Zerrbild. Denn die positive Entwicklung der Menschheit sei wissenschaftlich beweisbar. In seiner Argumentation folgt Matt Ridley der Methodik der Third Culture.

Als er seine Thesen 2010 beim Ideenfestival der Ted Conference in Oxford vorstellte, brachte er diese Methodik auf eine schlichte Gleichung: „Als ich in den siebziger Jahren hier in Oxford studierte, sah es nicht gut aus für den Planeten Erde. Die Bevölkerungsexplosion war nicht aufzuhalten, weltweite Hungersnot war unvermeidbar, eine Krebsepidemie durch Chemikalien in der Umwelt sollte unsere Lebenserwartung verkürzen, saurer Regen fiel auf unsere Wälder, die Wüste breitete sich aus, Öl wurde knapp und ein nuklearer Winter sollte uns den Garaus bereiten. Nichts davon ist eingetreten. Das effektive Einkommen jedes Menschen auf der Erde hat sich verdreifacht, die Lebenserwartung ist um 30 Prozent gestiegen, Kindersterblichkeit um zwei Drittel gesunken und die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf um ein Drittel gestiegen.“

Da führt also der kalte Blick des Naturwissenschaftlers auf komplexe Zusammenhänge, die bislang eher Domäne der Geisteswissenschaften waren, zu einem optimistischen Weltbild. Ridley ist nicht der einzige, der diese rhetorische Strategie derzeit verfolgt. Andere kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Der Harvard-Psychologe Steven Pinker hat soeben seine umfassende Untersuchung der Gewalt mit dem Titel „The better angels of our nature“ herausgebracht. Seit dem Mittelalter, so weist er nach, hat das Gesamtniveau der Gewalt auf diesem Planeten kontinuierlich abgenommen. Geoffrey West, Physiker am Los Alamos Institute, hat in diesem Jahr eine Theorie vorgestellt, die zeigt, dass alle Städte nach kalkulierbaren Gesetzmäßigkeiten wachsen, egal ob es sich um eine mitteleuropäische Kleinstadt oder eine tropische Megacity handelt. Demnach sei auch die Urbanisierung der Welt keine Bedrohung, sondern eine Chance.

Matt Ridley geht einen Schritt weiter. Er begreift die gesamte Menschheitsgeschichte als ein Kontinuum mit einer zunehmend positiven Entwicklung. Und er hat die Zahlen, die das beweisen. Zwar schöpft Ridley aus einer Unzahl von Quellen. Als versierter Autor (zwischen seinem Studium der Zoologie und seiner Karriere als Banker arbeitete er für die Zeitschrift Economist , seit einigen Jahren schreibt er Wissenschaftsbestseller) versteht er sich darauf, seine komplexe Theorie in einen Fluss der Erzählstränge zu stellen, die ineinander greifen wie die Szenen eines gelungenen Drehbuchs. Er geht bis zu den Hominiden vor 500 000 Jahren zurück, um seine Theorien zu untermauern, und kommt dann immer wieder auf die Zahlen zurück, die vor seinem naturwissenschaftlichen wie vor seinem ökonomischen Hintergrund der einzig gültige Beweis sein können.

Seine Beweisführung für die unaufhaltsam positive Entwicklung der Menschheit kreist um die Fähigkeit des Menschen zur Vernetzung. Nur so habe er seine Kräfte bündeln, vervielfachen und optimieren können. Gängige Zivilisationstheorien zweifelt er an: „Ein größeres Gehirn, Sprache und Nachahmung sind noch keine Erklärung für Wohlstand, Fortschritt und Armut.“ Und er kommt schon bald auf die ideale Form der Vernetzung, den Handel. Der sei der Motor für die soziale Evolution. Antrieb für die kulturelle Evolution und somit für den Fortschritt sei die grandiose Nebenwirkung der Vernetzung: „Damit eine Kultur kumulativ wird, müssen Ideen aufeinander treffen und sich verknüpfen.“

Matt Ridley macht keinen Hehl daraus, dass Charles Darwin und Adam Smith seine geistigen Väter sind. Deren Ideen ziehen sich wie zwei rote Fäden durch die Argumentation. Manchmal wirkt das redundant. Wenn er beispielsweise die Emanzipation der Frauen in den Industrienationen auf die Entwicklung moderner Haushaltsmaschinen zurückführt, die den Überschuss an Zeit schufen, der eine Befreiung erlaubte. Oder wenn er Naturkatastrophen der letzten Jahre vergleicht und aufzeigt, dass die Erdbeben in Haiti mit 250 000 Toten und in Chile mit 500 Toten bei gleicher Stärke vor allem die Schwächen und Stärken beider Länder aufzeigten. Sein Fazit: Wohlstand bedeutet Überleben, bedeutet Freiheit, bedeutet Fortschritt. Das mögen Binsenweisheiten sein, doch wirkt der ganzheitliche Blick auf die Zahlen unangenehm vereinfachend, wenn er die zivilisatorischen Kräfte auf Marktmechanismen reduziert.

In den letzten drei der elf Kapitel verbeißt er sich in den Antagonisten seines Weltbildes, den Pessimisten. Bis dahin hat er schon schlüssig nachgewiesen, warum genmodifizierte Nahrung ein Segen ist, er hat die Endlichkeitstheorien von Robert Malthus widerlegt und die kollektiven Ängste des 20. Jahrhunderts als gesellschaftliche Panikattacken entlarvt. Wissenschaftlich sind seine Ausführungen tadellos. Er streift im letzten Kapitel auch kurz die „Bottom-Up-Welt“ des 21. Jahrhunderts. In dieser Welt vollzieht sich eine Machtverschiebung, die dem Einzelnen eine Macht gibt, die er zuvor nicht hatte. Die letzten Bastionen traditioneller Macht in Kultur, Politik und Wirtschaft sieht Ridley wanken.

Matt Ridleys rationaler Optimismus ist ein großartiger Impuls für einen Kulturwandel, in dem die Machbarkeit der Ideen mehr zählt als das theoretische Fundament, in der die Vernetzung einen Grad erreicht hat, den bisher nicht einmal die Wissenschaft verstanden hat. Er liegt richtig mit der Analyse, dass der gängige Pessimismus letztlich nichts anderes ist als eine Denkfaulheit. Selbst seine Anleihen beim Wirtschaftsliberalismus, beim „Libertarianism“ und bei Darwin haben in diesem Konstrukt eine berechtigte Funktion. „Wenn Ideen Sex haben“ ist also ein sehr lesenswertes Buch, das den Glauben an die Menschheit wissenschaftlich unterfüttert. Und doch verschenkt Matt Ridley die große Chance, das Grundlagenwerk eines neuen Zeitgeistes zu schreiben, der den Kulturpessimismus des 20. Jahrhunderts überwinden will. Ein Zeitgeist, der sich in den jungen Protestbewegungen des 21. Jahrhunderts ebenso findet wie in der Netzkultur der digitalen Welt. Da formiert sich ein neuer Intellektualismus, der prinzipiell sehr wohl eine optimistische Grundrichtung hat. Weil er vom Machbaren ausgeht und die Theorie ablehnt.

Doch es reicht nicht, Antagonismen zu zementieren. Matt Ridley bringt seinen großartigen Gedanken vom rationalen Optimismus letztlich doch nur gegen die Lähmung des Pessimismus ins Spiel. So aber vergrößert er die Kluft zwischen dem Pragmatismus der Natur- und Wirtschaftswissenschaften und den Theorien der Geisteswissenschaften. Ein solcher intellektueller Frontkampf wird aber letztlich nur zu einer Renaissance des Dogmas führen.

Dass es auch anders geht, führen Ridleys Kollegen ja gerade vor. Steven Pinker und Geoffrey West haben ihre Theorien nicht entwickelt, um intellektuelle Bilderstürmerei zu betreiben. Sie öffnen geisteswissenschaftliche Felder mit einem naturwissenschaftlichen Blick, der nicht nach den Fehlern im Bestehenden sucht, sondern um nach Mustern zu forschen, die positive Entwicklungen weiter vorantreiben können. Genau das aber ist nicht die Theorie des Optimismus, sondern seine Praxis.


Older Posts »