25.04.12 | 09:19 | 2 Kommentare

Die nächsten drei Milliarden

(Von Andrian Kreye) Wenn das soziale Netzwerk Facebook erste Grenzen seines Wachstums erreicht hat, so ist das erst einmal ein Ärgernis für den Konzern. Kurz vor dem Börsengang kann eine solche Nachricht den Wert drücken. Langfristig muss sich Facebook jedoch ganz andere Sorgen machen. Denn das Wachstum wird sich nicht mehr in traditionellen Werbemärkten vollziehen. Mit der zunehmend globalen Verbreitung werden sich die sozialen Netzwerke vom Lifestyle-Medium im Norden zur gesellschaftlichen Kraft auch im Süden wandeln und deswegen ihre Rolle neu definieren müssen.

Erste Anzeichen dafür konnte man während der Unruhen des arabischen Frühlings beobachten, bei der umstrittenen Internetkampagne gegen den ugandischen Warlord Joseph Kony, und in den Vorträgen von Alec Ross, dem Berater der US-Außenministerin Hillary Clinton, der für das neue Feld der digitalen Diplomatie zuständig ist.

Während des arabischen Frühlings zeigte sich, dass soziale Netzwerke des Internets als Instrument für die Mobilisierung und Koordination von Volksbewegungen so effektiv sind wie kein Mittel zuvor. Die „Kony2012“-Kampagne bewies, welch politische Macht der sogenannte Schwarmgeist im Internet entwickeln kann. Alec Ross aber reist derzeit um die Welt, um der digitalen Industrie begreiflich zu machen, dass die USA, stellvertretend für den Westen, ganz eindeutige Interessen haben, wenn es darum geht, Schwellen- und Entwicklungsländer in die globalen Kommunikationsnetze einzubinden. Die USA würden alles unternehmen, um Meinungsfreiheit – also: Demokratie – weltweit möglich zu machen.

Der digitale Kampf für Demokratie ist ein ehrbares Anliegen. Für einen digitalen Konzern, der sich mit nationalen Regierungen arrangieren muss, ist das nicht immer von Vorteil. Wenn Online-Dienste darauf achten müssen, dass auch die Standards autoritärer Herrscher eingehalten werden, kollidiert das schon mal mit westlichen Werten.
Betrachtet man nun die jüngsten Studien und Schätzungen zur Entwicklung digitaler Medien, kann man das ungefähre Ausmaß der Entwicklung schon ahnen. Bis zum Jahr 2016 werden laut einer Untersuchung der Beratergruppe Boston Consulting drei Milliarden Menschen Anschluss an das Internet haben. Vorsichtige Schätzungen nehmen außerdem an, dass in den nächsten zwanzig Jahren drei Milliarden weitere Menschen ans Netz gehen werden. Die größten Wachstumspotentiale gibt es dabei in den Schwellen- und Entwicklungsländern.

Die wichtigste Funktion des Internets sind aber jetzt schon die sozialen Netze. 82 Prozent aller globalen Nutzer sind heute Mitglieder eines sozialen Netzwerkes. Von diesen sind 55 Prozent Mitglied bei Facebook. Bei einer solchen Durchdringung des Marktes sind Grenzen des Wachstums im bestehenden Netz schon erreicht. Intern haben Konzerne wie Facebook und Google längst langfristige Strategien für diese Entwicklung. Das zeigt schon die Wortwahl: Im Silicon Valley ist Afrika keine Entwicklungsregion, sondern die Weltgegend mit den derzeit größten Wachstumschancen.

Der Konflikt der sich nun anbahnt, schwelt schon seit Beginn der Globalisierung. In fast allen Debatten, sei es um die Macht des Internets, sei es um die Wirtschafts- und Finanzkrisen, schwingt mit, dass Politik und Wirtschaft um die Vormacht ringen. Die Interessen der beiden sind oft konträr.
Präsident Obama hat soeben ein deutliches Zeichen gesetzt. Mit zwei Verfügungen beschloss er Sanktionen gegen jeden, der autoritäre Regime wie in Iran oder Syrien mit Technologie versorgt, die Unterdrückung möglich macht. Das ist ein erster Schritt, um auch soziale Netzwerke in die Verantwortung zu nehmen. Wenn die nächste Phase des Wachstums für Facebook beginnt, wird es jedenfalls nicht nur um Werbeeinnahmen gehen.

03.04.12 | 12:58 | 1 Kommentar

Kulturkampfmanöver

 

(Leitartikel aus der SZ vom 3.4. 2012, von Andrian Kreye) Es war ein durchsichtiges Manöver, als sich Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin am Wochenende in einem Interview für die Kulturflatrate aussprach. „Jeder zahlt einmal eine Gebühr und kann so viel runterladen, wie er will“, gab er dem Magazin Wirtschaftswoche zu Protokoll. Für einen Wahlkampf gegen die Piratenpartei ist die Kulturflatrate eine schöne Leerformel: So kann man bei digital sozialisierten Jungwählern punkten, ohne die bürgerlichen Stammwähler zu verprellen. Für das eigentliche Problem, wie man nämlich das Urheberrecht reformieren und damit das Auskommen von Autoren, Filmern und Musikern in die Zeiten digitaler Medien retten kann, sind solche politischen Manöver nicht hilfreich. Denn Debatten ums Internet sind längst ideologisch aufgeheizt.   

Wer sich für das Urheberrecht ausspricht, gilt dabei schnell als Reaktionär. Der Wutausbruch des Rockmusikers und Schriftstellers Sven Regener, der im Bayerischen Rundfunk die Bedrohung der Urheberrechte als persönliche Beleidigung jedes Künstlers beschrieb, sprach zwar vielen aus der Seele. Genauso wie die hysterischen Reaktionen Zehntausender Demonstranten, die im Handelsabkommen gegen Produktpiraterie Acta ein sinistres Ermächtigungsgesetz vermuteten. Doch da ist auf beiden Seiten Emotion im Spiel. Das zeigt schon der Kampfbegriff der Raubkopie. Beim illegalen Herunterladen handelt es sich nicht um Raub, denn es wird ja keine Gewalt angewendet. Es geht aber auch nicht um Kopien, sondern um digitale Klone.

Im Kern dreht sich die Debatte um das Internet um eine atemlos rasante technische Entwicklung, hinter der Gesetzgeber, Politik und Kulturindustrie verzweifelt herhecheln. Die alten Regelwerke einfach über Bord zu kippen oder durch halbgare Kompromisse zu ersetzen, nur weil es der euphorische Zeitgeist so will, führt zu keinen Lösungen. Vor allem, weil kaum ein Debattenbeitrag einräumt, dass das Internet im Frühjahr 2012 ein ganz anderes Netz ist als das Internet vor fünf Jahren. Die Zeit der Experimente ist nämlich vorbei.

Momentan kämpfen die vier digitalen Giganten Apple, Amazon, Facebook und Google um eine Vormacht im Netz. Zwischen den Giganten aber bilden sich totalitäre Strukturen heraus, denen Urheberrechte nur im Weg stehen, und für die die selbsternannten digitalen Rebellen letztlich den Weg bereitet haben. Steve Jobs, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Larry Page und Sergej Brin sind keine rebellischen Popstars, sondern knallharte Monopolisten. Sie wurden in der aggressiven Investmentkultur des Silicon Valley groß, nicht in der digitalen Subkultur. Für ihre eigenen Urheberrechte und Patente kämpfen sie mit Heerscharen von Anwälten, und wenn es sein muss: mit einem Rollkommando der Polizei.

Nun reichen die Urheberrechte aus den Zeiten des Buchdrucks und des Grammophons für die technischen Realitäten des 21. Jahrhunderts nicht mehr aus. Doch Kulturflatrates schwächen den Kampf für eine Reformierung des Urheberrechts nur. Sie spiegeln vor, dass es einfache und schnelle Lösungen gibt.

Selbst wenn man den Idealfall eines öffentlich-rechtlichen Modells durchsetzen könnte, wenn also von jedem Haushalt eine Abgabe in der Höhe der Rundfunkgebühren eingetrieben würde – wer oder welche Behörde sollte über die Verteilung der Erlöse bestimmen? Wer bekäme beispielsweise die deutschen Beiträge einer solchen Flatrate? Deichkind oder doch Rihanna? Der Regisseur Christian Petzold oder die Produzenten der „Hunger Games“? Es geht bei der Debatte um das Urheberrecht im Internet ja keineswegs um Hochkultur. Die wird subventioniert oder finanziert sich über das authentische Einzelwerk. Es geht vor allem um Popmusik und Film. Das sind Produkte für den freien Markt, nicht für bürokratische Systeme oder Subventionsmodelle.

Trittins Hinweis, solche Flatrate-Modelle funktionierten schon im Netz, widerlegt eine Grafik des Datenjournalisten David McCandless. Um den gesetzlichen US-Mindestlohn von monatlich 1160 US-Dollar zu verdienen, muss eine Band entweder 1161 Alben verkaufen, 12 399 Songs auf iTunes absetzen oder rund vier Millionen Mal auf dem Streaming-Dienst Spotify abgerufen werden, mit dem man gegen eine Monatsgebühr so viel Musik auf Computern oder Smartphones abspielen kann, wie man will.

Es gibt nun viele wohlfeile Vorwürfe gegen die Kulturindustrien: Die Plattenfirmen und Filmstudios hätten die technischen Entwicklungen verschlafen. Rockmusiker und Filmer könnten sich im Netz doch selbst vermarkten. Das ist weltfremd. Plattenfirmen und Filmstudios suchen schon lange vergeblich nach Möglichkeiten, Vertriebswege zu finden, die mit der Geschwindigkeit und Gratiskultur der Tauschbörsen konkurrieren können. Wer einen Rocksong oder ein Drehbuch schreiben kann, hat selten auch eine kaufmännische Begabung.

Die digitale Revolution ist buchstäblich eine solche: Revolutionen kippen lediglich bestehende Machtverhältnisse. Wer oder was nach dem Umsturz kommt, ist weder klar noch garantiert. Ideologische Verhärtungen und opportunistische Manöver wie das Trittins helfen niemandem. Höchstens den Monopolen.

11.03.12 | 16:48 | 1 Kommentar

Das Woodstock der Ideen

Fünf Tage Reizüberflutung: Ein Besuch auf der  Ted Conference, dem Weltgipfel der Optimisten

(März 2012, von Andrian Kreye) 

Die Regeln für die Redner des Ideenfestivals Ted Conference sind einfach – eine Idee, eine Bühne, eine Projektionsfläche, eine gute Viertelstunde Zeit. Und schon geht’s los. Die Konkurrenz ist hart. Die meisten, die hier vortragen haben sich im Leben längst bewiesen. Sie haben Bestseller, Professuren, Patente, Nobelpreise oder Milliarden vorzuweisen. Das garantiert hier aber nicht unbedingt Erfolg. Die 1500 Besucher der Konferenz sehen 90 Auftritte in vier Tagen. Wer in einer solch fulminanten Reizüberflutung bestehen will, muss überzeugen.

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Auftakt der Ted 2012: Der Physiker Brian Green erklärt das Prinzip des Multiversums. Dazu muss er aber zuerst noch die Stringtheorie erklären. Die mit den Elementarteilchen. Unser Universum ist nur eines von vielen. Manche bestehen, manche klappen zusammen. Schnell noch ein astrophysikalischer Witz. Alles verstanden? Rauschender Applaus. Ist das die letztgültige Verflachung der Wissenschaften? Der Übervater der amerikanischen Gegenkultur Stewart Brand lächelt über solch europäische Skepsis. „Das wissenschaftliche Entertainment hat in Amerika eine lange Tradition“, sagt er. Im 19. Jahrhundert gingen Wissenschaftler auf Tour und sprachen vor zahlendem Publikum. Wie Popstars.

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Auf die Frage, was auf der Ted Conference eigentlich verhandelt wird, gibt es keine einfache Antwort. Angelsächsische Kollegen haben immer wieder ein paar Schlagworte ins Spiel gebracht – Woodstock der Ideen, Davos der Optimisten, die Feriencamps für Millionäre. Das Kürzel steht für Technology, Entertainment und Design, aber das galt für die Teds der neunziger Jahre, als sie noch ein Treffen der Silicon-Valley-Elite in Monterey war. Inzwischen findet die Ted im kalifornischen Long Beach statt und der Themenkreis wurde um Natur- und Geisteswissenschaften, Menschenrechte, Film, Musik und Kunst erweitert.

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Wenn das hier Woodstock ist, dann ist Peter Diamandis der Jimi Hendrix des Optimismus. Sein Sprachfluss bebt vor Tatendrang. Diamandis ist Kind griechischer Einwanderer aus der Bronx. Im zivilen Leben betreibt er Firmen für zivile Raumfahrt, die Singularity University und die X-Prize-Stiftung, welche Millionenpreise für Ingenieure vergibt. Er hat gerade ein Buch mit dem Titel „Abundance“ geschrieben – Überfluss. Damit meint er das Potential unseres Planeten, Überfluss zu produzieren. Für jedes Problem der Menschheit kann es eine technologische Lösung geben. Fortschritt sei schon lange nicht mehr aufzuhalten. Beweise? Ein Afrikaner mit Handy hat Zugang zu mehr Informationen, als einst US-Präsident Ronald Reagan. Es gilt – das Credo des Machbaren.

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Long Beach ist nicht unbedingt der ideale Ort, um sich Gedanken darüber zu machen, ob es einen Intellektualismus des 21. Jahrhunderts gibt und welche Rollen das Internet und die Naturwissenschaften dabei spielen. Long Beach besteht vor allem aus dem Verladehafen der Stadt Los Angeles und einem Downtown, in dem sich überdimensionierte Hotel- und Bürotürme um kaum befahrene Schnellstraßen und ein verwaistes Kinocenter gruppieren. Aber weil in der örtlichen Kongresshalle einmal im Jahr das Ideenfestival Ted Conference stattfindet, ist Long Beach nun neben den Skiorten Davos und Aspen die wichtigste Station auf der Route des Wanderzirkus mächtiger und kluger Menschen, die sich Gedanken um die Welt und um die Zukunft machen.

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Wer Glück hat, wird auf eines der privaten Essen eingeladen, die am Rande der Ted Conference stattfinden. Peter Diamandis lädt zum Italiener L’Opera. Er stellt seinen nächsten Preis vor – zehn Millionen Dollar für das Team, das ein tragbares Diagnosegerät entwickelt, mit dem man das Gesundheitswesen revolutionieren kann. Er hat mächtige Freunde, die gekommen sind, um ihn zu unterstützen. Amazon-Chef Jeff Bezos. MIT-Media-Lab-Gründer Nicholas Negroponte. Google-Chef Larry Page. Hollywoodstar Cameron Diaz.

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Der allgegenwärtige Optimismus im Saal, in den Gängen, in den Lounges und auf den Partys hat sicher etwas mit diesem Credo des Machbaren zu tun, das sich durch so viele Vorträge zieht. Aber auch damit, dass sich das Publikum immer noch zu einem großen Teil aus der kalifornischen Elite rekrutiert. 7500 Dollar kostet der Eintritt. Das reduziert das Zielpublikum. Verdient wird nichts. Träger der Ted Conference ist eine Stiftung. Die finanziert mit den Einnahmen all die Projekte, die aus der Konferenz in den letzten Jahren eine Marke gemacht haben – die Videoplattform im Netz, die TedX-Ableger, die jeder veranstalten kann, der sich an ein paar Regeln hält, die Fernseh- und Radiosendungen, die E-Books, der Preis, die Stipendien, das TedEd-Bildungsprogramm auf Youtube, das am Montag online gehen wird. Das hat Ted zu einem Dreigestirn gemacht – Konferenz, Prädikatssiegel, Massenmedium für Ideen.

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Die Chefgründer der großen Digitalkonzerne sind fast alle auf der Konferenz. Die Nähe zum Weltwirtschaftsmotor Silicon Valley kann auch bedrücken. Der Buchdesigner Chipp Kidd wagt, eine Lanze für den Anachronismus zu brechen. Er zeigt den Buchumschlag, den er für Orhan Pamuks „Rot ist mein Name“ gestaltet hat. Die Liebenden verbergen sich auf dem Buchrücken. Der Sultan lugt vom Umschlag herüber. Sie sind entdeckt. Weiter geht es im Text. „Versuchen Sie das mal auf einem Kindle“, sagt Kidd. Und wiegelt gleich wieder ab. Er fände E-Books natürlich sehr praktisch und habe auch gar nichts gegen sie. Muss er das sagen? Als Buchgestalter?

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Hin und wieder reicht es dann aber auch mit der Machbarkeit. Dann tritt der Optimismus in die Kulisse. Etwa beim Auftritt der Friedensnobelpreisträgerin Leymah Gbowee. Sie erzählt vom Krieg, den Mädchen, den Vergewaltigungen in ihrer Heimat Liberia und schließt mit einem Appell: Gebt Mädchen den Raum, zu lernen und sich zu entfalten. Sie können der Motor der Entwicklung sein. Oder beim Vortrag von Al Gores Klimaberater James Hansen. Er prophezeit einen Temperaturanstieg von sechs Zehntelgrad Fahrenheit. Das entspräche der Energie von 400 000 Hiroshima-Bomben. Oder beim Auftritt des einstigen Greenpeace-Chefs Paul Gilding. Er sagt: Unser Planet ist voll. Kein Platz mehr. Keine Ressourcen. Wir brauchen eineinhalb Erden, um unser Wirtschaftssystem aufrechtzuerhalten. Der Erde ist unser Fortschritt egal. Sie verhandelt nicht.

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Widersprüche gibt es immer wieder. Chris Anderson bittet den Hyperoptimisten Peter Diamandis und den Turbopessimisten Paul Gilding gemeinsam auf die Bühne. Sie sollen sich streiten. Sie bleiben anderer Meinung. Und doch scheinen sie nur zwei Schritte des klassischen Dreisatzes jeder Problemlösung zu sein. Gilding erkennt die Probleme. Diamandis die Lösung. Leute, die solche Lösungen umsetzen, gibt es hier sowieso genug.

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Andere Widersprüche lassen sich nicht so leicht auflösen. Soll die Friedensnobelpreisträgerin Gbowee auf derselben Veranstaltung auftreten, wie Regina Dugan, die Darpa leitet, die Forschungsabteilung des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Darpa muss man nicht schönreden. Das ist die Waffenschmiede der Zukunft. Zivile Nebenprodukte der Darpa: das Internet, GPS, Impfstoffe. Dugan zündet ein Feuerwerk der jüngsten Projekte. Eine Flugdrohne mit Höchstgeschwindigkeit von Mach 20. Die könnte in elf Minuten von New York nach Kalifornien fliegen. An jeden anderen Ort der Welt in weniger als 60 Minuten. Eine Miniaturdrohne, die wie ein Kolibri aussieht und fliegt. Ein Super-GPS, das Blitzschläge als Leitpunkte nutzt. Chris Anderson fragt Regina Dugan nach dem Vortrag vorsichtig – die Zuladung der Mach-20-Drohne, das seien wohl nicht nur Kameras? Sie schüttelt den Kopf.

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Weiter geht’s in der Innovationsrunde. Vijay Kumar entwickelt an der University of Pennsylvania handgroße Hubschrauber, die in Formation fliegend handwerkliche und Aufklärungsarbeiten verrichten können. Wieder die Frage – fürs Militär? Oder den Katastrophenschutz? Sind in Amerika oft ein und dasselbe. Donald Sadoway vom Massachusetts Institute of Technology skizziert auf einer Schiefertafel das Grundproblem der Solarenergie, das Speichern. Hat er aber gerade mit seiner Flüssigmetallbatterie gelöst.

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Auch der Techno-Utopismus will gebrochen werden. Moralforscher Jonathan Haidt erklärt die Rolle der Religionen in der Evolution. „Sind Sie spirituell?“, fragt er das Publikum. Die Hälfte hebt die Hand. Haidt sagt, das Heilige habe die Zivilisation begründet, nur das Heilige vermag die Menschen zu überlebensfähigen Gruppen zu verbinden.

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Psychologe Steven Pinker und seine Frau, die Philosophin Rebecca Newberger, stellen dann das Gegenmodell auf. Nur die Vernunft habe die menschliche Zivilisation ermöglicht. David Hume, John Locke, Mary Astell, Sebastian Castellio werden zitiert.

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Kulturprogramm am Rande. Der Organist Cameron Carpenter reißt das Publikum mit frenetischen Kadenzen von den Sitzen. Das American Ballet Theatre tanzt Choreographien von Twyla Tharp. Die Soulsängerin Meklit Hadero singt zur Wandergitarre. Abigail Wahburn spielt Banjo. Die Auswahl erinnert an die eklektischen Programme öffentlich rechtlicher Sender wie das amerikanische National Public Radio oder Deutschlandradio Kultur. Bewährt Akustisches aus aller Welt.

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Je schneller Ted wächst (700 Millionen Zugriffe auf die Ted-Talk-Videos, innerhalb von drei Jahren, über 3200 TedX-Ablegerkonferenzen in 126 Ländern), desto stärker wird der Gegenwind. Der Literatenblog The New Inquiry findet die Macht der Ted Conference beunruhigend. Der Wissenschaftsjournalist Kent Sepkowitz schreibt, Ted-Konferenzen reduzierten Intellektualismus zu „Smart Style“. Ein Akademiker verflucht den Konferenzbetrieb im Kielwasser der Ted. Zu viele wirklich große Akademiker seien viel zu sehr damit beschäftigt, Bestseller zu schreiben und sie auf Konferenzen zu vermarkten, um noch ordentlich zu forschen. Verfechter entgegnen: Noch nie gab es in Amerika eine so massenkompatible Plattform für komplexe Themen. Das ist kein intellektueller Salon. Der Slogan lautet „Ideas worth spreading“. Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden.

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Am Ende der Woche stellt sich ein Zustand mentaler Erschöpfung ein. „Ted Lag“ nennen sie diesen Kater der Reizüberflutung. Nachdenken müssen sie später.

 

Foto: James Duncan Davidson

07.03.12 | 18:45 | 4 Kommentare

Apple – die Coca Cola des 21. Jahrhunderts



(6.3. 2012, von Andrian Kreye)  Normal ist das ja nicht, wie euphorisiert die Welt auf fast jede Produktvorstellung des Elektronikkonzerns Apple wartet, selbst wenn es dann doch nur das alte Gerät mit ein paar Verbesserungen ist. Der Markenexperte Martin Lindstrom hat eine neurologische Untersuchung zu diesem Phänomen angestellt. Er wollte dabei dem Kalauer nachgehen, dass iPhone-Nutzer klassisches Suchtverhalten zeigen. Das Ergebnis war erstaunlich. Es sei keine Sucht. Die enge Bindung zum Gerät sei mit wahrer Liebe vergleichbar. Das zeigten zumindest die Kernspinaufnahmen. Die Reaktion auf das Vibrieren eines iPhones war fast identisch mit den Hirnströmen angesichts eines geliebten Menschen.

Es gibt natürlich unzählige Firmen, die Smartphones, Tablets oder Computer herstellen. Doch der Erfolg von Apple ist eher eine kulturgeschichtliche denn eine wirtschaftliche Entwicklung. Das steuerte Firmengründer Steve Jobs schon früh. Er dachte immer erst an den Nutzer, dann ans Gerät. So bekam Apple für das 21. Jahrhundert eine Bedeutung wie Coca-Cola für das 20. Jahrhundert.
 
Die weltweite Verbreitung der Cola galt als Analogie für den Siegeszug der freien Marktwirtschaft und Demokratie. Das rotweiße Markenzeichen stand für Freiheit. Nur in der negativen Interpretation war es Sinnbild für die Dominanz der westlichen Konsumkultur.

Die Symbolwirkung von Apple ist inzwischen ähnlich. Das funktioniert deshalb so gut, weil Apple-Computer lange Zeit Nischenprodukte der digitalen Avantgarde waren. Dieses Vorreiter-Image wurde raffiniert gepflegt. Das begann mit dem legendären Werbespot von 1984, in dem „Blade Runner“-Regisseur Ridley Scott die ersten Apple-Computer als Mittel für den Befreiungsschlag gegen eine graue Welt der Repression und Gleichförmigkeit inszenierte, die an Orwells Roman „1984“ erinnerte.
 
1997 lancierte Steve Jobs die „Think Different“-Kampagne, für die er nicht nur die Symbole der kulturellen Rebellion vereinnahmte, sondern auch ihre Helden. Der Werbespot zeigte Albert Einstein, Bob Dylan, Picasso und Maria Callas. Das legte den Grundstein für die Aura der Kreativität, mit der sich die Firma von nun an schmückte.

Nun sind Apple-Geräte heute längst Massenware. Für junge und jung denkende Menschen des 21. Jahrhunderts hat der angebissene Apfel des Firmenlogos jedoch eine ähnliche Bedeutung wie das Coca-Cola-Signet für die Demokraten des 20. Jahrhunderts und das Peace-Zeichen für die Generation der Hippie-Jahre. Er steht weniger für ein Produkt als für ein Lebensgefühl, oder zumindest die Sehnsucht danach.

Wer Apple-Geräte benutzt, der zählt sich zu einer Elite, die aus dem Strukturwandel des 21. Jahrhunderts als Sieger hervorgeht. Es sind die Kreativen, die Innovatoren, all jene also, die sich in einer Welt der Niedriglohnjobs auf die immer schmalere Seite der Gutverdienenden schlagen. Der rebellische Gestus hat dabei längst keinen politischen oder kulturellen Kern mehr. Es geht um die Eroberung einer aufregenden neuen Welt, die mit neuen Technologien das Leben der Menschen verändern wird.

Nun war Steve Jobs kein Ideologe, sondern Geschäftsmann. Aura und Lebensgefühl sind für Apple wie für jede Marke nur Vehikel, um sich von der Konkurrenz zu unterscheiden und Kunden zu binden. Für den Digital-Kosmos ist das immer wichtiger. Nur so konnte Apple eine Produktwelt schaffen, aus der es kaum noch ein Entkommen gibt. Wer Apple-Geräte benutzt, wird bald einen Großteil seines Alltages darüber abwickeln, egal ob er kommuniziert, Musik hört oder einkauft. Mit jeder Gerätegeneration schließt sich diese Welt ein wenig mehr. Das mag die negative Interpretation eines im Ansatz freundlichen Lebensgefühls sein. Es funktioniert aber gerade deswegen so nachhaltig, weil so viele Apple-Nutzer ihre Geräte regelrecht lieben.

10.02.12 | 19:08 | 5 Kommentare

Ungeklärte Rechtslage

(Von Andrian Kreye) Keine Unterschrift unter das internationale Urheberrechtsabkommen (Acta) – das ist eine gute Nachricht. Das Abkommen würde die EU und ihre Mitgliedstaaten, die USA und neun weitere Länder binden – und damit langfristig und weltweit alle Debatten rund um das Urheberrecht bestimmen.
Prinzipiell sollte man es natürlich begrüßen, dass die internationale Gemeinschaft in Zeiten des weltweiten digitalen Netzes neue Formen des Urheberrechts finden will. Die regionalen und technisch unzulänglichen Formen des Schutzes geistigen Eigentums halten fast alle mit den Realitäten der neuen Medien nicht Schritt. Das Netz erlaubt den weltweiten und kostenlosen Austausch von Filmen, Musik, Bildern und Texten. Doch wo endet der Tausch, und wo beginnt die Raubkopie? Diese Frage würde das Abkommen nicht klären.
Das Problem von Acta kann man schon an seinem Namen erkennen: „Acta“ steht für „Anti-Counterfeiting Trade Agreement“, übersetzt: Anti-Fälschungs-Handelsabkommen. Es geht also darum, Grundlagen und Instrumente für Kontrolle und Strafverfolgung zu schaffen. Das aber ist auf einem Rechtsgebiet, das noch nicht klar geregelt ist, unmöglich. Jetzt schon wird das Urheberrecht ja nicht nur zum Schutz geistigen Eigentums eingesetzt, sondern auch als Hebel der Zensur. Nicht nur in Diktaturen. Die „Church of Scientology“ verfolgt Kritiker zum Beispiel auf diese Weise. Überträgt man die Unschuldsvermutung des Rechtsstaats auf die globale Ebene, muss man bis zu einer umfassenden Klärung der Rechtslage Bürgerrechte in jedem Fall über Besitzansprüche stellen. Das bleibt in juristischen Zwickmühlen die einzig richtige Möglichkeit.

10.01.12 | 18:33 | 1 Kommentar

Der reine Moment





Warum der Jazz neue musikalische Maßstäbe braucht, wenn er überleben will

Bevor man sich auf eine Jazz-Debatte einlässt, sucht man erst einmal in der eigenen Gegenwart. Und ja, da gibt es immer wieder diese großen Momente, die nichts damit zu tun haben, ob ein Club ausverkauft war, ob Genregrenzen eingehalten wurden oder ob sich die Musiker in den letzten Jahren weiterentwickelt haben. Dr. Lonnie Smith beispielsweise versetzte einen imMünchner Hotel Bayerischer Hof in jenen Zustand der Überwältigung, der nicht zu erklären ist, weil ein schlichter Blues auf einer Hammondorgel zunächst einmal nichts Bewegendes verspricht. Ein paar Monate zuvor war es Gunter Hampel, der Pionier des freien Jazz, der beim Jazzlines-Festival mit einem Ensemble aus sehr jungen Musikern jene atemberaubenden Momente kollektiver Improvisationskraft erzeugte, die in der Musiktheorie mangels Erklärungsmodellen „Pulse“ heißen.



Doch was nutzt die Schwärmerei, wenn man erst einmal festhalten muss – es gibt für den Jazz derzeit kaum Raum, um sich zu entwickeln. Es fehlt an Clubs, an Plattenverkäufen und an gesellschaftlicher Akzeptanz. Wer das beklagt, der bezieht sich vor allem auf die sechziger und siebziger Jahre, als Modern Jazz nicht nur eine musikalische, sondern auch eine enorme gesellschaftliche Relevanz besaß. Jazz war damals die Popkultur der Gebildeten und Fortschrittlichen. Da unterschieden sich Europa und Amerika nicht sonderlich. Das allerdings nutzt heute nur wenigen.

Sicherlich spielt die Vergangenheit auch im Jazz eine wichtige Rolle. Selbst die radikalsten Formen standen immer in einer Tradition, auch wenn es nicht leicht ist, Ornette Colemans Bezüge auf Charlie Parker zu dechiffrieren.Das breite Publikum entdeckte den Jazz meist auch erst aus einem nostalgischen Moment heraus. Viele Clubs leben genau davon. Das Internet als Echokammer des kollektiven Popgedächtnisses funktioniert heute zusätzlich als Verstärker.

Da aber stößt die Debatte an erste Grenzen, denn das Fatale an den Musikdebatten der vergangenen Jahre war ja gerade, dass es sich dabei in viel zu vielen Fällen eigentlich um Wirtschafts- und Technologiedebatten handelte. Auch die Frage, ob es schlecht steht um den Jazz, und woran das liegen könnte, dreht sich schnell um solche Fragen, die erst um das Internet kreisen und dann bei der Forderung nach Subventionen landen. Dabei geht es bei jeder Musikdebatte doch eigentlich um – Musik.

Das ureigene Problem der Jazzdebatten ist zudem, das sich diese Musik solchen Debatten eigentlich immer verweigert. Debatten stützen sich immer auf Analysen. Der Modern Jazz aber war dezidiert darauf ausgelegt, Analyse unmöglich zu machen und die intellektuelle Debatte in der Abstraktion aufzulösen. Immerhin hatte der Jazz in den Jahren, die im Rückblick als seine goldenen Jahre gelten, immer auch ein revolutionäres Moment, dem der Jazz kein Forum, sondern ein Ventil lieferte.

Der Gestus, mit dem die Pionier des Bebop Charlie Parker und Dizzy Gillespie gegen das Diktat des Swing und seiner Big Bands antraten, unterschied sich nicht sonderlich vom Furor, mit dem die Vorläufer des Punk Patti Smith und Television gegen den Bombast des Rock der mittleren Siebziger anstürmten. Da trafen sich musikalische Bilderstürmerei und gesellschaftliche Unruhe. Das sorgte in beiden Fällen für eine musikalische Energie, die einen musikalischen Zeitgeist in die Zeitlosigkeit rettete.

Allerdings hat es der Modern Jazz seinem Publikum nie leicht gemacht, weswegen die Vergleiche mit dem Pop nicht greifen. Wie verstörend so ein revolutionärer Moment immer noch wirkt, erfährt jeder der sich heute Ornette Colemans Album „Free Jazz“ anhört. Da improvisierten im Dezember 1961 zwei Quartette scheinbar gegeneinander. Was für eine musikalische Höchstleistung hinter der Aufnahme steckt, lässt sich nach vierzig Jahren nur noch theoretisch nachvollziehen. Denn progressiver Jazz ist die Musik, die sich am schwierigsten reproduzieren lässt. Es ist die Musik des reinen Moments. Und gerade deswegen kochen Jazzdebatten immer wieder dann hoch, wenn die Gegenwart vermeintlich keinen Stoff für revolutionäre Momente liefert.

Die theoretische Erklärung, warum Ornette Colemans „Free Jazz“-Kollektivimprovisation so brillant war, liegt sicher in der intellektuellen Höchstleistung. Man muss nur ein halbes Jahr in der Jazzgeschichte zurückgehen, um das klarer zu sehen. Der Filmstudent Daniel Cohen hat sich die Mühe gemacht, die Notation von John Coltranes epochalem Saxofonsolo über „Giant Steps“ in einem Video zu animieren. Nach dem trügerisch simplen Thema schießen die Kadenzen in einem atemberaubenden Tempo und in immer komplexeren Figuren über die komplexe Akkordfolge. Das bleibt nachvollziehbar. Legt man die 4:33 Minuten von „Giant Steps“ auf die acht Musiker und rund 37 Minuten von „Free Jazz“ um, kommt man dem Ausmaß der Höchstleistung schon näher.

Weiterhelfen wird einem das nicht, wenn das Ohr instinktiv versucht, Ordnung in der Kakophonie zu schaffen. Und hier schließt sich der Kreis der Mangelwirtschaft: Jazz ist rein situative Musik und kann sich deshalb auch nur live weiterentwickeln. Dabei ist eben nichts so kurzlebig wie ein revolutionärer Moment. Das führt der Sampler„Freedom, Rhythm & Sound“ vor, den das Londoner Label Soul Jazz Records gerade veröffentlich hat. Der versammelt auf zwei CDs lauter Stücke, die voller revolutionärer musikalischer Gesten sind. Der „Attica Blues“, den Archie Shepp dem Gefängnisaufstand nach der Erschießung des Black–Panther-Gründers George Jackson widmete, wirkt mit seinen Wah-Wah-Gitarren und seinen Soulrhythmus extrem anachronistisch. Und auch Sun Ras „call and response“-Meditation über die Atomängste des Kalten Krieges funktioniert nur noch im Kontext der Revolutionsromantik.

Romantisiert man den Jazz aber nicht, sondern betrachtet man ihn als zeitgenössische Musik, die letztlich Raum für jedes Experiment lässt, wird man solche Experimente auch finden. Da gibt es beispielsweise ein Trio aus Jazzstudenten in Toronto mit dem Namen Badbadnotgood, die noch keine einzige Platte veröffentlicht haben, sondern ihre Musik über YouTube und Bandcamp vertreiben. Sie haben instinktiv erkannt, wohin das revolutionäre Moment der Musik abgewandert ist und improvisieren auf Kompositionen, die für ihre Generation relevant sind, allesamt aus dem progressiven Hip- Hop von Tyler, the Creator, J Dilla oder Ol’ Dirty Bastard.

Dieser Jazz klagt neue Maßstäbe ein. Der Pianist Matthew Tavares sagte kürzlich in einem Interview: „Irgendwann einmal ging es im Jazz um die Künstler und um wirklich solides Handwerk, aber das ist irrelevant geworden. Heute schert sich aber niemand mehr darum, wie gut man sein Instrument spielt.“ Wobei er sich damit keineswegs gegen die Jazzgeschichte richtet, sondern gegen den Konservatismus im Jazzgewerbe. Denn natürlich spielen Badbadnotgood mit souveräner Virtuosität. Nur dass sie dem Moment mehr Gewicht geben, als der Tradition. Und als Tyler the Creator neulich auf einer Tour im Übungsraum der drei vorbeikam und mit ihnen drauflos improvisierte, als er sich schließlich ans E-Piano setzte und drauflos spielte, sprang er danach auf, wand sich vor Begeisterung und fasste die Essenz des Jazz in einem Begeisterungsruf zusammen: „Ich glaube, ich hatte gerade einen Moment!“

Die Veteranen übrigens kennen die Debatten schon lange. Gunter Hampel sagt beispielsweise, die wirtschaftlich schwierige Lage und die Diskurse zwischen Traditionalisten und Progressiven gebe es seit vierzig Jahren. Es sei auch sicherlich schlimm bestellt um die Infrastruktur des Jazz. Aber es könne nicht nur darum gehen, bessere Strukturen zu schaffen. „Mündige Jazzhörer kriegt man wie im Fußball nur durch echte Begeisterung. Wir müssen da ein neues Bewusstsein schaffen. Und wir müssen uns um den Nachwuchs kümmern. Nicht nur bei den Musikern. Das ist unsere eigentliche Aufgabe.“

Tyler the Creator "having a moment" with Badbadnotgood (3:27):



Photos: Dr. Lonnie Smith/Jazztimes.com; Gunter Hampel European Quartet/Birth Records

31.12.11 | 06:34 | 0 Kommentare

2011 Digital







(Aus dem Jahresrückblick der SZ, von Andrian Kreye) Es war lange überfällig, dass sich die Politik endlich mit den Themen der digitalen Zukunft auseinandersetzte, als der französische Präsident Nicolas Sarkozy im Mai am Rande des G8-Gipfels seine digitale Politkonferenz EG8 veranstaltete. Doch schon in seiner Eröffnungsrede machte er einen gewaltigen Rückschritt in die Vergangenheit. Man müsse das Internet zivilisieren, forderte Sarkozy.

Er hatte damit ein griffiges Bild gefunden. Wäre der Cyberspace ein fremder Kontinent könnte nun nach den Jahren der Entdeckung und Besiedelung die Kolonisierung beginnen. Doch das Internet ist kein exotisches Wüstenreich, Hacker und Piraten sind keine rebellischen Kriegerstämme. Sarkozy hatte mit seiner Rede keine neue Ära der digitalen Geschichte eingeläutet, sondern lediglich die Hilflosigkeit der Politik auf den Punkt gebracht. Denn die versucht immer noch, die Fragen des 21. Jahrhunderts mit den Antworten des 20. oder gar 19. Jahrhunderts zu beantworten.

Sicher hatte Sarkozy den richtigen politischen Instinkt. Im arabischen Frühling hatte das Internet erstmals gezeigt, was für Kräfte es entfesseln kann, wenn es Organisationsmodelle für eine Volksbewegung und Informationsketten für die Weltmedien etablieren kann. Die erste Phase der digitalen Romantisierung war mit dem Scheitern der iranischen Demokratiebewegung vorbei. Niemand glaubte mehr an eine Twitter Revolution oder einen Aufstand der Generation Facebook. Doch es war kein Zufall, dass einige der Schlüsselfiguren der arabischen Revolutionen aus der digitalen Welt kamen, wie die tunesischen Blogger Sami Ben Gharbia und Slim Amamou oder der ägyptische Google-Marketingchef Wael Ghonim – sie bewegten die Massen erst aus dem Netz heraus, dann auf der Straße. Wikilieaks-Gründer Julian Assange klagte zu Recht seine Rolle in den Aufständen ein. Die diplomatischen Depeschen, die er veröffentlicht hatte, lieferten den Volksbewegungen seltene Einblicke in die Strukturen ihrer Regierungen.

In den USA wiederum zeigte sich mit dem Machtkampf der digitalen Konzerne Google, Apple, Amazon und Facebook, dass sich die digitalen Machtbereiche längst der immer noch nationalstaatlichen Politik entzogen haben. Wenn Google seinen Algorithmus verändert, dann hat der Rest der Welt zu folgen.
In Deutschland zog die digitale Kultur mit der Piratenpartei zunächst ins Berliner Stadtparlament. Die Parteien reagierten nervös bis panisch. Hämisch amüsierte sich die digitale Welt über die Reaktionen der etablierten Parteien. Die schien sich im Auftritt der stellvertreten Fraktionsvorsitzenden der Grünen Bärbel Höhn in der Talkshow von Anne Will, die dem Piraten-Abgeordneten Christoph Lauer versicherte, auch sie„gucke Internet“.

Nun ist das Internet in der Politik keineswegs ein Novum. Schon während des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes 1992 hatte Vizekandidat Al Gore das Bild vom „Information Superhighway“ beschworen. Auch das war ein historisches Bild gewesen. Im Gegensatz zu Sarkozys Kolonialmetapher hatte Gore das Netz jedoch positiv besetzt. Immerhin hatte das neue Netz der Highways nach dem Zweiten Weltkrieg das amerikanische Wirtschaftswunder mitsamt seiner Demokratisierung des Wohlstandes begründet.
Was die Politik erst langsam begreift ist, dass das Internet keineswegs nur eine neue Technologie ist, sondern eine Kultur mit gewaltigen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Als Medium entwickelt es eine ähnliche politische Kraft, wie der Buchdruck. Als Wirtschaftsfaktor stellt es traditionelle Geschäftsmodelle in Frage. Und für die Gesellschaft markiert es die Grenze zu einer Jugend, die das Internet als Sinn- und Identitätsstifter versteht.

Das hat nicht nur eine technisch versierte Generation geschaffen, sondern auch eine politische Avantgarde. Es sind weniger die Inhalte und Visionen, die diese Avantgarde so stark machen, als ihre Mittel und Formen. Denn wer sich eine gemeinsame Kultur geschaffen hat, die weit über die ideologischen Grenzen des vergangenen Jahrhunderts wirkt, der kann vieles bewegen. Ob am Ende ein Utopia oder eine Dystopie steht ist nicht abzusehen. Anzunehmen ist, dass es weder zu dem einen noch zum anderen kommt. Gesellschaftliche Umwälzungen sind viel zu komplex, um sie mit einem einfachen Werturteil einzuordnen. In der Politik hat kein neues Zeitalter begonnen. Es gibt nur ein neues Spielfeld, auf dem es bisher noch keine Regeln gibt.

Abb.: OH

09.12.11 | 19:19 | 0 Kommentare

Alles ist fantastisch und niemand ist glücklich

04.12.11 | 12:05 | 0 Kommentare

Generationenkonflikt

Während die großen Parteien die Ängste vor dem Internet bedienen, möchte die Piratenpartei den Zeitgeist repräsentieren

WirSindDie

(3.12. 2011, von Andrian Kreye) Im Berliner Wahlkampf gab es ein Plakat der Piratenpartei, das die Probleme der Politik mit den Piraten auf den Punkt brachte. „Wir sind die mit den Fragen, ihr seid die mit den Antworten“, lautete der Slogan. Das brachte nicht nur die Politik, sondern auch den Wertewandel auf den Punkt, der die jungen Außenseiter ins Zentrum der Debatten katapultierte. Denn die eigentliche Kraft der Piraten ist weniger ihre Internetkompetenz als ihr Geschick, den Zeitgeist zu verstehen. Der wird nun vom Internet geprägt. So schließt sich ein Kreis, der die etablierten Parteien in eine Ideologiefalle gelockt hat, aus der sie nur mühsam wieder herauskommen.

Die Schwierigkeiten sind bekannt. Unions-Politikerinnen wie Ursula von der Leyen oder Verbraucherministerin Ilse Aigner bedienten vor allem die verbreiteten Ängste vor den neuen Technologien, die in Deutschland kurioserweise ebenso ausgeprägt sind wie der Wille, das Internet als Alltagsphänomen zu nutzen. Von der Leyen handelte sich mit ihren technisch unbeholfenen Versuchen, das Problem der Kinderpornographie im Netz zu lösen, den Spitznamen „Zensursula“ ein. Aigner hat mit Aufrufen, das soziale Netzwerk Facebook zu meiden, ihren Status als digitale Witzfigur zementiert.

Doch selbst die bisherigen Sachwalter progressiver Politik, die Grünen, profilierten sich als weltfremde Anachronismen. Legendär ist der Ausspruch der stellvertretenden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, Bärbel Höhn, die während der „Anne Will“-Talkshow nach dem Berliner Piratensieg von sich gab, sie „gucke jetzt mal Internet“. Worauf ihr der Piratenabgeordnete Christoph Lauer den Unterschied zwischen Gucken und Nutzen erklärte.

In Lauers Antwort lag das Kernproblem der Politik mit dem Internet. Es mag sein, dass das Internet zunächst ein moderner Medien- und Kommunikationskanal ist. Doch die komplexen Rollen, die das weltweite Netz längst in der Gesellschaft spielt, machen einfache Antworten unmöglich. Und das schon länger. Immerhin ist es schon fast zwanzig Jahre her, dass das Internet zum Thema der Politik wurde. Allerdings nicht in Deutschland.

Der damalige Vizepräsidentschaftskandidat Al Gore brachte im US-Wahlkampf von 1992 den Begriff vom „Information Superhighway“ ins Spiel. Im raffinierten Spiel mit historischen Anspielungen war Gores Begriff ein Meisterstück, denn er bezog sich auf den Aufbau des Highway-Netzes, das im Amerika der fünfziger Jahre das Fundament des Wirtschaftswunders bildete und gleichzeitig Normalverdienern in den Suburbias einen Lebensstil erlaubte, den sich bis dahin nur Wohlhabende leisten konnten.

Gore begriff das Internet schon damals als eine neue Infrastruktur und damit als eine Chance für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt. Die deutsche Politik hat das bis heute verschlafen. Zentrum der gewaltigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die das Internet seither brachte, sind immer noch die USA. Dabei ist Gores Vision auch in Deutschland längst Wirklichkeit. Das Internet ist eine Infrastruktur geworden, die den Alltag bestimmt. Das aber nimmt die Politik ganz anders in die Pflicht als eine bloße neue Medientechnologie. Denn den Zugang zu Infrastrukturen muss die Politik für alle garantieren.

Nun ist die Angst vor solchen Umwälzungen nicht ganz unbegründet. In jeder revolutionären Kraft steckt auch das Moment der Zerstörung. Und sowohl in der Wirtschaft wie auch in der Politik hat das Internet längst revolutionäre Kräfte entwickelt. Es ist ein „disruptor“, wie es im modernen Wirtschaftsjargon heißt – eine Kraft, die viel verändert. In den Medien- und Kulturindustrien waren diese Veränderungen bisher ein wirtschaftliches Problem. Die Möglichkeit, perfekte Kopien in unbegrenzter Anzahl auch ohne Bezahlung zu verbreiten, hat herkömmliche Geschäftsmodelle in Frage gestellt.

In der Politik haben Obamas Wahlkampf, die Enthüllungen von Wikileaks und die Volksbewegungen des arabischen Frühlings das gewaltige Potential der digitalen Technologien gezeigt. Und dann ist da noch das gewaltige Problem vom rechtsfreien Raum einer Gesellschaftsform, die im abstrakten Cyberspace keine Landesgrenzen mehr kennt. Die Piraten aber haben erkannt, dass es auf diese Herausforderungen keine leichten Antworten geben kann, weil zumeist nicht einmal die richtigen Fragen gestellt werden.

Die eigentliche Schwierigkeit der traditionellen Politik ist dabei, dass sich die oft widersprüchlichen Dynamiken des Netzes nicht in die klassischen Muster der Parteienlandschaft einfügen lassen. Der neue Freiheitsbegriff, den das Internet geschaffen hat, umarmt sowohl die gesellschaftlichen Gerechtigkeitsideale der Linken als auch die wirtschaftslibertären Ideen der Rechten. Auch dieses Dilemma wurzelt in der Geschichte des Internets, das seine ideologische Wurzeln in Kalifornien hat. Im Spannungsfeld zwischen den gesellschaftlichen Utopien der sechziger Jahre und dem brutalen Fortschrittspragmatismus der Rüstungsindustrie fand die digitale Kultur Wege, mit diesen Widersprüchen zu leben.

Nun kann jeder sich entscheiden, ob er aus diesem Dilemma den positivistischen Schluss eines Al Gore zieht, oder lieber mit den Ängsten spielt, wie von der Leyen und Aigner. In Deutschland haben Politikermit den Ängsten immer Erfolge feiern können. Denn hinter der Scheu vor neuen Technologien verbirgt sich gerade bei Älteren immer noch das Trauma der deutschen Geschichte, in welcher der technische Fortschritt und gerade die Massenmedien des frühen 20. Jahrhunderts von der Nazidiktatur missbraucht wurden.

Die Piraten aber vertreten eine Generation, die diese kollektiven Urängste nicht mehr kennt. Im Gegenteil. Sie gehören zu einer globalen Jugend, für die das Internet nicht nur Mittel ist, sondern auch Identitäts- und Sinnstifter. Wer ihre Werte von radikaler Offenheit und Teilhabe mit vorschnellen politischen Antworten angreift, wird sich auf einen Generationenkonflikt einstellen müssen.

20.10.11 | 08:08 | 2 Kommentare

Die Geschichte des iPhones als Trickfilm

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