25.04.12 | 09:19 | 2 Kommentare

Die nächsten drei Milliarden

(Von Andrian Kreye) Wenn das soziale Netzwerk Facebook erste Grenzen seines Wachstums erreicht hat, so ist das erst einmal ein Ärgernis für den Konzern. Kurz vor dem Börsengang kann eine solche Nachricht den Wert drücken. Langfristig muss sich Facebook jedoch ganz andere Sorgen machen. Denn das Wachstum wird sich nicht mehr in traditionellen Werbemärkten vollziehen. Mit der zunehmend globalen Verbreitung werden sich die sozialen Netzwerke vom Lifestyle-Medium im Norden zur gesellschaftlichen Kraft auch im Süden wandeln und deswegen ihre Rolle neu definieren müssen.

Erste Anzeichen dafür konnte man während der Unruhen des arabischen Frühlings beobachten, bei der umstrittenen Internetkampagne gegen den ugandischen Warlord Joseph Kony, und in den Vorträgen von Alec Ross, dem Berater der US-Außenministerin Hillary Clinton, der für das neue Feld der digitalen Diplomatie zuständig ist.

Während des arabischen Frühlings zeigte sich, dass soziale Netzwerke des Internets als Instrument für die Mobilisierung und Koordination von Volksbewegungen so effektiv sind wie kein Mittel zuvor. Die „Kony2012“-Kampagne bewies, welch politische Macht der sogenannte Schwarmgeist im Internet entwickeln kann. Alec Ross aber reist derzeit um die Welt, um der digitalen Industrie begreiflich zu machen, dass die USA, stellvertretend für den Westen, ganz eindeutige Interessen haben, wenn es darum geht, Schwellen- und Entwicklungsländer in die globalen Kommunikationsnetze einzubinden. Die USA würden alles unternehmen, um Meinungsfreiheit – also: Demokratie – weltweit möglich zu machen.

Der digitale Kampf für Demokratie ist ein ehrbares Anliegen. Für einen digitalen Konzern, der sich mit nationalen Regierungen arrangieren muss, ist das nicht immer von Vorteil. Wenn Online-Dienste darauf achten müssen, dass auch die Standards autoritärer Herrscher eingehalten werden, kollidiert das schon mal mit westlichen Werten.
Betrachtet man nun die jüngsten Studien und Schätzungen zur Entwicklung digitaler Medien, kann man das ungefähre Ausmaß der Entwicklung schon ahnen. Bis zum Jahr 2016 werden laut einer Untersuchung der Beratergruppe Boston Consulting drei Milliarden Menschen Anschluss an das Internet haben. Vorsichtige Schätzungen nehmen außerdem an, dass in den nächsten zwanzig Jahren drei Milliarden weitere Menschen ans Netz gehen werden. Die größten Wachstumspotentiale gibt es dabei in den Schwellen- und Entwicklungsländern.

Die wichtigste Funktion des Internets sind aber jetzt schon die sozialen Netze. 82 Prozent aller globalen Nutzer sind heute Mitglieder eines sozialen Netzwerkes. Von diesen sind 55 Prozent Mitglied bei Facebook. Bei einer solchen Durchdringung des Marktes sind Grenzen des Wachstums im bestehenden Netz schon erreicht. Intern haben Konzerne wie Facebook und Google längst langfristige Strategien für diese Entwicklung. Das zeigt schon die Wortwahl: Im Silicon Valley ist Afrika keine Entwicklungsregion, sondern die Weltgegend mit den derzeit größten Wachstumschancen.

Der Konflikt der sich nun anbahnt, schwelt schon seit Beginn der Globalisierung. In fast allen Debatten, sei es um die Macht des Internets, sei es um die Wirtschafts- und Finanzkrisen, schwingt mit, dass Politik und Wirtschaft um die Vormacht ringen. Die Interessen der beiden sind oft konträr.
Präsident Obama hat soeben ein deutliches Zeichen gesetzt. Mit zwei Verfügungen beschloss er Sanktionen gegen jeden, der autoritäre Regime wie in Iran oder Syrien mit Technologie versorgt, die Unterdrückung möglich macht. Das ist ein erster Schritt, um auch soziale Netzwerke in die Verantwortung zu nehmen. Wenn die nächste Phase des Wachstums für Facebook beginnt, wird es jedenfalls nicht nur um Werbeeinnahmen gehen.

10.02.12 | 19:08 | 5 Kommentare

Ungeklärte Rechtslage

(Von Andrian Kreye) Keine Unterschrift unter das internationale Urheberrechtsabkommen (Acta) – das ist eine gute Nachricht. Das Abkommen würde die EU und ihre Mitgliedstaaten, die USA und neun weitere Länder binden – und damit langfristig und weltweit alle Debatten rund um das Urheberrecht bestimmen.
Prinzipiell sollte man es natürlich begrüßen, dass die internationale Gemeinschaft in Zeiten des weltweiten digitalen Netzes neue Formen des Urheberrechts finden will. Die regionalen und technisch unzulänglichen Formen des Schutzes geistigen Eigentums halten fast alle mit den Realitäten der neuen Medien nicht Schritt. Das Netz erlaubt den weltweiten und kostenlosen Austausch von Filmen, Musik, Bildern und Texten. Doch wo endet der Tausch, und wo beginnt die Raubkopie? Diese Frage würde das Abkommen nicht klären.
Das Problem von Acta kann man schon an seinem Namen erkennen: „Acta“ steht für „Anti-Counterfeiting Trade Agreement“, übersetzt: Anti-Fälschungs-Handelsabkommen. Es geht also darum, Grundlagen und Instrumente für Kontrolle und Strafverfolgung zu schaffen. Das aber ist auf einem Rechtsgebiet, das noch nicht klar geregelt ist, unmöglich. Jetzt schon wird das Urheberrecht ja nicht nur zum Schutz geistigen Eigentums eingesetzt, sondern auch als Hebel der Zensur. Nicht nur in Diktaturen. Die „Church of Scientology“ verfolgt Kritiker zum Beispiel auf diese Weise. Überträgt man die Unschuldsvermutung des Rechtsstaats auf die globale Ebene, muss man bis zu einer umfassenden Klärung der Rechtslage Bürgerrechte in jedem Fall über Besitzansprüche stellen. Das bleibt in juristischen Zwickmühlen die einzig richtige Möglichkeit.

01.11.11 | 15:19 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Hans Rosling über Bevölkerungswachstum

27.10.11 | 11:02 | 0 Kommentare

Data Journalism

IndiaSatteliteNASA

Derzeit macht ein hübsches Satellitenbild von Indien die Facebook-Runde, das angeblich den Subkontinent während des derzeitigen Lichtfestes Diwali zeigt.

In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Bild um ein Data Journalism composite, das die zunehmnde Elektifizierung Indiens von 1992 bis 2003 darstellt. Weisse Beleuchtung ist die Beleuchtung, die es schon 1992 gab, blau die Beleuchtung die 1992 dazukam, grün 1998, rot 2003. Es handelt sich also keineswegs um Feuerwerke.

Originalquelle ist die sciencephotogallery - hier.

Ach der Schwarmgeist, würde eine aggressive Schwellenlandregion so gerne ethnozentrisch verniedlichen. Weil so ein Lichtfest natürlich sehr viel hübscher ist, als die rapide technische Entwicklung eines vormals unterentwickelten Landes.

Abb.: NOAA/SCIENCE PHOTO LIBRARY

04.10.11 | 11:29 | 0 Kommentare

Revolution Zeitgeist

13.09.11 | 06:57 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Yasheng Huang: Does democracy stifle economic growth?

11.09.11 | 20:46 | 1 Kommentar

Adieu Idéologie

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Vom neuen Typus der Revolutionäre



(Aus dem Feuilleton der SZ; von Andrian Kreye) Man bekommt im historischen Idyll des heutigen Mitteleuropa selten die Gelegenheit, gleich einen ganzen Konferenzraum voller Revolutionäre aus aller Welt zu treffen. Einer dieser seltenen Momente war vergangene Woche in der Orangerie im Potsdamer Park Sanssouci, als Revolutionäre aus Nordafrika, Asien und dem Balkan zusammenkamen. Die diskutierten im Rahmen des Sanssouci Colloquiums über die Rolle der digitalen Medien in der globalen Demokratiebewegung. Weil dieses Thema nur einen der zahlreichen Aspekte der Aufstände, Umstürze und Dissidenzen der letzten Jahrzehnte erfasste, wurde hier natürlich kein allumfassender Blick auf den Freiheitskampf des 21.Jahrhunderts geboten. Und doch präsentierte sich da ein neuer Typus, der sich vom romantischen Bild des Partisanen und Guerilleros der vergangenen drei Jahrhunderte klar verabschiedet.

Sucht man ein Gesamtbild, landet man bei so etwas wie dem aufgeräumten Revolutionär. Ohne den ideologischen Furor des letzten Jahrhunderts und ohne den falschen Glamour des bewaffneten Widerstandes ist der Freiheitskämpfer des 21. Jahrhunderts ein kluger Mensch mit dem kosmopolitischen Weltbild eines Großstadtintellektuellen und dem Organisationstalent eines Internetunternehmers. Hin und wieder ist er sogar beides. Vor allem aber verfügt dieser Freiheitskämpfer über die fast schon spirituelle Geduld des zivilen Widerstandes, die sich die gefährliche Euphorie und oft so tödliche Katharsis des bewaffneten Kampfes versagt.

Sami Ben Gharbia ist ein gutes Beispiel für diesen neuen Typus, ein 44-jähriger tunesischer Aktivist, der im Dresscode der digitalen Boheme auch gut ins Straßenbild der Berliner Mitte passen würde. Sein entspanntes Lächeln verbirgt, dass er die letzten zwölf Jahre nach abenteuerlicher Flucht im politischen Asyl in Holland verbrachte. Dort organisierte er das, was als 'Twitter Revolution' gilt, die Mobilisierung und Organisation der Massen über soziale Medien. Sein Blog Fikra und sein Webportal Nawaat spielten da eine wichtige Rolle.

Gharbia erzählt von der Revolution als einem Geflecht aus menschlichen, politischen und multimedialen Kräften, das nur dann den Sturz des Systems herbeiführen kann, wenn all diese Elemente ineinander greifen. Er kann das mit Flowcharts und Spreadsheets belegen, wie die Organigramme und Buchhaltungstabellen im Jargon der neuen Märkte heißen. Nur dass bei Sami Ben Gharbia am Ende nicht der Börsengang stand, sondern der Sturz des Diktators Ben Ali.

Die Rolle von Twitter in der Revolution relativiert sich da auch schnell. Ein dreieckiges Diagramm zeigt, wie stark die drei Ebenen der neuen Medienwelt voneinander abhängig sein müssen, um wirklich etwas zu bewegen. Die sozialen Medien schaufeln da nur Rohdaten in unübersichtlichen Mengen ins Netz. Blogger und Webportale sind die ersten Sortierstationen, bevor die traditionellen Medien die Flut in einen zeitgeschichtlichen Erzählfluss bündeln.

Auch wenn die digitalen Medien noch kein System gestürzt haben, sind sie doch Beschleuniger einer Dynamik, die es letztlich schon seit dem späten 18. Jahrhundert gibt - die Demokratisierung der Menschheit. Sicher wäre noch zu untersuchen, ob die digitalen Medien im Freiheitskampf eine ähnlich paradigmatische Rolle spielen, wie die massenhafte Verbreitung der Handfeuerwaffen. Dass hier also ein Machtinstrument in seiner Miniatur dem Volk verfügbar gemacht wird. Immerhin - das in den Entwicklungsländern so verbreitete Mobiltelefon Nokia 1100 gilt schon als 'Kalaschnikow der Handywelt'.

Syrien und vor allem Libyen sind sicher grausame Antithesen. Doch wenn die digitalen Medien eines gebracht haben, dann die Möglichkeit, einen gewaltlosen Widerstand stringenter zu organisieren. Dabei sind es weniger Mahatma Gandhi und Martin Luther King, die hinter dem Gedanken stehen, als die strategische Rechnung, dass jede Form von Gewalt wiederum Gewalt provoziert, was in der Eskalation die Kosten an Menschenleben und Zerstörung ins Unermessliche treiben kann.

In Potsdam war auch ein Mann, der solche Rechnungen mit dem kühlen Kopf des Unternehmers anstellen kann. Slobodan Djinovic ist in seiner serbischen Heimat mit seinen Telekomunternehmen zum Multimillionär geworden. Doch Geld ist nur Mittel. Der 36-Jährige war als Mitbegründer der Widerstandsbewegung Otpor am Sturz von Slobodan Milosevic beteiligt. Diese Erfahrungen sind nun Grundlage für den Lehrplan seiner Organisation Canvas.

Das Politikjournal Foreign Policy nannte das Institut mit Sitz in Belgrad 'Revolution U'. Djinovic und ein Lehrkörper von 15 Trainern mit eigener Revolutionserfahrung unterrichten hier Freiheitskämpfer aus aller Welt in der komplexen Organisation des unbewaffneten Widerstandes. Es ist ein mühseliger und oft langwieriger Weg vom Gedanken bis zum Ausbruch des Widerstandes auf den Straßen. Jahre kann es dauern, bis der Moment reif ist, die Massen zu mobilisieren. Sami Ben Gharbia gehörte zu Djinovics Studenten, außerdem Widerständler aus Georgien, Libanon, der Ukraine, den Malediven und vor allem aus der Bewegung des 6. April in Ägypten. Derzeit arbeiten sie mit Aktivisten in Syrien und Sudan.

Wie komplex der Widerstand sein kann, erzählt Fahty Abou Hata, Redakteur der ägyptischen Tageszeitung Al-masri Al-youm. Neben den unzähligen Problemen mit den anstehenden Wahlen und der Wirtschaft nähmen sich Revolutionäre nun die Stadtplanung vor. Mubarak habe den öffentlichen Raum aus Kairo einfach rausgeplant. Doch öffentlicher Raum sei die Voraussetzung für Freiheit und Demokratie. Da aber beginnt der unglamouröse politische Alltag nach dem Sieg der Revolution. Der Aufbau.

Will man den Begriff der Revolution nun streng nach Albert Camus definieren, ist der Freiheitskämpfer des 21. Jahrhunderts deswegen gar kein Revolutionär. Er kommt vielmehr dem Ideal des Menschen in der Revolte nahe, einem Rebellen, der nicht das eine durch das andere System ersetzen, sondern Freiheit schaffen will. Das allerdings wäre ein mächtiger Paradigmenwechsel, der Ideologie durch Ideale, Wut durch Vernunft und Gewalt durch Strategie ersetzen würde. Kein schlechter Anfang für das 21. Jahrhundert.

Ein erster Test steht an. Sihem Bensedrine, Aktivistin und Chefin des tunesischen Exilradiosenders Kalima, kann viel über die anstehenden tunesischen Wahlen am 23. Oktober erzählen. Von den 120 Parteien, den reichen Exilanten aus Libyen, den amerikanischen, britischen, französischen Interessen. Doch letztlich, sagt die elegante Dame aus Tunis, sei es egal, wer die Wahlen gewinnt. Es ginge nur darum, dass die Wahlen auch stattfinden. Vielleicht dreht ja bald jemand einen Film über die neuen Revolutionen. Der hätte schon einen Titel: 'Adieu idéologie'.

Abb.: Logo der ägyptischen Bewegung 6. April, das auf dem Logo von Canvas basiert

02.09.11 | 18:49 | 4 Kommentare

Digitale Ideologie



(Leitartikel aus der Wochenend-SZ vom 3.9.2011, von Andrian Kreye) Wer das Internet und seine Wirkung begreifen will, kommt mit technischem Verständnis nicht weit. Das zeigt die Aufregung um die Enthüllungsplattform Wikileaks. Die ist in diesen Tagen wieder groß. Das liegt zum einen daran, dass nun das gesamte Datenpaket diplomatischer Depeschen und Akten verschiedener Geheimhaltungsstufen aus den amerikanischen Ministerien für jedermann mit etwas Geschick einsehbar im Internet zirkuliert.

Die Aufregung um Wikileaks und seinen Gründer Julian Assange ist aber auch deswegen so groß, weil der Fall beispielhaft ist für den Kampf der Internet-Ideologien. Dass dieser Kampf nicht zu unterschätzen ist, belegt die Geschichte der Computerkultur und des Internets selbst. Denn das digitale Zeitalter ist nicht nur von einer technischen Entwicklung geprägt, sondern von Anfang an auch von der Fortsetzung der gesellschaftlichen Konflikte der sechziger und siebziger Jahre. Genauso wie die Geschichte der Bürgerrechtsbewegungen, ist die Entwicklung der digitalen Welt von klaren Ideologien bestimmt.
 
Wie in alle Ideologien werden in den digitalen Debatten entweder progressive Heilsversprechen abgegeben oder konservative Untergangsszenarien ausgemalt. Die Debatte ist dabei längst verhärtet, als gelte George W. Bushs Maxime aus dem Krieg gegen den Terror: Wer nicht dafür ist, ist dagegen.

In den Frühzeiten der Computerkultur verliefen die Fronten noch entlang den traditionellen gesellschaftlichen Spannungsfeldern. Die schrulligen Ingenieure und Informatiker, die sich im Norden von Kalifornien aufgemacht hatten, die Welt mit Lötkolben und Platinen zu verändern, waren nicht nur technologische Revolutionäre. Sie waren dem Geist der Hippies aus der Bay Area näher, als den Investmentbankern, die sie schon bald mit Kapital versorgten. Firmengründer wie Steve Jobs von Apple und Bill Gates von Microsoft hatten eine Welt herausgefordert, in der elektronische Rechner eine Domäne der staatlichen Institutionen und Konzerne waren. IBM konzipierte seine Computer für die Nasa und das Pentagon, für Banken und Börsen. Hingegen wollten Jobs und Gates Rechner für alle. Das war ein revolutionärer Gedanke, der die Gesellschaft in den nächsten dreißig Jahren in einem ähnlichen Maße verändern sollte, wie die Emanzipationsbewegungen in den dreißig Jahren davor.
 
Das Heilsversprechen der Revolutionäre war bald schon das Dogma der digitalen Kultur: Der Computer sollte das Volk für wenig Geld mit dem Zugang zum Weltwissen und mit den Produktionsmitteln der neuen Medienwelt ermächtigen. Neue Netzwerke sollten eine weltweite Gemeinschaft schaffen. Die neue Macht der computerisierten Bürger sollte die Politik verändern und neuen Wohlstand schaffen. Vor allem aber galt der Schlachtruf: Die Informationen sind frei. Julian Assanges Ideologie von der radikalen Transparenz war da nur ein logischer nächster Schritt.
 
Doch wie alle ideologischen Heilsversprechen stoßen auch die Verheißungen des digitalen Zeitalters an die Grenzen einer Wirklichkeit, in der die Menschen keineswegs so gut sind, wie die Ideologien es behaupten. Die Visionen lassen sich eben nicht so leicht in Realität übersetzen. Die Freiheit der Informationen zerstörte beispielsweise in der Kultur- und Medienindustrie viel Altes, ohne Neues zu schaffen.

Verlage, Plattenfirmen und Filmverleihe büßten durch digitale Kopien viel Geld ein. Den Verlust trugen aber nicht die Stars, sondern die weniger bekannten Autoren, Musiker und Schauspieler.
 
Das aber ist immer das Risiko der Revolution: Sie kann verkrustete Strukturen aufbrechen – ob danach aber etwas Neues oder gar etwas Besseres folgt, ist nie sicher. Die digitale Welt unterscheidet sich da kaum von der analogen. Die Stagnation nach der ersten Euphorie im arabischen Frühling erinnert entfernt an die Krise der Musikindustrie. In beiden Fällen wurden Machtzentren geschliffen. Aber es entstanden keine Strukturen, aus denen Neues erwachsen konnte.
 
In der digitalen Welt sind die Revolutionäre von einst nun die Mächtigen der Gegenwart. Nach einer kurzen Phase der Ermächtigung des digitalen Volkes haben Apple, Macintosh, Google und Facebook die Macht wieder an sich gerissen. Der amerikanische Internet-Theoretiker Jaron Lanier spricht vom „local-global flip“. In dieser Theorie, auch als „Lanier Effect“ gehandelt, wird der grundlegende Wandel der Netzwelt erklärt, in der jeder Einzelne im Internet in eine vermarktbare Einheit verwandelt wird – der User als Spielball globaler Kräfte. Wer einst als gleichberechtigter Akteur innerhalb eines großen Netzes vor seinem lokalen Rechner saß, zappelt jetzt im neuen Netz, einem Fanginstrument von Machtmonopolen globaler Konzerne. Der Schalter ist umgelegt (flip).
 
Diese Konzerne wiederum entwickeln ihre eigenen Ideologien, wie sie durch den Netznutzer Geld verdienen können. Apple setzt auf ein in sich geschlossenes Kontrollsystem, in dem jedes Datenpaket zwar Geld wert ist, der Geldfluss aber von Apple als einzigem Zwischenhändler kontrolliert wird. Google wiederum setzt auf eine radikale Offenheit, in der die Daten selbst wertlos werden, und nur Google über das Netz an sich die Daten noch zu Geld machen kann. Google nämlich verfügt über die Mittel zur Kontrolle des Chaos: über die Suchmaschinen. Facebook und Microsoft funktionieren auf ihre Weise ähnlich. Facebook will die absolute Kontrolle über seine Nutzer. Microsoft will in einem unkontrollierten System mit seiner Suchmaschine Bing und seinem Betriebssystem Windows die Grundlagen des digitalen Lebens liefern.
 
In diesen Kampf zwischen einer Ideologie der Kontrolle und einer Ideologie der Offenheit stieß nun Julian Assange mit seiner Forderung, die politischen Massen wieder stark zu machen mit dem Werkzeug radikaler Transparenz. Assange war ein Nachzügler in einem ideologischen Kampf, der – getreu des „Lanier Effekts“ – längst woanders ausgetragen wird. Was Assange nicht verstand: Transparenz kann ihr Heilsversprechen von Demokratie und Freiheit nur einlösen, wenn sie gezielt und lokal umgesetzt wird; wenn beispielsweise in einem Land wie Tunesien oder Ägypten das Ausmaß der Korruption enthüllt wird. Weil der Wikileak-Datensatz von 251 287 Akten aber undifferenziert Geheimnisse aus aller Welt offenbart, entsteht nur Chaos.
 
Letztlich wird das Netz nur dann dem Gemeinwohl dienen, wenn eine aufgeklärte Zivilgesellschaft im Internet eine neue Form des Gesellschaftsvertrags findet. In den neuen Formen des Open Government beispielsweise, die politische Transparenz schaffen, die Bürger verstehen und nutzen können. In sozialen Netzwerken, die Ordnung in chaotische Situationen bringen, wie die Nothilfenetze in Haiti und Japan.
 
Um das Netz zur sinnvollen gesellschaftlichen Kraft zu machen, braucht es vor allem Bildungsarbeit. Natürlich verspricht Pragmatismus nie so viel Glamour wie eine Revolution. Nach den Erfahrungen der Menschheit mit Ideologien weiß man aber, dass nur Pragmatismus am Ende weiter hilft.


Jaron Lanier über den "local-global flip" - hier (Video)

15.07.11 | 20:00 | 1 Kommentar

TED Global 2011/8: Traum von der Revolution

Tahndie Newton

(Von Andrian Kreye) Angesichts der Melange aus Aufbruchsstimmung, Zukunftsglaube, Optimismus und den Glauben an eine bessere Welt auf dem Ideenfestival der Ted-Konferenz in Edinburgh bleibt der Vergleich mit der jüngeren Geschichte nicht aus. Was sich da abbildet ist eine Art positiver Backlash gegen den Zynismus und Kulturpessimismus der neunziger und Nullerjahre. Was der Aufbruchsgeneration des 21. Jahrhunderts zum Glück fehlt sind die unangenehmen Seiten der 68er-Vorväter, die Besserwisserei, die esoterischen Verwirrungen und die ideologischen Verhärtungen. Und doch gibt es da einen unangenehmen Moment, der sich durch die Vorträge und Gespräche zog – die heimliche Sehnsucht nach einer Revolution, der Traum, dass die Aufbruchsstimmung in den Wissenschaften, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erneuerungen in den Schwellen- und Entwicklungsländern Teil eines radikalen Wandels sind.

Die Revolutionsromantik hat sich in diesem Jahr gerade auf der Ted Konferenz nicht nur in den Köpfen, sondern auch auf den Bühnen manifestiert. Immerhin sind gut über einhundert der 850 Teilnehmer und Sprecher aus jenen Ländern, in denen Revolution keine Metapher, sondern politische Realität sind. Ted spielt da mit seinen unabhängigen Tedx-Ablegern schon eine kleine Rolle, die vom Kernteam in New York weder geplant noch gesteuert war. Houssem Aoudi kann da Geschichten erzählen, ein junger Berater für digitale Strategien und der Veranstalter der beiden Tedx Carthage-Konferenzen in Tunis. Wenn er da etwas schüchtern auf dem Podium steht und berichtet, wie er mit Gleichgesinnten das Tedx-Format als neutrale Plattform fand, wie die Regierung nach der ersten der beiden Konferenzen im September vergangenen den Tedx-Sprecher und Blogger Slim Amamou verhaften ließ, der dann in der nachrevolutionären Regierung Minister für Jugend und Sport wurde, dann ist das einer der Momente, an denen man auch im klimatisierten Konferenzzentrum von Edinburgh den rauen Atem der Geschichte verspürt.

Nadia al-Sakkaf

Es gab einige solcher Momente in diesem Jahr. Der Auftritt der jungen Chefredakteurin der englischsprachigen Yemen Times Nadia al-Sakkaf zum Beispiel. Die hatte ihren Posten von ihrem Vater und ihrem Bruder übernommen, die beide aus politischen Gründen ermordet wurden. Nun kämpft sie für einen modernen Jemen und versteht sich als Teil des arabischen Frühlings in ihrem Lande. Oder die Präsentation des Stars der französischen Street-Art-Szene JR. Der hatte mit seinem „Inside Out“-Projekt den Ted-Preis 2011 gewonnen. Seit 2004 sammelt JR Porträtfotos von Durchschnittsbürgern aus den sozialen Brennpunkten zunächst aus Paris, dann aus den Palästinensergebieten, afrikanischen Megacities und brasilianischen Favelas. Die bläst er zu Plakaten auf, die dann wiederum an den Orten der Fotografierten aufgehängt werden. Mit seinem Preisgeld verwirklichte er im Frühjahr ein Projekt in Tunesien, bei dem die allgegenwärtigen Propagandaporträts des geschassten Diktators Ben Ali mit solchen Plakatbildern tunesischer Normalbürger überklebt wurden.

Sicher bleibt die Revolution für die meisten der Ted-Teilnehmer eine Metapher. Trotz der Öffnung für einen jungen Dialog mit Entwicklungs- und Schwellenländern bezahlen die meisten Besucher der Ted-Konferenz immer noch fünftausend Euro für die Woche. Sie sind hier stellvertretend für eine Wohlstandsgesellschaft, die seit dem Mauerfall von einem verwirrenden Zeitalter der Umbrüche chronisch überfordert wird. Revolution ist die romantische Vorstellung von einem kathartischen Neuanfang. Auch wenn einer der Konferenzgäste, der New Yorker Medienwissenschaftler Clay Shirky, in seinem Essay „Thinking the unthinkable“ davor warnte, dass Revolution in der Geschichte vor allem das Ende einer Ära bedeutete, das nicht keine Kontinuität garantiert, sondern nur die Stunde Null.

Nun ist es eine historische Gnade, dass die politischen Revolutionen in der Wohlstandswelt seit dem 2. Weltkrieg kein Thema sind und die gesellschaftlichen Umwälzungen seit 1968 allerhöchstens marginal. Doch die technologischen und wissenschaftlichen Revolutionen reichen, um eine tiefe Unsicherheit zu erzeugen, die sich nach der Greifbarkeit einer traditionellen Revolution auf der Strasse sehnt.

Kevin Slavin

Einer der Schlüsselsätze fällt im Vortrag des Videospiel-Pioniers Kevin Slavin, der sich mit der „Algoworld“ beschäftigt, der Welt der Algorithmen. „Wir schreiben Dinge, die wir nicht mehr lesen können“, sagt er. Die Algorithmen der Alltagswelt haben längst ihre eigene Dynamik entwickelt. Slavin erzählt von den zweitausend Physikern, die inzwischen an den Börsen der Wall Street beschäftigt sind, um das so genannte „Black Box Trading“ zu programmieren, das inzwischen 70 Prozent des Wertpapierhandels bestimmt. In Mikrosekunden tätigen da Algorithmen Käufe und Verkäufe mit enormem Volumen. Wie real die Auswirkungen dieser Algorithmenwelt ist, zeigt er an zwei sehr realen Phänomenen. In Manhattan laufen die Leitungen des Internets im „Carrier Hotel“-Gebäude an der Hudson Street zusammen. Weil der digitale Knotenpunkt aber eine knappe Meile von den Börsen der Wall Street entfernt sind, laufen die Algorithmen der Handelsinstitute mit acht Mikrosekunden Verzögerung. Das führte dazu, dass sich die ersten Investmentfirmen vom traditionellen Bankenviertel vom Süden der Insel in die Nähe des Carrier Hotels in Tribeca gezogen sind. Und um den Handel mit Chicago zu beschleunigen wird derzeit ein massiver Datenkorridor zwischen den beiden Städten gebaut. Ein monumentales Bauprojekt, das mit viele altmodischem Dynamit durch die Landschaft getrieben wird, und bald schon den transkontinentalen Algorithmenhandel um drei Mikrosekunden beschleunigen soll.

Da manifestiert sich eine beunruhigende Macht der digitalen Revolution, die ihr Echo in der beunruhigenden Geschwindigkeit der biotechnischen Revolution ihr Echo findet. Das Mooresche Gesetz der digitalen Revolution, nach der sich alle 18 bis 24 Monate die Leistungsfähigkeit der Rechner verdoppelt, hat die Gentechnik mit einem wissenschaftsgeschichtlichen Turboeffekt vervielfacht. Als Benchmark gelten da die Kosten für die Entschlüsselung eines kompletten Humangenoms, die in nur zehn Jahren von drei Milliarden auf 50.000 Dollar gefallen sind.

Die Designerin Daisy Ginsberg versucht dieser Revolution Herr zu werden. Mit ihrer Firma Synthetic Asthetic sucht sie nach Wegen, um die Kluft zwischen der wissenschaftlichen Revolution und dem Normalverbraucher zu überbrücken. Sie sucht derzeit nach einer Designsprache für die Biologie, eine Art Benutzeroberfläche, die aus der abstrakten Programmiersprache der Genetik eine nachvollziehbare Anwendung machen kann.

Ted Auditorium

Gentechnische Designideen sind dann am Ende einer vollen Woche einer der Punkte, an dem jener Zustand eintritt, der im Konferenzjargon „Tedlag“ heißt. Wenn die Überfrachtung mit neuen Ideen Sättigungsgrenze erreicht hat, wenn die letzte Bekanntschaft mit einem Aktivisten aus Tunesien, einem Unternehmer aus China oder einem Wissenschaftler aus dem Silicone Valley gemacht ist, wenn die letzte Vision diskutiert wurde, übermannt einen eine mentale und soziale Erschöpfung, die eine Art intellektuelles Läuferhoch. Im Fazit war der Umzug von Oxford nach Edinburgh war für die europäische Ted-Konferenz nicht nur ein geografischer Neuanfang. Was fehlten waren die großen Namen, die Milliardäre, die Hollywood- und Rockstars, die Ted so gerne besuchen. Auch auf der Bühne gab es letztlich nur zwei wirklich bekannte Gesichter, die Schauspielerin Thandie Newton und der Bestsellerautor Malcom Gladwell (die beide außer Glamour nur Anekdotisches zu bieten hatten). Für die Rolle der Ted-Organisation als Gradmesser für den Puls eines Zeitgeistes und Katalysator für globale Dialoge ist das nicht das Schlechteste. Was wirklich bleiben wird von den Ideen und Visionen wird sich zeigen. Das aber ist keine neue Weisheit, sondern ein Zitat von Thomas Alva Edison aus dem frühen 20. Jahrhundert: „Genie besteht zu einem Prozent aus Inspiration und zu 99 Prozent aus Schweiß.“

Fotos: Thandie Newton; Nadia al-Sakkaf; Kevin Slavin; Ted Global Auditorium; by James Duncan Davidson / TED

15.05.11 | 15:56 | 2 Kommentare

Unser Müll in Afrika

Hugo01

(Von Andrian Kreye) Unter den afrikanischen Fotografen, die seit gut eineinhalb Jahrzehnten in den europäischen und amerikanischen Kunstmetropolen gefeiert werden, ist der Südafrikaner Pieter Hugo derzeit sicher der bekannteste. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er seine Porträtstudien mit einem formal anachronistischen europäischen Gestus inszeniert. Egal, ob er Gaukler fotografiert, die mit gezähmten Hyänen durch Lagos ziehen, Schauspieler aus Nigerias Filmfabriken oder Behinderte, mit seinen klassischen Bildschnitten und dem unjournalistischen Blick des Porträtisten verlieh er seinen Subjekten eine altertümliche Würde, die den konservativen Erwartungshaltungen des europäischen und amerikanischen Publikums entgegenkam.

Sieht man genau hin, hat es Hugo seinen Betrachtern nie so leicht gemacht. Letztlich sind seine Porträts in mehreren Ebenen gebrochene Studien eben dieser Erwartungshaltungen. Dass sich ein weißer südafrikanischer Fotograf, der bei Nelson Mandelas Amtsantritt im Jahre 1994 18 Jahre alt war, nicht einfach darauf einlassen würde, Erwartungshaltungen zu bedienen, die letztlich im neokolonialen Moralgeheuchel liberaler Schuldgefühle in den Wohlstandsländern wurzeln, war zu erwarten. So deutlich wie mit seinem neuen Band ,,Permanent Error‘‘ hat Hugo diese Erwartungen allerdings noch nie angegriffen.

Hugo02

Die Bilder entstanden auf der Mülldeponie Agbogbloshie Market in Accra, der Hauptstadt von Ghana. Auf Agbogbloshie landet all jener Wohlstandsmüll, der das Wirtschaftswunder der digitalen Revolution antreibt, all jene Produkte also, deren Haltbarkeit mit Systemerneuerungen und Sollbruchstellen auf wenige Jahre begrenzt wird - Handies, Computer, Unterhaltungselektronik. Zwischen den giftigen Schwaden der Müllfeuer versuchen die Lumpensammler von Agbogbloshie, Rohstoffe aus dem verseuchten Müll zu retten. Eine dreiseitige Liste mit den chemischen Kürzeln dieser Gifte und Rohstoffe schafft zu Beginn des Buches den Kontext der Anklage.

Hugo kehrt mit dieser Arbeit zu seinen Wurzeln zurück. In seinen ersten Studien über Opfer der Aids-Seuche und über Behinderte hinterfragte er ganz direkt die Gesellschaft seiner eigenen Heimat. Dann erst entwickelte er jenen Blick, der die eigentliche Qualität und die Vielschichtigkeit seiner Arbeit ausmacht. Als weißer Südafrikaner, für den der Kampf gegen die Apartheid vor allem eine Kindheitserinnerung ist, gehört Pieter Hugo jener Zwischengeneration an, die zu Beginn der Ära Mandela erstmals den Blick aus dem einst hermetischen Schurkenstaat am Kap auf den eigenen Kontinent zu richten begann.

Hugo03

Dieser Blick war eigen, weil er eine Außenansicht des Kontinents zeigte, die eben nicht aus der kolonialen Perspektive hervorgeht, sondern auf der einzigartigen Geschichte Südafrikas fußt. Das liefert auch die komplexen Ebenen, hinter der Sozialkritik der Müllkippenbilder. Doch bleibt letztlich die Sozialkritik der Kern der Arbeit. Und gerade in der politischen Direktheit entwickelt Pieter Hugo neue Wucht.

Fotos: Pieter Hugo aus PIETER HUGO: Permanent Error. Prestel Verlag, München, 2011. 128 Seiten, 39,95 Euro.

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