27.04.13 | 11:45 | 1 Kommentar

Die glücklichen Post-Neunziger

China hinkt dem Westen nicht hinterher, sondern orientiert sich an Stars, Filmen und Moden aus Asien. Ein Gespräch mit dem Jugendkulturforscher Kevin Lee über Rebellion und Generationen

(Interview: Andrian Kreye) Kevin Lee wurde in Kanada geboren. Nach einem Studium in Arts & Media Management an der York University in Toronto, übersiedelte er 2009 nach China. Seit 2010 leitet er in Peking die Firma Youthology, die im Auftrag von Firmen chinesische Jugendkulturen erforscht. Youthology arbeitet dabei mit akademisch ausgebildeten Soziologen, Ethnologen und Anthropologen. Als Business-Anthropologie gibt es diese Form der Marktforschung schon seit den Achtzigerjahren, um herauszufinden, was Kunden mit den Produkten tun, wenn sie sie erst einmal gekauft haben. Die Forscher von Youthology verbringen bei ihrer Arbeit viel Zeit mit ihren Studienobjekten, leben oft mit ihnen, protokollieren unzählige Details. Dabei erarbeiten sie Erkenntnisse über die Rituale, Hierarchien und Strukturen ganzer Bevölkerungsgruppen. Business-Anthropologie ist derzeit so erfolgreich wie umstritten. Nach Meinung der Akademiker verletzt sie die ethischen Leitlinien der Forschung. Die Wirtschaft sieht darin die perfekte Methode, um ihre Kunden als Menschen kennenzulernen.

Seit wann gibt es in China eine Jugendkultur?

Kevin Lee: Es gab schon länger Gegenkulturen - die Kunstbewegung von 1985, die Studentenbewegung von 1989. Aber das waren gesellschaftliche Nischen, keine Jugendkulturen im klassischen Sinne.

Wie muss man sich die vorstellen?

Kulturen, in denen sich junge Leute Fragen nach ihrer eigenen Identität stellen können. Im Westen gehen die meisten in ihren frühen Teenagerjahren durch so eine Selbstfindungsphase. Aber dort gibt es auch den Platz dafür.

In der Gesellschaft?

Nein, ich meine ganz buchstäblich den Platz - Kinder können auf der Straße spielen, es gibt Blocks, Clubs, Orte, wo sie herumhängen können. Aber auch alles andere, was eine Jugendkultur ausmacht, gab es in China lange nicht: kulturelle und kommerzielle Angebote, Meinungs- und Bewegungsfreiheit. Das kam alles erst mit der Politik der offenen Tür, nach 1985. Richtige Jugendkultur gibt es in China erst seit den späten Neunzigerjahren, wir reden also von gerade mal zwei Generationen.

Im Westen waren die Leitmotive der Jugendkultur Identität und Rebellion. Welche sind es in China?

Rebellion spielt keine Rolle. Man versucht natürlich immer, die Entwicklungen in China mit der Geschichte der westlichen Länder zu vergleichen. Wir werden immer wieder gefragt, ob in China jetzt eine ähnliche Aufbruchstimmung herrscht wie im Amerika der Fünfzigerjahre. Für westliche Firmen wäre das natürlich einfach; wenn China nur ein paar Jahrzehnte hinterher wäre, könnte man alles das noch einmal machen, was im Westen damals Erfolg hatte. Aber so funktioniert das nicht. China durchläuft zwar eine ähnliche Wachstumsphase, aber der Kontext ist einzigartig. Auf der einen Seite viel globaler, auf der anderen Seite aber auch regional viel komplexer als in Amerika und Europa damals.

Wie steht es denn mit dem Generationenkonflikt?

Auch den findet man in China kaum. Es gibt keine vorangegangenen Generationen, gegen die die Jugend rebellieren könnte. Die älteren Generationen stammen aus schwierigen Zeiten. Die waren vor allem damit beschäftigt zu überleben und konnten ihren Kindern nur wenig an Erfahrungen mitgeben, mit denen sie heute etwas anfangen könnten. In der chinesischen Jugendkultur geht es viel mehr ums Ausprobieren. Und da wiederum geht es vor allem um Identität.

Ist das nicht auch eine Form der Rebellion in einem Land, in dem der Staat über Jahrzehnte eine kollektive Identität verordnet hat?

Aber diese Zwangsidentitäten haben schon lange keine Gültigkeit mehr. Das war spätestens 1989 vorbei. In der chinesischen Jugendkultur spielen individuelle Identitäten eine viel größere Rolle, und die wiederum setzen sich aus vielen Facetten zusammen. Die Generationenfrage spielt dabei eher eine nostalgische Rolle, nicht so sehr als Motor eines Konflikts.

Wie manifestiert sich das?

Vor ungefähr vier, fünf Jahren gab es plötzlich die erste Retrowelle. Mit einem Mal war alles aus den Achtzigerjahren wieder in Mode - Turnschuhe, Schuluniformen, Zeichentrickfiguren, sogar japanische Comicfiguren und Produkte aus dem Westen. Das hatte damit zu tun, dass wir in der chinesischen Jugendkultur von zwei Generationen sprechen. Von den Post-Achtzigern und von den Post-Neunzigern, die eben jeweils in den Achtziger- oder Neunzigerjahren geboren wurden. Das waren die ersten Generationen, die mit der Freiheit aufgewachsen sind, sich zu fragen, wer sie eigentlich sind. Und die sich damit vom Kontext der Vergangenheit lösen konnten. Die Post-Achtziger fanden dann in dieser Retrowelle die Grundlagen ihrer Identität wieder.

Und die Post-Neunziger?

Die haben ihre eigene Retrowelle. Das Interessante ist aber, dass sie sich weniger über die Artefakte einer Generationen-Identität definieren als über regionale Artefakte.

Was heißt das konkret?

Sie definieren sich als Peking-Post-Neunziger, Shanghai-Post-Neunziger oder Xi"an-Post-Neunziger. Und sie beziehen sich dabei auf irgendwelche Getränke oder Spiele, die man früher eben nur in diesen Städten oder Gegenden fand. Da entwickelt sich gerade ein Hyperregionalismus, der sehr viel Spaß macht, weil er unzählige neue Zentren eigenständiger Subkulturen schafft.

Warum haben Sie Ihr Büro in Peking aufgeschlagen und nicht in Shanghai?

Shanghais Jugendkultur ist eher eine Konsumkultur, sehr pragmatisch, sie orientiert sich eher nach Westen. Wie eigentlich die ganze Stadt. Peking ist anders. Viel innovativer. In Peking gibt es die meisten Universitäten, die meisten Technologiefirmen, die Silicon Valleys von China. Aber eben auch die wichtigsten Kulturinstitute. Fast alle Schriftsteller, Künstler und Musiker gehen nach Peking. Die Kultur ist eher eine Bohème-Kultur. Deswegen entwickelt sich dort mehr.

Welche Rolle spielen in China internationale Kultur und Produkte?

Die gab es in China ja schon seit den Achtzigerjahren. Aber gerade für die jüngere Generation spielen die amerikanischen und westlichen Einflüsse eigentlich keine große Rolle. Amerikanische Produkte haben zum Beispiel kein besonders hohes Prestige. Oder nehmen Sie einen Star wie Lady Gaga. Die ist durchaus eine Sensation, wird von vielen geliebt. Aber niemand wäre gern wie Lady Gaga, niemand sieht sie als Idol. Das ist alles viel zu fremd. Da gibt es nichts, was sich auf den eigenen Kontext bezieht. Deswegen kommen die Einflüsse aus dem Ausland eher aus asiatischen Kulturen - aus Japan, Korea, Taiwan, Vietnam.

Wie sieht es denn mit amerikanischen Filmen und Fernsehserien aus, die ja weltweit großen Einfluss haben?

Auch da haben Filme und Serien aus anderen asiatischen Ländern einen größeren Einfluss. Die amerikanischen Geschichten sind ja meist recht einfach - es gibt einen Helden, einen Feind und zum Schluss gewinnt der Held. Das ist im Vergleich zu asiatischen Erzählformen viel zu simpel. Chinesische Jugendliche mögen es ein bisschen komplizierter, Erzählstränge, die sich miteinander verweben, die auf Gemeinschaften und Netzwerken aufgebaut sind. So wie die Geschichten in den Filmen von Ang Lee. Oder eben in Filmen, die in China, Vietnam oder Taiwan produziert wurden.

Hat das etwas mit chinesischen Erzähltraditionen zu tun?

Im akademischen Sinn bestimmt. Aber es beginnt schon mit der Sprache und damit, wie ihr Hirn Dinge verarbeitet. Das ist fest in der asiatischen Kultur verankert. Wir denken in mehreren kontextuellen Ebenen. Deswegen muss ein Drama auch komplex aufgebaut sein.

Welche Medien spielen denn die größte Rolle für die Jugend?

Ursprünglich war es Musik, doch das hat sich eher in Richtung Sport entwickelt. Digitale Medien spielen eine enorme Rolle. Und die Kombination aus beidem: Die Jugendlichen gehen snow- oder skateboarden, feiern danach und tauschen dann Videos aus. Es gibt außerdem eine große Do-it-yourself-Mode. Aber man kann das nicht verallgemeinern. Das ist von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich. China ist so fragmentiert, und die regionalen Unterschiede sind so stark, dass diese Nuancen eine große Rolle spielen.

Welche Rolle haben Familientraditionen in der chinesischen Jugendkultur?

Da gibt es eine interessante Spannung, die gerade in der Underground-Musik, in Gedichten und Romanen verarbeitet wird. Prinzipiell wollen junge Leute ihre Eltern durchaus respektieren. Sie wollen, dass ihre Eltern stolz auf sie sind. Allerdings sind ihre Eltern noch in ganz anderen Wertesystemen verwurzelt. Und gerade da unterscheiden sich die Post-Achtziger stark von den Post-Neunzigern.

Welchen Unterschied gibt es da?

Die Eltern der Post-Achtziger kamen aus viel härteren Verhältnissen. Als die chinesische Wirtschaft Fahrt aufnahm, also in den frühen Neunzigerjahren, waren sie meist schon in ihren Dreißigern oder Vierzigern, für viele war es da schon zu spät, noch richtig Karriere zu machen. Für sie waren die Jobs bei der Regierung immer noch der wichtigste Weg zum Erfolg. Deswegen waren ihnen gute Noten so wichtig, ein guter akademischer Abschluss, vielleicht sogar ein Job im Ausland, oder eben in der Regierung.

Die Post-Neunziger-Eltern sind finanziell meist besser abgesichert. Viele sind Unternehmer und schätzen das Wertesystem der Marktwirtschaft. Deswegen haben sie ihre Kinder oft viel freier erzogen, gaben ihnen mehr Raum, weil der Karrieredruck nicht mehr so groß war, und vor allem, weil die staatlichen Unternehmen und Institutionen für die berufliche Laufbahn nicht mehr so wichtig waren. Sie hatten ja auch die Mittel, um ihre Kinder zu unterstützen.

Gibt es da nicht einen Unterschied zwischen der Jugend auf dem Land, in den Provinzen und in den Städten?

Einen massiven Unterschied sogar. Wenn ich von Jugendkultur spreche, dann rede ich in erster Linie von der Großstadtjugend, die in den so genannten erstrangigen Städten aufgewachsen sind. Sobald sie in die zweit-und drittrangigen Städte gehen, ist alles ganz anders. Und mit zweit- und drittrangig meine ich immer noch Städte, die um ein Vielfaches größer sind als jede Stadt in Europa. Das sind vollkommen andere Welten. Die haben ihre eigenen Subkulturen.

Was sind das für Subkulturen?

Das Interessante in den zweitrangigen Städten und in der Provinz ist, dass wir es da nun schon mit der zweiten Generation von Kindern zu tun haben, deren Eltern ihre Heimat verlassen mussten, um Arbeit zu finden. Die haben ihre Eltern nur einmal im Jahr gesehen. Und diese Kinder fragen sich nun, ob es das alles wert ist. Will ich meine Kinder verlassen, die dann bei den Großeltern aufwachsen, nur um mehr Geld zu verdienen? Vor allem, nachdem das nicht mehr unbedingt der Fall ist, weil die Lebenshaltungskosten in den Städten viel schneller angestiegen sind als die Löhne dort. Deswegen gehen auch viele junge Leute, die vielleicht schon in die großen Städte gezogen sind, wieder zurück in die Provinz. Die entwickelt sich deswegen gerade auch sehr rasch, weil diese umgekehrte Wanderung viele gut ausgebildete junge Leute zurückbringt. So wird das Leben dort bequemer, es gibt mehr Arbeitsmöglichkeiten.

Und welche Subkulturen entwickeln sich da?

Da entwickeln sich eigene Dialekte, eine eigene Musik und Verhaltensmuster. Die Musik klingt ganz furchtbar, die ist wirklich schlecht. Aber die Provinzjugend steht da drauf. Das sind Sounds und Geschichten, die sie mag und versteht, nicht zuletzt, weil sich die Kultur in den erstrangigen Städten so schnell entwickelt hat, dass sie mit der Realität der Provinzjugend nichts mehr zu tun hat. Viele Dinge, über die sich die kreative Klasse in den Städten Gedanken macht, haben in der Provinz überhaupt keine Bedeutung.

Mit was beschäftigt sich denn die Großstadtkultur?

Im Moment ist die Verwischung der Geschlechtergrenzen sehr interessant. Das sieht man inzwischen sogar in den Talentshows im Fernsehen. Vor vier, fünf Jahren hat mal ein Tomboy-Mädchen gewonnen, das war noch richtig kontrovers. Inzwischen gibt es unzählige Boybands, die sehr feminin sind. Es gibt da auch eine ganze Subkultur von älteren Frauen, die auf feminine Knaben stehen. Die Schauspielerin Fan Bingbing, die ein Superstar ist, zieht sich dagegen oft sehr männlich an.

Hat das auch eskapistische Elemente?

Die stärkste Form des Eskapismus in China ist immer noch, ins Ausland zu gehen. Das ist nicht nur die grassierende Kapitalflucht. Das ist auch ein großer Braindrain der kreativen Klasse. Bleibt nur zu hoffen, dass sich China so schnell entwickelt, dass wir diese kreative Klasse halten können. Erst in den letzten 18 Monaten gibt es eine Rückkehrbewegung aus dem Ausland. Viele sind sehr jung emigriert und sehen jetzt wegen der Wirtschaftskrise im Westen in China mehr Möglichkeiten. Das wiederum ist ein ganz neuer kultureller Einfluss, weil diese Auslands-Chinesen ganz andere Werte und kulturelle Gewohnheiten nach China bringen. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt.

Foto: Wang Zhao/AFP

18.03.13 | 23:15 | 1 Kommentar

Die Wanderheilige unserer Krise

(Von Andrian Kreye) Das Schwierige an importierten Befindlichkeiten ist normalerweise, dass sie auf Geschichten beruhen, die nicht die eigenen sind. Das können die Geschichten von Nationen genauso sein, wie die Geschichten von Generationen. Im Fall der amerikanischen Sängerin Amanda Palmer ist sogar beides der Fall. Man muss aber nicht wissen, dass sie neben ihrer Solo-Arbeit eine Hälfte des Punk-Cabaret-Duos Dresden Dolls ist, man muss auch ihre exaltierten Lieder nicht mögen, um zu verstehen, warum sie gerade zu einer der Schlüsselfiguren der Popkultur aufsteigt.

Amanda Palmers bisher größter Hit ist kein Song, sondern ein Vortrag mit dem Titel 'The Art of Asking' (Die Kunst des Bittens), den sie Ende Februar beim Ideenfestival Ted Conference in Long Beach hielt. Darin erzählt sie von ihrer Karriere, die sie als lebende Statue in Fußgängerzonen begann, und die sie nun ohne Hilfe von Platten- oder sonstigen Firmen vorantreibt. Dafür hat sie nach einem Streit mit ihrem Label ein Geschäftsmodell entwickelt, das vor allem darauf beruht, keine Geschäfte zu machen. Ihr letztes Album beispielsweise finanzierte sie mit einem kurzen Video, mit dem sie auf der Crowdfunding-Webseite Kickstarter ihre Fans um Geld bat.

1,2 Millionen Dollar bekam sie so zusammen. Auch ihre Tourneen lässt sie nicht mehr von etablierten Veranstaltern organisieren. Meist sind es Fans, die über soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook einen ihrer Auftritte möglich machen, weil sie Geld, Saal und Verstärker besorgen. Unterwegs steigt sie nicht in Hotels ab, sondern übernachtet bei meist unbekannten Anhängern. Dazu zeigte sie in Long Beach Bilder, auf denen sie vor selbstgekochten Buffets steht, auf Sofas und Matratzen schläft, sich von Fans bemalen lässt.

Wer die Diskussionen um das Urheberrecht und die digitale Kultur in den vergangenen Jahren verfolgt hat, wird da - je nach Lager - das Ideal oder das Horrorszenario der künftigen Kulturwirtschaft erkennen. Neigt man eher zum traditionellen Ansatz, dass Arbeit und Ware auch regulär bezahlt werden sollten, verspürte man während des Vortrages spätestens dann den Bauchknoten des Fremdschämens, als Amanda Palmer davon erzählte, wie sie bei einer Familie illegaler Einwanderer in Miami übernachtete. Als sie beschreibt, wie die Mutter sie am nächsten Morgen beiseite nimmt, und ihr sagt, wie wichtig Palmers Musik für ihre Tochter sei, stehen der Sängerin die Tränen in den Augen. Da gipfelt diese wohlformulierte Ballade von Selbstlosigkeit, Vertrauen und Rebellion gegen die Konsumgesellschaft in einer gewaltigen Ladung Pathos. Und doch haben über eineinhalb Millionen Menschen in den vergangenen drei Wochen das Video des Vortrages angesehen und zumeist begeistert kommentiert.

Mit einem Song wäre Amanda Palmer damit weit oben in den Charts. Als Mem beweist sie Instinkt für einen Zeitgeist, der weit mehr ist, als die Trotzhaltung, dass man für Musik nichts bezahlen will. Das Ideal des Teilens geht in den USA auf einen ganz spezifischen Moment der Geschichte zurück. Auf dem Höhepunkt der Depression der Zwanziger- und Dreißigerjahre gab es in ganz Amerika einen unvergleichlichen Geist der Solidarität. Während Europa und Russland diesen Geist von den Diktaturen aufgezwungen bekamen, formierte sich in den USA ein Gemeinschaftsgefühl, auf dem Präsident Franklin D. Roosevelt sein Reformpaket des New Deal aufbauen konnte. Oder verkürzt gesagt: In Amerika bekamen sie Bankenreformen und Rentenversicherungen, in Europa die Nazis und den Kommunismus.

In der Weltwirtschaftskrise des 21. Jahrhunderts, ist dieses Solidaritätsgefühl in Amerika, aber eben auch in Europa weitgehend verschwunden. Wer von Schulden erdrückt wird (in den USA als Bürger, in Europa als Staat), ist selbst schuld - hätte er eben nicht über seine Verhältnisse gelebt. Deswegen ist Amanda Palmer kein rein amerikanisches Phänomen.

Für eine Generation, die nicht nur mit den Schulden ihrer Vorväter leben wird, sondern auch mit dem Ende eines Wachstums, das bisher die Verbesserung des Lebensstandards von Generation zu Generation über mehrere Jahrhunderte automatisierte, wird Amanda Palmer so zu einer Art Wanderheiligen. Die Sängerin verkörpert gleich mehrere Ideale: Sie lebt ohne die Zwänge der Konsumgesellschaft, sie vertritt ein ethisch einwandfreies Wertesystem, sie ist ein Rockstar und sie macht all das durch das identitätsstiftende Internet möglich. Das ist keine Pose, sondern ein Kraftakt. Genau deswegen funktioniert ja auch ihr Pathos.

04.02.13 | 09:10 | 0 Kommentare

Dünkel und Empörung


(Leitartikel in der SZ vom 4.2.2013 von Andrian Kreye)
Es gibt gerade einen auffälligen Debattenstau in Deutschland. Da geht es um Antisemitismus, um Rassismus und Sexismus. Gestritten wird auf allen traditionellen und neuen Medienkanälen. Nun könnte man die drei Diskurse jeden für sich mit einer einfachen Grundregel der Höflichkeit beiseitefegen: Es geht nie darum, wie man Ressentiments definiert, sondern wie sie empfunden werden.

Da mangelt es in Deutschland oft an Feingefühl. Einer der Höhepunkte war die Verlautbarung der ARD, mit der sie einen Auftritt ihres Literaturkritikers Denis Scheck verteidigte, der schwarz geschminkt und mit weißen Handschuhen gegen die Tilgung rassistischer Wörter aus Kinderbuchklassikern argumentierte. So ein Aufzug steht in der Tradition des „Blackface“, einer rassistischen Tölpelei aus dem amerikanischen Revuetheater des 19. Jahrhunderts. Da gibt es nichts schönzureden. Da hilft auch der Verweis der ARD auf die „Othello“-Inszenierung von 1976 nicht, bei der Ulrich Wildgruber in Hamburg schwarz geschminkt auftrat.

Doch Empörung und Dünkel sind publizistische Anabolika, die jede Debatte verzerren. Dabei verbirgt sich hinter allen drei Debatten viel mehr als in Talkshows und Kommentaren verhandelt wird. Das gilt für die Antisemitismus-Debatte, die mit dem Streit um Günter Grass’ israel-kritisches Gedicht in dieser Zeitung begann, die sich durch den Streit um das Beschneidungsurteil von Köln zog und in der Verwunderung über die Platzierung von Jakob Augsteins Spiegel-Online -Kolumnen auf der Liste der schlimmsten antisemitischen Zitate des Jahres 2012 gipfelte. Dahinter steht die Verteidigung ressentimentgeladener Gedankenlosigkeit genau jener gebildeter Stände, die den pädagogischen Antifaschismus so verinnerlicht haben, dass sie glauben, gegen Ausrutscher immun zu sein.

Hinter dem Streit um die rassistischen Wörter in Kinderbuchklassikern steht der Widerwille, mit dem Demografiewandel Deutschlands umzugehen. Immerhin sind inzwischen schon 20 Prozent aller Bewohner nicht mehr deutscher Herkunft. Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ ist da Synonym für eine innere Leitkultur, die nicht auf Veränderungen reagieren will.

Hinter der Sexismus-Debatte wiederum steht ein Ruck im Kampf um Gleichberechtigung. Jeder Bürgerrechtskampf verläuft in drei Phasen. Zunächst muss sich die Mehrheit der Gesellschaft einig sein, dass sie eine Diskriminierung nicht mehr duldet. Das zwingt die Politik, die rechtlichen Grundlagen für Gleichberechtigung zu schaffen. Danach beginnt die schwierigste Phase – der Kampf um die wirtschaftliche Gleichberechtigung.

Alle drei Debatten halten sich mit viel Empörung um Lappalien auf. Es geht eben nicht um die Siedlungspolitik Israels und die damit verbundene imperialistische Perfidie, sondern um die antisemitischen Muster in den Köpfen, die immer noch auf den alten Klischees von der jüdischen Weltverschwörung basieren, mit denen zaristische Offiziere im 19. Jahrhundert Pogrome befeuerten. Es geht nicht um die Werktreue von Kinderbüchern, sondern darum, ob man Beleidigten das Recht einräumt, beleidigt zu sein. Und es wird für die Rolle der Frau in Deutschland nur wenig Bedeutung haben, ob FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle spätnachts an der Bar im Umgang mit einer Stern -Reporterin schlagfertig war oder Grenzen überschritt.

Die Empörung wird langfristig zu einer Debattenmüdigkeit führen. Kurzfristig gibt sie dem Dünkel Zunder. Da wird schnell mit dem Zerrbild von der „politischen Korrektheit“ gekontert, die doch nichts anderes sei als spaßfeindlicher Puritanismus. Damit kann man lässig und ironisch argumentieren. Hierzulande weiß kaum jemand, dass „politically correct“ nur ein feiger Kampfbegriff aus den amerikanischen „culture wars“ ist, mit dem man ein Gerechtigkeitsverständnis diskreditiert, das Macht und Pfründe infrage stellt.

Nun gibt es in Deutschland keine Pogrome, rassistische Gewalt ist ein Phänomen an brutalen Rändern der Gesellschaft, und seit 2006 gibt es gegen Sexismus ein Gleichstellungsgesetz. Doch im Gegensatz zu den USA und Kanada, zu England und Frankreich, war Deutschland bisher noch nicht gezwungen, eine Konsenskultur zu schaffen. Der gesellschaftliche Konsens basierte auf einer Monokultur, die vielleicht nicht gewollt, aber doch gegeben war. Nun aber wird aus Deutschland immer deutlicher eine kosmopolitische Gesellschaft. Da reicht die freundliche Neugier auf das Fremde nicht mehr. Mit dem Wandel muss sich Deutschland darüber klar werden, wen es am Leben, an der Macht und am Wohlstand teilhaben lässt. Das aber ist keine Lappalie, sondern definiert die Identität eines Landes.

18.12.12 | 13:43 | 0 Kommentare

Abwahl der Waffen

 

(Von Andrian Kreye) Amerika ist ein seltsames Land. Es ist das Land, in dem der Vorsitzende des Vereins amerikanischer Waffenbesitzer, Larry Pratt, kurz nach dem Amoklauf an der Grundschule von Newtown öffentlich sagen konnte, dass es doch nun an der Zeit sei, das Waffenverbot an Schulen aufzuheben. Wären die Lehrer und Hausmeister bewaffnet gewesen, hätten sie den Amokläufer schon gestoppt. Es ist das Land, in dem der konservative Politiker Mike Huckabee im Fernsehen behaupten durfte, das Massaker sei geschehen, weil man Gott aus den Schulen vertrieben habe.

Aus europäischer Sicht ist der Stand der Dinge eindeutig: Was diskutiert Amerika denn überhaupt über schärfere Waffengesetze? Es sollte doch nicht mehr um 'gun control' gehen, sondern um ein generelles Waffenverbot. Das mag anmaßend sein. Ganz abwegig ist es nicht.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben die USA fünf große Versuche einer Prohibition lanciert, und immerhin zwei davon haben funktioniert. Wenn man sich die Einzelfälle genauer anschaut, versteht man, warum es Amerika so schwerfällt, Waffen einfach zu verbieten.

Nicht so gut funktioniert haben die Versuche, das Saufen und den Sex zu regulieren. Das Alkoholverbot, das der amerikanische Senat am 16. Januar 1919 mit dem 18. Verfassungszusatz verabschiedete, war eine der folgenreichsten politischen Fehleinschätzungen in der Geschichte der westlichen Zivilisation. Die 13 Jahre der Prohibitions-Ära legten das Fundament für eine Schattenwirtschaft, in der die Routen der amerikanischen Alkoholschmuggler die Infrastruktur für ein organisiertes Verbrechen schafften, das sich bis heute über alle fünf Kontinente ausgebreitet hat. Nicht umsonst beginnt die Fernsehserie 'Boardwalk Empire' über die Verwicklungen zwischen Politik und Verbrechen während der Zwanzigerjahre damit, dass die Mafiosi von Atlantic City den Beginn des Alkoholverbots mit einem rauschenden Champagnerfest feiern. Nichts ist so gut fürs illegale Geschäft wie ein Verbot.

Den gewerblichen oder auch nur sündigen Sex haben die amerikanischen Gesetzgeber nicht ganz so stringent bekämpft. Die Moraloffensive begann 1873 mit dem Gesetz des prüde gesinnten obersten Postinspektors Anthony Comstock, der den Postversand von 'obszönem, lüsternem und laszivem Material' unter Strafe stellte. Heute ist es vor allem die Prostitution, die in sämtlichen Bundesstaaten außer Nevada verfolgt wird. Was wiederum eine Schattenwirtschaft geschaffen hat, in der sehr viel mehr Geld auf Kosten von Frauen und Freiern verdient wird als beispielsweise in Ländern wie Deutschland und den Niederlanden, die einen bürokratischen Zugang zum Sexgewerbe gefunden haben.

Ganz gut funktioniert haben die Prohibitionen des Rasens und des Rauchens. Das Gesetz für eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 55 Meilen pro Stunde wurde während der Ölkrise von 1973 aufgesetzt. Man hoffte, den Benzinverbrauch zu senken und sich so aus der Abhängigkeit von Opec-Staaten zu winden. Eine Milchmädchenrechnung: die effektive Ersparnis belief sich auf knappe ein Prozent. Dafür sank die jährliche Zahl der Verkehrstoten um rund zehntausend, was einem Minus von etwa 18 Prozent entsprach. Aus den Zahlen wurde bald Konsens. 'Coasting' und 'cruising' sind heute die Weisen des amerikanischen Autofahrers, der 'speeding' höchstens auf deutschen Autobahnen kennt.

Die sanfte Prohibition des Rauchens gelang jedoch bisher am besten. Sie war ein schleichender Prozess, der mit Aufklärungsarbeit über die gesundheitlichen Folgen des Rauchens begann. Eine Welle der Schadenersatzprozesse, die in den Achtzigerjahren begann, kostete die Tabakindustrie Milliarden. Vor allem aber ihr Image.

Bald folgten die Verbote. Erst wurde das Rauchen in öffentlichen Gebäuden untersagt, dann in Lokalen, Bars, Mietwohnungen, an Stränden, in Fußgängerzonen, in der Umgebung von Schulen. Gleichzeitig wurde die Tabaksteuer empfindlich angehoben. In New York kostet ein Päckchen Zigaretten heute um die zwölf Dollar.

Was all diese Maßnahmen erreichten, war ein neuer gesellschaftlicher Konsens. Es mag kein gesetzliches Verbot des Rauchens geben. Sozial ist das Laster in Amerika heute verfemt. Die einstmals coole Gestik gilt als vulgär. 'Cigarette breath' ist in amerikanischen Reportagen ein Mittel, um eine Person als unangenehm zu beschreiben. Und seit eine gesunde Lebensführung zum Distinktionsmerkmal der gebildeten Stände wurde, ist die Zigarette in den USA heute so etwas wie der Mittelstreifen auf der Straße der Verlierer.

Den Krieg gegen die Drogen, den Präsident Richard Nixon 1971 erklärte, muss man an dieser Stelle ignorieren, weil er unterkomplex unterschiedliche Phänomene wie Marihuana und Crystal Meth über einen Kamm schert. Was die misslungenen Prohibitionen von Saufen und Sex und die gelungenen von Rasen und Rauchen deutlich zeigen, ist eine Kette, an deren Ende nicht nur ein Gesetz, sondern ein Wandel steht, den die Gesellschaft nicht zugelassen, sondern ganz dezidiert gewollt hat.

Reine Moralfeldzüge führen in den westlichen Zivilisationen zu nichts. Sie dienen dazu, politische Lager zu polarisieren. Anthony Comstocks 'New York Society for the Suppression of Vice' (Gesellschaft für die Unterdrückung von Lastern) galt selbst im viktorianischen Amerika des 19. Jahrhunderts als Verein prüder Fanatiker und Spinner. Abstinenzler-Lobbys wie die 'Women"s Christian Temperance Union' und die 'Anti-Saloon-League' verschwanden mit dem Ende der Prohibition 1933.

Die soziale Abschaffung des Rasens und des Rauchens waren dagegen die Folgen gesellschaftlicher Rechnungen mit eindeutigen Ergebnissen: Die Kosten des Rasens und Rauchens waren höher als der vermeintliche Nutzen. Die vielen Verkehrstoten waren meist jüngeren Alters. Die Kosten des Rauchens fasste das 'Center of Disease Control' vor ein paar Jahren in präzise Zahlen: 193 Milliarden Dollar gehen der Volkswirtschaft alljährlich durch das Rauchen verloren. Das gliedert sich in Behandlungskosten von rund 96, sowie Produktivitätsverlust von rund 97 Milliarden Dollar.

Nun sollte man meinen, dass die Zahlen auch im Streit um Waffengesetze eindeutig sind. Über 10000 Amerikaner werden jedes Jahr erschossen. In europäischen Ländern liegt die Zahl meist weit unter einhundert. Und auch das bizarre Phänomen des Amoklaufes steht offensichtlich in direktem Zusammenhang mit der Waffengesetzgebung. In Australien erließ die Regierung nach einem Amoklauf im Jahr 1996 strenge Waffengesetze. In den 18 Jahren zuvor hatte es 13 solcher Massenmorde gegeben. In den Jahren danach keine.

Doch die Rechnungen gingen bisher nicht auf, weil es der Waffenlobby immer gelang, die Debatte auf einer moralischen Ebene zu halten. Grundlage dafür war eine fundamentalistische Lesart des zweiten Verfassungszusatzes. Der garantiert den Bürgern Amerikas das Recht, eine Miliz zu gründen und Waffen zu tragen. Zwar stammt dieser Zusatz aus dem Jahr 1791, als noch die ganz reale Gefahr bestand, dass König George III. versuchen könnte, die abtrünnige Kolonie zurück ins Empire zu holen. Und doch kann man aus einer wörtlichen Lesart den Schluss ziehen: Wer gegen das Recht auf das Waffentragen ist, der ist auch gegen das grundlegende Freiheitsrecht Amerikas. Die Freiheit ist nach dem amerikanischen Verständnis das höchste aller Güter. Ganze Generationen waren während der vergangenen Jahrhunderte bereit, dafür zu sterben.

Der Amoklauf von Newtown hat allerdings eine Komponente in der Rechnung verschoben. Es waren kleine Kinder, die gestorben sind. Der Tod von Kindern ist für jede Gesellschaft der höchste Preis, den sie bezahlen kann. Barack Obama hat nun ein kleines Zeitfenster, in dem er doch noch eine Rechnung anstellen kann. Es sind zwar nicht die gesellschaftlichen oder die volkswirtschaftlichen Kosten, die hier eine Rolle spielen. Doch vielleicht sind Amerika die emotionalen Kosten von Newtown einfach zu hoch, um die Waffendebatte zu den moralischen Akten zu legen.

Abb.: screenshot online gunstore

24.11.12 | 11:52 | 0 Kommentare

Die Rückkehr der edlen Wilden

Immer wenn die Zukunft Angst macht, wächst die Sehnsucht nach Einfachheit, selbst wenn es nur die Nostalgie nach den Frühformen des Kapitalismus ist


(Von Andrian Kreye) Wenn man das Dorf Ipai auf der Insel Tanna im Archipelstaat Vanuatu besucht, begrüßen einen gestandene Männer mit geflochtenen Kränzen im Haar und bunten Tüchern um die Hüften. Die Frauen stampfen auf dem Dorfplatz Yam und Tarowurzeln zu Brei. Dazwischen jagen Kinder Schweine durchs Gehölz, hinter dem der Dschungel beginnt. Mit etwas Glück darf man bleiben, und wenn sich die Südseesonne dann langsam dem Horizont zuneigt, laden einen die Dorfältesten zu einer Schale Kava ein, jenem Getränk, das einen in einen wohligen Dämmerzustand versetzt. Die Ruhe, die einen am späten Nachmittag erfasst, scheint einen Urzustand der Zufriedenheit wieder herzustellen, der einem als Europäer seit Jahrhunderten fremd geworden ist.

Es ist eine trügerische Ruhe und ein täuschender Urzustand. Ähnlich wie in den meisten Weltgegenden, in denen die Urvölker in archaischen Dorfgemeinschaften leben, sind Blätterkränze, Baströckchen und Stammestänze längst nur noch Kostüm. Sie wurden den Ureinwohnern meist in den Sechziger- und Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts von wohlmeinenden Ethnologen aus den Archiven ihrer Universitäten in die Busch- und Fischerdörfer zurückgebracht. Auf den melanesischen Inseln Vanuatu, Salomonen und Papua-Neuguinea entstanden in Folge die sogenannten Kastom Villages. Das sind Brauchtumsdörfer, die althergebrachte Lebensweisen inzwischen auch für Touristen kultivieren, die dort auf der Suche nach dem authentischen Südseeparadies am vermeintlichen Ziel ihrer Sehnsüchte angelangt sind.

Diese Suche nach dem Echten in der Vergangenheit ist nichts Neues. Von der Renaissance über den Klassizismus des 18. und die Romantik des 19. Jahrhunderts wurde die Hochkultur Europas und Amerikas immer wieder von solchen nostalgischen Wellen erfasst. Meist waren das Reaktionen auf die beängstigenden Entwicklungen neuer Zeiten - der Aufklärung, der Demokratisierung, der Industrialisierung, der Moderne.

Oft war es nur ein Versuch, in vermeintlich reinen Urformen der eigenen Gesellschaft so etwas wie die verlorene Unschuld wiederzufinden. So bezogen sich Renaissance, Klassizismus und Romantik vor allem auf die Antike und ihre unverfälschten Frühformen der Zivilisation. Spätestens mit dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau kam jedoch eine handfeste Zivilisationsmüdigkeit zu den nostalgischen Verklärungen früherer Zeiten.

In seiner 'Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen' entwickelte er das Bild vom edlen Wilden. Der kannte nach Rousseau in seinem Naturzustand weder gut noch böse, vor allem aber keinen Besitz. Die Ungleichheit der Menschen kam erst mit der Zivilisation - dem Feuer, dem Ackerbau, der Sesshaftigkeit.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Zukunft wieder einmal beängstigendes Neuland. Der Fortschrittsglaube des späten 20. Jahrhunderts ist existenziellen Ängsten gewichen. Es ist nicht abzusehen, was Internet, Bio- und Nanotechnologie mit uns anstellen werden. Weltwirtschaftsprobleme haben das Urvertrauen in die Wohlstandsgefüge der westlichen Welt nachhaltig erschüttert. Kein Wunder also, dass die Verklärung der Vergangenheit und auch der edle Wilde wieder zurückkehren.

Der buchstäblich edle Wilde findet sich vor allem im Weltbild eines ökologischen Populismus, der den radikalen Verzicht als einzigen Weg der Rettung vor dem planetarischen Super-GAU erkennt. Da macht sich eine Zivilisationsmüdigkeit breit, die nicht nur den Fortschritt, sondern in ihrer letzten Konsequenz auch den Menschen an sich infrage stellt. Gerade in der Esoterik finden sich Untergangsphantasien, die noch ein Stückchen grausamer sind als die christlichen und islamischen Apokalyptiker, weil es keine Erlösung von den Sünden gibt.

Doch das Bild vom edlen Wilden findet sich längst nicht mehr nur in den radikalen Weltbildern. Die gesamte Popkultur ist derzeit von solchen rückwärtsgewandten Sehnsüchten durchsetzt. Der klassische edle Wilde hat da immer noch eine Rolle. In James Camerons Science-Fiction-Epos 'Avatar' von 2009 verteidigte der Held Jake Sully die unschuldigen Urmenschen des Planeten Pandora gegen die rohstoffhungrigen Menschen. Terrence Malick verklärte die Indianerprinzessin Pocahontas in seinem Film 'The New World' zur Lichtgestalt der Urvölker.

Solche direkten Übersetzungen des edlen Wilden sind für den Pop allerdings meist zu plump. Nicht das Urvolk, sondern die Urform wird da gefeiert. Der Eskapismus der da betrieben wird, erinnert an die Flucht der Romantik in alte Welten, die bis zum Kitsch verklärt werden.

Vor allem in den neuen Fernsehserien der gebildeten Stände findet man eine Art edle Wilde des Kapitalismus, die den undurchschaubaren Zerstörungsmechanismen des entfesselten Marktes ein archaisches Gangster-Ethos entgegensetzen, das doch so viel ehrlicher und moralischer zu sein scheint als der Raubtierkapitalismus der Wall Street.

Gleich die erste Serie dieser neuen Welle etablierte dieses Motiv. Die 'Sopranos' mögen eine brutale Mafiafamilie sein, doch letztlich waren sie eben - eine Familie. Wenn der Chemielehrer Walter White in der Serie 'Breaking Bad' nach der Krebsdiagnose das Auskommen seiner Familie mit Drogenhandel sichern will, dann stellt er ein urtümliches Ethos des Ernährers über die Zwänge der Gesellschaft. Und wenn er seine Konkurrenten ermordet - setzt er da nicht letztlich die Gesetze des freien Marktes in ihrer reinsten Konsequenz um?

Auch die Serie 'Mad Men' dreht sich in all ihrer politischen Unkorrektheit um die Unschuld einer sehr überschaubaren Gemeinschaft von Werbern, die erst im Laufe der Jahre ihre Unschuld verlieren und sich immer tiefer in den Morast des Kommerzes begeben. Und selbst in der Popmusik werden diese edlen Wilden des Kapitalismus gefeiert. Denn die Gangsta des Hip-Hop sind nichts anderes als Kapitalisten, die zu einer unverfälschten Urform des Handels zurückfinden: Geld gegen Ware, Blut gegen Schuld.

In all diesen Verklärungen und Bildern steckt ein finsterer Kern. Zivilisationsmüdigkeit und Romantisierung sind nichts anderes als sanfte Formen des Nihilismus. Wenn ein Wissenschaftler wie Jared Diamond nun die Urvölker, die er besser kennt als jeder andere, in seinem Buch "Vermächtnis" ganz differenziert darauf untersucht, welche ihrer Fehler und welche ihrer Weisheiten die Zivilisation verdrängt hat, dann tut er der Welt einen großen Gefallen (siehe ausführliches Interview im SZ Feuilleton von 24.11.2012). Er bricht mit den beiden ideologischen Weltbildern der Zivilisationsmüdigkeit und der Fortschrittsgläubigkeit zugleich. Was bleibt, ist Realismus.



Foto: AMC

07.11.12 | 17:00 | 3 Kommentare

Eine deutsche Liebe

Warum Obama nirgendwo so sehr verehrt wird wie hierzulande


(Von Andrian Kreye) Der Staat, in dem Barack Obama den mit Abstand höchsten Stimmenanteil hatte, durfte leider nicht wählen. 91 Prozent der Bürger der Bundesrepublik Deutschland hätten laut ARD für Obama gestimmt. Der Anteil für Romney war unter Einberechnung der Politikverweigerer und pathologischen Phlegmatiker statistisch kaum noch messbar. Schaut man sich die Onlinezahlen an, wurde die Wahlnacht in Deutschland so begeistert verfolgt wie einst die Mondlandung oder Boxkämpfe von Muhammad Ali. Es gab in beiden Wahlkämpfen sogar einige deutsche Bürger, die sich nach Amerika aufmachten, um dort in einer der freiwilligen Helferschaften Obamas auszuhelfen.

Mal ehrlich – wer würde für das Duell Merkel-Steinbrück die Nacht durchmachen? Wie viele Begeisterte würden sich hierzulande freinehmen, um freiwillig Ochsentouren im Dienste des Wahlkampfs auf sich zu nehmen? Auf die Frage, warum er sich nicht für einen Politiker im eigenen Land so engagiere, meinte ein deutscher Obama-Helfer, da gäbe es halt niemanden, der einen so begeistern könne.

Die deutsche Begeisterung für Obama hat etwas Skurriles, greift aber vor allem zwei historische Strömungen auf. Da ist zum einen die Sehnsucht nach dem Amerika des 20. Jahrhunderts, das als Vorbild der freien Welt den Weg in eine bessere Welt freischaufelte. Das waren die ersten Versuche einer sozialen Marktwirtschaft, die Franklin D. Roosevelt nach der großen Wirtschaftskrise mit seinem New Deal in der amerikanischen Gesellschaft verankerte, während Europa in Diktatur und Krieg versank. Das war Amerikas beherztes Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg, das Europa vor dem totalen Untergang bewahrte. Das waren aber auch die Jahre der Bürgerrechtsbewegung mit der Lichtgestalt John F. Kennedy und diesem ebenso unwiderstehlichen Kulturpaket aus Beatniks, abstrakter Malerei und Rockmusik.

Obama hat einige dieser historischen Fäden aufgenommen. In seiner Amtszeit hat er die Rolle der Frau politisch gestärkt, das Gesundheitssystem reformiert, er hat sich an der letzten Front der Bürgerrechtskämpfe für die Rechte von Schwulen eingesetzt, den Irakkrieg beendet und den Abzug aus Afghanistan eingeleitet. Vor allem aber hat er einen europäischen Geist in die amerikanische Politik gebracht, der von Solidarität und Mitgefühl geprägt ist. Deswegen hassen ihn viele Amerikaner so leidenschaftlich, wie ihn die Deutschen lieben.

Die negative Auslegung dieser Liebe ist allerdings eine unangenehme Mischung aus Antiamerikanismus und Philorassismus. Seit dem Beginn der konservativen Revolution mit Richard Nixons Präsidentschaftswahlsieg von 1968 definierte sich die europäische, aber vor allem die deutsche Volksseele immer stärker als Antipode zum Sozialdarwinismus und Großmachtstreben der USA.

Die Wahl eines schwarzen, vermeintlich linken Präsidenten sah man als so etwas wie Buße und Wiedergutmachung der amerikanischen Nation nach den finsteren Bush-Jahren. Da war es egal, dass Barack Obama im deutschen Parteiensystem wahrscheinlich im konservativen Flügel der FDP landen würde. Kaum jemand scherte sich darum, dass in den USA ein erbitterter Klassenkampf den Rassismus seine Rolle als zentralen gesellschaftlicher Konflikt abgelöst hat, und dass Obama mit seinen Beratern aus dem Umfeld der Investmentbanken und seiner Nähe zur Wall Street dabei keineswegs eine bürgernahe Rolle spielte.

Man muss sich die Meme im deutschen Internet ansehen, um den philorassistischen Kern zu erkennen – Obama als Jazzer, in Rapperpose oder beim Gangstergruß. Das alles sind Gesten und Welten, die mit dem Magna-cum-Laude-Absolventen aus Harvard und letztlich auch mit der Realität des schwarzen und post-ethnischen Mittelstandes, aus dem er stammt, so viel zu tun haben, wie die ostdeutschen Rockstars von Rammstein mit der ostdeutschen Politikerin Angela Merkel. Das Schlüsselzitat seiner Siegesrede "The best is yet to come" war ja dann dieses Jahr auch von Frank Sinatra, nicht von Jay Z.

Natürlich verkörpert Obama auch etwas von jenem Cool, das in seinen Anfängen eine subversive Haltung des Modern Jazz war. Für die Afroamerikaner war seine Wahl ein historischer Moment, mit dem der Kampf, den Martin Luther King begonnen hatte, seinen Marsch durch die Institutionen abschloss. Der Clou ist aber gerade, dass in der immer farbenblinderen amerikanischen Gesellschaft Obamas Hautfarbe gar keine Rolle mehr spielt.

Wollte man das Argument auf die rhetorische Spitze treiben, könnte man noch erwähnen, dass für Europa das Leben mit Präsidenten aus der Reihe der Republikaner meist viel einfacher war. Es war die Doktrin des republikanischen Präsidenten Dwight Eisenhower, die über Europa den Schutzschirm der USA aufspannte, unter dem sich Deutschland ganz auf sein Wirtschaftswunder konzentrieren konnte. Es waren Ronald Reagan und George Bush Senior, die mit dem Gleichgewicht des Schreckens dafür sorgten, dass der Kalte Krieg nicht heißlief. Und selbst George W. Bush und seine Neocons führten ihre Kriege für die gesamte G 20 – und somit auch für die deutsche Wirtschaft, selbst wenn man das nicht wahrhaben will.

Obama aber wird Deutschland in die teure außenpolitische Pflicht nehmen. Er wird die Konkurrenz mit der EU in Asien und Afrika verschärfen. Und er wird die Wall Street weiter gegen den Euro wetten lassen. Nun gut, die deutsche Liebe zu Obama ist eine moralische und emotionale, keine pragmatische Angelegenheit. Doch genau das ist ein amerikanischer Import, ohne den man hier gut leben könnte. In den US-Wahlkämpfen haben Moral und Emotion das Argument schon vor Jahren ersetzt. Das war eine Erfindung von George W. Bushs diabolischem Strategen Karl Rove, der erkannte, dass man Wähler nicht überzeugen, sondern mobilisieren muss. Das aber ist nichts anderes als das Ende der Politik im Populismus.

Illustration: JC Pagan/Barack Obama's Jazz

05.10.12 | 11:59 | 0 Kommentare

Urvater der Erstanwender



Vor 50 Jahren erschien '007 jagt Dr. No', der erste James-Bond-Film. Damals traf er den Nerv einer urbanen, hedonistischen Nachkriegsgeneration. Doch was bleibt von seinem Erbe?

(Von Andrian Kreye) Den Kalten Krieg hat James Bond dann doch nicht gewonnen. Das waren (je nach Interpretation) Ronald Reagan, Mathias Rust oder die Montagsdemonstranten von Leipzig. Dabei gehörte es bis zum Wendejahr 1989 zu den wichtigsten Aufgaben des Agenten 007, die Welt vor dem Atomkrieg zu bewahren. Auch wenn das russische Amt für Spionageabwehr Smersh aus den Romanvorlagen fürs Kino gegen die sinistre Weltverschwörungsorganisation Spectre ausgetauscht wurde. Aber das war Programm. Politik hat James Bond noch nie interessiert.

Fünfzig Jahre ist es nun her, dass der erste Bond-Film '007 jagt Dr. No' am 5. Oktober 1962 im London Pavilion am Picadilly Circus Premiere hatte. Die meisten männlichen Erwachsenen der westlichen Welt in der werberelevanten Zielgruppe zwischen 18 und 49 sind heute längst selbst hochgebildete, vergnügungssüchtige, konsumgeile, eitle Großmäuler. Deswegen ist es schwer nachvollziehbar, dass die Figur des James Bond damals eine gesellschaftliche Vorreiterrolle einnahm und sein wahres Erbe eben nicht die Bewahrung des Weltfriedens war, sondern vielmehr ein Befreiungsschlag mit Rundumwirkung.

1962, als James Bond auf dem Karibikeiland Crab Key mit der halb nackten Ursula Andress als Honey Ryder in das Hauptquartier des Dr. No eindrang, um dort die gesichtslosen Horden seiner Handlanger mit lässiger Geste auszuschalten, gehörten Bikinimädchen mit mangelndem Schamgefühl und zweideutigen Künstlernamen noch in die Unterhaltungskategorie, die man verschämt 'Burlesque' nannte. Diese Koketterie mit Pornografie und Gewalt, die sich in den nächsten Jahrzehnten mit jedem der Bond-Filme sanft steigern sollte, war ein ganz bewusster Verstoß gegen die Regeln des Anstands und der Moral. Denn nur als brachialer Verführer und Killer konnte Bond das Neuland erobern, das für gestandene Männer bis dahin als Tabu gegolten hatte: kosmopolitische Bildung, Mode, Konsum und Stilbewusstsein.

Solche Privilegien galten in einer Gesellschaft, die zwei Weltkriege und eine globale Wirtschaftskrise hinter sich gebracht hatte, als feminin und dekadent. James Bond sollte aber ganz bewusst den Nerv einer jungen, urbanen Generation treffen, die nun die Spaßdividenden der Wirtschaftswunder einlösen wollte und es nicht eilig damit hatte, das immer reichlicher verfügbare Einkommen in der Suburbia mit einer Familie zu teilen.

Das Verhältnis von Sex und Gewalt in den Bond-Filmen war dabei ein wichtiger Faktor. Die Gewalt hatte weder den existenzialistischen Stachel des Film noir, noch den triumphalistischen Gestus jener Actionfiguren, wie sie später Sylvester Stallone oder Bruce Willis verkörpern sollten. Jede der meist zufälligen Tötungen im ersten und zweiten Akt waren jedoch von einer solch lapidaren Lässigkeit, dass sie der Erobererfigur eine letztgültige Aura der Männlichkeit verliehen. Der Sex aber diente vor allem dazu, die femininen Seiten des hemmungslosen Hedonismus auszugleichen. War der Archetyp des stilbewussten Junggesellen bis dahin noch ein Code für Homosexualität, so war die Vielweiberei des James Bond nicht nur ein Bruch mit der Moral der Vätergenerationen, sondern ein sich ständig bestätigender Beweis der Männlichkeit. Und wer konnte das perfekter darstellen, als der kantige, haarige Sean Connery?

Dass der seine Eroberungen und Abenteuer mit einem unerschütterlichen Sinn für Ironie durchstand, bekräftigte nur noch den Bruch mit der jüngsten Vergangenheit. Ironie, so schrieb der Kulturkritiker Paul Fussell in seinem epochalen Werk über den Ersten Weltkrieg, war ein Produkt der Schützengräben und Großstädte Europas, in denen die lächelnde Arroganz einer der wenigen Auswege aus dem Grauen war. Sie blieb von da an immer der perfekte Rückzug aus dem Kampf, auch wenn er nur gegen die Widrigkeiten des Großstadtlebens geführt wurde. James Bond legte stellvertretend für die neue Generation der Kosmopoliten das Grauen und die Ernsthaftigkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den Akten. Und man wusste ja bald, was 007 von Akten hielt.

Mit einer solch durchgestählten Männlichkeit konnte sich James Bond hemmungslos seiner Lust am Konsum hingeben. Exotische Reiseziele waren in einer Zeit, in der sich das europäische Publikum grade langsam die Badestrände des Mittelmeeres eroberte und nur zwei Prozent der Amerikaner ihr Land ohne Auftrag verlassen hatten, ein unanständiger Luxus. Bonds exquisiter Geschmack in Mode und Alkoholika galt nach einer Zeit der Entbehrungen nur als frivol. Doch es waren vor allem die allerneuesten Sportwagen, die Technospielereien und Geheimwaffen, die ihn zu einem Urvater der Erstanwender machten. Sein ewiges Beharren, dass man ihm den Martini geschüttelt und nicht gerührt servieren sollte, war dabei so etwas wie der Leitspruch für jenes Distinktionsbürgertum, das Pierre Bourdieu als die neue 'petite bourgeoisie' bezeichnete. Geschmack wurde zum Synonym für Prestige und damit zum Motor des Konsums. Da führt die Linie vom kugelsicheren Aston Martin ganz direkt zum iPhone 5.

Nun gehörte James Bond nicht alleine zur Avantgarde. Das 'Rat Pack' von Las Vegas um Frank Sinatra und Dean Martin hatte das stilvolle Lotterleben schon längst gegen die kleinbürgerliche Moral in Stellung gebracht. Die Zeitschrift Playboy hatte dem Männerkonsum mit den Bunnys das gebotene Testosteronumfeld geschaffen. Ganz so unverfroren propagierte James Bond seinen Hedonismus ja nicht. Immerhin hatte er den Weltfrieden als universale Legitimation zu bieten. Da liegt dann vielleicht auch der einzige politische Kern der Reihe - der Sieg des kapitalistischen Spaßes über die Tristesse des Sozialismus.

Mitte der Siebzigerjahre hatte sich die Figur des rebellischen Hedonisten dann schon abgenutzt. Roger Moore war bald nur noch die Karikatur dieses Archetyps. Mit jedem Schauspielerwechsel wurde die Bond-Serie immer deutlicher zum reinen Kintopp. Bis Daniel Craig ins Bild kam, der erste humorlose Bond, der Schmerzen erleiden und Angst zeigen darf. Der unterscheidet sich kaum noch von den modernen Actionhelden wie Ethan Hunt oder Jason Bourne. Dem Zeitgeist ist Craigs Bond damit wieder sicher auf der Spur. Die Zeiten sind hart und ernst. Und gerade deswegen sehnt man sich einen Helden zurück, dessen größtes Problem der inkorrekte Einsatz eines Rührstäbchens ist.


Video: Adeles Titelsong für den nächsten James Bond "Skyfall"
Foto: Luciana Paluzzi und Sean Connery in ´James Bond 007 - Feuerball`"; Morgan

05.09.12 | 20:28 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Bob Neuwirth über Schattenwirtschaft

07.07.12 | 22:07 | 0 Kommentare

Die Welt bleibt jetzt rund

Transparenz und Offenheit sind die Maximen der globalisierten Welt – das Ideenfestival Ted fragt warum

(Von Andrian Kreye) Es wirkt immer etwas verdächtig, wenn Schlagworte zu Maximen werden. Momentan sind Transparenz und Offenheit auf dem besten Weg zum Credo für Wirtschaft und Politik aufzusteigen. Dass sich das Ideenfestival Ted Conference in der vergangenen Woche damit in Edinburgh beschäftigte, lag nahe. Wikileaks-Gründer und Transparenz-Hardliner Julian Assange hatte bei einer Ted Conference in Oxford vor zwei Jahren quasi sein Debüt auf der Weltbühne. Wenige Wochen später veröffentlichte er die diplomatischen Depeschen aus Amerika und formulierte eine Ideologie der Transparenz, die letztendlich auch zum Erfolg der Piratenpartei führte. Zeit also für eine Bestandsaufnahme mit dem Titel „radical openness“.

Auftritt Ellen Jorgensen. Die Molekularbiologin gilt als Mutter der Biopunk-Bewegung. Sie sieht aus, als habe sie irgendwann mal in einer dieser klugen, aber lauten New Yorker Bands wie Sonic Youth oder den Pixies gespielt – akkurater Mittelscheitel, darunter der strenge Blick subkultureller Weisheit. Sie berichtet von ihrem Labor „GenSpace“ in Brooklyn. Da betreibt sie mit Amateuren und Teenagern „Do-it-yourself-Biotech– Biohacking“. Letztlich geht es darum, Genetik so zu verstehen wie einen Computer. Man könnte sich noch auf die Analogie einlassen, dass die DNA letztlich die ultimative Programmiersprache ist. Das tut Jorgensen nicht. Stattdessen zeigt sie, dass die Entwicklungskurve der Biotechnologie noch viel steiler ist als die der Informatik. Vor zwölf Jahren kostete die Entschlüsselung des ersten Genoms noch drei Milliarden Dollar. Heute ist das für unter tausend zu machen. Die radikale Offenheit kommt also zwangsläufig. Jorgensen sagt, es sei besser, die breite Bevölkerung verstehe die Materie und könne damit umgehen. Ignoranz hilft schließlich niemandem.

In Europa ist das Ideenfestival Ted Conference noch nicht ganz so bekannt. Das Prinzip ist ja einfach: eine Idee, eine Bühne, ein Mikrofon, ein Projektor und eine gute Viertelstunde Zeit. Nach der Konferenz wird eine Aufzeichnung des Vortrags ins Internet gestellt. Da haben diese sogenannten „Ted Talks“ oft einen Erfolg, den sonst nur Popsongs haben. Die Anwältin Susan Cain erzählte im Februar bei der kalifornischen Ted Conference davon, wie schwierig es ist, als introvertierter Mensch in einer Welt zu leben, die von Extrovertierten dominiert wird. Eine halbe Million Menschen haben sich diesen Vortrag seither angesehen. Als Popsängerin wäre sie damit in den Hitparaden. In Europa ist die Form des komprimierten Intellektualismus noch verdächtig. In den USA hat sie Tradition. Die Zeitschrift New Yorker findet in ihrer aktuellen Ausgabe die Wurzeln von Ted in den Vortragstourneen des Philosophen Ralph Waldo Emerson.

Weil die Ted Conference ihre Wurzeln im Silicone Valley hat, wo der Konferenzgründer Richard Saul Wurman Anfang der achtziger Jahre beobachtete, dass Technologie, Entertainment und Design (T.E.D.) eine neue Einheit bilden, ist die vorherrschende Stimmung eine leicht euphorisierte Zukunftsgläubigkeit. Sie bestimmt auch die Woche in Edinburgh. Das ist auch sicher der große Reiz an der Ted Conference. Aber so einfach machen es sich die Chefkuratoren Chris Anderson und Bruno Giussani dann doch nicht, schon gar nicht im skeptischen Europa. Einer der ersten Sprecher findet dann auch einen ganz anderen Begriff für die radikale Offenheit, die derzeit auf allen Ebenen Einzug hält. Tim Leberecht von Frog Design erzählt vom Kontrollverlust. Der sei unabwendbar. Sein Fazit: Design für den Kontrollverlust. Offensiv angehen, was nicht vermeidbar ist.

Ted ist ein gutes Beispiel für solch einen gewollten Kontrollverlust. Mit einem Eintrittsgeld von rund fünftausend Euro bleiben die Konferenzen vor allem Festivals für intellektuell neugierige Eliten. Im Publikum – viele Unternehmer, einige Stars. Auf der Bühne – Wissenschaftler, Aktivisten, Intellektuelle. Erst kam die Entscheidung, die Videos gratis ins Netz zu stellen. Die wurden bisher 80 Millionen Mal angesehen. Dann wurde die Marke selbst entfesselt. Wer will, kann eine TedX-Lizenz beantragen und selbst so eine Konferenz veranstalten. 2009 startete das Experiment. Inzwischen gab es über viertausend TedX-Konferenzen in 133 Ländern. Der Erfolg ist immens. Ted wandelte sich in drei Jahren vom Elitenforum zur Weltmarke. Ein Modellfall? Viele träumen solche Strategien schon. Gerade Medienkonzerne finden das Vorbild Ted sehr verlockend. Chefkurator Chris Anderson räumt ein, Ted ist ein gemeinnütziger Verein und muss als solcher keine Profite machen. Da fällt radikale Offenheit schon leichter.

Hinter den Schlagworten versteckt sich dann doch eine handfeste Entwicklung. Auftritt James Stavridis, amerikanischer 4-Sterne-Admiral und derzeit Kommandeur der Nato. Inmitten der kalifornisch-europäischen Lässigkeit wirkt er in der gestärkten Uniform und mit seiner geometrischen Gestensprache wie ein Polka-begeisterter Unteroffizier, der Robin Williams im Film „Good Morning Vietnam“ das Leben schwer macht. Der Admiral erzählt davon, dass Mauern als strategische Allegorien nicht mehr funktionieren. Brücken müsse man nun bauen, um Sicherheit zu schaffen. Beispiel organisiertes Verbrechen – Piraten rauben jährlich Güter im Wert von 10 Milliarden Dollar. Die kann man mit Kanonenbooten verfolgen. Cybercrime hingegen hat eine Dimension von 3 Trillionen erreicht. „Da nützen uns die Waffen des 20. Jahrhunderts nicht viel.“

Wenn Transparenz und Kontrollverlust unvermeidlich sind, welche Regeln gelten dann? Internet-Visionär Don Tapscott findet vier Grundregeln. Zusammenarbeit. In einer vernetzten Welt schafft das nur Mehrwert. Offenheit. Wer versucht, sich gegen Transparenz zu wehren, kann nur verlieren. Teilen. Hätte die Musikindustrie die neue Kultur des Miteinander verstanden, hätte sie Lösungen finden können. Ermächtigung. Wenn die neuen Technologien den Massen neue Macht verleihen, sollte man sie nicht bremsen, sondern fördern, um Teil der Bewegung zu bleiben.

Nichts wirkt auf einer Ted Conference so gut, wie ein fundierter Skeptiker. Der Wirtschaftswissenschaftler Pankaj Ghemavat tritt gegen die beiden populärsten Globalisierung-Theorien an. Gegen Paul Krugmans These, die Welt sei flach, also letztgültig internationalisiert. Gegen Naomi Kleins Theorie, die globalisierte Welt werde von multinationalen Banken und Konzernen beherrscht. Er nennt vier Werte. Von allen Telefonanrufen weltweit seien immer noch 98 Prozent innerhalb eines Landes. Die Zahl der Auswanderer beträgt weltweit 3 Prozent. Der Anteil internationaler Investments liege bei zehn Prozent. Das Verhältnis von Exporten zum Bruttosozialprodukt liege im internationalen Schnitt bei 20 Prozent. Die Vernetzung und damit einhergehende Öffnung findet vor allem in unseren Köpfen statt. Die Welt ist also – rund.



"RADICAL OPENNESS" - for TEDGlobal 2012 by @Jason_Silva from Jason Silva on Vimeo.

02.06.12 | 16:18 | 8 Kommentare

Prediger und Revolutionäre

(Von Andrian Kreye) Das Schlimmste an der Euphorie ist der Kater danach. Der stellt sich rund um das Internet in letzter Zeit immer häufiger ein. Das liegt weniger am Internet als an den hohen Erwartungen. Die gibt es schon lange. Als sich der wegen seiner LSD-Forschungen als Hippie-Guru gefeierte Harvard-Psychologe Timothy Leary mit dem Schriftsteller und Erfinder des „Cyberspace“-Begriffs, William Gibson, vor fast zwanzig Jahren über die Zukunft des Internets unterhielt, landeten die beiden schon bald bei Hermann Hesses „Glasperlenspiel“. Hesse deute an, „dass die Entwicklung von Intelligenzmaschinen neue Religionen schaffen wird“, stellten sie da fest.

Leary und Gibson waren früh auf der richtigen Spur: Der Glaube an die menschheitsverändernden Umwälzungen durch die digitalen Technologien, den sie erstmals formulierten, hat durchaus religiöse Züge. Unzählige Prediger ziehen immer wieder mit Heilsversprechen durch die Welt, die mit buchstäblicher Verzückung angenommen werden. Einer dieser Prediger ist Julian Assange.

Es gibt nur wenige Figuren, die eine so atemberaubende Laufbahn hinter sich haben wie der australische Gründer der Enthüllungs-Webseite Wikileaks. Vor zwei Jahren stieg er innerhalb von wenigen Monaten vom obskuren Hacker zur Schlüsselfigur des Weltgeschehens auf. Mehrere hunderttausend geheime Regierungsakten veröffentlichte er über seine Webseite. Seine Ideologie einer radikalen Transparenz hatte dabei nicht nur alle Züge eines religiösen Dogmas. Assanges Anhänger glaubten, dass sie den Lauf der Geschichte ein für allemal verändern würde. Und nicht nur seine Anhänger glaubten dies. Das US-Nachrichtenmagazin Time hätte ihn fast zur Person des Jahres 2010 erklärt. Seine Gegner verteufelten den weißhaarigen Internetaktivisten dagegen als gefährlichen Frevler.

Heute ist Assange nur noch eine Fußnote im Weltgeschehen. Am vergangenen Mittwoch lehnte der britische Supreme Court Assanges Berufung gegen seine Auslieferung nach Schweden ab, wo er wegen des Verdachts sexueller Belästigung befragt werden soll. Das interessierte die breite Öffentlichkeit kaum noch. Dabei war es der bisher größte Rückschlag im Leben eines Mannes, der noch vor eineinhalb Jahren als Revolutionär gefeiert und gefürchtet wurde.

Es gibt sicher viele Gründe dafür, dass Julian Assanges Ansehen so gelitten hat. Seine egomanischen Züge, sein chronischer Verfolgungswahn, seine Verschwörungstheorien, und auch die diffusen Berichte über seine erotischen Erlebnisse mit den zwei schwedischen Damen, die sich bei der Polizei über ihn beschwerten. Vernünftig war weder die Verehrung, noch ist es die Enttäuschung.

Assange hat den Lauf der Geschichte nicht verändert. Nicht einmal das Wesen des Journalismus, wie es geheißen hatte. Er hat einen einmaligen Coup gelandet. Sämtliche der großen Wikileaks-Enthüllungen (die Akten aus den Kriegen in Afghanistan und Irak, die diplomatischen Depeschen und das Material aus dem Gefangenenlager Guantanamo) stammen aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem einzigen Datenpaket. Eineinhalb Jahre Hausarrest, der Boykott seiner Spendenkonten und die Abwanderung enger Mitarbeiter haben das Wirken von Assange beeinträchtigt. Gleichwohl haben seine Enthüllungen im Westen das Bild von den Kriegen bestätigt und die Volksbewegungen des arabischen Frühlings mit Fakten munitioniert.

Was im Bild der Öffentlichkeit jedoch bleibt, ist das leere Versprechen. Wie erwähnt, nicht das erste. Timothy Leary war nach seiner Rolle als Hippie-Guru selbst einer der ersten Prediger digitaler Heilsversprechen. Die „Virtual Reality“ war für ihn ein ebenso mächtiges Mittel zur Bewusstseinserweiterung wie zuvor psychedelische Drogen. Man setzte sich damals einen Rundumhelm auf, der einem Landschaften aus groben Leuchtlinien in die Augen projizierte. Ein verkabelter Handschuh steuerte dann eine Art Zeiger, mit der man sich durch diese virtuellen Welten bewegen konnte.

Heute ist diese Technologie längst vergessen. Genauso wie die virtuellen Welten der Internetanwendung „Second Life“, bei der man sich mit digitalen Avatar-Püppchen durch Phantasiewelten bewegen konnte, in die nicht nur die Werbeindustrie kurze Zeit viel Geld investierte. Die sogenannte erweiterte Wirklichkeit, die Google mittels einer Computerbrille erobern will, ist dann über die Technikkolumnen kaum hinausgekommen.

Auch die Revolutionen der Kommunikation sind flüchtige Erscheinungen. Newsgroups, basic-HTML-Webseiten, Blogs, Friendster und MySpace spielen keine oder nur noch untergeordnete Rollen im digitalen Miteinander. Die Macher des aktuellen Erfolgsmodells Facebook haben die Zukunft schon erkannt. Die liegt nicht im Internet, sondern in mobilen Geräten. Facebook will nun ein Smartphone entwickeln, um nicht nur als App auf dem iPhone zu enden.

Höhepunkt der digitalen Verzückung ist die Theorie der „Singularity“. Das ist eine Überlegung, die der amerikanische Informatiker Ray Kurzweil angestellt hat. Der prophezeit einen Zeitpunkt, an dem die Maschinen die Intelligenz des Menschen überflügeln und das Geschick der Welt übernehmen. Das erinnert an ein Leitmotiv des amerikanischen Protestantismus, der „Rapture“, des Erlösungsmoments mit der Rückkehr des Messias. Das klingt nicht nur nach Science Fiction. Das ist es auch.

Will man die digitalen Technologien nüchtern betrachten, sollte man die Rolle des Internets für die Volksbewegungen in Schwellen- und Entwicklungsländern sicher nicht unterschätzen. Doch in der westlichen Welt sind die großen Revolutionen schon zwei-, dreihundert Jahre her. Was sich in den Industrienationen durch digitale Technologien verändert hat, ist viel weniger glamourös – der Medienvertrieb, die Kulturvergütung, die Werbung und der Einzelhandel.

Eines der jüngsten Heilversprechen ist nun die „Liquid Democracy“. Die war schon bei Timothy Leary ein Thema. Nun predigt sie die Piratenpartei. Digitales Miteinander und Transparenz sollen dabei die Revolution beflügeln. Noch ist dieses Verfahren für Normalbürger ein schwer durchschaubarer Datensalat. Mag sein, dass es schon bald nutzerfreundliche Oberflächen dafür gibt. Das eigentlich Interessante ist dabei, dass die Piraten nicht die System-, sondern die Verfahrensfrage stellen. Das heißt aber – die Piraten sind keine Revolutionäre, sondern Bürokraten.

Das könnte sie umso wirksamer machen. Die Verfahrensfrage fordert die Politik viel direkter heraus, als eine Utopie. Erste Ansätze transparenter Politik gibt es auch schon. Das sind die Reformen unter dem Begriff „open government“. Dabei geht es jedoch nicht um Revolution, sondern um so banale Dinge wie Meldesysteme für Schlaglöcher und transparente Bezirksversammlungen. Da aber liegt Potenzial. Denn das Internet braucht keine Revolutionäre oder Messiasgestalten. Ein paar Realos und Agnostiker täten der Entwicklung ganz gut.

 

Foto: Timothy Leary/OH

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