03.04.12 | 12:58 | 1 Kommentar

Kulturkampfmanöver

 

(Leitartikel aus der SZ vom 3.4. 2012, von Andrian Kreye) Es war ein durchsichtiges Manöver, als sich Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin am Wochenende in einem Interview für die Kulturflatrate aussprach. „Jeder zahlt einmal eine Gebühr und kann so viel runterladen, wie er will“, gab er dem Magazin Wirtschaftswoche zu Protokoll. Für einen Wahlkampf gegen die Piratenpartei ist die Kulturflatrate eine schöne Leerformel: So kann man bei digital sozialisierten Jungwählern punkten, ohne die bürgerlichen Stammwähler zu verprellen. Für das eigentliche Problem, wie man nämlich das Urheberrecht reformieren und damit das Auskommen von Autoren, Filmern und Musikern in die Zeiten digitaler Medien retten kann, sind solche politischen Manöver nicht hilfreich. Denn Debatten ums Internet sind längst ideologisch aufgeheizt.   

Wer sich für das Urheberrecht ausspricht, gilt dabei schnell als Reaktionär. Der Wutausbruch des Rockmusikers und Schriftstellers Sven Regener, der im Bayerischen Rundfunk die Bedrohung der Urheberrechte als persönliche Beleidigung jedes Künstlers beschrieb, sprach zwar vielen aus der Seele. Genauso wie die hysterischen Reaktionen Zehntausender Demonstranten, die im Handelsabkommen gegen Produktpiraterie Acta ein sinistres Ermächtigungsgesetz vermuteten. Doch da ist auf beiden Seiten Emotion im Spiel. Das zeigt schon der Kampfbegriff der Raubkopie. Beim illegalen Herunterladen handelt es sich nicht um Raub, denn es wird ja keine Gewalt angewendet. Es geht aber auch nicht um Kopien, sondern um digitale Klone.

Im Kern dreht sich die Debatte um das Internet um eine atemlos rasante technische Entwicklung, hinter der Gesetzgeber, Politik und Kulturindustrie verzweifelt herhecheln. Die alten Regelwerke einfach über Bord zu kippen oder durch halbgare Kompromisse zu ersetzen, nur weil es der euphorische Zeitgeist so will, führt zu keinen Lösungen. Vor allem, weil kaum ein Debattenbeitrag einräumt, dass das Internet im Frühjahr 2012 ein ganz anderes Netz ist als das Internet vor fünf Jahren. Die Zeit der Experimente ist nämlich vorbei.

Momentan kämpfen die vier digitalen Giganten Apple, Amazon, Facebook und Google um eine Vormacht im Netz. Zwischen den Giganten aber bilden sich totalitäre Strukturen heraus, denen Urheberrechte nur im Weg stehen, und für die die selbsternannten digitalen Rebellen letztlich den Weg bereitet haben. Steve Jobs, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Larry Page und Sergej Brin sind keine rebellischen Popstars, sondern knallharte Monopolisten. Sie wurden in der aggressiven Investmentkultur des Silicon Valley groß, nicht in der digitalen Subkultur. Für ihre eigenen Urheberrechte und Patente kämpfen sie mit Heerscharen von Anwälten, und wenn es sein muss: mit einem Rollkommando der Polizei.

Nun reichen die Urheberrechte aus den Zeiten des Buchdrucks und des Grammophons für die technischen Realitäten des 21. Jahrhunderts nicht mehr aus. Doch Kulturflatrates schwächen den Kampf für eine Reformierung des Urheberrechts nur. Sie spiegeln vor, dass es einfache und schnelle Lösungen gibt.

Selbst wenn man den Idealfall eines öffentlich-rechtlichen Modells durchsetzen könnte, wenn also von jedem Haushalt eine Abgabe in der Höhe der Rundfunkgebühren eingetrieben würde – wer oder welche Behörde sollte über die Verteilung der Erlöse bestimmen? Wer bekäme beispielsweise die deutschen Beiträge einer solchen Flatrate? Deichkind oder doch Rihanna? Der Regisseur Christian Petzold oder die Produzenten der „Hunger Games“? Es geht bei der Debatte um das Urheberrecht im Internet ja keineswegs um Hochkultur. Die wird subventioniert oder finanziert sich über das authentische Einzelwerk. Es geht vor allem um Popmusik und Film. Das sind Produkte für den freien Markt, nicht für bürokratische Systeme oder Subventionsmodelle.

Trittins Hinweis, solche Flatrate-Modelle funktionierten schon im Netz, widerlegt eine Grafik des Datenjournalisten David McCandless. Um den gesetzlichen US-Mindestlohn von monatlich 1160 US-Dollar zu verdienen, muss eine Band entweder 1161 Alben verkaufen, 12 399 Songs auf iTunes absetzen oder rund vier Millionen Mal auf dem Streaming-Dienst Spotify abgerufen werden, mit dem man gegen eine Monatsgebühr so viel Musik auf Computern oder Smartphones abspielen kann, wie man will.

Es gibt nun viele wohlfeile Vorwürfe gegen die Kulturindustrien: Die Plattenfirmen und Filmstudios hätten die technischen Entwicklungen verschlafen. Rockmusiker und Filmer könnten sich im Netz doch selbst vermarkten. Das ist weltfremd. Plattenfirmen und Filmstudios suchen schon lange vergeblich nach Möglichkeiten, Vertriebswege zu finden, die mit der Geschwindigkeit und Gratiskultur der Tauschbörsen konkurrieren können. Wer einen Rocksong oder ein Drehbuch schreiben kann, hat selten auch eine kaufmännische Begabung.

Die digitale Revolution ist buchstäblich eine solche: Revolutionen kippen lediglich bestehende Machtverhältnisse. Wer oder was nach dem Umsturz kommt, ist weder klar noch garantiert. Ideologische Verhärtungen und opportunistische Manöver wie das Trittins helfen niemandem. Höchstens den Monopolen.

30.03.12 | 21:13 | 1 Kommentar

Picasso

Pablo Picasso mit Gary Coopers Hut und Revolver. Foto 1959 von André Villers.

01.03.12 | 18:00 | 0 Kommentare

TED 2023


Ridley Scott, der gerade an seinem Science-Fiction-Epos Prometheus arbeitet, der Drehbuchschreiber Damon Lindelof und Scotts Sohn Luke haben sich überlegt, wie ein TED Talks 2023 aussehen würde und den TED-Talker mit Guy Pierce besetzt. Bekam - trotz der sinsitren Untertöne - rauschenden Applaus in Long Beach.

27.02.12 | 19:39 | 0 Kommentare

Ein Sieg verwöhnt doch nur


Unterwegs mit den Deutschen in Hollywood – vor  und nach einer enttäuschenden Oscar-Nacht

(Aus der SZ vom 28. 2.12, von Andrian Kreye) Als kurz vor 21 Uhr kalifornischer Ortszeit endlich die letzte Kategorie verkündet ist, lüftet sich die Angst über Hollywood wie ein giftiger Smog. Es gibt nun viele Enttäuschte in dieser Stadt – und einige wenige Sieger. Es ist dann nur eine gute Stunde nach dem Ende der Oscar-Zeremonie, als Wim Wenders im Garten des Sunset Marquis einläuft, jenes Hollywood-Hotels, in dem früher die Stones abstiegen sind, und das heute mit seinen tropisch bepflanzten Wegen zwischen den Suiten und Bungalows ein wenig modernisiertes Flair vergangener Größe verströmt. Sein Team, seine Freunde und die gar nicht so kleine Gemeinde der deutschen Filmschaffenden in Hollywood haben hier vor den großen Flachbildschirmen mitgefiebert. Vier deutsche Nominierte waren im Oscar-Rennen dieses Jahr. Kein Einziger hat gewonnen. Doch zumindest das Bangen ist vorbei.

Nun ist Angst der Modus Operandi Hollywoods. Es wird hier viel Geld in die Launen eines unberechenbaren Kinopublikums investiert, da reichen manchmal Kleinigkeiten, um Existenzen und Firmen zu zerstören. In den Tagen vor den Oscars kann man diese Angst buchstäblich spüren – in den Lobbys der Hotels, wo die Teams und Mitarbeiter der nominierten Filme im Adrenalinrausch ihre Smartphones bearbeiten, auf den Dachterrassen der teuren Kaufhäuser rund um den Rodeo Drive, wo man Stars und Filmschaffende an den Kaffeetischen dabei beobachten kann, wie sie wie auf Autopilot belanglose Gespräche führen, obwohl ihre Gedanken rasen.

Die Oscars sind so etwas wie der G-8-Gipfel der Filmwirtschaft, mit dem kleinen Unterschied, dass es sich dabei um einen G-1-Gipfel handelt. Es geht bei den Oscars vor allem um – Amerika. Jedes andere Filmland ist allerhöchstens geduldeter Gast. In Hollywood gibt es keine Most Favored Nations. Das zeigt schon die Verleihpraxis, ausländische Filme ausschließlich untertitelt in kleinen Filmkunstkinos zu zeigen und die wirklich großen Erfolge mit amerikanischen Stars nachzudrehen. Erschwerend hinzukommen die Sonderregeln für ausländische Filme. Academy-Mitglieder, die in dieser Kategorie über den Oscar abstimmen wollen, müssen alle nominierten Filme in einem Kino gesehen haben (reguläre Filme dürfen auch auf DVDs verschickt werden). Die gleiche Sonderregel gilt für Dokumentarfilme. So können von den 5765 wahlberechtigten Academy-Mitgliedern in der Regel nur ein paar hundert abstimmen – wer hat hier schon die Zeit, fünfmal in eines der Filmkunstkinos zu gehen, die die Nominierten der Nebenkategorien meist nur die nötigen zwei Wochen lang zeigen?

Auch kostet es viel Aufwand, die Academy-Mitglieder zu umwerben – das macht es im nervenaufreibenden Oscar-Wahlkampf für Ausländer und Dokumentarfilmer kaum möglich, sich zu positionieren, wenn sie keinen mächtigen US-Verleih hinter sich haben. Zumal es ähnlich wie im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf längst eine ganze Reihe von inoffiziellen Vorwahlen gibt, die man bestehen sollte – die Golden Globes, die Preise der großen Filmgewerkschaften, die Independent Spirit Awards.

Deutschland ist in Hollywood also trotz seiner robusten Filmwirtschaft ein Schwellenland. Das gilt natürlich auch für Frankreich, auch wenn „The Artist“ in gleich zehn der großen Kategorien nominiert war. Das hat allerdings weniger mit der französischen Filmindustrie zu tun als mit dem New Yorker Brachialproduzenten und -Filmverleiher Harvey Weinstein, dessen Oscar-Kampagnen an die politischen Raubzüge von George W. Bushs Chefstrategen Karl Rove erinnern. Weinsteins Wunderwaffe ist dieses Jahr der Jack Russell Terrier Uggie aus „The Artist“, der die Wähler mit seinen putzigen Auftritten bei PR-Auftritten und Preisverleihungen bezirzt.

Das Konsulat des Filmschwellenlandes Deutschland war wie jedes Jahr die Villa Aurora, ein verschachteltes Anwesen im spanischen Kolonialstil weit oben in den idyllischen Hügeln von Pacific Palisades. Lion Feuchtwanger hatte sich die Villa nach seiner langen, erschöpfenden Flucht aus Europa 1943 gekauft, sie wurde zur Anlaufstelle für vertriebene Literaten wie Thomas Mann oder Bertolt Brecht. Heute betreibt ein Verein den Unterhalt der Villa, der Künstler und Autoren einlädt, hier ein paar Monate an einem Projekt zu arbeiten.

An einem Samstagnachmittag, wenn alle zum Strand wollen, braucht man eine gute Stunde zur Villa Aurora, die auf halbem Wege zwischen der Badestadt Santa Monica und dem Filmstar-Refugium Malibu liegt. Weit genug von Hollywood, um ein wenig Abstand zu schaffen zur angstgeschwängerten Hektik der letzten Abendessen und Benefizabende der Oscarsaison. Selten waren so viele Deutsche und deutsche Produktionen nominiert wie dieses Jahr, und die Nominierten sind fast alle da. Wim Wenders mit seinem Tross; Agnieszka Holland, die mit der deutsch-polnischen Produktion „In Darkness“ als aussichtsloser Außenseiter gehandelt wird. Der junge Regisseur Max Zähle, der mit seinem Kurzfilm „Raju“ über eine Kinderhandelsgeschichte immerhin erreicht hat, dass in Kalkutta kriminelle Waisenhäuser geschlossen wurden. Die in München geborene Kostümbildnerin Lisy Christl ist nicht da. Die hat für Roland Emmerichs „Anonymus“ die Kostüme entworfen, sie hat an diesem Nachmittag andere Verpflichtungen. Was auch ein wenig von den Machtverhältnissen in Hollywood zeigt. Emmerich mag Deutscher sein, aber er dreht Hollywoodfilme. Es ist ja nicht so, dass Hollywood per se fremdenfeindlich ist. Die Nationalität zählt hier nicht so viel wie das Geld, mit dem ein Film gedreht wird. Wer zu Emmerich gehört, gehört schon zu Hollywood, der hat jetzt Wichtigeres zu tun.

Rund um die Nominierten drängeln sich deutsche Kamerateams, deutsche Journalisten, deutsche Filmindustrie. Jürgen Prochnow ist da, Uschi Obermaier und Zsa Zsa Gabors neunter Ehemann Frédéric Prinz von Anhalt. Die Stimmung ist etwas angespannt. Auch wenn die Nominierten beteuern, dass sie nicht enttäuscht sein werden, wenn sie nicht gewinnen sollten. Die Wettquoten geben auch lediglich Wim Wenders eine Chance. Der tritt allerdings gegen das American-Football-Rührstück „Undefeated“ an, an dem Harvey Weinstein die Rechte gekauft hat, weil er einen Spielfilm daraus machen will.

Der Amerikavertreter der filmwirtschaftlichen Außenhandelsgesellschaft German Films Oliver Mahrdt weiß um die Bedeutung eines Oscars. Schauspieler, Kameraleute, Kostümbildner, Tonmeister können ihre Honorarfoderungen nach einem Oscargewinn vervielfachen. Regisseure und Produzenten haben es nach einem Sieg über Jahre hinweg leicht, selbst für ausgefallene Projekte Investoren zu finden.

Wim Wenders fröstelt. Die ersten Erschöpfungserscheinungen nach der Ochsentour der Oscar-Kampagne. Als er für „Buena Vista Social Club“ nominiert war, wusste er noch nicht, dass die Oscars kein Preis für Leistungen sind, sondern ein Wahlkampf. Dieses Mal hat er eigentlich alles richtig gemacht. Er hat sich bei Filmvorführungen gezeigt, bei Galadiners und Festivals. Doch er hat in Harvey Weinstein einen übermächtigen Gegner.

Mit seiner dick umrandeten Brille und seinem schwarzglänzenden Gehrock wirkt Wenders in der pastellfarbenen Geschäftslässigkeit von Hollywood immer noch wie die Inkarnation des europäischen Autorenfilmers. Dabei ist er schon lange aus dieser Rolle herausgewachsen. Ginge es mit rechten Dingen zu, würde er sicher den Oscar bekommen. Mag sein, dass die Oscar-Wählerschaft laut einer Untersuchung der Los Angeles Times aus 94 Prozent Männern mit einem Durchschnittsalter von 62 Jahren besteht. In einem vierschrötigen Geschäft wie dem Film ist das nicht gerade die Zielgruppe für einen Dokumentarfilm über modernes Tanztheater.

Die Pionierleistung, die Wenders mit „Pina“ gelungen ist, fasst sein 3-D-Berater François Garnier zusammen. Dessen Enthusiasmus steigert sich im Gespräch zunehmend, auch wenn er als französischer Medienpionier und Professor der Pariser École nationale supérieure des Arts Décoratifs schon seit Jahren über die neuen Medienformen referiert. Der grundlegende Fehler im Umgang mit 3-D im Film sei ganz einfach, sagt er. Fast alle Regisseure behandelten 3-D nicht als neues Medium, sondern als Effekt. Deswegen seien ihre Filme auch nur Reliefs, nicht die Eroberung des Raums.

3-D, sagt Garnier, eröffne ein vollkommen neues Filmerlebnis. „Das Raumerlebnis wird von einem ganz anderen Teil des Gehirns verarbeitet als das Bild, die Zeit, eine Geschichte. Das sind die Basalganglien, die im Englischen viel hübscher „reptilian complex“ heißen. Der traditionelle Film basiert rein auf einer kognitiven Rezeption. Deswegen müsse ein Regisseur für einen richtigen 3-D-Film auch komplett neu denken. Vom Blickwinkel bis zu den Kamerabewegungen zwingt der Raum den Film in vollkommen neue Parameter. Alles andere ist Kintopp.

Es mag in dieser Sonntagnacht nur ein schwacher Trost für Wim Wenders und sein Team sein: Der siegreiche Konkurrent „Undefeated“ wird lediglich das Material für eine Weinstein-Produktion liefern, „Pina“ wird in die Filmgeschichte eingehen. Endgültiger Beweis der Macht – die wichtigsten Oscars für Film, Regisseur und Hauptdarsteller des Jahres gingen an Weinsteins „The Artist“. Doch Wim Wenders ist letztlich guter Dinge. Film ist keine Soloshow, und er weiß, wie sehr es seine Mitarbeiter schmerzt, so weit und doch nicht bis um Ziel gekommen zu sein. „Ein Sieg verwöhnt doch nur“, sagt er in seiner kurzen Ansprache im Garten des Sunset Marquis. Das mögen Motivationsfloskeln sein – an diesem Abend sitzen sie.

Foto: Donata und Wim Wenders vor der Oscar-Verleihung; Plakatmotiv für "Pina"/dpa

12.01.12 | 21:37 | 2 Kommentare

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12.01.12 | 21:11 | 0 Kommentare

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21.10.11 | 17:20 | 0 Kommentare

Bobs bester Freund

Zum Tode von Barry Feinstein - ein Besuch in Woodstock im Sommer 2008

Feinstein(Von Andrian Kreye) Bob Dylan war ein komischer Kauz. Als Barry Feinstein ihn zum ersten Mal traf, im Büro seines Kumpels Albert Grossman in einem dieser Art-déco-Bürotürme oben an der 55. Straße, da war es ihm gleich klar. "Aus dem würde noch mal was werden", brummelt Feinstein, der sich heute in seinem Ohrensessel in seinem Haus in Woodstock an so einiges nicht mehr erinnert, nur an seine Freundschaft mit Dylan sehr gut.

"Er war einfach, nun ja - sonderbar." 1962 oder 1963 muss das gewesen sein. So ganz genau weiß Feinstein das nicht mehr, aber das kann man ja auch nicht verlangen von jemandem, der erst die großen Glamourjahre in Hollywood und dann den Aufstieg des Rock'n'Roll fotografiert hat.

Dylan war jedenfalls ein dürres, jüdisches Kerlchen aus Minnesota, der mit seiner näselnden Stimme den Dialekt der Bergdörfler aus den Appalachian Mountains imitierte. Das war damals so Mode in den New Yorker Folkmusikkreisen, in denen sich zwar in erster Linie Kids aus soliden Bürgerfamilien herumtrieben.

Aber weil die Songs von Woody Guthrie, den sie damals wie einen Gott verehrten, von den simplen Menschen in den Bergen und Ebenen des amerikanischen Hinterlandes erzählten, versuchte man damit Authentizität oder zumindest ein Gespür für eine ebensolche zu beweisen.

Grossman und Feinstein hörten sich den jungen Sänger dann am selben Abend noch unten in einer dieser Folkkneipen im Greenwich Village an. Aber nicht nur Feinstein war angetan. Dylan mochte diesen grobschlächtigen Kumpel seines Managers, diesen Fotografen aus Hollywood mit seinem Walrossschnauzer und seinen dicken Koteletten. Er war nicht wie die anderen Fotografen, die einem gierig die Linse ins Gesicht hielten. Feinstein gehörte irgendwie dazu, hing rum, trank, soff, redete Zeug daher, wie alle eben, die dazugehörten. Und wenn er dann mal den Sucher ans Auge hob, hatte man nie das Gefühl, dass hier einer sein Privileg missbrauchte. Verdammt noch mal, das war eben Barry, und der war eben Fotograf.

Vielleicht half es ja, dass er den Umgang mit Stars als Standfotograf im Hollywood der fünfziger Jahre gelernt hatte, auf dem Höhepunkt des Glamours und der Macht der Filme. Da war er nie Paparazzo gewesen, sondern immer Teil des Teams, einer, der eben ab und zu abdrückte und den Stars höchstens einmal ins Auge fiel, wenn der Regisseur ihn bei einem Close-up näher an sie heranließ.

Ein Star war Dylan ja noch nicht. Es war ja auch Anfang der sechziger Jahre noch nicht abzusehen, dass so schlampig dahergelaufene Jungs wie er in einer Art Putsch Hollywoods Monopol der popkulturellen Macht brechen würden. Erst ein bisschen später, auf dem Schwarzweißfoto, das Barry von ihm für das Albumcover von "The Times They Are A-Changin'" machte, ahnt man, dass hier ein Fotograf ganz nah an einen Menschen herankam, der längst einen massiven Schutzwall um sich herum errichtet hatte, den nur noch die engsten Freunde überwinden. Wie Barry eben.

FeinsteinPortfolio

So richtig enge Freunde wurden sie auf einer Fahrt in Grossmans Rolls Royce. "Kreuz und quer sind wir damit durchs Land gefahren." Da hatte Dylan die streng gestutzten Haare schon längst wachsen lassen, und man kann nur ahnen, wie der dürre Langhaarige und der bullige Bärtige im Rolls auf die Menschen gewirkt haben müssen, denen sie in den Truck Stops und Kleinstädten zwangsläufig begegneten, wenn sie von Konzerthalle zu Konzerthalle fuhren. Viel mehr will Feinstein nicht erzählen, aber er sagt: "Dylan sagte immer, ich sei der Einzige, dem er wirklich vertrauen würde." Ausgerechnet einem mit Kamera. Aber Feinstein missbrauchte sein Privileg nie. Er schweigt auch mehr als vierzig Jahre danach noch höflich über die Details seiner Freundschaft.

Später war er ja nicht nur mit Dylan befreundet. Auch mit Mick Jagger und Keith Richards und mit George Harrison. Feinsteins Fotos waren intimer als die üblichen Starfotos. Nur wenige haben das so hingekriegt wie er. Später hat er dann nicht mehr für die Filmstudios, sondern für die Plattenfirmen gearbeitet. Man kennt seine Fotos von Plattencovern wie George Harrisons "All Things Must Pass", Janis Joplins "Pearl" oder auch von der CD des vielleicht besten Rolling-Stones-Albums "Beggars Banquet".

Das war 1968, und da führte Feinsteins allzu enge Freundschaft mit den Stars zu einem regelrechten Skandal. "Ich hing mit Mick in Hollywood herum und wir überlegten, was wir für das Album aufnehmen könnten", erinnert sich Feinstein. "Wir sind dann zu meinem Automechaniker in die Werkstatt. Ich musste da eh noch hin. Da haben wir dann auf dem Klo mit roter Farbe den Albumtitel auf die Wand geschmiert."

Feinstein schickt seine Frau Jude zum Schreibtisch, um einen Abzug aus einem Karton zu fischen. Er selbst ist ja gar nicht mehr gut zu Fuß. Auf dem Abzug ist das Bild von der verschmierten Wand, darunter der schmuddelige Spülkasten, der obere Rand der Klobrille. Die Plattenfirma weigerte sich damals, das Bild aufs Cover zu drucken. Als LP kam das Album deswegen mit einem kargen weißen Umschlag heraus. Erst als die CD neu aufgelegt wurde, wagte die Plattenfirma, das Bild zu verwenden.

Heute wirkt die Aufnahme harmlos. Aber das zeigt schon, was für ein Ruck damals durch die Kultur ging.

FeinsteinDylan

Für Dylan hatte sich dieser Ruck schon ein paar Jahre zuvor vollzogen. 1965 auf dem Folkfestial in Newport, als er zum ersten Mal mit elektrisch verstärkter Gitarre und Band spielte. Auch da war Feinstein dabei. "Es war natürlich großartig", sagt er. "Das waren die Folkspießer, die da herumbrüllten. Die nicht wahrhaben wollten, dass die Musik gerade durch eine der phantastischsten Verwandlungen aller Zeiten ging."

Ein Jahr später begleitete Barry Feinstein Bob Dylan dann auf seiner epochalen Englandtournee. Auf dieser Tour zeigt sich der Bruch zwischen Dylans Persönlichkeit und seiner Wirkung deutlicher als jemals zuvor und danach. Feinstein hat diese Fotos jetzt noch einmal editiert und in einem Bildband mit dem Titel "Real Moments" veröffentlicht.

Die Intimität, mit der man Dylan auf diesen Seiten begegnet, wird jeden verblüffen, der D.A. Pennebakers fahrigen Dokumentarfilm "Don't Look Back" gesehen hat mit der Aufzeichnung der Englandtournee im Jahr davor. Da nähert sich der Dokumentarist nur der spröden Oberfläche Dylans, der sich so unwirsch scheu und menschenfeindlich gibt.

Ganz anders Feinsteins Fotos, obwohl Dylan sich noch weiter in die Persona des Rockstars zurückgezogen hatte, mit der pechschwarzen Sonnenbrille, dem wirren Haarschopf, den etwas zu grellen gestreiften Hosen und den etwas zu dunklen Jacketts. Da sieht man ihn dann nur selten so locker wie mit den Zimmermädchen in einer Hotelküche, selten so verloren wie im Halbschlaf auf einem halb abgeräumten Restauranttisch.

Wirklich einzigartig aber ist der Bruch zwischen Dylan und der spröden Wirklichkeit des britischen Alltags, der aus diesem Band so viel mehr macht als die Starmonographie und das Zeugnis einer tiefen Freundschaft. Da landet diese wahnwitzig eigentümliche Figur im grauen Einerlei einer Gesellschaft, die noch weit entfernt ist von den tektonischen Verschiebungen der amerikanischen Befreiungsbewegungen. Das macht "Real Moments" zum gesellschaftsgeschichtlichen Dokument, mit den Bildern von der 1974er-Tour wie eine Koda, in der das Motiv des Aufbruchs als Selbstverständlichkeit wiederholt wird.

Es fällt Barry Feinstein nicht ganz leicht, sich an all das zu erinnern. Sein mächtiger Schädel ist knochig geworden, sein Walrosschnauzer zum Fu-Manchu-Bärtchen zerfasert. Abgemagert sitzt er in seinem Sessel. Ein hübsches Häuschen in Woodstock bewohnt er. Von seinem Sessel aus blickt er in einen gepflegten Garten mit Teich und Blumenbeeten. Dahinter beginnt der Wald.

Zehn Jahre älter als Dylan ist er. Und noch mal ein Stück älter als seine Frau Jude. Die hatte einen legendären Nachtclub in Woodstock, damals in den siebziger Jahren, als Barry sie zu seiner zweiten Frau nahm und all die Rockstars ihn so beneideten, die bei ihr herumhingen. Das Alter kann so ungerecht sein. Ein neues Hüftgelenk hat Barry Feinstein bekommen. Neun Monate Reha hat er hinter sich. Vor drei Tagen erst ist er nach Hause gekommen. Jetzt jagt der Schmerz durch seine Glieder, wenn ihn Jude aus dem Sessel hinter den Rollator hievt. Und ihr entgleitet ein Seufzer: "Das ist kein Spaß."

Doch dann blüht Feinstein noch einmal auf. Jude bringt einen schweren Karton mit großformatigen Schwarzweißabzügen. Seine Hollywoodbilder. Keine Starporträts, sondern morbide Details einer Ära in den letzten Zügen. Studios beim Abriss, Requisiten, Kartons mit Kostümen, auf denen Judy Garland, Kim Novak und Lucille Ball gekritzelt ist, Charlton Hestons Hände, die einen Oscar umklammern, Marilyn Monroes Pillendose.

Das wird sein nächstes Buch werden. Mit Gedichten, die Dylan vor vielen Jahren zu den Fotos schrieb. Die letzte Aufnahme zeigt zwei altmodische Medikamentenfläschchen. "Cocaine, Hydrochlorid. Warning - May Be Habit Forming. Poison", steht auf den Etiketten. Daneben ein Häufchen Pulver, ein schmaler Silberlöffel. Wo er das Bild aufgenommen habe? Da blitzt ein schelmisches Lächeln auf in seinem Gesicht. "Zu Hause", sagt er betont beiläufig, als sei dies die dümmste Frage an diesem Sommernachmittag in Woodstock gewesen.

FeinsteinHollywood

Abbildungen: Feinstein Photography

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