12.10.10 | 17:01 | 0 Kommentare

Im Rausch der Mythen

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(Aus dem Feuilleton vom Mittwoch) Sicherlich muss man die Geschichte von Haiti nach dem Erdbeben am 12. Januar dieses Jahres neu erzählen. Nicht viel ist geblieben von den Städten des Landes auf der Westhälfte der Karibikinsel Hispaniola. Was blieb, ist vor allem ein diffuses Bild einer finsteren Welt, die von Voodoo, Diktatur und Aufständen geprägt ist. Schon deswegen ist Leah Gordons Fotoband ,,Kanaval‘‘ ein so wichtiges Buch. Die Fotografin fand in ihren streng formalistischen Bildern und ihren Aufzeichnungen den Kern der haitianischen Kultur im alljährlichen Karneval.

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Haiti war schon vor dem großen Erdbeben im Januar ein Ort, der einen auswärtigen Besucher innerhalb weniger Stunden hoffnungslos überfordern konnte. Wer in Port-au-Prince ankam, fand nur wenige Orte, die ein wenig Orientierung versprachen. Ein paar Straßen der Altstadt, der Präsidentenpalast, die Terrasse des legendären Hotel Oloffsson - ließ man die wenigen Koordinaten vertrauter Großstadtformen hinter sich, verlor man sich rasch in der anarchischen Geografie urbanen Wildwuchses. Die Reizüberflutung war überwältigend in den scheinbar unkoordinierten Gassen zwischen Betonmauern und Wellblechbauten, zwischen offenen Abwassergräben und klaustrophobischen Gehöften mit Aromawellen aus offenem Feuer, reifen Früchten, ungefiltertem Benzin und dem Dunst der Armut.

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Wer Glück hatte, der fand seinen Weg an die Südküste, nach Jacmel, das schon seit dem 18. Jahrhundert als intellektuelles und künstlerisches Zentrum von Haiti galt. Hier in den Straßen des Kolonialstädtchens fand Leah Gordon auch die Reinform des haitianischen Karnevals, der den Bürgern mehr also in jedem anderen Lande als Ventil diente. Am Mardi Gras und an den Tagen zuvor verwandelten sich die Straßen von Jacmel in eine Bühne für eine heftige, derbe Inszenierung allen Grolls, aller Ängste und einer tief im westafrikanischen Voudon verwurzelten Weltbildes.

 

,,Kanaval‘‘ ist weder Reportage noch Porträtband, eher ethnografische Spurensuche. Die britische Fotografin zeigt die Hauptfiguren der Paraden und Feiern mal in Pose, mal in Aktion. Sie stellt die Lansetkòds vor, die gehörnten Teufel mit ihren Peitschen und Tauen, die Chaloskas, die irrwütigen Soldatenfiguren mit ihren Tierzähnen und blutroten Flunschlippen, Papa Sida, das grausame Väterchen Aids, und die unzähligen Sagengestalten der haitianischen Mythen, die Zombies, Dämonen und Fabeltiere. Und sie spricht mit ihren Darstellern.

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Es sind dann auch gerade diese Erzählungen, die den Kontext aus politischer Subversion, gläubiger Ekstase, erotischer Spannung und der komplexen Mythenwelt Haitis herstellen. Mit dem vergnüglichen Eskapismus der Karnevalsfeiern in München, Köln oder Rio hat das nur wenig gemein. In einem der Essays beschreibt der Professor für afrikanische Sprachen und Literatur Donald John Cosentino das Ensemble der Karnevalsfiguren als ,,Charaktere einer Commedia dell’arte aus der Hölle‘‘.

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Und weil Leah Gordons Verlag eigentlich eine Plattenfirma ist, die sich auf die urbane Folklore anarchischer Metropolen von der Bronx über Kingston bis nach Lagos spezialisiert hat, gibt es auch eine begleitende CD dazu. Auf ,,Rara in Haiti‘‘ (Souljazz Records) bekommt man eine ungefähre Ahnung, was für eine hypnotische so ein haitianischer Karnevalsumzug entwickeln kann. Die scheinbar anarchischen, aber letztlich doch streng durchorganisierten Trommelchöre, die improvisierten Rhythmen auf Flaschen, Blech und Eisen, die Gesangsdialoge und Hornbläser zwingen den Rhythmus mit Vehemenz ins zentrale Nervensystem der Tänzer. Da scheint auch die vermeintlich magische Wirkung des Voodoo-Rituals auf, das Geist und Körper einem kollektiven Rauschzustand unterwerfen kann, in dem der Wille ausgeschaltete und die archaischen Geister des Urglaubens geweckt werden.

 Die große Qualität in Gordons Bildern liegt in ihrem Gespür für Grenzen. Sie lässt die Tänzer innehalten, doch sie zwingt sie nicht in die Pose des Objekts, sie begleitet sie ins Ritual, ohne den Blick des kulturellen Voyeurs. Der eigentliche Wert des Buches allerdings war nicht geplant. Zwei Wochen vor dem Erdbeben schrieb Leah Gordon das Vorwort, konnte nicht wissen, dass ihr Buch schon bald das Dokument einer Kultur sein würde, die vorerst unter den Plastikplanen der Flüchtlingsbehausungen und dem bürokratischen Chaos des Wiederaufbaus begraben liegt.

LEAH GORDON: Kanaval - Voudou, politics and revolution on the streets of Haiti. Soul Jazz Publishing, London, 2010. 192 Seiten, 29,90 Euro.

19.01.10 | 16:28 | 0 Kommentare

Berichte aus Jacmel


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Die Studenten der haitianischen Filmschule Cine Institut/Sine Lekol in Jacmel haben ihre Ausrüstung aus den Trümmern ihres Instituts gegraben und berichten nun mit Videos, Fotos und Reportagen auf ihrer Webseite über die Folgen des Erdbebens in Jacmel, der eigentlichen Kulturhauptstadt des Landes, in der fast alle Gebäude zerstört sind und aus der es bisher kaum Berichte gibt, weil sie bislang noch von der Aussenwelt abgeschnitten ist.

Berichte der Cine-Institut-Studenten : HIER

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Fotos: Jacmel in den 50ern aus dem Buch "Haiti Cheri" (oben), Cine Institut (unten)

19.01.10 | 13:59 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Bill Clinton



Bill Clinton, der jetzt den Wiederaufbau in Haiti leitet, 2007 über den Wiederaufbau in Ruanda.

18.01.10 | 11:30 | 0 Kommentare

#musicmonday (Haiti Edititon)










16.01.10 | 22:54 | 2 Kommentare

Haiti

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Wenn Videobilder und Worte nicht ausreichen, ist die Reportagefotografie doch immer noch das emotional direkteste Medium und Time Magazine immer noch unschlagbar, Unfassbares begreiflich zu machen. Wie in diesem Foto-Essay von Timothy Fadek und Shaul Schwarz (Warnung - nicht alle Fotos sind so indirekt herzzerreisend, die meisten sind ganz direkt grauenvoll).

Photo: TIMOTHY FADEK / POLARIS FOR TIME

15.01.10 | 14:13 | 0 Kommentare

Haiti verstehen



Die Schwierigkeit, die Katastrophe in Haiti zu begreifen ist nicht zuletzt ein Mangel an verständlichen Referenzen. Es gibt kaum haitianische Kulturexporte oder Betrachtungen. So schreibt ein hochgeschätzter Kollege auf Facebook:

" ist auch deshalb so bestürzt, weil er, pokulturell total verdorben, Haiti immer als halbfiktionale Halbinsel wahrgenommen hat. Das Land der Zombies. Der Grenzfluß heißt Massacre. Dr. John schlachtet ein Huhn. I walked with a zombie."

In Europa ist das ja noch schwieriger, als in den USA. Da hat es immerhin Edwige Danticat zu literarischem Ruhm gebracht, Wyclef Jean die Charts gestürmt. Auch wenn die Literaturliste von Daily Beast zum Thema doch eher dürftig ist.

Video: Edwige Danticats Lesung an der University of California (Lesung beginnt nach der Modeartion bei 10:26)

14.01.10 | 14:04 | 0 Kommentare

SMS-Kartographie für Krisengebiete

Erik Hersman hat ein System namens Ushahidi entwickelt, das die SMS- und Twitterfluten während Krisen bündelt und katrografisch aufarbeitet, um den "informational noise" zu filtern. Wurde ursprünglich während der Unruhen in Kenia entwickelt, ist jetzt in Haiti im Einsatz.

14.01.10 | 09:51 | 12 Kommentare

Haitis Pakt mit dem Teufel


Der amerikanische Fernsehpfarrer Pat Robertson gibt Haiti die Schuld am Erdbeben und seinen Katastrophen, weil das Land "einen Pakt mit dem Teufel" abgeschlossen hat.


Update: Ist ja nicht das erste Mal, dass Pat Robertson spirituell unflätig wird. Time Magazine hat Pat Robertsons zehn besten Ausrutscher zusammengesteltl.
# 1: 2007 verkündete er, Gott habe ihm gesagt, ein Terrorangriff würde das Land in Chaos stürzen.
# 2: Verkündet: Islam ist keine Religion.
# 3: Sharon hat sich sein Koma selbst eingebrockt, weil er Gottes Land in Gaza den Palästinensern überließ.
# 6: Heiden, Abtreiber, Schwule und Lesben waren an 9/11 schuld.