10.05.13 | 13:36 | 0 Kommentare

Warhols erster Superstar




Ein Nachruf auf den Schauspieler, Dichter und Maler Taylor Mead


(Von Andrian Kreye) Eigentlich müsste man sich sofort hinsetzen und Taylor Meads Lebensgeschichte als euphorisch-melancholischen Roman aufschreiben, der alles über Aufstieg und Fall der Nachkriegsboheme erzählen würde. Das Ende wäre wiederum sehr traurig, weil er am vergangenen Mittwoch nicht in seiner Wahlheimat New York, sondern bei seiner Nichte in Denver, Colorado gestorben ist. Dieses Ende wäre eine viel zu moralische Parabel auf die finsteren Mächte der Marktwirtschaft, die nun auch die letzten Nischen der Insel Manhattan den Horden gewissenloser Geldgeier überlassen.

Der größte Teil der Handlung wäre aber eines jener Märchen von der geglückten Flucht aus der erstickenden Bequemlichkeit der Bourgeoisie in die berauschende Welt der Avantgarde. Deren Hauptfiguren heißen normalerweise William S. Burroughs, Robert Frank oder Bob Dylan. Allen gemeinsam war die Stadt New York als Fluchtpunkt ihrer ungestillten Sehnsüchte.

Mead war ähnlich radikal, hatte aber nicht den Genius und die Größe. Der Sohn einer wohlhabenden Familie in Michigan hatte eine ganz andere Qualität. Susan Sontag beschrieb Taylor Meads Hauptrolle in Ron Rices Film „The Flower Thief“ 1960 im Partisan Review: „Die Quelle seiner Kunst ist die tiefste und reinste von allen: Er gibt sich vollkommen und ohne Vorbehalt einer bizarren, autistischen Phantasie hin. Es gibt kaum etwas attraktiveres in einem Menschen. Nach dem vierten Lebensjahr ist das allerdings sehr selten.“

Andy Warhol nahm ihn dann in seinen Kreis auf, drehte 1964 „Tarzan and Jane Regained... Sort Of“ mit ihm. Und angeblich prägte er den Begriff Superstar, um Mead zu beschreiben. In über vierzig Filmen taucht Mead dann noch auf, in John Schlesingers „Asphalt Cowboy“ und in Jim Jarmuschs „Coffee & Cigarettes“. Er schrieb Gedichte, malte Bilder, doch seine eigentliche Rolle war die des naiven Weisen. Und jede nachfolgende Boheme-Generation adoptierte ihn aufs Neue.


Ende der Siebzigerjahre war er einer der ersten, die es wagten, im Junkie- und Armenviertel Lower Eastside zu wohnen. Dort lebte er bis vergangenen April in der Ludlow Street, las den Gästen der Bar Max Fish Gedichte aus Skizzenbüchern vor, die er in Plastiktüten mit sich herumtrug. 380 Dollar bezahlte er für seine winzige Wohnung im Zustand zunehmender Verwahrlosung. Ein Relikt der Boheme inmitten von Glamour und Reichtum.

Neue Besitzer wollten das Gebäude sanieren. Sie boten ihm viel Geld für seinen geschützten Mietvertrag, drohten. Er kämpfte. Dann gab er nach, zog aus und reiste zu seiner Nichte in Colorado. Er wurde 88 Jahre alt.




Foto: Andy Warhol und Taylor Mead 1975, Archiv

19.02.13 | 19:07 | 0 Kommentare

Kein schlechter Mensch


Welche Bedeutung Bücher für Amazon-Chef Jeff Bezos haben

(Von Andrian Kreye) Um Bücher geht es schon lange nicht mehr bei Amazon. Trotzdem bleiben Bücher der Schlüssel, um zu verstehen, wie der Firmengründer Jeff Bezos funktioniert. Und um zu begreifen, dass der Skandal um die Behandlung der Leiharbeiter in Amazons deutschen Lagerhäusern vor allem ein PR-Unfall ist, wie er im Alltag der Weltkonzerne immer wieder vorkommt. Andere haben sich von solchen Skandalen schon erholt: Nike (Kinderarbeit in Südost- und Vorderasien), Coca-Cola (Ermordung von Gewerkschaftern in Kolumbien), Apple (unmenschliche Behandlung von Arbeitern in China). Auch Amazon wird sich erholen. Dafür wird Bezos schon sorgen. Der lässt sich nur ungern aufhalten.

Wenn Jeff Bezos irgendwo auftaucht, auf einer der exklusiven Wirtschafts- und Ideenkonferenzen im amerikanischen Westen oder beim Dinner bei einem seiner Freunde, dann ist er oft der reichste, aber nicht unbedingt der auffälligste Mann im Raum. Er hört eher zu, als dass er spricht. Blick und Muskelspannung sind in ständiger Bereitschaft. Kein Gramm Fett, kein Härchen, keine Kleiderfarbe sind da zu viel. Er erinnert ein wenig an Ben Kingsleys Gangster in „Sexy Beast“ – einen Mann, der seinen Willen gegen jeden Widerstand durchsetzen wird. Mit dem Unterschied, dass sich seine laserstrahlhafte Konzentration nicht in Faustschlägen, sondern in Lachstößen entlädt.

Man kann natürlich keine Memme sein, wenn man die wertvollste Firma in der Geschichte der Menschheit herausfordert: Apple, Amazons derzeitiges Angriffsziel. Nun ist Jeff Bezos mit seinem Buchversand Amazon zwar schon der größte Internet-Einzelhändler der Welt geworden. Mit dem Elektronikkonzern kann er sich aber noch nicht messen. Jahresumsatz 2012 von Apple laut SEC: mehr als 156 Milliarden Dollar; von Amazon laut Bloomberg Businessweek 61,1 Milliarden. Langfristig will Jeff Bezos aber das, was auch Apple, Facebook, Google, Microsoft wollen: im Kampf um die Vorherrschaft im Internet als Einziger übrig bleiben. Und dieser Kampf begann für Jeff Bezos vor nun 19 Jahren.

Als leidenschaftlicher Leser war Jeff Bezos dabei nie bekannt. Als die Nachrichtenwebseite Business Insider vergangene Woche die Lieblingsbücher von 21 Wirtschaftsführern auflistete, musste sie bei Jeff Bezos auf Interviews von 2001 und 2009 zurückgreifen, um herauszufinden, dass er Wirtschaftssachbücher und Kazuo Ishiguros Roman „Was vom Tage übrig blieb“ mag. Wobei die Erwartung, dass ein Konzernchef eine emotionale Nähe zu den Produkten haben muss, die er herstellt oder verkauft, eine bildungsbürgerliche Sentimentalität ist, die in der Wirtschaft eher weltfremd anmutet.

1994 gelang Jeff Bezos mit Büchern der Einstieg in eine neue Geschäftswelt, die den Einzelhandel revolutionieren sollte.

31 Jahre alt war er damals. Er hatte nach seinem Informatikstudium in Princeton ein Netzwerk für die Finanzcomputerfirma Fitel aufgebaut, es bei dem Bankhaus Bankers Trust zum Vizepräsidenten gebracht und dann beim Hedgefonds D.E. Shaw & Co. sehr viel Geld verdient. Wer bei einem Hedgefonds viel Geld verdient, will meist viel lieber noch mehr Geld auf eigene Faust verdienen. Entweder er gründet dann seinen eigenen Hedgefonds. Oder er findet eine Marktlücke.

1994 waren die Auswirkungen des Internets für Laien noch nicht abzusehen. World Wide Web und Browser waren Versuchsmodelle. Das Internet teilte sich in die Masse der Normalnutzer, die sich über simple Programme von Anbietern wie AOL oder Compuserve ins Netz wählten, und die Eingeweihten, die sich im Formel- und Codegewirr auskannten. Als Amazon ein Jahr später ans Netz ging, gab es weltweit nur 16 Millionen Nutzer.

Buchhändler war in Amerika 1994 weniger ein Beruf als eine Leidenschaft. Das Geschäft war dagegen gewaltig. In den USA wurden damals Bücher für 19 Milliarden Dollar verkauft. Ein Viertel des Umsatzes machten die Buchhandelsketten Barnes & Noble und Borders. Unabhängige Buchhandlungen verkauften ein weiteres Fünftel. Das Gros setzten jedoch Buchclubs, Supermärkte und große Kaufhäuser um. Das waren die Giganten, die Bezos ins Fadenkreuz nahm. Dass dabei die kleinen unabhängigen Läden und Community Bookstores von Amazon ums Geschäft gebracht wurden, war nur ein Kollateralschaden.

Bezos großes Risiko und letztendlich der entscheidende Schritt zu seinem Erfolg war, dass er eine Million Titel in seinem Sortiment führte. Selbst die großen Ketten konnten es sich nicht erlauben, mehr als 175 000 Titel zu führen. Bezos eroberte damit das, was in der digitalen Wirtschaft als „Long Tail“ bezeichnet wird: Amazon konnte jeden noch so ausgefallenen Nischenwunsch erfüllen, egal ob es sich um einen Gedichtband in Kleinstauflage oder ein wissenschaftliches Werk handelte. Und über das Internet erreichte der Versand auch Kunden, die im Umkreis von Hunderten Meilen keinen ordentlichen Buchladen fanden, was im Hinterland von Amerika keine Seltenheit ist.

Stück für Stück arbeitete sich Jeff Bezos mit Amazon so an sein eigentliches Ziel heran – der größte Einzelhändler der Welt zu werden. Bald kamen Musik und Filme dazu, sowie Warengruppen, die man in Super-, Drogerie- und Elektronikmärkten findet. Später eliminierte er mit dem Lesegerät Kindle die Lager- und Lieferkosten für Bücher, mit dem Kindle Fire auch für Musik und Filme. Als Marktführer konnte Amazon bald schon die Preise diktieren. Verlage, die sich gegen die eingeforderten Rabatte wehrten, wurden einfach aus dem Sortiment genommen. Das konnte sich bald niemand mehr leisten.

Mit dem Buchhandel hatte Jeff Bezos die beste aller Marktlücken gefunden – ein krisengeschütteltes Geschäftsfeld mit Tradition. Sein Konkurrent Steve Jobs sollte dieses Manöver 2003 wiederholen. Da war die Musikindustrie durch digitale Tauschbörsen im Internet wie Napster in die Krise geraten. Jobs lancierte einen Online-Shop für Apples Musikspieler iTunes und eroberte innerhalb von fünf Jahren den Online-Musikmarkt.

Für den Buchhandel und die Verlagswelt ist Amazon eine wirtschaftliche Lebensgefahr. Längst versucht sich der Onlineversand schon als Verlag. Durchaus zum Vorteil der Autoren. Wer sein Buch bei Amazon als E-Book veröffentlicht, bekommt drei- bis viermal so viel Geld wie bei einem herkömmlichen Verlag. Auch da zeigt sich Bezos Verhältnis zum Produkt Buch. Denn wer bei Amazon publiziert, dem eröffnet sich ein globaler Vertriebsweg. Die Erarbeitung von Themen, das Lektorieren und die Betreuung des fertigen Buches und seines Autors gibt es dort nicht.

Empörend ist das nicht. Jeff Bezos ist kein schlechter Mensch, sondern – genauso wie Steve Jobs – ein erfolgreicher Geschäftsmann. Nur stammt Jeff Bezos eben nicht aus der Kultur der Verlage und Buchhändler, sondern aus der Welt der Hedgefonds. Die beobachten den Fluss des Geldes und suchen dort die geringsten Widerstände. Kultur ist dafür wie geschaffen. Denn Kultur basiert zuallererst auf der Leidenschaft am Werk, das Geschäftliche ist nachrangig. Das gilt selbst für die Schöpfer der ganz großen Erfolge – für J.K. Rowling etwa, für Madonna oder Steven Spielberg. da ist es ein Leichtes, in die Lücken zu stoßen, die jede Krise dort schafft.

Es bleibt jeder Gesellschaft selbst überlassen, ob sie ihre Kultur vor den Kräften der Marktwirtschaft schützen will. In der Verlagswelt der USA schwärmt man jedenfalls seit einigen Jahren vom weltweit einzigen Ort, der Jeff Bezos Widerstand leistet: Deutschland. Dort gibt es ein schlichtes Bollwerk gegen die Kräfte der Marktwirtschaft: die Buchpreisbindung.

Foto: DPA

11.10.12 | 08:33 | 2 Kommentare

Nobelpreis

Der Literaturnobelpreisgewinner 2012 Mo Yan. (Foto: AP)

Das waren die Quoten vom Vormittag für den Nobelpreis für Literatur beim Londoner Buchmacher Ladbrokes:

Haruki Murakami 6/4 Susp.
Peter Nadas 5/2 Susp.
William Trevor 7/1 Susp.
Mo Yan 8/1 Susp.
Alice Munro 8/1 Susp.
Bob Dylan 10/1 Susp.
Cees Nooteboom 12/1 Susp.
Ngugi wa Thiog'o 12/1 Susp.
Thomas Pynchon 12/1 Susp.
Ismail Kadare 14/1 Susp.
Adonis 14/1 Susp.
Ko Un 14/1 Susp.
Les Murray 14/1 Susp.
Assia Djebar 14/1 Susp.
John Banville 14/1 Susp.
Dacia Maraini 16/1 Susp.
Philip Roth 16/1 Susp.
Cormac McCarthy 10/1 Susp.
Amos Oz 16/1 Susp.
Margeret Atwood 16/1 Susp.
Tom Stoppard 16/1 Susp.
Milan Kundera 12/1 Susp.
Enrique Vila-Matas 20/1 Susp.
Eduardo Mendoza Garriga 20/1 Susp.
Chinua Achebe 20/1 Susp.
Nurridin Farah 20/1 Susp.
Olga Tokarczuk 20/1 Susp.
Umberto Eco 25/1 Susp.
Leonard Nolens 25/1 Susp.
Mircea Cartarescu 25/1 Susp.
Yves Bonnefoy 25/1 Susp.
Anne Carson 33/1 Susp.
Peter Handke 33/1 Susp.
Adam Zagajewski 33/1 Susp.
Karl Ove Knausgard 33/1 Susp.
Don DeLillo 33/1 Susp.
Joyce Carol Oates 33/1 Susp.
E L Doctorow 33/1 Susp.
Merethe Lindstrom 50/1 Susp.
Andrea Camilleri 50/1 Susp.
Chimamanda Ngozi Adichie 50/1 Susp.
Chang-Rae Lee 50/1 Susp.
Ian McEwan 50/1 Susp.
Gerald Murnane 50/1 Susp.
Peter Carey 50/1 Susp.
Bei Dao 50/1 Susp.
Antonio Lobo Antunes 50/1 Susp.
Carol Ann Duffy 50/1 Susp.
Ernesto Cardenal 50/1 Susp.
Michel Tournier 50/1 Susp.
Maya Angelou 50/1 Susp.
Mahasweta Devi 50/1 Susp.
A B Yehoshua 50/1 Susp.
Azar Nafisi 66/1 Susp.
Dai Sijie 66/1 Susp.
Daniel Kahneman 66/1 Susp.
Javier Marias 66/1 Susp.
Kazuo Ishiguro 66/1 Susp.
Ursula Le Guin 66/1 Susp.
David Malouf 66/1 Susp.
Hanan Al-Shaykh 66/1 Susp.
Salman Rushdie 66/1 Susp.
Ben Okri 66/1 Susp.
Herman Koch 66/1 Susp.
Colm Toibin 66/1 Susp.
Claudio Magris 66/1 Susp.
A S Byatt 66/1 Susp.
Patrick Modiano 66/1 Susp.
Juan Marse 66/1 Susp.
William H Gass 66/1 Susp.
Yevgeny Yevtushenko 66/1 Susp.
Julian Barnes 66/1 Susp.
F Sionil Jose 66/1 Susp.
John Ashbery 66/1 Susp.
Ulrich Holbein 100/1 Susp.
Atiq Rahimi 100/1 Susp.
Kjell Askildsen 100/1 Susp.
Jon Fosse 100/1 Susp.
Michael Ondaatje 100/1 Susp.
Paul Auster 100/1 Susp.
Eeva Kilpi 100/1 Susp.
Vassilis Alexakis 100/1 Susp.
Mary Gordon 100/1 Susp.
Marge Piercy 100/1 Susp.
Jonathan Littell 100/1 Susp.
Juan Goytisolo 100/1 Susp.
Elias Khoury 100/1 Susp.
Shlomo Kalo 100/1 Susp.
Victor Pelevin 100/1 Susp.
Ferreira Gullar 100/1 Susp.
Antonio Gamoneda 100/1 Susp.
Louise Gluck 100/1 Susp.
Rajendra Bhandari 100/1 Susp.
Jonathan Franzen 100/1 Susp.
Christian Jungersen 100/1 Susp.
Sofi Oksanen 100/1 Susp.
Shyam Selvadurai 100/1 Susp.
Roberto Saviano 100/1 Susp.
Leila Aboulela 100/1 Susp.
Daniel Chavarria 100/1 Susp.
Anna Funder 100/1 Susp.
Tim Winton 100/1 Susp.
Peter Hoeg 100/1 Susp.
Gosta Agren 100/1 Susp.
Michael Frayn 100/1 Susp.
Tadeusz Rozewicz 100/1 Susp.
Per Petterson 100/1 Susp.
E.L. James 500/1

28.05.12 | 06:35 | 0 Kommentare

#musicmonday

B*tches in Bookshops (based on Jay Z and Kanye West's "N*ggas in Paris")

12.05.12 | 19:04 | 0 Kommentare

Goetz

Aufzeichnung der Mosse-Lecture mit Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen vom 03.05.2012 in der Humboldt-Universität zu Berlin.

13.03.12 | 21:36 | 0 Kommentare

Der Romantiker vom Hudson River

(Von Andrian Kreye) Als Joseph Mitchell 1959 seine Sammlung mit sechs Geschichten rund um den Hafen von New York veröffentlichte, die er für die Wochenzeitschrift New Yorker geschrieben hatte, war das Buch schon ein Abgesang auf eine versinkende Welt. Die Austernfischer, Dockarbeiter und Wirtsleute sind bei ihm Zeitzeugen großer Epochen. Sie erinnern an die Jahre, als Amerika über die Küsten des Ostens erobert wurde, an die mythische Ära, als die Fischerei eine Industrie war, die das neue Land zur Wirtschaftsmacht aufsteigen ließ, an die Zeit nach der Sklaverei, als die Austernbänke in der Bucht zwischen New York und New Jersey den Befreiten eine sichere Einkunftsquelle war.

Es sind leise, bedächtige Geschichten, die sich deutlich von der elektrisierenden Energie abwenden, die sich auf der Insel Manhattan im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Triebkraft der westlichen Welt steigert. Diese Abkehr vom eigentlichen Lauf der Dinge, um in der Ruhe der Nischen mit ihren Randfiguren und Exzentrikern nach Wahrheiten zu suchen, war immer schon Mitchells Methode gewesen, seit er 1938 den rasenden Arbeitsabläufen der Tageszeitungen den Rücken gekehrt und beim New Yorker angeheuert hatte. Einer Methode, mit der er die Grenze zwischen Journalismus und Literatur auflöste und so zum unerklärten Vater des New Journalism wurde.

In der im letzten Jahr auf deutsch erschienenen Anthologie „McSorley’s Wonderful Saloon“ findet man Mitchell in abseitigen Pinten, Ballsälen und Kramläden der Stadt. In „Zwischen den Flüssen“ lässt er den urbanen Kontext hinter sich, um an den Ufern der Bucht, des Hudson und des East River einer naturbelassenen Vergangenheit nachzuspüren. Immer wieder tauchen die Texte ab zu den Riffen und Meeresgründen, wo die Muscheln und Schalentiere leben.

In den sechs Texten zeigt sich Mitchell deutlicher als in all seinen anderen Arbeiten als Romantiker. Aus seinem Widerwillen gegen das Neue, den Fortschritt, den Wandel, macht er keinen Hehl. Wenn er dann den Hafengrund beschreibt, sieht er die Zivilisation der Industriegesellschaft wie den Anbruch eines finsteren Urzeitalters: „An den meisten Stellen ist der Hafengrund mit einer dicken Schicht Schlick, Abwasserrückständen, Industrieabfällen und Ölklumpen bedeckt . . . In der Wallabout Bay, einer kleinen Bucht des East River, die zum Brooklyn Navy Yard gehört, wächst die Schlammschicht pro Jahr um einen knappen halben Meter. Bei Wärme fängt der Schlamm an zu faulen und dann steigen unablässig Gasblasen so groß wie Basketbälle an die Oberfläche.“

Umso schwärmerischer verliert er sich dann in den Details der Marktgänge, auf denen sich die Austernfischer von Staten Island in der Geschichte „Mr. Hunters Grab“ mit selbstgezüchteten Früchten ein wenig Geld dazuverdienen: „Zur Erdbeersaison verpackten die Leute ihre Erdbeeren und nahmen sie mit nach Rossville, von wo sie mit dem Dampfer zum Markt geliefert wurden. Auf jede Kiste legten sie ein paar Weinblätter, was die Erdbeeren erst so richtig hübsch aussehen ließ, das Grün gegen das Rot.“

„Mr. Hunters Grab“ gilt als eine der besten Reportagen in der Geschichte des amerikanischen Journalismus. Der Besuch bei dem alten Kirchenvorsteher der African Methodist Church in der Schwarzensiedlung Sandy Ground auf Staten Island komprimiert die Geschichte des schwarzen Amerika auf einen schläfrigen Sommernachmittag, der mit einer bittersüßen Pointe endet.

Es ist verwunderlich, dass Joseph Mitchells Texte erst jetzt auf deutsch erscheinen. Gerade weil sie in einer Zeit entstanden, in der die kulturellen Nischen Amerika noch nicht so deutlich prägten und die Sprachmuster noch nicht so vielschichtig waren. So ist Mitchells Sprache im Original von einer Klarheit, die hier kongenial übersetzbar ist. Es ist eine Sprache, die perfekt zu den altertümlichen Figuren passt, die jeden Handgriff genau bedenken, so wie Mitchell jede Wendung sehr bewusst formuliert.

Auf der anderen Seite ist nun vielleicht der perfekte Zeitpunkt, um sie zu veröffentlichen. Weil ja gerade die Texte in „Zwischen den Flüssen“ eine so stimmige Analogie auf den radikalen Wandel während eines Fortschrittschubes sind. Als Mitchell die Sammlung 1959 veröffentlichte, plante der Bankier David Rockefeller gerade einen radikalen Umbau der Stadt New York. Die Hafenanlagen und Manufakturen sollten in die Randbezirke weichen. New York sollte ein Zentrum der Finanz- und Medienwirtschaft werden. Der Beinahe-Bankrott der Stadt verzögerte die Umsetzung. Doch in den Neunziger Jahren wurde Rockefellers Vision vollendet. So ist Mitchells Buch heute kein Abgesang mehr, sondern eine Erinnerung an eine Welt, die es nun wirklich nicht mehr gibt.

06.03.12 | 17:37 | 0 Kommentare

Weimar am Pazifik

Im Westen von Los Angeles lebten die Größten des deutschen Exils – die Chancen, ihre Häuser zu bewahren, sind gering

(Los Angeles im März 2012, von Andrian Kreye) Vor einigen Wochen gab es kurz Hoffnung für ein Kulturdenkmal: Das Haus, in dem Thomas Mann von 1942 bis 1952 im kalifornischen Exil lebte, war zu vermieten. Die Angaben des Maklerbüros Joyce Rey waren nüchtern. Es handelt sich beim Objekt 1550 San Remo Drive um ein Einfamilienhaus mit fünf Schlafzimmern, rund 485 Quadratmetern Wohnfläche und einem Grundstück von viertausend Quadratmetern. Die Monatsmiete von 15 000 US Dollar entspricht in der Wohngegend Pacific Palisades dem Marktpreis.

Die Anfrage, das Haus zu besichtigen, wurde vom zuständigen Makler Stephen Apelian mit dem Hinweis abgewiesen, das Objekt sei nach zwei Monaten auf dem Markt vorvergangene Woche vermietet worden. Der neue Mieter bitte um Diskretion. Besucht man das Haus trotzdem, wird einem einerseits schnell klar, warum sich die Besitzer keineswegs um deutsche Institutionen bemühten, die das Haus vielleicht in ein Museum oder eine Begegnungsstätte umwandeln wollen. 1550 San Remo Drive liegt in einer der besten Wohngegenden der Stadt. Die Straßen sind von Villen und prächtigen Bungalows gesäumt. Wer hier lebt, will keinen Publikumsverkehr. Vor den Grundstücken stehen Schilder der Sicherheitsfirmen: „Armed Response“. Wer hier nicht wohnt und aus dem Auto steigt, gilt schon als verdächtig.

Man versteht aber auch, warum Thomas Mann sein Leben am Pazifik so liebte. Die Straßen tragen Namen, die den Zauber des Mittelmeers aus gutem Grunde beschwören: Amalfi, Sorrento und Capri Drive ziehen sich oberhalb des Sunset Boulevard in sanften Kurven um Hügel voller Zedern und Eukalyptusbäume. Es riecht nach Bougainvillea und frisch geschnittenem Gras.

In den vierziger und fünfziger Jahren nannte man die Pacific Palisades und die angrenzenden Viertel „Pacific Weimar“. Neben Thomas und Heinrich Mann lebten hier Franz Werfel, Bert Brecht, Arnold Schönberg und Theodor Adorno. Das schönste Anwesen aber hatten Lion und Marta Feuchtwanger. Deren Villa Aurora mit 20 Zimmern und parkähnlichem Garten über dem Pazifik ist heute das einzige der historischen Gebäude, das noch zugänglich ist.

Der Journalist und Feuchtwanger-Biograph Volker Skierka sorgte gleich nach dem Tod von Feuchtwangers Witwe Marta im Herbst 1987 mit Hilfe des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker dafür, dass eine Stiftung gegründet wurde, die das Haus kaufte. Alle vier Parteien stellten sich damals hinter das Projekt. Dazu kam ein amerikanischer Förderkreis aus Politikern und Kulturfunktionären. Trotzdem dauerte der Kampf um das Anwesen, das die University of Southern California geerbt hatte, acht Jahre lang. Seit 1995 dient das Anwesen als Stipendiatenzentrum.

Das Thomas-Mann–Haus in ein Kulturdenkmal zu verwandeln, hält Skierka für „noch komplizierter“. Das Interesse in den USA ist gleich null. Die Mittel der deutschen Stiftungen und Ämter sind begrenzt. Immerhin – in drei Jahren läuft der Mietvertrag für 1550 San Remo Drive aus.

Hausansichten 1550 San Remo Drive auf dreamhomephoto.com - hier

Foto: AK

16.12.11 | 16:39 | 0 Kommentare

Der Gnadenlose




 

 

Christopher Hitchens war einer der brillantesten Polemiker und leidenschaftlichsten Atheisten – ein Nachruf

Die größte Stärke des Polemikers ist es, in der Debatte niemals zurückzustecken. Kaum einer beherrschte diese Kunst des rhetorischen Stellungskrieges so gut wie der Essayist und Journalist Christopher Hitchens, der am vergangenen Donnerstag im Krebszentrum der University of Texas gestorben ist. Was ihn von den Allerweltspolemikern unterschied, die den politischen Boulevard bevölkern, waren seine Bildung, sein Intellekt und seine Bereitschaft, sich harten Realitäten auch selbst zu stellen.

Um sich für ein großes Vanity-Fair-Essay über die Folter vorzubereiten, unterzog er sich vor zweieinhalb Jahren beispielsweise der umstrittenen Prozedur des Waterboarding, jener Simulation des Ertrinkens, mit der amerikanische Geheimdienste in Militärgefängnissen wie Guantanamo Bay Terrorverdächtige zum Reden bringen wollen. Er musste lange suchen, bis er zwei ehemalige Special-Forces-Soldaten fand, die einen 59-jährigen „keuchenden, schmerbäuchigen Schreiberling“ einer Verhörmethode unterziehen, die für „Ledernacken im Überlebenstraining gedacht ist und für junge Dschihadkämpfer, deren Zähne sich durch die Knorpel einer alten Ziege beißen können“.

Hitchens überstand das Erstickungserlebnis. Und kam zu dem Schluss: „Glaubt mir, das ist Folter“. Weil es aber Christopher Hitchens war, der dieses Argument führte, war die eindringliche Beschreibung der Folter und das klare Urteil in eine differenzierte ethische politische Analyse eingebettet, mit der er die überhitzte amerikanische Debatte fast unumstößlich resümierte. Für Hitchens gab es keinen Zweifel, dass die Überschreitung der ethischen Grenze zur Folter ein politisches Desaster war.

Sein Wort wog schwer. Immerhin – der einstige Sozialist hatte nach den Anschlägen des 11. September die Seiten endgültig gewechselt und gehörte seit 2003 zu den eloquentesten Fürsprechern des Irakkrieges. Das wiederum hatte viele seiner Anhänger erstaunt. Immerhin hatte Hitchens sein Leben als politischer Mensch als Teenager in seiner englischen Heimat in der trotzkistischen Partei International Socialist begonnen. In den USA kannte man ihn später als Reporter und Kommentator der linken Wochenzeitung The Nation. Doch auch das zeichnete ihn als einen brillantesten Vertreter der Polemik aus – er wechselte während seines Lebens immer wieder die ideologischen Seiten. Treu blieb er sich trotzdem. Zurückstecken kam nie in Frage.

Geboren am 13. April 1949 zog er schon als Kind viel durch die Welt. Sein Vater war Offizier der britischen Kriegsmarine, seine Mutter arbeitete für den Women’s Royal Naval Service. Später studierte er Philosophie, Politik und Wirtschaft am Balliol College in Oxford. Nach dem Studium arbeitete er in London als Journalist für die Times, den Daily Express und den Evening Standard. 1982 übersiedelte er nach Washington DC. Amerika war dann auch der perfekte Nährboden für seine polemische Ader. Mit seinem manchmal geradezu zerstörerischen Witz nahm er sich die Gesellschaft und Politik seines Gastlandes vor. Zum klassischen Public Intellectual, also zu einer landesweit beachteten Stimme, entwickelte er sich erst später im Leben, als ihn Graydon Carter 1992 zum Zentralorgan der liberalen Eliten, der Condé-Nast-Illustrierten Vanity Fair holte.

Carter wusste genau, was er da tat. Hitchens hatte eine intellektuelle Angriffslust, die ihm bald schon den Ruf des Contrarians eintrug, des intellektuellen Provokateurs, der seine Brillanz erst dann entwickelt, wenn er gegen gültige Meinungen anschreibt. Es bereitete ihm unbändige Lust, die vorgefassten Sicherheiten des liberalen Amerikas zu zerlegen. Und er wusste sich zu inszenieren. Als Whisky-trinkender, kettenrauchender Atheist war er im Land der frommen Abstinenzler schon als Erscheinung eine Provokation.

Wie weit er da gehen würde, bewies Hitchens 1995 mit seinem Stück über Mutter Teresa. Da beschrieb er die Quasi-Heilige als fanatische Fundamentalistin und Scharlatanin. Damit gab er schon früh den Ton vor, der seine Texte und Bücher bestimmen sollte, mit denen er gegen Ende der Nullerjahre zu einem der „vier apokalyptischen Reiter“ des Neo-Atheismus wurde, zu denen neben ihm Richard Dawkins, Sam Harris und Daniel Dennett gehörten.

Beim Thema Religion schlug sein intellektueller Furor auch hin und wieder in nackte Wut um. Als er 2009 gemeinsam mit Richard Dawkins forderte, man solle den Papst wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ während seines Englandbesuches verhaften, stieß die Aktion vor allem in Europa auf Unverständnis. Doch auch dieser Ausbruch war letztlich eine konsequente Fortführung der eigenen Biografie. Hatte er doch mit seinem Buch „Die Akte Kissinger“ 2001 schon einmal gefordert, eine noch lebende historische Figur vor Gericht zu bringen.

Hitchens begnügte sich selten mit der reinen Textarbeit. Gegen Kissinger führte er eine regelrechte Kampagne. Bei einem seiner New Yorker Auftritte damals zeigte er dann aber, wie souverän er seinen Zorn im Griff hatte. Wie immer präsentierte er sich auf dem Podium mit Whiskyglas und Zigarette. Er blieb gelassen und schlagfertig, auch wenn ihn die Frager aus dem Publikum als größenwahnsinnigen, europäischen Popanz beschimpften.

Kissinger war keineswegs das einzige Opfer seiner Angriffe. Die britische Monarchie, Bill Clinton und immer wieder die Glaubensgemeinschaften aller Himmelsrichtungen bediente er frei jeder ideologischen Ausrichtungen. In seinem Buch „Gott ist kein Hirte“ verdammte er das Alte Testament als Albtraum, das Neue Testament als bösartig, den Koran als Plagiat und die östlichen Religionen im Westen als feige Ausflucht.

Die Gnadenlosigkeit, mit der er andere attackierte, richtete Hitchens in seinen letzten Lebensmonaten auch gegen sich selbst. Im Sommer 2010 bekam er die Diagnose Speiseröhrenkrebs. Unermüdlich thematisierte er seine Krankheit daraufhin bei Fernsehauftritten und in Texten. In seinem letzten Essay, das in der aktuellen Januarausgabe von Vanity Fair erschien, stellt er über den Umweg einer philosophischen Kritik an Friedrich Nietzsche sich selbst in Frage. Das Credo, was uns nicht umbringe, mache uns stärker, zerteilte Hitchens im Angesicht eines qualvollen Todes mit der Präzision eines Chirurgen. Eindringlich beschrieb er die Qualen der Strahlentherapie. Und kam doch zum Schluss: „Hätte ich die erste Stufe abgelehnt, hätte ich die zweite und dritte vermeiden können und wäre jetzt schon tot. Das hat keinen Reiz.“

Und bis zuletzt steckte er nicht zurück. In einem seiner letzten Interviews mit Amerikas Fernseh-Intellektuellem Charlie Rose antwortete er auf die Frage, ob er sein Rauchen und Trinken bereue: „Das Schreiben ist es, was mir wichtig ist. Und alles, was mir dabei hilft, was es verbessert, verlängert oder vertieft, ist es mir wert.“ Christopher Hitchens wurde 62 Jahre alt.

08.06.11 | 15:29 | 0 Kommentare

Jonathan Franzen über die Liebe und das Internet

FranzenByMike Munden

Die „Commencement Speech“ ist eine Tradition amerikanischer Universitäten und Colleges, einen Prominenten für eine RedeAnsprache zur Zeugnisübergabe einzuladen, der dann eine Art Motivationsrede für den Rest des erwachsenen Lebens hält. Das Kenyon College in Gambier, Ohio konnte dieses Jahr den Schriftsteller Jonathan Franzen gewinnen.Dem wurde kurz vor seinem Vortrag auch gleich ein Ehrendoktor verliehen.  Eine Aufzeichnung der Rede kann man unter www.kenyon.edu/x57433.xml  anhören Ein Auszug:

„Ich möchte erst einmal klarstellen, wie ubiquitär das Wort ,sexy‘ verwendet wird, um die neuesten Elektrogeräte zu beschreiben; und wie diese äußerst coolen Dinge, die wir nun mit diesen Geräten tun – wenn wir sie mit Sprachbefehlen aktivieren, oder wenn wir dieses Spreizfinger-iPhone-Ding machen, damit Bilder größer werden – auf Menschen vor hundert Jahren wie die Beschwörungsformeln eines Magiers gewirkt hätten; und wie wir eine erotische Beziehung, die perfekt funktioniert, als magisch beschreiben.

Lassen Sie mich außerdem die Idee in den Raum stellen, dass unsere Märkte immer wieder herausfinden, was Konsumenten wollen, und darauf reagieren. Technologie ist extrem geschickt darin, Produkte hervorzubringen, die sich mit unserer Vorstellung vom Ideal einer erotischen Beziehung decken, in der das Objekt unserer Liebe nichts verlangt und alles gibt, und uns so das Gefühl der Allmächtigkeit verleiht, und keine grässlichen Szenen macht, wenn es gegen ein Objekt ausgetauscht wird, das noch sexier ist und in der Schublade landet. Um noch etwas allgemeiner zu werden – das ultimative Ziel der Technologie ist es, eine natürliche Welt, der unsere Wünsche egal sind– eine Welt voller Hurrikane und Entbehrungen und gebrochener Herzen und Widerstände –, durch eine Welt zu ersetzen, die auf unsere Wünsche eingeht und letztlich eine reine Erweiterung unseres Selbst ist.

Lassen Sie mich schließlich behaupten, dass die Welt des Technokonsums große Schwierigkeiten mit wahrer Liebe hat und umgekehrt gar nicht anders kann, als der wahren Liebe Schwierigkeiten zu machen.  Ein Phänomen in diesem Zusammenhang ist die Verwandlung des Verbs „gefallen“ von einem Gemütszustand in eine Handlung, die man mit der Computermaus vollzieht, von einem Gefühl in eine Konsumentscheidung. Das „gefallen“ ist allgemein der Ersatz der Konsumkultur für „lieben“. (...) Der Versuch, zu gefallen, verträgt sich nicht mit Liebesbeziehungen. Da ist das große Risiko natürlich die Zurückweisung. Doch Schmerz tut vielleicht weh, aber er tötet nicht. Wenn man die Alternative betrachtet – ein anästhesierender Traum der Selbstgenügsamkeit mit technischer Hilfe – , dann ist Schmerz der natürliche Gradmesser dafür, dass man am Leben ist.

(...) Wenn man in seinem Zimmer bleibt und wütet und spottet und mit den Schultern zuckt, wie ich es jahrelang getan habe, erscheinen einem die Welt und ihre Probleme unfassbar einschüchternd. Wenn man aber hinausgeht und sich einer echten Beziehung mit echten Menschen aussetzt, besteht die sehr reelle Gefahr, dass man einige von ihnen wirklich liebt. Und wer weiß? Vielleicht passiert das ja auch Ihnen?“

Foto: Mike Munden/Kenyon College

01.04.11 | 14:00 | 0 Kommentare

Durchschaut

die-welt-ist-eine-udo

Für seinen internetkritischen Song
klaute Udo Jürgens im Internet

(Aus der SZ vom Donnerstag, von Andrian Kreye) Auf seinem neuen Album „Der ganz normale Wahnsinn“ übt sich Udo Jürgens in Gesellschaftskritik. Er singt gegen das Fernsehen, gegen Reizüberflutung, Anglizismen und in dem Song „Du bist durchschaut“ gegen das Internet. Die lustigste Stelle in diesem Lied lautet: „Die Welt ist eine Google“. Diese Zeile ist aber nicht von Udo Jürgens oder seinem Texter Wolfgang Hofer, sondern von dem SchriftstellerPeter Glaser. Sie war am 13. April 2005 Überschrift für einen Eintrag auf seinem „Glaserei“-Blog.

Nun ist dieses Plagiätchen im Rahmen des Zitatrechts durchaus legitim. Ob man das Zitat als solches kennzeichnet, wäre keine Frage der Tantiemen, sondern der Höflichkeit. Eine gewisse Ironie steckt allerdings in diesem Fall, ist Glaser doch einer der wichtigsten deutschsprachigen Internet-Denker, der den Satz so ganz anders gemeint hat.

Peter Glaser äußerte sich der SZ gegenüber übrigens versöhnlich: „Wir müssen freundlich zu Udo sein, weil meine Mutter ein großer Udo-Fan ist.“ Er sagte auch, dass schon jemand vor ihm auf das Wortspiel kam. Und für alle Fälle mailte er dann noch ein paar Zeilen, die er allen Textschmieden zum freien Zitat zur Verfügung stellen würde: Unverpixelte Gesichter: Fressefreiheit. Unfall auf der Datenautobahn – zwei Schwervernetzte. Wörter zu Fluchscharen. Sag zum Abschied leise Service.

*** Blog Bonus - die komplette Wortspielliste von Peter Glaser:

Wir wollen nicht spalten - wir wollen versöhnen, vertöchtern, veronkeln, vertanten, verneffen und vernichten

Unfall auf der Datenautobahn. Zwei Schwervernetzte.

Facebook ist wie Berlin, überall tritt man in Hundecode 

Vulkane sind Berge, die sich nicht benehmen können. 

Fashion Week: Fahr zur Hülle, Liebling

Mehrtürer im Islam

Berlinale. Hotels mit Ruhmservice.

Schatz, haben wir noch was für die Alkaidasammlung?

Unverpixelte Gesichter: Fressefreiheit 

Nein, Tapete ist kein Traumreiseziel in der Südsee 

Reichdumm

Neues von der Schweinegrippe um 14 Uhr in der Tagessau.

Löschen: Bei Goethe hätte das noch ein zarter Mädchenname sein können.

Die Welt ist eine Schreibe

Das Internet muß Saubär bleiben

Wenn das Volk zurücktritt, wird es unangenehm für die Regierenden.

Man darf die Menschen nicht mit ihren Engsten allein lassen

Ouzo-generated Content

Projekt Guttenberg: freier Zugriff auf das Wissen

Zwei Karten für Gaddafi-Ansprache günstig abzugeben

Wörter zu Fluchscharen

Der Untergag: Das N ist nah!

Rotweinflecken am Teppich: Nachkomastellen

Ave, Caesar, Moratorium te salutant

Abgefahren: die Privatfähre

Sag zum Abschied leise Service

Glaserfaselkabel

 

Abb.: Glaserei

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