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Aufzeichnung der Mosse-Lecture mit Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen vom 03.05.2012 in der Humboldt-Universität zu Berlin.
0 KommentareAufzeichnung der Mosse-Lecture mit Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen vom 03.05.2012 in der Humboldt-Universität zu Berlin.
0 Kommentare(Von Andrian Kreye) Als Joseph Mitchell 1959 seine Sammlung mit sechs Geschichten rund um den Hafen von New York veröffentlichte, die er für die Wochenzeitschrift New Yorker geschrieben hatte, war das Buch schon ein Abgesang auf eine versinkende Welt. Die Austernfischer, Dockarbeiter und Wirtsleute sind bei ihm Zeitzeugen großer Epochen. Sie erinnern an die Jahre, als Amerika über die Küsten des Ostens erobert wurde, an die mythische Ära, als die Fischerei eine Industrie war, die das neue Land zur Wirtschaftsmacht aufsteigen ließ, an die Zeit nach der Sklaverei, als die Austernbänke in der Bucht zwischen New York und New Jersey den Befreiten eine sichere Einkunftsquelle war.
Es sind leise, bedächtige Geschichten, die sich deutlich von der elektrisierenden Energie abwenden, die sich auf der Insel Manhattan im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Triebkraft der westlichen Welt steigert. Diese Abkehr vom eigentlichen Lauf der Dinge, um in der Ruhe der Nischen mit ihren Randfiguren und Exzentrikern nach Wahrheiten zu suchen, war immer schon Mitchells Methode gewesen, seit er 1938 den rasenden Arbeitsabläufen der Tageszeitungen den Rücken gekehrt und beim New Yorker angeheuert hatte. Einer Methode, mit der er die Grenze zwischen Journalismus und Literatur auflöste und so zum unerklärten Vater des New Journalism wurde.
In der im letzten Jahr auf deutsch erschienenen Anthologie „McSorley’s Wonderful Saloon“ findet man Mitchell in abseitigen Pinten, Ballsälen und Kramläden der Stadt. In „Zwischen den Flüssen“ lässt er den urbanen Kontext hinter sich, um an den Ufern der Bucht, des Hudson und des East River einer naturbelassenen Vergangenheit nachzuspüren. Immer wieder tauchen die Texte ab zu den Riffen und Meeresgründen, wo die Muscheln und Schalentiere leben.
In den sechs Texten zeigt sich Mitchell deutlicher als in all seinen anderen Arbeiten als Romantiker. Aus seinem Widerwillen gegen das Neue, den Fortschritt, den Wandel, macht er keinen Hehl. Wenn er dann den Hafengrund beschreibt, sieht er die Zivilisation der Industriegesellschaft wie den Anbruch eines finsteren Urzeitalters: „An den meisten Stellen ist der Hafengrund mit einer dicken Schicht Schlick, Abwasserrückständen, Industrieabfällen und Ölklumpen bedeckt . . . In der Wallabout Bay, einer kleinen Bucht des East River, die zum Brooklyn Navy Yard gehört, wächst die Schlammschicht pro Jahr um einen knappen halben Meter. Bei Wärme fängt der Schlamm an zu faulen und dann steigen unablässig Gasblasen so groß wie Basketbälle an die Oberfläche.“
Umso schwärmerischer verliert er sich dann in den Details der Marktgänge, auf denen sich die Austernfischer von Staten Island in der Geschichte „Mr. Hunters Grab“ mit selbstgezüchteten Früchten ein wenig Geld dazuverdienen: „Zur Erdbeersaison verpackten die Leute ihre Erdbeeren und nahmen sie mit nach Rossville, von wo sie mit dem Dampfer zum Markt geliefert wurden. Auf jede Kiste legten sie ein paar Weinblätter, was die Erdbeeren erst so richtig hübsch aussehen ließ, das Grün gegen das Rot.“
„Mr. Hunters Grab“ gilt als eine der besten Reportagen in der Geschichte des amerikanischen Journalismus. Der Besuch bei dem alten Kirchenvorsteher der African Methodist Church in der Schwarzensiedlung Sandy Ground auf Staten Island komprimiert die Geschichte des schwarzen Amerika auf einen schläfrigen Sommernachmittag, der mit einer bittersüßen Pointe endet.
Es ist verwunderlich, dass Joseph Mitchells Texte erst jetzt auf deutsch erscheinen. Gerade weil sie in einer Zeit entstanden, in der die kulturellen Nischen Amerika noch nicht so deutlich prägten und die Sprachmuster noch nicht so vielschichtig waren. So ist Mitchells Sprache im Original von einer Klarheit, die hier kongenial übersetzbar ist. Es ist eine Sprache, die perfekt zu den altertümlichen Figuren passt, die jeden Handgriff genau bedenken, so wie Mitchell jede Wendung sehr bewusst formuliert.
Auf der anderen Seite ist nun vielleicht der perfekte Zeitpunkt, um sie zu veröffentlichen. Weil ja gerade die Texte in „Zwischen den Flüssen“ eine so stimmige Analogie auf den radikalen Wandel während eines Fortschrittschubes sind. Als Mitchell die Sammlung 1959 veröffentlichte, plante der Bankier David Rockefeller gerade einen radikalen Umbau der Stadt New York. Die Hafenanlagen und Manufakturen sollten in die Randbezirke weichen. New York sollte ein Zentrum der Finanz- und Medienwirtschaft werden. Der Beinahe-Bankrott der Stadt verzögerte die Umsetzung. Doch in den Neunziger Jahren wurde Rockefellers Vision vollendet. So ist Mitchells Buch heute kein Abgesang mehr, sondern eine Erinnerung an eine Welt, die es nun wirklich nicht mehr gibt.
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(Los Angeles im März 2012, von Andrian Kreye) Vor einigen Wochen gab es kurz Hoffnung für ein Kulturdenkmal: Das Haus, in dem Thomas Mann von 1942 bis 1952 im kalifornischen Exil lebte, war zu vermieten. Die Angaben des Maklerbüros Joyce Rey waren nüchtern. Es handelt sich beim Objekt 1550 San Remo Drive um ein Einfamilienhaus mit fünf Schlafzimmern, rund 485 Quadratmetern Wohnfläche und einem Grundstück von viertausend Quadratmetern. Die Monatsmiete von 15 000 US Dollar entspricht in der Wohngegend Pacific Palisades dem Marktpreis.
Die Anfrage, das Haus zu besichtigen, wurde vom zuständigen Makler Stephen Apelian mit dem Hinweis abgewiesen, das Objekt sei nach zwei Monaten auf dem Markt vorvergangene Woche vermietet worden. Der neue Mieter bitte um Diskretion. Besucht man das Haus trotzdem, wird einem einerseits schnell klar, warum sich die Besitzer keineswegs um deutsche Institutionen bemühten, die das Haus vielleicht in ein Museum oder eine Begegnungsstätte umwandeln wollen. 1550 San Remo Drive liegt in einer der besten Wohngegenden der Stadt. Die Straßen sind von Villen und prächtigen Bungalows gesäumt. Wer hier lebt, will keinen Publikumsverkehr. Vor den Grundstücken stehen Schilder der Sicherheitsfirmen: „Armed Response“. Wer hier nicht wohnt und aus dem Auto steigt, gilt schon als verdächtig.
Man versteht aber auch, warum Thomas Mann sein Leben am Pazifik so liebte. Die Straßen tragen Namen, die den Zauber des Mittelmeers aus gutem Grunde beschwören: Amalfi, Sorrento und Capri Drive ziehen sich oberhalb des Sunset Boulevard in sanften Kurven um Hügel voller Zedern und Eukalyptusbäume. Es riecht nach Bougainvillea und frisch geschnittenem Gras.
In den vierziger und fünfziger Jahren nannte man die Pacific Palisades und die angrenzenden Viertel „Pacific Weimar“. Neben Thomas und Heinrich Mann lebten hier Franz Werfel, Bert Brecht, Arnold Schönberg und Theodor Adorno. Das schönste Anwesen aber hatten Lion und Marta Feuchtwanger. Deren Villa Aurora mit 20 Zimmern und parkähnlichem Garten über dem Pazifik ist heute das einzige der historischen Gebäude, das noch zugänglich ist.
Der Journalist und Feuchtwanger-Biograph Volker Skierka sorgte gleich nach dem Tod von Feuchtwangers Witwe Marta im Herbst 1987 mit Hilfe des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker dafür, dass eine Stiftung gegründet wurde, die das Haus kaufte. Alle vier Parteien stellten sich damals hinter das Projekt. Dazu kam ein amerikanischer Förderkreis aus Politikern und Kulturfunktionären. Trotzdem dauerte der Kampf um das Anwesen, das die University of Southern California geerbt hatte, acht Jahre lang. Seit 1995 dient das Anwesen als Stipendiatenzentrum.
Das Thomas-Mann–Haus in ein Kulturdenkmal zu verwandeln, hält Skierka für „noch komplizierter“. Das Interesse in den USA ist gleich null. Die Mittel der deutschen Stiftungen und Ämter sind begrenzt. Immerhin – in drei Jahren läuft der Mietvertrag für 1550 San Remo Drive aus.
Hausansichten 1550 San Remo Drive auf dreamhomephoto.com - hier
Foto: AK
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Christopher Hitchens war einer der brillantesten Polemiker und leidenschaftlichsten Atheisten – ein Nachruf
Die größte Stärke des Polemikers ist es, in der Debatte niemals zurückzustecken. Kaum einer beherrschte diese Kunst des rhetorischen Stellungskrieges so gut wie der Essayist und Journalist Christopher Hitchens, der am vergangenen Donnerstag im Krebszentrum der University of Texas gestorben ist. Was ihn von den Allerweltspolemikern unterschied, die den politischen Boulevard bevölkern, waren seine Bildung, sein Intellekt und seine Bereitschaft, sich harten Realitäten auch selbst zu stellen.
Um sich für ein großes Vanity-Fair-Essay über die Folter vorzubereiten, unterzog er sich vor zweieinhalb Jahren beispielsweise der umstrittenen Prozedur des Waterboarding, jener Simulation des Ertrinkens, mit der amerikanische Geheimdienste in Militärgefängnissen wie Guantanamo Bay Terrorverdächtige zum Reden bringen wollen. Er musste lange suchen, bis er zwei ehemalige Special-Forces-Soldaten fand, die einen 59-jährigen „keuchenden, schmerbäuchigen Schreiberling“ einer Verhörmethode unterziehen, die für „Ledernacken im Überlebenstraining gedacht ist und für junge Dschihadkämpfer, deren Zähne sich durch die Knorpel einer alten Ziege beißen können“.
Hitchens überstand das Erstickungserlebnis. Und kam zu dem Schluss: „Glaubt mir, das ist Folter“. Weil es aber Christopher Hitchens war, der dieses Argument führte, war die eindringliche Beschreibung der Folter und das klare Urteil in eine differenzierte ethische politische Analyse eingebettet, mit der er die überhitzte amerikanische Debatte fast unumstößlich resümierte. Für Hitchens gab es keinen Zweifel, dass die Überschreitung der ethischen Grenze zur Folter ein politisches Desaster war.
Sein Wort wog schwer. Immerhin – der einstige Sozialist hatte nach den Anschlägen des 11. September die Seiten endgültig gewechselt und gehörte seit 2003 zu den eloquentesten Fürsprechern des Irakkrieges. Das wiederum hatte viele seiner Anhänger erstaunt. Immerhin hatte Hitchens sein Leben als politischer Mensch als Teenager in seiner englischen Heimat in der trotzkistischen Partei International Socialist begonnen. In den USA kannte man ihn später als Reporter und Kommentator der linken Wochenzeitung The Nation. Doch auch das zeichnete ihn als einen brillantesten Vertreter der Polemik aus – er wechselte während seines Lebens immer wieder die ideologischen Seiten. Treu blieb er sich trotzdem. Zurückstecken kam nie in Frage.
Geboren am 13. April 1949 zog er schon als Kind viel durch die Welt. Sein Vater war Offizier der britischen Kriegsmarine, seine Mutter arbeitete für den Women’s Royal Naval Service. Später studierte er Philosophie, Politik und Wirtschaft am Balliol College in Oxford. Nach dem Studium arbeitete er in London als Journalist für die Times, den Daily Express und den Evening Standard. 1982 übersiedelte er nach Washington DC. Amerika war dann auch der perfekte Nährboden für seine polemische Ader. Mit seinem manchmal geradezu zerstörerischen Witz nahm er sich die Gesellschaft und Politik seines Gastlandes vor. Zum klassischen Public Intellectual, also zu einer landesweit beachteten Stimme, entwickelte er sich erst später im Leben, als ihn Graydon Carter 1992 zum Zentralorgan der liberalen Eliten, der Condé-Nast-Illustrierten Vanity Fair holte.
Carter wusste genau, was er da tat. Hitchens hatte eine intellektuelle Angriffslust, die ihm bald schon den Ruf des Contrarians eintrug, des intellektuellen Provokateurs, der seine Brillanz erst dann entwickelt, wenn er gegen gültige Meinungen anschreibt. Es bereitete ihm unbändige Lust, die vorgefassten Sicherheiten des liberalen Amerikas zu zerlegen. Und er wusste sich zu inszenieren. Als Whisky-trinkender, kettenrauchender Atheist war er im Land der frommen Abstinenzler schon als Erscheinung eine Provokation.
Wie weit er da gehen würde, bewies Hitchens 1995 mit seinem Stück über Mutter Teresa. Da beschrieb er die Quasi-Heilige als fanatische Fundamentalistin und Scharlatanin. Damit gab er schon früh den Ton vor, der seine Texte und Bücher bestimmen sollte, mit denen er gegen Ende der Nullerjahre zu einem der „vier apokalyptischen Reiter“ des Neo-Atheismus wurde, zu denen neben ihm Richard Dawkins, Sam Harris und Daniel Dennett gehörten.
Beim Thema Religion schlug sein intellektueller Furor auch hin und wieder in nackte Wut um. Als er 2009 gemeinsam mit Richard Dawkins forderte, man solle den Papst wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ während seines Englandbesuches verhaften, stieß die Aktion vor allem in Europa auf Unverständnis. Doch auch dieser Ausbruch war letztlich eine konsequente Fortführung der eigenen Biografie. Hatte er doch mit seinem Buch „Die Akte Kissinger“ 2001 schon einmal gefordert, eine noch lebende historische Figur vor Gericht zu bringen.
Hitchens begnügte sich selten mit der reinen Textarbeit. Gegen Kissinger führte er eine regelrechte Kampagne. Bei einem seiner New Yorker Auftritte damals zeigte er dann aber, wie souverän er seinen Zorn im Griff hatte. Wie immer präsentierte er sich auf dem Podium mit Whiskyglas und Zigarette. Er blieb gelassen und schlagfertig, auch wenn ihn die Frager aus dem Publikum als größenwahnsinnigen, europäischen Popanz beschimpften.
Kissinger war keineswegs das einzige Opfer seiner Angriffe. Die britische Monarchie, Bill Clinton und immer wieder die Glaubensgemeinschaften aller Himmelsrichtungen bediente er frei jeder ideologischen Ausrichtungen. In seinem Buch „Gott ist kein Hirte“ verdammte er das Alte Testament als Albtraum, das Neue Testament als bösartig, den Koran als Plagiat und die östlichen Religionen im Westen als feige Ausflucht.
Die Gnadenlosigkeit, mit der er andere attackierte, richtete Hitchens in seinen letzten Lebensmonaten auch gegen sich selbst. Im Sommer 2010 bekam er die Diagnose Speiseröhrenkrebs. Unermüdlich thematisierte er seine Krankheit daraufhin bei Fernsehauftritten und in Texten. In seinem letzten Essay, das in der aktuellen Januarausgabe von Vanity Fair erschien, stellt er über den Umweg einer philosophischen Kritik an Friedrich Nietzsche sich selbst in Frage. Das Credo, was uns nicht umbringe, mache uns stärker, zerteilte Hitchens im Angesicht eines qualvollen Todes mit der Präzision eines Chirurgen. Eindringlich beschrieb er die Qualen der Strahlentherapie. Und kam doch zum Schluss: „Hätte ich die erste Stufe abgelehnt, hätte ich die zweite und dritte vermeiden können und wäre jetzt schon tot. Das hat keinen Reiz.“
Und bis zuletzt steckte er nicht zurück. In einem seiner letzten Interviews mit Amerikas Fernseh-Intellektuellem Charlie Rose antwortete er auf die Frage, ob er sein Rauchen und Trinken bereue: „Das Schreiben ist es, was mir wichtig ist. Und alles, was mir dabei hilft, was es verbessert, verlängert oder vertieft, ist es mir wert.“ Christopher Hitchens wurde 62 Jahre alt.
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Die „Commencement Speech“ ist eine Tradition amerikanischer Universitäten und Colleges, einen Prominenten für eine RedeAnsprache zur Zeugnisübergabe einzuladen, der dann eine Art Motivationsrede für den Rest des erwachsenen Lebens hält. Das Kenyon College in Gambier, Ohio konnte dieses Jahr den Schriftsteller Jonathan Franzen gewinnen.Dem wurde kurz vor seinem Vortrag auch gleich ein Ehrendoktor verliehen. Eine Aufzeichnung der Rede kann man unter www.kenyon.edu/x57433.xml anhören Ein Auszug:
„Ich möchte erst einmal klarstellen, wie ubiquitär das Wort ,sexy‘ verwendet wird, um die neuesten Elektrogeräte zu beschreiben; und wie diese äußerst coolen Dinge, die wir nun mit diesen Geräten tun – wenn wir sie mit Sprachbefehlen aktivieren, oder wenn wir dieses Spreizfinger-iPhone-Ding machen, damit Bilder größer werden – auf Menschen vor hundert Jahren wie die Beschwörungsformeln eines Magiers gewirkt hätten; und wie wir eine erotische Beziehung, die perfekt funktioniert, als magisch beschreiben.
Lassen Sie mich außerdem die Idee in den Raum stellen, dass unsere Märkte immer wieder herausfinden, was Konsumenten wollen, und darauf reagieren. Technologie ist extrem geschickt darin, Produkte hervorzubringen, die sich mit unserer Vorstellung vom Ideal einer erotischen Beziehung decken, in der das Objekt unserer Liebe nichts verlangt und alles gibt, und uns so das Gefühl der Allmächtigkeit verleiht, und keine grässlichen Szenen macht, wenn es gegen ein Objekt ausgetauscht wird, das noch sexier ist und in der Schublade landet. Um noch etwas allgemeiner zu werden – das ultimative Ziel der Technologie ist es, eine natürliche Welt, der unsere Wünsche egal sind– eine Welt voller Hurrikane und Entbehrungen und gebrochener Herzen und Widerstände –, durch eine Welt zu ersetzen, die auf unsere Wünsche eingeht und letztlich eine reine Erweiterung unseres Selbst ist.
Lassen Sie mich schließlich behaupten, dass die Welt des Technokonsums große Schwierigkeiten mit wahrer Liebe hat und umgekehrt gar nicht anders kann, als der wahren Liebe Schwierigkeiten zu machen. Ein Phänomen in diesem Zusammenhang ist die Verwandlung des Verbs „gefallen“ von einem Gemütszustand in eine Handlung, die man mit der Computermaus vollzieht, von einem Gefühl in eine Konsumentscheidung. Das „gefallen“ ist allgemein der Ersatz der Konsumkultur für „lieben“. (...) Der Versuch, zu gefallen, verträgt sich nicht mit Liebesbeziehungen. Da ist das große Risiko natürlich die Zurückweisung. Doch Schmerz tut vielleicht weh, aber er tötet nicht. Wenn man die Alternative betrachtet – ein anästhesierender Traum der Selbstgenügsamkeit mit technischer Hilfe – , dann ist Schmerz der natürliche Gradmesser dafür, dass man am Leben ist.
(...) Wenn man in seinem Zimmer bleibt und wütet und spottet und mit den Schultern zuckt, wie ich es jahrelang getan habe, erscheinen einem die Welt und ihre Probleme unfassbar einschüchternd. Wenn man aber hinausgeht und sich einer echten Beziehung mit echten Menschen aussetzt, besteht die sehr reelle Gefahr, dass man einige von ihnen wirklich liebt. Und wer weiß? Vielleicht passiert das ja auch Ihnen?“
Foto: Mike Munden/Kenyon College
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Für seinen internetkritischen Song
klaute Udo Jürgens im Internet
(Aus der SZ vom Donnerstag, von Andrian Kreye) Auf seinem neuen Album „Der ganz normale Wahnsinn“ übt sich Udo Jürgens in Gesellschaftskritik. Er singt gegen das Fernsehen, gegen Reizüberflutung, Anglizismen und in dem Song „Du bist durchschaut“ gegen das Internet. Die lustigste Stelle in diesem Lied lautet: „Die Welt ist eine Google“. Diese Zeile ist aber nicht von Udo Jürgens oder seinem Texter Wolfgang Hofer, sondern von dem SchriftstellerPeter Glaser. Sie war am 13. April 2005 Überschrift für einen Eintrag auf seinem „Glaserei“-Blog.
Nun ist dieses Plagiätchen im Rahmen des Zitatrechts durchaus legitim. Ob man das Zitat als solches kennzeichnet, wäre keine Frage der Tantiemen, sondern der Höflichkeit. Eine gewisse Ironie steckt allerdings in diesem Fall, ist Glaser doch einer der wichtigsten deutschsprachigen Internet-Denker, der den Satz so ganz anders gemeint hat.
Peter Glaser äußerte sich der SZ gegenüber übrigens versöhnlich: „Wir müssen freundlich zu Udo sein, weil meine Mutter ein großer Udo-Fan ist.“ Er sagte auch, dass schon jemand vor ihm auf das Wortspiel kam. Und für alle Fälle mailte er dann noch ein paar Zeilen, die er allen Textschmieden zum freien Zitat zur Verfügung stellen würde: Unverpixelte Gesichter: Fressefreiheit. Unfall auf der Datenautobahn – zwei Schwervernetzte. Wörter zu Fluchscharen. Sag zum Abschied leise Service.
*** Blog Bonus - die komplette Wortspielliste von Peter Glaser:
Wir wollen nicht spalten - wir wollen versöhnen, vertöchtern, veronkeln, vertanten, verneffen und vernichten
Unfall auf der Datenautobahn. Zwei Schwervernetzte.
Facebook ist wie Berlin, überall tritt man in Hundecode
Vulkane sind Berge, die sich nicht benehmen können.
Fashion Week: Fahr zur Hülle, Liebling
Mehrtürer im Islam
Berlinale. Hotels mit Ruhmservice.
Schatz, haben wir noch was für die Alkaidasammlung?
Unverpixelte Gesichter: Fressefreiheit
Nein, Tapete ist kein Traumreiseziel in der Südsee
Reichdumm
Neues von der Schweinegrippe um 14 Uhr in der Tagessau.
Löschen: Bei Goethe hätte das noch ein zarter Mädchenname sein können.
Die Welt ist eine Schreibe
Das Internet muß Saubär bleiben
Wenn das Volk zurücktritt, wird es unangenehm für die Regierenden.
Man darf die Menschen nicht mit ihren Engsten allein lassen
Ouzo-generated Content
Projekt Guttenberg: freier Zugriff auf das Wissen
Zwei Karten für Gaddafi-Ansprache günstig abzugeben
Wörter zu Fluchscharen
Der Untergag: Das N ist nah!
Rotweinflecken am Teppich: Nachkomastellen
Ave, Caesar, Moratorium te salutant
Abgefahren: die Privatfähre
Sag zum Abschied leise Service
Glaserfaselkabel
Abb.: Glaserei
2 KommentareDie Traumsequenz "Fujiyama in Rot" aus Akira Kurosawas Episodenfilm"Träume".
Die Angst vor der nuklearen Katastrophe war das Hauptmotiv der japanischen Nachkriegskultur, die nicht nur den Krieg verarbeiten musste
(Aus dem Feuilleton vom Dienstag, Text von Andrian Kreye und Niklas Hofmann) In der Traumsequenz „Fujiyama in Rot“ gegen Ende von Akira Kurosawas Episodenfilm „Träume“ starrt eine panische Menge voller Angst auf den Berg Fuji, hinter dem vor tiefrotem Himmel Flammenwolken aufsteigen. „Ist der Fuji ausgebrochen?“, ruft ein junger Mann. „Wie furchtbar.“ Doch eine Mutter mit zwei kleinen Kindern berichtigt ihn: „Viel schlimmer! Wissen Sie denn nicht, dass das Kernkraftwerk explodiert ist?“ Als die Menge in Panik gerät, ruft ein Herr im Anzug: „Japan ist zu klein. Es gibt kein Entkommen.“
Ihre gemeinsame Flucht endet an einer Klippe am Meer. Dort aber wird das Grauen sichtbar: Die Strahlen leuchten als giftige Farbschwaden, die nun übers Land ziehen. Plutonium ist rot, Strontium gelb, Cäsium lila – das seien die Visitenkarten des Todes, sagt der Herr im Anzug. „Sogar die Delfine fliehen.“ – „Gückliche Delfine“, sagt die Mutter. Doch er antwortet: „Es wird nichts nutzen. Die Radioaktivität wird sie kriegen.“
Die acht Episoden des Films aus dem Jahr 1990 beruhten auf wahren Träumen des Regisseurs Kurosawa. Kritiker warfen ihm vor, sie seien zu schlicht, zu plump für das Alterswerk eines solchen Meisters. Und doch wirkt gerade „Fujiyama in Rot“ angesichts der durch das Erdbeben und den anschließenden Tsunami verursachten Katastrophe von Fukushima auf unheimliche Art prophetisch. Gerade weil die siebeneinhalb Minuten so besonders deutlich sind. Eine filmhistorische Ironie ist außerdem, dass Kurosawa diese Sequenz nicht selbst drehte, sondern seinen ehemaligen Assistenten Ishiro Honda Regie führen ließ. Honda hatte 1954 mit der Riesenechse Godzilla genau jenes Filmwesen erfunden, das im Rest der Welt als Paradebeispiel für die kollektive Angst vor der nuklearen Katastrophe steht, die sich als roter Faden durch die japanische Nachkriegskultur zieht.
Das Motiv der apokalyptischen Endzeit, in der nicht nur alle Infrastruktur und staatliche Gewalt vernichtet sind, sondern auch alle Grundregeln des Lebens außer Kraft gesetzt werden, ist in sämtlichen Kunstgattungen der japanischen Nachkriegskultur omnipräsent. Das geht von der Literatur über den Film und die Manga-Comics bis hin zur zeitgenössischen Kunst. Die Wurzel dieses Motivs ist zweifellos die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs. Damit sind nicht nur die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gemeint. Ähnlich erschütternd wirkten auch die zerstörerischen Brandbombenangriffe auf Metropolen wie Tokio, das im März 1945 nahezu vollständig niedergebrannt wurde, und schließlich die als schockartig empfundene Kapitulation, die den Zusammenbruch des Tenno-Staats bedeutete.
In einer Radioansprache forderte Kaiser Hirohito am 15. August 1945 seine Untertanen, die seine Stimme zuvor nie vernommen hatten, auf, nun das „Untragbare zu ertragen“ und die Niederlage zu akzeptieren. Dabei darf man nicht vergessen, dass die hypernationalistische Propaganda zuvor stets eine Kapitulation kategorisch ausgeschlossen hatte, so dass nicht nur die extremistischsten Generäle im Militär für den Fall einer Invasion einen Kampf des japanischen Volks bis zum sicheren Ende erwarteten.
In seinen Lebenserinnerungen schildert Akira Kurosawa, wie er sich an jenem Tag mit einem Kollegen auf den Weg ins Studio machte, um dort die angekündigte Ansprache zu hören, und wie er auf dem Weg dorthin die Ladenbesitzer und Handwerker in ihren Geschäften sitzen sah, manche von ihnen schon mit dem Messer in der Hand, um der erwarteten Aufforderung zum kollektiven Selbstmord Folge zu leisten. Selbst der nicht sonderlich fanatisierte Kurosawa wollte sich umbringen, war aber entschlossen, vor dem Seppuku noch die Beamten der Filmzensurbehörde zu erschlagen.
Obwohl sich der Krieg als kollektive Nahtoderfahrung eingebrannt hat, wurde dieses Trauma allerdings nur selten direkt thematisiert. Das Buch „Schwarzer Regen“ von Masuji Ibuse, 1965 erschienen, war eines der wenigen Werke der Hochliteratur, das sich unverschlüsselt mit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und seinen katastrophalen Folgen beschäftigt hat. Beruhend auf Tagebuchaufzeichnungen von Überlebenden schildert Ibuse, der aus der Nähe von Hiroshima stammt, aber den Bombenabwurf nicht selbst miterlebte, in aller Drastik den grauenhaften Irrzug einiger Überlebender durch die brennenden Trümmer ihrer Stadt. Und er berichtet auch von denen, die erst glaubten, glimpflich davongekommen zu sein, die dann aber in den Schwarzen Regen geraten, den radioaktiven Niederschlag des atomaren Fallouts, der sie zu Opfern der Strahlenkrankheit machen wird.
Shohei Imamura hat „Schwarzer Regen“ 1989 verfilmt. Auf beklemmende Weise wird in Film und Buch auch ein anderes Thema in den Blick gerückt, nämlich der schwierige Umgang der übrigen Gesellschaft mit den Überlebenden der Katastrophe. Die Opfer leiden nicht nur an den gesundheitlichen, sondern auch an sozialen Spätfolgen der atomaren Verstrahlung. Die Familie der in den schwarzen Regen geratenen jungen Yasuko (die später an der Strahlenkrankheit sterben wird) versucht vergeblich, über eine Heiratsagentur einen Ehemann für sie zu finden. Zu groß ist die Angst der Unversehrten vor dem Kontakt mit den verstrahlten Menschen. Den Überlebenden, denen die Ärzte körperliche Arbeit verboten haben und die nun ihre Tage mit Angeln an einem Karpfenteich verbringen, wird aus der Dorfgemeinschaft böse hinterhergezischt, so bequem wie die wolle man es auch einmal haben.
Das Unverständnis, das den Hunderttausenden Hibakusha, den „Explosionsopfern“, wie die Überlebenden der Atombomben auf Japanisch genannt werden, entgegenschlug, und die soziale Isolation, in die sie von ihren Mitmenschen – sei es aus Angst oder aus Unwissenheit – zuweilen getrieben wurden, illustrieren die Kehrseite der so oft betonten großen Homogenität der japanischen Gesellschaft – die Opfer sterben durch ihre kollektive Exklusion den sozialen Tod. Noch Jahrzehnte nach dem Krieg war es für Menschen aus den Gegenden von Hiroshima und Nagasaki oft schwer, in anderen Regionen des Landes Arbeit, geschweige denn Ehepartner zu finden. Andererseits wird man erkennen müssen, dass die Diskrepanz zwischen offiziell bekundeter Anteilnahme und privater Ausgrenzung nichts genuin Japanisches ist. In Deutschland mussten die Ausgebombten und Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs oft genug ganz ähnliche Erfahrungen machen.
1955 drehte Kurosawa mit „Ein Leben in Furcht“ den einzigen Film, der sich direkt mit der Angst vor dem Atomkrieg auseinandersetzte. Er wurde bald darauf zu einem Meister der Abstraktion, mit der sich die japanische Kultur oftmals mit ihren Ängsten und Traumata auseinandersetzt. Viele dieser Auseinandersetzungen mit den Verheerungen des Weltkriegs und der existenziellen Verunsicherung der Nachkriegszeit wurden in eine andere Epoche verlegt, etwa in die mehr als hundert Bürgerkriegsjahre der späten Muromachi-Zeit der Samurai im 14. bis 16. Jahrhundert.
Im Lauf der Jahrzehnte wurde in der Kunst die Vergangenheitsbewältigung immer häufiger von Zukunftsvisionen abgelöst. Der Science-Fiction-Autor Sakyo Komatsu beschrieb in seinem 1973 erschienenen Buch „Japan sinkt“, wie eine Serie von Erdbeben und Tsunamis die japanische Landmasse zerreißt und im Ozean versinken lässt. Als einzige Rettungsmöglichkeit bleibt der Regierung die Umsiedlung der Bevölkerung und ihre Verteilung in verschiedenen Ländern der Erde. Einen großen Teil seiner Dramatik bezieht das Buch aus der Frage, welche Folge das Zerreißen der Nation für die japanische Identität haben würde. Da griff er eine andere Frage auf, die in so vielen Werken eine Rolle spielte – wie gerade die japanische Nation, die sich doch stark als Großfamilie begreift, mit der Katastrophe umgeht.
Natürlich ist die japanische Nachkriegskultur zu komplex, zu heterogen und für Europäer zu schwer nachzuvollziehen, als dass man sie in einem Zeitungstext gültig entschlüsseln könnte. Sucht man allerdings nach einem halbwegs verständlichen Kondensat, stößt man unweigerlich auf Takashi Murakami. Der Tokioter Maler und Bildhauer hat es meisterhaft verstanden, zwei Hauptströmungen der japanischen Massenkulturen in einen Kontext zu stellen, der sie vom Ballast der Konsumkultur befreit. Gerade in der Comic- und Spielzeugindustrie, um die sich in Japan eine ganz eigene Popkultur gebildet hat, spiegelt sich ja die kollektive Psyche in immer weiteren Facetten. Da sind zum einen die sogenannten Otaku-Welten, fast endlos epische Science-Fiction-Sagen, zu denen es Comics, Zeichentrickfilme, Spiele und Spielzeug gibt und deren leidenschaftliche Fans sich in den jeweiligen Universen verlieren können.
Und dann ist da die Kawaii-Kultur der überniedlichen Figuren, man denke an das Kätzchen aus „Hello Kitty“. Die Otaku- und die Kawaii-Figuren begleiteten die Flucht der Nachgeborenen in eine Konsumgesellschaft. In diesen Zusammenhang gehören auch die kulleräugigen Mangafiguren, die für viele Interpreten Zeichen der Infantilisierung einer Gesellschaft unter der Besatzungszeit darstellen. Nur selten findet sich da eine so direkte Auseinandersetzung mit dem Trauma, wie in der Manga-Serie „Barfuß durch Hiroshima“ des Atomschlag-Überlebenden Keiji Nakazawa.
In Murakamis Bildern und Skulpturen verbinden sich die Otaku-Welten und die Kindchenschemata der Kawaii-Figuren zu einem Destillat, das die jeweilige Formensprache auf ihren Kern reduziert. Im Westen ist er umstritten. Weil die Elemente so ansprechend wirken. Weil er Auftragsarbeiten für den Modekonzern Louis Vuitton und den Rap-Star Kanye West angefertigt hat. Weil sich die Ebenen seiner Abstraktion und die untergründigen Botschaften seiner Werke nur einem Betrachter erschließen können, der mit der extremen Farben- und Formenwelt der japanischen Spielzeug- und Konsumkultur aufgewachsen ist.
Murakami ist aber nicht nur ein Weltstar der Kunst, sondern vor allem der Kopf einer neuen Künstlergeneration, die sich in den neunziger Jahren aufgemacht hat, all die sublimierten Traumata und gesellschaftlichen Tabus der japanischen Kultur aufzubrechen und wieder beim Namen zu nennen. Wenn Murakami den Atompilz als Märchenfigur abbildet, dann ist das weder die Verniedlichung des Grauens noch die Persiflage der Niedlichkeitskultur. Es ist die Befreiung aus dem Verdrängungsmechanismus einer Kultur, die das Grauen und die Ohnmacht in Popbilder sublimiert hat.
Dieses Leitmotiv findet sich in Yoshitomos grimmigen Mädchen, in Chiho Aoshimas comicbunten Pastoralen der Apokalypse und in Aya Takanos Nymphengestalten. Es ist die wiederholte Beschäftigung mit einem Trauma, das so oft gedreht und gewendet wurde, bis es sich in nahezu jeder kulturellen Nische wiederfand. Selten sind die Bilder so direkt wie in der Traumsequenz „Fujiyama in rot“. Die Epizentren der Atomschläge nannte man Ground Zero. Das Beben ist eine neue Stunde null.
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(Aus dem Feuilleton der SZ vom Mittwoch) Neulich beim DLD, dem alljährlichen Kongress der digitalen Elite in München, gab es einen dieser Momente, die einen Menschen besser beschreiben als ihre offizielle Biografie. Kurz vor Beginn des Galadinners, am ersten Kongresstag, stand in einer kleinen Runde im Festsaal John Brockman, die Schlüsselfigur so vieler Wissenschaftsdebatten, die oft auf seiner Webseite edge.org stattfinden, und der selbst nicht halb so bekannt ist, wie die Stars, die er als Literaturagent vertritt: Der Evolutionsbiologe und Atheist Richard Dawkins zum Beispiel, oder der Genforscher Craig Venter, die Vorreiter der digitalen Debatten wie Clay Shirky, Jaron Lanier und David Gelernter.
Es fehlt in diesen Debatten ja so oft an Vergleichen, aber wenn man doch einen anstellen will, dann wäre John Brockman so etwas wie der Siegfried Unseld der Wissenschaften, ein Mann mit zielsicherem Gespür für die wichtigen Themen seiner Zeit und gleichzeitig einem ungeheuren kaufmännischen Geschick. Jedenfalls gesellte sich Sean Parker zu Brockman, der Jungmilliardär, der erst mit Napster die Musikindustrie revolutioniert hat und dann mit Facebook die sozialen Beziehungen. Parkers Arroganz ist legendär. Doch vor Brockman hat er Respekt. ,,Edge ist das einzige, was ich lese, wenn ich nichts mehr lese‘‘, sagte Parker linkisch lächelnd.
Brockman reagierte nicht auf das Kompliment, aber es war ja auch nicht als Kompliment gedacht, sondern als Anerkennung der Hackordnung in der großen Debatte darüber, wie sich unser Leben und unsere Gesellschaft verändert, weil digitale Technik und Naturwissenschaften sich derzeit in solch atemberaubender Geschwindigkeit entwickeln.
Brockman begann nicht erst mit dem Siegeszug des Internets über die digitale Kultur nachzudenken. Es fing 1965 an, an einem jener legendären Abende, an denen der Komponist John Cage in seiner Wohnung für Freunde und Bekannte kochte. John Brockman war 24 Jahre alt und während seines Betriebswissenschaftsstudiums wie so viele seiner Generation im Sog der Downtownkultur von New York hängengeblieben. Er veranstaltete Multimediaperformances und Filmfestivals, verdingte sich in den alternativen Theatern und gehörte zum großen Tross in Andy Warhols Factory.
Cage schenkte Brockman an diesem Abend ein Buch mit dem Titel ,,Cybernetics‘‘, das der Mathematiker Nobert Wiener geschrieben hatte. Wieners Kybernetik war eine der ersten umfassenden Theorien zu Steuerungssystemen von Maschinen, Organismen und sozialen Organisationen. In dem Buch findet man heute noch Antworten auf die vielen Fragen, die sich die digitale Gesellschaft so stellt. Brockman war überwältigt.
Zusammen mit seinem Freund Stewart Brand durchpflügte er das Buch in einem manischen Leserausch von zwei Tagen, getrieben von der Ahnung, dass da Dinge verhandelt wurden, deren Bedeutung weit über die mathematischen Gedankenspiele Wieners hinausgingen.
Beide Männer wurden von diesen beiden Tagen für immer geprägt. Brockman blieb in New York. Als das Massachusetts Institute of Technology ihn bat, Begegnungen zwischen Forschern und Künstlern zu organisieren, wurde er an der Ostküste zum Bindeglied zwischen den Künsten und den Wissenschaften. Brand ging nach Kalifornien und gründete dort den Whole Earth Catalog, einen Katalog für alternative Produkte und innovative Technologien, den Apple-Gründer Steve Jobs später als ,,Vorläufer von Google‘‘ beschreiben sollte.
Die Rolle des Vermittlers ist bis heute die wichtigste Funktion John Brockmans. Sicher, er hat zusammen mit seiner Frau Katinka Matson als Literaturagent viel Geld verdient. Nicht zuletzt, weil er ein neues Genre der Wissenschaftsliteratur förderte, das es oft genug in die Bestsellerlisten schaffte. ,,Third Culture‘‘ nannte er dieses Genre, die Dritte Kultur. Das hatte er sich von der legendären Vorlesung über die ,,Zwei Kulturen‘‘ entlehnt, die C. P. Snow 1959 in Cambridge gehalten hatte. Darin hatte der britische Physiker die Spaltung der Ideengeschichte in die Geistes- und Naturwissenschaften beklagt.
Brockman sah darin eine Chance. Mit dem Aufstieg der interdisziplinären Forschungen waren Wissenschaftler gezwungen, Bücher zu schreiben, die sich zwar nicht in die Niederungen der populärwissenschaftlichen Handbücher begaben, aber doch für ein fachfremdes Publikum geschrieben sind. Biologen mussten die Bücher von Informatikern verstehen und Informatiker mussten die Werke von Chemikern begreifen. Solche Bücher verstanden aber auch die gebildeten Leser in den amerikanischen Metropolen.
Brockman wollte mehr als gute Verträge auszuhandeln. Er wollte die intellektuelle Debattenhoheit für die Naturwissenschaften erobern. Nichts langweilte ihn mehr, als die endlosen Spitzfindigkeiten der Geisteswissenschaften, nichts stieß ihn mehr ab als das Hinterzimmergeklüngel der Politik. Und er traf einen Nerv. Die handfesten Thesen der Naturwissenschaftler zu so weitreichenden wie wolkigen Themen wie Glaube, Moral und Menschenbild stießen Debatten an, die oft mit enormer Härte geführt wurden.
Die Ideenkultur der letzten Jahre, wie man sie in Zeitschriften wie Atlantic und New Yorker oder in den unzähligen Inkarnationen der Ted Conference findet, hat Brockmans Motive längst für ein breites Publikum aufgenommen. Den Hype hat er allerdings nie mitgemacht. Er verdient sein Geld weiterhin mit jenem Medium, das in den letzten Jahren so oft totgesagt wurde, mit Büchern. Und er weigerte sich, seine Webseite edge.org den explosiven Wachstumsprozessen des Web 2.0 auszusetzen. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Philosophen Dennis Dutton, der bis zu seinem Tode die Webseite Arts & Letters Daily betrieb, hielt er an den Ursprüngen des Web fest, in dem Texte für sich standen und Links nur Hinweise waren, keine Katapulte in unendliche Verästelungen.
Am heutigen Mittwoch wird John Brockman seinen 70. Geburtstag im New Yorker Lokal Le Cirque feiern. Auf der Liste der Eingeladenen stehen Freunde und Weggefährten, von denen es einige zu Nobelpreisen, Milliardenvermögen oder Oscars gebracht haben. Selbst wenn nur die Hälfte der Geladenen kommt, wird es einer jener Abende werden, die Brockman seit den Dinnerparties bei John Cage so oft veranstaltet hat - eine Vernetzung der Welten, die neue Ideen befeuert.
Foto: (von links) John Brockman, Andy Warhol und Bob Dylan 1966 in der "Factory", copyright Nat Finkelstein
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Auszug aus der legendären Reportage "Frank Sinatra has a cold", die Gay Talese 1965 schrieb, und die das Esquire Magazine 2003 zur besten Geschichte erklärte, die Esquire je gedruckt hat.
0 KommentareGroßartiger Einblick in die Quellen des Design Thinking - die neue Webseite "Designers & Books". (Erstmal) 50 Designer veröfentlichen ihre Leselisten. Paula Scher liest zum Beispiel Pontus Hultens "Futurism and Futurisms" und Kirk Varnedoe und Adam Gopniks "High & Low - Modern Art and Popular Culture". Stefan Sagmeister liest Jonathan Franzen, Zadie Smith und David Foster Wallace. Milton Glaser liest John Berger und Richard Sennett. TED-Konferenzgründer Richard Saul Wurman liest Stewart Brands "Whole Earth Catalogue", Paul Klees Notizbücher und Hans Winglers "Bauhaus".
Webseite - hier.