0 KommentareIm Rausch der Mythen

(Aus dem Feuilleton vom Mittwoch) Sicherlich muss man die Geschichte von Haiti nach dem Erdbeben am 12. Januar dieses Jahres neu erzählen. Nicht viel ist geblieben von den Städten des Landes auf der Westhälfte der Karibikinsel Hispaniola. Was blieb, ist vor allem ein diffuses Bild einer finsteren Welt, die von Voodoo, Diktatur und Aufständen geprägt ist. Schon deswegen ist Leah Gordons Fotoband ,,Kanaval‘‘ ein so wichtiges Buch. Die Fotografin fand in ihren streng formalistischen Bildern und ihren Aufzeichnungen den Kern der haitianischen Kultur im alljährlichen Karneval.

Haiti war schon vor dem großen Erdbeben im Januar ein Ort, der einen auswärtigen Besucher innerhalb weniger Stunden hoffnungslos überfordern konnte. Wer in Port-au-Prince ankam, fand nur wenige Orte, die ein wenig Orientierung versprachen. Ein paar Straßen der Altstadt, der Präsidentenpalast, die Terrasse des legendären Hotel Oloffsson - ließ man die wenigen Koordinaten vertrauter Großstadtformen hinter sich, verlor man sich rasch in der anarchischen Geografie urbanen Wildwuchses. Die Reizüberflutung war überwältigend in den scheinbar unkoordinierten Gassen zwischen Betonmauern und Wellblechbauten, zwischen offenen Abwassergräben und klaustrophobischen Gehöften mit Aromawellen aus offenem Feuer, reifen Früchten, ungefiltertem Benzin und dem Dunst der Armut.

Wer Glück hatte, der fand seinen Weg an die Südküste, nach Jacmel, das schon seit dem 18. Jahrhundert als intellektuelles und künstlerisches Zentrum von Haiti galt. Hier in den Straßen des Kolonialstädtchens fand Leah Gordon auch die Reinform des haitianischen Karnevals, der den Bürgern mehr also in jedem anderen Lande als Ventil diente. Am Mardi Gras und an den Tagen zuvor verwandelten sich die Straßen von Jacmel in eine Bühne für eine heftige, derbe Inszenierung allen Grolls, aller Ängste und einer tief im westafrikanischen Voudon verwurzelten Weltbildes.
,,Kanaval‘‘ ist weder Reportage noch Porträtband, eher ethnografische Spurensuche. Die britische Fotografin zeigt die Hauptfiguren der Paraden und Feiern mal in Pose, mal in Aktion. Sie stellt die Lansetkòds vor, die gehörnten Teufel mit ihren Peitschen und Tauen, die Chaloskas, die irrwütigen Soldatenfiguren mit ihren Tierzähnen und blutroten Flunschlippen, Papa Sida, das grausame Väterchen Aids, und die unzähligen Sagengestalten der haitianischen Mythen, die Zombies, Dämonen und Fabeltiere. Und sie spricht mit ihren Darstellern.

Es sind dann auch gerade diese Erzählungen, die den Kontext aus politischer Subversion, gläubiger Ekstase, erotischer Spannung und der komplexen Mythenwelt Haitis herstellen. Mit dem vergnüglichen Eskapismus der Karnevalsfeiern in München, Köln oder Rio hat das nur wenig gemein. In einem der Essays beschreibt der Professor für afrikanische Sprachen und Literatur Donald John Cosentino das Ensemble der Karnevalsfiguren als ,,Charaktere einer Commedia dell’arte aus der Hölle‘‘.

Und weil Leah Gordons Verlag eigentlich eine Plattenfirma ist, die sich auf die urbane Folklore anarchischer Metropolen von der Bronx über Kingston bis nach Lagos spezialisiert hat, gibt es auch eine begleitende CD dazu. Auf ,,Rara in Haiti‘‘ (Souljazz Records) bekommt man eine ungefähre Ahnung, was für eine hypnotische so ein haitianischer Karnevalsumzug entwickeln kann. Die scheinbar anarchischen, aber letztlich doch streng durchorganisierten Trommelchöre, die improvisierten Rhythmen auf Flaschen, Blech und Eisen, die Gesangsdialoge und Hornbläser zwingen den Rhythmus mit Vehemenz ins zentrale Nervensystem der Tänzer. Da scheint auch die vermeintlich magische Wirkung des Voodoo-Rituals auf, das Geist und Körper einem kollektiven Rauschzustand unterwerfen kann, in dem der Wille ausgeschaltete und die archaischen Geister des Urglaubens geweckt werden.
Die große Qualität in Gordons Bildern liegt in ihrem Gespür für Grenzen. Sie lässt die Tänzer innehalten, doch sie zwingt sie nicht in die Pose des Objekts, sie begleitet sie ins Ritual, ohne den Blick des kulturellen Voyeurs. Der eigentliche Wert des Buches allerdings war nicht geplant. Zwei Wochen vor dem Erdbeben schrieb Leah Gordon das Vorwort, konnte nicht wissen, dass ihr Buch schon bald das Dokument einer Kultur sein würde, die vorerst unter den Plastikplanen der Flüchtlingsbehausungen und dem bürokratischen Chaos des Wiederaufbaus begraben liegt.
LEAH GORDON: Kanaval - Voudou, politics and revolution on the streets of Haiti. Soul Jazz Publishing, London, 2010. 192 Seiten, 29,90 Euro.





