05.05.13 | 20:55 | 0 Kommentare

Allmachtsphantasien

(Von Andrian Kreye) Die Binsenweisheit ist ein perfides rhetorisches Mittel. Normalerweise ist sie Anzeichen für die Selbstüberschätzung unbegabter Autoren. In den Texten von Autoritäten ist die Binse allerdings ein Vehikel für Ideologie und Dogma. Gerade deswegen ist das Buch 'Die Vernetzung der Welt - ein Blick in unsere Zukunft' der beiden Google-Spitzen Eric Schmidt und Jared Cohen so interessant. Als Grundlagenliteratur empfehlen sich hier aber nicht die Bücher sogenannter Digerati wie Clay Shirky, David Gelernter und Jaron Lanier, die dem rätselhaften Phänomen der Computertechnologien und -netzwerke mit intellektueller Schärfe auf den Grund gehen. Man sollte eher die Texte von Baghwan Shree Rajneesh, dem Dalai Lama oder L. Ron Hubbard lesen, um die Technik der Dogmabinse kennenzulernen.

Das allseits Bekannte, das Selbstverständliche und Faktische sollen in solchen Texten Vertrauen in die Wahrhaftigkeit des Textes schaffen und die Autorität der Verfasser zementieren, die dann ihre eigentliche Botschaft nicht nur glaubwürdig absetzen, sondern auch in einen universalen Gültigkeitsanspruch stellen können. In 'Die Vernetzung der Welt - ein Blick in die Zukunft' liest man dann zum Beispiel, dass die Zahl der Internetnutzer im ersten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts von 350Millionen auf mehr als zwei Milliarden gestiegen ist, und dass ein einfacher Bauer in der afrikanischen Savanne heute über sein Handy das gesamte Weltwissen abrufen kann. Es geht um die digitale Identität, um Cyberkrieg und Effizienz, um Staaten, Revolutionen, Terror und Gesellschaft. Das meiste, was auf den mehr als 400 Seiten steht, kennt man selbst als durchschnittlich informierter Leser aus Büchern, Artikeln und Netzbeiträgen.

Was zunächst verwundert, ist, dass dieses Buch zwar von dem Mann verfasst wurde, der Google von 2001 bis 2011 aus der Start-up-Nische in die Marktführerschaft gesteuert hat. Als Koautor holte er sich einen ehemaligen Berater des US-Außenministeriums, der nun die Abteilung 'Google Ideas' leitet. Der Konzern wird aber so gut wie nicht genannt. Das ist erst mal enttäuschend.

Wenn sich Schmidt und Cohen mit der Zensur in China befassen, erwartet man endlich die wahre Geschichte des heftigen Machtkampfs zwischen Google und der Partei. Wenn es wie in jeder techno-optimistischen Abhandlung dieser Tage um den arabischen Frühling geht, will man wissen, wie der Konzern darauf reagierte, dass in Wael Ghonim ein Google-Angestellter zu einer der Schlüsselfiguren des Mubarak-Sturzes wurde, und ob man ihm beistand oder nicht. Bei den Themen Urheberrecht und Privatsphäre erfährt man nichts über Googles Kämpfe mit den deutschen Gerichten, der Gema und den Berliner Ministerien.

Es dauert eine Weile, bis man begriffen hat, warum es vordergründig gar nicht um Google gehen soll. Dann aber ist das Buch nicht mehr enttäuschend, sondern gespenstisch. All die Binsen, die ewig gleichen Anekdoten, Fortschrittsfabeln und Statistiken sind nichts anderes als Vehikel für eine Botschaft, die Schmidt und Cohen in einem Trommelfeuer prophetischer Behauptungen formulieren. Sie schreiben in einer Art imperativem Futur, der keine Zweifel zulässt. Denn in ihrem Zukunftsbild spielen die digitalen Medien eine ähnlich epochale Rolle bei den von ihnen beschworenen Umwälzungen in den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, wie die Volks- und Arbeiterbewegungen des 20. Jahrhunderts und die industrielle Revolution zusammen. Die Konkurrenz wird dabei durchaus benannt. Wenn es um die Gefahren der digitalen Welt geht, sind die Lücken im System bei Twitter, Facebook und Sony zu finden, niemals bei Google.

Die Visionen der digitalen Zukunft, die Schmidt und Cohen dabei in den ersten Kapiteln präsentieren, sind zunächst einmal von einer naiven Dürftigkeit. Da steht recht früh im Text die Binse: 'Für Menschen aller Schichten wird die Vernetzung deutlich erschwinglicher und einfacher werden.'

Dann fabulieren sie von einem Holodeck, wie man es aus 'Raumschiff Enterprise' kenne, das könnte schon bald das Unterhaltungsmedium der Zukunft sein. Damit könne man sich dann an einen Strand versetzen, an dem man einen Auftritt von Elvis Presley erlebt. Das ist eine so armselige Vorstellung von der digitalen Zukunft, dass man noch einmal kurz auf die Umschlagklappe schaut, ob der Koautor wirklich eine Abteilung namens Google Ideas leitet.

Es folgen dann noch ein paar Alltagsszenarien, die sich irgendwo zwischen der Frühstücksmaschine aus der Kinderserie 'Wallace & Gromit' und dem Retrofuturismus auf den Hobby-Titelblättern des Illustrators Klaus Bürgle einpendeln.

Doch solche allzu schlichten Zukunftsbilder haben eine ähnliche Funktion wie die Info-Binsen. Sie sollen den Leser darauf vorbereiten, die Kernbotschaft des Buchs bereitwilliger zu schlucken. Denn die Zukunft, da sind sich Schmidt und Cohen sicher, wird nicht nur einen digitalen Alltag, sondern eine grundlegende Erschütterung der bestehenden Verhältnisse durch digitale Katalysatoren bringen. Nur wer bereit ist, sich der digitalen Welt hinzugeben, wer mit ihr verschmilzt und sein digitales Ich so schätzt und pflegt wie seine irdische Existenz, der wird Teil dieser Zukunft sein, die so vieles verspricht. Da aber wird die Ideologie zum Heilsversprechen.

Die neuen Kräfte der Transparenz werden demnach die Mächtigen in die Pflicht nehmen. Die Erfassung sämtlicher Lebensbereiche in einem Paralleluniversum der Datenströme soll Sicherheit, Wohlstand und Gesundheit bringen. Die radikale Demokratisierung der Informationen, des Wissens und der Bildung bedeutet eine Ermächtigung der ohnmächtigen Massen. Auch solche Ideale sind längst Binsen. Doch bei einem Buch, das zwar nicht das Firmensignet, aber doch zwei prominente Namen aus der Spitze von Google auf dem Cover trägt, bedeutet die Feier einer solch durchgreifenden globalen Demokratisierung nichts anderes als die Rechtfertigung einer neuen Monopolisierung.

Nun sollte man die Allmachtsphantasien von Wirtschaftskapitänen normalerweise nicht zu ernst nehmen, nur weil sie sich in der Mitte des Lebens berufen fühlen, ihre vermeintliche Weisheit in Buchform zu bringen. Wie so viele andere Techno-Utopisten auch blenden sie in ihrem Weltbild aus, dass die digitalen Technologien bisher keineswegs so grundlegende und positive Umwälzungen mit sich brachten wie die industrielle Revolution. Die vielbeschworene Transparenzkultur war bisher vor allem ein Skandal, den Julian Assanges Wikileaks mit einem einzigen Datensatz entfesselte. Big Data resultierte bisher vor allem in einer Optimierung hübscher Infografiken. Von der Ermächtigung der Massen und der Demokratisierung des Wohlstandes, die Elektrizität, Verbrennungsmotoren und Massenmedien im 20. Jahrhundert auslösten, sind die digitalen Technologien noch weit entfernt, auch wenn sie ein paar Geschäftsmodelle in Medien, Kultur und Kommunikation zunichte machten.

Der Allmachtsanspruch, den Schmidt und Cohen formulieren, geht jedoch weit über das traditionelle Monopolstreben hinaus. Im Konkurrenzkampf der digitalen Industrie geht es neben wirtschaftlicher vor allem um kulturelle, gesellschaftliche und politische Macht. Bisher lautete das Motto der Firma 'Don"t be evil'. In der Kommunikation nach außen wurde das immer als Neutralitätsideal vermittelt. Google produzierte die Werkzeuge, die Welt die Inhalte. Mit 'Die Vernetzung der Welt' hat Eric Schmidt dieses Ethos aufgekündigt.

01.04.13 | 19:02 | 7 Kommentare

Diktatur der Perfektion


Bisher analysierte die Internet-Kritik Risiken und Folgen – jetzt greift sie die digitale Ideologie an


(Von Andrian Kreye) Wer das Internet kritisiert, ist ein Kulturpessimist. Zumindest muss er sich als solcher beschimpfen lassen, und es ist nicht leicht, diesen Vorwurf zu entkräften. Zum einen, weil die digitale Infrastruktur eine allgegenwärtige Tatsache des Lebens im 21. Jahrhundert ist. Natürlich wird niemand die technologische Entwicklung aufhalten oder gar rückgängig machen. Zum anderen gelten digitale Technologien als Beschleuniger unzähliger positiver Entwicklungen, egal ob es die politischen Befreiungsbewegungen des arabischen Frühlings, der Anstieg des globalen Lebensstandards, oder die Optimierung des Gesundheitswesens der Bildung und des Handels sind. Die Kehrseiten digitaler Technologie gelten als vergleichsweise harmlos. Das Internet produziert ja weder Treibhausgase, noch radioaktiven Abfall.

Der Mangel an kritischen Stimmen hat aber vor allem einen intellektuellen Grund, denn die Kritik am Internet hatte bisher einen Schwachpunkt. Fast alle Texte beschränkten sich auf eine Analyse der Risiken und Nebenwirkungen. Ein Großteil dieser Abhandlungen waren wissenschaftlich fundierte Grundlagentexte. Nicholas Carrs „The Shallows“ und Frank Schirrmachers „Payback“ führten den Beweis für den intellektuellen Sinkflug der digitalisierten Gesellschaft mit den Erkenntnissen der Hirnforschung. Jaron Laniers Essay „Digital Maosim“ untersuchte die destruktive Macht der digitalen Masse mit dem Furor der Politikwissenschaft. Sherry Turkle erforschte in ihrem Buch „Alone Together“ die Vereinsamung in den sozialen Netzwerken mit Hilfe der Soziologie. Jonathan Zittrain erklärte die gesellschaftlichen Gefahren in „The Future of the Internet“ mittels technischer Details.

Jede dieser Kritiken konnte man aber gerade deswegen so leicht als Kulturpessimismus entkräften, weil die digitalen Technologien trotz der rasanten Fortschritte immer noch am Anfang stehen. Für jedes Problem, so die vorherrschende Meinung, wird es eine Lösung geben. Genau an diesem Punkt setzt nun der Kulturkritiker Evgeny Morozov mit seinem neuen Buch an.

Der Titel „To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism“ (Um alles zu retten, klicken Sie hier: der Aberwitz des technologischen Lösungsdogmas) klingt viel zu burschikos. Morozov liefert mit seinem Buch nämlich die lange überfällige Ideologiekritik der digitalen Kultur. Sein „Solutionism“ ist eine Diktatur der Perfektion, die er im Zentrum der digitalen Kultur, dem Silicon Valley verortert. Und es gibt wahrscheinlich keinen Autor, der sich dafür so eignet wie er. Denn mindestens so wichtig, wie seine akademische Brillanz und sein scharfer Intellekt, ist seine Biografie.

Seine Karriere ist zunächst einmal beeindruckend. 1984 im weißrussischen Salihorsk geboren, ging er nach der Schule mit einem Stipendium von George Soros Open Society Institute an die American University in Bulgaria. Nach einer kurzen Zeit in Berlin zog er in die USA, wo er zuerst an der Georgetown University arbeitete, bevor er 2010 als Fellow der New America Foundation an die Stanford University ging. Neben seiner akademischen Arbeit schrieb er für Zeitungen und Zeitschriften wie New York Times, The Economist, Wall Street Journal und das London Review of Books.

Der Schlüssel zu seiner Arbeit sind jedoch nicht nur seine Bildung und seine frühen Erfolge, sondern die Tatsache, dass er nach einer Kindheit und Jugend im Totalitarismus der Sowjetunion und Lukaschenkos Weißrussland im Zentrum der digitalen Euphorie gelandet ist. Kaum ein Vertreter der digitalen Elite (und zu der zählt er trotz seines jugendlichen Alters und seiner scharfen Kritik seit nun schon gut vier Jahren) hat einen so zielsicheren Instinkt für die ideologischen und totalitären Strömungen der digitalen Welt. Als Kind einer Welt voller Dogmen, Zwänge und Repressalien versetzen ihn die Allgemeingültigkeits-Ansprüche und Heilsversprechen der digitalen Industrie und ihrer Propheten regelmäßig in publizistische Panikzustände.

Da schleicht sich schon mal ein paranoider Gedankengang ein. Wenn er in seinem Buch zum Beispiel von neuen Computersystemen erzählt, die das Kochen mit Hilfe von Kameras und Datenbanken perfektionieren. Das bringe die Gefahr, dass jedes Schnitzelbraten einen Datensatz erzeugt, den zunächst die Industrie für ihre Zwecke nutzt, den aber auch Versicherungsgesellschaften auswerten könnten, um dann die Krankenversichungsraten den Essgewohnheiten des Schnitzelbraters anzupassen.

Mit solchen Szenarien schließt er an sein erstes Buch „The Net Delusion“ an. Da warnte er im vergangenen Jahr, dass jede Diktatur das Internet noch viel effizienter für die Unterdrückung nutzen kann, als jeder Volksbewegung für die Befreiung. Seine Kritik an den leeren Versprechungen von den digitalen Medien als Motor der demokratischen Befreiung war umfassend und prophetisch. Und auch wenn sie noch nach dem bekannten Muster der Risiko- und Nebenwirkungs-Analyse funktionierte, zeigten ihm die Reaktionen erstmals, wie undifferenziert der Optimismus der digitalen Welt sein konnte.



„To Save Everything, Click Here“ benennt nun die ideologischen Verhärtungen der digitalen Kultur mit ungewohnter Schärfe.
Mit seinem „Solutionism“ definiert Morozov den Drang des Silicone Valley, Probleme zu finden oder zu erfinden, und dann die sauberen technologischen Lösungen dafür zu liefern. „Eine App für jedes Problem“. Das beschreibt er als ähnlich gefährliche Zwangsjacke, wie die Versuche des 20. Jahrhunderts, den Unzulänglichkeiten der Menschheit mit Planungsmodellen beizukommen. Und er sieht sich da in einer langen Tradition der Kritik.



„Auch wenn das Wort ’Solutionism’ noch nicht verwendet wurde, haben viele wichtige Denker seine Defizite schon angesprochen“, schreibt er. „Ich denke da besonders an Ivan Illichs Protest gegen die hocheffizienten aber unmenschlichen Systeme professioneller Bildung und Medizin, Jane Jacobs Angriffe gegen die Arroganz der Städteplaner, Michael Oakeshotts Rebellion gegen Rationalisten aller Art, Hans Jonas Ungeduld mit den kalten Bequemlichkeiten der Kybernetik.“



Schlagworte wie „Openness“ (die inzwischen obligatorische Transparenz), „Disruption“ (die Zerstörung von Konventionen), „Social“ (die Pflicht der Vernetzung) und „Quantified Self“ (die ständige elektronische Selbstbeobachtung) sind für ihn nicht mehr als hohle Formeln einer Industrie, die nichts anderes versucht, als das Leben, die Gesellschaft und die Institutionen mit ihren Mitteln zu homogenisieren. Diese Homogenisierung beruhe aber auf einem perfektionistischen Weltbild, das die Realität der Utopie opfern will. Und wie in jeder Ideologie, duldet der „Solutionism“ keine Abweichler. Das Unfertige, Unperfekte, das Zufällige und Unkontrollierbare, das Kultur und Politk bestimmt, hat keinen Platz mehr. Doch wer will sich schon vorwerfen lassen, dass er nicht daran interessiert ist, die Welt zu verbessern?



Was Morozov kritisiert, ist natürlich im Kern die Methodik der Wissenschaft und des Ingenieurwesens. Die Mechanismen aber, die Fortschritt und Perfektionswille in der digitalen Kultur zum ideologischen Zwang machen, kennt bisher niemand. Da liefert Morozov mit seinem Buch überfällige Erkenntnisse. Die Folgen der enormen Effizienz, die digitale Technologie schafft, kann man vielleicht schon beobachten. Wie man sie kanalisiert, muss nun die Debatte klären, die er damit anstößt.

08.01.13 | 20:47 | 3 Kommentare

Scharfe Grenzen

Wie das Simon Wiesenthal Center den Unterschied zwischen Israelkritik und Antisemitismus definiert

(VON ANDRIAN KREYE) Es gibt da gerade ein paar Fragen, bei denen führt der Name Simon Wiesenthal in die Irre. Denn warum der deutsche Journalist und Herausgeber der Wochenzeitung Der Freitag Jakob Augstein mit Zitaten aus seinen Spiegel-Online -Kolumnen auf der Liste der „Top-Ten der antisemitischen und anti-israelischen Verunglimpfungen“ des Simon Wiesenthal Centers gelandet ist, was diese Liste bedeutet und wo die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus gezogen wird – all das hat mit der Arbeit des berühmten Wiener Nazijägers Simon Wiesenthal nichts zu tun. Antworten findet man höchstens in der Geschichte des Centers selbst.

Zwischen den Palmenwipfeln und Villen von Beverly Hills und den Glaskomplexen von Century City ist das Simon Wiesenthal Center und das angegliederte Museum of Tolerance im Stadtbild von Los Angeles mit seinen gestaffelten Klinkerflügeln eine wuchtige Ausnahme. Als das Hybrid aus Mahnmal und Forschungseinrichtung 1993 eröffnete, war das Simon Wiesenthal Center schon eine der weltweit größten jüdischen Menschenrechtsorganisationen. So bekam das Museum auf dem Highway 10 sogar eine eigene Ausfahrttafel.

Mit Wiesenthal selbst hatte das Center nie viel zu tun. Mitte der Siebzigerjahre hatte der in New York geborene Institutsgründer Rabbi Marvin Hier Wiesenthal in Wien besucht und gebeten, der Organisation seinen Namen zu leihen. Wiesenthal willigte ein. 1977 wurde das Center offiziell gegründet. Ansonsten blieb der Kontakt sporadisch, obwohl die Arbeit des Instituts durchaus im Sinne Wiesenthals war.

Schon früh verfolgten die Rechercheure Alt- und Neonazis, Antisemiten und Holocaustleugner in aller Welt. Die Ermittler des Zentrums hatten keine Scheu, die inneren Zirkel der Hasswelt zu infiltrieren. Einer der besten Rechercheure des Zentrums, Rick Eaton, hatte in den Neunzigerjahren als eingetragenes Mitglied der Aryan Nations in Amerika Zutritt zu den Treffen der Neonazis und Versammlungen der paramilitärischen Milizen.

In Deutschland hatte er die Brückenköpfe der Neonazis im Bürgertum aufgedeckt, indem er sich als Millionär aus Australien ausgab, der in „die Sache“ investieren wolle. Dabei entdeckte er auch Spuren nach Südamerika, über die er den lange gesuchten ehemaligen SS-Hauptsturmführer Erich Priebke aufspürte, der 1944 einer der Kommandeure beim Massaker in den Ardeatinischen Höhlen gewesen war. Eaton setzte ein Fernsehteam auf Priebke an. Der wurde nach Italien ausgeliefert und dort zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die größten Erfolge hatten die Rechercheure des Wiesenthal Centers jedoch in Amerika. Gemeinsam mit der Anti-Defamation League in New York und der Bürgerrechtskanzlei Anti-Poverty Law Center in Alabama setzte das Wiesenthal Center den heimischen Nazis beharrlich zu. Rechercheure des Centers bildeten Ermittler und Beamte der Polizei aus, die Subkulturen der Nazis zu erkennen und gegen „Hate Crimes“ vorzugehen. Gleichzeitig zwangen die Bürgerrechtsanwälte des Southern Poverty Law Center Neonazigruppen mit kostspieligen Zivilprozessen in die Knie.

Heute ist der Rechtsradikalismus in den USA ein Nischenphänomen. Der Ku-Klux-Klan ist nur noch ein hasserfüllter Trachtenverein, militante Gruppen wie die White Aryan Resistance und die Aryan Nations sind bankrott, die National Alliance erholte sich nicht vom Tod, die Church of the Creator nicht von der Verhaftung ihres Führers, die großen Skinhead-Gangs sind zerschlagen. Die meisten der rechtsradikalen Organisationen, die man heute im Netz findet, sind Einzelgänger, die eine Webseite unterhalten. Die Gefahr des Einsamer–Wolf-Phänomens bleibt zwar, doch der Erfolg und der Lauf der Geschichte brachten das Simon Wiesenthal Center dazu, sich neu auszurichten.

Bis dahin war der Antisemitismus sehr eindeutig definiert. Tauchten die fünf prägenden Klischees des Antisemitismus auch nur zwischen den Zeilen auf, gab es nicht viel herumzudeuten: Da ist die Mär von der jüdischen Weltverschwörung, zu der auch das Gerücht von den jüdisch kontrollierten Medien gehört, die Sage vom jüdischen Blutopfer, die Zerrbilder vom Geldscheffler, vom rastlosen Juden und vom wurzellosen Kosmopoliten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam noch die Leugnung und Relativierung des Holocausts hinzu. So einfach ist die Definition des Antisemitismus allerdings heute nicht mehr.

Rabbi Abraham Cooper ist Marvin Hiers Stellvertreter. Er verfasst seit 2010 auch die jährliche Liste. Cooper erinnert sich noch genau an die Woche, in der ihm klar wurde, dass die Beobachtungsperspektive verändert werden musste. Wenige Tage vor den Anschlägen des 11. Septembers richtete die Uno 2001 in Durban die dritte Weltkonferenz gegen Rassismus aus. Das Wiesenthal Center war als NGO dabei. „Da gab es plötzlich wütende Proteste gegen Israel“, erinnert sich Cooper: „Und da wurde der Begriff von Israel als neuem Apartheidstaat zementiert. Das hatte in Südafrika, das damals die Apartheid noch keine zehn Jahre hinter sich hatte, eine enorme Wirkung.“ Die Wut auf Israel kippte auf den Straßen von Durban dann auch rasch in offenen Antisemitismus um. „Ein Delegierter aus Jordanien schüttelte mir die Hand, und sagte, ich sei doch hoffentlich kein Jude.“ 9/11 lenkte die Welt dann von den Ausbrüchen ab. Doch für Cooper blieb der Eindruck, Antisemitismus und Israelprotest seien zwei verwandte Phänomene, die man beobachten müsse. Damals entwarf der ehemalige sowjetische Dissident und heutige israelische Politiker Natan Scharanski den „3-D-Test“, der die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus festlegt: doppelter Standard, Dämonisierung und Delegitimierung.

Heute, elf Jahre später, haben sich die Aufgaben des Wiesenthal Centers gewandelt. Mit seinen Filialen in New York, Miami, Toronto, Jerusalem, Paris und Buenos Aires betreibt das Center viel Aufklärungs- und Bildungsarbeit. Es gibt auch noch die „Operation Last Chance“, die Efraim Zuroff von Jerusalem aus leitet und die die Suche nach den letzten überlebenden Naziverbrechern zum Ziel hat. Doch wie die Anti-Defamation League in New York ist das Simon Wiesenthal Center heute zu einem Seismografen des globalen Antisemitismus geworden. Und, der, so Cooper, finde im Internet einen Brandbeschleuniger, der bis in die Mainstream-Politik hineinwirke.

Die Annahme, der Journalist Hendryk M. Broder hätte eine Berliner Fehde über die kalifornische Bande gespielt, weist Cooper übrigens zurück. „Wir kennen Herrn Broder kaum“, sagt er: „Wir haben uns einmal beim Berliner Filmfest gesehen. Aber wir haben weder telefoniert noch gemailt.“ Broders Zitat in der Fußnote, die Augsteins Antisemitismus belegen soll, habe man in Sekundärquellen gefunden.

Und wie findet Cooper sein Material für die Liste, auf der dieses Jahr Zitate aus Ägypten, Iran, Brasilien, England, Ukraine, Griechenland, Ungarn, Norwegen, den USA und eben Deutschland zu lesen sind? „Die Zitate finden eher mich“, sagt er: „Wir haben 400 000 Mitglieder in aller Welt. Die schicken uns Sachen zu, die sie ärgern oder beunruhigen. Die Liste ist vor allem dazu da, um den Mitgliedern zu zeigen, dass wir ihre Ängste wahrnehmen.“

Fünf Zitate aus Augsteins Spiegel-Online -Kolumnen stehen dort. Natan Scharanskis „3–D-Test“ halten sie nicht stand. So ein Absatz vom 19. November 2012: „Israel wird von den islamischen Fundamentalisten in seiner Nachbarschaft bedroht. Aber die Juden haben ihre eigenen Fundamentalisten. Sie heißen nur anders: Ultraorthodoxe oder Haredim. Das ist keine kleine, zu vernachlässigende Splittergruppe. Zehn Prozent der sieben Millionen Israelis zählen dazu. Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache.“ Ohne die Knautschzonen des Kontexts findet man hier die Verbindung der Dämonisierung einer jüdischen Bevölkerungsgruppe und die Delegitimierung des israelischen Staates. Liest man die gesamte Kolumne, ist es eine Analyse der Gewaltspirale, die sich nach des Hamas-Militärchefs Ahmed al-Dschaabari entwickelte.

Oder aus der Kolumne vom 6. April: „Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs.“ Aus diesem Zitat kann man Weltverschwörung und Delegitimierung lesen. Der Kontext ist es jedoch eine Kritik der deutschen Nahostpolitik.

Als fundierte Vorwürfe des Antisemitismus taugen die Einträge nicht. Es sei denn man legt den Maßstab an, dass nicht der Kontext, sondern der Satz an sich zählt. Die Liste erhebt ja gar keinen wissenschaftlichen Anspruch. Sie ist vor allem ein Mittel, um Spender zu rekrutieren. Und für amerikanische Leser haben solche Sätze Sprengkraft.

Auf die Frage, ob er die Israelkritik der europäischen Linken nicht etwas zu streng bewerte, will Cooper nicht eingehen. Er wolle da keine Unterschiede machen. Es sei egal, wer die Grenzen überschreite. Treffen will sich Cooper mit Augstein nur, wenn sich der entschuldigt. Cooper kann von seiner Liste nicht abrücken. Das verstünden die 400 000 Mitglieder des Centers nicht. Und einen versöhnlichen Ausgang der Debatte kann es ohnehin nicht geben. Denn letztendlich geht es bei Ressentiments und Vorurteilen weniger darum, wie man sie definiert, als darum, wie sie empfunden werden.

Foto: Wikimedia Commons

24.11.12 | 11:52 | 0 Kommentare

Die Rückkehr der edlen Wilden

Immer wenn die Zukunft Angst macht, wächst die Sehnsucht nach Einfachheit, selbst wenn es nur die Nostalgie nach den Frühformen des Kapitalismus ist


(Von Andrian Kreye) Wenn man das Dorf Ipai auf der Insel Tanna im Archipelstaat Vanuatu besucht, begrüßen einen gestandene Männer mit geflochtenen Kränzen im Haar und bunten Tüchern um die Hüften. Die Frauen stampfen auf dem Dorfplatz Yam und Tarowurzeln zu Brei. Dazwischen jagen Kinder Schweine durchs Gehölz, hinter dem der Dschungel beginnt. Mit etwas Glück darf man bleiben, und wenn sich die Südseesonne dann langsam dem Horizont zuneigt, laden einen die Dorfältesten zu einer Schale Kava ein, jenem Getränk, das einen in einen wohligen Dämmerzustand versetzt. Die Ruhe, die einen am späten Nachmittag erfasst, scheint einen Urzustand der Zufriedenheit wieder herzustellen, der einem als Europäer seit Jahrhunderten fremd geworden ist.

Es ist eine trügerische Ruhe und ein täuschender Urzustand. Ähnlich wie in den meisten Weltgegenden, in denen die Urvölker in archaischen Dorfgemeinschaften leben, sind Blätterkränze, Baströckchen und Stammestänze längst nur noch Kostüm. Sie wurden den Ureinwohnern meist in den Sechziger- und Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts von wohlmeinenden Ethnologen aus den Archiven ihrer Universitäten in die Busch- und Fischerdörfer zurückgebracht. Auf den melanesischen Inseln Vanuatu, Salomonen und Papua-Neuguinea entstanden in Folge die sogenannten Kastom Villages. Das sind Brauchtumsdörfer, die althergebrachte Lebensweisen inzwischen auch für Touristen kultivieren, die dort auf der Suche nach dem authentischen Südseeparadies am vermeintlichen Ziel ihrer Sehnsüchte angelangt sind.

Diese Suche nach dem Echten in der Vergangenheit ist nichts Neues. Von der Renaissance über den Klassizismus des 18. und die Romantik des 19. Jahrhunderts wurde die Hochkultur Europas und Amerikas immer wieder von solchen nostalgischen Wellen erfasst. Meist waren das Reaktionen auf die beängstigenden Entwicklungen neuer Zeiten - der Aufklärung, der Demokratisierung, der Industrialisierung, der Moderne.

Oft war es nur ein Versuch, in vermeintlich reinen Urformen der eigenen Gesellschaft so etwas wie die verlorene Unschuld wiederzufinden. So bezogen sich Renaissance, Klassizismus und Romantik vor allem auf die Antike und ihre unverfälschten Frühformen der Zivilisation. Spätestens mit dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau kam jedoch eine handfeste Zivilisationsmüdigkeit zu den nostalgischen Verklärungen früherer Zeiten.

In seiner 'Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen' entwickelte er das Bild vom edlen Wilden. Der kannte nach Rousseau in seinem Naturzustand weder gut noch böse, vor allem aber keinen Besitz. Die Ungleichheit der Menschen kam erst mit der Zivilisation - dem Feuer, dem Ackerbau, der Sesshaftigkeit.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Zukunft wieder einmal beängstigendes Neuland. Der Fortschrittsglaube des späten 20. Jahrhunderts ist existenziellen Ängsten gewichen. Es ist nicht abzusehen, was Internet, Bio- und Nanotechnologie mit uns anstellen werden. Weltwirtschaftsprobleme haben das Urvertrauen in die Wohlstandsgefüge der westlichen Welt nachhaltig erschüttert. Kein Wunder also, dass die Verklärung der Vergangenheit und auch der edle Wilde wieder zurückkehren.

Der buchstäblich edle Wilde findet sich vor allem im Weltbild eines ökologischen Populismus, der den radikalen Verzicht als einzigen Weg der Rettung vor dem planetarischen Super-GAU erkennt. Da macht sich eine Zivilisationsmüdigkeit breit, die nicht nur den Fortschritt, sondern in ihrer letzten Konsequenz auch den Menschen an sich infrage stellt. Gerade in der Esoterik finden sich Untergangsphantasien, die noch ein Stückchen grausamer sind als die christlichen und islamischen Apokalyptiker, weil es keine Erlösung von den Sünden gibt.

Doch das Bild vom edlen Wilden findet sich längst nicht mehr nur in den radikalen Weltbildern. Die gesamte Popkultur ist derzeit von solchen rückwärtsgewandten Sehnsüchten durchsetzt. Der klassische edle Wilde hat da immer noch eine Rolle. In James Camerons Science-Fiction-Epos 'Avatar' von 2009 verteidigte der Held Jake Sully die unschuldigen Urmenschen des Planeten Pandora gegen die rohstoffhungrigen Menschen. Terrence Malick verklärte die Indianerprinzessin Pocahontas in seinem Film 'The New World' zur Lichtgestalt der Urvölker.

Solche direkten Übersetzungen des edlen Wilden sind für den Pop allerdings meist zu plump. Nicht das Urvolk, sondern die Urform wird da gefeiert. Der Eskapismus der da betrieben wird, erinnert an die Flucht der Romantik in alte Welten, die bis zum Kitsch verklärt werden.

Vor allem in den neuen Fernsehserien der gebildeten Stände findet man eine Art edle Wilde des Kapitalismus, die den undurchschaubaren Zerstörungsmechanismen des entfesselten Marktes ein archaisches Gangster-Ethos entgegensetzen, das doch so viel ehrlicher und moralischer zu sein scheint als der Raubtierkapitalismus der Wall Street.

Gleich die erste Serie dieser neuen Welle etablierte dieses Motiv. Die 'Sopranos' mögen eine brutale Mafiafamilie sein, doch letztlich waren sie eben - eine Familie. Wenn der Chemielehrer Walter White in der Serie 'Breaking Bad' nach der Krebsdiagnose das Auskommen seiner Familie mit Drogenhandel sichern will, dann stellt er ein urtümliches Ethos des Ernährers über die Zwänge der Gesellschaft. Und wenn er seine Konkurrenten ermordet - setzt er da nicht letztlich die Gesetze des freien Marktes in ihrer reinsten Konsequenz um?

Auch die Serie 'Mad Men' dreht sich in all ihrer politischen Unkorrektheit um die Unschuld einer sehr überschaubaren Gemeinschaft von Werbern, die erst im Laufe der Jahre ihre Unschuld verlieren und sich immer tiefer in den Morast des Kommerzes begeben. Und selbst in der Popmusik werden diese edlen Wilden des Kapitalismus gefeiert. Denn die Gangsta des Hip-Hop sind nichts anderes als Kapitalisten, die zu einer unverfälschten Urform des Handels zurückfinden: Geld gegen Ware, Blut gegen Schuld.

In all diesen Verklärungen und Bildern steckt ein finsterer Kern. Zivilisationsmüdigkeit und Romantisierung sind nichts anderes als sanfte Formen des Nihilismus. Wenn ein Wissenschaftler wie Jared Diamond nun die Urvölker, die er besser kennt als jeder andere, in seinem Buch "Vermächtnis" ganz differenziert darauf untersucht, welche ihrer Fehler und welche ihrer Weisheiten die Zivilisation verdrängt hat, dann tut er der Welt einen großen Gefallen (siehe ausführliches Interview im SZ Feuilleton von 24.11.2012). Er bricht mit den beiden ideologischen Weltbildern der Zivilisationsmüdigkeit und der Fortschrittsgläubigkeit zugleich. Was bleibt, ist Realismus.



Foto: AMC

07.11.12 | 17:00 | 3 Kommentare

Eine deutsche Liebe

Warum Obama nirgendwo so sehr verehrt wird wie hierzulande


(Von Andrian Kreye) Der Staat, in dem Barack Obama den mit Abstand höchsten Stimmenanteil hatte, durfte leider nicht wählen. 91 Prozent der Bürger der Bundesrepublik Deutschland hätten laut ARD für Obama gestimmt. Der Anteil für Romney war unter Einberechnung der Politikverweigerer und pathologischen Phlegmatiker statistisch kaum noch messbar. Schaut man sich die Onlinezahlen an, wurde die Wahlnacht in Deutschland so begeistert verfolgt wie einst die Mondlandung oder Boxkämpfe von Muhammad Ali. Es gab in beiden Wahlkämpfen sogar einige deutsche Bürger, die sich nach Amerika aufmachten, um dort in einer der freiwilligen Helferschaften Obamas auszuhelfen.

Mal ehrlich – wer würde für das Duell Merkel-Steinbrück die Nacht durchmachen? Wie viele Begeisterte würden sich hierzulande freinehmen, um freiwillig Ochsentouren im Dienste des Wahlkampfs auf sich zu nehmen? Auf die Frage, warum er sich nicht für einen Politiker im eigenen Land so engagiere, meinte ein deutscher Obama-Helfer, da gäbe es halt niemanden, der einen so begeistern könne.

Die deutsche Begeisterung für Obama hat etwas Skurriles, greift aber vor allem zwei historische Strömungen auf. Da ist zum einen die Sehnsucht nach dem Amerika des 20. Jahrhunderts, das als Vorbild der freien Welt den Weg in eine bessere Welt freischaufelte. Das waren die ersten Versuche einer sozialen Marktwirtschaft, die Franklin D. Roosevelt nach der großen Wirtschaftskrise mit seinem New Deal in der amerikanischen Gesellschaft verankerte, während Europa in Diktatur und Krieg versank. Das war Amerikas beherztes Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg, das Europa vor dem totalen Untergang bewahrte. Das waren aber auch die Jahre der Bürgerrechtsbewegung mit der Lichtgestalt John F. Kennedy und diesem ebenso unwiderstehlichen Kulturpaket aus Beatniks, abstrakter Malerei und Rockmusik.

Obama hat einige dieser historischen Fäden aufgenommen. In seiner Amtszeit hat er die Rolle der Frau politisch gestärkt, das Gesundheitssystem reformiert, er hat sich an der letzten Front der Bürgerrechtskämpfe für die Rechte von Schwulen eingesetzt, den Irakkrieg beendet und den Abzug aus Afghanistan eingeleitet. Vor allem aber hat er einen europäischen Geist in die amerikanische Politik gebracht, der von Solidarität und Mitgefühl geprägt ist. Deswegen hassen ihn viele Amerikaner so leidenschaftlich, wie ihn die Deutschen lieben.

Die negative Auslegung dieser Liebe ist allerdings eine unangenehme Mischung aus Antiamerikanismus und Philorassismus. Seit dem Beginn der konservativen Revolution mit Richard Nixons Präsidentschaftswahlsieg von 1968 definierte sich die europäische, aber vor allem die deutsche Volksseele immer stärker als Antipode zum Sozialdarwinismus und Großmachtstreben der USA.

Die Wahl eines schwarzen, vermeintlich linken Präsidenten sah man als so etwas wie Buße und Wiedergutmachung der amerikanischen Nation nach den finsteren Bush-Jahren. Da war es egal, dass Barack Obama im deutschen Parteiensystem wahrscheinlich im konservativen Flügel der FDP landen würde. Kaum jemand scherte sich darum, dass in den USA ein erbitterter Klassenkampf den Rassismus seine Rolle als zentralen gesellschaftlicher Konflikt abgelöst hat, und dass Obama mit seinen Beratern aus dem Umfeld der Investmentbanken und seiner Nähe zur Wall Street dabei keineswegs eine bürgernahe Rolle spielte.

Man muss sich die Meme im deutschen Internet ansehen, um den philorassistischen Kern zu erkennen – Obama als Jazzer, in Rapperpose oder beim Gangstergruß. Das alles sind Gesten und Welten, die mit dem Magna-cum-Laude-Absolventen aus Harvard und letztlich auch mit der Realität des schwarzen und post-ethnischen Mittelstandes, aus dem er stammt, so viel zu tun haben, wie die ostdeutschen Rockstars von Rammstein mit der ostdeutschen Politikerin Angela Merkel. Das Schlüsselzitat seiner Siegesrede "The best is yet to come" war ja dann dieses Jahr auch von Frank Sinatra, nicht von Jay Z.

Natürlich verkörpert Obama auch etwas von jenem Cool, das in seinen Anfängen eine subversive Haltung des Modern Jazz war. Für die Afroamerikaner war seine Wahl ein historischer Moment, mit dem der Kampf, den Martin Luther King begonnen hatte, seinen Marsch durch die Institutionen abschloss. Der Clou ist aber gerade, dass in der immer farbenblinderen amerikanischen Gesellschaft Obamas Hautfarbe gar keine Rolle mehr spielt.

Wollte man das Argument auf die rhetorische Spitze treiben, könnte man noch erwähnen, dass für Europa das Leben mit Präsidenten aus der Reihe der Republikaner meist viel einfacher war. Es war die Doktrin des republikanischen Präsidenten Dwight Eisenhower, die über Europa den Schutzschirm der USA aufspannte, unter dem sich Deutschland ganz auf sein Wirtschaftswunder konzentrieren konnte. Es waren Ronald Reagan und George Bush Senior, die mit dem Gleichgewicht des Schreckens dafür sorgten, dass der Kalte Krieg nicht heißlief. Und selbst George W. Bush und seine Neocons führten ihre Kriege für die gesamte G 20 – und somit auch für die deutsche Wirtschaft, selbst wenn man das nicht wahrhaben will.

Obama aber wird Deutschland in die teure außenpolitische Pflicht nehmen. Er wird die Konkurrenz mit der EU in Asien und Afrika verschärfen. Und er wird die Wall Street weiter gegen den Euro wetten lassen. Nun gut, die deutsche Liebe zu Obama ist eine moralische und emotionale, keine pragmatische Angelegenheit. Doch genau das ist ein amerikanischer Import, ohne den man hier gut leben könnte. In den US-Wahlkämpfen haben Moral und Emotion das Argument schon vor Jahren ersetzt. Das war eine Erfindung von George W. Bushs diabolischem Strategen Karl Rove, der erkannte, dass man Wähler nicht überzeugen, sondern mobilisieren muss. Das aber ist nichts anderes als das Ende der Politik im Populismus.

Illustration: JC Pagan/Barack Obama's Jazz

18.10.12 | 18:34 | 0 Kommentare

Transparenz schafft kein Vertrauen

Der Politologe Ivan Krastev über die Illusion, dass ein Staat wirklich besser ist, wenn wir alles über ihn wissen

(Von Andrian Kreye)  Transparenz ist eine neue politische Währung, sei es in den Basisbewegungen, die Wikileaks oder die Piratenpartei unterstützen, oder im deutschen Bundestag, der nun über neue Richtlinien für Transparenz diskutiert. Ist das ein Fortschritt?
Ivan Krastev: Transparenz könnte ein wichtiges politisches Instrument sein. Doch letztlich ist sie nur ein Motor der Depolitisierung und ein Instrument, um Vertrauen zu managen, statt Vertrauen zu schaffen. Sie vermittelt Bürgern vor allem das Gefühl, dass sie wegen neuer Technologien und neuen Sensibilitäten dem politischen System prinzipiell misstrauen sollen und dass mehr Information über das, was Politiker tun, auch zu einer besseren Politik führen wird. Die Frage ist aber vielmehr, wie wir das Vertrauen in die politischen Institutionen wieder zurückgewinnen. Denn wir brauchen ein gewisses Maß an Vertrauen in den Staat, damit demokratische Institutionen funktionieren können.

Ist Transparenz nicht ein erster Schritt?
Nicht unbedingt. Ein Niveau, das wirklich jeden davon überzeugt, dass die Regierung transparent ist, wird man nie erreichen. Dafür sind schon zu viele Leute zu misstrauisch. Und es gibt nichts Verdächtigeres als eine Regierung, die so tut, als sei sie transparent. Es gibt aber auch ein praktisches Problem. Wenn Sie wirklich größtmögliche Transparenz schaffen würden, wären die Bürger kaum bereit oder fähig, alles zu verfolgen, selbst wenn sie sich 24 Stunden mit politischen Vorgängen beschäftigten würden.

Ist Transparenz nicht eine entscheidende Voraussetzung für Mitbestimmung?
Doch, ich glaube wie gesagt, dass sie ein großartiges Instrument sein kann. Aber sie sollte kein primäres Ziel demokratischer Politik sein. Jede politische Entscheidung hat positive und negative Auswirkungen. Man wird die Entscheidungsprozesse aber nie ganz transparent machen können. In der Wirtschaft ist das anders. Da gibt es messbare Größen wie Geld und Investitionen, die kann man viel einfacher nachvollziehen. Wenn wir aber versuchen, Dinge zu erklären, die in der Politik passieren, können wir meistens nicht nachvollziehen, warum Leute etwas entschieden haben. Moral, Kultur, Identität, Religion, Freundschaften – all das spielt eine Rolle. Nehmen Sie die Privatisierung in den osteuropäischen Ländern. Die war sehr umstritten. Der einfachste Weg, sie zu legitimieren, war der Preis. Die Regierungen haben also den höchsten Preis zum Kriterium gemacht. Aber der höchste Bieter ist oft nicht der beste Käufer, weil das nichts darüber sagt, wie der Käufer mit der Ressource umgeht. Aber der Preis ist eben messbar. Solche Kriterien führen zwangsläufig zu einer selektiven Transparenz. Die wird meistens gesteuert.

Von wem?
Von den Regierungen selbst. Als Putin gegen Chodorkowski vorging, proklamierte er einen Kampf gegen Korruption. Jeder Kampf gegen Korruption kann allerdings auch sehr selektiv sein.

Aber es sind ja nicht nur Regierungen, die Transparenz als politisches Instrument einsetzen.
Nein, es sind aber sonst vor allem aktive Minderheiten. Nehmen Sie die Entscheidung Deutschlands, aus der Kernenergie auszusteigen. Ich persönlich hielt das zwar für eine gute Entscheidung. Aber sie wurde von einer sehr aktiven Minderheit erzwungen. Die Regierung hatte das Gefühl, dass sie ihre Position nicht mehr verteidigen kann. Da ging es nur um das politische Überleben. Die eigentliche Debatte, wie man mit Umweltfragen umgeht, wurde einfach ausgelassen. Und das in Deutschland, dem Land mit den meisten öffentlichen Debatten, weil die Medienlandschaft und die Gesellschaft das besser zulassen, als in den meisten anderen Ländern.

Sind es nicht meistens aktive Minderheiten, die Wandel vorantreiben?
Stellen Sie sich mal vor, was in kleineren Ländern passiert, wo es viel leichter ist, genügend Leute zu mobilisieren, um irgend etwas zu verhindern. In der Ukraine haben zwei Kids eine Firma gegründet, über die man Menschenmassen anmieten konnte. Nicht jede Partei hat für so etwas Geld. Das führt schnell dazu, dass die Aktionen von Minderheiten die öffentliche Debatte ersetzen und Konsenspolitik unmöglich wird.

Wie kann man das Vertrauen in politische Institutionen wieder herstellen?
Man braucht zunächst ein gemeinsames Ziel. Die Leute sollten entweder einer oder ganz unterschiedlicher Meinung sein. Sie brauchen Loyalitäten. Wenn diese Loyalitäten schwach sind, interessiert es sie auch nicht, wer an der Macht ist. So kann Demokratie nicht funktionieren. Es gibt natürlich auch das andere Extrem, vor allem in den USA. Da hat die Polarisierung der Politik inzwischen einen Grad erreicht, dass man keine gemeinsame Mitte von Bedeutung mehr findet.

Waren die Loyalitäten früher stärker?
Früher waren politische Parteien stärker ideologischen Prinzipien verpflichtet. Es gab zwar auch mehr Korruption, aber man wusste zumindest, wo man steht. Demokratie war ein Mechanismus, um mit Enttäuschung umzugehen, und ein Korrektiv, mit dem man verändern konnte. Dieses Korrektiv ist geschwächt. Heutzutage zählen Wahlen kaum noch etwas. Es gibt ein dominantes politisches Paradigma, das durch Instabilität und demokratisch legitimierte Personalwechsel gestützt wird. Eine Rückkehr zur Politik wäre es, den Gesellschaftsvertrag neu zu verhandeln, vor allem zwischen den Generationen.

Führt Enttäuschung dann nicht zwangsläufig zu Unruhen, die einen Wandel erzwingen? Dafür gibt es in der jüngeren Vergangenheit genügend Beispiele. Und Unruhen gibt es in Griechenland und Spanien jetzt schon.
Die aktuellen Wandlungsprozesse in Europa werden oft mit den Umwälzungen in den osteuropäischen Ländern verglichen. Der entscheidende Unterschied war allerdings, dass die Leute damals mit dem vorherigen System unzufrieden waren. Sie konnten sich deswegen auch als Sieger fühlen. In Griechenland und in Spanien geht es um junge Leute, die sich als die großen Verlierer sehen. Sie können es mit 1968 vergleichen. Da gingen die Leute auf die Straße, weil sich nicht wie ihre Eltern sein wollten. Heute gehen die jungen Leute auf die Straße, weil sie auf ihr Recht pochen, wie ihre Eltern zu leben. Sie haben aber seit den Neunzigerjahren einen ökonomischen Niedergang, der auch generationsbedingt ist.

Ist Transparenz deswegen vor allem ein Thema der Jugend?
Darauf habe ich noch keine Antwort gefunden. Sicherlich verstehen die Digital Natives das Internet als Demokratie, weil sie den Schwarmgeist als Form von Mitbestimmung erfahren. Es ist allerdings keine liberale, sondern eine libertäre Generation, weil das Internet libertär ist. Und viele dieser jungen Bewegungen sind defensiv. Sie verteidigen zum Beispiel die Freiheit des Internets. Wenn man tiefer schürft, sieht man, dass sie den Status Quo verteidigen.

Julian Assange und Wikileaks sind aber keineswegs defensiv.
Assange ist eine großartige Geschichte. In der ersten Phase hat sich Wikileaks auf ganz spezifische Informationen eingeschossen, die sie öffentlich gemacht haben, weil sie die Vorgänge als Skandal betrachteten. Wenn man dann aber sämtliche Depeschen des amerikanischen Außenministeriums veröffentlicht, erklärt man alles, was die Regierung tut, pauschal zum Skandal. Als die sowjetische Regierung 1917 an die Macht kam, war es eine der ersten Amtshandlungen Leo Trotzkis als Volkskommissar des Auswärtigen, die komplette diplomatische Korrespondenz des russischen Staates öffentlich zu machen. Das war für ihn der beste Weg, den Staat als solchen zu delegitimieren. Und das ist das grundsätzliche Problem mit der Transparenz. Sehen wir sie als Weg, Regierungen als solche zu legitimieren oder zu delegitimieren?

Ivan Krastev, 47, leitet das Centre for Liberal Strategies in Sofia. Er ist Mitglied des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien und des European Council on Foreign Relations.

Foto: Unruhen in Athen, dpa

13.10.12 | 14:17 | 0 Kommentare

Lasst die Versager versagen

Die Rückkehr des Calvinismus im aktuellen US-Wahlkampf

(Von Andrian Kreye) Wenn die Deutschen in Amerika wählen dürften, wäre die Sache längst gelaufen. 89 Prozent aller Befragten antworteten gerade auf die Frage des ZDF-Politbarometers, dass Sie für Barack Obama stimmen würden. Nur zwei Prozent würden sich für Mitt Romney entscheiden. Und da ist man dann schon beim eigentlich Faszinierenden an amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfen.

Das ist dieses unheimliche Gefühl, dass einem dieses Land, das man doch so liebt (Manhattan, Dylan, Philip Roth) letztendlich doch sehr fremd ist (Genfood, Wall Street, George W. Bush). Ist Mitt Romney nicht einer von denen, die der Welt die finsterste Wirtschaftskrise seit 1929 eingebrockt haben? Und hat Obama nicht die Truppen aus Irak und Afghanistan abgezogen, armen Amerikanern eine Krankenversicherung besorgt und Osama Bin Laden zur Strecke gebracht? Und trotzdem bleibt der Wahlkampf ein Kopf-an-Kopf-Rennen?

Es gibt gute Erklärungen für Mitt Romneys Erfolge. Einige davon findet man in dem Buch "Arme Milliardäre" von Thomas Frank. Der gehört zu jenem Kreis Intellektueller, die während der Neunzigerjahre in dem Magazin The Baffler aus Chicago eine neue Form der Kapitalismuskritik erfanden, die sich viel mit Realitäten und wenig mit Theorien beschäftigte. Thomas Frank war neulich auf Lesereise in Deutschland unterwegs. Und wenn er da von seinem Land erzählte, schaute er in Säle voll ungläubiger Gesichter.

Ausführlich beschrieb er, wie Amerika auf die Finanzkrise reagierte - nicht mit Reformen, sondern mit einer noch konsequenteren Deregulierung, mit einer radikalen Durchsetzung der freien Marktwirtschaft, mit einer grimmigen Ablehnung jeglicher sozialer Maßnahmen und Programme.

Das erinnert an mittelalterliche Medizinpraktiken, als man Wunden mit Glüheisen ausbrannte. Vor allem aber verkehrte sich die auch in Amerika natürliche Reaktion auf eine solche Krise in ihr Gegenteil. Anstatt Solidarität und Gemeinsinn herrscht im Land nun eine gehörige Wut auf die Opfer der Krise - auf die Verlierer, Pleitiers, Bankrotteure, auf die Millionen, die mit Zwangsbescheiden auf die Straße gesetzt wurden. Und auf die Regierung, die sich anschickte, ihnen zu helfen und ihr Versagen damit auch noch zu legitimieren.

Motor dieses bizarren Zeitgeists ist eine neue Kaste aus der obersten Steuerklasse: die Beleidigten. Sie haben inzwischen eine erstaunlich große Anhängerschaft unter jenen Mittelständlern und lediglich Wohlhabenden gefunden haben, die sich so eine harte Linie eigentlich gar nicht leisten können.

Die Geburtsstunde dieser Kaste wurde am 29. Februar 2009 auf dem Wirtschaftsnachrichtensender CNBC live übertragen. Da stand der Reporter Rick Santelli auf dem Parkett der Chicagoer Börse und steigerte sich in einen Wutausbruch. Das staatliche Hilfsprogramm für Hauseigentümer, die ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten, sei "Belohnung von Fehlverhalten" und "eine Subvention der Kredite von Verlieren". Empört fragte er in die Runde der Börsenmakler: "Wer will hier für den Hauskredit seines Nachbarn aufkommen, der sich ein zweites Badezimmer geleistet hat und nun die Raten nicht mehr zahlen kann?" Voll in Rage rief er aus: "Wir leben hier in Amerika!"

Ähnlich zornig gebärdete sich der Vorkämpfer der Beleidigten Leon Cooperman, ein Investmentfonds-Gründer aus New Jersey. Der verfasst im November einen Brief an Barack Obama, der bald schon die Runde machte. Ausführlich erzählt er da von seiner Kindheit als Sohn eines Klempners in der Bronx, von seinem langen Weg in der Finanzindustrie, den er als verschuldeter Uniabsolventen antrat und nun als Multimilliardär abschließt. Was Obama mit seiner Rhetorik von den Armen und den Reichen und seinen Sozialprogrammen anrichte, sei nichts weniger als einen "Klassenkampf" anzuzetteln.

Heiliges Buch der Beleidigten ist Ayn Rands inzwischen viel zitierter Roman "Der Streik", der im Original viel treffender "Atlas zuckte die Schultern" heißt. Atlas, der Gott, der die Welt schultern musste, das sind all diejenigen, die Mitt Romney und die Beleidigten als die "Geber" der Gesellschaft ansehen. Mitt Romneys berüchtigte 47 Prozent der "Nehmer" sind die Last, die es durch ein Schulterzucken abzuwerfen gilt.

In Europa ist diese oft weinerlich vertretene Ideologie einer fundamentalistischen Meritokratie nur schwer nachvollziehbar, weil sie dem Verständnis von Gesellschaft und Staat grundlegend widerspricht. Die Solidargemeinschaft, für die man sich auch in Deutschland auf einen Kompromiss der Mittelmäßigkeiten, der hohen Steuern und relativ großen sozialen Sicherheiten eingelassen hat, ist heilig.

In Amerika aber ist der unermessliche Reichtum und Wohlstand an diesem Punkt fast ausschließlich aus eigener Kraft geschaffen. Noch nie war es in der Geschichte der Menschheit möglich, so schnell zu solchen Vermögen zu kommen wie in den Jahren 1997 bis 2008. In den meisten Fällen wurde dieser Reichtum keineswegs mit den traditionellen Methoden der Ausbeutung geschaffen. Finanzgeschick, Innovationsindustrien und Risikobereitschaft waren die Antriebskräfte. So wird Reichtum nicht als Privileg verstanden, sondern als Belohnung für harte Arbeit. Warum sollte man diesen Lohn nun mit den Heerscharen der Versager teilen, die sich nicht die Mühe gemacht haben, selbst zu etwas zu kommen?

Da aber schlägt jener Glaube durch, der ganz am Anfang der Geschichte der modernen Amerikas stand - der Calvinismus, der aus Europa in die neue Welt vertrieben wurde. Der geht (in groben Zügen) davon aus, dass der Mensch als Sünder geboren wird. Doch Gott belohnt die Tüchtigen. Und bestraft die Müßigen - Armut ist demnach selbst verschuldet. Dieses Credo schwelte schon immer in der amerikanischen Gesellschaft. Erst Franklin D. Roosevelt konnte diesen Urgedanken der freien Marktwirtschaft mit seinem "New Deal", seinem neuen Gesellschaftsvertrag nach der großen Depression, etwas bändigen.

Nun aber kehrt der Calvinismus mit aller Macht zurück. Mitt Romney mag Mormone sein, doch er steht mit seiner Biografie für genau diesen Grundsatz aus den Wurzeln der Nation. Auch wenn es nicht mehr Gott ist, der die Schuldfrage klärt: "Lasst die Versager versagen." Europäern sind solche Gedanken sehr fremd. Es sei denn, sie sollen gerade Griechenland und Spanien retten.

02.06.12 | 16:18 | 8 Kommentare

Prediger und Revolutionäre

(Von Andrian Kreye) Das Schlimmste an der Euphorie ist der Kater danach. Der stellt sich rund um das Internet in letzter Zeit immer häufiger ein. Das liegt weniger am Internet als an den hohen Erwartungen. Die gibt es schon lange. Als sich der wegen seiner LSD-Forschungen als Hippie-Guru gefeierte Harvard-Psychologe Timothy Leary mit dem Schriftsteller und Erfinder des „Cyberspace“-Begriffs, William Gibson, vor fast zwanzig Jahren über die Zukunft des Internets unterhielt, landeten die beiden schon bald bei Hermann Hesses „Glasperlenspiel“. Hesse deute an, „dass die Entwicklung von Intelligenzmaschinen neue Religionen schaffen wird“, stellten sie da fest.

Leary und Gibson waren früh auf der richtigen Spur: Der Glaube an die menschheitsverändernden Umwälzungen durch die digitalen Technologien, den sie erstmals formulierten, hat durchaus religiöse Züge. Unzählige Prediger ziehen immer wieder mit Heilsversprechen durch die Welt, die mit buchstäblicher Verzückung angenommen werden. Einer dieser Prediger ist Julian Assange.

Es gibt nur wenige Figuren, die eine so atemberaubende Laufbahn hinter sich haben wie der australische Gründer der Enthüllungs-Webseite Wikileaks. Vor zwei Jahren stieg er innerhalb von wenigen Monaten vom obskuren Hacker zur Schlüsselfigur des Weltgeschehens auf. Mehrere hunderttausend geheime Regierungsakten veröffentlichte er über seine Webseite. Seine Ideologie einer radikalen Transparenz hatte dabei nicht nur alle Züge eines religiösen Dogmas. Assanges Anhänger glaubten, dass sie den Lauf der Geschichte ein für allemal verändern würde. Und nicht nur seine Anhänger glaubten dies. Das US-Nachrichtenmagazin Time hätte ihn fast zur Person des Jahres 2010 erklärt. Seine Gegner verteufelten den weißhaarigen Internetaktivisten dagegen als gefährlichen Frevler.

Heute ist Assange nur noch eine Fußnote im Weltgeschehen. Am vergangenen Mittwoch lehnte der britische Supreme Court Assanges Berufung gegen seine Auslieferung nach Schweden ab, wo er wegen des Verdachts sexueller Belästigung befragt werden soll. Das interessierte die breite Öffentlichkeit kaum noch. Dabei war es der bisher größte Rückschlag im Leben eines Mannes, der noch vor eineinhalb Jahren als Revolutionär gefeiert und gefürchtet wurde.

Es gibt sicher viele Gründe dafür, dass Julian Assanges Ansehen so gelitten hat. Seine egomanischen Züge, sein chronischer Verfolgungswahn, seine Verschwörungstheorien, und auch die diffusen Berichte über seine erotischen Erlebnisse mit den zwei schwedischen Damen, die sich bei der Polizei über ihn beschwerten. Vernünftig war weder die Verehrung, noch ist es die Enttäuschung.

Assange hat den Lauf der Geschichte nicht verändert. Nicht einmal das Wesen des Journalismus, wie es geheißen hatte. Er hat einen einmaligen Coup gelandet. Sämtliche der großen Wikileaks-Enthüllungen (die Akten aus den Kriegen in Afghanistan und Irak, die diplomatischen Depeschen und das Material aus dem Gefangenenlager Guantanamo) stammen aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem einzigen Datenpaket. Eineinhalb Jahre Hausarrest, der Boykott seiner Spendenkonten und die Abwanderung enger Mitarbeiter haben das Wirken von Assange beeinträchtigt. Gleichwohl haben seine Enthüllungen im Westen das Bild von den Kriegen bestätigt und die Volksbewegungen des arabischen Frühlings mit Fakten munitioniert.

Was im Bild der Öffentlichkeit jedoch bleibt, ist das leere Versprechen. Wie erwähnt, nicht das erste. Timothy Leary war nach seiner Rolle als Hippie-Guru selbst einer der ersten Prediger digitaler Heilsversprechen. Die „Virtual Reality“ war für ihn ein ebenso mächtiges Mittel zur Bewusstseinserweiterung wie zuvor psychedelische Drogen. Man setzte sich damals einen Rundumhelm auf, der einem Landschaften aus groben Leuchtlinien in die Augen projizierte. Ein verkabelter Handschuh steuerte dann eine Art Zeiger, mit der man sich durch diese virtuellen Welten bewegen konnte.

Heute ist diese Technologie längst vergessen. Genauso wie die virtuellen Welten der Internetanwendung „Second Life“, bei der man sich mit digitalen Avatar-Püppchen durch Phantasiewelten bewegen konnte, in die nicht nur die Werbeindustrie kurze Zeit viel Geld investierte. Die sogenannte erweiterte Wirklichkeit, die Google mittels einer Computerbrille erobern will, ist dann über die Technikkolumnen kaum hinausgekommen.

Auch die Revolutionen der Kommunikation sind flüchtige Erscheinungen. Newsgroups, basic-HTML-Webseiten, Blogs, Friendster und MySpace spielen keine oder nur noch untergeordnete Rollen im digitalen Miteinander. Die Macher des aktuellen Erfolgsmodells Facebook haben die Zukunft schon erkannt. Die liegt nicht im Internet, sondern in mobilen Geräten. Facebook will nun ein Smartphone entwickeln, um nicht nur als App auf dem iPhone zu enden.

Höhepunkt der digitalen Verzückung ist die Theorie der „Singularity“. Das ist eine Überlegung, die der amerikanische Informatiker Ray Kurzweil angestellt hat. Der prophezeit einen Zeitpunkt, an dem die Maschinen die Intelligenz des Menschen überflügeln und das Geschick der Welt übernehmen. Das erinnert an ein Leitmotiv des amerikanischen Protestantismus, der „Rapture“, des Erlösungsmoments mit der Rückkehr des Messias. Das klingt nicht nur nach Science Fiction. Das ist es auch.

Will man die digitalen Technologien nüchtern betrachten, sollte man die Rolle des Internets für die Volksbewegungen in Schwellen- und Entwicklungsländern sicher nicht unterschätzen. Doch in der westlichen Welt sind die großen Revolutionen schon zwei-, dreihundert Jahre her. Was sich in den Industrienationen durch digitale Technologien verändert hat, ist viel weniger glamourös – der Medienvertrieb, die Kulturvergütung, die Werbung und der Einzelhandel.

Eines der jüngsten Heilversprechen ist nun die „Liquid Democracy“. Die war schon bei Timothy Leary ein Thema. Nun predigt sie die Piratenpartei. Digitales Miteinander und Transparenz sollen dabei die Revolution beflügeln. Noch ist dieses Verfahren für Normalbürger ein schwer durchschaubarer Datensalat. Mag sein, dass es schon bald nutzerfreundliche Oberflächen dafür gibt. Das eigentlich Interessante ist dabei, dass die Piraten nicht die System-, sondern die Verfahrensfrage stellen. Das heißt aber – die Piraten sind keine Revolutionäre, sondern Bürokraten.

Das könnte sie umso wirksamer machen. Die Verfahrensfrage fordert die Politik viel direkter heraus, als eine Utopie. Erste Ansätze transparenter Politik gibt es auch schon. Das sind die Reformen unter dem Begriff „open government“. Dabei geht es jedoch nicht um Revolution, sondern um so banale Dinge wie Meldesysteme für Schlaglöcher und transparente Bezirksversammlungen. Da aber liegt Potenzial. Denn das Internet braucht keine Revolutionäre oder Messiasgestalten. Ein paar Realos und Agnostiker täten der Entwicklung ganz gut.

 

Foto: Timothy Leary/OH

27.10.11 | 11:02 | 0 Kommentare

Data Journalism

IndiaSatteliteNASA

Derzeit macht ein hübsches Satellitenbild von Indien die Facebook-Runde, das angeblich den Subkontinent während des derzeitigen Lichtfestes Diwali zeigt.

In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Bild um ein Data Journalism composite, das die zunehmnde Elektifizierung Indiens von 1992 bis 2003 darstellt. Weisse Beleuchtung ist die Beleuchtung, die es schon 1992 gab, blau die Beleuchtung die 1992 dazukam, grün 1998, rot 2003. Es handelt sich also keineswegs um Feuerwerke.

Originalquelle ist die sciencephotogallery - hier.

Ach der Schwarmgeist, würde eine aggressive Schwellenlandregion so gerne ethnozentrisch verniedlichen. Weil so ein Lichtfest natürlich sehr viel hübscher ist, als die rapide technische Entwicklung eines vormals unterentwickelten Landes.

Abb.: NOAA/SCIENCE PHOTO LIBRARY

15.10.11 | 18:38 | 2 Kommentare

Alles wird gut


Der rationale Optimist Matt Ridley streitet gegen Pessimismus und sieht die letzten Bastionen traditioneller Macht in Politik, Kultur und Wirtschaft wanken

(Aus der Literaturbeilage der SZ im Oktober 2011, von Andrian Kreye) Gegen Ende seines gut 500 Seiten starken wissenschaftlichen Plädoyers für einen vernunftgesteuerten Optimismus gerät der britische Zoologe und Ökonom Matt Ridley kurz ins Anekdotische. Er besucht die Buchhandlung eines amerikanischen Flughafens, als ihn beim Anblick der Sachbuchbestseller der Zorn packt. „Die Generation, die so viel Frieden, Freiheit, Freizeit, Bildung, Medizin, Reisen, Filme, Mobiltelefone und Massagen genießt, wie keine andere Generation vor ihr, wittert bei jeder Gelegenheit den Untergang“, schreibt er da. „Ich sah die Regale durch. Ich fand Titel von Noam Chomsky, Barbara Ehrenreich, Al Franken, Al Gore, John Gray, Naomi Klein, George Monbiot und Michael Moore, die alle mehr oder weniger behaupteten, dass (a) die Welt ein schrecklicher Ort ist; (b) es noch schlimmer werden wird; (c) dies vor allem der Wirtschaft zu verdanken ist; und (d) wir vor einem Wendepunkt stehen. Ich habe kein einziges optimistisches Buch gesehen.“

Matt Ridley hat nun eines geschrieben. Er greift damit eine diffuse Stimmung auf, die noch kein rechtes Zentrum hat, und gibt ihr ein wissenschaftliches Fundament. „Wenn Ideen Sex haben“ lautete der Titel der deutschen Ausgabe. Man darf sich davon nicht irritieren lassen, denn was klingt wie eine kalauernde Filmkomödie aus den siebziger Jahren, ist in Wahrheit ein kluges Buch. Im Titel des Originals hat Ridley dies auf einen wunderbar schlüssigen Begriff reduziert: „The Rational Optimist“.

Ridleys rationaler Optimismus ist eine doppelte Kampfansage. Zum einen hält er Kulturpessimismus für einen gefährlichen Anachronismus. Die Welt sei im Verlauf der Menschheitsgeschichte eine immer bessere geworden. Und es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass sich das in Zukunft ändern sollte. Zum anderen erklärt er den klassischen Optimismus, der sich auf Emotionen, Glaube oder Utopien stützt, für ein weltfremdes Zerrbild. Denn die positive Entwicklung der Menschheit sei wissenschaftlich beweisbar. In seiner Argumentation folgt Matt Ridley der Methodik der Third Culture.

Als er seine Thesen 2010 beim Ideenfestival der Ted Conference in Oxford vorstellte, brachte er diese Methodik auf eine schlichte Gleichung: „Als ich in den siebziger Jahren hier in Oxford studierte, sah es nicht gut aus für den Planeten Erde. Die Bevölkerungsexplosion war nicht aufzuhalten, weltweite Hungersnot war unvermeidbar, eine Krebsepidemie durch Chemikalien in der Umwelt sollte unsere Lebenserwartung verkürzen, saurer Regen fiel auf unsere Wälder, die Wüste breitete sich aus, Öl wurde knapp und ein nuklearer Winter sollte uns den Garaus bereiten. Nichts davon ist eingetreten. Das effektive Einkommen jedes Menschen auf der Erde hat sich verdreifacht, die Lebenserwartung ist um 30 Prozent gestiegen, Kindersterblichkeit um zwei Drittel gesunken und die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf um ein Drittel gestiegen.“

Da führt also der kalte Blick des Naturwissenschaftlers auf komplexe Zusammenhänge, die bislang eher Domäne der Geisteswissenschaften waren, zu einem optimistischen Weltbild. Ridley ist nicht der einzige, der diese rhetorische Strategie derzeit verfolgt. Andere kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Der Harvard-Psychologe Steven Pinker hat soeben seine umfassende Untersuchung der Gewalt mit dem Titel „The better angels of our nature“ herausgebracht. Seit dem Mittelalter, so weist er nach, hat das Gesamtniveau der Gewalt auf diesem Planeten kontinuierlich abgenommen. Geoffrey West, Physiker am Los Alamos Institute, hat in diesem Jahr eine Theorie vorgestellt, die zeigt, dass alle Städte nach kalkulierbaren Gesetzmäßigkeiten wachsen, egal ob es sich um eine mitteleuropäische Kleinstadt oder eine tropische Megacity handelt. Demnach sei auch die Urbanisierung der Welt keine Bedrohung, sondern eine Chance.

Matt Ridley geht einen Schritt weiter. Er begreift die gesamte Menschheitsgeschichte als ein Kontinuum mit einer zunehmend positiven Entwicklung. Und er hat die Zahlen, die das beweisen. Zwar schöpft Ridley aus einer Unzahl von Quellen. Als versierter Autor (zwischen seinem Studium der Zoologie und seiner Karriere als Banker arbeitete er für die Zeitschrift Economist , seit einigen Jahren schreibt er Wissenschaftsbestseller) versteht er sich darauf, seine komplexe Theorie in einen Fluss der Erzählstränge zu stellen, die ineinander greifen wie die Szenen eines gelungenen Drehbuchs. Er geht bis zu den Hominiden vor 500 000 Jahren zurück, um seine Theorien zu untermauern, und kommt dann immer wieder auf die Zahlen zurück, die vor seinem naturwissenschaftlichen wie vor seinem ökonomischen Hintergrund der einzig gültige Beweis sein können.

Seine Beweisführung für die unaufhaltsam positive Entwicklung der Menschheit kreist um die Fähigkeit des Menschen zur Vernetzung. Nur so habe er seine Kräfte bündeln, vervielfachen und optimieren können. Gängige Zivilisationstheorien zweifelt er an: „Ein größeres Gehirn, Sprache und Nachahmung sind noch keine Erklärung für Wohlstand, Fortschritt und Armut.“ Und er kommt schon bald auf die ideale Form der Vernetzung, den Handel. Der sei der Motor für die soziale Evolution. Antrieb für die kulturelle Evolution und somit für den Fortschritt sei die grandiose Nebenwirkung der Vernetzung: „Damit eine Kultur kumulativ wird, müssen Ideen aufeinander treffen und sich verknüpfen.“

Matt Ridley macht keinen Hehl daraus, dass Charles Darwin und Adam Smith seine geistigen Väter sind. Deren Ideen ziehen sich wie zwei rote Fäden durch die Argumentation. Manchmal wirkt das redundant. Wenn er beispielsweise die Emanzipation der Frauen in den Industrienationen auf die Entwicklung moderner Haushaltsmaschinen zurückführt, die den Überschuss an Zeit schufen, der eine Befreiung erlaubte. Oder wenn er Naturkatastrophen der letzten Jahre vergleicht und aufzeigt, dass die Erdbeben in Haiti mit 250 000 Toten und in Chile mit 500 Toten bei gleicher Stärke vor allem die Schwächen und Stärken beider Länder aufzeigten. Sein Fazit: Wohlstand bedeutet Überleben, bedeutet Freiheit, bedeutet Fortschritt. Das mögen Binsenweisheiten sein, doch wirkt der ganzheitliche Blick auf die Zahlen unangenehm vereinfachend, wenn er die zivilisatorischen Kräfte auf Marktmechanismen reduziert.

In den letzten drei der elf Kapitel verbeißt er sich in den Antagonisten seines Weltbildes, den Pessimisten. Bis dahin hat er schon schlüssig nachgewiesen, warum genmodifizierte Nahrung ein Segen ist, er hat die Endlichkeitstheorien von Robert Malthus widerlegt und die kollektiven Ängste des 20. Jahrhunderts als gesellschaftliche Panikattacken entlarvt. Wissenschaftlich sind seine Ausführungen tadellos. Er streift im letzten Kapitel auch kurz die „Bottom-Up-Welt“ des 21. Jahrhunderts. In dieser Welt vollzieht sich eine Machtverschiebung, die dem Einzelnen eine Macht gibt, die er zuvor nicht hatte. Die letzten Bastionen traditioneller Macht in Kultur, Politik und Wirtschaft sieht Ridley wanken.

Matt Ridleys rationaler Optimismus ist ein großartiger Impuls für einen Kulturwandel, in dem die Machbarkeit der Ideen mehr zählt als das theoretische Fundament, in der die Vernetzung einen Grad erreicht hat, den bisher nicht einmal die Wissenschaft verstanden hat. Er liegt richtig mit der Analyse, dass der gängige Pessimismus letztlich nichts anderes ist als eine Denkfaulheit. Selbst seine Anleihen beim Wirtschaftsliberalismus, beim „Libertarianism“ und bei Darwin haben in diesem Konstrukt eine berechtigte Funktion. „Wenn Ideen Sex haben“ ist also ein sehr lesenswertes Buch, das den Glauben an die Menschheit wissenschaftlich unterfüttert. Und doch verschenkt Matt Ridley die große Chance, das Grundlagenwerk eines neuen Zeitgeistes zu schreiben, der den Kulturpessimismus des 20. Jahrhunderts überwinden will. Ein Zeitgeist, der sich in den jungen Protestbewegungen des 21. Jahrhunderts ebenso findet wie in der Netzkultur der digitalen Welt. Da formiert sich ein neuer Intellektualismus, der prinzipiell sehr wohl eine optimistische Grundrichtung hat. Weil er vom Machbaren ausgeht und die Theorie ablehnt.

Doch es reicht nicht, Antagonismen zu zementieren. Matt Ridley bringt seinen großartigen Gedanken vom rationalen Optimismus letztlich doch nur gegen die Lähmung des Pessimismus ins Spiel. So aber vergrößert er die Kluft zwischen dem Pragmatismus der Natur- und Wirtschaftswissenschaften und den Theorien der Geisteswissenschaften. Ein solcher intellektueller Frontkampf wird aber letztlich nur zu einer Renaissance des Dogmas führen.

Dass es auch anders geht, führen Ridleys Kollegen ja gerade vor. Steven Pinker und Geoffrey West haben ihre Theorien nicht entwickelt, um intellektuelle Bilderstürmerei zu betreiben. Sie öffnen geisteswissenschaftliche Felder mit einem naturwissenschaftlichen Blick, der nicht nach den Fehlern im Bestehenden sucht, sondern um nach Mustern zu forschen, die positive Entwicklungen weiter vorantreiben können. Genau das aber ist nicht die Theorie des Optimismus, sondern seine Praxis.


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