Der rationale Optimist Matt Ridley streitet gegen Pessimismus und sieht die letzten Bastionen traditioneller Macht in Politik, Kultur und Wirtschaft wanken
(Aus der Literaturbeilage der SZ im Oktober 2011, von Andrian Kreye) Gegen Ende seines gut 500 Seiten starken wissenschaftlichen Plädoyers für einen vernunftgesteuerten Optimismus gerät der britische Zoologe und Ökonom Matt Ridley kurz ins Anekdotische. Er besucht die Buchhandlung eines amerikanischen Flughafens, als ihn beim Anblick der Sachbuchbestseller der Zorn packt. „Die Generation, die so viel Frieden, Freiheit, Freizeit, Bildung, Medizin, Reisen, Filme, Mobiltelefone und Massagen genießt, wie keine andere Generation vor ihr, wittert bei jeder Gelegenheit den Untergang“, schreibt er da. „Ich sah die Regale durch. Ich fand Titel von Noam Chomsky, Barbara Ehrenreich, Al Franken, Al Gore, John Gray, Naomi Klein, George Monbiot und Michael Moore, die alle mehr oder weniger behaupteten, dass (a) die Welt ein schrecklicher Ort ist; (b) es noch schlimmer werden wird; (c) dies vor allem der Wirtschaft zu verdanken ist; und (d) wir vor einem Wendepunkt stehen. Ich habe kein einziges optimistisches Buch gesehen.“
Matt Ridley hat nun eines geschrieben. Er greift damit eine diffuse Stimmung auf, die noch kein rechtes Zentrum hat, und gibt ihr ein wissenschaftliches Fundament. „Wenn Ideen Sex haben“ lautete der Titel der deutschen Ausgabe. Man darf sich davon nicht irritieren lassen, denn was klingt wie eine kalauernde Filmkomödie aus den siebziger Jahren, ist in Wahrheit ein kluges Buch. Im Titel des Originals hat Ridley dies auf einen wunderbar schlüssigen Begriff reduziert: „The Rational Optimist“.
Ridleys rationaler Optimismus ist eine doppelte Kampfansage. Zum einen hält er Kulturpessimismus für einen gefährlichen Anachronismus. Die Welt sei im Verlauf der Menschheitsgeschichte eine immer bessere geworden. Und es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass sich das in Zukunft ändern sollte. Zum anderen erklärt er den klassischen Optimismus, der sich auf Emotionen, Glaube oder Utopien stützt, für ein weltfremdes Zerrbild. Denn die positive Entwicklung der Menschheit sei wissenschaftlich beweisbar. In seiner Argumentation folgt Matt Ridley der Methodik der Third Culture.
Als er seine Thesen 2010 beim Ideenfestival der Ted Conference in Oxford vorstellte, brachte er diese Methodik auf eine schlichte Gleichung: „Als ich in den siebziger Jahren hier in Oxford studierte, sah es nicht gut aus für den Planeten Erde. Die Bevölkerungsexplosion war nicht aufzuhalten, weltweite Hungersnot war unvermeidbar, eine Krebsepidemie durch Chemikalien in der Umwelt sollte unsere Lebenserwartung verkürzen, saurer Regen fiel auf unsere Wälder, die Wüste breitete sich aus, Öl wurde knapp und ein nuklearer Winter sollte uns den Garaus bereiten. Nichts davon ist eingetreten. Das effektive Einkommen jedes Menschen auf der Erde hat sich verdreifacht, die Lebenserwartung ist um 30 Prozent gestiegen, Kindersterblichkeit um zwei Drittel gesunken und die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf um ein Drittel gestiegen.“
Da führt also der kalte Blick des Naturwissenschaftlers auf komplexe Zusammenhänge, die bislang eher Domäne der Geisteswissenschaften waren, zu einem optimistischen Weltbild. Ridley ist nicht der einzige, der diese rhetorische Strategie derzeit verfolgt. Andere kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Der Harvard-Psychologe Steven Pinker hat soeben seine umfassende Untersuchung der Gewalt mit dem Titel „The better angels of our nature“ herausgebracht. Seit dem Mittelalter, so weist er nach, hat das Gesamtniveau der Gewalt auf diesem Planeten kontinuierlich abgenommen. Geoffrey West, Physiker am Los Alamos Institute, hat in diesem Jahr eine Theorie vorgestellt, die zeigt, dass alle Städte nach kalkulierbaren Gesetzmäßigkeiten wachsen, egal ob es sich um eine mitteleuropäische Kleinstadt oder eine tropische Megacity handelt. Demnach sei auch die Urbanisierung der Welt keine Bedrohung, sondern eine Chance.
Matt Ridley geht einen Schritt weiter. Er begreift die gesamte Menschheitsgeschichte als ein Kontinuum mit einer zunehmend positiven Entwicklung. Und er hat die Zahlen, die das beweisen. Zwar schöpft Ridley aus einer Unzahl von Quellen. Als versierter Autor (zwischen seinem Studium der Zoologie und seiner Karriere als Banker arbeitete er für die Zeitschrift Economist , seit einigen Jahren schreibt er Wissenschaftsbestseller) versteht er sich darauf, seine komplexe Theorie in einen Fluss der Erzählstränge zu stellen, die ineinander greifen wie die Szenen eines gelungenen Drehbuchs. Er geht bis zu den Hominiden vor 500 000 Jahren zurück, um seine Theorien zu untermauern, und kommt dann immer wieder auf die Zahlen zurück, die vor seinem naturwissenschaftlichen wie vor seinem ökonomischen Hintergrund der einzig gültige Beweis sein können.
Seine Beweisführung für die unaufhaltsam positive Entwicklung der Menschheit kreist um die Fähigkeit des Menschen zur Vernetzung. Nur so habe er seine Kräfte bündeln, vervielfachen und optimieren können. Gängige Zivilisationstheorien zweifelt er an: „Ein größeres Gehirn, Sprache und Nachahmung sind noch keine Erklärung für Wohlstand, Fortschritt und Armut.“ Und er kommt schon bald auf die ideale Form der Vernetzung, den Handel. Der sei der Motor für die soziale Evolution. Antrieb für die kulturelle Evolution und somit für den Fortschritt sei die grandiose Nebenwirkung der Vernetzung: „Damit eine Kultur kumulativ wird, müssen Ideen aufeinander treffen und sich verknüpfen.“
Matt Ridley macht keinen Hehl daraus, dass Charles Darwin und Adam Smith seine geistigen Väter sind. Deren Ideen ziehen sich wie zwei rote Fäden durch die Argumentation. Manchmal wirkt das redundant. Wenn er beispielsweise die Emanzipation der Frauen in den Industrienationen auf die Entwicklung moderner Haushaltsmaschinen zurückführt, die den Überschuss an Zeit schufen, der eine Befreiung erlaubte. Oder wenn er Naturkatastrophen der letzten Jahre vergleicht und aufzeigt, dass die Erdbeben in Haiti mit 250 000 Toten und in Chile mit 500 Toten bei gleicher Stärke vor allem die Schwächen und Stärken beider Länder aufzeigten. Sein Fazit: Wohlstand bedeutet Überleben, bedeutet Freiheit, bedeutet Fortschritt. Das mögen Binsenweisheiten sein, doch wirkt der ganzheitliche Blick auf die Zahlen unangenehm vereinfachend, wenn er die zivilisatorischen Kräfte auf Marktmechanismen reduziert.
In den letzten drei der elf Kapitel verbeißt er sich in den Antagonisten seines Weltbildes, den Pessimisten. Bis dahin hat er schon schlüssig nachgewiesen, warum genmodifizierte Nahrung ein Segen ist, er hat die Endlichkeitstheorien von Robert Malthus widerlegt und die kollektiven Ängste des 20. Jahrhunderts als gesellschaftliche Panikattacken entlarvt. Wissenschaftlich sind seine Ausführungen tadellos. Er streift im letzten Kapitel auch kurz die „Bottom-Up-Welt“ des 21. Jahrhunderts. In dieser Welt vollzieht sich eine Machtverschiebung, die dem Einzelnen eine Macht gibt, die er zuvor nicht hatte. Die letzten Bastionen traditioneller Macht in Kultur, Politik und Wirtschaft sieht Ridley wanken.
Matt Ridleys rationaler Optimismus ist ein großartiger Impuls für einen Kulturwandel, in dem die Machbarkeit der Ideen mehr zählt als das theoretische Fundament, in der die Vernetzung einen Grad erreicht hat, den bisher nicht einmal die Wissenschaft verstanden hat. Er liegt richtig mit der Analyse, dass der gängige Pessimismus letztlich nichts anderes ist als eine Denkfaulheit. Selbst seine Anleihen beim Wirtschaftsliberalismus, beim „Libertarianism“ und bei Darwin haben in diesem Konstrukt eine berechtigte Funktion. „Wenn Ideen Sex haben“ ist also ein sehr lesenswertes Buch, das den Glauben an die Menschheit wissenschaftlich unterfüttert. Und doch verschenkt Matt Ridley die große Chance, das Grundlagenwerk eines neuen Zeitgeistes zu schreiben, der den Kulturpessimismus des 20. Jahrhunderts überwinden will. Ein Zeitgeist, der sich in den jungen Protestbewegungen des 21. Jahrhunderts ebenso findet wie in der Netzkultur der digitalen Welt. Da formiert sich ein neuer Intellektualismus, der prinzipiell sehr wohl eine optimistische Grundrichtung hat. Weil er vom Machbaren ausgeht und die Theorie ablehnt.
Doch es reicht nicht, Antagonismen zu zementieren. Matt Ridley bringt seinen großartigen Gedanken vom rationalen Optimismus letztlich doch nur gegen die Lähmung des Pessimismus ins Spiel. So aber vergrößert er die Kluft zwischen dem Pragmatismus der Natur- und Wirtschaftswissenschaften und den Theorien der Geisteswissenschaften. Ein solcher intellektueller Frontkampf wird aber letztlich nur zu einer Renaissance des Dogmas führen.
Dass es auch anders geht, führen Ridleys Kollegen ja gerade vor. Steven Pinker und Geoffrey West haben ihre Theorien nicht entwickelt, um intellektuelle Bilderstürmerei zu betreiben. Sie öffnen geisteswissenschaftliche Felder mit einem naturwissenschaftlichen Blick, der nicht nach den Fehlern im Bestehenden sucht, sondern um nach Mustern zu forschen, die positive Entwicklungen weiter vorantreiben können. Genau das aber ist nicht die Theorie des Optimismus, sondern seine Praxis.
(Seite 3 der SZ am 8.10.2011, von Andrian Kreye) Irgendetwas geschieht hier gleich. Was genau, ist nicht ganz klar. Aber die Menschenmenge im Schatten der Bankentürme und der 54 Lederhülsenbäume auf der Liberty Plaza weiß meist besser, wo etwas geschieht, als die Veranstalter der Protestbesetzung selbst. In Wellenbewegungen zieht sich der Kern der Menge um den Ort des Geschehens zusammen.
Um Naomi Klein etwa, die jetzt gleich auf einen der polierten Granitblöcke steigen wird, um vor den Demonstranten der „Occupy Wall Street“-Bewegung die in diesen drei Wochen der Proteste bisher meistbejubelte Rede zu halten. Naomi Klein gilt als das Postergirl der amerikanischen Linken, ein etwas paternalistisches Etikett für die 41-jährige Aktivistin, die mit ihrem Bestseller „No Logo“ zur Leitfigur der Antiglobalisierungsbewegung wurde. Die Medien lieben sie, weil sie mit ihrem Fassonschnitt und stilsicheren Modegeschmack vor jeder Kamera eine gute Figur macht. Wie auch am Donnerstagabend, an dem sie unter der kurzen schwarzen Lederjacke eine rote Bluse trägt, was eher nach Bergdorf & Goodman als nach Straßenkampf aussieht.
Die Bewegung aber liebt sie, weil sie sich kluge Gedanken macht, die sie in mitreißende Texte fassen kann. Derzeit macht sie sich Gedanken über die Besetzung dieses gut dreitausend Quadratmeter großen Parks im Süden von Manhattan, der nach 9/11 in Liberty Square umbenannt wurde und 2006 in Ziccotti Park, und auf dem je nach Tageszeit derzeit ein paar hundert oder ein paar tausend Demonstranten in einer Lagerstadt hausen. Von hier aus protestieren sie gegen ein Finanzsystem, das die meisten von ihnen um Job, Häuser oder Zukunftsperspektiven gebracht hat, und dessen Gravitationszentrum nur zwei Straßenecken weiter im neoklassizistischen Prachtbau der New Yorker Börse liegt.
Was am 17. September als Spaßguerilla-Aktion der kanadischen Konsumkritikzeitschrift Adbusters begann, ist zu einer landesweiten Bewegung angeschwollen, die viele Kommentatoren der Einfachheit halber die „Tea Party der Linken“ nennen: Weil sich hier eine Volkswut sammelt, die sich von den etablierten Parteien und Organisationen nicht mehr bändigen lässt. Aber da hören die Parallelen auch schon wieder auf, weil die Tea Party sich bald nach ihrem Aufkeimen in den ultrarechten Block der Republikaner verwandelte – die Proteste rund um die Wall Street sind hingegen das Epizentrum einer neuen Gegenkultur, die sich nicht ganz so einfach definieren lässt. Weil sie eben keine Ideologien transportiert. Auch wenn die Prominenten, die hier regelmäßig auftauchen, um mit ihren Solidaritätsbesuchen die bisher noch zögerlichen Medien aufmerksam zu machen, eher zur amerikanischen Linken gehören: der Regisseur Michael Moore, der Princeton-Theologe Cornel West, Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, Hollywoodstar Susan Sarandon, Rapstar Talib Kweli und nun eben Naomi Klein. Auch der harte Kern der Demonstranten, die die Nächte in Schlafsäcken und unter Plastikplanen im Park verbringen, rekrutiert sich eher aus dem linken Vielerlei der Antiglobalisierungs- und neo-anarchistischen Protestbewegung.
Die Masse aber, die sich oft erst nach Büroschluss bildet, besteht aus Leuten, die man bei so einem Protest nicht erwartet. Da trifft man den Webdesigner aus Kalifornien, die Barkeeperin aus Brooklyn, den hochverschuldeten Doktoratsanwärter, den arbeitslosen Investmentbanker, die Anwältin, den Apple-Programmierer, die Modestudentin, den Maurer, die Lehrerin. Und ja, den freischaffenden Journalisten, was den Identifikationsgrad als Reporter noch verschärft, denn nach zwei Tagen und Nächten im Park hat sich ein Gedanke zementiert: Das ist keine jugendliche Protestbewegung, das sind keine Aufständischen aus dem Mittelmeerraum, die gegen ein politisches oder wirtschaftliches System kämpfen, das einem als Mitteleuropäer mit solider bürgerlicher Existenz eher fremd ist.
Das hier sind: wir. Der Mittelstand, das Bürgertum, deren Abstieg bislang eher theoretisches Menetekel war. Auch hier in New York, wo man im Kielwasser der aufbrausenden Weltwirtschaft immer einen Weg gefunden hat, zumindest ein anständiges Auskommen abzuschöpfen. Naomi Klein lächelt unsicher. In regelmäßigen Abständen brüllt jemand „mike check!“, wie es die Bühnenarbeiter vor Rockkonzerten beim Mikrofontest tun. Dann antwortet die Menge im Chor „mike check!“. „Human microphone“ heißt diese Technik, menschliches Mikrofon. Nur so können die Tausende im Park verstehen, was Naomi Klein sagen wird. Die Demonstranten dürfen zwar ihre Besetzung fortsetzen, das hat der New Yorker Polizeichef Ray Kelly tags zuvor bestätigt, aber die Regeln sind streng: keine Tonanlagen, keine Dieselgeneratoren, keine Zelte, keine Hütten, keine Klohäuschen. Es gibt eine Gratisküche, Ausgabestellen für Schlafsack- und Kleiderspenden, ein Medienzentrum mit Laptops und W-Lan-Netz, das von Gasgeneratoren betrieben wird, eine Bibliothek und sogar einen Friseur. Es ist allerdings nicht leicht, eine Lagerstadt zu unterhalten, wenn die wirklich elementaren Strukturen fehlen. Doch rund um den Platz und in den umliegenden Straßen stehen ganze Phalanxen der Polizei, die darauf warten, dass irgendein Demonstrant eine der unzähligen New Yorker Regeln und Gesetze für das Benehmen im öffentlichen Raum verletzt, um dem Regelbruch mit Plastikhandschellen, Knüppeln und Pfefferspray eine Ende zu setzen. Sie haben sogar mobile Wachtürme aufgestellt, mit Spiegelscheiben und Funkanlagen.
Ein grober Regelverstoß der Besetzer wäre der willkommene Grund, den Park zu räumen. Deswegen sind die Freiwilligen vom Organisationsteam bedacht darauf, dass jede der Regeln penibel eingehalten wird. Deswegen wird Naomi Klein ihre Rede gleich in Bruchstücken von nicht mehr als sechs Wörtern hintereinander halten müssen, weil die menschliche Mikrofonkette während ihres Auftritts in zwei, später sogar drei Wellen ihre Sätze bis hinüber zur benachbarten Baustelle von Ground Zero tragen wird und mehr Wörter die Kette überfordern.
Wie schnell es gehen kann, dass der bedrohliche Tanz der Polizisten und Demonstranten um das komplexe Regelwerk der Stadt in einen handfesten Straßenkampf kippt, hat man erst am Tag zuvor erlebt. Die Seiten können ja den ganzen Tag über den Atem der anderen buchstäblich im Nacken spüren. Da filmt zum Beispiel ein Demonstrant eine Gruppe Polizisten für einen der vielen Blogs der Bewegung, als sich ein Polizist direkt hinter ihn stellt und mit in den Sucher schaut. Für einen Moment starren sich die beiden in die Augen, bis der Polizist mit einem triumphierenden Schmunzeln wieder abdreht. Oder eine Polizistin starrt einen der Demonstranten, der sich kurz auf eine der Bänke gelegt hat, so lange an, bis er grummelnd den Platz wechselt.
Die Frustration ist auf beiden Seiten groß. Die Polizisten sind entnervt, weil sie die ganze Nacht in Einsatzgruppenstärke und Habachtstellung in einem der umliegenden Vestibüle oder den Seitenstraßen stehen, ohne sich vom Fleck rühren zu können. Die Demonstranten wiederum stehen unter Dauerspannung, weil die ständige Bewachung zum einen so viele ihrer Vorurteile von der feindseligen Staatsmacht bestätigt, und sie andererseits plötzliche Zugriffe fürchten, die dann oft damit enden, dass man 48 Stunden in irgendeiner Sammelzelle verbringt und ein lästiges Gerichtsverfahren wegen eines Regelverstoßes am Hals hat.
Und doch ist es wichtig, dass die Demonstranten bis an die legalen Grenzen gehen – und hin und wieder etwas darüber. Das sagt jedenfalls Bill Dobbs, einer der Sprecher der eigentlich führer- und strukturlosen Bewegung. Man sollte auch die psychologische Wirkung nicht unterschätzen, dass es weder für die dauerhafte Besetzung des Parks noch für die regelmäßigen Protestmärsche Genehmigungen gibt. Der Vorteil einer Menge, die kaum Erfahrung mit Protestaktionen hat, ist, dass es leichter ist, zur Vorsicht aufzurufen. Niemand will seine ersten Demonstrationserfahrungen mit einer ersten Nacht im Gefängnis krönen. Wenn sich die Spannung doch einmal in einem Stoß von Gewalt entlädt, kann man oft nicht mehr sagen, wer angefangen hat, selbst wenn man direkt daneben steht.
Wie eben am Mittwochabend, nach dem bisher größten Marsch, der auch ein Durchbruch der Bewegung war, weil fast alle der großen Gewerkschaften Flagge zeigten und ihre Mitglieder zu Tausenden aus den umliegenden Bundesstaaten mit Bussen herankarrten. Die United Auto Workers kamen, die Gewerkschaften der Stahlarbeiter, der Lehrer, der Krankenpfleger, der Dachverband AFL-CIO gab seinen Segen. Viele der Gewerkschaftler markierten ihre Grüppchen mit einheitlichen T-Shirts. Es gab sogar Genehmigungen, weil 20 000 Menschen nicht mehr im Gänsemarsch auf dem Bürgersteig marschieren können, was per Gesetz nicht genehmigungspflichtig ist, selbst wenn man Transparente trägt und Slogans skandiert. Allen war klar, dass diese Allianz für beide Seiten wichtig ist: für die Gewerkschaften, weil die neue Protestgeneration mit ihren digitalen Netzwerken und ihren übergreifenden Demografien mehr Relevanz und Wirkung hat als die verkrusteten Arbeiterzünfte. Für die Protestler, weil die Gewerkschaften Gelder und Massen mobilisieren können. Und weil sie Macht haben. Richtige Macht. Die hat der Vorsitzende der Transportgewerkschaft, John Samuelson, bewiesen, als er diese Woche verkündete, die New Yorker Nahverkehrsbetriebe würden in Zukunft bei Massenverhaftungen wie am Samstag auf der Brooklyn Bridge keine Verhafteten mehr für die Polizei transportieren. Die Gewerkschaftler waren noch kaum in ihre Busse und Hotels zurückgekehrt, da sammelte sich an der Straßenecke Wall Street und Broadway ein harter Kern von ein paar hundert Demonstranten, die lautstark forderten: „Lasst uns auf der Wall Street demonstrieren!“
Die Polizei reagierte mit einer in den Jahren unter Bürgermeister Rudy Giuliani einstudierten und während der Bush-Jahre perfektionierten Choreographie der sogenannten crowd control . Rund um die Wall Street erinnern die Straßen zwar seit dem Beginn der Proteste mit den Labyrinthen aus Stahlgattern, mit den Straßensperren, den Taschendurchsuchungen auf den Trottoirs, den Reihen der Einsatzfahrzeuge und den unzähligen Wachposten an die Wochen nach den Anschlägen des 11. September. Doch der Belagerungszustand kann innerhalb von Minuten in eine Gegenoffensive verwandelt werden. Also marschierten die Schlachtreihen auf. Die erste Reihe verriegelte die Westseite des Broadway mit orangefarbenen Plastiknetzen, die zweite Reihe postierte sich auf der Ostseite. Dann trabte die berüchtigte berittene Polizei die Straße hinunter, jene Ritter der Großstadt, die mit ihren Rössern im Gemenge eines Protestes immer wieder Angst auslösen und leichte bis schwere Verletzungen verursachen. Die stellte sich hinter den Schlachtreihen quer über die Wall Street in Formation. Das Gedränge rund um die Ecke nahm zu. Eine Gruppe Polizisten fand sich eingekesselt, plötzlich holte einer der Einsatzleiter mit seinem Schlagstock aus, seine Kollegen zogen ebenfalls ihre Knüppel aus dem Holster und innerhalb von Sekunden haben sie mit kräftigen Hieben eine Schneise um sich geschlagen.
Nun ist so ein kurzer Ausbruch der Gewalt im Vergleich zu den Massenverhaftungen, den Schlagstock- und Pfefferspray-Angriffen auf der Brooklyn Bridge am Wochenende eine Lappalie. Doch kaum hatte das Prügeln auf dem Broadway angefangen, wallte die Menge in einem Schwung um die Szene. Eine Batterie von Handyschirmen und Kameralampen flackerte auf. Minuten später schon war die Szene auf Youtube geladen, kurz darauf in den Fernsehnachrichten. Das sah nicht gut aus. So bekommt ein kleiner Vorfall maximale Wirkung.
Was die Polizei zusätzlich frustriert – die Proteste haben keine klare Organisationsstruktur. Es gibt kein Rädelsführer, die man isolieren und aus dem Verkehr ziehen könnte. Sicher, es gibt ein paar Knotenpunkte. Die befinden sich aber entweder im Internet. Oder abseits des Parks. Zum Beispiel in den Hinterzimmern eines Off-Off-Broadway-Theater im West Village. Da produziert eine Gruppe junger Journalisten und Aktivisten eine Zeitung, den Occupied Wall Street Journal. Und da laufen auch die Nachrichten von der Strasse zusammen. „Das Medienzentrum wurde verhaftet“ (ein paar Kameraleute der Proteswebseiten hatten sich zu weit in die Schlachtreihen der Polizei vorgewagt). „Zizek kommt!“ (Der Philosoph wird allerdings erst nächste Woche erwartet). Hier formiert sich auch der Geist, der an eine Bewegung glaubt, die revolutinäre Kraft entwickeln könnte. So wie am Tahrirplatz in Kairo, der so vielen Protestierenden als Vorbild dient. Oder wie in Griechenland, wo der Chefredakteur der Protestzeitung Jeb Brandt gerade die Strategien der Proteste dort studierte.
Eine leichte Paranoia gehört wie selbstverständlich zum Gestus der Revolution. Und Übergriffe wie auf dem Broadway wirken da wie Zunder.
Für Naomi Klein gehören solche Vorfälle zu den unangenehmen Begleiterscheinungen, die man vermeiden muss. Genau solche Szenen seien zwar für die Demonstranten Beweis für die Übergriffe der Polizei, für die bürgerlichen Medien aber meist das Bildmaterial, mit dem sie illustrieren können, dass ein Protest eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung ist. Viel wichtiger sei die neue Strategie, den Protest zu einer dauerhaften Einrichtung zu machen.
„Vor zehn Jahren waren die Gipfeltreffen der Weltwirtschaft unser Ziel“, sagt sie. Sie meint die Konferenz der Welthandelsorganisation in Seattle 1999, das Globalisierungsforum der Weltbank in Washington 2000, den G-8-Gipfel in Genua 2002. „Das sind flüchtige Ereignisse. Und das hat auch die Bewegung flüchtig gemacht.“ Die Strategie, sich ein klares, unbewegliches Ziel wie die Wall Street zu suchen, sei ein kluger, neuer Weg. Nur so könne die Bewegung Wurzeln schlagen. Denn so effektiv die sozialen Medien seien, um einen Protest zu organisieren, so hätten sie doch für einen inflationären Anstieg irgendwelcher Bewegungen gesorgt, die beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten wieder verschwänden. Wurzeln seien aber wichtig, denn es hätten sich nicht nur die Strategien verändert, sondern auch die Auslöser des Protests.
„Die Finanzkrise unterscheidet sich deutlich von den Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte“, sagt Naomi Klein: „Die Rettungspläne haben den Staat verändert, aber sie haben vor allem unser Wirtschaftssystem auf den Kopf gestellt. Deswegen sind diese Leute heute hier, um vor der Zitadelle des Überflusses zu protestieren. Wir haben nämlich keineswegs eine Krise der Wirtschaft, sondern eine Krise der Verteilung.“
Die Zahlen der letzten Jahre, nicht nur in den USA, bestätigen den leicht marxistischen Unterton. Die Umverteilung des öffentlichen und allgemeinen Wohlstandes in den Finanzsektor hat mit den Rettungsschirmen der Finanzkrise vor drei Jahren eine Entwicklung beschleunigt, in deren Rahmen sich globale Wirtschaftseliten in einem Maße vom Rest der Gesellschaft isolieren konnten wie seit der Abschaffung des Feudalismus nicht mehr. So verstehen sich auch die Demonstranten vom Liberty Park quer durch alle ideologischen Färbungen – als die 99 Prozent der Bevölkerung, die nicht zum magischen einen Prozent der Reichen und Superreichen gehören. Es war jedoch nicht nur die Umverteilung, sondern auch die rasche Abfolge sogenannter jobless recoveries nach den Rezessionen der letzten zwanzig Jahre.
Überall im Park hört man Geschichten von Leuten jeden Alters, die seit dem Begin der Krise ihren Job, ihr Haus, ihre Firma verloren haben. Ian Williams zum Beispiel, 27 Jahre alt, ein freundlicher junger Mann, der eine Titaniumbrille trägt und eine Holzfällerjacke. Er hat alles richtig gemacht. Stammt aus einer soliden Bürgerfamilie in Vermont, hat an der McGill University in Montreal studiert, seinen Abschluss in ostasiatischen Studien gemacht. Kaum war er mit dem College fertig, brach die Lehman Brothers Bank zusammen. Da war er fucked , wie es hier so schön heißt. Seit drei Jahren schlägt sich Ian mit Gelegenheitsjobs durch. Er hat für ein Regierungsprogramm gearbeitet, das Einwanderern hilft. Das Gehalt lag allerdings unterhalb der Armutsgrenze von 11 000 Dollar pro Jahr, weil das Programm niemanden anstellen kann, sondern nur „bezahlte Freiwillige“ beschäftigt. Es folgten Jobs als Barkeeper, Skilehrer, Lagerarbeiter. Die Abzahlung seines Studienkredits darf er zum Glück stunden. Aussichten: finster. Pläne: irgendwie weiterstudieren.
Nicht alle Geschichten sind gleich so hoffnungslos. Das ändert nichts am Zorn. Debbi McCulloch verdient als Krankenschwester in Cape Cod beispielsweise immerhin 90 000 Dollar im Jahr. Ihr Lebensgefährte John Hopkins hat eine gut gehende Baufirma, die im Jahr 250 000 Dollar abwirft. Doch das Gesundheitswesen baut überall Stellen ab. Hopkins erhöht seit Jahren die Leistung mit schwindendem Ertrag. „Alles was ich will, ist, dass die Konzerne und die Superreichen Steuern bezahlen wie ich“, sagt er.
Das müssen sie seit den Bush-Jahren nicht mehr. Und Obama hat es nicht geändert. Niemand weiß, wohin sich die Bewegung entwickeln wird. Alle sind sich einig, dass es noch zu früh ist, um eine klare Linie festzulegen. Als Naomi Klein dann auf einer der Granitbänke steht und ihre Rede langsam deklamiert, die von der Menge nachskandiert wird, sagt sie gleich zu Beginn: „Lasst euch nicht darauf ein, medienfreundliche Forderungen zu stellen. Warum wollt ihr euch jetzt schon eingrenzen lassen? Schaut lieber, wie weit ihr noch wachsen könnt!“
Wenige Stunden vor Naomi Kleins Auftritt hat Präsident Obama erstmals zugegeben, dass die Protestierenden vom Liberty Park „den Frustrationen mit dem Finanzsystem“ eine Stimme geben. Überall im Land formieren sich jetzt Zentren des Protests. Und für den 15. Oktober haben Protestgruppen in aller Welt einen globalen Aktionstag ausgerufen. Die New York Times hat den Protest mit dem Marsch der Gewerkschaften am Donnerstag zum ersten Mal zur Titelgeschichte gemacht. Und am Freitagmorgen beginnt der Starautor der New York Times , Paul Krugman, seine Kolumne über die Proteste mit den ersten beiden Zeilen des Protestsongs „For What It’s Worth“, den die Gruppe Buffalo Springfield 1967 herausbrachte: „There’s something happening here. What it is ain’t exactly clear.“
Irgendetwas geschieht hier. Was genau, ist nicht ganz klar. Kaum jemand zweifelt daran, dass sich im Liberty Park von New York gerade eine Gegenkultur formiert, die Bestand haben könnte. Wenn der Wind in den nächsten Wochen auf Nordwest dreht und aus den kanadischen Ebenen die Kälte in die Stadt bläst, wird die Besetzung des Parks ein Ende finden. Doch es geht ein Schauer der Bestätigung durch die Menge, als Naomi Klein ihre Rede mit den Worten beschließt: „Lasst uns diesen wunderbaren Moment so behandeln, als sei er das Wichtigste der Welt. Denn das ist er. Das ist er wirklich.“
iPhone-Fotos: Kens Schles (5), Foto Naomi Klein: A. Kreye
(Leitartikel aus der Wochenend-SZ vom 3.9.2011, von Andrian Kreye) Wer das Internet und seine Wirkung begreifen will, kommt mit technischem Verständnis nicht weit. Das zeigt die Aufregung um die Enthüllungsplattform Wikileaks. Die ist in diesen Tagen wieder groß. Das liegt zum einen daran, dass nun das gesamte Datenpaket diplomatischer Depeschen und Akten verschiedener Geheimhaltungsstufen aus den amerikanischen Ministerien für jedermann mit etwas Geschick einsehbar im Internet zirkuliert.
Die Aufregung um Wikileaks und seinen Gründer Julian Assange ist aber auch deswegen so groß, weil der Fall beispielhaft ist für den Kampf der Internet-Ideologien. Dass dieser Kampf nicht zu unterschätzen ist, belegt die Geschichte der Computerkultur und des Internets selbst. Denn das digitale Zeitalter ist nicht nur von einer technischen Entwicklung geprägt, sondern von Anfang an auch von der Fortsetzung der gesellschaftlichen Konflikte der sechziger und siebziger Jahre. Genauso wie die Geschichte der Bürgerrechtsbewegungen, ist die Entwicklung der digitalen Welt von klaren Ideologien bestimmt.
Wie in alle Ideologien werden in den digitalen Debatten entweder progressive Heilsversprechen abgegeben oder konservative Untergangsszenarien ausgemalt. Die Debatte ist dabei längst verhärtet, als gelte George W. Bushs Maxime aus dem Krieg gegen den Terror: Wer nicht dafür ist, ist dagegen.
In den Frühzeiten der Computerkultur verliefen die Fronten noch entlang den traditionellen gesellschaftlichen Spannungsfeldern. Die schrulligen Ingenieure und Informatiker, die sich im Norden von Kalifornien aufgemacht hatten, die Welt mit Lötkolben und Platinen zu verändern, waren nicht nur technologische Revolutionäre. Sie waren dem Geist der Hippies aus der Bay Area näher, als den Investmentbankern, die sie schon bald mit Kapital versorgten. Firmengründer wie Steve Jobs von Apple und Bill Gates von Microsoft hatten eine Welt herausgefordert, in der elektronische Rechner eine Domäne der staatlichen Institutionen und Konzerne waren. IBM konzipierte seine Computer für die Nasa und das Pentagon, für Banken und Börsen. Hingegen wollten Jobs und Gates Rechner für alle. Das war ein revolutionärer Gedanke, der die Gesellschaft in den nächsten dreißig Jahren in einem ähnlichen Maße verändern sollte, wie die Emanzipationsbewegungen in den dreißig Jahren davor.
Das Heilsversprechen der Revolutionäre war bald schon das Dogma der digitalen Kultur: Der Computer sollte das Volk für wenig Geld mit dem Zugang zum Weltwissen und mit den Produktionsmitteln der neuen Medienwelt ermächtigen. Neue Netzwerke sollten eine weltweite Gemeinschaft schaffen. Die neue Macht der computerisierten Bürger sollte die Politik verändern und neuen Wohlstand schaffen. Vor allem aber galt der Schlachtruf: Die Informationen sind frei. Julian Assanges Ideologie von der radikalen Transparenz war da nur ein logischer nächster Schritt.
Doch wie alle ideologischen Heilsversprechen stoßen auch die Verheißungen des digitalen Zeitalters an die Grenzen einer Wirklichkeit, in der die Menschen keineswegs so gut sind, wie die Ideologien es behaupten. Die Visionen lassen sich eben nicht so leicht in Realität übersetzen. Die Freiheit der Informationen zerstörte beispielsweise in der Kultur- und Medienindustrie viel Altes, ohne Neues zu schaffen.
Verlage, Plattenfirmen und Filmverleihe büßten durch digitale Kopien viel Geld ein. Den Verlust trugen aber nicht die Stars, sondern die weniger bekannten Autoren, Musiker und Schauspieler.
Das aber ist immer das Risiko der Revolution: Sie kann verkrustete Strukturen aufbrechen – ob danach aber etwas Neues oder gar etwas Besseres folgt, ist nie sicher. Die digitale Welt unterscheidet sich da kaum von der analogen. Die Stagnation nach der ersten Euphorie im arabischen Frühling erinnert entfernt an die Krise der Musikindustrie. In beiden Fällen wurden Machtzentren geschliffen. Aber es entstanden keine Strukturen, aus denen Neues erwachsen konnte.
In der digitalen Welt sind die Revolutionäre von einst nun die Mächtigen der Gegenwart. Nach einer kurzen Phase der Ermächtigung des digitalen Volkes haben Apple, Macintosh, Google und Facebook die Macht wieder an sich gerissen. Der amerikanische Internet-Theoretiker Jaron Lanier spricht vom „local-global flip“. In dieser Theorie, auch als „Lanier Effect“ gehandelt, wird der grundlegende Wandel der Netzwelt erklärt, in der jeder Einzelne im Internet in eine vermarktbare Einheit verwandelt wird – der User als Spielball globaler Kräfte. Wer einst als gleichberechtigter Akteur innerhalb eines großen Netzes vor seinem lokalen Rechner saß, zappelt jetzt im neuen Netz, einem Fanginstrument von Machtmonopolen globaler Konzerne. Der Schalter ist umgelegt (flip).
Diese Konzerne wiederum entwickeln ihre eigenen Ideologien, wie sie durch den Netznutzer Geld verdienen können. Apple setzt auf ein in sich geschlossenes Kontrollsystem, in dem jedes Datenpaket zwar Geld wert ist, der Geldfluss aber von Apple als einzigem Zwischenhändler kontrolliert wird. Google wiederum setzt auf eine radikale Offenheit, in der die Daten selbst wertlos werden, und nur Google über das Netz an sich die Daten noch zu Geld machen kann. Google nämlich verfügt über die Mittel zur Kontrolle des Chaos: über die Suchmaschinen. Facebook und Microsoft funktionieren auf ihre Weise ähnlich. Facebook will die absolute Kontrolle über seine Nutzer. Microsoft will in einem unkontrollierten System mit seiner Suchmaschine Bing und seinem Betriebssystem Windows die Grundlagen des digitalen Lebens liefern.
In diesen Kampf zwischen einer Ideologie der Kontrolle und einer Ideologie der Offenheit stieß nun Julian Assange mit seiner Forderung, die politischen Massen wieder stark zu machen mit dem Werkzeug radikaler Transparenz. Assange war ein Nachzügler in einem ideologischen Kampf, der – getreu des „Lanier Effekts“ – längst woanders ausgetragen wird. Was Assange nicht verstand: Transparenz kann ihr Heilsversprechen von Demokratie und Freiheit nur einlösen, wenn sie gezielt und lokal umgesetzt wird; wenn beispielsweise in einem Land wie Tunesien oder Ägypten das Ausmaß der Korruption enthüllt wird. Weil der Wikileak-Datensatz von 251 287 Akten aber undifferenziert Geheimnisse aus aller Welt offenbart, entsteht nur Chaos.
Letztlich wird das Netz nur dann dem Gemeinwohl dienen, wenn eine aufgeklärte Zivilgesellschaft im Internet eine neue Form des Gesellschaftsvertrags findet. In den neuen Formen des Open Government beispielsweise, die politische Transparenz schaffen, die Bürger verstehen und nutzen können. In sozialen Netzwerken, die Ordnung in chaotische Situationen bringen, wie die Nothilfenetze in Haiti und Japan.
Um das Netz zur sinnvollen gesellschaftlichen Kraft zu machen, braucht es vor allem Bildungsarbeit. Natürlich verspricht Pragmatismus nie so viel Glamour wie eine Revolution. Nach den Erfahrungen der Menschheit mit Ideologien weiß man aber, dass nur Pragmatismus am Ende weiter hilft.
Jaron Lanier über den "local-global flip" - hier (Video)
(Von Andrian Kreye) Angesichts der Melange aus Aufbruchsstimmung, Zukunftsglaube, Optimismus und den Glauben an eine bessere Welt auf dem Ideenfestival der Ted-Konferenz in Edinburgh bleibt der Vergleich mit der jüngeren Geschichte nicht aus. Was sich da abbildet ist eine Art positiver Backlash gegen den Zynismus und Kulturpessimismus der neunziger und Nullerjahre. Was der Aufbruchsgeneration des 21. Jahrhunderts zum Glück fehlt sind die unangenehmen Seiten der 68er-Vorväter, die Besserwisserei, die esoterischen Verwirrungen und die ideologischen Verhärtungen. Und doch gibt es da einen unangenehmen Moment, der sich durch die Vorträge und Gespräche zog – die heimliche Sehnsucht nach einer Revolution, der Traum, dass die Aufbruchsstimmung in den Wissenschaften, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erneuerungen in den Schwellen- und Entwicklungsländern Teil eines radikalen Wandels sind.
Die Revolutionsromantik hat sich in diesem Jahr gerade auf der Ted Konferenz nicht nur in den Köpfen, sondern auch auf den Bühnen manifestiert. Immerhin sind gut über einhundert der 850 Teilnehmer und Sprecher aus jenen Ländern, in denen Revolution keine Metapher, sondern politische Realität sind. Ted spielt da mit seinen unabhängigen Tedx-Ablegern schon eine kleine Rolle, die vom Kernteam in New York weder geplant noch gesteuert war. Houssem Aoudi kann da Geschichten erzählen, ein junger Berater für digitale Strategien und der Veranstalter der beiden Tedx Carthage-Konferenzen in Tunis. Wenn er da etwas schüchtern auf dem Podium steht und berichtet, wie er mit Gleichgesinnten das Tedx-Format als neutrale Plattform fand, wie die Regierung nach der ersten der beiden Konferenzen im September vergangenen den Tedx-Sprecher und Blogger Slim Amamou verhaften ließ, der dann in der nachrevolutionären Regierung Minister für Jugend und Sport wurde, dann ist das einer der Momente, an denen man auch im klimatisierten Konferenzzentrum von Edinburgh den rauen Atem der Geschichte verspürt.
Es gab einige solcher Momente in diesem Jahr. Der Auftritt der jungen Chefredakteurin der englischsprachigen Yemen Times Nadia al-Sakkaf zum Beispiel. Die hatte ihren Posten von ihrem Vater und ihrem Bruder übernommen, die beide aus politischen Gründen ermordet wurden. Nun kämpft sie für einen modernen Jemen und versteht sich als Teil des arabischen Frühlings in ihrem Lande. Oder die Präsentation des Stars der französischen Street-Art-Szene JR. Der hatte mit seinem „Inside Out“-Projekt den Ted-Preis 2011 gewonnen. Seit 2004 sammelt JR Porträtfotos von Durchschnittsbürgern aus den sozialen Brennpunkten zunächst aus Paris, dann aus den Palästinensergebieten, afrikanischen Megacities und brasilianischen Favelas. Die bläst er zu Plakaten auf, die dann wiederum an den Orten der Fotografierten aufgehängt werden. Mit seinem Preisgeld verwirklichte er im Frühjahr ein Projekt in Tunesien, bei dem die allgegenwärtigen Propagandaporträts des geschassten Diktators Ben Ali mit solchen Plakatbildern tunesischer Normalbürger überklebt wurden.
Sicher bleibt die Revolution für die meisten der Ted-Teilnehmer eine Metapher. Trotz der Öffnung für einen jungen Dialog mit Entwicklungs- und Schwellenländern bezahlen die meisten Besucher der Ted-Konferenz immer noch fünftausend Euro für die Woche. Sie sind hier stellvertretend für eine Wohlstandsgesellschaft, die seit dem Mauerfall von einem verwirrenden Zeitalter der Umbrüche chronisch überfordert wird. Revolution ist die romantische Vorstellung von einem kathartischen Neuanfang. Auch wenn einer der Konferenzgäste, der New Yorker Medienwissenschaftler Clay Shirky, in seinem Essay „Thinking the unthinkable“ davor warnte, dass Revolution in der Geschichte vor allem das Ende einer Ära bedeutete, das nicht keine Kontinuität garantiert, sondern nur die Stunde Null.
Nun ist es eine historische Gnade, dass die politischen Revolutionen in der Wohlstandswelt seit dem 2. Weltkrieg kein Thema sind und die gesellschaftlichen Umwälzungen seit 1968 allerhöchstens marginal. Doch die technologischen und wissenschaftlichen Revolutionen reichen, um eine tiefe Unsicherheit zu erzeugen, die sich nach der Greifbarkeit einer traditionellen Revolution auf der Strasse sehnt.
Einer der Schlüsselsätze fällt im Vortrag des Videospiel-Pioniers Kevin Slavin, der sich mit der „Algoworld“ beschäftigt, der Welt der Algorithmen. „Wir schreiben Dinge, die wir nicht mehr lesen können“, sagt er. Die Algorithmen der Alltagswelt haben längst ihre eigene Dynamik entwickelt. Slavin erzählt von den zweitausend Physikern, die inzwischen an den Börsen der Wall Street beschäftigt sind, um das so genannte „Black Box Trading“ zu programmieren, das inzwischen 70 Prozent des Wertpapierhandels bestimmt. In Mikrosekunden tätigen da Algorithmen Käufe und Verkäufe mit enormem Volumen. Wie real die Auswirkungen dieser Algorithmenwelt ist, zeigt er an zwei sehr realen Phänomenen. In Manhattan laufen die Leitungen des Internets im „Carrier Hotel“-Gebäude an der Hudson Street zusammen. Weil der digitale Knotenpunkt aber eine knappe Meile von den Börsen der Wall Street entfernt sind, laufen die Algorithmen der Handelsinstitute mit acht Mikrosekunden Verzögerung. Das führte dazu, dass sich die ersten Investmentfirmen vom traditionellen Bankenviertel vom Süden der Insel in die Nähe des Carrier Hotels in Tribeca gezogen sind. Und um den Handel mit Chicago zu beschleunigen wird derzeit ein massiver Datenkorridor zwischen den beiden Städten gebaut. Ein monumentales Bauprojekt, das mit viele altmodischem Dynamit durch die Landschaft getrieben wird, und bald schon den transkontinentalen Algorithmenhandel um drei Mikrosekunden beschleunigen soll.
Da manifestiert sich eine beunruhigende Macht der digitalen Revolution, die ihr Echo in der beunruhigenden Geschwindigkeit der biotechnischen Revolution ihr Echo findet. Das Mooresche Gesetz der digitalen Revolution, nach der sich alle 18 bis 24 Monate die Leistungsfähigkeit der Rechner verdoppelt, hat die Gentechnik mit einem wissenschaftsgeschichtlichen Turboeffekt vervielfacht. Als Benchmark gelten da die Kosten für die Entschlüsselung eines kompletten Humangenoms, die in nur zehn Jahren von drei Milliarden auf 50.000 Dollar gefallen sind.
Die Designerin Daisy Ginsberg versucht dieser Revolution Herr zu werden. Mit ihrer Firma Synthetic Asthetic sucht sie nach Wegen, um die Kluft zwischen der wissenschaftlichen Revolution und dem Normalverbraucher zu überbrücken. Sie sucht derzeit nach einer Designsprache für die Biologie, eine Art Benutzeroberfläche, die aus der abstrakten Programmiersprache der Genetik eine nachvollziehbare Anwendung machen kann.
Gentechnische Designideen sind dann am Ende einer vollen Woche einer der Punkte, an dem jener Zustand eintritt, der im Konferenzjargon „Tedlag“ heißt. Wenn die Überfrachtung mit neuen Ideen Sättigungsgrenze erreicht hat, wenn die letzte Bekanntschaft mit einem Aktivisten aus Tunesien, einem Unternehmer aus China oder einem Wissenschaftler aus dem Silicone Valley gemacht ist, wenn die letzte Vision diskutiert wurde, übermannt einen eine mentale und soziale Erschöpfung, die eine Art intellektuelles Läuferhoch. Im Fazit war der Umzug von Oxford nach Edinburgh war für die europäische Ted-Konferenz nicht nur ein geografischer Neuanfang. Was fehlten waren die großen Namen, die Milliardäre, die Hollywood- und Rockstars, die Ted so gerne besuchen. Auch auf der Bühne gab es letztlich nur zwei wirklich bekannte Gesichter, die Schauspielerin Thandie Newton und der Bestsellerautor Malcom Gladwell (die beide außer Glamour nur Anekdotisches zu bieten hatten). Für die Rolle der Ted-Organisation als Gradmesser für den Puls eines Zeitgeistes und Katalysator für globale Dialoge ist das nicht das Schlechteste. Was wirklich bleiben wird von den Ideen und Visionen wird sich zeigen. Das aber ist keine neue Weisheit, sondern ein Zitat von Thomas Alva Edison aus dem frühen 20. Jahrhundert: „Genie besteht zu einem Prozent aus Inspiration und zu 99 Prozent aus Schweiß.“
Fotos: Thandie Newton; Nadia al-Sakkaf; Kevin Slavin; Ted Global Auditorium; by James Duncan Davidson / TED
Sayyid Qutb (rechts) 1949 mit College-Präsident William R. Ross in Greeley, Colorado.
Ekel und Hass prägten die islamistischen Grundsatztexte des ägyptischen Literaturwissenschaftlers Sayyid Qutb
Greeley ist ein hübsches Universitätsstädtchen im kargen Norden von Colorado, das mit seinen Verandahäusern und baumgesäumten Straßen genau dem amerikanischen Traum vom kleinstädtischen Wohlstand entspricht, der in unzähligen Romanen und Filmen idealisiert wurde. Ausgerechnet hier, inmitten des frommen Idylls der Gutbürgerlichkeit, formte sich im Sommer 1949 in den Notizen von Sayyid Qutb ein Hass auf Amerika, der Geschichte machen sollte: weil er das theoretische Fundament der al-Qaida legte.
Sayyid Qutb war ein ägyptischer Stipendiat, der am Colorado State College of Education ein Semester lang Kurse in Englisch und Pädagogik belegte. Mit seinen 43 Jahren war der ernste Herr aus Ägypten mit dem schmalen Oberlippenbart und dem schütteren Haar deutlich älter als die anderen Studenten. In seiner Heimat hatte er als Beamter für das Bildungsministerium gearbeitet. Vor allem aber hatte er sich als Literaturkritiker und Essayist profiliert. Er war kein besonders religiöser Mann gewesen. Sein Glaube war vor allem von seinem Antikommunismus geprägt. 'Entweder wir gehen den Weg des Islam oder den Weg des Kommunismus', hatte er geschrieben. Doch seine zwei Jahre in der amerikanischen Ferne verwandelten den kritischen Geist in einen leidenschaftlichen Verfechter eines radikalen Islam, der mit seinen Schriften die Bewegung prägen sollte, die in der al-Qaida ihren grausamen Höhepunkt fand.
'Das Amerika, das ich gesehen habe', lautete der Titel seines Buches, das er bei seiner Rückkehr verfasste. Darin beschrieb er das amerikanische Leben mit einem Ekel und Hass, der den Grundstein für seinen politischen Islamismus legte. So beschrieb er einen Tanzabend in einer Kirche: 'Tanzende nackte Beine wirbelten durch den Raum, Arme schlangen sich um Hüften, Brust drückte sich an Brust, Lippen fanden andere Lippen, und die Atmosphäre war aufgeheizt mit Sinneslust.'
Zu einem guten Teil waren Qutbs Ekel und Hass von seiner Biographie geprägt, von der Unfähigkeit, eine Familie zu gründen, von der Einsamkeit als Junggeselle, von der phobischen Haltung zum Sex. Doch aus seinem Ekel leitete er den Hass auf all die Grundwerte des Westens ab, auf den Individualismus und die Freizügigkeit, die säkularen Vernunftbegriffe und die Demokratie, auf den Materialismus und die Lust in all ihren Formen. Darin sah er die Wurzeln des Bösen, das die islamische Welt zu vergiften drohe.
Bei seiner Rückkehr schloss sich Qutb den strenggläubigen Muslimbrüdern an, die ihm die Leitung ihrer Propagandaabteilung übertrugen. Und er schrieb all jene Bücher, die später die theoretische Grundlage für den islamistischen Terror lieferten. Als er 1954 wie so viele andere Muslimbrüder nach einem gescheiterten Attentat auf Präsident Nasser verhaftet wurde, verfasste er im Gefängnis sein Schlüsselwerk mit dem Titel 'Meilensteine'. Darin besetzte er den arabischen Begriff 'Dschahiliyya' mit einer neuen Bedeutung. Was bis dahin die heidnische Zeit der Unwissenheit vor der Offenbarung Mohammeds bezeichnete, wurde nun zum Kampfbegriff für all jene Staatsformen und Gesellschaften, die sich nicht dem Diktat Gottes unterwarfen. 'Nur islamische Werte und Moral, islamische Lehren und Regeln sind des Menschen würdig', schrieb er da. 'Islam ist die wahre Zivilisation und die islamische Gesellschaft die einzig wahrhaftig zivilisierte.' Einzig die Scharia dürfe das Leben des wahren Menschen regeln, der alle anderen Systeme und Gesetze ablehnen müsse.
Der einzig mögliche Weg war für Qutb der Dschihad. Nun hat der Dschihad in der Kultur des Islam vielfache Bedeutung. Schon im inneren Ringen um den Glauben manifestiert sich Dschihad. Doch Qutb ließ keine Zweifel offen. In seinem Buch 'Im Schatten des Koran' schrieb er: 'Wir begreifen, dass es unumgänglich ist, dass Dschihad nicht nur die Form der Predigt, sondern auch eine militärische Form annimmt.' Und er nahm den terroristischen Kampf vorweg, als er folgende Sure zitiert: 'Ihr wart stolz auf eure große Zahl, doch ihr habt nichts damit erreicht.'
Es gibt nur wenige westliche Übersetzungen der Texte von Qutb, und sie sind eine freudlose Lektüre. Im Ton des Predigers treibt er seine Tiraden durch theologische Windungen und Referenzen. Doch die Freudlosigkeit und der Subtext des Selbsthasses und Ekels haben der islamistischen Ideologie eine Kraft verliehen, mit der sie gerade junge Muslims im weltlichen Ausland begeistern kann. Liest man die Biographien der Attentäter, sei es der Hamburger Zelle vom 11. September, der britischen Dschihadis oder der meist gescheiterten amerikanischen Attentäter, so waren Ausschweifungen in Diskotheken und Striplokalen oft so etwas wie Initiationsrituale.
Die Linie von Sayyid Qutb zu Osama bin Laden bestand nicht aus einer theoretischen Verbindung. 1965 wurden Sayyid Qutb und sein jüngerer Bruder als Verschwörer verhaftet. Sayyid Qutb wurde eine Jahr später hingerichtet. Mohammed Qutb wurde 1972 freigelassen und ging ins Exil nach Saudi-Arabien. Dort unterrichtete er Islamwissenschaften und propagierte in seinen Vorlesungen die Schriften seines Bruders. Zu seinen Schülern gehörte ein weiterer Exilant aus Ägypten - Ayman al-Zawahiri, der spätere Vizechef der al-Qaida. Und er traf auf den palästinensischen Theologen Abdallah Yusuf Azzam, ebenfalls ein Anhänger der Lehren Sayyid Qutbs.
Azzams Rolle in Bin Ladens Biographie sollte zunächst viel wichtiger sein als die seines späteren Vizes al-Zawahiri. Azzam ging nach seiner Ausweisung aus Saudi-Arabien 1979 nach Pakistan. In Peschawar gründete der Theologe ein Rekrutierungsbüro für Dschihad-Kämpfer aus aller Welt, die im benachbarten Afghanistan die sowjetischen Besatzer bekämpfen sollten. Mit dem Namen Maktab Khadamat al-Mujahidin al-"Arab hieß das Büro zu Deutsch etwa 'Servicebüro für arabische Dschihadkämpfer'. Azzams Schützling und operativer Vize war ein junger ehrgeiziger Spross einer saudischen Baunternehmerfamilie namens Osama bin Laden.
Das Maktab Khadamat unterhielt Außenbüros in Europa und den USA, über die es Spenden sammelte und Rekruten ins afghanische Grenzgebiet schleuste. Azzam war aber nicht nur der militärische Pate des jungen Bin Laden, sondern vor allem sein spiritueller Mentor. Es dauerte nicht lange, bis sich Bin Laden als treibende Kraft des Maktab Khadamat profiliert hatte. Mit seinen Verbindungen in der saudischen Heimat brachte er Millionen an Spendengeld auf.
Azzam konzentrierte sich neben seiner Rekrutierungsarbeit auf seine Schriften. 1984 verfasste er einen Schlüsseltext, der Qutbs Lehren entscheidend radikalisierte und als Fatwa formulierte: 'Die Verteidigung der muslimischen Gebiete ist die oberste Pflicht des Einzelnen.' Und er prägte den Satz, der als Motto des Islamismus von Afghanistan bis zu den Anschlägen in Europa und Amerika lange nachwirken sollte: 'Der Dschihad und das Gewehr sind alles: Keine Verhandlung, keine Konferenz, kein Dialog.'
Azzam kam bei einem rätselhaften Anschlag 1989 ums Leben. Bin Laden übernahm das Maktab Khadamat, aus dem er gemeinsam mit Ayman al-Zawahiri al-Qaida formierte. Mit al-Zawahiri hatte Bin Laden einen weiteren Schüler Sayyid Qutbs an seiner Seite. Qutbs Ziel, eine islamische Zivilisation unter Gottesherrschaft zu errichten, haben sie nicht einmal in Ansätzen erreicht. Seinen Ekel und seinen Hass aber haben sie zu grausamer, historischer Größe geführt.
(Auftakt der Serie "Die grüne Frage" im SZ-Feuilleton vom Wochenende) Ökologie ist eigentlich keine Frage der Perspektive. Doch wenn man die Stadt Rom auf einem Satellitenbild betrachtet, entdeckt man gleich neben dem Petersdom eine silbrig schillernde Wellenform, die nicht so recht ins Ensemble des Vatikans passen will. Es handelt sich dabei um die vatikanische Audienzhalle, die der Bauingenieur Pier Luigi Nervi bis 1971 für Papst Paul VI. errichtete. Das silbrig Schillernde sind 2400 Sonnenkollektoren, die dort vor zwei Jahren angebracht wurden. Zwar waren die Kollektoren das Geschenk eines deutschen Solarenergiekonzerns, doch es handelt sich hier keineswegs um ein werbeträchtiges Symbol, sondern um einen Aufbruch.
Seit 2007 hat der Vatikan den Ehrgeiz, der erste kohlenstoffneutrale Staat der Erde zu werden. Treibende Kraft des Vorhabens ist Staatsoberhaupt Benedikt XVI. selbst. 2009 widmete er in seiner Enzyklika „Caritas in Veritate“ einen beachtlichen Teil der Verpflichtung der Menschen für die Umwelt. Dieser grüne Kern des Christentums hat nun mit den Wahlen in Baden-Württemberg eine neue Bedeutung bekommen. Handelt es sich beim designierten ersten grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann eben nicht um einen kämpferischen Umweltpolitiker, sondern um einen bedächtigen Katholiken, den die Gemeinsamkeiten zwischen grüner Theologie und grüner Politik seit Beginn seiner politischen Laufbahn geprägt haben.
Die Parallelen sind nicht neu. Die Bewahrung der Schöpfung war nicht erst seit dem ersten Tierschützer Franz von Assisi ein Thema des Christentums. Die verschiedenen Konfessionen und auch die Weltreligionen ähneln sich in dieser Hinsicht. Genau das aber könnte für die Union und ihre Koalitionspartner so gefährlich und für die Bundesrepublik so wichtig sein. Wenn sich die Ökologie nicht mehr als streitbare Bewegung in der Tradition des Protests und der außerparlamentarischen Opposition versteht, sondern als Vertreter konservativer Urwerte, so verblassen all die Wutbürgerphänomene, die derzeit die deutsche Politik so amüsant durcheinanderbringen. Wut verraucht. Glaube bleibt.
Nun muss man sicherlich die inneren Widersprüche der Kirchen außer Acht lassen, die regressive Sexualpolitik zum Beispiel, die präkopernikanischen Vernunftbegriffe und den allumfassenden Machtanspruch des Glaubens. Was die grüne Theologie aber mit sich bringt, ist ein Urvertrauen, das gesellschaftlich und politisch enorme Wirkung haben kann. Denn Deutschland mag zwar eines der weltweit am konsequentesten säkularisierten Länder sein; für die Generationen, die dieses Land derzeit prägen, ist der christliche Wertekanon aber auch dann ein essentieller Bestandteil der gesellschaftlichen DNS, wenn sie schon längst weltlich aufgewachsen und erzogen wurden. Im Gegensatz zum grünen Widerstand, dem Erbe von 1968, lässt sich eine christlich gefärbte Ökologie nur schwer wegpolemisieren.
Grüne Theologie und grünes Bewusstsein haben jedoch noch mehr Gemeinsamkeiten. Papst Benedikt XVI., den amerikanische Diplomaten in einer der Wikileaks-Depeschen als „Green Pope“ bezeichneten, sieht die Ökologie als einen Schlüssel für die weltweiten Probleme der Armut und der Unterdrückung. Ganz ähnlich wie das grüne Bewusstsein die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – Klimawandel, Energiepolitik, Urbanisierung – als globale Themen betrachtet.
Es gibt aber nicht nur gemeinsame Themen. Es gibt auch ein gemeinsames Problem. Sowohl der Glaube als auch das grüne Bewusstsein und der Nachhaltigkeitsgedanke haben vor allem in den Industrienationen mit dem gesellschaftlichen Problem des Zynismus zu kämpfen. Nun bieten beide ja durchaus genügend Gelegenheit zur Belächelung. Nimmt man beispielsweise die religiösen Führungspersönlichkeiten sämtlicher Konfessionen und der meisten Weltreligionen, die vor einigen Jahren mit einem Kreuzfahrtschiff eine Pilgerreise an die Westküste Grönlands unternahmen: Da standen die geistlichen Würdenträger an Deck und beteten gemeinsam für den Planeten, während vor ihren Augen der Gletscher kalbte.
Sich darüber zu amüsieren, fällt einem als säkularem Humanisten leicht. Auch der weltliche „Gutmensch“ gehört mit seinem Pathos längst zum Standardrepertoire der Ironisierung. Nun ist die Ironie als Flucht aus Haltung und Verantwortung nicht zu unterschätzen. Es ist in diesem Zusammenhang auch egal, ob sich der Zynismus der Ironie auf Macht oder Ohnmacht gründet. In der Ohnmacht führt der Zynismus zu Fatalismus. Der Zynismus des Wirtschaftsliberalismus, der Adams Smith’ „unsichtbare Hand“ der Marktgesetze als unveränderbares Dogma betrachtet, und der politischen Macht, die die Realpolitik als unausweichliches Schicksal ansieht, schließt den Gedanken der Nachhaltigkeit als Irrglauben aus.
Mittelfristig führt Zynismus in einer Gesellschaft jedoch zu Erschöpfungserscheinungen. Politikverdrossenheit ist da nur ein Symptom von vielen. Man darf ein Ereignis wie den GAU von Fukushima in einem solchen Kontext nicht unterschätzen. Fukushima ist nicht nur die exemplarische Warnkatastrophe, die der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker als einzig wirksamen Impuls für wirklichen Wandel in den philosophischen Raum stellte. Die vermeintlich egoistische Atomdebatte in Deutschland ist nicht bloß die Entschlüsselung dieser Warnkatastrophe, um sie in das Verhalten von Individuen und Institutionen zu übersetzen, wie sie der Philosoph Peter Sloterdijk forderte. Fukushima ist die dritte weltgeschichtliche Zäsur innerhalb nur eines Jahrzehnts, das mit den Anschlägen von 9/11, der Wirtschaftskrise und nun der Atomkatastrophe das gesellschaftliche Urvertrauen langfristig erschüttert hat.
Für die meisten Menschen taugt der Glaube längst nicht mehr, um dieses Urvertrauen zu bewahren. Betrachtet man die grüne Theologie, wäre er auch keine wirkliche Hilfe. Gott ist in der christlichen Lehre der Schöpfer. Die Schöpfung zu bewahren, liegt in der Verantwortung des Menschen. Diese Verantwortung aber hat die Säkularisierung der Gesellschaft nur verstärkt. Womit wir bei einer dritten Gemeinsamkeit grüner Theologie und grünen Denkens wären: der Politik der kleinen Schritte. Jeder Einzelne hat seinen Beitrag zu leisten.
Nun kann man jede ökologische Einzelhandlung zerrechnen. Überlegt man sich, ob man ein ökologisch korrektes Hy-brid-Auto kaufen soll, stößt man schnell auf Studien, die zeigen, dass es viel sinnvoller ist, einen betagten Spritschlucker so lange zu fahren, bis ihn der Rost zerfressen hat. Will man auf Ökostrom umstellen, erfährt man, dass man letztlich den Emissionshandel der Energiekonzerne subventioniert. Liegt das Schnitzel vom lokalen Bauern auf dem Teller, gibt es längst Rechnungen, dass das deutsche Rindvieh einen so großen CO2-Fußabdruck hinterlässt, dass der Transport von Importfleisch aus ökologisch günstigeren Breiten nicht ins Gewicht fällt.
Solch ergebnisorientiertes Denken greift aber zu kurz. Der individuelle kleine Schritt aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse verändert für sich gesehen in der Tat wenig. Er schafft in der Masse jedoch gesellschaftlichen Druck. Dieser Druck manifestiert sich mittelfristig in entsprechenden Gesetzen. So wird aus schädlichem Verhalten der Gesellschaft und ihrer Institutionen ganz offiziell ein normwidriges Verhalten. Beispiele, dass das funktioniert, gibt es genügend.
Das Ozonloch ist so ein Fall. Das galt Anfang der achtziger Jahre noch als menschengemachte Bedrohung des Lebens auf dem Planeten Erde. In einem globalen Kraftakt sorgten Wissenschaft, Gesellschaft und Legislative dafür, dass dieses Problem wenigstens langfristig gelöst wird. Kein Mensch verwendet heute noch schädliches Haarspray, niemand kauft die alten Kühlschränke, die mit ihren Fluorchlorkohlenwasserstoffen die dünne Schutzschicht des Planeten zerfraßen.
Tabaksucht ist ein anderer Fall. Das Wissen um die tödliche Gefahr im Rauch brachte Millionen dazu, sich das Laster abzugewöhnen. Als die kritische Masse einer nichtrauchenden Mehrheit erreicht war, folgte die Politik mit entsprechenden Gesetzen. So ist das nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation gravierendste Gesundheitsproblem unserer Zeit auf dem Rückzug. Und aus einem gesellschaftlich akzeptierten Fehlverhalten ist eine vulgäre Geste geworden.
Wenn sich Widerstand und Gesten der Rebellion zum bürgerlichen Status quo und zur allgemeinen Vernunfthaltung wandeln, kann letztlich auch das grüne Denken zu Wandel und Veränderung führen. Überwinden grüne Theologie und grüne Politik ihre gegenseitigen Vorurteile, kann daraus eine gesellschaftliche Bewegung werden. Auch dafür gibt es schon ein Beispiel. Als die Regierung Bush die zynische Manipulation ihrer christlichen Stammwählerschaft mit gesellschaftspolitischen Reizthemen wie Homosexualität und Abtreibung überzog, während sie eine Politik der ökologischen Ausbeutung betrieb, wendete sich ausgerechnet die Bewegung der Evangelikalen gegen die Republikaner. Mit dem Slogan „What would Jesus do?“ brachen die „Green Evangelicals“ den Konvent mit der Politik. Es war nicht der einzige Grund, aber ein wichtiger Faktor für den Wahlsieg Barack Obamas.
Eines steht fest: Ökologie ist keine Frage der Perspektive, kein Heilsversprechen, keine Ideologie, kein Dogma. Ökologie ist Notwehr gegen Angriffe auf Lebensgrundlagen. Wer sie als solche versteht, kann ideelle Grenzen überwinden. Dann wirken auch die kleinen Schritte.
Michael Moore hielt am Samstag eine heftige Arbeitskampfrede in Madison/Wisconsin, wo derzeit Gewerkschaften und Tea-Party-Anhänger einen exemplarischen Kampf um die Zukunft Amerikas führen.
"America ain't broke! The only thing that's broke is the moral compass of the rulers. And we aim to fix that compass and steer the ship ourselves from now on."