05.05.13 | 20:55 | 1 Kommentar

Allmachtsphantasien

(Von Andrian Kreye) Die Binsenweisheit ist ein perfides rhetorisches Mittel. Normalerweise ist sie Anzeichen für die Selbstüberschätzung unbegabter Autoren. In den Texten von Autoritäten ist die Binse allerdings ein Vehikel für Ideologie und Dogma. Gerade deswegen ist das Buch 'Die Vernetzung der Welt - ein Blick in unsere Zukunft' der beiden Google-Spitzen Eric Schmidt und Jared Cohen so interessant. Als Grundlagenliteratur empfehlen sich hier aber nicht die Bücher sogenannter Digerati wie Clay Shirky, David Gelernter und Jaron Lanier, die dem rätselhaften Phänomen der Computertechnologien und -netzwerke mit intellektueller Schärfe auf den Grund gehen. Man sollte eher die Texte von Baghwan Shree Rajneesh, dem Dalai Lama oder L. Ron Hubbard lesen, um die Technik der Dogmabinse kennenzulernen.

Das allseits Bekannte, das Selbstverständliche und Faktische sollen in solchen Texten Vertrauen in die Wahrhaftigkeit des Textes schaffen und die Autorität der Verfasser zementieren, die dann ihre eigentliche Botschaft nicht nur glaubwürdig absetzen, sondern auch in einen universalen Gültigkeitsanspruch stellen können. In 'Die Vernetzung der Welt - ein Blick in die Zukunft' liest man dann zum Beispiel, dass die Zahl der Internetnutzer im ersten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts von 350Millionen auf mehr als zwei Milliarden gestiegen ist, und dass ein einfacher Bauer in der afrikanischen Savanne heute über sein Handy das gesamte Weltwissen abrufen kann. Es geht um die digitale Identität, um Cyberkrieg und Effizienz, um Staaten, Revolutionen, Terror und Gesellschaft. Das meiste, was auf den mehr als 400 Seiten steht, kennt man selbst als durchschnittlich informierter Leser aus Büchern, Artikeln und Netzbeiträgen.

Was zunächst verwundert, ist, dass dieses Buch zwar von dem Mann verfasst wurde, der Google von 2001 bis 2011 aus der Start-up-Nische in die Marktführerschaft gesteuert hat. Als Koautor holte er sich einen ehemaligen Berater des US-Außenministeriums, der nun die Abteilung 'Google Ideas' leitet. Der Konzern wird aber so gut wie nicht genannt. Das ist erst mal enttäuschend.

Wenn sich Schmidt und Cohen mit der Zensur in China befassen, erwartet man endlich die wahre Geschichte des heftigen Machtkampfs zwischen Google und der Partei. Wenn es wie in jeder techno-optimistischen Abhandlung dieser Tage um den arabischen Frühling geht, will man wissen, wie der Konzern darauf reagierte, dass in Wael Ghonim ein Google-Angestellter zu einer der Schlüsselfiguren des Mubarak-Sturzes wurde, und ob man ihm beistand oder nicht. Bei den Themen Urheberrecht und Privatsphäre erfährt man nichts über Googles Kämpfe mit den deutschen Gerichten, der Gema und den Berliner Ministerien.

Es dauert eine Weile, bis man begriffen hat, warum es vordergründig gar nicht um Google gehen soll. Dann aber ist das Buch nicht mehr enttäuschend, sondern gespenstisch. All die Binsen, die ewig gleichen Anekdoten, Fortschrittsfabeln und Statistiken sind nichts anderes als Vehikel für eine Botschaft, die Schmidt und Cohen in einem Trommelfeuer prophetischer Behauptungen formulieren. Sie schreiben in einer Art imperativem Futur, der keine Zweifel zulässt. Denn in ihrem Zukunftsbild spielen die digitalen Medien eine ähnlich epochale Rolle bei den von ihnen beschworenen Umwälzungen in den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, wie die Volks- und Arbeiterbewegungen des 20. Jahrhunderts und die industrielle Revolution zusammen. Die Konkurrenz wird dabei durchaus benannt. Wenn es um die Gefahren der digitalen Welt geht, sind die Lücken im System bei Twitter, Facebook und Sony zu finden, niemals bei Google.

Die Visionen der digitalen Zukunft, die Schmidt und Cohen dabei in den ersten Kapiteln präsentieren, sind zunächst einmal von einer naiven Dürftigkeit. Da steht recht früh im Text die Binse: 'Für Menschen aller Schichten wird die Vernetzung deutlich erschwinglicher und einfacher werden.'

Dann fabulieren sie von einem Holodeck, wie man es aus 'Raumschiff Enterprise' kenne, das könnte schon bald das Unterhaltungsmedium der Zukunft sein. Damit könne man sich dann an einen Strand versetzen, an dem man einen Auftritt von Elvis Presley erlebt. Das ist eine so armselige Vorstellung von der digitalen Zukunft, dass man noch einmal kurz auf die Umschlagklappe schaut, ob der Koautor wirklich eine Abteilung namens Google Ideas leitet.

Es folgen dann noch ein paar Alltagsszenarien, die sich irgendwo zwischen der Frühstücksmaschine aus der Kinderserie 'Wallace & Gromit' und dem Retrofuturismus auf den Hobby-Titelblättern des Illustrators Klaus Bürgle einpendeln.

Doch solche allzu schlichten Zukunftsbilder haben eine ähnliche Funktion wie die Info-Binsen. Sie sollen den Leser darauf vorbereiten, die Kernbotschaft des Buchs bereitwilliger zu schlucken. Denn die Zukunft, da sind sich Schmidt und Cohen sicher, wird nicht nur einen digitalen Alltag, sondern eine grundlegende Erschütterung der bestehenden Verhältnisse durch digitale Katalysatoren bringen. Nur wer bereit ist, sich der digitalen Welt hinzugeben, wer mit ihr verschmilzt und sein digitales Ich so schätzt und pflegt wie seine irdische Existenz, der wird Teil dieser Zukunft sein, die so vieles verspricht. Da aber wird die Ideologie zum Heilsversprechen.

Die neuen Kräfte der Transparenz werden demnach die Mächtigen in die Pflicht nehmen. Die Erfassung sämtlicher Lebensbereiche in einem Paralleluniversum der Datenströme soll Sicherheit, Wohlstand und Gesundheit bringen. Die radikale Demokratisierung der Informationen, des Wissens und der Bildung bedeutet eine Ermächtigung der ohnmächtigen Massen. Auch solche Ideale sind längst Binsen. Doch bei einem Buch, das zwar nicht das Firmensignet, aber doch zwei prominente Namen aus der Spitze von Google auf dem Cover trägt, bedeutet die Feier einer solch durchgreifenden globalen Demokratisierung nichts anderes als die Rechtfertigung einer neuen Monopolisierung.

Nun sollte man die Allmachtsphantasien von Wirtschaftskapitänen normalerweise nicht zu ernst nehmen, nur weil sie sich in der Mitte des Lebens berufen fühlen, ihre vermeintliche Weisheit in Buchform zu bringen. Wie so viele andere Techno-Utopisten auch blenden sie in ihrem Weltbild aus, dass die digitalen Technologien bisher keineswegs so grundlegende und positive Umwälzungen mit sich brachten wie die industrielle Revolution. Die vielbeschworene Transparenzkultur war bisher vor allem ein Skandal, den Julian Assanges Wikileaks mit einem einzigen Datensatz entfesselte. Big Data resultierte bisher vor allem in einer Optimierung hübscher Infografiken. Von der Ermächtigung der Massen und der Demokratisierung des Wohlstandes, die Elektrizität, Verbrennungsmotoren und Massenmedien im 20. Jahrhundert auslösten, sind die digitalen Technologien noch weit entfernt, auch wenn sie ein paar Geschäftsmodelle in Medien, Kultur und Kommunikation zunichte machten.

Der Allmachtsanspruch, den Schmidt und Cohen formulieren, geht jedoch weit über das traditionelle Monopolstreben hinaus. Im Konkurrenzkampf der digitalen Industrie geht es neben wirtschaftlicher vor allem um kulturelle, gesellschaftliche und politische Macht. Bisher lautete das Motto der Firma 'Don"t be evil'. In der Kommunikation nach außen wurde das immer als Neutralitätsideal vermittelt. Google produzierte die Werkzeuge, die Welt die Inhalte. Mit 'Die Vernetzung der Welt' hat Eric Schmidt dieses Ethos aufgekündigt.

27.04.13 | 11:40 | 1 Kommentar

Netz-Utopien

(Leitartikel von Andrian Kreye) Sterben Utopien, wird der Schmerz rasch ideologisch. Im Streit um die Pläne der deutschen Telekom, die Flatrate für den Internetgebrauch abzuschaffen, haben beide Seiten irgendwie recht. Die einen wollen Geld mit ihrer Leistung verdienen, die anderen freien Zugang zu dem öffentlichen Raum des Internets. Tatsache ist aber: Mit den Flatrates wird auch der Freiheitsgedanke verschwinden, der das Internet zu einem Spielfeld für gesellschaftliche und politische Experimente gemacht hat. Der Grund dafür liegt allerdings genau in diesem Freiheitsgedanken.

Dass Flatrates eine wirtschaftliche Utopie sind, wissen die Anbieter der Internetindustrie schon lange. Immer leistungsfähigere Kabelnetze, Router und Speicherfarmen kosten Geld. Die Konkurrenz der Tarife hat die Einkünfte jedoch über die Jahre kontinuierlich verringert. In den USA haben die Anbieter deswegen schon länger begonnen, ihre Kunden aus den Flatrate-Tarifen zu drängen. Und auch in Deutschland wird die Telekom nicht die einzige Firma bleiben, die sich den Verbrauch der Datenmengen bezahlen lässt.

Der Freiheitsgedanke, der dabei verloren geht, geistert seit einiger Zeit mit dem Begriff der Netzneutralität durch die Debatten. Dabei geht es um eine Gleichbehandlung aller Daten, egal ob es sich um die Megabyte-Ströme handelt, die beim Onlinespielen und Ansehen von Filmen anfallen, um Webseiteninhalte, oder um die Kurznachrichten politischer Oppositioneller, auf die jeder gleichen Zugriff haben soll. Das wiederum läuft auf einen radikalen Gleichheitsgedanken zurück. Der hatte im Netz von Beginn an zwei Seiten.

Auf der einen Seite standen da die Gerechtigkeitsbegriffe früher Demokratiebewegungen und des Sozialismus. Immerhin - die Pioniere der digitalen Technologien und Kulturen rekrutierten sich zu einem Großteil aus dem Umfeld der kalifornischen Hippieszene in der Bay Area zwischen San Francisco und San José.

Auf der anderen Seite geht es aber auch um Adam Smiths Idee vom Markt, der sich wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt von selbst reguliert. In der Praxis stehen diese beiden Gedanken im Widerspruch zueinander - gesellschaftliche Gerechtigkeit und wirtschaftliche Freiheit sind nur selten dasselbe. Das zeigt sich nun im Streit um die Telekom. Da stellt sich die Frage - ist das Internet ein kommerzieller Service oder eine öffentliche Infrastruktur?

In Deutschland wurde die Frage 1995 erstmals beantwortet. Damals wurde das Fernmeldewesen der Deutschen Bundespost privatisiert. Wenn man Infrastrukturen und Grundversorgung den Kräften des freien Marktes aussetzt, spart sich oder verdient der Staat Geld. Er sorgt auch für wirtschaftliche Freiheit. Die gesellschaftlichen Folgen sind in solche Fällen aber selten zum Nutzen der Bürger.

In den USA war das Fernmeldewesen dagegen schon in privater Hand, als der Telefonerfinder Alexander Graham Bell 1877 in Boston die Bell Telephone Company gründete. Die hielt das Monopol auf die Leitungen in den USA, bis das amerikanische Justizministerium das Firmenkonglomerat 1984 zerschlug.

Nun konnte man sowohl im Amerika von 1984 als auch im Deutschland von 1995 voraussehen, dass aus dem neuen Medium Internet einmal eine Infrastruktur werden würde, die den gesamten privaten und öffentlichen Alltag tangiert. Der Umgang mit dieser neuen Infrastruktur unterschied sich in Amerika und Europa dann allerdings erheblich.

In den USA machte der damalige Senator aus Tennessee Al Gore als Vizepräsidentschaftskandidat neben Bill Clinton das Internet schon im Wahlkampf von 1992 zum Thema. Sein Schlagwort war der 'Information Superhighway'. Das war ein stimmiges historisches Bild. Gore spielte auf Präsident Eisenhowers Programm für den Ausbau des Highway-Netzes von 1956 an. Das war der Motor für das amerikanische Wirtschaftswunder. Genauso sollte das Internet neue Märkte erschließen, sowie Bildung und Medien demokratisieren.

In Europa wurden die Chancen des Internets zunächst verschlafen. Dann entdeckten die Populisten das Thema, um mit vermeintlichen und echten Bedrohungen durch das Netz Stimmung zu machen. Das bremste die heimische digitale Entwicklung noch stärker ein.

Weltweit gibt es nun schon seit einiger Zeit Versuche, die Utopie vom Internet als frei zugängliche Infrastruktur neu umzusetzen. Meist sind das Versuche auf regionaler oder lokaler Ebene. Regionen wie die Bay Area, Singapur, Städte wie Paris oder Taipei richten Stück für Stück Wifi-Netze ein, die jedem gratis zur Verfügung stehen. Wie utopisch dieses Unterfangen ist, zeigte sich ausgerechnet in der Bay Area, wo die Innovation des Internets im Silicon Valley bei San José ja ihren Ursprung hat. Der Wust aus lokalen, bundesstaatlichen und nationalen Verordnungen, die Stahlbetonkomplexe der Innenstädte und Industrieparks, die technischen Unzulänglichkeiten der verschiedenen Systeme brachten die ersten Experimente in den letzten zehn Jahren immer wieder zum Scheitern.

In einem Land wie Singapur stellt sich zudem die Frage, ob man das Internet von einer Regierung kontrollieren lassen will, die das Bürgerrechtsverständnis einer viktorianischen Gouvernante hat. Dazu kommt, dass Behörden und Regierungen viel zu behäbig sind, um die nötige Innovation voranzutreiben, die mit der Entwicklung des Internets einhergeht. Einzige Ausnahme ist da vielleicht das amerikanische Verteidigungsministerium, dessen Forschungsinstitut Darpa an der Erfindung des Internets entscheidend beteiligt war. Fraglich, ob sich die Interessen der Wehrtechnik mit den gesellschaftlichen Freiheitsgedanken der digitalen Kultur vereinbaren lassen.

Was der Netzgemeinde nun bleibt, ist die Frage, wer die Infrastruktur des Internets wohl technisch innovativer ausbauen und dabei die Freiheitsgedanken der Netzneutralität erhalten kann: Der Staat oder die Privatwirtschaft? Die Antwort lautet: keiner von beiden. Weil das Internet aber Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur gleichermaßen verändert, braucht die digitale Welt keine Nutzer, die nur Konsumenten sind, sondern sich als Bürger der Bedeutung des Internets sowohl als Infrastruktur wie auch als Freiraum bewusst sind.

Erste Anzeichen für eine solche Bürgerbewegung gibt es auch in Deutschland - die Digitale Gesellschaft, der Chaos Computer Club oder Konferenzen wie die re:publica leisten hervorragende Arbeit. Der Ausbau der Netzes wird jedenfalls ein Ringen um Hoheiten bleiben. Dieses darf man nicht Politik und Wirtschaft allein überlassen.

01.04.13 | 19:02 | 7 Kommentare

Diktatur der Perfektion


Bisher analysierte die Internet-Kritik Risiken und Folgen – jetzt greift sie die digitale Ideologie an


(Von Andrian Kreye) Wer das Internet kritisiert, ist ein Kulturpessimist. Zumindest muss er sich als solcher beschimpfen lassen, und es ist nicht leicht, diesen Vorwurf zu entkräften. Zum einen, weil die digitale Infrastruktur eine allgegenwärtige Tatsache des Lebens im 21. Jahrhundert ist. Natürlich wird niemand die technologische Entwicklung aufhalten oder gar rückgängig machen. Zum anderen gelten digitale Technologien als Beschleuniger unzähliger positiver Entwicklungen, egal ob es die politischen Befreiungsbewegungen des arabischen Frühlings, der Anstieg des globalen Lebensstandards, oder die Optimierung des Gesundheitswesens der Bildung und des Handels sind. Die Kehrseiten digitaler Technologie gelten als vergleichsweise harmlos. Das Internet produziert ja weder Treibhausgase, noch radioaktiven Abfall.

Der Mangel an kritischen Stimmen hat aber vor allem einen intellektuellen Grund, denn die Kritik am Internet hatte bisher einen Schwachpunkt. Fast alle Texte beschränkten sich auf eine Analyse der Risiken und Nebenwirkungen. Ein Großteil dieser Abhandlungen waren wissenschaftlich fundierte Grundlagentexte. Nicholas Carrs „The Shallows“ und Frank Schirrmachers „Payback“ führten den Beweis für den intellektuellen Sinkflug der digitalisierten Gesellschaft mit den Erkenntnissen der Hirnforschung. Jaron Laniers Essay „Digital Maosim“ untersuchte die destruktive Macht der digitalen Masse mit dem Furor der Politikwissenschaft. Sherry Turkle erforschte in ihrem Buch „Alone Together“ die Vereinsamung in den sozialen Netzwerken mit Hilfe der Soziologie. Jonathan Zittrain erklärte die gesellschaftlichen Gefahren in „The Future of the Internet“ mittels technischer Details.

Jede dieser Kritiken konnte man aber gerade deswegen so leicht als Kulturpessimismus entkräften, weil die digitalen Technologien trotz der rasanten Fortschritte immer noch am Anfang stehen. Für jedes Problem, so die vorherrschende Meinung, wird es eine Lösung geben. Genau an diesem Punkt setzt nun der Kulturkritiker Evgeny Morozov mit seinem neuen Buch an.

Der Titel „To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism“ (Um alles zu retten, klicken Sie hier: der Aberwitz des technologischen Lösungsdogmas) klingt viel zu burschikos. Morozov liefert mit seinem Buch nämlich die lange überfällige Ideologiekritik der digitalen Kultur. Sein „Solutionism“ ist eine Diktatur der Perfektion, die er im Zentrum der digitalen Kultur, dem Silicon Valley verortert. Und es gibt wahrscheinlich keinen Autor, der sich dafür so eignet wie er. Denn mindestens so wichtig, wie seine akademische Brillanz und sein scharfer Intellekt, ist seine Biografie.

Seine Karriere ist zunächst einmal beeindruckend. 1984 im weißrussischen Salihorsk geboren, ging er nach der Schule mit einem Stipendium von George Soros Open Society Institute an die American University in Bulgaria. Nach einer kurzen Zeit in Berlin zog er in die USA, wo er zuerst an der Georgetown University arbeitete, bevor er 2010 als Fellow der New America Foundation an die Stanford University ging. Neben seiner akademischen Arbeit schrieb er für Zeitungen und Zeitschriften wie New York Times, The Economist, Wall Street Journal und das London Review of Books.

Der Schlüssel zu seiner Arbeit sind jedoch nicht nur seine Bildung und seine frühen Erfolge, sondern die Tatsache, dass er nach einer Kindheit und Jugend im Totalitarismus der Sowjetunion und Lukaschenkos Weißrussland im Zentrum der digitalen Euphorie gelandet ist. Kaum ein Vertreter der digitalen Elite (und zu der zählt er trotz seines jugendlichen Alters und seiner scharfen Kritik seit nun schon gut vier Jahren) hat einen so zielsicheren Instinkt für die ideologischen und totalitären Strömungen der digitalen Welt. Als Kind einer Welt voller Dogmen, Zwänge und Repressalien versetzen ihn die Allgemeingültigkeits-Ansprüche und Heilsversprechen der digitalen Industrie und ihrer Propheten regelmäßig in publizistische Panikzustände.

Da schleicht sich schon mal ein paranoider Gedankengang ein. Wenn er in seinem Buch zum Beispiel von neuen Computersystemen erzählt, die das Kochen mit Hilfe von Kameras und Datenbanken perfektionieren. Das bringe die Gefahr, dass jedes Schnitzelbraten einen Datensatz erzeugt, den zunächst die Industrie für ihre Zwecke nutzt, den aber auch Versicherungsgesellschaften auswerten könnten, um dann die Krankenversichungsraten den Essgewohnheiten des Schnitzelbraters anzupassen.

Mit solchen Szenarien schließt er an sein erstes Buch „The Net Delusion“ an. Da warnte er im vergangenen Jahr, dass jede Diktatur das Internet noch viel effizienter für die Unterdrückung nutzen kann, als jeder Volksbewegung für die Befreiung. Seine Kritik an den leeren Versprechungen von den digitalen Medien als Motor der demokratischen Befreiung war umfassend und prophetisch. Und auch wenn sie noch nach dem bekannten Muster der Risiko- und Nebenwirkungs-Analyse funktionierte, zeigten ihm die Reaktionen erstmals, wie undifferenziert der Optimismus der digitalen Welt sein konnte.



„To Save Everything, Click Here“ benennt nun die ideologischen Verhärtungen der digitalen Kultur mit ungewohnter Schärfe.
Mit seinem „Solutionism“ definiert Morozov den Drang des Silicone Valley, Probleme zu finden oder zu erfinden, und dann die sauberen technologischen Lösungen dafür zu liefern. „Eine App für jedes Problem“. Das beschreibt er als ähnlich gefährliche Zwangsjacke, wie die Versuche des 20. Jahrhunderts, den Unzulänglichkeiten der Menschheit mit Planungsmodellen beizukommen. Und er sieht sich da in einer langen Tradition der Kritik.



„Auch wenn das Wort ’Solutionism’ noch nicht verwendet wurde, haben viele wichtige Denker seine Defizite schon angesprochen“, schreibt er. „Ich denke da besonders an Ivan Illichs Protest gegen die hocheffizienten aber unmenschlichen Systeme professioneller Bildung und Medizin, Jane Jacobs Angriffe gegen die Arroganz der Städteplaner, Michael Oakeshotts Rebellion gegen Rationalisten aller Art, Hans Jonas Ungeduld mit den kalten Bequemlichkeiten der Kybernetik.“



Schlagworte wie „Openness“ (die inzwischen obligatorische Transparenz), „Disruption“ (die Zerstörung von Konventionen), „Social“ (die Pflicht der Vernetzung) und „Quantified Self“ (die ständige elektronische Selbstbeobachtung) sind für ihn nicht mehr als hohle Formeln einer Industrie, die nichts anderes versucht, als das Leben, die Gesellschaft und die Institutionen mit ihren Mitteln zu homogenisieren. Diese Homogenisierung beruhe aber auf einem perfektionistischen Weltbild, das die Realität der Utopie opfern will. Und wie in jeder Ideologie, duldet der „Solutionism“ keine Abweichler. Das Unfertige, Unperfekte, das Zufällige und Unkontrollierbare, das Kultur und Politk bestimmt, hat keinen Platz mehr. Doch wer will sich schon vorwerfen lassen, dass er nicht daran interessiert ist, die Welt zu verbessern?



Was Morozov kritisiert, ist natürlich im Kern die Methodik der Wissenschaft und des Ingenieurwesens. Die Mechanismen aber, die Fortschritt und Perfektionswille in der digitalen Kultur zum ideologischen Zwang machen, kennt bisher niemand. Da liefert Morozov mit seinem Buch überfällige Erkenntnisse. Die Folgen der enormen Effizienz, die digitale Technologie schafft, kann man vielleicht schon beobachten. Wie man sie kanalisiert, muss nun die Debatte klären, die er damit anstößt.

18.03.13 | 23:15 | 1 Kommentar

Die Wanderheilige unserer Krise

(Von Andrian Kreye) Das Schwierige an importierten Befindlichkeiten ist normalerweise, dass sie auf Geschichten beruhen, die nicht die eigenen sind. Das können die Geschichten von Nationen genauso sein, wie die Geschichten von Generationen. Im Fall der amerikanischen Sängerin Amanda Palmer ist sogar beides der Fall. Man muss aber nicht wissen, dass sie neben ihrer Solo-Arbeit eine Hälfte des Punk-Cabaret-Duos Dresden Dolls ist, man muss auch ihre exaltierten Lieder nicht mögen, um zu verstehen, warum sie gerade zu einer der Schlüsselfiguren der Popkultur aufsteigt.

Amanda Palmers bisher größter Hit ist kein Song, sondern ein Vortrag mit dem Titel 'The Art of Asking' (Die Kunst des Bittens), den sie Ende Februar beim Ideenfestival Ted Conference in Long Beach hielt. Darin erzählt sie von ihrer Karriere, die sie als lebende Statue in Fußgängerzonen begann, und die sie nun ohne Hilfe von Platten- oder sonstigen Firmen vorantreibt. Dafür hat sie nach einem Streit mit ihrem Label ein Geschäftsmodell entwickelt, das vor allem darauf beruht, keine Geschäfte zu machen. Ihr letztes Album beispielsweise finanzierte sie mit einem kurzen Video, mit dem sie auf der Crowdfunding-Webseite Kickstarter ihre Fans um Geld bat.

1,2 Millionen Dollar bekam sie so zusammen. Auch ihre Tourneen lässt sie nicht mehr von etablierten Veranstaltern organisieren. Meist sind es Fans, die über soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook einen ihrer Auftritte möglich machen, weil sie Geld, Saal und Verstärker besorgen. Unterwegs steigt sie nicht in Hotels ab, sondern übernachtet bei meist unbekannten Anhängern. Dazu zeigte sie in Long Beach Bilder, auf denen sie vor selbstgekochten Buffets steht, auf Sofas und Matratzen schläft, sich von Fans bemalen lässt.

Wer die Diskussionen um das Urheberrecht und die digitale Kultur in den vergangenen Jahren verfolgt hat, wird da - je nach Lager - das Ideal oder das Horrorszenario der künftigen Kulturwirtschaft erkennen. Neigt man eher zum traditionellen Ansatz, dass Arbeit und Ware auch regulär bezahlt werden sollten, verspürte man während des Vortrages spätestens dann den Bauchknoten des Fremdschämens, als Amanda Palmer davon erzählte, wie sie bei einer Familie illegaler Einwanderer in Miami übernachtete. Als sie beschreibt, wie die Mutter sie am nächsten Morgen beiseite nimmt, und ihr sagt, wie wichtig Palmers Musik für ihre Tochter sei, stehen der Sängerin die Tränen in den Augen. Da gipfelt diese wohlformulierte Ballade von Selbstlosigkeit, Vertrauen und Rebellion gegen die Konsumgesellschaft in einer gewaltigen Ladung Pathos. Und doch haben über eineinhalb Millionen Menschen in den vergangenen drei Wochen das Video des Vortrages angesehen und zumeist begeistert kommentiert.

Mit einem Song wäre Amanda Palmer damit weit oben in den Charts. Als Mem beweist sie Instinkt für einen Zeitgeist, der weit mehr ist, als die Trotzhaltung, dass man für Musik nichts bezahlen will. Das Ideal des Teilens geht in den USA auf einen ganz spezifischen Moment der Geschichte zurück. Auf dem Höhepunkt der Depression der Zwanziger- und Dreißigerjahre gab es in ganz Amerika einen unvergleichlichen Geist der Solidarität. Während Europa und Russland diesen Geist von den Diktaturen aufgezwungen bekamen, formierte sich in den USA ein Gemeinschaftsgefühl, auf dem Präsident Franklin D. Roosevelt sein Reformpaket des New Deal aufbauen konnte. Oder verkürzt gesagt: In Amerika bekamen sie Bankenreformen und Rentenversicherungen, in Europa die Nazis und den Kommunismus.

In der Weltwirtschaftskrise des 21. Jahrhunderts, ist dieses Solidaritätsgefühl in Amerika, aber eben auch in Europa weitgehend verschwunden. Wer von Schulden erdrückt wird (in den USA als Bürger, in Europa als Staat), ist selbst schuld - hätte er eben nicht über seine Verhältnisse gelebt. Deswegen ist Amanda Palmer kein rein amerikanisches Phänomen.

Für eine Generation, die nicht nur mit den Schulden ihrer Vorväter leben wird, sondern auch mit dem Ende eines Wachstums, das bisher die Verbesserung des Lebensstandards von Generation zu Generation über mehrere Jahrhunderte automatisierte, wird Amanda Palmer so zu einer Art Wanderheiligen. Die Sängerin verkörpert gleich mehrere Ideale: Sie lebt ohne die Zwänge der Konsumgesellschaft, sie vertritt ein ethisch einwandfreies Wertesystem, sie ist ein Rockstar und sie macht all das durch das identitätsstiftende Internet möglich. Das ist keine Pose, sondern ein Kraftakt. Genau deswegen funktioniert ja auch ihr Pathos.

08.03.13 | 19:32 | 1 Kommentar

Hinter der Jetsons-Grenze



Einmal im Jahr treffen sich bei der Ted Conference in Kalifornien die vier Institutionen, die unsere Zukunft und unsere Werte prägen: Silicon Valley, Hollywood, die Naturwissenschaften und die Investorenzunft. Die Aussicht ist dort meistens – rosig

(Von Andrian Kreye - Videos sind von Ted Talks bei der Ted Conference 2013) Die Zukunft sieht manchmal sehr albern aus. Als Google-Gründer Sergey Brin im kalifornischen Long Beach die Bühne der Ted Conference betritt, hat er ein klobiges Brillengestell auf der Nase, bei dem die Gläser fehlen. Stattdessen hängt ein winziger Monitor über dem rechten Auge. Google Glass heißt das Gerät und sieht aus, als hätten Ingenieure versucht, Olivia Newton-Johns Aerobic-Stirnbänder für die retrofuturistische Welt der „Jetsons“ zu optimieren.

Bald schon kann man mit diesem Gerät die eigene Sicht auf die Welt via Nasenkamera nahtlos in die sozialen Netzwerke übertragen, gleichzeitig im Internet surfen und kommunizieren. Und das alles nur mit Blicken und Worten. Da geht es natürlich nicht nur um Technik. Es ist der ultimative Angriff auf den Apple-Konzern. Der hat mit seinen Geräten gleich zwei Mal nicht nur das Konsumverhalten, sondern auch die Gestik der computerisierten Weltbevölkerung grundlegend verändert. Erst mit dem Schritt vom Tippen zum Schieben, dann zum Wischen. Brin zieht ein Smartphone aus der Tasche und erklärt, es gäbe ja wohl nichts entwürdigenderes, als auf die eigene Hand zu starren. Googles Kampfansage: Schluss mit den Gesten. Mensch und Maschine werden eins.

Der Veranstaltungstitel „Technology, Entertainment and Design Conference“ führt zunehmend in die Irre. Ted ist kein interdisziplinäres Branchentreffen. Seit einigen Jahren ist Ted eine globale Medienmarke. Kern sind die Kurzvorträge während der Ideenfestivals, die nach den Konferenzen als Videos ins Netz gestellt werden und schon mehr als eine Milliarde Mal angesehen wurden. Das schaffte das „Gangnam Style“-Video zwar in ein paar Wochen, aber bei Ted werden anspruchsvolle, oft wissenschaftliche Themen verhandelt.

Bei der alljährlichen kalifornischen Ausgabe, dem Epizentrum von Ted, handelt es sich inzwischen um ein Gipfeltreffen, bei dem Silicon Valley, Hollywood, die Naturwissenschaften und die Investorenzunft den Stand der Dinge und der Zukunft prüfen. Der technisch-wissenschaftliche Status Quo dient dabei nur als Grundlage. Seit dem späten 20. Jahrhundert prägen genau diese vier Institutionen immer deutlicher die Werte und das Bild der Welt, auch wenn man diese Rolle immer noch lieber der Politik, der Philosophie und dem Glauben zuschreiben mag. Deswegen stellen sich dort auch Fragen, die viel größer sind, als die, wie wir in Zukunft unsere Elektrogeräte bedienen.

Zweifler haben es hier nicht leicht. Hin und wieder lässt Ted-Chef Chris Anderson zwei gegensätzliche Meinungen gegeneinander antreten. Gleich zu Beginn erklärt zum Beispiel der Ökonom Robert J. Gordon von der Northwestern University, dass das Wachstumsmodell der Wirtschaftswissenschaften nach 800 Jahren nun am Ende sei.

Das Wachstum sei ein phänomenaler Motor der Zivilisation gewesen, sagt er. Bis in die Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts hätten die Generationen den Lebensstandard ihrer Eltern jeweils verdoppeln können. Nun seien die Wachstumskurven rückläufig. Seit den Fünfzigern habe sich das Wachstum verlangsamt, vor sechs Jahren habe die Schrumpfung begonnen. Arbeitslosigkeit, Bildungskrise, Schuldenlasten und zunehmende Ungleichheit seien die vordergründigsten Ursachen.
Aber auch die Fortschritte des digitalen Zeitalters nähmen sich im Vergleich mit den Errungenschaften der industriellen Revolution geradezu lächerlich aus. Alleine die Elektrizität habe neben der enormen Produktivitätssteigerung auch die vertikale Stadt, die Besiedelung unwirtlicher Klimazonen und die Befreiung der Frau möglich gemacht. Der Verbrennungsmotor sei die Grundlage unseres Wohlstands, die Überproduktion von Nahrungsmitteln. Alleine in den USA habe man im 19. Jahrhundert noch ein Viertel allen bebaubaren Landes für Pferdefutter gebraucht. Solche Zivilisationssprünge hätten die digitalen und biologischen Technologien noch nicht geschafft.

Als Gegenspieler tritt der Direktor des Centers for Digital Business am MIT, Erik Brynjolfsson, an. Eigentlich kann er nicht überzeugen. Die Wachstumsfaktoren, die er ins Feld führt, sind die Gratisprodukte der Wissensgesellschaft wie Wikipedia, Twitter und Google, die Leistungen der künstlichen Intelligenz in Kombination mit dem Teamgeist der „crowd“, die enorme Geschwindigkeit, mit der sich digitale Technologien entwickeln. Gordon wendet ein, dass nichts davon direkten Einfluss auf den Lebensstandard der Weltbevölkerung habe. Das leuchtet ein. Doch das Publikum bleibt mit Applaus auf Brynjolfssons Seite.

Die Zweifel am technischen Fortschritt werden allerdings auch in den inneren Zirkeln von Wissenschaft und Technik immer deutlicher. In seiner Winterausgabe zeigte die MIT Technology Review ein Porträt von Buzz Aldrin auf dem Titel, dem zweiten Mann auf dem Mond, darunter die Zeile: „Ihr habt mir Kolonien auf dem Mars versprochen, stattdessen habe ich Facebook gekriegt“. Nimmt man „The Jetons“ als Messlatte, die ab 1962 als Bilderbuchfamilie im Science-Fiction-Idyll mit Haushaltsroboter und fliegenden Untertassen auf Sendung gingen, ist die Technologie wirklich noch nicht sehr weit. Ideen wie Google Glass hatten die Autoren von Groschenromanen und TV-Serien schon vor Jahrzehnten. Als der MIT-Professor Rodney Brooks seinen neuesten Industrie-Roboter Baxter vorführt, einen klobigen Blech-Golem von zwei Metern Höhe, der in der Fertigung eingesetzt werden soll, amüsiert sich die Komikerin Julia Sweeney: „Sieh da, ein Roboter, der Sachen hochheben kann!“ Und doch scheint die Wissenschaft gerade an mehreren Fronten die Jetsons-Grenze zu erreichen.

Stewart Brand zum Beispiel. Brand ist so etwas wie Hochadel im Silicon Valley. Als Schlüsselfigur der kalifornischen Hippiebewegung definierte er 1968 die politisch und ökologisch bewusste Zukunft des Konsums mit seinem „Whole Earth Catalog“. In den letzten Jahren verwirrte der studierte Ökologe seine Anhänger jedoch mit leidenschaftlichen Plädoyers für Atomkraft als Mittel gegen die Erderwärmung. An diesem Nachmittag aber stellt er ein Projekt vor, das er mit befreundeten Gen- und Biotechnikern betreibt: das „de-extinction project“. Mit Hilfe der Gentechnologie wollen Wissenschaftler ausgestorbene Arten nicht nur wieder ins Leben, sondern auch in die freie Wildbahn zurückholen.
Das Projekt ist längst keine Theorie mehr. In den USA wird die im späten 19. Jahrhundert von Vogeljägern ausgerottete Wandertaube rekonstruiert. In Spanien wurde der ausgestorbene Pyrenäensteinbock erfolgreich geklont. In Holland soll der Auerochse wieder auferstehen.

Noch verblüffender ist der Vortrag von Mary Lou Jepsen, die die Entwicklung von Bildschirmtechnologien bei Google leitet. Ziel ihrer Arbeit sei es derzeit, die Sprache als Mittler zwischen Gedanken und digitalen Medien zu überspringen. Moderne Hirnscan-Technologie mache es möglich. So habe man Testpersonen Bilderfolgen gezeigt und sie später wieder daran denken lassen. Neue Scanner zapfen diese Hirnströme an und übersetzen sie wieder in Bilder.

Jepsen zeigt Vorlage und Hirnscan. Der Scan besteht vor allem aus Farben und Pixeln. Und doch erkennt man schon ansatzweise die Umrisse und Flächen der Vorlage. Janet Baker, die in Cambridge Pionierarbeit für Spracherkennung geleistet hat, bestätigt später, das sei ein ganz neuer technologischer Schritt. Die Technologien, mit denen Ingenieure auf anderen Ted-Konferenzen verblüfften, weil man mit Hirnströmen Computerprogramme steuern kann, die gäbe es seit 40 Jahren. Aber was Jepsen da vorgeführt habe, sei radikal neu, selbst wenn das (visuelle) Signal-Rausch-Verhältnis noch bei über 90 Prozent liege.

Wer entscheidet dann, welche ausgestorbenen Arten wieder zum Leben erweckt werden? Wer verhindert, dass solche Hirnscanmethoden zur Überwachung eingesetzt werden? Wer wird genialische Köpfe wie den 17-jährigen Taylor Wilson im Zaum halten, der am selben Nachmittag erzählt, wie er in der Garage seiner Eltern mit 14 einen Fusions-Reaktor konstruierte, und der nun mit Kernspaltung experimentiert?
Im Silicon Valley, an den technischen Universitäten und in Hollywood stellen sich solche Fragen selten. Prinzipiell herrscht hier ein Geist, dass es selbstverständlich ist, nur das Beste für die Menschheit zu wollen. Das wurzelt in der Haltung des philanthropischen Auftrages, der ein unumstößlicher Teil der amerikanischen Identität ist. Man wolle die Fehler der Menschheit wieder gut machen, sagt denn auch Stewart Brand auf die Frage, was denn die Motivation sei, ausgestorbene Arten wieder zurückzubringen.

Der Glaube an das Gute im Menschen und der Wille, etwas dafür zu tun, ist verstärkt zum Leitmotiv der Ted Conference geworden, seit der britische Verleger Chris Anderson die Non-Profit-Organisation im Jahr 2001 gekauft hat. Anderson ist der Sohn eines Augenarztes, der in Indien, Pakistan und Afghanistan gearbeitet hat. Das prägte. Das Missionarische vieler Ted Talks geht einigen auch schon auf die Nerven. Wären die guten Taten nicht so wirksam.

Auftritt Bono. Der weiß um den Widerwillen gegen seine Person und gegen die allzu gut gemeinten Ted Talks. „Das hier ist doch das ideale Forum für meinen Messias-Komplex“, witzelt er gleich zu Beginn und macht sich später noch einige Male über sein Rockstar-Gehabe lustig. Aber dann kommen die Fakten. Mit seiner Wohltätigkeitsorganisation One hat er mitgeholfen eine magische Zahl zu halbieren – extreme Armut, unter die alle Menschen fallen, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen, habe sich von 1990 bis heute von 43 auf 21 Prozent der Weltbevölkerung halbiert. Das Ziel sei: null Prozent bis 2028. Das sei realistisch. Und natürlich nicht das Ende der Armut. Aber auch die harten Zahlen wie Kindersterblichkeit und Hungertote reduzierten sich dabei.

Als Ben Affleck zwei Tage später frisch von seinen Oscar-Feiern mit Musikern des Kinshasa-Symphonieorchesters auftritt, um Werbung für seine Arbeit im Ostkongo zu machen, scheint sich schon eine neue Konkurrenz der Giganten anzubahnen. Denn auch das gehört zum Geiste Kaliforniens: Der Weg zu den „last frontiers“, den letzten Grenzen der Menschheit, ist auch immer ein Wettlauf.

19.02.13 | 19:07 | 0 Kommentare

Kein schlechter Mensch


Welche Bedeutung Bücher für Amazon-Chef Jeff Bezos haben

(Von Andrian Kreye) Um Bücher geht es schon lange nicht mehr bei Amazon. Trotzdem bleiben Bücher der Schlüssel, um zu verstehen, wie der Firmengründer Jeff Bezos funktioniert. Und um zu begreifen, dass der Skandal um die Behandlung der Leiharbeiter in Amazons deutschen Lagerhäusern vor allem ein PR-Unfall ist, wie er im Alltag der Weltkonzerne immer wieder vorkommt. Andere haben sich von solchen Skandalen schon erholt: Nike (Kinderarbeit in Südost- und Vorderasien), Coca-Cola (Ermordung von Gewerkschaftern in Kolumbien), Apple (unmenschliche Behandlung von Arbeitern in China). Auch Amazon wird sich erholen. Dafür wird Bezos schon sorgen. Der lässt sich nur ungern aufhalten.

Wenn Jeff Bezos irgendwo auftaucht, auf einer der exklusiven Wirtschafts- und Ideenkonferenzen im amerikanischen Westen oder beim Dinner bei einem seiner Freunde, dann ist er oft der reichste, aber nicht unbedingt der auffälligste Mann im Raum. Er hört eher zu, als dass er spricht. Blick und Muskelspannung sind in ständiger Bereitschaft. Kein Gramm Fett, kein Härchen, keine Kleiderfarbe sind da zu viel. Er erinnert ein wenig an Ben Kingsleys Gangster in „Sexy Beast“ – einen Mann, der seinen Willen gegen jeden Widerstand durchsetzen wird. Mit dem Unterschied, dass sich seine laserstrahlhafte Konzentration nicht in Faustschlägen, sondern in Lachstößen entlädt.

Man kann natürlich keine Memme sein, wenn man die wertvollste Firma in der Geschichte der Menschheit herausfordert: Apple, Amazons derzeitiges Angriffsziel. Nun ist Jeff Bezos mit seinem Buchversand Amazon zwar schon der größte Internet-Einzelhändler der Welt geworden. Mit dem Elektronikkonzern kann er sich aber noch nicht messen. Jahresumsatz 2012 von Apple laut SEC: mehr als 156 Milliarden Dollar; von Amazon laut Bloomberg Businessweek 61,1 Milliarden. Langfristig will Jeff Bezos aber das, was auch Apple, Facebook, Google, Microsoft wollen: im Kampf um die Vorherrschaft im Internet als Einziger übrig bleiben. Und dieser Kampf begann für Jeff Bezos vor nun 19 Jahren.

Als leidenschaftlicher Leser war Jeff Bezos dabei nie bekannt. Als die Nachrichtenwebseite Business Insider vergangene Woche die Lieblingsbücher von 21 Wirtschaftsführern auflistete, musste sie bei Jeff Bezos auf Interviews von 2001 und 2009 zurückgreifen, um herauszufinden, dass er Wirtschaftssachbücher und Kazuo Ishiguros Roman „Was vom Tage übrig blieb“ mag. Wobei die Erwartung, dass ein Konzernchef eine emotionale Nähe zu den Produkten haben muss, die er herstellt oder verkauft, eine bildungsbürgerliche Sentimentalität ist, die in der Wirtschaft eher weltfremd anmutet.

1994 gelang Jeff Bezos mit Büchern der Einstieg in eine neue Geschäftswelt, die den Einzelhandel revolutionieren sollte.

31 Jahre alt war er damals. Er hatte nach seinem Informatikstudium in Princeton ein Netzwerk für die Finanzcomputerfirma Fitel aufgebaut, es bei dem Bankhaus Bankers Trust zum Vizepräsidenten gebracht und dann beim Hedgefonds D.E. Shaw & Co. sehr viel Geld verdient. Wer bei einem Hedgefonds viel Geld verdient, will meist viel lieber noch mehr Geld auf eigene Faust verdienen. Entweder er gründet dann seinen eigenen Hedgefonds. Oder er findet eine Marktlücke.

1994 waren die Auswirkungen des Internets für Laien noch nicht abzusehen. World Wide Web und Browser waren Versuchsmodelle. Das Internet teilte sich in die Masse der Normalnutzer, die sich über simple Programme von Anbietern wie AOL oder Compuserve ins Netz wählten, und die Eingeweihten, die sich im Formel- und Codegewirr auskannten. Als Amazon ein Jahr später ans Netz ging, gab es weltweit nur 16 Millionen Nutzer.

Buchhändler war in Amerika 1994 weniger ein Beruf als eine Leidenschaft. Das Geschäft war dagegen gewaltig. In den USA wurden damals Bücher für 19 Milliarden Dollar verkauft. Ein Viertel des Umsatzes machten die Buchhandelsketten Barnes & Noble und Borders. Unabhängige Buchhandlungen verkauften ein weiteres Fünftel. Das Gros setzten jedoch Buchclubs, Supermärkte und große Kaufhäuser um. Das waren die Giganten, die Bezos ins Fadenkreuz nahm. Dass dabei die kleinen unabhängigen Läden und Community Bookstores von Amazon ums Geschäft gebracht wurden, war nur ein Kollateralschaden.

Bezos großes Risiko und letztendlich der entscheidende Schritt zu seinem Erfolg war, dass er eine Million Titel in seinem Sortiment führte. Selbst die großen Ketten konnten es sich nicht erlauben, mehr als 175 000 Titel zu führen. Bezos eroberte damit das, was in der digitalen Wirtschaft als „Long Tail“ bezeichnet wird: Amazon konnte jeden noch so ausgefallenen Nischenwunsch erfüllen, egal ob es sich um einen Gedichtband in Kleinstauflage oder ein wissenschaftliches Werk handelte. Und über das Internet erreichte der Versand auch Kunden, die im Umkreis von Hunderten Meilen keinen ordentlichen Buchladen fanden, was im Hinterland von Amerika keine Seltenheit ist.

Stück für Stück arbeitete sich Jeff Bezos mit Amazon so an sein eigentliches Ziel heran – der größte Einzelhändler der Welt zu werden. Bald kamen Musik und Filme dazu, sowie Warengruppen, die man in Super-, Drogerie- und Elektronikmärkten findet. Später eliminierte er mit dem Lesegerät Kindle die Lager- und Lieferkosten für Bücher, mit dem Kindle Fire auch für Musik und Filme. Als Marktführer konnte Amazon bald schon die Preise diktieren. Verlage, die sich gegen die eingeforderten Rabatte wehrten, wurden einfach aus dem Sortiment genommen. Das konnte sich bald niemand mehr leisten.

Mit dem Buchhandel hatte Jeff Bezos die beste aller Marktlücken gefunden – ein krisengeschütteltes Geschäftsfeld mit Tradition. Sein Konkurrent Steve Jobs sollte dieses Manöver 2003 wiederholen. Da war die Musikindustrie durch digitale Tauschbörsen im Internet wie Napster in die Krise geraten. Jobs lancierte einen Online-Shop für Apples Musikspieler iTunes und eroberte innerhalb von fünf Jahren den Online-Musikmarkt.

Für den Buchhandel und die Verlagswelt ist Amazon eine wirtschaftliche Lebensgefahr. Längst versucht sich der Onlineversand schon als Verlag. Durchaus zum Vorteil der Autoren. Wer sein Buch bei Amazon als E-Book veröffentlicht, bekommt drei- bis viermal so viel Geld wie bei einem herkömmlichen Verlag. Auch da zeigt sich Bezos Verhältnis zum Produkt Buch. Denn wer bei Amazon publiziert, dem eröffnet sich ein globaler Vertriebsweg. Die Erarbeitung von Themen, das Lektorieren und die Betreuung des fertigen Buches und seines Autors gibt es dort nicht.

Empörend ist das nicht. Jeff Bezos ist kein schlechter Mensch, sondern – genauso wie Steve Jobs – ein erfolgreicher Geschäftsmann. Nur stammt Jeff Bezos eben nicht aus der Kultur der Verlage und Buchhändler, sondern aus der Welt der Hedgefonds. Die beobachten den Fluss des Geldes und suchen dort die geringsten Widerstände. Kultur ist dafür wie geschaffen. Denn Kultur basiert zuallererst auf der Leidenschaft am Werk, das Geschäftliche ist nachrangig. Das gilt selbst für die Schöpfer der ganz großen Erfolge – für J.K. Rowling etwa, für Madonna oder Steven Spielberg. da ist es ein Leichtes, in die Lücken zu stoßen, die jede Krise dort schafft.

Es bleibt jeder Gesellschaft selbst überlassen, ob sie ihre Kultur vor den Kräften der Marktwirtschaft schützen will. In der Verlagswelt der USA schwärmt man jedenfalls seit einigen Jahren vom weltweit einzigen Ort, der Jeff Bezos Widerstand leistet: Deutschland. Dort gibt es ein schlichtes Bollwerk gegen die Kräfte der Marktwirtschaft: die Buchpreisbindung.

Foto: DPA

24.01.13 | 09:10 | 0 Kommentare

Schallmauer des Systems

Schon wieder macht sich ein Häuflein gelangweilter Studenten daran, das Internet mit einer digitalen Anwendung ihres Hobbys
zu verändern – die Hip-Hop-Analysen der Seite Rap Genius zeigen, wie man das Netz dazu bringt, Kontexte zu schaffen

(Von Andrian Kreye) Die Tellerwäschergeschichten des 21. Jahrhunderts verlaufen nach einem schlichten Muster: Ein paar privilegierte Jungs (eher seltener – Mädels) langweilen sich während ihres Studiums an einer amerikanischen Elite-Uni und entwickeln auf ihren Studentenbuden eine Internetanwendung für ihr Hobby. Das können Mädchen sein, Videospiele, Telefonfreundschaften oder Hip-Hop-Songs. Ein Investor schaltet sich ein. Bald darauf ist das Internet nicht mehr, wie es vorher war, und die gelangweilten Studenten sind Milliardäre.

Wer die drei Gründer der Webseite Rap Genius bei der diesjährigen DLD-Konferenz erlebte, der traf drei gut aussehende, Ex-Yale-Studenten mit ausgeprägtem Modegeschmack, die genau wussten, dass sie von den Mächten im Silicon Valley als Helden der nächsten Tellerwäschergeschichte auserkoren wurden. Den Beweis lieferte allein schon die Präsenz ihres Investors, der ihren Auftritt moderierte – Ben Horowitz.

Der hat vor acht Jahren gemeinsam mit Marc Andreessen, dem Erfinder der ersten Webbrowser für die Massen, Mosaic und Netscape, einen Fonds aufgesetzt, dem Midas-Qualitäten nachgesagt werden. Horowitz und Andreessen investierten Mitte der Nullerjahre früh in Firmen wie Twitter, Skype, Facebook und Airbnb, die allesamt ganze Industrien veränderten. Und nun eben in Rap Genius. Wobei es Horowitz und Andreessen ganz sicher nicht um den Inhalt der Seite geht.

Rap Genius funktioniert ganz einfach. Auf der Webseite finden sich Hip-Hop-Texte, die mittels einer Fußnotenfunktion mit Interpretationen und Querverweisen ausgestattet werden können. Was mit einem Song von Cam’ron begann, umfasst inzwischen nicht nur einen Großteil des Rap-Kanons, sondern auch Rock und Country, deutsche und französische Literatur, Lyrik, politische Reden, philosophische Texte, die Bibel und den Talmud. Die Webseite und ihre Ableger machen dabei nicht den Eindruck bahnbrechender Technologie. Mit den weißen und orangefarbenen Textzeilen, den kruden Annotationsfenstern und beliebigen Bildern erinnert Rap Genius eher an ein frühes Onlineforum aus den Neunzigerjahren. Und doch nähert sich Rap Genius gerade der neuen Schallmauer des Internets an: dem Kontext.

Die Kontextualisierung bleibt im Internet immer noch eine Herausforderung, weil die meisten Funktionen des Netzes weiterhin der Sprache der Mathematik folgen. Weil die Mathematik aber immer noch eine weitgehend lineare Erzählform ist, und weil diese in der digitalen Welt auf einer Syntax basiert, die als Grundregel die Formel „Eins ist nicht gleich Null“ beinhaltet, sind die Kontexte im Internet immer noch eine Simulation.

Wie schnell das Internet an die Grenzen des Kontexts stößt, zeigen gerade die Schwierigkeiten der neuen Musikwebseiten wie Spotify, Pandora oder last.fm. Die basieren auf Algorithmen, die vermeintlich den Musikgeschmack ihrer Nutzer treffen. Die Algorithmen dieser Seiten berechnen dabei die mathematisch erfassbaren Seiten der Musik – Tempo, Rhythmus, harmonischer Aufbau, eben alles, was man auch in einer Partitur finden würde –, und kombinieren das mit Genre-Etiketten wie „Soft Rock“ oder „Gangsta Rap“. Doch Musikgeschmack ist nicht berechenbar, weil diese Kriterien nur der technische und formale Rahmen sind für ein komplexes System aus emotionalen, biografischen und klangbildlichen Reizpunkten, die jeder Nutzer anders empfindet.

Reduziert man den Kontext von Musik nun auf die Texte, geht man gleich mehrere Schritte zurück. Als eindimensionales Medium ist Text um ein Vielfaches leichter zu erfassen und zu interpretieren. Um das Prinzip des Kontextes in eine netztaugliche Form zu bringen eignet sich allerdings kein Genre so gut wie die Lyrik des Hip-Hop.

Mit dem Beginn der so genannten goldenen Jahre des Hip-Hop gegen Ende der Achtzigerjahre, entwickelten die Rapper ein lyrisches System, das unendliche Sprach- und Bezugsebenen kombinierte. Ein Schlüsselmoment dieser Entwicklung war die Single „Follow the Leader“ von Eric B. & Rakim im Jahr 1988. Rakim brach in dem Song endgültig mit den Animier-Phrasen („Is the party over here?“) und Prahlereien („When I’m on the mic, I rock the house right!“) der ersten Generation.

Bei „Follow the Leader“ waren die Reime mit Anspielungen auf den Verlust der eigenen Geschichte in der Sklaverei, auf die Lehren der afroamerikanischen Islamsekte Five Percent Nation, auf die Hits seines ersten Albums und auf den New Yorker Nahverkehr gespickt. Allein in der Zeile „The stage is a cage, the mic is like a third rail“ steckte neben der regionalen Folklore (das „dritte Gleis“ ist in der New Yorker U-Bahn die Hochspannungsleitung) das Motiv von der Selbstermächtigung der befreiten Sklaven im Aufbruch in den Norden während der „Great Migration“.

Rakim öffnete die Tür für die lyrischen Abstraktionen und Codes in den Texten von Nas, Asap Rocky oder Azealia Banks. Und die Bezüge werden durch die Sprachebenen der zeitlich und regional oft deutlich unterschiedlichen Slangs immer weiter abstrahiert. Google findet so etwas nicht. Das schaffen nun die Tausenden Rap-Genius-Nutzer, die diese Bezüge für symbolische „Rap IQ“-Punkte erstellen, ähnlich wie die Wikipedia-Nutzer das Weltwissen zusammentragen.

Zwar beteiligen sich inzwischen auch etablierte Stars. Doch was Rap Genius und seine Ableger vor allem leisten, ist die Erstellung eines Basismodells für die Kontextualisierung des Internets. Wer die in den Griff bekommt, der kann die Vernetzung der Inhalte im Internet auf die nächste Stufe bringen. Was diese nächste Stufe bedeutet, ist abzusehen. Suchfunktionen können sich weiter der menschlichen Sprache annähern. Die Lernfähigkeit künstlicher Intelligenz steigt. Die Zielgenauigkeit von Werbe- und Verkaufsprogrammen wird präziser. Leistung- und Produktivität werden gesteigert. Oder um es im Jargon des Silicone Valley zu sagen: „context is king“. Dann muss er noch automatisiert werden.

12.11.12 | 09:53 | 0 Kommentare

#musicmonday

Ein Interview mit Brian Eno für die Sendung "Ode to Gravitiy" des Radiosenders KPFA’s in Berkeley/Kalifornien im Februar 1980, als er gerade mit David Byrne das Album "My Life in the Bush of Ghosts" aufgenommen hatte, das als Blaupause der Samplingtechnik gilt.

Das Interview nimmt viel von dem vorweg, was sich dann in den nächsten dreißig Jahren abgespielt hat. Im zweiten Teil spricht er zum Beispiel darüber, wie die technischen Entwicklungen des Aufnahmestudios Musik verändert hatte: "it changes music from being an event in time to an event in space". Gegen Ende geht es dann sogar noch um das Urheberrecht.

Foto: Aquarium Drunkard

21.10.12 | 19:00 | 3 Kommentare

Eine Reise ins Innere des Internets

Zwei Jahre lang reiste der Architekturkritiker Andrew Blum an Orte, an denen das Internet physisch zu sehen ist – zu Kabelstrecken, Knotenpunkten, Serverfarmen.

(Von Andrian Kreye) Warum haben Sie sich damals auf den Weg gemacht?
Andrew Blum: Als ich meine Reise begann, habe ich vor allem über Architektur geschrieben und mir kaum noch Gebäude angesehen. Ich habe mein Leben fast ausschließlich vor dem Bildschirm verbracht. Irgendwann stieß mir auf, dass sich unser Raumgefühl in den letzten 15 Jahren dramatisch verändert hat. Seit Zehntausenden von Jahren haben wir auf unsere direkte Umgebung geachtet. Jetzt sind wir ständig an zwei Orten gleichzeitig – im Netz und in der physischen Welt. Aber niemand redet über die physischen Realitäten des Internets hinter dem Bildschirm. Wir haben das Netz selbst vergessen und glauben an diese verführerische Phantasie, dass das alles irgendwie von Zauberhand geschieht.

Was haben Sie gefunden?
Meine größte Herausforderung war, Orte zu finden, an denen das Internet so etwas wie eine greifbare Schönheit besitzt. Meistens bin ich ja in irgendwelche anonymen Gebäude gegangen, die kein Schild an der Tür hatten und von Parkplätzen umgeben waren. Und wenn ich dann durch eine verriegelte Tür nach der anderen gegangen bin, war das meist so, als ob man das Innere einer Maschine betritt. Da ist es laut und kalt und meist sieht man die Decke nicht mehr, weil sie von Kabeln verdeckt wird. Dann gibt es dort Stahlkäfige, in denen kühlschrankgroße Router stehen, an denen Lichter blinken und die über Kabelbäume mit den Routern in anderen Käfigen verbunden sind.

Wo fanden Sie da die Schönheit?
Die Schönheit liegt zum Beispiel darin, wie diese Orte buchstäblich mit der Erde verbunden sind. Da manifestiert sich dann dieser wirklich schöne Gedanke, dass das Internet, von dem wir glauben, dass es überall sein kann, an einem sehr spezifischen Ort angesiedelt ist. Einer der schönsten Orte auf meiner Reise war die Glasfaserkammer im Equinix-Gebäude in Ashburn, Virginia, in dem sich mehr Netzwerke verbinden als irgendwo sonst auf der Welt. Das ganze Gebäude ist auch so eine laute, kalte Maschine. Doch dann öffnet man eine Tür und es ist heiß, große Röhren mit Kabelsträngen kommen direkt aus dem Boden, und wenn man sich da hineinbeugt, kann man die Tonerde von Virginia riechen. Und dort ist das unfassbare Durcheinander des Netzes mit der Erdkruste verbunden.

Wie haben Sie Ihre Reise geplant?
Ich habe mich auf die unteren Ebenen des sogenannten OSI-Schichtmodells konzentriert. Schicht null ist der Boden, Schicht eins ist Glas, Schicht zwei ist Licht, Schicht drei ist die erste Protokollebene, die Schichten vier bis sieben sind dann all die Dinge wie TCP/IP, POP, IMAP oder HTML – die Ebenen, auf denen das Internet kommuniziert, darstellt, funktioniert. Meist war ich also in den Schichten null und eins unterwegs, den physischen Ebenen.

Wo liegen denn die Unterschiede zwischen dem physischen Internet und dem Telefonnetz?
Die überschneiden sich. Der entscheidende Unterschied ist, dass das Telefonnetz noch hierarchisch von oben aufgebaut wurde, von großen Telefongesellschaften wie der deutschen Telekom, BT oder AT&T. Die Knoten und Netzstrecken des Internets entstanden dagegen eher spontan.

Kann man so eine Infrastruktur noch kontrollieren?
Nur schwer. Aber es handelt sich ja um einen Verbund autonomer Netzwerke, deren Hauptinteresse es ist, sich mit anderen Netzwerken zu verbinden. So manifestiert sich da dieser libertäre Gedanke, dass jedes Netzwerk nur in der Verbindung mit anderen Netzwerken funktionieren kann. Das findet sich dann im Kodex der Netzwerkingenieure wieder, deren Motto lautet: Mach das Internet nicht kaputt.

Könnte man das Internet denn kaputt machen?
Je weiter man im OSI-Schichtenmodell nach oben geht, desto komplexer und anfälliger wird es. Da gibt es den berühmten Fall der Pakistan Telekom. Aus irgendeinem Grund sollte ein Ingenieur dort Youtube blockieren. Der hat dann aber anstatt einfach die Seite zu blockieren das so programmiert, dass alle Anfragen für Youtube zur Pakistan Telecom umgeleitet wurden. Diese Information hat sich dann über die Router innerhalb von Minuten rund um die Welt verbreitet. Weil Router eben so funktionieren – die sagen letztlich „hier bin ich und das sind die Leute hinter mir“. Und weil das Netzwerk auf einem digitalen System des Vertrauens aufgebaut ist, haben weltweit alle Router das auch geglaubt, und jeder, der Youtube aufgerufen hat, landete bei Pakistan Telecom. Das hat ein paar Stunden gedauert, dann war das wieder repariert.
Wenn das auf so einem System beruht, gibt es da unter Netzwerkingenieuren einen besonders ausgeprägten Ethos?
Ingenieure würden kaum sagen, dass sie ethisch vorgehen, sie nennen das operativ.
Aber sie sind sich bewusst, dass sie zu einem größeren Ganzen gehören?
Absolut.
Wie viele solcher Netzwerkingenieure gibt es denn?
Das ist eine sehr kleine Gruppe. Ein paar hundert vielleicht weltweit. Und die kennen sich alle. Das ist wichtig. Die treffen sich auf den Konferenzen der North American Network Operators’ Group oder auf den Konferenzen solcher Organisationen in Europa, Asien oder Afrika und trinken Bier zusammen. Ich war in Texas auf so einer Konferenz.

Was ist das für ein Menschenschlag?

Klassische Geeks. Unfassbar intelligent und sehr selbstbewusst, was diese Intelligenz betrifft. Da herrscht dann auch so eine Gladiatorenkampfstimmung, weil jeder von ihnen glaubt, dass sie genau wissen, wie man am besten vorgeht.

Gibt es denn noch viele Experimente?
Permanent. Deswegen ist es ja auch so wichtig, dass die Bier miteinander trinken. Damit sie im Falle, dass etwas nicht funktioniert, sofort wissen, wem sie eine SMS schicken müssen. Auf unseren Bildschirmen sieht es zwar immer so aus, als passiere alles im Netz automatisch, aber in Wahrheit funktioniert alles nur, weil zwei Kerle in Texas zusammen ein Bier getrunken haben.

Und die betreiben den Backbone des Internets?
Auch das hat sich in den letzten zehn Jahren geändert. Das Netz ist feinmaschiger geworden. Einige Anbieter von Inhalten sind inzwischen selbst globale Netzwerke geworden. Google, Microsoft und Facebook betreiben ihre eigenen Netze und sind so zu ihren eigenen Backbones geworden. Deswegen sind die Knotenpunkte so wichtig geworden.

Wie viel Aufwand betreiben diese Firmen denn beim Aufbau und Betrieb von physischen Infrastrukturen?
Ich war bei Microsoft und dort arbeiten von 90 000 Mitarbeitern ein paar Hundert in deren Global-Network-Abteilung. Dabei sind die Kabel, die da durch die Ozeane gezogen werden, eher klein. Google und Facebook arbeiten derzeit vor allem daran, riesige Datenzentren in die entferntesten Winkel des Planeten zu stellen.

Warum so abseits?
Das hat ganz einfache Gründe. Ich war in Facebooks Datenzentrum in Oregon. Das ist eine rund 30 000 Quadratmeter große Halle voller Server und Router. Wenn man eine Facebookseite aufruft und ein Bild einstellt, dann läuft das dort zusammen. Und dann gibt es noch das neue Datenzentrum in Schweden, nicht einmal hundert Meilen vom Polarkreis entfernt. In solchen Gegenden kann man diese Anlagen sehr effizient betreiben, weil man buchstäblich das Fenster aufmachen und die kalte Luft zur Kühlung benutzen kann.

Brauchen solche Zentren nicht trotzdem enorme Energiemengen?
Ja, das Zentrum in Oregon verbraucht so viel Energie, wie der gesamte Landkreis, wo es steht. Auch wenn das ein sehr ländlicher Landkreis ist. Das liegt in der Größenordnung von 30 bis 40 Megawatt.

Haben Sie jenseits der Gebäude Strukturen gefunden, mit denen man das Internet als Gesamtprojekt begreifen kann?
Was mich wirklich erstaunt hat, war, dass die physische Infrastruktur den alten Handelsrouten folgt. Die Unterseekabel verbinden dieselben Orte, die schon immer miteinander verbunden waren – New York, Lissabon, Mombasa, Mumbai, Singapur. Im Landesinneren sind es auch die traditionellen Handelsstädte – Frankfurt, Guangdong. Ein paar Ausnahmen gibt es natürlich, wie Equinix in Ashburn, Virginia. Da hat der Firmengründer Jay Adelson eben ein Stück Land gekauft.

Wenn das Internet eine globale, aber überschaubare Infrastruktur mit einigen wenigen Knotenpunkten ist, ist es dann nicht doch sehr anfällig?
Nicht so anfällig, dass man schlaflose Nächte haben müsste. Die wichtigen Verbindungspunkte sind entweder in sehr großen Gebäuden, oder sie ersetzen einander. Nehmen Sie Frankfurt – das zentrale Gebäude ist im Westen der Stadt, aber es gibt noch eines im Osten. Es gibt also einen Back-up. Und selbst wenn Frankfurt komplett überschwemmt würde, dann würde Amsterdam einspringen und Paris. Genauso wie Virginia einspringen würde, wenn es ein Erdbeben in Kalifornien gäbe. Nur wenn es gleichzeitig ein Erdbeben in Kalifornien und eine Überschwemmung in Frankfurt gibt, dann wird es kritisch. Als es 2006 ein großes Erdbeben in Taiwan gab und sechs Unterseekabel durchtrennt wurden, gab es wirklich mehrere Wochen lang in Teilen Südostasiens kein Internet. Irgendwann lenkte sich das Internet dann selbst um und die Kabel wurden dann auch repariert. Aber dieses Umlenken funktionierte eben dadurch, dass ein Typ in Los Angeles ein Kabel aussteckte, quer durch einen Raum lief und es auf der anderen Seite wieder einsteckte.

Foto: Facebooks Prinevill Data Center in Oregon/afp

26.09.12 | 08:39 | 0 Kommentare

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