02.09.11 | 18:49 | 4 Kommentare

Digitale Ideologie



(Leitartikel aus der Wochenend-SZ vom 3.9.2011, von Andrian Kreye) Wer das Internet und seine Wirkung begreifen will, kommt mit technischem Verständnis nicht weit. Das zeigt die Aufregung um die Enthüllungsplattform Wikileaks. Die ist in diesen Tagen wieder groß. Das liegt zum einen daran, dass nun das gesamte Datenpaket diplomatischer Depeschen und Akten verschiedener Geheimhaltungsstufen aus den amerikanischen Ministerien für jedermann mit etwas Geschick einsehbar im Internet zirkuliert.

Die Aufregung um Wikileaks und seinen Gründer Julian Assange ist aber auch deswegen so groß, weil der Fall beispielhaft ist für den Kampf der Internet-Ideologien. Dass dieser Kampf nicht zu unterschätzen ist, belegt die Geschichte der Computerkultur und des Internets selbst. Denn das digitale Zeitalter ist nicht nur von einer technischen Entwicklung geprägt, sondern von Anfang an auch von der Fortsetzung der gesellschaftlichen Konflikte der sechziger und siebziger Jahre. Genauso wie die Geschichte der Bürgerrechtsbewegungen, ist die Entwicklung der digitalen Welt von klaren Ideologien bestimmt.
 
Wie in alle Ideologien werden in den digitalen Debatten entweder progressive Heilsversprechen abgegeben oder konservative Untergangsszenarien ausgemalt. Die Debatte ist dabei längst verhärtet, als gelte George W. Bushs Maxime aus dem Krieg gegen den Terror: Wer nicht dafür ist, ist dagegen.

In den Frühzeiten der Computerkultur verliefen die Fronten noch entlang den traditionellen gesellschaftlichen Spannungsfeldern. Die schrulligen Ingenieure und Informatiker, die sich im Norden von Kalifornien aufgemacht hatten, die Welt mit Lötkolben und Platinen zu verändern, waren nicht nur technologische Revolutionäre. Sie waren dem Geist der Hippies aus der Bay Area näher, als den Investmentbankern, die sie schon bald mit Kapital versorgten. Firmengründer wie Steve Jobs von Apple und Bill Gates von Microsoft hatten eine Welt herausgefordert, in der elektronische Rechner eine Domäne der staatlichen Institutionen und Konzerne waren. IBM konzipierte seine Computer für die Nasa und das Pentagon, für Banken und Börsen. Hingegen wollten Jobs und Gates Rechner für alle. Das war ein revolutionärer Gedanke, der die Gesellschaft in den nächsten dreißig Jahren in einem ähnlichen Maße verändern sollte, wie die Emanzipationsbewegungen in den dreißig Jahren davor.
 
Das Heilsversprechen der Revolutionäre war bald schon das Dogma der digitalen Kultur: Der Computer sollte das Volk für wenig Geld mit dem Zugang zum Weltwissen und mit den Produktionsmitteln der neuen Medienwelt ermächtigen. Neue Netzwerke sollten eine weltweite Gemeinschaft schaffen. Die neue Macht der computerisierten Bürger sollte die Politik verändern und neuen Wohlstand schaffen. Vor allem aber galt der Schlachtruf: Die Informationen sind frei. Julian Assanges Ideologie von der radikalen Transparenz war da nur ein logischer nächster Schritt.
 
Doch wie alle ideologischen Heilsversprechen stoßen auch die Verheißungen des digitalen Zeitalters an die Grenzen einer Wirklichkeit, in der die Menschen keineswegs so gut sind, wie die Ideologien es behaupten. Die Visionen lassen sich eben nicht so leicht in Realität übersetzen. Die Freiheit der Informationen zerstörte beispielsweise in der Kultur- und Medienindustrie viel Altes, ohne Neues zu schaffen.

Verlage, Plattenfirmen und Filmverleihe büßten durch digitale Kopien viel Geld ein. Den Verlust trugen aber nicht die Stars, sondern die weniger bekannten Autoren, Musiker und Schauspieler.
 
Das aber ist immer das Risiko der Revolution: Sie kann verkrustete Strukturen aufbrechen – ob danach aber etwas Neues oder gar etwas Besseres folgt, ist nie sicher. Die digitale Welt unterscheidet sich da kaum von der analogen. Die Stagnation nach der ersten Euphorie im arabischen Frühling erinnert entfernt an die Krise der Musikindustrie. In beiden Fällen wurden Machtzentren geschliffen. Aber es entstanden keine Strukturen, aus denen Neues erwachsen konnte.
 
In der digitalen Welt sind die Revolutionäre von einst nun die Mächtigen der Gegenwart. Nach einer kurzen Phase der Ermächtigung des digitalen Volkes haben Apple, Macintosh, Google und Facebook die Macht wieder an sich gerissen. Der amerikanische Internet-Theoretiker Jaron Lanier spricht vom „local-global flip“. In dieser Theorie, auch als „Lanier Effect“ gehandelt, wird der grundlegende Wandel der Netzwelt erklärt, in der jeder Einzelne im Internet in eine vermarktbare Einheit verwandelt wird – der User als Spielball globaler Kräfte. Wer einst als gleichberechtigter Akteur innerhalb eines großen Netzes vor seinem lokalen Rechner saß, zappelt jetzt im neuen Netz, einem Fanginstrument von Machtmonopolen globaler Konzerne. Der Schalter ist umgelegt (flip).
 
Diese Konzerne wiederum entwickeln ihre eigenen Ideologien, wie sie durch den Netznutzer Geld verdienen können. Apple setzt auf ein in sich geschlossenes Kontrollsystem, in dem jedes Datenpaket zwar Geld wert ist, der Geldfluss aber von Apple als einzigem Zwischenhändler kontrolliert wird. Google wiederum setzt auf eine radikale Offenheit, in der die Daten selbst wertlos werden, und nur Google über das Netz an sich die Daten noch zu Geld machen kann. Google nämlich verfügt über die Mittel zur Kontrolle des Chaos: über die Suchmaschinen. Facebook und Microsoft funktionieren auf ihre Weise ähnlich. Facebook will die absolute Kontrolle über seine Nutzer. Microsoft will in einem unkontrollierten System mit seiner Suchmaschine Bing und seinem Betriebssystem Windows die Grundlagen des digitalen Lebens liefern.
 
In diesen Kampf zwischen einer Ideologie der Kontrolle und einer Ideologie der Offenheit stieß nun Julian Assange mit seiner Forderung, die politischen Massen wieder stark zu machen mit dem Werkzeug radikaler Transparenz. Assange war ein Nachzügler in einem ideologischen Kampf, der – getreu des „Lanier Effekts“ – längst woanders ausgetragen wird. Was Assange nicht verstand: Transparenz kann ihr Heilsversprechen von Demokratie und Freiheit nur einlösen, wenn sie gezielt und lokal umgesetzt wird; wenn beispielsweise in einem Land wie Tunesien oder Ägypten das Ausmaß der Korruption enthüllt wird. Weil der Wikileak-Datensatz von 251 287 Akten aber undifferenziert Geheimnisse aus aller Welt offenbart, entsteht nur Chaos.
 
Letztlich wird das Netz nur dann dem Gemeinwohl dienen, wenn eine aufgeklärte Zivilgesellschaft im Internet eine neue Form des Gesellschaftsvertrags findet. In den neuen Formen des Open Government beispielsweise, die politische Transparenz schaffen, die Bürger verstehen und nutzen können. In sozialen Netzwerken, die Ordnung in chaotische Situationen bringen, wie die Nothilfenetze in Haiti und Japan.
 
Um das Netz zur sinnvollen gesellschaftlichen Kraft zu machen, braucht es vor allem Bildungsarbeit. Natürlich verspricht Pragmatismus nie so viel Glamour wie eine Revolution. Nach den Erfahrungen der Menschheit mit Ideologien weiß man aber, dass nur Pragmatismus am Ende weiter hilft.


Jaron Lanier über den "local-global flip" - hier (Video)

15.07.11 | 20:00 | 1 Kommentar

TED Global 2011/8: Traum von der Revolution

Tahndie Newton

(Von Andrian Kreye) Angesichts der Melange aus Aufbruchsstimmung, Zukunftsglaube, Optimismus und den Glauben an eine bessere Welt auf dem Ideenfestival der Ted-Konferenz in Edinburgh bleibt der Vergleich mit der jüngeren Geschichte nicht aus. Was sich da abbildet ist eine Art positiver Backlash gegen den Zynismus und Kulturpessimismus der neunziger und Nullerjahre. Was der Aufbruchsgeneration des 21. Jahrhunderts zum Glück fehlt sind die unangenehmen Seiten der 68er-Vorväter, die Besserwisserei, die esoterischen Verwirrungen und die ideologischen Verhärtungen. Und doch gibt es da einen unangenehmen Moment, der sich durch die Vorträge und Gespräche zog – die heimliche Sehnsucht nach einer Revolution, der Traum, dass die Aufbruchsstimmung in den Wissenschaften, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erneuerungen in den Schwellen- und Entwicklungsländern Teil eines radikalen Wandels sind.

Die Revolutionsromantik hat sich in diesem Jahr gerade auf der Ted Konferenz nicht nur in den Köpfen, sondern auch auf den Bühnen manifestiert. Immerhin sind gut über einhundert der 850 Teilnehmer und Sprecher aus jenen Ländern, in denen Revolution keine Metapher, sondern politische Realität sind. Ted spielt da mit seinen unabhängigen Tedx-Ablegern schon eine kleine Rolle, die vom Kernteam in New York weder geplant noch gesteuert war. Houssem Aoudi kann da Geschichten erzählen, ein junger Berater für digitale Strategien und der Veranstalter der beiden Tedx Carthage-Konferenzen in Tunis. Wenn er da etwas schüchtern auf dem Podium steht und berichtet, wie er mit Gleichgesinnten das Tedx-Format als neutrale Plattform fand, wie die Regierung nach der ersten der beiden Konferenzen im September vergangenen den Tedx-Sprecher und Blogger Slim Amamou verhaften ließ, der dann in der nachrevolutionären Regierung Minister für Jugend und Sport wurde, dann ist das einer der Momente, an denen man auch im klimatisierten Konferenzzentrum von Edinburgh den rauen Atem der Geschichte verspürt.

Nadia al-Sakkaf

Es gab einige solcher Momente in diesem Jahr. Der Auftritt der jungen Chefredakteurin der englischsprachigen Yemen Times Nadia al-Sakkaf zum Beispiel. Die hatte ihren Posten von ihrem Vater und ihrem Bruder übernommen, die beide aus politischen Gründen ermordet wurden. Nun kämpft sie für einen modernen Jemen und versteht sich als Teil des arabischen Frühlings in ihrem Lande. Oder die Präsentation des Stars der französischen Street-Art-Szene JR. Der hatte mit seinem „Inside Out“-Projekt den Ted-Preis 2011 gewonnen. Seit 2004 sammelt JR Porträtfotos von Durchschnittsbürgern aus den sozialen Brennpunkten zunächst aus Paris, dann aus den Palästinensergebieten, afrikanischen Megacities und brasilianischen Favelas. Die bläst er zu Plakaten auf, die dann wiederum an den Orten der Fotografierten aufgehängt werden. Mit seinem Preisgeld verwirklichte er im Frühjahr ein Projekt in Tunesien, bei dem die allgegenwärtigen Propagandaporträts des geschassten Diktators Ben Ali mit solchen Plakatbildern tunesischer Normalbürger überklebt wurden.

Sicher bleibt die Revolution für die meisten der Ted-Teilnehmer eine Metapher. Trotz der Öffnung für einen jungen Dialog mit Entwicklungs- und Schwellenländern bezahlen die meisten Besucher der Ted-Konferenz immer noch fünftausend Euro für die Woche. Sie sind hier stellvertretend für eine Wohlstandsgesellschaft, die seit dem Mauerfall von einem verwirrenden Zeitalter der Umbrüche chronisch überfordert wird. Revolution ist die romantische Vorstellung von einem kathartischen Neuanfang. Auch wenn einer der Konferenzgäste, der New Yorker Medienwissenschaftler Clay Shirky, in seinem Essay „Thinking the unthinkable“ davor warnte, dass Revolution in der Geschichte vor allem das Ende einer Ära bedeutete, das nicht keine Kontinuität garantiert, sondern nur die Stunde Null.

Nun ist es eine historische Gnade, dass die politischen Revolutionen in der Wohlstandswelt seit dem 2. Weltkrieg kein Thema sind und die gesellschaftlichen Umwälzungen seit 1968 allerhöchstens marginal. Doch die technologischen und wissenschaftlichen Revolutionen reichen, um eine tiefe Unsicherheit zu erzeugen, die sich nach der Greifbarkeit einer traditionellen Revolution auf der Strasse sehnt.

Kevin Slavin

Einer der Schlüsselsätze fällt im Vortrag des Videospiel-Pioniers Kevin Slavin, der sich mit der „Algoworld“ beschäftigt, der Welt der Algorithmen. „Wir schreiben Dinge, die wir nicht mehr lesen können“, sagt er. Die Algorithmen der Alltagswelt haben längst ihre eigene Dynamik entwickelt. Slavin erzählt von den zweitausend Physikern, die inzwischen an den Börsen der Wall Street beschäftigt sind, um das so genannte „Black Box Trading“ zu programmieren, das inzwischen 70 Prozent des Wertpapierhandels bestimmt. In Mikrosekunden tätigen da Algorithmen Käufe und Verkäufe mit enormem Volumen. Wie real die Auswirkungen dieser Algorithmenwelt ist, zeigt er an zwei sehr realen Phänomenen. In Manhattan laufen die Leitungen des Internets im „Carrier Hotel“-Gebäude an der Hudson Street zusammen. Weil der digitale Knotenpunkt aber eine knappe Meile von den Börsen der Wall Street entfernt sind, laufen die Algorithmen der Handelsinstitute mit acht Mikrosekunden Verzögerung. Das führte dazu, dass sich die ersten Investmentfirmen vom traditionellen Bankenviertel vom Süden der Insel in die Nähe des Carrier Hotels in Tribeca gezogen sind. Und um den Handel mit Chicago zu beschleunigen wird derzeit ein massiver Datenkorridor zwischen den beiden Städten gebaut. Ein monumentales Bauprojekt, das mit viele altmodischem Dynamit durch die Landschaft getrieben wird, und bald schon den transkontinentalen Algorithmenhandel um drei Mikrosekunden beschleunigen soll.

Da manifestiert sich eine beunruhigende Macht der digitalen Revolution, die ihr Echo in der beunruhigenden Geschwindigkeit der biotechnischen Revolution ihr Echo findet. Das Mooresche Gesetz der digitalen Revolution, nach der sich alle 18 bis 24 Monate die Leistungsfähigkeit der Rechner verdoppelt, hat die Gentechnik mit einem wissenschaftsgeschichtlichen Turboeffekt vervielfacht. Als Benchmark gelten da die Kosten für die Entschlüsselung eines kompletten Humangenoms, die in nur zehn Jahren von drei Milliarden auf 50.000 Dollar gefallen sind.

Die Designerin Daisy Ginsberg versucht dieser Revolution Herr zu werden. Mit ihrer Firma Synthetic Asthetic sucht sie nach Wegen, um die Kluft zwischen der wissenschaftlichen Revolution und dem Normalverbraucher zu überbrücken. Sie sucht derzeit nach einer Designsprache für die Biologie, eine Art Benutzeroberfläche, die aus der abstrakten Programmiersprache der Genetik eine nachvollziehbare Anwendung machen kann.

Ted Auditorium

Gentechnische Designideen sind dann am Ende einer vollen Woche einer der Punkte, an dem jener Zustand eintritt, der im Konferenzjargon „Tedlag“ heißt. Wenn die Überfrachtung mit neuen Ideen Sättigungsgrenze erreicht hat, wenn die letzte Bekanntschaft mit einem Aktivisten aus Tunesien, einem Unternehmer aus China oder einem Wissenschaftler aus dem Silicone Valley gemacht ist, wenn die letzte Vision diskutiert wurde, übermannt einen eine mentale und soziale Erschöpfung, die eine Art intellektuelles Läuferhoch. Im Fazit war der Umzug von Oxford nach Edinburgh war für die europäische Ted-Konferenz nicht nur ein geografischer Neuanfang. Was fehlten waren die großen Namen, die Milliardäre, die Hollywood- und Rockstars, die Ted so gerne besuchen. Auch auf der Bühne gab es letztlich nur zwei wirklich bekannte Gesichter, die Schauspielerin Thandie Newton und der Bestsellerautor Malcom Gladwell (die beide außer Glamour nur Anekdotisches zu bieten hatten). Für die Rolle der Ted-Organisation als Gradmesser für den Puls eines Zeitgeistes und Katalysator für globale Dialoge ist das nicht das Schlechteste. Was wirklich bleiben wird von den Ideen und Visionen wird sich zeigen. Das aber ist keine neue Weisheit, sondern ein Zitat von Thomas Alva Edison aus dem frühen 20. Jahrhundert: „Genie besteht zu einem Prozent aus Inspiration und zu 99 Prozent aus Schweiß.“

Fotos: Thandie Newton; Nadia al-Sakkaf; Kevin Slavin; Ted Global Auditorium; by James Duncan Davidson / TED

15.05.11 | 15:56 | 2 Kommentare

Unser Müll in Afrika

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(Von Andrian Kreye) Unter den afrikanischen Fotografen, die seit gut eineinhalb Jahrzehnten in den europäischen und amerikanischen Kunstmetropolen gefeiert werden, ist der Südafrikaner Pieter Hugo derzeit sicher der bekannteste. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er seine Porträtstudien mit einem formal anachronistischen europäischen Gestus inszeniert. Egal, ob er Gaukler fotografiert, die mit gezähmten Hyänen durch Lagos ziehen, Schauspieler aus Nigerias Filmfabriken oder Behinderte, mit seinen klassischen Bildschnitten und dem unjournalistischen Blick des Porträtisten verlieh er seinen Subjekten eine altertümliche Würde, die den konservativen Erwartungshaltungen des europäischen und amerikanischen Publikums entgegenkam.

Sieht man genau hin, hat es Hugo seinen Betrachtern nie so leicht gemacht. Letztlich sind seine Porträts in mehreren Ebenen gebrochene Studien eben dieser Erwartungshaltungen. Dass sich ein weißer südafrikanischer Fotograf, der bei Nelson Mandelas Amtsantritt im Jahre 1994 18 Jahre alt war, nicht einfach darauf einlassen würde, Erwartungshaltungen zu bedienen, die letztlich im neokolonialen Moralgeheuchel liberaler Schuldgefühle in den Wohlstandsländern wurzeln, war zu erwarten. So deutlich wie mit seinem neuen Band ,,Permanent Error‘‘ hat Hugo diese Erwartungen allerdings noch nie angegriffen.

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Die Bilder entstanden auf der Mülldeponie Agbogbloshie Market in Accra, der Hauptstadt von Ghana. Auf Agbogbloshie landet all jener Wohlstandsmüll, der das Wirtschaftswunder der digitalen Revolution antreibt, all jene Produkte also, deren Haltbarkeit mit Systemerneuerungen und Sollbruchstellen auf wenige Jahre begrenzt wird - Handies, Computer, Unterhaltungselektronik. Zwischen den giftigen Schwaden der Müllfeuer versuchen die Lumpensammler von Agbogbloshie, Rohstoffe aus dem verseuchten Müll zu retten. Eine dreiseitige Liste mit den chemischen Kürzeln dieser Gifte und Rohstoffe schafft zu Beginn des Buches den Kontext der Anklage.

Hugo kehrt mit dieser Arbeit zu seinen Wurzeln zurück. In seinen ersten Studien über Opfer der Aids-Seuche und über Behinderte hinterfragte er ganz direkt die Gesellschaft seiner eigenen Heimat. Dann erst entwickelte er jenen Blick, der die eigentliche Qualität und die Vielschichtigkeit seiner Arbeit ausmacht. Als weißer Südafrikaner, für den der Kampf gegen die Apartheid vor allem eine Kindheitserinnerung ist, gehört Pieter Hugo jener Zwischengeneration an, die zu Beginn der Ära Mandela erstmals den Blick aus dem einst hermetischen Schurkenstaat am Kap auf den eigenen Kontinent zu richten begann.

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Dieser Blick war eigen, weil er eine Außenansicht des Kontinents zeigte, die eben nicht aus der kolonialen Perspektive hervorgeht, sondern auf der einzigartigen Geschichte Südafrikas fußt. Das liefert auch die komplexen Ebenen, hinter der Sozialkritik der Müllkippenbilder. Doch bleibt letztlich die Sozialkritik der Kern der Arbeit. Und gerade in der politischen Direktheit entwickelt Pieter Hugo neue Wucht.

Fotos: Pieter Hugo aus PIETER HUGO: Permanent Error. Prestel Verlag, München, 2011. 128 Seiten, 39,95 Euro.

06.04.11 | 20:50 | 0 Kommentare

Trailerpark (Russischer Humor)

Schon als Trailer ein Meisterwerk, weil er das Hauptproblem des Film (die Zielgruppe hat die Fernsehserie "Everybody Loves Raymond") wahrscheinlich nicht oder nur unregelmässig gesehen) thematisiert, aber dann elegant vermittelt, dass die Serie nur Anlass, nicht Gegenstand des Films ist. Das sind vielmehr sämtliche Befürchtungen über Russland, die sich dem Besucher aus Hollywood bestätigen.

30.12.10 | 19:00 | 0 Kommentare

Neuland (das digitale 2010)

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(Aus der Neujahrsausgabe der SZ) Selten wurde in Deutschland so viel über neue Medien und digitale Kultur diskutiert, wie im Jahr 2010. Das hatte weniger etwas mit neuen Technologien zu tun, als mit dem unaufhaltsamen Siegeszug der drei Weltkonzerne Apple, Facebook und Google. Alle drei Konzerne versuchen derzeit, im bisher offenen Internet in sich geschlossene Systeme zu schaffen. In Zukunft, so die Visionen der drei Konzerne, soll man all die Alltagsgeschäfte, die man bisher über Telefongesellschaften, Fernsehkabelanbieter, Internet-Provider, Buchhandlungen, Plattenläden, Videoverleihe, Versandhäuser und Post abwickelte, mit einer einzigen digitalen Firma tätigen. Entsprechend forsch gingen die drei Konzerne dieses Jahr vor.
Betrachtete man diese Debatten von außen, wurde man trotzdem den Eindruck nicht los, dass sich kein wohlhabendes Land so sehr gegen die digitalen Veränderungen sträubt wie Deutschland. Nirgendwo ließen so viele Menschen ihre Wohnstatt im digitalen Kartendienst Google Streetview verpixeln, nirgendwo führte eine Bundesministerin wie Ilse Aigner einen Feldzug gegen den laxen Datenschutz des sozialen Netzwerks Facebook, nirgendwo erregte man sich so darüber, dass die Iphones des Apple-Konzerns einen laufenden Datenstrom versenden, der auch an die Werbewirtschaft geleitet wird.
Einer der wichtigsten Gründe, warum die Debatten um das Internet in Deutschland leidenschaftlicher geführt werden als in anderen Wohlstandsländern, ist, dass mit den digitalen Konzernen und den deutschen Bürgern zwei unterschiedliche Weltsichten aufeinanderprallen. Auf der einen Seite steht da eine neue Generation amerikanischer Unternehmer. Die Männer und wenigen Frauen, welche die digitalen Konzerne prägen, sind durchweg jung und vom euphorischem Eifer getrieben, Neuland zu erobern, für das es weder Erfahrungen noch Regeln gibt. Das ist nichts anderes, als klassische amerikanische „Entrepreneurship“, ein Unternehmergeist, der sich im Internet in einer enormen Geschwindigkeit entfalten kann. Dabei darf man nicht vergessen –digitalen Medien haben zwar wie jede neue Technologie gute und schlechte Seiten. Doch bisher überwiegen die guten Seiten deutlich.

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Selbst der Streitfall Google Streetview ist keinesfalls der Versuch eines sinistren Konzerns, weltweit den öffentlichen Raum zu ursupieren. Google Streetview ist nichts anderes als eine neue technisch hochentwickelte Form der Kartographie. Die verwenden auch andere. Die deutsche Firma sightwalk.de hat beispielsweise ebenfalls ganze Städte mit Rundumkameras abfotografiert und diese dreidimensionalen Straßenkarten ins Netz gestellt. Allerdings verwirklicht niemand digitale Projekte mit einer solchen Konsequenz und Perfektion wie Google. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Firma erstens über die Mittel und zweitens über den euphorischen Unternehmergeist verfügt.

Doch es war vor allem das soziale Netzwerk Facebook, das deutlich machte, dass man im Internet als Individuum und Konsument eine neue, eine digitale Identität hat. Plattformen wie Facebook, Google, aber auch Apple oder der Internetversandhandel Amazon zerlegen jeden Menschen in unzählige Informationseinheiten, die als Datenpakete eine Art digitales Ich schaffen. Dieses Ich ist Ware und Währung, mit der man all die Dienste bezahlt, die im Internet bisher noch kostenfrei sind. Die moderne Kartographie aber auch die Suchmaschine bei Google etwa, die Struktur des sozialen Netzes von Facebook, unzählige Sonderfunktionen des Apple Iphones. Und je mehr man von sich preisgibt, desto besser funktionieren diese digitalen Netzwerke.

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Doch gerade diese Funktionalität weckte die kollektiven Ängste der Deutschen, die in den Katastrophen der Vergangenheit wurzeln. Es ist ja nur zwei Jahrzehnte her, dass die Einparteiendiktatur der DDR unterging und mit ihr ein Geheimdienst, der nicht nur jeden Winkel des Alltags, des Berufslebens und sogar der Freundeskreise und Familien durchdrang. Es waren ja gerade solch alltägliche Banalitäten, wie sie die digitalen Netzwerke sammeln, aus denen die Stasi ihre Profile erstellte.
Mal ganz zu schweigen vom Schreckensregime der Nationalsozialisten. Die bereiteten ihren Aufstieg zur mörderischen Diktatur genau mit jenen Dingen, die in der digitalen Kultur derzeit so gefeiert werden – mit neuen Medien, mit Populärwissenschaft, Hochtechnologie und Popkultur. Bei Apple, Google und Facebook gibt es jedoch keine Feineinstellung für unterschiedliche Kulturen und Mentalitäten. Im Internet sind alle Menschen gleich. Das hat viele Vorteile. Die Missverständnisse, die daraus entstehen, sind allerdings ebenfalls Neuland, das es zu erobern gilt.

Fotos: Google Street View Blog von Jon Rafman

01.12.10 | 17:14 | 0 Kommentare

Die Welt wird besser

200 Länder, 200 Jahre in 4 Minuten mit dem wunderbar enthusiastischen Hans Rosling.

23.11.10 | 06:41 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Making law on the high seas

17.11.10 | 17:40 | 1 Kommentar

Slavoj Zizek

Slavoj Zizek spricht in Riz Khans Talkshow auf Al Jazeera über das nahende Ende des Kapitalismus.

09.11.10 | 07:52 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Global Power Shifts

05.11.10 | 16:48 | 0 Kommentare

Paradies der Basketballer

 

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Wenn nach dem Turnier die Schüsse fallen – ein Drehbericht aus Brooklyn

(Aus dem Feuilleton vom Wochenende) Man braucht Geduld für Geschichten, die sich selbst erzählen sollen. Man braucht noch mehr Geduld, wenn diese Geschichten für so viel mehr stehen müssen als die Inhaltsangabe. Wie eben: Die Wiener Dokumentarfilmerin Katharina Weingartner drehte in Wien, Brooklyn und Ghana mit ,,Sneaker Stories‘‘ einen Film über das weltweite Phänomen der Basketballturniere auf der Straße und entlarvte dabei die Marketingmechanismen der Turnschuh-Industrie. (Der Film läuft derzeit in mehreren deutschen Städten, unter anderem im Werkstattkino in München.)

Als sie mit ihrem Team in der Schwüle eines Sommernachmittags in den Housing Projects von Red Hook in Brooklyn steht, bleibt sowieso keine Zeit für Drehpläne. Da bekommt der Lauf der Dinge einen Schwung, der nicht zu kontrollieren ist. Die Mannschaften der Streetball-Amateure marschieren im Innenhof der Sozialbaublöcke auf, deren fünf- bis zwölfstöckige Türme mit ihren rotbraunen Klinkerwänden und den gedrängten Fensteröffnungen ein wenig so wirken wie die sadistische Phantasie eines stalinistischen Bauministers. Ein DJ spielt Hip-Hop, Nachbarn verkaufen auf Klapptischen Hot Dogs und Burger. Der Ball gibt den Rhythmus des Nachmittags vor, das rasende Dribbling, die Dynamik der Angriffe und Verteidigungen. Katharina Weingartner und ihr Team halten auf die Spieler, hetzen für eine Totale auf das Dach eines Wohnblocks. Die Interviews werden sie nachdrehen müssen, so richtig kommt heute niemand auf den Punkt hier. Die Stimmung steigt mit jedem Sieg, und die Siege kommen innerhalb von Minuten. Näher kommt man dem ursprünglichen Ideal des Direct Cinema nur selten.

Red Hook ist kein einfacher Ort. In den Siebzigern und Achtzigern gehörten die Red Hook Projects zu den symbolischen Orten für die urbane Katastrophe - Watts in Los Angeles, die Cabrini-Green Projects in Chicago, Newark in New Jersey und eben Red Hook. Der Reportagefotograf Eugene Richards fand hier seine Motive, als er die Crack-Epidemie der Achtziger dokumentierte. Die Zeiten mögen besser geworden sein, der Ruf nicht. Als die New Yorker Polizei vor ein paar Jahren einen Copkiller suchte, fand sie ihn hier, und als sie wenig später einen Brooklyner Drogenring zerschlug, verhaftete man hier Hunderte Verdächtige.

Das ,,Paradise Classic‘‘-Basketballturnier ist einer der wenigen Höhepunkte im Jahreskalender der Red Hook Projects. In der Streetball-Szene gilt es als eines der besten. An diesem Nachmittag gibt es nur wenige Zitate, die belegen, was Katharina Weingartner beim Dreh ihrer Doku über Markenfälscher ,,Knock Off‘‘ herausgefunden hat.

Seit Mitte der Achtziger haben sich die Umsätze der Sportartikelhersteller und Hip-Hop-Produzenten verdreifacht. Im selben Zeitraum hat sich auch die Zahl der jungen Schwarzen und Latinos in den Gefängnissen verdreifacht. So ein Teufelskreislauf aus Marketingmethoden und sozialen Zündstoffen lässt sich nicht einfach abfilmen. Da funktioniert Weingartners Technik am besten - mitfilmen, die Geschichte sich entwickeln lassen, auch im Schnitt keine Formalismen, keine Kommentare, Einspieler, Trickbilder, nicht einmal die üblichen Experten kommen zu Wort. Ganz nach dem Credo des Direct Cinema eben.

Es ist schon dunkel, als Drehtag und Turnier dem Ende zugehen. Die fahlgelben Straßenlampen und der Dunst des Sommertages tauchen die Szenerie in jenes warme Nachtlicht, das es nur auf amerikanischen Straßen gibt. Katharina Weingartner und ihr Team beginnen, Taschen und Geräte in den Kleinbus zu räumen. Die Anrainer sind begeistert. Das Turnier lief hervorragend. Das Kamerateam kann da die Siegerlaune der Nachbarschaft nur steigern. Die Geduld hat sich gelohnt. Und doch lassen sich manche Wendungen im Film nicht erzählen.

Es dauert nicht einmal eine Sekunde, bis aus dem freundlich energiegeladenen Nachmittag ein finsterer Abend wird. Die Teams haben ihre Sportkleidung schon wieder ausgezogen, die Nachbarn stehen noch beieinander. Es sollte eigentlich einer jener Abende werden, die nicht zu Ende gehen wollen. Da beendet das trockene Bellen einer halbautomatischen Pistole das Reden und Lachen und Feixen. Drei Schüsse gehen in den Nachthimmel, nicht gezielt, wie die Spurensicherung später herausfinden wird.

Die Reaktion ist einmütig. Die Menge stiebt auseinander, wer kann, duckt sich hinter einen Mauervorsprung, hetzt um eine Ecke. Es ist ja nicht das erste Mal, dass so ein Abend auf diese Weise zu Ende geht. Dann blinken schon die roten Lichter der Polizeiautos am Ende der Straße, die Sirenen nähern sich. Katharina Weingartners Team berät kurz, packt schließlich weiter ein. Die letzten Minuten waren eben doch eine andere Geschichte.

Trailer und Info - hier

Foto: pooldoks

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