30.03.12 | 21:13 | 1 Kommentar

Picasso

Pablo Picasso mit Gary Coopers Hut und Revolver. Foto 1959 von André Villers.

22.03.12 | 10:00 | 0 Kommentare

Odd Future

Odd Future aus ihrem neuen Album (aufgenommen beim Fototermin mit Terry Richardson).

17.02.12 | 11:16 | 0 Kommentare

Kunst für echte Kerle

Die Werkschau von Thomas Ruff im Haus der Kunst erzählt die lange Geschichte einer künstlerischen Selbstfindung

(Von Andrian Kreye) Es gibt neben Damien Hirst und Jeff Koons nur wenige Künstler, die sich in den letzten Jahren so offensichtlich von den Kräften des Kunstmarktes treiben ließen, wie den Fotokünstler Thomas Ruff. Steht man im Haus der Kunst vor den zwei bis drei Meter hohen Vergrößerungen beliebiger Internetbilder aus seiner Serie „jpegs“, wird die zentrale Botschaft des Kunstmarktes auch gleich deutlich. Ruff macht Kunst für echte Kerle – kraftvoll im Motiv, üppig im Format. Das erinnert ein wenig an den breitbeinigen Gestus der abstrakten Expressionisten, auch wenn die Gemeinsamkeiten da auch schon wieder aufhören. Subtile Analysen oder bürgerliche Raumhöhen haben bei Ruff jedenfalls nichts zu suchen.

Man kann einen überhitzten Kunstmarkt allerdings auch als willkommenes Korrektiv der Tendenz betrachten, zeitgenössische Kunst durch intellektuelle und spirituelle Überhöhungen in Nischen abzudrängen. Sieht man die Sache so, erzählt die Ausstellung eine Art künstlerischen Entwicklungsroman, der einiges über den Künstler und viel über seine Zeit erzählt.

Thomas Ruff und der Kurator Thomas Weski haben im Haus der Kunst ausdrücklich keine Retrospektive zusammengestellt, sondern eine Übersicht. Das war eine vernünftige Entscheidung, denn so kann die Ausstellung zunächst mal einen Bilderrausch entfesseln, den chronologische Zwänge nur gebremst hätten. Zwischen den kühlen Bildern im Geist der Düsseldorfer Fotoschule, den Medienexperimenten und Abstraktionen ist Ruffs fotokünstlerisches Gesamtwerk zwar nicht eindeutig einzuordnen. Ruffs Arbeiten kommen allerdings weitgehend ohne allzu großen intellektuellen Ballast aus, und so findet man auch ohne strenge Führung die roten Fäden, die ihn immer wieder in Sackgassen hinein- und auch wieder herausführten.

Das beginnt gleich rechts neben der Eingangsgalerie mit den „Interieurs“ aus seinem Frühwerk. Da fokussierte Ruff seinen Blick mit Farbaufnahmen im noch traditionellen Kleinformat auf Details und Nischen, die er zwischen 1979 und 1983 in deutschen Wohnungen und Häusern aufnahm. Die „Interieurs“ stehen allerdings so deutlich unter dem Einfluss des amerikanischen Pioniers farbiger Kunstfotografie William Eggleston, dass sie nicht viel mehr sind, als epigonale Gehversuche.

Ruff studierte in diesen Jahren bei Bernd und Hilla Becher, den Begründern der Düsseldorfer Fotoschule, zu der auch Andreas Gursky, Thomas Struth und Candida Höfer zählen. Mag sein, dass er sich mit den farbigen Studien von der schwarzweißen Strenge seiner Lehrer absetzen wollte.

Dass der impulsive Eggleston-Blick ohne das warme Pathos des amerikanischen Südens nicht funktionierte, hat jedoch nicht nur Ruff erfahren müssen. Im Zentraleuropa des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts entdecken Fotografen in den Mikrowelten der halbabstrakten Detailfotografie meist nur Beklemmung und Depression.

Bei Thomas Ruff zeigt sich der Weg der Düsseldorfer Fotoschule aus dem Bannkreis der übermächtigen amerikanischen Vorbilder in den zwei Serien, mit denen er bekannt wurde. „Porträts“ und „Häuser“ sind Musterbeispiele für den Kraftakt der Becher-Schüler, das hochemotionale, impulsive Medium der Fotografie weitgehend von Emotionen und Impulsen zu befreien. Heute kann man die provokative Kraft der Porträts aus den späten Achtzigern nur noch erahnen. Die Kälte, die die Kopfbilder scheinbar beliebiger junger Menschen auf monumentalen zwei mal eineinhalb Meter erzeugen, indem sie beharrlich auf der Oberfläche der Gesichter bleiben, gehört heute, wie so viele wegweisende Stilmittel der Fotografie, längst zum Standardrepertoire der kommerziellen Bildwelten.

Ähnlich funktioniert Ruffs Serie „Häuser“ aus derselben Zeit. Die Gebäude, die er da in strenge Symmetrien setzte, waren ausnahmslos jene Selbstkasteiungen deutscher Architekten, die in der freudlosen Askese der Zweckmäßigkeit einen Reinigungsprozess vom mörderischen Inszenierungswahn der beiden Weltkriege suchten.

Mit dem Erfolg entfernte sich Ruff schon bald von der sachlichen Strenge der Düsseldorfer Schule. Er experimentierte mit Sehgewohnheiten, taucht Straßenszenen ins grünweiße Licht der Nachtsichtgeräte aus dem letzten Golfkrieg, bearbeitete für die Serie „Sterne“ die Himmelskarten einer Sternwarte in Chile. Dann entdeckte er die Auflösung der Bildwelten im Digitalen und begann, Bilddateien aus dem Internet in C-Prints von zwei bis drei Meter Bildhöhe zu verwandeln. Die Serie „jpegs“ bediente sich bei Massenmedien und Agenturen. Ab 1999 verarbeitet Ruff Fundstücke aus der Internetpornografie. Je erfolgreicher er wird, desto eifriger scheint er nun den Markt zu bedienen. Mit dem Aufstieg ins Hochpreissegment der großen Kunstmessen kristallisiert sich nun bei Ruff das Erfolgsmuster heraus, das fast alle internationalen deutschen Popphänomene der Nachkriegsjahre bedient haben, egal ob Regisseure wie Wim Wenders und Rainer Werner Fassbinder, Popgruppen wie Kraftwerk und Rammstein, oder auch Künstler wie Gerhard Richter und Anselm Kiefer. Vier Grundelemente hat dieser deutsche Nachkriegspop – Wissenschaft, Technik, die Kälte der Menschen und Städte, sowie die Last der Geschichte. Ruff ergänzt das Muster noch um die Facette des „Dirty Porn“, die im Ausland das Klischee vom versauten Deutschen mit seinen Fetisch- und Swingerparties füttert.

Die Serien „nudes“ und „jpegs“ sind wahrscheinlich das beste Beispiel für einen Irrtum, der durch den Erfolg zum Selbstläufer wird. Offiziell sind die Serien nicht abgeschlossen. Zu groß sind die Umsätze. Beide Serien aber orientieren sich an einem Boom, der nicht mehr vom Kunstverständnis der alten, westlich geprägten Kulturwelt getrieben wird, sondern vom neuen Geld aus den Bric-Staaten. So konnte Damien Hirst mit Effekthascherei zum Ed Hardy der bildenden Kunst werden, Takashi Murakami zum Pop-Art-Markenzeichen. Und so funktionieren auch Ruffs Werke aus den letzten 15 Jahren. „nudes“ und „jpegs“ sind optisch laut genug, um auch im Bildgewitter einer Kunstmesse noch Aufmerksamkeit zu erregen.

Der Zeitgeist dieser Werke ist dabei so aufdringlich und plump, dass er keinen Konsens, sondern nur noch dekorative Zeitgenossenschaft herstellt. Die technisch vorgegebene Verpixelung muss als Abstraktionsmittel reichen. Die Motive sind banale Kraftmeiereien. Neben Powershots eines Atompilzes und einer startenden Raumfähre korrespondiert da der Zusammenbruch des World Trade Center mit dem nächtlichen Empire State Building und dem Shanghaier Oriental Pearl Tower auf der Ebene einer sehnsüchtigen Fototapete. Die Pornografie der „nudes“ bleibt alberner Nervenkitzel (besucht man die Ausstellung übrigens mit Minderjährigen, sollte man den Raum ruhig meiden, es sei denn, man will sich Fragen aussetzen, was sich diese Leute denn da wo hineinstecken und warum).

Mit dem Boom schien sich auch Thomas Ruff zu beruhigen. Für die Serie „Substrat“ manipulierte er japanische Manga-Comics so weiter, bis nur noch psychedelische Farbnebel blieben. In seinen beiden jüngsten Serien kehrt er nun zu einem Kindheitstraum zurück. Astronomie habe er studieren wollen, erzählt er in letzter Zeit öfters. So sind nun zwei seiner schönsten Serien entstanden. Für „Cassini“ verwendete er die prachtvollen, außerirdischen Aufnahmen der gleichnamigen Raumsonde vom Planeten Saturn und seinen Monden. Für „ma.r.s“ benutzt Ruff Aufnahmen der Marssonde, die er einfärbt und so manipuliert, dass aus dem 90- ein 45-Grad-Winkel wird. So entsteht der Eindruck, als blicke man aus einem Flugzeugfenster auf die Landschaft des Planeten, der in Ruffs Bildern in zarten Gesteins- und Lichtfarben vor sich hindämmert. War die Serie „Sterne“ mit ihren gestochen scharfen Bildern des Firmaments noch eine vorsichtige Annäherung, so hat Ruff mit seinen beiden jüngsten Serien das Medium seiner Arbeit endlich einer relevanten Abstraktion unterzogen. Die Werkschau im Haus der Kunst schafft nun den Kontext und erzählt so die lange Geschichte einer künstlerischen Selbstfindung.

Thomas Ruff“, bis zum 20. Mai im Haus der Kunst, München. Infos unter www.hausderkunst.de. Der Katalog mit Texten von Okwui Enwezor und Thomas Weski ist bei Schirmer/Mosel erschienen und kostet 39 Euro.

Abbildungen (v.o.n.u.): Porträt 1988; Interieur 4B 1980; Haus Nr. 6 I 1989; nudes yv 16 2000; cassini 01 2008 -  Thomas Ruff, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

12.01.12 | 21:37 | 2 Kommentare

Hipstamatic Overload

A Place to Bury Strangers "So Far Away" from Secretly Jag on Vimeo.


Nicht wegen der Musik, aber wegen dem Hipstamatic Overload - zeitgemäß bis zum Anschlag.

21.10.11 | 17:20 | 0 Kommentare

Bobs bester Freund

Zum Tode von Barry Feinstein - ein Besuch in Woodstock im Sommer 2008

Feinstein(Von Andrian Kreye) Bob Dylan war ein komischer Kauz. Als Barry Feinstein ihn zum ersten Mal traf, im Büro seines Kumpels Albert Grossman in einem dieser Art-déco-Bürotürme oben an der 55. Straße, da war es ihm gleich klar. "Aus dem würde noch mal was werden", brummelt Feinstein, der sich heute in seinem Ohrensessel in seinem Haus in Woodstock an so einiges nicht mehr erinnert, nur an seine Freundschaft mit Dylan sehr gut.

"Er war einfach, nun ja - sonderbar." 1962 oder 1963 muss das gewesen sein. So ganz genau weiß Feinstein das nicht mehr, aber das kann man ja auch nicht verlangen von jemandem, der erst die großen Glamourjahre in Hollywood und dann den Aufstieg des Rock'n'Roll fotografiert hat.

Dylan war jedenfalls ein dürres, jüdisches Kerlchen aus Minnesota, der mit seiner näselnden Stimme den Dialekt der Bergdörfler aus den Appalachian Mountains imitierte. Das war damals so Mode in den New Yorker Folkmusikkreisen, in denen sich zwar in erster Linie Kids aus soliden Bürgerfamilien herumtrieben.

Aber weil die Songs von Woody Guthrie, den sie damals wie einen Gott verehrten, von den simplen Menschen in den Bergen und Ebenen des amerikanischen Hinterlandes erzählten, versuchte man damit Authentizität oder zumindest ein Gespür für eine ebensolche zu beweisen.

Grossman und Feinstein hörten sich den jungen Sänger dann am selben Abend noch unten in einer dieser Folkkneipen im Greenwich Village an. Aber nicht nur Feinstein war angetan. Dylan mochte diesen grobschlächtigen Kumpel seines Managers, diesen Fotografen aus Hollywood mit seinem Walrossschnauzer und seinen dicken Koteletten. Er war nicht wie die anderen Fotografen, die einem gierig die Linse ins Gesicht hielten. Feinstein gehörte irgendwie dazu, hing rum, trank, soff, redete Zeug daher, wie alle eben, die dazugehörten. Und wenn er dann mal den Sucher ans Auge hob, hatte man nie das Gefühl, dass hier einer sein Privileg missbrauchte. Verdammt noch mal, das war eben Barry, und der war eben Fotograf.

Vielleicht half es ja, dass er den Umgang mit Stars als Standfotograf im Hollywood der fünfziger Jahre gelernt hatte, auf dem Höhepunkt des Glamours und der Macht der Filme. Da war er nie Paparazzo gewesen, sondern immer Teil des Teams, einer, der eben ab und zu abdrückte und den Stars höchstens einmal ins Auge fiel, wenn der Regisseur ihn bei einem Close-up näher an sie heranließ.

Ein Star war Dylan ja noch nicht. Es war ja auch Anfang der sechziger Jahre noch nicht abzusehen, dass so schlampig dahergelaufene Jungs wie er in einer Art Putsch Hollywoods Monopol der popkulturellen Macht brechen würden. Erst ein bisschen später, auf dem Schwarzweißfoto, das Barry von ihm für das Albumcover von "The Times They Are A-Changin'" machte, ahnt man, dass hier ein Fotograf ganz nah an einen Menschen herankam, der längst einen massiven Schutzwall um sich herum errichtet hatte, den nur noch die engsten Freunde überwinden. Wie Barry eben.

FeinsteinPortfolio

So richtig enge Freunde wurden sie auf einer Fahrt in Grossmans Rolls Royce. "Kreuz und quer sind wir damit durchs Land gefahren." Da hatte Dylan die streng gestutzten Haare schon längst wachsen lassen, und man kann nur ahnen, wie der dürre Langhaarige und der bullige Bärtige im Rolls auf die Menschen gewirkt haben müssen, denen sie in den Truck Stops und Kleinstädten zwangsläufig begegneten, wenn sie von Konzerthalle zu Konzerthalle fuhren. Viel mehr will Feinstein nicht erzählen, aber er sagt: "Dylan sagte immer, ich sei der Einzige, dem er wirklich vertrauen würde." Ausgerechnet einem mit Kamera. Aber Feinstein missbrauchte sein Privileg nie. Er schweigt auch mehr als vierzig Jahre danach noch höflich über die Details seiner Freundschaft.

Später war er ja nicht nur mit Dylan befreundet. Auch mit Mick Jagger und Keith Richards und mit George Harrison. Feinsteins Fotos waren intimer als die üblichen Starfotos. Nur wenige haben das so hingekriegt wie er. Später hat er dann nicht mehr für die Filmstudios, sondern für die Plattenfirmen gearbeitet. Man kennt seine Fotos von Plattencovern wie George Harrisons "All Things Must Pass", Janis Joplins "Pearl" oder auch von der CD des vielleicht besten Rolling-Stones-Albums "Beggars Banquet".

Das war 1968, und da führte Feinsteins allzu enge Freundschaft mit den Stars zu einem regelrechten Skandal. "Ich hing mit Mick in Hollywood herum und wir überlegten, was wir für das Album aufnehmen könnten", erinnert sich Feinstein. "Wir sind dann zu meinem Automechaniker in die Werkstatt. Ich musste da eh noch hin. Da haben wir dann auf dem Klo mit roter Farbe den Albumtitel auf die Wand geschmiert."

Feinstein schickt seine Frau Jude zum Schreibtisch, um einen Abzug aus einem Karton zu fischen. Er selbst ist ja gar nicht mehr gut zu Fuß. Auf dem Abzug ist das Bild von der verschmierten Wand, darunter der schmuddelige Spülkasten, der obere Rand der Klobrille. Die Plattenfirma weigerte sich damals, das Bild aufs Cover zu drucken. Als LP kam das Album deswegen mit einem kargen weißen Umschlag heraus. Erst als die CD neu aufgelegt wurde, wagte die Plattenfirma, das Bild zu verwenden.

Heute wirkt die Aufnahme harmlos. Aber das zeigt schon, was für ein Ruck damals durch die Kultur ging.

FeinsteinDylan

Für Dylan hatte sich dieser Ruck schon ein paar Jahre zuvor vollzogen. 1965 auf dem Folkfestial in Newport, als er zum ersten Mal mit elektrisch verstärkter Gitarre und Band spielte. Auch da war Feinstein dabei. "Es war natürlich großartig", sagt er. "Das waren die Folkspießer, die da herumbrüllten. Die nicht wahrhaben wollten, dass die Musik gerade durch eine der phantastischsten Verwandlungen aller Zeiten ging."

Ein Jahr später begleitete Barry Feinstein Bob Dylan dann auf seiner epochalen Englandtournee. Auf dieser Tour zeigt sich der Bruch zwischen Dylans Persönlichkeit und seiner Wirkung deutlicher als jemals zuvor und danach. Feinstein hat diese Fotos jetzt noch einmal editiert und in einem Bildband mit dem Titel "Real Moments" veröffentlicht.

Die Intimität, mit der man Dylan auf diesen Seiten begegnet, wird jeden verblüffen, der D.A. Pennebakers fahrigen Dokumentarfilm "Don't Look Back" gesehen hat mit der Aufzeichnung der Englandtournee im Jahr davor. Da nähert sich der Dokumentarist nur der spröden Oberfläche Dylans, der sich so unwirsch scheu und menschenfeindlich gibt.

Ganz anders Feinsteins Fotos, obwohl Dylan sich noch weiter in die Persona des Rockstars zurückgezogen hatte, mit der pechschwarzen Sonnenbrille, dem wirren Haarschopf, den etwas zu grellen gestreiften Hosen und den etwas zu dunklen Jacketts. Da sieht man ihn dann nur selten so locker wie mit den Zimmermädchen in einer Hotelküche, selten so verloren wie im Halbschlaf auf einem halb abgeräumten Restauranttisch.

Wirklich einzigartig aber ist der Bruch zwischen Dylan und der spröden Wirklichkeit des britischen Alltags, der aus diesem Band so viel mehr macht als die Starmonographie und das Zeugnis einer tiefen Freundschaft. Da landet diese wahnwitzig eigentümliche Figur im grauen Einerlei einer Gesellschaft, die noch weit entfernt ist von den tektonischen Verschiebungen der amerikanischen Befreiungsbewegungen. Das macht "Real Moments" zum gesellschaftsgeschichtlichen Dokument, mit den Bildern von der 1974er-Tour wie eine Koda, in der das Motiv des Aufbruchs als Selbstverständlichkeit wiederholt wird.

Es fällt Barry Feinstein nicht ganz leicht, sich an all das zu erinnern. Sein mächtiger Schädel ist knochig geworden, sein Walrosschnauzer zum Fu-Manchu-Bärtchen zerfasert. Abgemagert sitzt er in seinem Sessel. Ein hübsches Häuschen in Woodstock bewohnt er. Von seinem Sessel aus blickt er in einen gepflegten Garten mit Teich und Blumenbeeten. Dahinter beginnt der Wald.

Zehn Jahre älter als Dylan ist er. Und noch mal ein Stück älter als seine Frau Jude. Die hatte einen legendären Nachtclub in Woodstock, damals in den siebziger Jahren, als Barry sie zu seiner zweiten Frau nahm und all die Rockstars ihn so beneideten, die bei ihr herumhingen. Das Alter kann so ungerecht sein. Ein neues Hüftgelenk hat Barry Feinstein bekommen. Neun Monate Reha hat er hinter sich. Vor drei Tagen erst ist er nach Hause gekommen. Jetzt jagt der Schmerz durch seine Glieder, wenn ihn Jude aus dem Sessel hinter den Rollator hievt. Und ihr entgleitet ein Seufzer: "Das ist kein Spaß."

Doch dann blüht Feinstein noch einmal auf. Jude bringt einen schweren Karton mit großformatigen Schwarzweißabzügen. Seine Hollywoodbilder. Keine Starporträts, sondern morbide Details einer Ära in den letzten Zügen. Studios beim Abriss, Requisiten, Kartons mit Kostümen, auf denen Judy Garland, Kim Novak und Lucille Ball gekritzelt ist, Charlton Hestons Hände, die einen Oscar umklammern, Marilyn Monroes Pillendose.

Das wird sein nächstes Buch werden. Mit Gedichten, die Dylan vor vielen Jahren zu den Fotos schrieb. Die letzte Aufnahme zeigt zwei altmodische Medikamentenfläschchen. "Cocaine, Hydrochlorid. Warning - May Be Habit Forming. Poison", steht auf den Etiketten. Daneben ein Häufchen Pulver, ein schmaler Silberlöffel. Wo er das Bild aufgenommen habe? Da blitzt ein schelmisches Lächeln auf in seinem Gesicht. "Zu Hause", sagt er betont beiläufig, als sei dies die dümmste Frage an diesem Sommernachmittag in Woodstock gewesen.

FeinsteinHollywood

Abbildungen: Feinstein Photography

08.06.11 | 15:57 | 0 Kommentare

Facebookfotos

Peter Glasers Tweets zum neuen Gesichtserkennungsdienst bei Facebook:

@peterglaser

- Bibelarbyte: Theologin Käßmann schaltet Verzichtserkennung frei
- Weight Watchers starten ungefragt Gewichtserkennung
- Facebook plant neuen Button: "Hat mir grade noch gefällt"
- Wie man die Facebook-Gesichtserkennung abschaltet: http://bit.ly/l2p2BS
- "Hallo Peter, Danke, dass du das Facebook Foto Team kontaktiert hast. Deine Fotoinformationen wurden auf deine Anfrage hin entfernt."

Bonustweets:

- Germanys next Pottmodel ("Nächstes Topmodel aus NRW")

- Wenn dir Apple ein iCloud, dann musst du dir eins Lion.

.....und hier noch eine Infografik zum Thema:

FAcebookPhotoInfographic

Infografik: via Atlantic

23.05.11 | 11:21 | 0 Kommentare

Blick aus dem Fenster

ALPEN-enhanced-buzz

Neuer Blog mit einhundert Blicken aus dem Flugzeugfenster - hier.

Foto: Die Alpen, Flickr

15.05.11 | 15:56 | 2 Kommentare

Unser Müll in Afrika

Hugo01

(Von Andrian Kreye) Unter den afrikanischen Fotografen, die seit gut eineinhalb Jahrzehnten in den europäischen und amerikanischen Kunstmetropolen gefeiert werden, ist der Südafrikaner Pieter Hugo derzeit sicher der bekannteste. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er seine Porträtstudien mit einem formal anachronistischen europäischen Gestus inszeniert. Egal, ob er Gaukler fotografiert, die mit gezähmten Hyänen durch Lagos ziehen, Schauspieler aus Nigerias Filmfabriken oder Behinderte, mit seinen klassischen Bildschnitten und dem unjournalistischen Blick des Porträtisten verlieh er seinen Subjekten eine altertümliche Würde, die den konservativen Erwartungshaltungen des europäischen und amerikanischen Publikums entgegenkam.

Sieht man genau hin, hat es Hugo seinen Betrachtern nie so leicht gemacht. Letztlich sind seine Porträts in mehreren Ebenen gebrochene Studien eben dieser Erwartungshaltungen. Dass sich ein weißer südafrikanischer Fotograf, der bei Nelson Mandelas Amtsantritt im Jahre 1994 18 Jahre alt war, nicht einfach darauf einlassen würde, Erwartungshaltungen zu bedienen, die letztlich im neokolonialen Moralgeheuchel liberaler Schuldgefühle in den Wohlstandsländern wurzeln, war zu erwarten. So deutlich wie mit seinem neuen Band ,,Permanent Error‘‘ hat Hugo diese Erwartungen allerdings noch nie angegriffen.

Hugo02

Die Bilder entstanden auf der Mülldeponie Agbogbloshie Market in Accra, der Hauptstadt von Ghana. Auf Agbogbloshie landet all jener Wohlstandsmüll, der das Wirtschaftswunder der digitalen Revolution antreibt, all jene Produkte also, deren Haltbarkeit mit Systemerneuerungen und Sollbruchstellen auf wenige Jahre begrenzt wird - Handies, Computer, Unterhaltungselektronik. Zwischen den giftigen Schwaden der Müllfeuer versuchen die Lumpensammler von Agbogbloshie, Rohstoffe aus dem verseuchten Müll zu retten. Eine dreiseitige Liste mit den chemischen Kürzeln dieser Gifte und Rohstoffe schafft zu Beginn des Buches den Kontext der Anklage.

Hugo kehrt mit dieser Arbeit zu seinen Wurzeln zurück. In seinen ersten Studien über Opfer der Aids-Seuche und über Behinderte hinterfragte er ganz direkt die Gesellschaft seiner eigenen Heimat. Dann erst entwickelte er jenen Blick, der die eigentliche Qualität und die Vielschichtigkeit seiner Arbeit ausmacht. Als weißer Südafrikaner, für den der Kampf gegen die Apartheid vor allem eine Kindheitserinnerung ist, gehört Pieter Hugo jener Zwischengeneration an, die zu Beginn der Ära Mandela erstmals den Blick aus dem einst hermetischen Schurkenstaat am Kap auf den eigenen Kontinent zu richten begann.

Hugo03

Dieser Blick war eigen, weil er eine Außenansicht des Kontinents zeigte, die eben nicht aus der kolonialen Perspektive hervorgeht, sondern auf der einzigartigen Geschichte Südafrikas fußt. Das liefert auch die komplexen Ebenen, hinter der Sozialkritik der Müllkippenbilder. Doch bleibt letztlich die Sozialkritik der Kern der Arbeit. Und gerade in der politischen Direktheit entwickelt Pieter Hugo neue Wucht.

Fotos: Pieter Hugo aus PIETER HUGO: Permanent Error. Prestel Verlag, München, 2011. 128 Seiten, 39,95 Euro.

04.05.11 | 16:30 | 0 Kommentare

Martin Schoeller

28.04.11 | 06:28 | 0 Kommentare

Ein Tag, ein Foto, eine Geschichte

Der Künstler Jonathan Harris hat seit seinem 30. Geburtstag jeden Tag ein Foto mit einem kurzen Text auf seine Webseite gestellt. Nicht der übliche Fotoblog...

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