25.04.12 | 09:19 | 2 Kommentare

Die nächsten drei Milliarden

(Von Andrian Kreye) Wenn das soziale Netzwerk Facebook erste Grenzen seines Wachstums erreicht hat, so ist das erst einmal ein Ärgernis für den Konzern. Kurz vor dem Börsengang kann eine solche Nachricht den Wert drücken. Langfristig muss sich Facebook jedoch ganz andere Sorgen machen. Denn das Wachstum wird sich nicht mehr in traditionellen Werbemärkten vollziehen. Mit der zunehmend globalen Verbreitung werden sich die sozialen Netzwerke vom Lifestyle-Medium im Norden zur gesellschaftlichen Kraft auch im Süden wandeln und deswegen ihre Rolle neu definieren müssen.

Erste Anzeichen dafür konnte man während der Unruhen des arabischen Frühlings beobachten, bei der umstrittenen Internetkampagne gegen den ugandischen Warlord Joseph Kony, und in den Vorträgen von Alec Ross, dem Berater der US-Außenministerin Hillary Clinton, der für das neue Feld der digitalen Diplomatie zuständig ist.

Während des arabischen Frühlings zeigte sich, dass soziale Netzwerke des Internets als Instrument für die Mobilisierung und Koordination von Volksbewegungen so effektiv sind wie kein Mittel zuvor. Die „Kony2012“-Kampagne bewies, welch politische Macht der sogenannte Schwarmgeist im Internet entwickeln kann. Alec Ross aber reist derzeit um die Welt, um der digitalen Industrie begreiflich zu machen, dass die USA, stellvertretend für den Westen, ganz eindeutige Interessen haben, wenn es darum geht, Schwellen- und Entwicklungsländer in die globalen Kommunikationsnetze einzubinden. Die USA würden alles unternehmen, um Meinungsfreiheit – also: Demokratie – weltweit möglich zu machen.

Der digitale Kampf für Demokratie ist ein ehrbares Anliegen. Für einen digitalen Konzern, der sich mit nationalen Regierungen arrangieren muss, ist das nicht immer von Vorteil. Wenn Online-Dienste darauf achten müssen, dass auch die Standards autoritärer Herrscher eingehalten werden, kollidiert das schon mal mit westlichen Werten.
Betrachtet man nun die jüngsten Studien und Schätzungen zur Entwicklung digitaler Medien, kann man das ungefähre Ausmaß der Entwicklung schon ahnen. Bis zum Jahr 2016 werden laut einer Untersuchung der Beratergruppe Boston Consulting drei Milliarden Menschen Anschluss an das Internet haben. Vorsichtige Schätzungen nehmen außerdem an, dass in den nächsten zwanzig Jahren drei Milliarden weitere Menschen ans Netz gehen werden. Die größten Wachstumspotentiale gibt es dabei in den Schwellen- und Entwicklungsländern.

Die wichtigste Funktion des Internets sind aber jetzt schon die sozialen Netze. 82 Prozent aller globalen Nutzer sind heute Mitglieder eines sozialen Netzwerkes. Von diesen sind 55 Prozent Mitglied bei Facebook. Bei einer solchen Durchdringung des Marktes sind Grenzen des Wachstums im bestehenden Netz schon erreicht. Intern haben Konzerne wie Facebook und Google längst langfristige Strategien für diese Entwicklung. Das zeigt schon die Wortwahl: Im Silicon Valley ist Afrika keine Entwicklungsregion, sondern die Weltgegend mit den derzeit größten Wachstumschancen.

Der Konflikt der sich nun anbahnt, schwelt schon seit Beginn der Globalisierung. In fast allen Debatten, sei es um die Macht des Internets, sei es um die Wirtschafts- und Finanzkrisen, schwingt mit, dass Politik und Wirtschaft um die Vormacht ringen. Die Interessen der beiden sind oft konträr.
Präsident Obama hat soeben ein deutliches Zeichen gesetzt. Mit zwei Verfügungen beschloss er Sanktionen gegen jeden, der autoritäre Regime wie in Iran oder Syrien mit Technologie versorgt, die Unterdrückung möglich macht. Das ist ein erster Schritt, um auch soziale Netzwerke in die Verantwortung zu nehmen. Wenn die nächste Phase des Wachstums für Facebook beginnt, wird es jedenfalls nicht nur um Werbeeinnahmen gehen.

03.04.12 | 12:58 | 1 Kommentar

Kulturkampfmanöver

 

(Leitartikel aus der SZ vom 3.4. 2012, von Andrian Kreye) Es war ein durchsichtiges Manöver, als sich Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin am Wochenende in einem Interview für die Kulturflatrate aussprach. „Jeder zahlt einmal eine Gebühr und kann so viel runterladen, wie er will“, gab er dem Magazin Wirtschaftswoche zu Protokoll. Für einen Wahlkampf gegen die Piratenpartei ist die Kulturflatrate eine schöne Leerformel: So kann man bei digital sozialisierten Jungwählern punkten, ohne die bürgerlichen Stammwähler zu verprellen. Für das eigentliche Problem, wie man nämlich das Urheberrecht reformieren und damit das Auskommen von Autoren, Filmern und Musikern in die Zeiten digitaler Medien retten kann, sind solche politischen Manöver nicht hilfreich. Denn Debatten ums Internet sind längst ideologisch aufgeheizt.   

Wer sich für das Urheberrecht ausspricht, gilt dabei schnell als Reaktionär. Der Wutausbruch des Rockmusikers und Schriftstellers Sven Regener, der im Bayerischen Rundfunk die Bedrohung der Urheberrechte als persönliche Beleidigung jedes Künstlers beschrieb, sprach zwar vielen aus der Seele. Genauso wie die hysterischen Reaktionen Zehntausender Demonstranten, die im Handelsabkommen gegen Produktpiraterie Acta ein sinistres Ermächtigungsgesetz vermuteten. Doch da ist auf beiden Seiten Emotion im Spiel. Das zeigt schon der Kampfbegriff der Raubkopie. Beim illegalen Herunterladen handelt es sich nicht um Raub, denn es wird ja keine Gewalt angewendet. Es geht aber auch nicht um Kopien, sondern um digitale Klone.

Im Kern dreht sich die Debatte um das Internet um eine atemlos rasante technische Entwicklung, hinter der Gesetzgeber, Politik und Kulturindustrie verzweifelt herhecheln. Die alten Regelwerke einfach über Bord zu kippen oder durch halbgare Kompromisse zu ersetzen, nur weil es der euphorische Zeitgeist so will, führt zu keinen Lösungen. Vor allem, weil kaum ein Debattenbeitrag einräumt, dass das Internet im Frühjahr 2012 ein ganz anderes Netz ist als das Internet vor fünf Jahren. Die Zeit der Experimente ist nämlich vorbei.

Momentan kämpfen die vier digitalen Giganten Apple, Amazon, Facebook und Google um eine Vormacht im Netz. Zwischen den Giganten aber bilden sich totalitäre Strukturen heraus, denen Urheberrechte nur im Weg stehen, und für die die selbsternannten digitalen Rebellen letztlich den Weg bereitet haben. Steve Jobs, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Larry Page und Sergej Brin sind keine rebellischen Popstars, sondern knallharte Monopolisten. Sie wurden in der aggressiven Investmentkultur des Silicon Valley groß, nicht in der digitalen Subkultur. Für ihre eigenen Urheberrechte und Patente kämpfen sie mit Heerscharen von Anwälten, und wenn es sein muss: mit einem Rollkommando der Polizei.

Nun reichen die Urheberrechte aus den Zeiten des Buchdrucks und des Grammophons für die technischen Realitäten des 21. Jahrhunderts nicht mehr aus. Doch Kulturflatrates schwächen den Kampf für eine Reformierung des Urheberrechts nur. Sie spiegeln vor, dass es einfache und schnelle Lösungen gibt.

Selbst wenn man den Idealfall eines öffentlich-rechtlichen Modells durchsetzen könnte, wenn also von jedem Haushalt eine Abgabe in der Höhe der Rundfunkgebühren eingetrieben würde – wer oder welche Behörde sollte über die Verteilung der Erlöse bestimmen? Wer bekäme beispielsweise die deutschen Beiträge einer solchen Flatrate? Deichkind oder doch Rihanna? Der Regisseur Christian Petzold oder die Produzenten der „Hunger Games“? Es geht bei der Debatte um das Urheberrecht im Internet ja keineswegs um Hochkultur. Die wird subventioniert oder finanziert sich über das authentische Einzelwerk. Es geht vor allem um Popmusik und Film. Das sind Produkte für den freien Markt, nicht für bürokratische Systeme oder Subventionsmodelle.

Trittins Hinweis, solche Flatrate-Modelle funktionierten schon im Netz, widerlegt eine Grafik des Datenjournalisten David McCandless. Um den gesetzlichen US-Mindestlohn von monatlich 1160 US-Dollar zu verdienen, muss eine Band entweder 1161 Alben verkaufen, 12 399 Songs auf iTunes absetzen oder rund vier Millionen Mal auf dem Streaming-Dienst Spotify abgerufen werden, mit dem man gegen eine Monatsgebühr so viel Musik auf Computern oder Smartphones abspielen kann, wie man will.

Es gibt nun viele wohlfeile Vorwürfe gegen die Kulturindustrien: Die Plattenfirmen und Filmstudios hätten die technischen Entwicklungen verschlafen. Rockmusiker und Filmer könnten sich im Netz doch selbst vermarkten. Das ist weltfremd. Plattenfirmen und Filmstudios suchen schon lange vergeblich nach Möglichkeiten, Vertriebswege zu finden, die mit der Geschwindigkeit und Gratiskultur der Tauschbörsen konkurrieren können. Wer einen Rocksong oder ein Drehbuch schreiben kann, hat selten auch eine kaufmännische Begabung.

Die digitale Revolution ist buchstäblich eine solche: Revolutionen kippen lediglich bestehende Machtverhältnisse. Wer oder was nach dem Umsturz kommt, ist weder klar noch garantiert. Ideologische Verhärtungen und opportunistische Manöver wie das Trittins helfen niemandem. Höchstens den Monopolen.

10.02.12 | 19:08 | 5 Kommentare

Ungeklärte Rechtslage

(Von Andrian Kreye) Keine Unterschrift unter das internationale Urheberrechtsabkommen (Acta) – das ist eine gute Nachricht. Das Abkommen würde die EU und ihre Mitgliedstaaten, die USA und neun weitere Länder binden – und damit langfristig und weltweit alle Debatten rund um das Urheberrecht bestimmen.
Prinzipiell sollte man es natürlich begrüßen, dass die internationale Gemeinschaft in Zeiten des weltweiten digitalen Netzes neue Formen des Urheberrechts finden will. Die regionalen und technisch unzulänglichen Formen des Schutzes geistigen Eigentums halten fast alle mit den Realitäten der neuen Medien nicht Schritt. Das Netz erlaubt den weltweiten und kostenlosen Austausch von Filmen, Musik, Bildern und Texten. Doch wo endet der Tausch, und wo beginnt die Raubkopie? Diese Frage würde das Abkommen nicht klären.
Das Problem von Acta kann man schon an seinem Namen erkennen: „Acta“ steht für „Anti-Counterfeiting Trade Agreement“, übersetzt: Anti-Fälschungs-Handelsabkommen. Es geht also darum, Grundlagen und Instrumente für Kontrolle und Strafverfolgung zu schaffen. Das aber ist auf einem Rechtsgebiet, das noch nicht klar geregelt ist, unmöglich. Jetzt schon wird das Urheberrecht ja nicht nur zum Schutz geistigen Eigentums eingesetzt, sondern auch als Hebel der Zensur. Nicht nur in Diktaturen. Die „Church of Scientology“ verfolgt Kritiker zum Beispiel auf diese Weise. Überträgt man die Unschuldsvermutung des Rechtsstaats auf die globale Ebene, muss man bis zu einer umfassenden Klärung der Rechtslage Bürgerrechte in jedem Fall über Besitzansprüche stellen. Das bleibt in juristischen Zwickmühlen die einzig richtige Möglichkeit.

31.12.11 | 06:34 | 0 Kommentare

2011 Digital







(Aus dem Jahresrückblick der SZ, von Andrian Kreye) Es war lange überfällig, dass sich die Politik endlich mit den Themen der digitalen Zukunft auseinandersetzte, als der französische Präsident Nicolas Sarkozy im Mai am Rande des G8-Gipfels seine digitale Politkonferenz EG8 veranstaltete. Doch schon in seiner Eröffnungsrede machte er einen gewaltigen Rückschritt in die Vergangenheit. Man müsse das Internet zivilisieren, forderte Sarkozy.

Er hatte damit ein griffiges Bild gefunden. Wäre der Cyberspace ein fremder Kontinent könnte nun nach den Jahren der Entdeckung und Besiedelung die Kolonisierung beginnen. Doch das Internet ist kein exotisches Wüstenreich, Hacker und Piraten sind keine rebellischen Kriegerstämme. Sarkozy hatte mit seiner Rede keine neue Ära der digitalen Geschichte eingeläutet, sondern lediglich die Hilflosigkeit der Politik auf den Punkt gebracht. Denn die versucht immer noch, die Fragen des 21. Jahrhunderts mit den Antworten des 20. oder gar 19. Jahrhunderts zu beantworten.

Sicher hatte Sarkozy den richtigen politischen Instinkt. Im arabischen Frühling hatte das Internet erstmals gezeigt, was für Kräfte es entfesseln kann, wenn es Organisationsmodelle für eine Volksbewegung und Informationsketten für die Weltmedien etablieren kann. Die erste Phase der digitalen Romantisierung war mit dem Scheitern der iranischen Demokratiebewegung vorbei. Niemand glaubte mehr an eine Twitter Revolution oder einen Aufstand der Generation Facebook. Doch es war kein Zufall, dass einige der Schlüsselfiguren der arabischen Revolutionen aus der digitalen Welt kamen, wie die tunesischen Blogger Sami Ben Gharbia und Slim Amamou oder der ägyptische Google-Marketingchef Wael Ghonim – sie bewegten die Massen erst aus dem Netz heraus, dann auf der Straße. Wikilieaks-Gründer Julian Assange klagte zu Recht seine Rolle in den Aufständen ein. Die diplomatischen Depeschen, die er veröffentlicht hatte, lieferten den Volksbewegungen seltene Einblicke in die Strukturen ihrer Regierungen.

In den USA wiederum zeigte sich mit dem Machtkampf der digitalen Konzerne Google, Apple, Amazon und Facebook, dass sich die digitalen Machtbereiche längst der immer noch nationalstaatlichen Politik entzogen haben. Wenn Google seinen Algorithmus verändert, dann hat der Rest der Welt zu folgen.
In Deutschland zog die digitale Kultur mit der Piratenpartei zunächst ins Berliner Stadtparlament. Die Parteien reagierten nervös bis panisch. Hämisch amüsierte sich die digitale Welt über die Reaktionen der etablierten Parteien. Die schien sich im Auftritt der stellvertreten Fraktionsvorsitzenden der Grünen Bärbel Höhn in der Talkshow von Anne Will, die dem Piraten-Abgeordneten Christoph Lauer versicherte, auch sie„gucke Internet“.

Nun ist das Internet in der Politik keineswegs ein Novum. Schon während des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes 1992 hatte Vizekandidat Al Gore das Bild vom „Information Superhighway“ beschworen. Auch das war ein historisches Bild gewesen. Im Gegensatz zu Sarkozys Kolonialmetapher hatte Gore das Netz jedoch positiv besetzt. Immerhin hatte das neue Netz der Highways nach dem Zweiten Weltkrieg das amerikanische Wirtschaftswunder mitsamt seiner Demokratisierung des Wohlstandes begründet.
Was die Politik erst langsam begreift ist, dass das Internet keineswegs nur eine neue Technologie ist, sondern eine Kultur mit gewaltigen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Als Medium entwickelt es eine ähnliche politische Kraft, wie der Buchdruck. Als Wirtschaftsfaktor stellt es traditionelle Geschäftsmodelle in Frage. Und für die Gesellschaft markiert es die Grenze zu einer Jugend, die das Internet als Sinn- und Identitätsstifter versteht.

Das hat nicht nur eine technisch versierte Generation geschaffen, sondern auch eine politische Avantgarde. Es sind weniger die Inhalte und Visionen, die diese Avantgarde so stark machen, als ihre Mittel und Formen. Denn wer sich eine gemeinsame Kultur geschaffen hat, die weit über die ideologischen Grenzen des vergangenen Jahrhunderts wirkt, der kann vieles bewegen. Ob am Ende ein Utopia oder eine Dystopie steht ist nicht abzusehen. Anzunehmen ist, dass es weder zu dem einen noch zum anderen kommt. Gesellschaftliche Umwälzungen sind viel zu komplex, um sie mit einem einfachen Werturteil einzuordnen. In der Politik hat kein neues Zeitalter begonnen. Es gibt nur ein neues Spielfeld, auf dem es bisher noch keine Regeln gibt.

Abb.: OH

04.12.11 | 12:05 | 0 Kommentare

Generationenkonflikt

Während die großen Parteien die Ängste vor dem Internet bedienen, möchte die Piratenpartei den Zeitgeist repräsentieren

WirSindDie

(3.12. 2011, von Andrian Kreye) Im Berliner Wahlkampf gab es ein Plakat der Piratenpartei, das die Probleme der Politik mit den Piraten auf den Punkt brachte. „Wir sind die mit den Fragen, ihr seid die mit den Antworten“, lautete der Slogan. Das brachte nicht nur die Politik, sondern auch den Wertewandel auf den Punkt, der die jungen Außenseiter ins Zentrum der Debatten katapultierte. Denn die eigentliche Kraft der Piraten ist weniger ihre Internetkompetenz als ihr Geschick, den Zeitgeist zu verstehen. Der wird nun vom Internet geprägt. So schließt sich ein Kreis, der die etablierten Parteien in eine Ideologiefalle gelockt hat, aus der sie nur mühsam wieder herauskommen.

Die Schwierigkeiten sind bekannt. Unions-Politikerinnen wie Ursula von der Leyen oder Verbraucherministerin Ilse Aigner bedienten vor allem die verbreiteten Ängste vor den neuen Technologien, die in Deutschland kurioserweise ebenso ausgeprägt sind wie der Wille, das Internet als Alltagsphänomen zu nutzen. Von der Leyen handelte sich mit ihren technisch unbeholfenen Versuchen, das Problem der Kinderpornographie im Netz zu lösen, den Spitznamen „Zensursula“ ein. Aigner hat mit Aufrufen, das soziale Netzwerk Facebook zu meiden, ihren Status als digitale Witzfigur zementiert.

Doch selbst die bisherigen Sachwalter progressiver Politik, die Grünen, profilierten sich als weltfremde Anachronismen. Legendär ist der Ausspruch der stellvertretenden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, Bärbel Höhn, die während der „Anne Will“-Talkshow nach dem Berliner Piratensieg von sich gab, sie „gucke jetzt mal Internet“. Worauf ihr der Piratenabgeordnete Christoph Lauer den Unterschied zwischen Gucken und Nutzen erklärte.

In Lauers Antwort lag das Kernproblem der Politik mit dem Internet. Es mag sein, dass das Internet zunächst ein moderner Medien- und Kommunikationskanal ist. Doch die komplexen Rollen, die das weltweite Netz längst in der Gesellschaft spielt, machen einfache Antworten unmöglich. Und das schon länger. Immerhin ist es schon fast zwanzig Jahre her, dass das Internet zum Thema der Politik wurde. Allerdings nicht in Deutschland.

Der damalige Vizepräsidentschaftskandidat Al Gore brachte im US-Wahlkampf von 1992 den Begriff vom „Information Superhighway“ ins Spiel. Im raffinierten Spiel mit historischen Anspielungen war Gores Begriff ein Meisterstück, denn er bezog sich auf den Aufbau des Highway-Netzes, das im Amerika der fünfziger Jahre das Fundament des Wirtschaftswunders bildete und gleichzeitig Normalverdienern in den Suburbias einen Lebensstil erlaubte, den sich bis dahin nur Wohlhabende leisten konnten.

Gore begriff das Internet schon damals als eine neue Infrastruktur und damit als eine Chance für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt. Die deutsche Politik hat das bis heute verschlafen. Zentrum der gewaltigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die das Internet seither brachte, sind immer noch die USA. Dabei ist Gores Vision auch in Deutschland längst Wirklichkeit. Das Internet ist eine Infrastruktur geworden, die den Alltag bestimmt. Das aber nimmt die Politik ganz anders in die Pflicht als eine bloße neue Medientechnologie. Denn den Zugang zu Infrastrukturen muss die Politik für alle garantieren.

Nun ist die Angst vor solchen Umwälzungen nicht ganz unbegründet. In jeder revolutionären Kraft steckt auch das Moment der Zerstörung. Und sowohl in der Wirtschaft wie auch in der Politik hat das Internet längst revolutionäre Kräfte entwickelt. Es ist ein „disruptor“, wie es im modernen Wirtschaftsjargon heißt – eine Kraft, die viel verändert. In den Medien- und Kulturindustrien waren diese Veränderungen bisher ein wirtschaftliches Problem. Die Möglichkeit, perfekte Kopien in unbegrenzter Anzahl auch ohne Bezahlung zu verbreiten, hat herkömmliche Geschäftsmodelle in Frage gestellt.

In der Politik haben Obamas Wahlkampf, die Enthüllungen von Wikileaks und die Volksbewegungen des arabischen Frühlings das gewaltige Potential der digitalen Technologien gezeigt. Und dann ist da noch das gewaltige Problem vom rechtsfreien Raum einer Gesellschaftsform, die im abstrakten Cyberspace keine Landesgrenzen mehr kennt. Die Piraten aber haben erkannt, dass es auf diese Herausforderungen keine leichten Antworten geben kann, weil zumeist nicht einmal die richtigen Fragen gestellt werden.

Die eigentliche Schwierigkeit der traditionellen Politik ist dabei, dass sich die oft widersprüchlichen Dynamiken des Netzes nicht in die klassischen Muster der Parteienlandschaft einfügen lassen. Der neue Freiheitsbegriff, den das Internet geschaffen hat, umarmt sowohl die gesellschaftlichen Gerechtigkeitsideale der Linken als auch die wirtschaftslibertären Ideen der Rechten. Auch dieses Dilemma wurzelt in der Geschichte des Internets, das seine ideologische Wurzeln in Kalifornien hat. Im Spannungsfeld zwischen den gesellschaftlichen Utopien der sechziger Jahre und dem brutalen Fortschrittspragmatismus der Rüstungsindustrie fand die digitale Kultur Wege, mit diesen Widersprüchen zu leben.

Nun kann jeder sich entscheiden, ob er aus diesem Dilemma den positivistischen Schluss eines Al Gore zieht, oder lieber mit den Ängsten spielt, wie von der Leyen und Aigner. In Deutschland haben Politikermit den Ängsten immer Erfolge feiern können. Denn hinter der Scheu vor neuen Technologien verbirgt sich gerade bei Älteren immer noch das Trauma der deutschen Geschichte, in welcher der technische Fortschritt und gerade die Massenmedien des frühen 20. Jahrhunderts von der Nazidiktatur missbraucht wurden.

Die Piraten aber vertreten eine Generation, die diese kollektiven Urängste nicht mehr kennt. Im Gegenteil. Sie gehören zu einer globalen Jugend, für die das Internet nicht nur Mittel ist, sondern auch Identitäts- und Sinnstifter. Wer ihre Werte von radikaler Offenheit und Teilhabe mit vorschnellen politischen Antworten angreift, wird sich auf einen Generationenkonflikt einstellen müssen.

02.09.11 | 18:49 | 4 Kommentare

Digitale Ideologie



(Leitartikel aus der Wochenend-SZ vom 3.9.2011, von Andrian Kreye) Wer das Internet und seine Wirkung begreifen will, kommt mit technischem Verständnis nicht weit. Das zeigt die Aufregung um die Enthüllungsplattform Wikileaks. Die ist in diesen Tagen wieder groß. Das liegt zum einen daran, dass nun das gesamte Datenpaket diplomatischer Depeschen und Akten verschiedener Geheimhaltungsstufen aus den amerikanischen Ministerien für jedermann mit etwas Geschick einsehbar im Internet zirkuliert.

Die Aufregung um Wikileaks und seinen Gründer Julian Assange ist aber auch deswegen so groß, weil der Fall beispielhaft ist für den Kampf der Internet-Ideologien. Dass dieser Kampf nicht zu unterschätzen ist, belegt die Geschichte der Computerkultur und des Internets selbst. Denn das digitale Zeitalter ist nicht nur von einer technischen Entwicklung geprägt, sondern von Anfang an auch von der Fortsetzung der gesellschaftlichen Konflikte der sechziger und siebziger Jahre. Genauso wie die Geschichte der Bürgerrechtsbewegungen, ist die Entwicklung der digitalen Welt von klaren Ideologien bestimmt.
 
Wie in alle Ideologien werden in den digitalen Debatten entweder progressive Heilsversprechen abgegeben oder konservative Untergangsszenarien ausgemalt. Die Debatte ist dabei längst verhärtet, als gelte George W. Bushs Maxime aus dem Krieg gegen den Terror: Wer nicht dafür ist, ist dagegen.

In den Frühzeiten der Computerkultur verliefen die Fronten noch entlang den traditionellen gesellschaftlichen Spannungsfeldern. Die schrulligen Ingenieure und Informatiker, die sich im Norden von Kalifornien aufgemacht hatten, die Welt mit Lötkolben und Platinen zu verändern, waren nicht nur technologische Revolutionäre. Sie waren dem Geist der Hippies aus der Bay Area näher, als den Investmentbankern, die sie schon bald mit Kapital versorgten. Firmengründer wie Steve Jobs von Apple und Bill Gates von Microsoft hatten eine Welt herausgefordert, in der elektronische Rechner eine Domäne der staatlichen Institutionen und Konzerne waren. IBM konzipierte seine Computer für die Nasa und das Pentagon, für Banken und Börsen. Hingegen wollten Jobs und Gates Rechner für alle. Das war ein revolutionärer Gedanke, der die Gesellschaft in den nächsten dreißig Jahren in einem ähnlichen Maße verändern sollte, wie die Emanzipationsbewegungen in den dreißig Jahren davor.
 
Das Heilsversprechen der Revolutionäre war bald schon das Dogma der digitalen Kultur: Der Computer sollte das Volk für wenig Geld mit dem Zugang zum Weltwissen und mit den Produktionsmitteln der neuen Medienwelt ermächtigen. Neue Netzwerke sollten eine weltweite Gemeinschaft schaffen. Die neue Macht der computerisierten Bürger sollte die Politik verändern und neuen Wohlstand schaffen. Vor allem aber galt der Schlachtruf: Die Informationen sind frei. Julian Assanges Ideologie von der radikalen Transparenz war da nur ein logischer nächster Schritt.
 
Doch wie alle ideologischen Heilsversprechen stoßen auch die Verheißungen des digitalen Zeitalters an die Grenzen einer Wirklichkeit, in der die Menschen keineswegs so gut sind, wie die Ideologien es behaupten. Die Visionen lassen sich eben nicht so leicht in Realität übersetzen. Die Freiheit der Informationen zerstörte beispielsweise in der Kultur- und Medienindustrie viel Altes, ohne Neues zu schaffen.

Verlage, Plattenfirmen und Filmverleihe büßten durch digitale Kopien viel Geld ein. Den Verlust trugen aber nicht die Stars, sondern die weniger bekannten Autoren, Musiker und Schauspieler.
 
Das aber ist immer das Risiko der Revolution: Sie kann verkrustete Strukturen aufbrechen – ob danach aber etwas Neues oder gar etwas Besseres folgt, ist nie sicher. Die digitale Welt unterscheidet sich da kaum von der analogen. Die Stagnation nach der ersten Euphorie im arabischen Frühling erinnert entfernt an die Krise der Musikindustrie. In beiden Fällen wurden Machtzentren geschliffen. Aber es entstanden keine Strukturen, aus denen Neues erwachsen konnte.
 
In der digitalen Welt sind die Revolutionäre von einst nun die Mächtigen der Gegenwart. Nach einer kurzen Phase der Ermächtigung des digitalen Volkes haben Apple, Macintosh, Google und Facebook die Macht wieder an sich gerissen. Der amerikanische Internet-Theoretiker Jaron Lanier spricht vom „local-global flip“. In dieser Theorie, auch als „Lanier Effect“ gehandelt, wird der grundlegende Wandel der Netzwelt erklärt, in der jeder Einzelne im Internet in eine vermarktbare Einheit verwandelt wird – der User als Spielball globaler Kräfte. Wer einst als gleichberechtigter Akteur innerhalb eines großen Netzes vor seinem lokalen Rechner saß, zappelt jetzt im neuen Netz, einem Fanginstrument von Machtmonopolen globaler Konzerne. Der Schalter ist umgelegt (flip).
 
Diese Konzerne wiederum entwickeln ihre eigenen Ideologien, wie sie durch den Netznutzer Geld verdienen können. Apple setzt auf ein in sich geschlossenes Kontrollsystem, in dem jedes Datenpaket zwar Geld wert ist, der Geldfluss aber von Apple als einzigem Zwischenhändler kontrolliert wird. Google wiederum setzt auf eine radikale Offenheit, in der die Daten selbst wertlos werden, und nur Google über das Netz an sich die Daten noch zu Geld machen kann. Google nämlich verfügt über die Mittel zur Kontrolle des Chaos: über die Suchmaschinen. Facebook und Microsoft funktionieren auf ihre Weise ähnlich. Facebook will die absolute Kontrolle über seine Nutzer. Microsoft will in einem unkontrollierten System mit seiner Suchmaschine Bing und seinem Betriebssystem Windows die Grundlagen des digitalen Lebens liefern.
 
In diesen Kampf zwischen einer Ideologie der Kontrolle und einer Ideologie der Offenheit stieß nun Julian Assange mit seiner Forderung, die politischen Massen wieder stark zu machen mit dem Werkzeug radikaler Transparenz. Assange war ein Nachzügler in einem ideologischen Kampf, der – getreu des „Lanier Effekts“ – längst woanders ausgetragen wird. Was Assange nicht verstand: Transparenz kann ihr Heilsversprechen von Demokratie und Freiheit nur einlösen, wenn sie gezielt und lokal umgesetzt wird; wenn beispielsweise in einem Land wie Tunesien oder Ägypten das Ausmaß der Korruption enthüllt wird. Weil der Wikileak-Datensatz von 251 287 Akten aber undifferenziert Geheimnisse aus aller Welt offenbart, entsteht nur Chaos.
 
Letztlich wird das Netz nur dann dem Gemeinwohl dienen, wenn eine aufgeklärte Zivilgesellschaft im Internet eine neue Form des Gesellschaftsvertrags findet. In den neuen Formen des Open Government beispielsweise, die politische Transparenz schaffen, die Bürger verstehen und nutzen können. In sozialen Netzwerken, die Ordnung in chaotische Situationen bringen, wie die Nothilfenetze in Haiti und Japan.
 
Um das Netz zur sinnvollen gesellschaftlichen Kraft zu machen, braucht es vor allem Bildungsarbeit. Natürlich verspricht Pragmatismus nie so viel Glamour wie eine Revolution. Nach den Erfahrungen der Menschheit mit Ideologien weiß man aber, dass nur Pragmatismus am Ende weiter hilft.


Jaron Lanier über den "local-global flip" - hier (Video)

20.07.11 | 16:24 | 0 Kommentare

TED Global 2011/10: Mikko Hypponen: Fighting viruses, defending the net

13.07.11 | 12:54 | 0 Kommentare

TED GLobal 2011/3: Erster TED Talk online: Rebecca MacKinnon – Let’s take back the Internet!

Rebecca MacKinnon describes the expanding struggle for freedom and control in cyberspace, and asks: How do we design the next phase of the Internet with accountability and freedom at its core, rather than control? She believes the internet is headed for a "Magna Charta" moment when citizens around the world demand that their governments protect free speech and their right to connection. (caption from ted.com)

05.07.11 | 11:39 | 0 Kommentare

Kann man das Internet zivilisieren?

Debatte auf dem DLD Women mit Anke Domscheit-Berg (opengov.me), Geraldine de Bastion (Digitale Gesellschaft), Dorothee Bär (CSU) und Angelika Niebler (CSU). Moderation Andrian Kreye und Dirk von Gehlen.

08.06.11 | 19:32 | 0 Kommentare

Der Facebooknutzer

FacebookUser(Profil des Tages auf der Meinungsseite der SZ am 9.6.11, von Andrian Kreye) Im Anfang war die Zahlenfolge – vier Nummern und drei Punkte, die sich scheinbar wahllos immer wieder neu gruppieren. Diese sogenannten IP-Adressen sind seit Mitte der siebziger Jahre so etwas wie die Urzelle des digitalen Menschen. Der war bisher ein zweidimensionales Wesen, der sich vor allem in Zahlen, Wörtern und Grafiken manifestierte. Nun aber bekommt er ein Gesicht, zumindest im sozialen Netzwerk Facebook. Dort kann ein Gesichtserkennungsprogramm Menschen auf Fotos ihren Namen zuordnen. Für den Facebooknutzer aber bringt diese Neuerung einen ganzen Katalog neuer Fragen mit sich, die immer wieder auf die große Frage hinauslaufen – wer bin ich im Netz?

  Betrachtet man die Evolution des digitalen Menschen, dann hat der Facebooknutzer die Entwicklungsstufen längst hinter sich gelassen, in denen die Zahlenfolgen der IP-Adressen, Online-Kennungen und Passwörter die konturlose Präsenz der frühen Internetnutzer bestimmten. Mit Hilfe von unzähligen Entscheidungen, die meist darauf hinauslaufen, dass einem ganz öffentlich irgendetwas oder irgendjemand gefällt, erarbeitet sich der Facebooknutzer nicht nur ein weltweit verzweigtes Netzwerk an Kommunikationspartnern, sondern auch so etwas wie ein Persönlichkeitsprofil.

 Über das kann man sich lustig machen und es mit den Selbstdarstellungen von Schulkindern vergleichen, die einst in Jahrbüchern oder Freundschaftsanzeigen ihre liebsten Hobbys, Filme und Bücher auflisteten, um sich selbst zu beschreiben. Man kann diese Schöpfung des digitalen Selbst auch misstrauisch beäugen. Das hat der Schriftsteller Jonathan Franzen in seiner Jahresansprache für das Kenyon College gerade getan. Da erklärte er das Leben im Netz zu einer öden Serie von Konsum-Entscheidungen und die Selbstdarstellung des Facebooknutzers zu einem narzisstischen Werben um Aufmerksamkeit. Man kann sich auch gut überlegen, was ein Konzern wie Facebook eigentlich so anstellt mit all diesen Daten, die man da freiwillig ins Netz gibt.

  Welche Auswirkungen die Facebook-Persönlichkeit auf die ganz reale Person hat, ist aber längst Forschungsgegenstand der Soziologie. Und die hat die neuen Netzwerke und Verhaltensweisen noch gar nicht richtig verstanden. Wie bei den meisten neuen Technologien wiegen sich Vor- und Nachteile noch auf. Die Verschmelzung der digitalen Persönlichkeit mit dem realen eigenen Gesicht ist aber in der Entwicklung des digitalen Menschen ein evolutionärer Schritt, der die Trennung der digitalen von der echten Person schwieriger macht.

  Wehren kann man sich dagegen nicht. Nicht einmal, wenn man gar nicht Mitglied des Netzwerks ist – wer auf einem Foto gekennzeichnet wird, ist automatisch im Netzwerk der Facebooknutzer. Damit aber verliert der digitale Mensch die Fähigkeit, sich im Netz neu zu erfinden. Bisher konnte sich der Facebooknutzer aus Grafiken und Neigungsbekundungen seine Persönlichkeit zwar nach Wunsch gestalten. Nun aber muss er sich mit etwas auseinandersetzen, das er nur bis zu einem gewissen Grad kontrollieren kann – dem eigenen Gesicht und damit der eigenen Person.

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