07.11.12 | 17:00 | 3 Kommentare

Eine deutsche Liebe

Warum Obama nirgendwo so sehr verehrt wird wie hierzulande


(Von Andrian Kreye) Der Staat, in dem Barack Obama den mit Abstand höchsten Stimmenanteil hatte, durfte leider nicht wählen. 91 Prozent der Bürger der Bundesrepublik Deutschland hätten laut ARD für Obama gestimmt. Der Anteil für Romney war unter Einberechnung der Politikverweigerer und pathologischen Phlegmatiker statistisch kaum noch messbar. Schaut man sich die Onlinezahlen an, wurde die Wahlnacht in Deutschland so begeistert verfolgt wie einst die Mondlandung oder Boxkämpfe von Muhammad Ali. Es gab in beiden Wahlkämpfen sogar einige deutsche Bürger, die sich nach Amerika aufmachten, um dort in einer der freiwilligen Helferschaften Obamas auszuhelfen.

Mal ehrlich – wer würde für das Duell Merkel-Steinbrück die Nacht durchmachen? Wie viele Begeisterte würden sich hierzulande freinehmen, um freiwillig Ochsentouren im Dienste des Wahlkampfs auf sich zu nehmen? Auf die Frage, warum er sich nicht für einen Politiker im eigenen Land so engagiere, meinte ein deutscher Obama-Helfer, da gäbe es halt niemanden, der einen so begeistern könne.

Die deutsche Begeisterung für Obama hat etwas Skurriles, greift aber vor allem zwei historische Strömungen auf. Da ist zum einen die Sehnsucht nach dem Amerika des 20. Jahrhunderts, das als Vorbild der freien Welt den Weg in eine bessere Welt freischaufelte. Das waren die ersten Versuche einer sozialen Marktwirtschaft, die Franklin D. Roosevelt nach der großen Wirtschaftskrise mit seinem New Deal in der amerikanischen Gesellschaft verankerte, während Europa in Diktatur und Krieg versank. Das war Amerikas beherztes Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg, das Europa vor dem totalen Untergang bewahrte. Das waren aber auch die Jahre der Bürgerrechtsbewegung mit der Lichtgestalt John F. Kennedy und diesem ebenso unwiderstehlichen Kulturpaket aus Beatniks, abstrakter Malerei und Rockmusik.

Obama hat einige dieser historischen Fäden aufgenommen. In seiner Amtszeit hat er die Rolle der Frau politisch gestärkt, das Gesundheitssystem reformiert, er hat sich an der letzten Front der Bürgerrechtskämpfe für die Rechte von Schwulen eingesetzt, den Irakkrieg beendet und den Abzug aus Afghanistan eingeleitet. Vor allem aber hat er einen europäischen Geist in die amerikanische Politik gebracht, der von Solidarität und Mitgefühl geprägt ist. Deswegen hassen ihn viele Amerikaner so leidenschaftlich, wie ihn die Deutschen lieben.

Die negative Auslegung dieser Liebe ist allerdings eine unangenehme Mischung aus Antiamerikanismus und Philorassismus. Seit dem Beginn der konservativen Revolution mit Richard Nixons Präsidentschaftswahlsieg von 1968 definierte sich die europäische, aber vor allem die deutsche Volksseele immer stärker als Antipode zum Sozialdarwinismus und Großmachtstreben der USA.

Die Wahl eines schwarzen, vermeintlich linken Präsidenten sah man als so etwas wie Buße und Wiedergutmachung der amerikanischen Nation nach den finsteren Bush-Jahren. Da war es egal, dass Barack Obama im deutschen Parteiensystem wahrscheinlich im konservativen Flügel der FDP landen würde. Kaum jemand scherte sich darum, dass in den USA ein erbitterter Klassenkampf den Rassismus seine Rolle als zentralen gesellschaftlicher Konflikt abgelöst hat, und dass Obama mit seinen Beratern aus dem Umfeld der Investmentbanken und seiner Nähe zur Wall Street dabei keineswegs eine bürgernahe Rolle spielte.

Man muss sich die Meme im deutschen Internet ansehen, um den philorassistischen Kern zu erkennen – Obama als Jazzer, in Rapperpose oder beim Gangstergruß. Das alles sind Gesten und Welten, die mit dem Magna-cum-Laude-Absolventen aus Harvard und letztlich auch mit der Realität des schwarzen und post-ethnischen Mittelstandes, aus dem er stammt, so viel zu tun haben, wie die ostdeutschen Rockstars von Rammstein mit der ostdeutschen Politikerin Angela Merkel. Das Schlüsselzitat seiner Siegesrede "The best is yet to come" war ja dann dieses Jahr auch von Frank Sinatra, nicht von Jay Z.

Natürlich verkörpert Obama auch etwas von jenem Cool, das in seinen Anfängen eine subversive Haltung des Modern Jazz war. Für die Afroamerikaner war seine Wahl ein historischer Moment, mit dem der Kampf, den Martin Luther King begonnen hatte, seinen Marsch durch die Institutionen abschloss. Der Clou ist aber gerade, dass in der immer farbenblinderen amerikanischen Gesellschaft Obamas Hautfarbe gar keine Rolle mehr spielt.

Wollte man das Argument auf die rhetorische Spitze treiben, könnte man noch erwähnen, dass für Europa das Leben mit Präsidenten aus der Reihe der Republikaner meist viel einfacher war. Es war die Doktrin des republikanischen Präsidenten Dwight Eisenhower, die über Europa den Schutzschirm der USA aufspannte, unter dem sich Deutschland ganz auf sein Wirtschaftswunder konzentrieren konnte. Es waren Ronald Reagan und George Bush Senior, die mit dem Gleichgewicht des Schreckens dafür sorgten, dass der Kalte Krieg nicht heißlief. Und selbst George W. Bush und seine Neocons führten ihre Kriege für die gesamte G 20 – und somit auch für die deutsche Wirtschaft, selbst wenn man das nicht wahrhaben will.

Obama aber wird Deutschland in die teure außenpolitische Pflicht nehmen. Er wird die Konkurrenz mit der EU in Asien und Afrika verschärfen. Und er wird die Wall Street weiter gegen den Euro wetten lassen. Nun gut, die deutsche Liebe zu Obama ist eine moralische und emotionale, keine pragmatische Angelegenheit. Doch genau das ist ein amerikanischer Import, ohne den man hier gut leben könnte. In den US-Wahlkämpfen haben Moral und Emotion das Argument schon vor Jahren ersetzt. Das war eine Erfindung von George W. Bushs diabolischem Strategen Karl Rove, der erkannte, dass man Wähler nicht überzeugen, sondern mobilisieren muss. Das aber ist nichts anderes als das Ende der Politik im Populismus.

Illustration: JC Pagan/Barack Obama's Jazz

18.10.12 | 18:34 | 0 Kommentare

Transparenz schafft kein Vertrauen

Der Politologe Ivan Krastev über die Illusion, dass ein Staat wirklich besser ist, wenn wir alles über ihn wissen

(Von Andrian Kreye)  Transparenz ist eine neue politische Währung, sei es in den Basisbewegungen, die Wikileaks oder die Piratenpartei unterstützen, oder im deutschen Bundestag, der nun über neue Richtlinien für Transparenz diskutiert. Ist das ein Fortschritt?
Ivan Krastev: Transparenz könnte ein wichtiges politisches Instrument sein. Doch letztlich ist sie nur ein Motor der Depolitisierung und ein Instrument, um Vertrauen zu managen, statt Vertrauen zu schaffen. Sie vermittelt Bürgern vor allem das Gefühl, dass sie wegen neuer Technologien und neuen Sensibilitäten dem politischen System prinzipiell misstrauen sollen und dass mehr Information über das, was Politiker tun, auch zu einer besseren Politik führen wird. Die Frage ist aber vielmehr, wie wir das Vertrauen in die politischen Institutionen wieder zurückgewinnen. Denn wir brauchen ein gewisses Maß an Vertrauen in den Staat, damit demokratische Institutionen funktionieren können.

Ist Transparenz nicht ein erster Schritt?
Nicht unbedingt. Ein Niveau, das wirklich jeden davon überzeugt, dass die Regierung transparent ist, wird man nie erreichen. Dafür sind schon zu viele Leute zu misstrauisch. Und es gibt nichts Verdächtigeres als eine Regierung, die so tut, als sei sie transparent. Es gibt aber auch ein praktisches Problem. Wenn Sie wirklich größtmögliche Transparenz schaffen würden, wären die Bürger kaum bereit oder fähig, alles zu verfolgen, selbst wenn sie sich 24 Stunden mit politischen Vorgängen beschäftigten würden.

Ist Transparenz nicht eine entscheidende Voraussetzung für Mitbestimmung?
Doch, ich glaube wie gesagt, dass sie ein großartiges Instrument sein kann. Aber sie sollte kein primäres Ziel demokratischer Politik sein. Jede politische Entscheidung hat positive und negative Auswirkungen. Man wird die Entscheidungsprozesse aber nie ganz transparent machen können. In der Wirtschaft ist das anders. Da gibt es messbare Größen wie Geld und Investitionen, die kann man viel einfacher nachvollziehen. Wenn wir aber versuchen, Dinge zu erklären, die in der Politik passieren, können wir meistens nicht nachvollziehen, warum Leute etwas entschieden haben. Moral, Kultur, Identität, Religion, Freundschaften – all das spielt eine Rolle. Nehmen Sie die Privatisierung in den osteuropäischen Ländern. Die war sehr umstritten. Der einfachste Weg, sie zu legitimieren, war der Preis. Die Regierungen haben also den höchsten Preis zum Kriterium gemacht. Aber der höchste Bieter ist oft nicht der beste Käufer, weil das nichts darüber sagt, wie der Käufer mit der Ressource umgeht. Aber der Preis ist eben messbar. Solche Kriterien führen zwangsläufig zu einer selektiven Transparenz. Die wird meistens gesteuert.

Von wem?
Von den Regierungen selbst. Als Putin gegen Chodorkowski vorging, proklamierte er einen Kampf gegen Korruption. Jeder Kampf gegen Korruption kann allerdings auch sehr selektiv sein.

Aber es sind ja nicht nur Regierungen, die Transparenz als politisches Instrument einsetzen.
Nein, es sind aber sonst vor allem aktive Minderheiten. Nehmen Sie die Entscheidung Deutschlands, aus der Kernenergie auszusteigen. Ich persönlich hielt das zwar für eine gute Entscheidung. Aber sie wurde von einer sehr aktiven Minderheit erzwungen. Die Regierung hatte das Gefühl, dass sie ihre Position nicht mehr verteidigen kann. Da ging es nur um das politische Überleben. Die eigentliche Debatte, wie man mit Umweltfragen umgeht, wurde einfach ausgelassen. Und das in Deutschland, dem Land mit den meisten öffentlichen Debatten, weil die Medienlandschaft und die Gesellschaft das besser zulassen, als in den meisten anderen Ländern.

Sind es nicht meistens aktive Minderheiten, die Wandel vorantreiben?
Stellen Sie sich mal vor, was in kleineren Ländern passiert, wo es viel leichter ist, genügend Leute zu mobilisieren, um irgend etwas zu verhindern. In der Ukraine haben zwei Kids eine Firma gegründet, über die man Menschenmassen anmieten konnte. Nicht jede Partei hat für so etwas Geld. Das führt schnell dazu, dass die Aktionen von Minderheiten die öffentliche Debatte ersetzen und Konsenspolitik unmöglich wird.

Wie kann man das Vertrauen in politische Institutionen wieder herstellen?
Man braucht zunächst ein gemeinsames Ziel. Die Leute sollten entweder einer oder ganz unterschiedlicher Meinung sein. Sie brauchen Loyalitäten. Wenn diese Loyalitäten schwach sind, interessiert es sie auch nicht, wer an der Macht ist. So kann Demokratie nicht funktionieren. Es gibt natürlich auch das andere Extrem, vor allem in den USA. Da hat die Polarisierung der Politik inzwischen einen Grad erreicht, dass man keine gemeinsame Mitte von Bedeutung mehr findet.

Waren die Loyalitäten früher stärker?
Früher waren politische Parteien stärker ideologischen Prinzipien verpflichtet. Es gab zwar auch mehr Korruption, aber man wusste zumindest, wo man steht. Demokratie war ein Mechanismus, um mit Enttäuschung umzugehen, und ein Korrektiv, mit dem man verändern konnte. Dieses Korrektiv ist geschwächt. Heutzutage zählen Wahlen kaum noch etwas. Es gibt ein dominantes politisches Paradigma, das durch Instabilität und demokratisch legitimierte Personalwechsel gestützt wird. Eine Rückkehr zur Politik wäre es, den Gesellschaftsvertrag neu zu verhandeln, vor allem zwischen den Generationen.

Führt Enttäuschung dann nicht zwangsläufig zu Unruhen, die einen Wandel erzwingen? Dafür gibt es in der jüngeren Vergangenheit genügend Beispiele. Und Unruhen gibt es in Griechenland und Spanien jetzt schon.
Die aktuellen Wandlungsprozesse in Europa werden oft mit den Umwälzungen in den osteuropäischen Ländern verglichen. Der entscheidende Unterschied war allerdings, dass die Leute damals mit dem vorherigen System unzufrieden waren. Sie konnten sich deswegen auch als Sieger fühlen. In Griechenland und in Spanien geht es um junge Leute, die sich als die großen Verlierer sehen. Sie können es mit 1968 vergleichen. Da gingen die Leute auf die Straße, weil sich nicht wie ihre Eltern sein wollten. Heute gehen die jungen Leute auf die Straße, weil sie auf ihr Recht pochen, wie ihre Eltern zu leben. Sie haben aber seit den Neunzigerjahren einen ökonomischen Niedergang, der auch generationsbedingt ist.

Ist Transparenz deswegen vor allem ein Thema der Jugend?
Darauf habe ich noch keine Antwort gefunden. Sicherlich verstehen die Digital Natives das Internet als Demokratie, weil sie den Schwarmgeist als Form von Mitbestimmung erfahren. Es ist allerdings keine liberale, sondern eine libertäre Generation, weil das Internet libertär ist. Und viele dieser jungen Bewegungen sind defensiv. Sie verteidigen zum Beispiel die Freiheit des Internets. Wenn man tiefer schürft, sieht man, dass sie den Status Quo verteidigen.

Julian Assange und Wikileaks sind aber keineswegs defensiv.
Assange ist eine großartige Geschichte. In der ersten Phase hat sich Wikileaks auf ganz spezifische Informationen eingeschossen, die sie öffentlich gemacht haben, weil sie die Vorgänge als Skandal betrachteten. Wenn man dann aber sämtliche Depeschen des amerikanischen Außenministeriums veröffentlicht, erklärt man alles, was die Regierung tut, pauschal zum Skandal. Als die sowjetische Regierung 1917 an die Macht kam, war es eine der ersten Amtshandlungen Leo Trotzkis als Volkskommissar des Auswärtigen, die komplette diplomatische Korrespondenz des russischen Staates öffentlich zu machen. Das war für ihn der beste Weg, den Staat als solchen zu delegitimieren. Und das ist das grundsätzliche Problem mit der Transparenz. Sehen wir sie als Weg, Regierungen als solche zu legitimieren oder zu delegitimieren?

Ivan Krastev, 47, leitet das Centre for Liberal Strategies in Sofia. Er ist Mitglied des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien und des European Council on Foreign Relations.

Foto: Unruhen in Athen, dpa

13.10.12 | 14:17 | 0 Kommentare

Lasst die Versager versagen

Die Rückkehr des Calvinismus im aktuellen US-Wahlkampf

(Von Andrian Kreye) Wenn die Deutschen in Amerika wählen dürften, wäre die Sache längst gelaufen. 89 Prozent aller Befragten antworteten gerade auf die Frage des ZDF-Politbarometers, dass Sie für Barack Obama stimmen würden. Nur zwei Prozent würden sich für Mitt Romney entscheiden. Und da ist man dann schon beim eigentlich Faszinierenden an amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfen.

Das ist dieses unheimliche Gefühl, dass einem dieses Land, das man doch so liebt (Manhattan, Dylan, Philip Roth) letztendlich doch sehr fremd ist (Genfood, Wall Street, George W. Bush). Ist Mitt Romney nicht einer von denen, die der Welt die finsterste Wirtschaftskrise seit 1929 eingebrockt haben? Und hat Obama nicht die Truppen aus Irak und Afghanistan abgezogen, armen Amerikanern eine Krankenversicherung besorgt und Osama Bin Laden zur Strecke gebracht? Und trotzdem bleibt der Wahlkampf ein Kopf-an-Kopf-Rennen?

Es gibt gute Erklärungen für Mitt Romneys Erfolge. Einige davon findet man in dem Buch "Arme Milliardäre" von Thomas Frank. Der gehört zu jenem Kreis Intellektueller, die während der Neunzigerjahre in dem Magazin The Baffler aus Chicago eine neue Form der Kapitalismuskritik erfanden, die sich viel mit Realitäten und wenig mit Theorien beschäftigte. Thomas Frank war neulich auf Lesereise in Deutschland unterwegs. Und wenn er da von seinem Land erzählte, schaute er in Säle voll ungläubiger Gesichter.

Ausführlich beschrieb er, wie Amerika auf die Finanzkrise reagierte - nicht mit Reformen, sondern mit einer noch konsequenteren Deregulierung, mit einer radikalen Durchsetzung der freien Marktwirtschaft, mit einer grimmigen Ablehnung jeglicher sozialer Maßnahmen und Programme.

Das erinnert an mittelalterliche Medizinpraktiken, als man Wunden mit Glüheisen ausbrannte. Vor allem aber verkehrte sich die auch in Amerika natürliche Reaktion auf eine solche Krise in ihr Gegenteil. Anstatt Solidarität und Gemeinsinn herrscht im Land nun eine gehörige Wut auf die Opfer der Krise - auf die Verlierer, Pleitiers, Bankrotteure, auf die Millionen, die mit Zwangsbescheiden auf die Straße gesetzt wurden. Und auf die Regierung, die sich anschickte, ihnen zu helfen und ihr Versagen damit auch noch zu legitimieren.

Motor dieses bizarren Zeitgeists ist eine neue Kaste aus der obersten Steuerklasse: die Beleidigten. Sie haben inzwischen eine erstaunlich große Anhängerschaft unter jenen Mittelständlern und lediglich Wohlhabenden gefunden haben, die sich so eine harte Linie eigentlich gar nicht leisten können.

Die Geburtsstunde dieser Kaste wurde am 29. Februar 2009 auf dem Wirtschaftsnachrichtensender CNBC live übertragen. Da stand der Reporter Rick Santelli auf dem Parkett der Chicagoer Börse und steigerte sich in einen Wutausbruch. Das staatliche Hilfsprogramm für Hauseigentümer, die ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten, sei "Belohnung von Fehlverhalten" und "eine Subvention der Kredite von Verlieren". Empört fragte er in die Runde der Börsenmakler: "Wer will hier für den Hauskredit seines Nachbarn aufkommen, der sich ein zweites Badezimmer geleistet hat und nun die Raten nicht mehr zahlen kann?" Voll in Rage rief er aus: "Wir leben hier in Amerika!"

Ähnlich zornig gebärdete sich der Vorkämpfer der Beleidigten Leon Cooperman, ein Investmentfonds-Gründer aus New Jersey. Der verfasst im November einen Brief an Barack Obama, der bald schon die Runde machte. Ausführlich erzählt er da von seiner Kindheit als Sohn eines Klempners in der Bronx, von seinem langen Weg in der Finanzindustrie, den er als verschuldeter Uniabsolventen antrat und nun als Multimilliardär abschließt. Was Obama mit seiner Rhetorik von den Armen und den Reichen und seinen Sozialprogrammen anrichte, sei nichts weniger als einen "Klassenkampf" anzuzetteln.

Heiliges Buch der Beleidigten ist Ayn Rands inzwischen viel zitierter Roman "Der Streik", der im Original viel treffender "Atlas zuckte die Schultern" heißt. Atlas, der Gott, der die Welt schultern musste, das sind all diejenigen, die Mitt Romney und die Beleidigten als die "Geber" der Gesellschaft ansehen. Mitt Romneys berüchtigte 47 Prozent der "Nehmer" sind die Last, die es durch ein Schulterzucken abzuwerfen gilt.

In Europa ist diese oft weinerlich vertretene Ideologie einer fundamentalistischen Meritokratie nur schwer nachvollziehbar, weil sie dem Verständnis von Gesellschaft und Staat grundlegend widerspricht. Die Solidargemeinschaft, für die man sich auch in Deutschland auf einen Kompromiss der Mittelmäßigkeiten, der hohen Steuern und relativ großen sozialen Sicherheiten eingelassen hat, ist heilig.

In Amerika aber ist der unermessliche Reichtum und Wohlstand an diesem Punkt fast ausschließlich aus eigener Kraft geschaffen. Noch nie war es in der Geschichte der Menschheit möglich, so schnell zu solchen Vermögen zu kommen wie in den Jahren 1997 bis 2008. In den meisten Fällen wurde dieser Reichtum keineswegs mit den traditionellen Methoden der Ausbeutung geschaffen. Finanzgeschick, Innovationsindustrien und Risikobereitschaft waren die Antriebskräfte. So wird Reichtum nicht als Privileg verstanden, sondern als Belohnung für harte Arbeit. Warum sollte man diesen Lohn nun mit den Heerscharen der Versager teilen, die sich nicht die Mühe gemacht haben, selbst zu etwas zu kommen?

Da aber schlägt jener Glaube durch, der ganz am Anfang der Geschichte der modernen Amerikas stand - der Calvinismus, der aus Europa in die neue Welt vertrieben wurde. Der geht (in groben Zügen) davon aus, dass der Mensch als Sünder geboren wird. Doch Gott belohnt die Tüchtigen. Und bestraft die Müßigen - Armut ist demnach selbst verschuldet. Dieses Credo schwelte schon immer in der amerikanischen Gesellschaft. Erst Franklin D. Roosevelt konnte diesen Urgedanken der freien Marktwirtschaft mit seinem "New Deal", seinem neuen Gesellschaftsvertrag nach der großen Depression, etwas bändigen.

Nun aber kehrt der Calvinismus mit aller Macht zurück. Mitt Romney mag Mormone sein, doch er steht mit seiner Biografie für genau diesen Grundsatz aus den Wurzeln der Nation. Auch wenn es nicht mehr Gott ist, der die Schuldfrage klärt: "Lasst die Versager versagen." Europäern sind solche Gedanken sehr fremd. Es sei denn, sie sollen gerade Griechenland und Spanien retten.

02.06.12 | 16:18 | 8 Kommentare

Prediger und Revolutionäre

(Von Andrian Kreye) Das Schlimmste an der Euphorie ist der Kater danach. Der stellt sich rund um das Internet in letzter Zeit immer häufiger ein. Das liegt weniger am Internet als an den hohen Erwartungen. Die gibt es schon lange. Als sich der wegen seiner LSD-Forschungen als Hippie-Guru gefeierte Harvard-Psychologe Timothy Leary mit dem Schriftsteller und Erfinder des „Cyberspace“-Begriffs, William Gibson, vor fast zwanzig Jahren über die Zukunft des Internets unterhielt, landeten die beiden schon bald bei Hermann Hesses „Glasperlenspiel“. Hesse deute an, „dass die Entwicklung von Intelligenzmaschinen neue Religionen schaffen wird“, stellten sie da fest.

Leary und Gibson waren früh auf der richtigen Spur: Der Glaube an die menschheitsverändernden Umwälzungen durch die digitalen Technologien, den sie erstmals formulierten, hat durchaus religiöse Züge. Unzählige Prediger ziehen immer wieder mit Heilsversprechen durch die Welt, die mit buchstäblicher Verzückung angenommen werden. Einer dieser Prediger ist Julian Assange.

Es gibt nur wenige Figuren, die eine so atemberaubende Laufbahn hinter sich haben wie der australische Gründer der Enthüllungs-Webseite Wikileaks. Vor zwei Jahren stieg er innerhalb von wenigen Monaten vom obskuren Hacker zur Schlüsselfigur des Weltgeschehens auf. Mehrere hunderttausend geheime Regierungsakten veröffentlichte er über seine Webseite. Seine Ideologie einer radikalen Transparenz hatte dabei nicht nur alle Züge eines religiösen Dogmas. Assanges Anhänger glaubten, dass sie den Lauf der Geschichte ein für allemal verändern würde. Und nicht nur seine Anhänger glaubten dies. Das US-Nachrichtenmagazin Time hätte ihn fast zur Person des Jahres 2010 erklärt. Seine Gegner verteufelten den weißhaarigen Internetaktivisten dagegen als gefährlichen Frevler.

Heute ist Assange nur noch eine Fußnote im Weltgeschehen. Am vergangenen Mittwoch lehnte der britische Supreme Court Assanges Berufung gegen seine Auslieferung nach Schweden ab, wo er wegen des Verdachts sexueller Belästigung befragt werden soll. Das interessierte die breite Öffentlichkeit kaum noch. Dabei war es der bisher größte Rückschlag im Leben eines Mannes, der noch vor eineinhalb Jahren als Revolutionär gefeiert und gefürchtet wurde.

Es gibt sicher viele Gründe dafür, dass Julian Assanges Ansehen so gelitten hat. Seine egomanischen Züge, sein chronischer Verfolgungswahn, seine Verschwörungstheorien, und auch die diffusen Berichte über seine erotischen Erlebnisse mit den zwei schwedischen Damen, die sich bei der Polizei über ihn beschwerten. Vernünftig war weder die Verehrung, noch ist es die Enttäuschung.

Assange hat den Lauf der Geschichte nicht verändert. Nicht einmal das Wesen des Journalismus, wie es geheißen hatte. Er hat einen einmaligen Coup gelandet. Sämtliche der großen Wikileaks-Enthüllungen (die Akten aus den Kriegen in Afghanistan und Irak, die diplomatischen Depeschen und das Material aus dem Gefangenenlager Guantanamo) stammen aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem einzigen Datenpaket. Eineinhalb Jahre Hausarrest, der Boykott seiner Spendenkonten und die Abwanderung enger Mitarbeiter haben das Wirken von Assange beeinträchtigt. Gleichwohl haben seine Enthüllungen im Westen das Bild von den Kriegen bestätigt und die Volksbewegungen des arabischen Frühlings mit Fakten munitioniert.

Was im Bild der Öffentlichkeit jedoch bleibt, ist das leere Versprechen. Wie erwähnt, nicht das erste. Timothy Leary war nach seiner Rolle als Hippie-Guru selbst einer der ersten Prediger digitaler Heilsversprechen. Die „Virtual Reality“ war für ihn ein ebenso mächtiges Mittel zur Bewusstseinserweiterung wie zuvor psychedelische Drogen. Man setzte sich damals einen Rundumhelm auf, der einem Landschaften aus groben Leuchtlinien in die Augen projizierte. Ein verkabelter Handschuh steuerte dann eine Art Zeiger, mit der man sich durch diese virtuellen Welten bewegen konnte.

Heute ist diese Technologie längst vergessen. Genauso wie die virtuellen Welten der Internetanwendung „Second Life“, bei der man sich mit digitalen Avatar-Püppchen durch Phantasiewelten bewegen konnte, in die nicht nur die Werbeindustrie kurze Zeit viel Geld investierte. Die sogenannte erweiterte Wirklichkeit, die Google mittels einer Computerbrille erobern will, ist dann über die Technikkolumnen kaum hinausgekommen.

Auch die Revolutionen der Kommunikation sind flüchtige Erscheinungen. Newsgroups, basic-HTML-Webseiten, Blogs, Friendster und MySpace spielen keine oder nur noch untergeordnete Rollen im digitalen Miteinander. Die Macher des aktuellen Erfolgsmodells Facebook haben die Zukunft schon erkannt. Die liegt nicht im Internet, sondern in mobilen Geräten. Facebook will nun ein Smartphone entwickeln, um nicht nur als App auf dem iPhone zu enden.

Höhepunkt der digitalen Verzückung ist die Theorie der „Singularity“. Das ist eine Überlegung, die der amerikanische Informatiker Ray Kurzweil angestellt hat. Der prophezeit einen Zeitpunkt, an dem die Maschinen die Intelligenz des Menschen überflügeln und das Geschick der Welt übernehmen. Das erinnert an ein Leitmotiv des amerikanischen Protestantismus, der „Rapture“, des Erlösungsmoments mit der Rückkehr des Messias. Das klingt nicht nur nach Science Fiction. Das ist es auch.

Will man die digitalen Technologien nüchtern betrachten, sollte man die Rolle des Internets für die Volksbewegungen in Schwellen- und Entwicklungsländern sicher nicht unterschätzen. Doch in der westlichen Welt sind die großen Revolutionen schon zwei-, dreihundert Jahre her. Was sich in den Industrienationen durch digitale Technologien verändert hat, ist viel weniger glamourös – der Medienvertrieb, die Kulturvergütung, die Werbung und der Einzelhandel.

Eines der jüngsten Heilversprechen ist nun die „Liquid Democracy“. Die war schon bei Timothy Leary ein Thema. Nun predigt sie die Piratenpartei. Digitales Miteinander und Transparenz sollen dabei die Revolution beflügeln. Noch ist dieses Verfahren für Normalbürger ein schwer durchschaubarer Datensalat. Mag sein, dass es schon bald nutzerfreundliche Oberflächen dafür gibt. Das eigentlich Interessante ist dabei, dass die Piraten nicht die System-, sondern die Verfahrensfrage stellen. Das heißt aber – die Piraten sind keine Revolutionäre, sondern Bürokraten.

Das könnte sie umso wirksamer machen. Die Verfahrensfrage fordert die Politik viel direkter heraus, als eine Utopie. Erste Ansätze transparenter Politik gibt es auch schon. Das sind die Reformen unter dem Begriff „open government“. Dabei geht es jedoch nicht um Revolution, sondern um so banale Dinge wie Meldesysteme für Schlaglöcher und transparente Bezirksversammlungen. Da aber liegt Potenzial. Denn das Internet braucht keine Revolutionäre oder Messiasgestalten. Ein paar Realos und Agnostiker täten der Entwicklung ganz gut.

 

Foto: Timothy Leary/OH

27.10.11 | 11:02 | 0 Kommentare

Data Journalism

IndiaSatteliteNASA

Derzeit macht ein hübsches Satellitenbild von Indien die Facebook-Runde, das angeblich den Subkontinent während des derzeitigen Lichtfestes Diwali zeigt.

In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Bild um ein Data Journalism composite, das die zunehmnde Elektifizierung Indiens von 1992 bis 2003 darstellt. Weisse Beleuchtung ist die Beleuchtung, die es schon 1992 gab, blau die Beleuchtung die 1992 dazukam, grün 1998, rot 2003. Es handelt sich also keineswegs um Feuerwerke.

Originalquelle ist die sciencephotogallery - hier.

Ach der Schwarmgeist, würde eine aggressive Schwellenlandregion so gerne ethnozentrisch verniedlichen. Weil so ein Lichtfest natürlich sehr viel hübscher ist, als die rapide technische Entwicklung eines vormals unterentwickelten Landes.

Abb.: NOAA/SCIENCE PHOTO LIBRARY

15.10.11 | 18:38 | 2 Kommentare

Alles wird gut


Der rationale Optimist Matt Ridley streitet gegen Pessimismus und sieht die letzten Bastionen traditioneller Macht in Politik, Kultur und Wirtschaft wanken

(Aus der Literaturbeilage der SZ im Oktober 2011, von Andrian Kreye) Gegen Ende seines gut 500 Seiten starken wissenschaftlichen Plädoyers für einen vernunftgesteuerten Optimismus gerät der britische Zoologe und Ökonom Matt Ridley kurz ins Anekdotische. Er besucht die Buchhandlung eines amerikanischen Flughafens, als ihn beim Anblick der Sachbuchbestseller der Zorn packt. „Die Generation, die so viel Frieden, Freiheit, Freizeit, Bildung, Medizin, Reisen, Filme, Mobiltelefone und Massagen genießt, wie keine andere Generation vor ihr, wittert bei jeder Gelegenheit den Untergang“, schreibt er da. „Ich sah die Regale durch. Ich fand Titel von Noam Chomsky, Barbara Ehrenreich, Al Franken, Al Gore, John Gray, Naomi Klein, George Monbiot und Michael Moore, die alle mehr oder weniger behaupteten, dass (a) die Welt ein schrecklicher Ort ist; (b) es noch schlimmer werden wird; (c) dies vor allem der Wirtschaft zu verdanken ist; und (d) wir vor einem Wendepunkt stehen. Ich habe kein einziges optimistisches Buch gesehen.“

Matt Ridley hat nun eines geschrieben. Er greift damit eine diffuse Stimmung auf, die noch kein rechtes Zentrum hat, und gibt ihr ein wissenschaftliches Fundament. „Wenn Ideen Sex haben“ lautete der Titel der deutschen Ausgabe. Man darf sich davon nicht irritieren lassen, denn was klingt wie eine kalauernde Filmkomödie aus den siebziger Jahren, ist in Wahrheit ein kluges Buch. Im Titel des Originals hat Ridley dies auf einen wunderbar schlüssigen Begriff reduziert: „The Rational Optimist“.

Ridleys rationaler Optimismus ist eine doppelte Kampfansage. Zum einen hält er Kulturpessimismus für einen gefährlichen Anachronismus. Die Welt sei im Verlauf der Menschheitsgeschichte eine immer bessere geworden. Und es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass sich das in Zukunft ändern sollte. Zum anderen erklärt er den klassischen Optimismus, der sich auf Emotionen, Glaube oder Utopien stützt, für ein weltfremdes Zerrbild. Denn die positive Entwicklung der Menschheit sei wissenschaftlich beweisbar. In seiner Argumentation folgt Matt Ridley der Methodik der Third Culture.

Als er seine Thesen 2010 beim Ideenfestival der Ted Conference in Oxford vorstellte, brachte er diese Methodik auf eine schlichte Gleichung: „Als ich in den siebziger Jahren hier in Oxford studierte, sah es nicht gut aus für den Planeten Erde. Die Bevölkerungsexplosion war nicht aufzuhalten, weltweite Hungersnot war unvermeidbar, eine Krebsepidemie durch Chemikalien in der Umwelt sollte unsere Lebenserwartung verkürzen, saurer Regen fiel auf unsere Wälder, die Wüste breitete sich aus, Öl wurde knapp und ein nuklearer Winter sollte uns den Garaus bereiten. Nichts davon ist eingetreten. Das effektive Einkommen jedes Menschen auf der Erde hat sich verdreifacht, die Lebenserwartung ist um 30 Prozent gestiegen, Kindersterblichkeit um zwei Drittel gesunken und die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf um ein Drittel gestiegen.“

Da führt also der kalte Blick des Naturwissenschaftlers auf komplexe Zusammenhänge, die bislang eher Domäne der Geisteswissenschaften waren, zu einem optimistischen Weltbild. Ridley ist nicht der einzige, der diese rhetorische Strategie derzeit verfolgt. Andere kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Der Harvard-Psychologe Steven Pinker hat soeben seine umfassende Untersuchung der Gewalt mit dem Titel „The better angels of our nature“ herausgebracht. Seit dem Mittelalter, so weist er nach, hat das Gesamtniveau der Gewalt auf diesem Planeten kontinuierlich abgenommen. Geoffrey West, Physiker am Los Alamos Institute, hat in diesem Jahr eine Theorie vorgestellt, die zeigt, dass alle Städte nach kalkulierbaren Gesetzmäßigkeiten wachsen, egal ob es sich um eine mitteleuropäische Kleinstadt oder eine tropische Megacity handelt. Demnach sei auch die Urbanisierung der Welt keine Bedrohung, sondern eine Chance.

Matt Ridley geht einen Schritt weiter. Er begreift die gesamte Menschheitsgeschichte als ein Kontinuum mit einer zunehmend positiven Entwicklung. Und er hat die Zahlen, die das beweisen. Zwar schöpft Ridley aus einer Unzahl von Quellen. Als versierter Autor (zwischen seinem Studium der Zoologie und seiner Karriere als Banker arbeitete er für die Zeitschrift Economist , seit einigen Jahren schreibt er Wissenschaftsbestseller) versteht er sich darauf, seine komplexe Theorie in einen Fluss der Erzählstränge zu stellen, die ineinander greifen wie die Szenen eines gelungenen Drehbuchs. Er geht bis zu den Hominiden vor 500 000 Jahren zurück, um seine Theorien zu untermauern, und kommt dann immer wieder auf die Zahlen zurück, die vor seinem naturwissenschaftlichen wie vor seinem ökonomischen Hintergrund der einzig gültige Beweis sein können.

Seine Beweisführung für die unaufhaltsam positive Entwicklung der Menschheit kreist um die Fähigkeit des Menschen zur Vernetzung. Nur so habe er seine Kräfte bündeln, vervielfachen und optimieren können. Gängige Zivilisationstheorien zweifelt er an: „Ein größeres Gehirn, Sprache und Nachahmung sind noch keine Erklärung für Wohlstand, Fortschritt und Armut.“ Und er kommt schon bald auf die ideale Form der Vernetzung, den Handel. Der sei der Motor für die soziale Evolution. Antrieb für die kulturelle Evolution und somit für den Fortschritt sei die grandiose Nebenwirkung der Vernetzung: „Damit eine Kultur kumulativ wird, müssen Ideen aufeinander treffen und sich verknüpfen.“

Matt Ridley macht keinen Hehl daraus, dass Charles Darwin und Adam Smith seine geistigen Väter sind. Deren Ideen ziehen sich wie zwei rote Fäden durch die Argumentation. Manchmal wirkt das redundant. Wenn er beispielsweise die Emanzipation der Frauen in den Industrienationen auf die Entwicklung moderner Haushaltsmaschinen zurückführt, die den Überschuss an Zeit schufen, der eine Befreiung erlaubte. Oder wenn er Naturkatastrophen der letzten Jahre vergleicht und aufzeigt, dass die Erdbeben in Haiti mit 250 000 Toten und in Chile mit 500 Toten bei gleicher Stärke vor allem die Schwächen und Stärken beider Länder aufzeigten. Sein Fazit: Wohlstand bedeutet Überleben, bedeutet Freiheit, bedeutet Fortschritt. Das mögen Binsenweisheiten sein, doch wirkt der ganzheitliche Blick auf die Zahlen unangenehm vereinfachend, wenn er die zivilisatorischen Kräfte auf Marktmechanismen reduziert.

In den letzten drei der elf Kapitel verbeißt er sich in den Antagonisten seines Weltbildes, den Pessimisten. Bis dahin hat er schon schlüssig nachgewiesen, warum genmodifizierte Nahrung ein Segen ist, er hat die Endlichkeitstheorien von Robert Malthus widerlegt und die kollektiven Ängste des 20. Jahrhunderts als gesellschaftliche Panikattacken entlarvt. Wissenschaftlich sind seine Ausführungen tadellos. Er streift im letzten Kapitel auch kurz die „Bottom-Up-Welt“ des 21. Jahrhunderts. In dieser Welt vollzieht sich eine Machtverschiebung, die dem Einzelnen eine Macht gibt, die er zuvor nicht hatte. Die letzten Bastionen traditioneller Macht in Kultur, Politik und Wirtschaft sieht Ridley wanken.

Matt Ridleys rationaler Optimismus ist ein großartiger Impuls für einen Kulturwandel, in dem die Machbarkeit der Ideen mehr zählt als das theoretische Fundament, in der die Vernetzung einen Grad erreicht hat, den bisher nicht einmal die Wissenschaft verstanden hat. Er liegt richtig mit der Analyse, dass der gängige Pessimismus letztlich nichts anderes ist als eine Denkfaulheit. Selbst seine Anleihen beim Wirtschaftsliberalismus, beim „Libertarianism“ und bei Darwin haben in diesem Konstrukt eine berechtigte Funktion. „Wenn Ideen Sex haben“ ist also ein sehr lesenswertes Buch, das den Glauben an die Menschheit wissenschaftlich unterfüttert. Und doch verschenkt Matt Ridley die große Chance, das Grundlagenwerk eines neuen Zeitgeistes zu schreiben, der den Kulturpessimismus des 20. Jahrhunderts überwinden will. Ein Zeitgeist, der sich in den jungen Protestbewegungen des 21. Jahrhunderts ebenso findet wie in der Netzkultur der digitalen Welt. Da formiert sich ein neuer Intellektualismus, der prinzipiell sehr wohl eine optimistische Grundrichtung hat. Weil er vom Machbaren ausgeht und die Theorie ablehnt.

Doch es reicht nicht, Antagonismen zu zementieren. Matt Ridley bringt seinen großartigen Gedanken vom rationalen Optimismus letztlich doch nur gegen die Lähmung des Pessimismus ins Spiel. So aber vergrößert er die Kluft zwischen dem Pragmatismus der Natur- und Wirtschaftswissenschaften und den Theorien der Geisteswissenschaften. Ein solcher intellektueller Frontkampf wird aber letztlich nur zu einer Renaissance des Dogmas führen.

Dass es auch anders geht, führen Ridleys Kollegen ja gerade vor. Steven Pinker und Geoffrey West haben ihre Theorien nicht entwickelt, um intellektuelle Bilderstürmerei zu betreiben. Sie öffnen geisteswissenschaftliche Felder mit einem naturwissenschaftlichen Blick, der nicht nach den Fehlern im Bestehenden sucht, sondern um nach Mustern zu forschen, die positive Entwicklungen weiter vorantreiben können. Genau das aber ist nicht die Theorie des Optimismus, sondern seine Praxis.


10.10.11 | 14:40 | 2 Kommentare

Down on Wall Street


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(Seite 3 der SZ am 8.10.2011, von Andrian Kreye) Irgendetwas geschieht hier gleich. Was genau, ist nicht ganz klar. Aber die Menschenmenge im Schatten der Bankentürme und der 54 Lederhülsenbäume auf der Liberty Plaza weiß meist besser, wo etwas geschieht, als die Veranstalter der Protestbesetzung selbst. In Wellenbewegungen zieht sich der Kern der Menge um den Ort des Geschehens zusammen.

Um Naomi Klein etwa, die jetzt gleich auf einen der polierten Granitblöcke steigen wird, um vor den Demonstranten der „Occupy Wall Street“-Bewegung die in diesen drei Wochen der Proteste bisher meistbejubelte Rede zu halten. Naomi Klein gilt als das Postergirl der amerikanischen Linken, ein etwas paternalistisches Etikett für die 41-jährige Aktivistin, die mit ihrem Bestseller „No Logo“ zur Leitfigur der Antiglobalisierungsbewegung wurde. Die Medien lieben sie, weil sie mit ihrem Fassonschnitt und stilsicheren Modegeschmack vor jeder Kamera eine gute Figur macht. Wie auch am Donnerstagabend, an dem sie unter der kurzen schwarzen Lederjacke eine rote Bluse trägt, was eher nach Bergdorf & Goodman als nach Straßenkampf aussieht.

Die Bewegung aber liebt sie, weil sie sich kluge Gedanken macht, die sie in mitreißende Texte fassen kann. Derzeit macht sie sich Gedanken über die Besetzung dieses gut dreitausend Quadratmeter großen Parks im Süden von Manhattan, der nach 9/11 in Liberty Square umbenannt wurde und 2006 in Ziccotti Park, und auf dem je nach Tageszeit derzeit ein paar hundert oder ein paar tausend Demonstranten in einer Lagerstadt hausen. Von hier aus protestieren sie gegen ein Finanzsystem, das die meisten von ihnen um Job, Häuser oder Zukunftsperspektiven gebracht hat, und dessen Gravitationszentrum nur zwei Straßenecken weiter im neoklassizistischen Prachtbau der New Yorker Börse liegt.

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Was am 17. September als Spaßguerilla-Aktion der kanadischen Konsumkritikzeitschrift Adbusters begann, ist zu einer landesweiten Bewegung angeschwollen, die viele Kommentatoren der Einfachheit halber die „Tea Party der Linken“ nennen: Weil sich hier eine Volkswut sammelt, die sich von den etablierten Parteien und Organisationen nicht mehr bändigen lässt. Aber da hören die Parallelen auch schon wieder auf, weil die Tea Party sich bald nach ihrem Aufkeimen in den ultrarechten Block der Republikaner verwandelte – die Proteste rund um die Wall Street sind hingegen das Epizentrum einer neuen Gegenkultur, die sich nicht ganz so einfach definieren lässt. Weil sie eben keine Ideologien transportiert. Auch wenn die Prominenten, die hier regelmäßig auftauchen, um mit ihren Solidaritätsbesuchen die bisher noch zögerlichen Medien aufmerksam zu machen, eher zur amerikanischen Linken gehören: der Regisseur Michael Moore, der Princeton-Theologe Cornel West, Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, Hollywoodstar Susan Sarandon, Rapstar Talib Kweli und nun eben Naomi Klein. Auch der harte Kern der Demonstranten, die die Nächte in Schlafsäcken und unter Plastikplanen im Park verbringen, rekrutiert sich eher aus dem linken Vielerlei der Antiglobalisierungs- und neo-anarchistischen Protestbewegung.

Die Masse aber, die sich oft erst nach Büroschluss bildet, besteht aus Leuten, die man bei so einem Protest nicht erwartet. Da trifft man den Webdesigner aus Kalifornien, die Barkeeperin aus Brooklyn, den hochverschuldeten Doktoratsanwärter, den arbeitslosen Investmentbanker, die Anwältin, den Apple-Programmierer, die Modestudentin, den Maurer, die Lehrerin. Und ja, den freischaffenden Journalisten, was den Identifikationsgrad als Reporter noch verschärft, denn nach zwei Tagen und Nächten im Park hat sich ein Gedanke zementiert: Das ist keine jugendliche Protestbewegung, das sind keine Aufständischen aus dem Mittelmeerraum, die gegen ein politisches oder wirtschaftliches System kämpfen, das einem als Mitteleuropäer mit solider bürgerlicher Existenz eher fremd ist.

Das hier sind: wir. Der Mittelstand, das Bürgertum, deren Abstieg bislang eher theoretisches Menetekel war. Auch hier in New York, wo man im Kielwasser der aufbrausenden Weltwirtschaft immer einen Weg gefunden hat, zumindest ein anständiges Auskommen abzuschöpfen. Naomi Klein lächelt unsicher. In regelmäßigen Abständen brüllt jemand „mike check!“, wie es die Bühnenarbeiter vor Rockkonzerten beim Mikrofontest tun. Dann antwortet die Menge im Chor „mike check!“. „Human microphone“ heißt diese Technik, menschliches Mikrofon. Nur so können die Tausende im Park verstehen, was Naomi Klein sagen wird. Die Demonstranten dürfen zwar ihre Besetzung fortsetzen, das hat der New Yorker Polizeichef Ray Kelly tags zuvor bestätigt, aber die Regeln sind streng: keine Tonanlagen, keine Dieselgeneratoren, keine Zelte, keine Hütten, keine Klohäuschen. Es gibt eine Gratisküche, Ausgabestellen für Schlafsack- und Kleiderspenden, ein Medienzentrum mit Laptops und W-Lan-Netz, das von Gasgeneratoren betrieben wird, eine Bibliothek und sogar einen Friseur. Es ist allerdings nicht leicht, eine Lagerstadt zu unterhalten, wenn die wirklich elementaren Strukturen fehlen. Doch rund um den Platz und in den umliegenden Straßen stehen ganze Phalanxen der Polizei, die darauf warten, dass irgendein Demonstrant eine der unzähligen New Yorker Regeln und Gesetze für das Benehmen im öffentlichen Raum verletzt, um dem Regelbruch mit Plastikhandschellen, Knüppeln und Pfefferspray eine Ende zu setzen. Sie haben sogar mobile Wachtürme aufgestellt, mit Spiegelscheiben und Funkanlagen.

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Ein grober Regelverstoß der Besetzer wäre der willkommene Grund, den Park zu räumen. Deswegen sind die Freiwilligen vom Organisationsteam bedacht darauf, dass jede der Regeln penibel eingehalten wird. Deswegen wird Naomi Klein ihre Rede gleich in Bruchstücken von nicht mehr als sechs Wörtern hintereinander halten müssen, weil die menschliche Mikrofonkette während ihres Auftritts in zwei, später sogar drei Wellen ihre Sätze bis hinüber zur benachbarten Baustelle von Ground Zero tragen wird und mehr Wörter die Kette überfordern.

Wie schnell es gehen kann, dass der bedrohliche Tanz der Polizisten und Demonstranten um das komplexe Regelwerk der Stadt in einen handfesten Straßenkampf kippt, hat man erst am Tag zuvor erlebt. Die Seiten können ja den ganzen Tag über den Atem der anderen buchstäblich im Nacken spüren. Da filmt zum Beispiel ein Demonstrant eine Gruppe Polizisten für einen der vielen Blogs der Bewegung, als sich ein Polizist direkt hinter ihn stellt und mit in den Sucher schaut. Für einen Moment starren sich die beiden in die Augen, bis der Polizist mit einem triumphierenden Schmunzeln wieder abdreht. Oder eine Polizistin starrt einen der Demonstranten, der sich kurz auf eine der Bänke gelegt hat, so lange an, bis er grummelnd den Platz wechselt.

Die Frustration ist auf beiden Seiten groß. Die Polizisten sind entnervt, weil sie die ganze Nacht in Einsatzgruppenstärke und Habachtstellung in einem der umliegenden Vestibüle oder den Seitenstraßen stehen, ohne sich vom Fleck rühren zu können. Die Demonstranten wiederum stehen unter Dauerspannung, weil die ständige Bewachung zum einen so viele ihrer Vorurteile von der feindseligen Staatsmacht bestätigt, und sie andererseits plötzliche Zugriffe fürchten, die dann oft damit enden, dass man 48 Stunden in irgendeiner Sammelzelle verbringt und ein lästiges Gerichtsverfahren wegen eines Regelverstoßes am Hals hat.

Und doch ist es wichtig, dass die Demonstranten bis an die legalen Grenzen gehen – und hin und wieder etwas darüber. Das sagt jedenfalls Bill Dobbs, einer der Sprecher der eigentlich führer- und strukturlosen Bewegung. Man sollte auch die psychologische Wirkung nicht unterschätzen, dass es weder für die dauerhafte Besetzung des Parks noch für die regelmäßigen Protestmärsche Genehmigungen gibt. Der Vorteil einer Menge, die kaum Erfahrung mit Protestaktionen hat, ist, dass es leichter ist, zur Vorsicht aufzurufen. Niemand will seine ersten Demonstrationserfahrungen mit einer ersten Nacht im Gefängnis krönen. Wenn sich die Spannung doch einmal in einem Stoß von Gewalt entlädt, kann man oft nicht mehr sagen, wer angefangen hat, selbst wenn man direkt daneben steht.

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Wie eben am Mittwochabend, nach dem bisher größten Marsch, der auch ein Durchbruch der Bewegung war, weil fast alle der großen Gewerkschaften Flagge zeigten und ihre Mitglieder zu Tausenden aus den umliegenden Bundesstaaten mit Bussen herankarrten. Die United Auto Workers kamen, die Gewerkschaften der Stahlarbeiter, der Lehrer, der Krankenpfleger, der Dachverband AFL-CIO gab seinen Segen. Viele der Gewerkschaftler markierten ihre Grüppchen mit einheitlichen T-Shirts. Es gab sogar Genehmigungen, weil 20 000 Menschen nicht mehr im Gänsemarsch auf dem Bürgersteig marschieren können, was per Gesetz nicht genehmigungspflichtig ist, selbst wenn man Transparente trägt und Slogans skandiert. Allen war klar, dass diese Allianz für beide Seiten wichtig ist: für die Gewerkschaften, weil die neue Protestgeneration mit ihren digitalen Netzwerken und ihren übergreifenden Demografien mehr Relevanz und Wirkung hat als die verkrusteten Arbeiterzünfte. Für die Protestler, weil die Gewerkschaften Gelder und Massen mobilisieren können. Und weil sie Macht haben. Richtige Macht. Die hat der Vorsitzende der Transportgewerkschaft, John Samuelson, bewiesen, als er diese Woche verkündete, die New Yorker Nahverkehrsbetriebe würden in Zukunft bei Massenverhaftungen wie am Samstag auf der Brooklyn Bridge keine Verhafteten mehr für die Polizei transportieren. Die Gewerkschaftler waren noch kaum in ihre Busse und Hotels zurückgekehrt, da sammelte sich an der Straßenecke Wall Street und Broadway ein harter Kern von ein paar hundert Demonstranten, die lautstark forderten: „Lasst uns auf der Wall Street demonstrieren!“

Die Polizei reagierte mit einer in den Jahren unter Bürgermeister Rudy Giuliani einstudierten und während der Bush-Jahre perfektionierten Choreographie der sogenannten crowd control . Rund um die Wall Street erinnern die Straßen zwar seit dem Beginn der Proteste mit den Labyrinthen aus Stahlgattern, mit den Straßensperren, den Taschendurchsuchungen auf den Trottoirs, den Reihen der Einsatzfahrzeuge und den unzähligen Wachposten an die Wochen nach den Anschlägen des 11. September. Doch der Belagerungszustand kann innerhalb von Minuten in eine Gegenoffensive verwandelt werden. Also marschierten die Schlachtreihen auf. Die erste Reihe verriegelte die Westseite des Broadway mit orangefarbenen Plastiknetzen, die zweite Reihe postierte sich auf der Ostseite. Dann trabte die berüchtigte berittene Polizei die Straße hinunter, jene Ritter der Großstadt, die mit ihren Rössern im Gemenge eines Protestes immer wieder Angst auslösen und leichte bis schwere Verletzungen verursachen. Die stellte sich hinter den Schlachtreihen quer über die Wall Street in Formation. Das Gedränge rund um die Ecke nahm zu. Eine Gruppe Polizisten fand sich eingekesselt, plötzlich holte einer der Einsatzleiter mit seinem Schlagstock aus, seine Kollegen zogen ebenfalls ihre Knüppel aus dem Holster und innerhalb von Sekunden haben sie mit kräftigen Hieben eine Schneise um sich geschlagen.



Nun ist so ein kurzer Ausbruch der Gewalt im Vergleich zu den Massenverhaftungen, den Schlagstock- und Pfefferspray-Angriffen auf der Brooklyn Bridge am Wochenende eine Lappalie. Doch kaum hatte das Prügeln auf dem Broadway angefangen, wallte die Menge in einem Schwung um die Szene. Eine Batterie von Handyschirmen und Kameralampen flackerte auf. Minuten später schon war die Szene auf Youtube geladen, kurz darauf in den Fernsehnachrichten. Das sah nicht gut aus. So bekommt ein kleiner Vorfall maximale Wirkung.

Was die Polizei zusätzlich frustriert – die Proteste haben keine klare Organisationsstruktur. Es gibt kein Rädelsführer, die man isolieren und aus dem Verkehr ziehen könnte. Sicher, es gibt ein paar Knotenpunkte. Die befinden sich aber entweder im Internet. Oder abseits des Parks. Zum Beispiel in den Hinterzimmern eines Off-Off-Broadway-Theater im West Village. Da produziert eine Gruppe junger Journalisten und Aktivisten eine Zeitung, den Occupied Wall Street Journal. Und da laufen auch die Nachrichten von der Strasse zusammen. „Das Medienzentrum wurde verhaftet“ (ein paar Kameraleute der Proteswebseiten hatten sich zu weit in die Schlachtreihen der Polizei vorgewagt). „Zizek kommt!“ (Der Philosoph wird allerdings erst nächste Woche erwartet). Hier formiert sich auch der Geist, der an eine Bewegung glaubt, die revolutinäre Kraft entwickeln könnte. So wie am Tahrirplatz in Kairo, der so vielen Protestierenden als Vorbild dient. Oder wie in Griechenland, wo der Chefredakteur der Protestzeitung Jeb Brandt gerade die Strategien der Proteste dort studierte.
Eine leichte Paranoia gehört wie selbstverständlich zum Gestus der Revolution. Und Übergriffe wie auf dem Broadway wirken da wie Zunder.

Für Naomi Klein gehören solche Vorfälle zu den unangenehmen Begleiterscheinungen, die man vermeiden muss. Genau solche Szenen seien zwar für die Demonstranten Beweis für die Übergriffe der Polizei, für die bürgerlichen Medien aber meist das Bildmaterial, mit dem sie illustrieren können, dass ein Protest eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung ist. Viel wichtiger sei die neue Strategie, den Protest zu einer dauerhaften Einrichtung zu machen.

„Vor zehn Jahren waren die Gipfeltreffen der Weltwirtschaft unser Ziel“, sagt sie. Sie meint die Konferenz der Welthandelsorganisation in Seattle 1999, das Globalisierungsforum der Weltbank in Washington 2000, den G-8-Gipfel in Genua 2002. „Das sind flüchtige Ereignisse. Und das hat auch die Bewegung flüchtig gemacht.“ Die Strategie, sich ein klares, unbewegliches Ziel wie die Wall Street zu suchen, sei ein kluger, neuer Weg. Nur so könne die Bewegung Wurzeln schlagen. Denn so effektiv die sozialen Medien seien, um einen Protest zu organisieren, so hätten sie doch für einen inflationären Anstieg irgendwelcher Bewegungen gesorgt, die beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten wieder verschwänden. Wurzeln seien aber wichtig, denn es hätten sich nicht nur die Strategien verändert, sondern auch die Auslöser des Protests.

„Die Finanzkrise unterscheidet sich deutlich von den Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte“, sagt Naomi Klein: „Die Rettungspläne haben den Staat verändert, aber sie haben vor allem unser Wirtschaftssystem auf den Kopf gestellt. Deswegen sind diese Leute heute hier, um vor der Zitadelle des Überflusses zu protestieren. Wir haben nämlich keineswegs eine Krise der Wirtschaft, sondern eine Krise der Verteilung.“

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Die Zahlen der letzten Jahre, nicht nur in den USA, bestätigen den leicht marxistischen Unterton. Die Umverteilung des öffentlichen und allgemeinen Wohlstandes in den Finanzsektor hat mit den Rettungsschirmen der Finanzkrise vor drei Jahren eine Entwicklung beschleunigt, in deren Rahmen sich globale Wirtschaftseliten in einem Maße vom Rest der Gesellschaft isolieren konnten wie seit der Abschaffung des Feudalismus nicht mehr. So verstehen sich auch die Demonstranten vom Liberty Park quer durch alle ideologischen Färbungen – als die 99 Prozent der Bevölkerung, die nicht zum magischen einen Prozent der Reichen und Superreichen gehören. Es war jedoch nicht nur die Umverteilung, sondern auch die rasche Abfolge sogenannter jobless recoveries nach den Rezessionen der letzten zwanzig Jahre.

Überall im Park hört man Geschichten von Leuten jeden Alters, die seit dem Begin der Krise ihren Job, ihr Haus, ihre Firma verloren haben. Ian Williams zum Beispiel, 27 Jahre alt, ein freundlicher junger Mann, der eine Titaniumbrille trägt und eine Holzfällerjacke. Er hat alles richtig gemacht. Stammt aus einer soliden Bürgerfamilie in Vermont, hat an der McGill University in Montreal studiert, seinen Abschluss in ostasiatischen Studien gemacht. Kaum war er mit dem College fertig, brach die Lehman Brothers Bank zusammen. Da war er fucked , wie es hier so schön heißt. Seit drei Jahren schlägt sich Ian mit Gelegenheitsjobs durch. Er hat für ein Regierungsprogramm gearbeitet, das Einwanderern hilft. Das Gehalt lag allerdings unterhalb der Armutsgrenze von 11 000 Dollar pro Jahr, weil das Programm niemanden anstellen kann, sondern nur „bezahlte Freiwillige“ beschäftigt. Es folgten Jobs als Barkeeper, Skilehrer, Lagerarbeiter. Die Abzahlung seines Studienkredits darf er zum Glück stunden. Aussichten: finster. Pläne: irgendwie weiterstudieren.

Nicht alle Geschichten sind gleich so hoffnungslos. Das ändert nichts am Zorn. Debbi McCulloch verdient als Krankenschwester in Cape Cod beispielsweise immerhin 90 000 Dollar im Jahr. Ihr Lebensgefährte John Hopkins hat eine gut gehende Baufirma, die im Jahr 250 000 Dollar abwirft. Doch das Gesundheitswesen baut überall Stellen ab. Hopkins erhöht seit Jahren die Leistung mit schwindendem Ertrag. „Alles was ich will, ist, dass die Konzerne und die Superreichen Steuern bezahlen wie ich“, sagt er.

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Das müssen sie seit den Bush-Jahren nicht mehr. Und Obama hat es nicht geändert. Niemand weiß, wohin sich die Bewegung entwickeln wird. Alle sind sich einig, dass es noch zu früh ist, um eine klare Linie festzulegen. Als Naomi Klein dann auf einer der Granitbänke steht und ihre Rede langsam deklamiert, die von der Menge nachskandiert wird, sagt sie gleich zu Beginn: „Lasst euch nicht darauf ein, medienfreundliche Forderungen zu stellen. Warum wollt ihr euch jetzt schon eingrenzen lassen? Schaut lieber, wie weit ihr noch wachsen könnt!“

Wenige Stunden vor Naomi Kleins Auftritt hat Präsident Obama erstmals zugegeben, dass die Protestierenden vom Liberty Park „den Frustrationen mit dem Finanzsystem“ eine Stimme geben. Überall im Land formieren sich jetzt Zentren des Protests. Und für den 15. Oktober haben Protestgruppen in aller Welt einen globalen Aktionstag ausgerufen. Die New York Times hat den Protest mit dem Marsch der Gewerkschaften am Donnerstag zum ersten Mal zur Titelgeschichte gemacht. Und am Freitagmorgen beginnt der Starautor der New York Times , Paul Krugman, seine Kolumne über die Proteste mit den ersten beiden Zeilen des Protestsongs „For What It’s Worth“, den die Gruppe Buffalo Springfield 1967 herausbrachte: „There’s something happening here. What it is ain’t exactly clear.“

Irgendetwas geschieht hier. Was genau, ist nicht ganz klar. Kaum jemand zweifelt daran, dass sich im Liberty Park von New York gerade eine Gegenkultur formiert, die Bestand haben könnte. Wenn der Wind in den nächsten Wochen auf Nordwest dreht und aus den kanadischen Ebenen die Kälte in die Stadt bläst, wird die Besetzung des Parks ein Ende finden. Doch es geht ein Schauer der Bestätigung durch die Menge, als Naomi Klein ihre Rede mit den Worten beschließt: „Lasst uns diesen wunderbaren Moment so behandeln, als sei er das Wichtigste der Welt. Denn das ist er. Das ist er wirklich.“

iPhone-Fotos: Kens Schles (5), Foto Naomi Klein: A. Kreye


04.10.11 | 11:29 | 0 Kommentare

Revolution Zeitgeist

02.09.11 | 18:49 | 4 Kommentare

Digitale Ideologie



(Leitartikel aus der Wochenend-SZ vom 3.9.2011, von Andrian Kreye) Wer das Internet und seine Wirkung begreifen will, kommt mit technischem Verständnis nicht weit. Das zeigt die Aufregung um die Enthüllungsplattform Wikileaks. Die ist in diesen Tagen wieder groß. Das liegt zum einen daran, dass nun das gesamte Datenpaket diplomatischer Depeschen und Akten verschiedener Geheimhaltungsstufen aus den amerikanischen Ministerien für jedermann mit etwas Geschick einsehbar im Internet zirkuliert.

Die Aufregung um Wikileaks und seinen Gründer Julian Assange ist aber auch deswegen so groß, weil der Fall beispielhaft ist für den Kampf der Internet-Ideologien. Dass dieser Kampf nicht zu unterschätzen ist, belegt die Geschichte der Computerkultur und des Internets selbst. Denn das digitale Zeitalter ist nicht nur von einer technischen Entwicklung geprägt, sondern von Anfang an auch von der Fortsetzung der gesellschaftlichen Konflikte der sechziger und siebziger Jahre. Genauso wie die Geschichte der Bürgerrechtsbewegungen, ist die Entwicklung der digitalen Welt von klaren Ideologien bestimmt.
 
Wie in alle Ideologien werden in den digitalen Debatten entweder progressive Heilsversprechen abgegeben oder konservative Untergangsszenarien ausgemalt. Die Debatte ist dabei längst verhärtet, als gelte George W. Bushs Maxime aus dem Krieg gegen den Terror: Wer nicht dafür ist, ist dagegen.

In den Frühzeiten der Computerkultur verliefen die Fronten noch entlang den traditionellen gesellschaftlichen Spannungsfeldern. Die schrulligen Ingenieure und Informatiker, die sich im Norden von Kalifornien aufgemacht hatten, die Welt mit Lötkolben und Platinen zu verändern, waren nicht nur technologische Revolutionäre. Sie waren dem Geist der Hippies aus der Bay Area näher, als den Investmentbankern, die sie schon bald mit Kapital versorgten. Firmengründer wie Steve Jobs von Apple und Bill Gates von Microsoft hatten eine Welt herausgefordert, in der elektronische Rechner eine Domäne der staatlichen Institutionen und Konzerne waren. IBM konzipierte seine Computer für die Nasa und das Pentagon, für Banken und Börsen. Hingegen wollten Jobs und Gates Rechner für alle. Das war ein revolutionärer Gedanke, der die Gesellschaft in den nächsten dreißig Jahren in einem ähnlichen Maße verändern sollte, wie die Emanzipationsbewegungen in den dreißig Jahren davor.
 
Das Heilsversprechen der Revolutionäre war bald schon das Dogma der digitalen Kultur: Der Computer sollte das Volk für wenig Geld mit dem Zugang zum Weltwissen und mit den Produktionsmitteln der neuen Medienwelt ermächtigen. Neue Netzwerke sollten eine weltweite Gemeinschaft schaffen. Die neue Macht der computerisierten Bürger sollte die Politik verändern und neuen Wohlstand schaffen. Vor allem aber galt der Schlachtruf: Die Informationen sind frei. Julian Assanges Ideologie von der radikalen Transparenz war da nur ein logischer nächster Schritt.
 
Doch wie alle ideologischen Heilsversprechen stoßen auch die Verheißungen des digitalen Zeitalters an die Grenzen einer Wirklichkeit, in der die Menschen keineswegs so gut sind, wie die Ideologien es behaupten. Die Visionen lassen sich eben nicht so leicht in Realität übersetzen. Die Freiheit der Informationen zerstörte beispielsweise in der Kultur- und Medienindustrie viel Altes, ohne Neues zu schaffen.

Verlage, Plattenfirmen und Filmverleihe büßten durch digitale Kopien viel Geld ein. Den Verlust trugen aber nicht die Stars, sondern die weniger bekannten Autoren, Musiker und Schauspieler.
 
Das aber ist immer das Risiko der Revolution: Sie kann verkrustete Strukturen aufbrechen – ob danach aber etwas Neues oder gar etwas Besseres folgt, ist nie sicher. Die digitale Welt unterscheidet sich da kaum von der analogen. Die Stagnation nach der ersten Euphorie im arabischen Frühling erinnert entfernt an die Krise der Musikindustrie. In beiden Fällen wurden Machtzentren geschliffen. Aber es entstanden keine Strukturen, aus denen Neues erwachsen konnte.
 
In der digitalen Welt sind die Revolutionäre von einst nun die Mächtigen der Gegenwart. Nach einer kurzen Phase der Ermächtigung des digitalen Volkes haben Apple, Macintosh, Google und Facebook die Macht wieder an sich gerissen. Der amerikanische Internet-Theoretiker Jaron Lanier spricht vom „local-global flip“. In dieser Theorie, auch als „Lanier Effect“ gehandelt, wird der grundlegende Wandel der Netzwelt erklärt, in der jeder Einzelne im Internet in eine vermarktbare Einheit verwandelt wird – der User als Spielball globaler Kräfte. Wer einst als gleichberechtigter Akteur innerhalb eines großen Netzes vor seinem lokalen Rechner saß, zappelt jetzt im neuen Netz, einem Fanginstrument von Machtmonopolen globaler Konzerne. Der Schalter ist umgelegt (flip).
 
Diese Konzerne wiederum entwickeln ihre eigenen Ideologien, wie sie durch den Netznutzer Geld verdienen können. Apple setzt auf ein in sich geschlossenes Kontrollsystem, in dem jedes Datenpaket zwar Geld wert ist, der Geldfluss aber von Apple als einzigem Zwischenhändler kontrolliert wird. Google wiederum setzt auf eine radikale Offenheit, in der die Daten selbst wertlos werden, und nur Google über das Netz an sich die Daten noch zu Geld machen kann. Google nämlich verfügt über die Mittel zur Kontrolle des Chaos: über die Suchmaschinen. Facebook und Microsoft funktionieren auf ihre Weise ähnlich. Facebook will die absolute Kontrolle über seine Nutzer. Microsoft will in einem unkontrollierten System mit seiner Suchmaschine Bing und seinem Betriebssystem Windows die Grundlagen des digitalen Lebens liefern.
 
In diesen Kampf zwischen einer Ideologie der Kontrolle und einer Ideologie der Offenheit stieß nun Julian Assange mit seiner Forderung, die politischen Massen wieder stark zu machen mit dem Werkzeug radikaler Transparenz. Assange war ein Nachzügler in einem ideologischen Kampf, der – getreu des „Lanier Effekts“ – längst woanders ausgetragen wird. Was Assange nicht verstand: Transparenz kann ihr Heilsversprechen von Demokratie und Freiheit nur einlösen, wenn sie gezielt und lokal umgesetzt wird; wenn beispielsweise in einem Land wie Tunesien oder Ägypten das Ausmaß der Korruption enthüllt wird. Weil der Wikileak-Datensatz von 251 287 Akten aber undifferenziert Geheimnisse aus aller Welt offenbart, entsteht nur Chaos.
 
Letztlich wird das Netz nur dann dem Gemeinwohl dienen, wenn eine aufgeklärte Zivilgesellschaft im Internet eine neue Form des Gesellschaftsvertrags findet. In den neuen Formen des Open Government beispielsweise, die politische Transparenz schaffen, die Bürger verstehen und nutzen können. In sozialen Netzwerken, die Ordnung in chaotische Situationen bringen, wie die Nothilfenetze in Haiti und Japan.
 
Um das Netz zur sinnvollen gesellschaftlichen Kraft zu machen, braucht es vor allem Bildungsarbeit. Natürlich verspricht Pragmatismus nie so viel Glamour wie eine Revolution. Nach den Erfahrungen der Menschheit mit Ideologien weiß man aber, dass nur Pragmatismus am Ende weiter hilft.


Jaron Lanier über den "local-global flip" - hier (Video)

15.07.11 | 20:00 | 1 Kommentar

TED Global 2011/8: Traum von der Revolution

Tahndie Newton

(Von Andrian Kreye) Angesichts der Melange aus Aufbruchsstimmung, Zukunftsglaube, Optimismus und den Glauben an eine bessere Welt auf dem Ideenfestival der Ted-Konferenz in Edinburgh bleibt der Vergleich mit der jüngeren Geschichte nicht aus. Was sich da abbildet ist eine Art positiver Backlash gegen den Zynismus und Kulturpessimismus der neunziger und Nullerjahre. Was der Aufbruchsgeneration des 21. Jahrhunderts zum Glück fehlt sind die unangenehmen Seiten der 68er-Vorväter, die Besserwisserei, die esoterischen Verwirrungen und die ideologischen Verhärtungen. Und doch gibt es da einen unangenehmen Moment, der sich durch die Vorträge und Gespräche zog – die heimliche Sehnsucht nach einer Revolution, der Traum, dass die Aufbruchsstimmung in den Wissenschaften, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erneuerungen in den Schwellen- und Entwicklungsländern Teil eines radikalen Wandels sind.

Die Revolutionsromantik hat sich in diesem Jahr gerade auf der Ted Konferenz nicht nur in den Köpfen, sondern auch auf den Bühnen manifestiert. Immerhin sind gut über einhundert der 850 Teilnehmer und Sprecher aus jenen Ländern, in denen Revolution keine Metapher, sondern politische Realität sind. Ted spielt da mit seinen unabhängigen Tedx-Ablegern schon eine kleine Rolle, die vom Kernteam in New York weder geplant noch gesteuert war. Houssem Aoudi kann da Geschichten erzählen, ein junger Berater für digitale Strategien und der Veranstalter der beiden Tedx Carthage-Konferenzen in Tunis. Wenn er da etwas schüchtern auf dem Podium steht und berichtet, wie er mit Gleichgesinnten das Tedx-Format als neutrale Plattform fand, wie die Regierung nach der ersten der beiden Konferenzen im September vergangenen den Tedx-Sprecher und Blogger Slim Amamou verhaften ließ, der dann in der nachrevolutionären Regierung Minister für Jugend und Sport wurde, dann ist das einer der Momente, an denen man auch im klimatisierten Konferenzzentrum von Edinburgh den rauen Atem der Geschichte verspürt.

Nadia al-Sakkaf

Es gab einige solcher Momente in diesem Jahr. Der Auftritt der jungen Chefredakteurin der englischsprachigen Yemen Times Nadia al-Sakkaf zum Beispiel. Die hatte ihren Posten von ihrem Vater und ihrem Bruder übernommen, die beide aus politischen Gründen ermordet wurden. Nun kämpft sie für einen modernen Jemen und versteht sich als Teil des arabischen Frühlings in ihrem Lande. Oder die Präsentation des Stars der französischen Street-Art-Szene JR. Der hatte mit seinem „Inside Out“-Projekt den Ted-Preis 2011 gewonnen. Seit 2004 sammelt JR Porträtfotos von Durchschnittsbürgern aus den sozialen Brennpunkten zunächst aus Paris, dann aus den Palästinensergebieten, afrikanischen Megacities und brasilianischen Favelas. Die bläst er zu Plakaten auf, die dann wiederum an den Orten der Fotografierten aufgehängt werden. Mit seinem Preisgeld verwirklichte er im Frühjahr ein Projekt in Tunesien, bei dem die allgegenwärtigen Propagandaporträts des geschassten Diktators Ben Ali mit solchen Plakatbildern tunesischer Normalbürger überklebt wurden.

Sicher bleibt die Revolution für die meisten der Ted-Teilnehmer eine Metapher. Trotz der Öffnung für einen jungen Dialog mit Entwicklungs- und Schwellenländern bezahlen die meisten Besucher der Ted-Konferenz immer noch fünftausend Euro für die Woche. Sie sind hier stellvertretend für eine Wohlstandsgesellschaft, die seit dem Mauerfall von einem verwirrenden Zeitalter der Umbrüche chronisch überfordert wird. Revolution ist die romantische Vorstellung von einem kathartischen Neuanfang. Auch wenn einer der Konferenzgäste, der New Yorker Medienwissenschaftler Clay Shirky, in seinem Essay „Thinking the unthinkable“ davor warnte, dass Revolution in der Geschichte vor allem das Ende einer Ära bedeutete, das nicht keine Kontinuität garantiert, sondern nur die Stunde Null.

Nun ist es eine historische Gnade, dass die politischen Revolutionen in der Wohlstandswelt seit dem 2. Weltkrieg kein Thema sind und die gesellschaftlichen Umwälzungen seit 1968 allerhöchstens marginal. Doch die technologischen und wissenschaftlichen Revolutionen reichen, um eine tiefe Unsicherheit zu erzeugen, die sich nach der Greifbarkeit einer traditionellen Revolution auf der Strasse sehnt.

Kevin Slavin

Einer der Schlüsselsätze fällt im Vortrag des Videospiel-Pioniers Kevin Slavin, der sich mit der „Algoworld“ beschäftigt, der Welt der Algorithmen. „Wir schreiben Dinge, die wir nicht mehr lesen können“, sagt er. Die Algorithmen der Alltagswelt haben längst ihre eigene Dynamik entwickelt. Slavin erzählt von den zweitausend Physikern, die inzwischen an den Börsen der Wall Street beschäftigt sind, um das so genannte „Black Box Trading“ zu programmieren, das inzwischen 70 Prozent des Wertpapierhandels bestimmt. In Mikrosekunden tätigen da Algorithmen Käufe und Verkäufe mit enormem Volumen. Wie real die Auswirkungen dieser Algorithmenwelt ist, zeigt er an zwei sehr realen Phänomenen. In Manhattan laufen die Leitungen des Internets im „Carrier Hotel“-Gebäude an der Hudson Street zusammen. Weil der digitale Knotenpunkt aber eine knappe Meile von den Börsen der Wall Street entfernt sind, laufen die Algorithmen der Handelsinstitute mit acht Mikrosekunden Verzögerung. Das führte dazu, dass sich die ersten Investmentfirmen vom traditionellen Bankenviertel vom Süden der Insel in die Nähe des Carrier Hotels in Tribeca gezogen sind. Und um den Handel mit Chicago zu beschleunigen wird derzeit ein massiver Datenkorridor zwischen den beiden Städten gebaut. Ein monumentales Bauprojekt, das mit viele altmodischem Dynamit durch die Landschaft getrieben wird, und bald schon den transkontinentalen Algorithmenhandel um drei Mikrosekunden beschleunigen soll.

Da manifestiert sich eine beunruhigende Macht der digitalen Revolution, die ihr Echo in der beunruhigenden Geschwindigkeit der biotechnischen Revolution ihr Echo findet. Das Mooresche Gesetz der digitalen Revolution, nach der sich alle 18 bis 24 Monate die Leistungsfähigkeit der Rechner verdoppelt, hat die Gentechnik mit einem wissenschaftsgeschichtlichen Turboeffekt vervielfacht. Als Benchmark gelten da die Kosten für die Entschlüsselung eines kompletten Humangenoms, die in nur zehn Jahren von drei Milliarden auf 50.000 Dollar gefallen sind.

Die Designerin Daisy Ginsberg versucht dieser Revolution Herr zu werden. Mit ihrer Firma Synthetic Asthetic sucht sie nach Wegen, um die Kluft zwischen der wissenschaftlichen Revolution und dem Normalverbraucher zu überbrücken. Sie sucht derzeit nach einer Designsprache für die Biologie, eine Art Benutzeroberfläche, die aus der abstrakten Programmiersprache der Genetik eine nachvollziehbare Anwendung machen kann.

Ted Auditorium

Gentechnische Designideen sind dann am Ende einer vollen Woche einer der Punkte, an dem jener Zustand eintritt, der im Konferenzjargon „Tedlag“ heißt. Wenn die Überfrachtung mit neuen Ideen Sättigungsgrenze erreicht hat, wenn die letzte Bekanntschaft mit einem Aktivisten aus Tunesien, einem Unternehmer aus China oder einem Wissenschaftler aus dem Silicone Valley gemacht ist, wenn die letzte Vision diskutiert wurde, übermannt einen eine mentale und soziale Erschöpfung, die eine Art intellektuelles Läuferhoch. Im Fazit war der Umzug von Oxford nach Edinburgh war für die europäische Ted-Konferenz nicht nur ein geografischer Neuanfang. Was fehlten waren die großen Namen, die Milliardäre, die Hollywood- und Rockstars, die Ted so gerne besuchen. Auch auf der Bühne gab es letztlich nur zwei wirklich bekannte Gesichter, die Schauspielerin Thandie Newton und der Bestsellerautor Malcom Gladwell (die beide außer Glamour nur Anekdotisches zu bieten hatten). Für die Rolle der Ted-Organisation als Gradmesser für den Puls eines Zeitgeistes und Katalysator für globale Dialoge ist das nicht das Schlechteste. Was wirklich bleiben wird von den Ideen und Visionen wird sich zeigen. Das aber ist keine neue Weisheit, sondern ein Zitat von Thomas Alva Edison aus dem frühen 20. Jahrhundert: „Genie besteht zu einem Prozent aus Inspiration und zu 99 Prozent aus Schweiß.“

Fotos: Thandie Newton; Nadia al-Sakkaf; Kevin Slavin; Ted Global Auditorium; by James Duncan Davidson / TED

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