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1 KommentarMünchen

Man vergißt ja immer wieder, wie reich München wirklich ist. Aber wenn man kurz vor Ladenschluss doch mal zu Feinkost Käfer geht und dabei einen guten Anzug trägt, dann fühlt man sich richtig schäbig. Zwischen all den sportlichen Herren fortgeschritenen Alters in italienischen Turnschuhen und japanischen Jeans, in Surfer-Shirts und mit dem Teint des endlosen Sommers, die mitleidig auf den feinen Zwirn schauen und sich dabei denken, na, Du armer Tölpel, mußt immer noch arbeiten?
Foto: Feinkost Käfer
1 KommentarGrau ist eine Farbe
(Aus dem Feuilleton der SZ vom 21.5.10) Es ist kein schöner Sommer, der sich da in Michael Schmidts Bildern von seiner Heimatstadt Berlin findet. Eine beklemmende Schwüle lastet über den Siedlungen. Selbst unter dem freien, wolkenlosen Himmel herrscht ein Gefühl der Enge, und die Fontäne, die da in einem der Stadtbilder in den Himmel schießt, wirkt eher wie ein Hindernis für den freien Blick, als wie ein Moment der befreienden Kühlung. Viel Sommer findet sich sowieso nicht in diesen 390 Schwarzweißfotografien, die er für die Ausstellung ,,Grau als Farbe‘‘ im Münchner Haus der Kunst zusammengestellt hat. Das Grau, das der Ausstellung ihren Titel gab, ist das klamme Zwielicht der jahreszeitlosen mitteleuropäischen Städte und Landschaften und ihrer beengenden Räume.
Doch genau in diesem Zwielicht liegt der genialische Kern dieser Fotografien, weil sie mit diesem Zwielicht eine grundlegende, unbequeme Wahrheit über die Deutschen und ihr Land transportieren. Diesen Kern arbeitet die auf den ersten Blick so spröde Ausstellung kongenial heraus, weil sie die Bilder aus ihrem chronologischen Kontext löst und dem Zuschauer so ermöglicht, sich seine eigenen Zusammenhänge zu schaffen. Gerade weil man da über eine bewährte Bildsprache mit seiner eigenen Vergangenheit und Heimat konfrontiert wird, die sonst für die Überhöhung und Mystifizierung des amerikanische Alltags steht, funktioniert die Ausstellung so gut.
Nun ist diese Wahrheit in Michael Schmidts Bildern weder ein Geheimnis noch eine Erkenntnis. Man findet sie in der Literatur und hin und wieder auch im Film. So klar und präzise wie Schmidt hat sie nur noch niemand fotografiert. Schmidt zeigt Deutschland zwischen den sechziger Jahren und heute als ein Land, in dem Geschichte und Architektur gemeinsam ein Klima der Enge und Beklemmung schaffen. Irgend etwas scheint immer im Wege zu stehen, stört nicht den Aufbau, aber den freien Blick. Den lässt Schmidt meist nur in den Brachen und Baulücken der Städte zu, keineswegs also in den Freiflächen des Landes, sondern in den Spuren des Krieges.

Es ist aber auch ein Land, in dem sich die Menschen in der eigenen Heimat so unwohl fühlen, dass das Unwohlsein die Gesichter und Körpersprache formt. Vor allem aber ist Deutschland ein Land, das nach den Traumata des 20. Jahrhunderts von einer Sehnsucht nach einer neuen Identität getrieben wird und sich selbst doch nie entkommen kann. Weswegen Ost- und Westdeutschland in Schmidts Bildern vor und während der Wende nur an den Marginalien unterscheidbar sind, an den künstlichen Symbolen der Staaten und seiner Wirtschaftsideologien, an den Uniformen, den Werbeschildern, niemals aber an den Menschen selbst, nicht einmal an ihrer Mode.
Man findet überhaupt nur wenig Konkretes, das einem in den Bildern Halt geben könnte. Die Details von Mauern und Vierteln, die abfotografierten Zeitdokumente und die porträtierten Menschen sind einzeln für sich genommen unspekatkulär. Doch diese Haltlosigkeit ist Programm. Zwei Tage vor der Eröffnung dirigierte Schmidt noch eine Mannschaft Helfer und Assistenten, die letzte Umhängungen vornahmen. ,,Grau als Farbe‘‘ ist ein monumentaler Akt ganz bewusster Sequenzierung, in der jedes noch so reduzierte Abbild eines banalen Details eine Funktion bekommt, die sich nicht zwangsläufig auch rational erklären lässt. So steht ,,Grau als Farbe‘‘ als eigenständiges Werk, obwohl die Ausstellung Fotografien aus sechzehn bestehenden Werkgruppen wie ,,Waffenruhe‘‘, ,,89/90‘‘, ,,Frauen‘‘ oder ,,Irgendwo‘‘ zeigt.
Nun gibt es in der Fotografie kaum ein Genre, das so schwierig zu meistern ist, wie die Überhöhung und Mystifizierung des Alltags mit dem Blick auf das vermeintlich banale Detail. Und gerade weil der subjektive Blick aufs Banale vermeintlich so beiläufig und zufällig ist, tut sich zwischen dem Auge des Künstlers und dem Auge des Betrachters oft eine enorme Kluft auf. Für das desinteressierte Auge sind solche Werke glorifizierter Dilettantismus. Für den Hobby-Epigonen sind die eigenen stümperhaften Versuche dem Meisterwerk gleichrangig.

Es ist kein Zufall, dass die Kuratorin für Fotografie am Milwaukee Art Museum Lisa Hostetler die Pioniere dieser Alltagsmythen mit den Meistern des abstrakten Impressionismus und dem New Journalism verglich. Die Abkehr vom Anspruch der Fotografie als präziser Blick auf das Drama der Gegenwart, den Robert Capa und seine Zeitgenossen der Agentur Magnum postuliert hatten, wurde in den Arbeiten von Fotografen wie William Eggleston und Stephen Shore radikal in Frage gestellt. Sie suchten im subjektiven Detail nach Allgemeingültigkeiten. Das war ein literarischer Anspruch, kein journalistischer.
Schmidt war Autodidakt. Als junger Mann arbeitete er als Polizist. Das erklärt den unverbildeten Blick. Auch wenn er seinen Platz in der kunsthistorischen Chronologie der Fotografie sehr gut kennt. Er zitiert mal ganz direkt, wie Saul Leiters ,,Through Boards‘‘ in der Serie ,,89/90‘‘, oder er entwickelt das zitierte Motiv weiter, wie Egglestons ,,Los Alamos‘‘ in der Serie ,,Irgendwo‘‘. Seine eigentlich Bildsprache fand Schmidt jedoch zur selben Zeit, wie seine amerikanischen Zeitgenossen. Seine ersten Serien Berliner Stadtbilderserien entstanden zwischen 1976 bis 1980, als Eggleston den amerikanischen Süden und Shore die Middle Landscape der Highways und Industriegebiete auf ihre Wesentlichkeiten reduzierten.
Eggleston und Shore wurden stilbildend für ganze Generationen von Fotografen. Da waren auch Deutsche darunter. Doch gerade wenn man sich die hiesigen Minimalisten der letzten Jahre ansieht, Wolfgang Tillmans zum Beispiel, Peter Granser oder Martin Fengel, wird klar, wo der gewaltige Unterschied zwischen Eggleston, Shore und Schmidt liegt. Egglestons europäische Nachfolger waren immer auf der Suche nach einem Moment der Cool- und Hipness, den sie nur selten in der Heimat fanden. Bald zogen sie in die Ferne, nach England, in die USA, auf Weltreise.

Die Amerikana aber, die unverblümte Heimatliebe der amerikanischen Subkulturen, die von den Beatniks und den Fotografen ihrer Zeit kultiviert wurde und später Eggleston und Shore prägte, fand nie ihr europäisches Pendant. Immer wieder gab es Versuche. Im Umfeld der Neuen Deutschen Welle im Pop bildete sich ein neuer Sinn für deutschen Kitsch und Alltag. Doch letztlich waren das immer nur ironische Versuche, einen amerikanischen Blick auf die deutschen Lande zu stülpen. Es war eben doch zu unangenehm, so tief in der deutschen Seele herumzuschürfen, wie es die Amerikana jenseits des Atlantiks in der ihren tat.
Michael Schmidt ist einer der wenigen Deutschen, der diese Suche nach der Essenz seines Landes durchgestanden hat. ,,Grau als Farbe‘‘ ist nun nicht nur seine größte Werkschau, sondern auch sein größtes Werk. ANDRIAN KREYE
Michael Schmidt: Grau als Farbe. Bis 22. August im Haus der Kunst, Prinzregentenstr. 1, München. Mo-So 10.00 bis 20.00 Uhr, Do bis 22.00 Uhr. Info: hausderkunst.de.
Alle Fotos: © Michael Schmidt Courtesy Galerie Nordenhake
0 KommentareMunk
Nach seinen Texten über Moroder und LCD Sound System ja schon fast in eigener Sache - Matthias Modicas Munk "La Musica". Regie: Kill the Tills.
0 Kommentare#musicmonday

Munk - Gomma Dance Track Radio Mix 2 by Gomma
Nachrichten aus München: Gomma startet neues Dance-Label.
Foto/Mix: Gomma Records
4 KommentareGasteig

Bei Wayne Shorter im Gasteig gewesen. Shorter könnte meinetwegen zwei Stunden lang Tonleitern spielen und ich fände es großartig. Das Konzert war zwar durchwachsen, aber das wirklich Grandiose an Jazzmusikern wie Shorter ist eben, dass sie sich auch über einen Zeitraum von fünfzig Jahren (und sein Debütalbum erschien 1959) weiterentwickeln und dabei trotzdem konsequent treu bleiben.... sollte demnächst dann doch endlich den Texte schreiben, warum mir Jazz immer schon viel, Pop und Rock immer schon wenig gesagt haben. Aber darum geht es mir gerade gar nicht.
Es geht vielmehr um den Gasteig, dieses Monster auf den Haidhauser Hügeln über der Stadt. Vielleicht ist ein nur zu einem Drittel gefülltes Konzert an einem Novemberabend auch nicht gerade der ideale Abend... vielleicht ist aber gerade ein nur zu einem Drittel gefülltes Konzert an einem Novemberabend der geeignete Moment, um über den Gasteig zu schreiben, der eigentlich immer so wirkt, als habe man sich in die Stadtbibliothek einer verarmten osteuropäischen Provinzstadt verirrt. Es hilft dann auch nicht, wenn rechts neben einem jemand penetrant nach Tiger Balm riecht und vor einem nach Vitamintabletten. Da wird Frank Zappas Zitat vom Jazz, der nicht tot ist, sondern nur komisch riecht ein bisschen zu buchstäblich. Und es ist ja nicht nur diese bürokratische Tristesse, die einen so betrübt, auch das letztklassige Umfeld der Rosenheimer Straße mit seinem Motorama mit seinen Hartz-IV-Einzelhandelsketten mag einen so gar nicht in Laune bringen für einen Abend, für den man ja fast einhundert Euro bezahlen muss. Alleine das ist ja schon ein Grund, sich für den Konzertsaal im Marstall stark zu machen. Kostet natürlich was, der hübsche Saal. Aber in einer Stadt, die Millionen für latent ideologisch verdächtige Dirigentendiven ausgibt und dafür nur für 3 Prozent ihrer Kinder Betreuungsplätze hat, ist's ja eh schon wurscht. Da hat das Steueraufkommen doch wenigstens einen gewissen Servicecharakter.

Muss man also nochmal Leonard Bernsteins Urteil zum Gasteig zitieren:
"Burn it!"
Abb.: Tom Beetz; Konzertsaal Marstall e.V.
0 KommentareThielemann
Die Frage, was man vom Streit um Christian Thielemanns Vertrag als Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker halten soll, hat Joachim Kaiser ja schon beantwortet: Eine Blamage sei der Streit für die Stadt München.
Hinter dem Streit steht natürlich noch eine ganz andere Frage. Im Gegensatz zu den Metropolen war die Residenzstadt München immer eine Stadt des Publikums und keine Stadt der Künstler. Nun ist es nicht so, dass London, Paris und New York ihre Schlüsselpositionen im Kulturbetrieb in erster Linie mit Söhnen und Töchtern der Stadt besetzten. Aber die Euphorie mit der New York mit Alan Gilbert ihren ersten gebürtigen Chefdirigenten ihrer Philharmoniker feiert, der heute Abend sein Debut gibt, hat doch sehr viel mehr Format, als das stadtkämmerische Gezocke zwischen Marienplatz und Gasteig. Wenn man sich als Stadt darauf verlegt hat, Talent und Glamour einzukaufen, dann muss man eben auch dafür bezahlen.
0 KommentareOlympia 2018

Auf der Webseite für die Münchner Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2018 kann man derzeit abstimmen, welcher der drei Vorschläge das offizielle Logo werden soll. Da ist der Bürger gefordert. Da darf man seine Stadt nicht alleine lassen mit so einer Entscheidung von globaler Bedeutung. Vor allem, wenn man sich daran erinnert, wie das mit dem 850-Jahrfeier-Logo schiefgegangen ist, das als "Variation" von Milton Glasers "I Love NY"-Kampagne gedacht war und dann aussah wie eine aufgeschwollene Trinkerleber.


