05.07.11 | 11:39 | 0 Kommentare

Kann man das Internet zivilisieren?

Debatte auf dem DLD Women mit Anke Domscheit-Berg (opengov.me), Geraldine de Bastion (Digitale Gesellschaft), Dorothee Bär (CSU) und Angelika Niebler (CSU). Moderation Andrian Kreye und Dirk von Gehlen.

30.06.11 | 15:44 | 2 Kommentare

Oans, zwoa…

sepalot

SEPALOT Beat Konducta Bavaria by SEPALOT

via BKLYN.de

13.05.11 | 15:45 | 0 Kommentare

Rhododendron

riekelHin und wieder muss man Pressemeldungen aus Konzernen einfach unbearbeitet publizieren, weil sie in ihrer Prosa eine enorme lyrische Qualität entwickeln:

Der Rhododendron, griechisch für „Rosenbaum“, ist eine klassisch schöne Gartenpflanze und setzt in jedem Beet und jeder Hecke leuchtend bunte Farbakzente. Seit heute trägt eine Rhododendron-Neuzüchtung den Namen der BUNTE-Chefredakteurin Patricia Riekel: Im Garten der Porzellanmanufaktur Nymphenburg in München taufte die Journalistin, die selbst begeistertet gärtnert, die Pflanze. „Für jemanden wie mich, der ohne Garten nicht leben kann, ist es eine besondere Ehre und auch ein großes Glück, dass eine meiner Lieblingspflanzen meinen Namen trägt. Und dass die Blüte dieses Rhododendrons das magische Rot des BUNTE-Logos hat“, so die Taufpatin. „Sie fällt mit ihrer leuchtend roten Blütenfarbe ins Auge und bezaubert die Gartenfreunde damit während ihrer Blütezeit von Mitte bis Ende Mai“, erklärte auch Jan-Dieter Bruns, der geschäftsführende Gesellschafter der Baumschule Bruns. (. . . )  Standesgemäß begoss die BUNTE-Chefin die Pflanze, die nun ihren Namen trägt, feierlich mit Champagner. „In Zukunft werde ich den Rhododendron aber wieder mit Wasser, statt mit Champagner gießen“, ergänzte sie schmunzelnd.

Foto und Text: © Hubert Burda Media

10.05.11 | 19:48 | 0 Kommentare

Doldinger

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(Von Andrian Kreye, Seite 3 vom Mittwoch)  Hin und wieder muss man schon vor einem Gespräch ein paar Dinge klarstellen. Manchmal reicht eine Geste. Klaus Doldinger steht zur Begrüßung mit dem Saxofon um den Hals in seinem Gartenhaus im oberbayerischen Icking, in dem er ein Studio eingerichtet hat. 75 Jahre alt wird Doldinger an diesem Donnerstag. Er trägt immer noch die Pilotenbrille, sein Erkennungszeichen aus den frühen Jahren seiner Gruppe Passport, die Haare halblang, dazu Pulli und Jeans. Über das Mischpult läuft eine jener Übungsplatten, auf denen eine Rhythmusgruppe ohne Solisten spielt.

Dann dieser mächtige Ton des Tenorsaxophons den Raum – es ist eine Art Urgewalt des Jazz. Doldinger dreht eine kraftvolle Improvisation um die Akkordfolgen, bevor das Thema einschlägt. Sieben Fanfarentöne, drei Offbeats – „Seven Steps To Heaven“, das Stück, mit dem Miles Davis 1963 seine wichtigste Zeit als Erneuerer des Jazz einläutete.

Klaus Doldinger mag der berühmteste Saxofonist in der Geschichte Deutschlands sein, weil er die Erkennungsmelodie der „Tatort“-Reihe geschrieben hat, weil seine Soundtracks für „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“ zwei Meilensteine deutscher Kinogeschichte begleiteten, und weil er mit Passport Anfang der siebziger Jahre den betulichen deutschen Krautrock zum Jazzrock von Weltklasse veredelte. Die Geste, einem Gast in ein paar Sekunden zu beweisen, dass er auch eines der anspruchsvollsten Stücke des Modern Jazz souverän beherrscht, ist allerdings ein wenig, als würde ein Boxchampion vor den Augen eines Besuchers „ganz zufällig“ einen Sparringspartner auf die Matte befördern. Und spricht man eine Weile mit Doldinger, wird klar, dass seine Ausflüge in den Rock, in die Filmmusik und in exotische Rhythmen letztlich immer zu jenem Moment zurückführen, als er mit neun Jahren zum ersten Mal in seinem Leben Jazz hörte.

In Schrobenhausen war das, einem Städtchen zwischen Ingolstadt und München, in dem sich heute das Europäische Spargelmuseum befindet, weil der Ort vor allem für dieses Gemüse bekannt ist. Im Frühjahr 1945 war die Familie Doldinger dort bei einem Onkel untergekommen. Aus Berlin waren sie zunächst nach Wien geflohen, hatten die Stadt dann verlassen, als sie schon den Artilleriedonner der heranrückenden Russen hören konnten.  In Schrobenhausen waren die Amerikaner. Da waren sie sicher.

 Es war an einem Tag im Mai, als er am Wirtshaus vorbeikam und aus den geöffneten Fenstern der Gaststube etwas vernahm, das er noch nie gehört hatte. Drinnen spielten GIs eine Swing-Session. „Da war ich, der Junge, der im Dritten Reich aufgewachsen war, der das Schlagzeug nur aus der Marschmusik kannte und aus dem Zirkus. Und plötzlich platzte die Blase“, sagt Doldinger. Der Soldat holte da etwas aus seinen Trommeln und Becken, Synkopen, die das Vierviertelgerüst europäischer Zweckmusik in etwas auflösten, zu dem man nicht die Hacken zusammenschlagen, sondern mit den Zehen wippen konnte. Die Synkopen sollten Doldinger nie wieder loslassen.
 
Was er als neunjähriger Flüchtling entdeckt hatte, wurde für seine Generation die prägende Musik ihrer Jugend. „Das war die Musik der Freiheit“, sagt er. Gesellschaftlich anerkannt war sie deswegen noch nicht. In Düsseldorf, wo es die Familie aus Bayern hinverschlug, spielte er schon als Gymnasiast in Nachtclubs Jazz. 1955 nahm er mit seiner Gruppe Feetwarmers seine erste Platte auf. Doch seine Eltern waren nicht begeistert. Und die Schulleitung sprach ihm 1956 die „nötige Reife“ fürs Abitur ab, das er dann erst ein Jahr später machen durfte.

 Klaus Doldinger studierte dann ganz redlich Musikwissenschaften und Tonmeister. Aber da gehörte er schon zu den Besten. 1960 ging er zum ersten Mal auf Amerikatournee. Drei Jahre später nahm er eine erste Platte mit dem Produzenten Siggi A. Loch auf. Der engagierte Doldinger bald als musikalischen Direktor unzähliger Beatplatten und überredete ihn, unter dem Pseudonym Paul Nero Coverversionen von Pophits einzuspielen. Erste Aufträge für Werbefilme folgten. 1969 die ersten beiden Soundtracks für Kinofilme: für Klaus Lemkes „Negresco“ und Volker Schlöndorffs „Baal“.

  Wenn Klaus Doldinger über seine handwerkliche Arbeit spricht, dann tut er das mit derselben Routine, mit der er rund 200 Fernsehsendungen und Filme vertont hat, mit der er Schlagerplatten für Abi und Esther Ofarim arrangierte und Sampler, die „Bubble Gum Party“ oder „Golden Western Hits“ hießen. „Das sind letztlich Dienstleistungen“, sagt er. Auch wenn Doldinger immer nach Doldinger klang? „Das ist ja gerade die Gnade, dass man sich trotzdem immer etwas Eigenes einfallen lässt.“

Sicher, er hätte auch in die USA gehen können, anstatt mit seiner Frau Inge Beck 1968 in das alte Bauernhaus in Icking zu ziehen. Aber er sah die Kollegen, mit denen er früher gespielt hatte und aufgetreten war, Kenny Clarke, Wayne Shorter, Herbie Hancock, Namen, die in jedem Jazzlexikon stehen. „Die mussten immer noch auf anstrengende Touren gehen oder für ein paar hundert Dollar in den Clubs in New York auftreten.“ Wo die Gäste dann meist noch ein Steak verzehren, während sie der Musik zuhören. Nein – „So gut arbeiten wie in Deutschland kann man nirgends.“ Keinem der amerikanischen Jazzer sei der Spagat gelungen, mit Filmmusik gutes Geld zu verdienen und trotzdem noch live aufzutreten. Nicht in Clubs, sondern in Hallen, von denen es in Deutschland mehr gibt, als in jedem anderen Land.

So blieb er. Und über die Jahre stand der Jazz vielleicht nicht mehr so sehr für die gesellschaftliche Freiheit der Nachkriegsjahre. Dafür hatte er sich die musikalische Freiheit erobert, keine Genregrenzen mehr zu kennen. „Mir war die Authentizität immer das Wichtigste“, sagt er. Erst kamen die Experimente mit lateinamerikanischen Rhythmen, dann der Free Jazz. Und als sich Rock und Jazz zur Fusion vereinten, gründete er gemeinsam mit dem Schlagzeuger Udo Lindenberg die Gruppe Passport.

Passport wurde eine der einflussreichsten Jazzrockgruppen. Und es gibt sie noch immer. Erst neulich hat er hier im Gartenhaus in Icking wieder ein Album aufgenommen. „Inner Blue“ heißt es, und was er da mit der aktuellen Besetzung junger Musiker aufgenommen hat, gehört nach wie vor zum Besten eines Genres, mit dem es die Kritiker nicht immer gut meinten. Dabei treibt und swingt und brilliert er heute vielleicht noch konsequenter als vor vierzig Jahren. Denn das ist die wahre Gnade des Jazzmusikers – im Alter immer besser zu werden, und trotzdem immer bei seinen Wurzeln zu bleiben. Auch wenn die in einem Frühlingstag in Schrobenhausen liegen.

Foto: Universal

01.04.11 | 14:00 | 0 Kommentare

Durchschaut

die-welt-ist-eine-udo

Für seinen internetkritischen Song
klaute Udo Jürgens im Internet

(Aus der SZ vom Donnerstag, von Andrian Kreye) Auf seinem neuen Album „Der ganz normale Wahnsinn“ übt sich Udo Jürgens in Gesellschaftskritik. Er singt gegen das Fernsehen, gegen Reizüberflutung, Anglizismen und in dem Song „Du bist durchschaut“ gegen das Internet. Die lustigste Stelle in diesem Lied lautet: „Die Welt ist eine Google“. Diese Zeile ist aber nicht von Udo Jürgens oder seinem Texter Wolfgang Hofer, sondern von dem SchriftstellerPeter Glaser. Sie war am 13. April 2005 Überschrift für einen Eintrag auf seinem „Glaserei“-Blog.

Nun ist dieses Plagiätchen im Rahmen des Zitatrechts durchaus legitim. Ob man das Zitat als solches kennzeichnet, wäre keine Frage der Tantiemen, sondern der Höflichkeit. Eine gewisse Ironie steckt allerdings in diesem Fall, ist Glaser doch einer der wichtigsten deutschsprachigen Internet-Denker, der den Satz so ganz anders gemeint hat.

Peter Glaser äußerte sich der SZ gegenüber übrigens versöhnlich: „Wir müssen freundlich zu Udo sein, weil meine Mutter ein großer Udo-Fan ist.“ Er sagte auch, dass schon jemand vor ihm auf das Wortspiel kam. Und für alle Fälle mailte er dann noch ein paar Zeilen, die er allen Textschmieden zum freien Zitat zur Verfügung stellen würde: Unverpixelte Gesichter: Fressefreiheit. Unfall auf der Datenautobahn – zwei Schwervernetzte. Wörter zu Fluchscharen. Sag zum Abschied leise Service.

*** Blog Bonus - die komplette Wortspielliste von Peter Glaser:

Wir wollen nicht spalten - wir wollen versöhnen, vertöchtern, veronkeln, vertanten, verneffen und vernichten

Unfall auf der Datenautobahn. Zwei Schwervernetzte.

Facebook ist wie Berlin, überall tritt man in Hundecode 

Vulkane sind Berge, die sich nicht benehmen können. 

Fashion Week: Fahr zur Hülle, Liebling

Mehrtürer im Islam

Berlinale. Hotels mit Ruhmservice.

Schatz, haben wir noch was für die Alkaidasammlung?

Unverpixelte Gesichter: Fressefreiheit 

Nein, Tapete ist kein Traumreiseziel in der Südsee 

Reichdumm

Neues von der Schweinegrippe um 14 Uhr in der Tagessau.

Löschen: Bei Goethe hätte das noch ein zarter Mädchenname sein können.

Die Welt ist eine Schreibe

Das Internet muß Saubär bleiben

Wenn das Volk zurücktritt, wird es unangenehm für die Regierenden.

Man darf die Menschen nicht mit ihren Engsten allein lassen

Ouzo-generated Content

Projekt Guttenberg: freier Zugriff auf das Wissen

Zwei Karten für Gaddafi-Ansprache günstig abzugeben

Wörter zu Fluchscharen

Der Untergag: Das N ist nah!

Rotweinflecken am Teppich: Nachkomastellen

Ave, Caesar, Moratorium te salutant

Abgefahren: die Privatfähre

Sag zum Abschied leise Service

Glaserfaselkabel

 

Abb.: Glaserei

25.02.11 | 13:25 | 0 Kommentare

Check Your Feindbild (Holofernes und die Bild)

RP RUECKBLICK

Deutlich - Judith Holofernes Absage auf Jung von Matts Anfrage, ob sie und ihre Band Wir sind Helden nicht für die Bildzeitung werben wollen (siehe unten).

Eigenartig - dass Holofernes nun in einem fiktiven Antwortbrief der Agentur in den Kommentarspalten von jetzt.de (hier übrigens die Stellungnahme von jetzt.de zur Aufregung all der Medien, die die Satire als fakt nahmen) trotz der zweifachen ironischen Brechung als "weltverbesserische Neofeministin" belächelt wird. Was zeigt, dass die Rebranding-Bemühungen der Springer AG als Hipsterkonzern mit Berlin-Mitte-Credibility gut greifen. Das hat das Haus vor allem durch den Ankauf diverser Popliteraten, Kunsthipster, der Personal-Konkursmasse von Vanity Fair und des einstigen Zentralorgans der amerikanischen Pop-Linken "Rolling Stone" sowie durch die Stilisierung des Bild-Chefs als Popstar des deutschen Digitalismus betrieben. Nun hört man immer öfter. Dass "die ja auch nicht mehr so sind". Die sind allerdings immer noch so. Ganz weit rechts aussen. Jetzt nur bunter.

Die Anfrage

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind als Werbeagentur mit der aktuellen BILD-​Kampagne betraut, in der wir hochkarätigen Prominenten eine Bühne bieten, ihre offene, ehrliche und ungeschönte Meinung zur BILD mitzuteilen.

Derzeit planen wir die nächste Produktionsphase für Frühjahr 2011. Die neu zu produzierenden TV- und Kinospots sowie Plakat-​ und Anzeigenmotive sollen die bestehenden Motive von Veronica Ferres, Thomas Gottschalk, Philipp Lahm, Richard von Weizsäcker, Mario Barth u.v.m. ergänzen.

Für diese Fortführung der Kampagne möchten wir sehr gern “Wir sind Helden” gewinnen.

Das schöne an der Kampagne ist, dass sie einem guten Zweck zu Gute kommt. BILD spendet in Namen jedes Prominenten 10.​000,- Euro an einen von Ihnen zu bestimmenden Zweck.

Lassen Sie uns gern telefonieren und die Details besprechen. Zur Detailinformation senden wir Ihnen bereits heute anbei einige weiterführende Informationen.

Ich freue mich dazu von Ihnen zu hören.
Herzliche Grüße aus Hamburg,
Jung von Matt/Alster Werbeagentur GmbH

Unsere Antwort

Liebe Werbeagentur Jung von Matt,

bzgl. Eurer Anfrage, ob wir bei der aktuellen Bild -​Kampagne mitmachen wollen:

Ich glaub, es hackt.

Die laufende Plakat-​Aktion der Bild-​Zeitung mit sogenannten Testimonials, also irgendwelchem kommentierendem Geseiere (Auch kritischem! Hört, hört!) von sogenannten Prominenten (auch Kritischen! Oho!) ist das Perfideste, was mir seit langer Zeit untergekommen ist. Will heißen: nach Euren Maßstäben sicher eine gelungene Aktion.

Selten hat eine Werbekampagne so geschickt mit der Dummheit auf allen Seiten gespielt. Da sind auf der einen Seite die Promis, die sich denken: Hmm, die Bildzeitung, mal ehrlich, das lesen schon wahnsinnig viele Leute, das wär schon schick… Aber irgendwie geht das eigentlich nicht, ne, weil ist ja irgendwie unter meinem Niveau/evil/zu sichtbar berechnend… Und dann kommt ihr, liebe Agentur, und baut diesen armen gespaltenen Prominenten eine Brücke, eine wackelige, glitschige, aber hey, was soll's, auf der anderen Seite liegt, sagen wir mal, eine Tüte Gummibärchen. Ihr sagt jenen Promis: wisst ihr was, ihr kriegt einfach kein Geld! Wir spenden einfach ein bisschen Kohle in eurem Namen, dann passt das schon, weil, wer spendet, der kann kein Ego haben, verstehste? Und außerdem, pass auf, jetzt kommt's: ihr könnt sagen, WAS IHR WOLLT!

Und dann denken sich diese Promis, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, irgendeine pseudo -​distanziertes Gewäsch aus, irgendwas “total Spitzfindiges”, oder Clever-​ Unverbindliches, oder Überhebliches, oder… Und glauben, so kämen sie aus der Nummer raus, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Und haben trotzdem unheimlich viele saudumme Menschen erreicht! Hurra.

Auf der anderen Seite, das erklärt sich von selbst, der Rezipient, der saudumme, der sich denkt: Mensch, diese Bild -​Zeitung, die traut sich was.

Und, die dritte Seite: Ihr, liebe jungdynamische Menschen, die ihr, zumindest in einem sehr spezialisierten Teil eures Gehirns, genau wisst, was ihr tut. Außer vielleicht, wenn ihr auf die Idee kommt, “Wir sind Helden” für die Kampagne anzufragen, weil, mal ehrlich, das wäre doch total lustig, wenn ausgerechnet die…

Das Problem dabei: ich hab wahrscheinlich mit der Hälfte von euch studiert, und ich weiß, dass ihr im ersten Semester lernt, dass das Medium die Botschaft ist. Oder, noch mal anders gesagt, dass es kein “Gutes im Schlechten” gibt. Das heißt: ich weiß, dass ihr wisst, und ich weiß, dass ihr drauf scheißt.

Die BILD -​Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-​Kulturgut und kein harmloses “Guilty Pleasure” für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Lifestyle-​Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild -​Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Hassgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines eigentlich viel schlaueren Deutschlands.

Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument — nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.

In der Gefahr, dass ich mich wiederhole: ich glaub es hackt.

Mit höflichen Grüßen,
Judith Holofernes

Foto: AP

15.02.11 | 13:06 | 2 Kommentare

Das Netz!

Kleine Auswahl aus den ersten Titeln, wenn man auf der deutschen Amazon-Seite den Begriff "Internet" eingibt:

Privat war gestern: Wie Medien und Internet unsere Werte zerstören
Lexikon der Internetfallen: Was Ihnen im Internet blühen kann und was Sie dagegen tun können
Vorsicht Internet!: Anonym surfen und sicher kommunizieren im Netz
Ich bin dann mal offline: Ein Selbstversuch. Leben ohne Internet und Handy –
Sicher im Internet - Tipps und Tricks für das digitale Leben
Sicher und ohne Risiko ins Internet
Im Netz: Tatort Internet - Kinder vor sexueller Gewalt schützen
The Shallows: What the Internet is Doing to Our Brains
Cyberwar: Das Internet als Kriegsschauplatz
DIGITAL IST BESSER: Warum das Abendland auch durch das Internet nicht untergehen wird
Wenn Schüler im Internet mobben: Präventions- und Interventionsstrategien gegen Cyber-Bullying
1000 Gefahren im Internet
Generation Porno: Jugend, Sex, Internet
Wozu noch Journalismus?: Wie das Internet einen Beruf verändert
Achtung: Patient online!
Karrierefalle Internet. Managen Sie Ihre Online-Reputation, bevor andere es tun!
Selbstmord Internet: Beiträge und Hintergründe. Jugendliche melden sich zu Wort
Falsche Freundschaft. Gefahr aus dem Internet
Liebe ohne Grenzen: Das Phänomen der russischen Frauen im Internet
Rufmord im Internet. So können sich Firmen, Institutionen und Privatpersonen wehren

13.02.11 | 15:50 | 3 Kommentare

Eine Märchenfigur

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Eine sehr persönliche Erinnerung an den Entertainer Peter Alexander

Peter Alexander ist tot. Für die heute Erwachsenen zwischen vierzig und sechzig wallen bei dieser Nachricht Kindheitserinnerungen auf. Ein unbestimmtes wohliges Gefühl schlägt einem da in den Reaktionen entgegen, ganz ähnlich wie dieses Wohlgefühl der Jüngeren, das Florian Illies im ersten Kapitel seines Bestsellers "Generation Golf" bei seinen Erinnerungen an kindliche Fernsehabende im vorgewärmten Frotteehandtuch vor Thomas Gottschalks Wetten, dass ..? beschrieb. Das Wohlgefühl wird es dann auch sein, was von ihm bleiben wird, neben Graf Bobby, und "Im Weißen Rößl", neben Hits wie "Badewannentango", "Heidschi Bumbeidschi" und "Die kleine Kneipe", neben den Fernsehjahren zwischen 1963 und 1995, in denen er mit seiner Show im ORF und ZDF Sehbeteiligungen von bis zu 71 Prozent verbuchte.


War man in den sechziger Jahren Kind einer bildungsbürgerlichen Familie, gehörte Peter Alexander eigentlich zu jener Sorte Pop, der man höchstens im Autoradio begegnete. Und doch hatte Peter Alexander gerade im Deutschland der Fünziger und Sechziger Jahren eine Rolle, die weit über seine Filmfiguren und Schlagererfolge hinausging. Als Kind hätte man die nie begriffen, doch was von der kurzen Begegnung in einem Fernsehstudio an einem Nachmittag im Jahre 1967 hängenblieb, bestätigt im Rückblick noch heute, was seine eigentliche Leistung war.

Sicher, die Eltern hörten wenn überhaupt mal Pop nur Angelsächsisches wie die Beatles und die Stones. Immerhin wohnte man in Schwabing, da hatten die Krawalle schon fünf Jahre zuvor der bürgerlichen Kultur den Krieg erklärt. Doch damals war München nicht nur Zentrum neuer Subkulturen, sondern auch eine glamouröse Weltstadt, die auf der Reiseroute der Stars so selbstverständlich lag, wie Paris, New York und Saint Tropez.

Die junge Mutter und Bildjournalistin, die ihren Sohn damals oft zu Fototerminen mitnahm, war in ein Fernsehstudio bestellt. Peter Alexander nahm eine Revue dort auf, in der auch Tiere auftraten. Ein zahmer Leopard etwa, der sich fügsam von jenem Herrn streicheln ließ, der so überaus freundlich und elegant im Scheinwerferlicht saß. Charisma, Charme und Dialekt waren sicherlich keine Begriffe, mit denen man als Vierjähriger etwas hätte anfangen können. Aber einen so eleganten Herrn, dem die exotischen Tiere so offensichtlich dienstbar waren, und nicht umgekehrt, wie in Zoo und Zirkus, hatte man noch nie gesehen.

Was blieb, war das Echo einer wunderschönen Sprache. Ein wunderbar federnder Rhythmus, eine Wärme in den sonst so harten Konsonanten und so eine Grundlächeln im Ton wirkten da auf den naiven Kleinen wie die Begegnung mit einer Märchenfigur. Und als er schließlich nach geduldigem Posieren wieder von dannen ging, als er sich mit einem ungewohnten Gruß von der Mutter und mit einem gutmütigen Kopftätscheln vom Kleinen verabschiedete, hatte er schon jene Wirkung getan, mit der er so viele bezauberte, die den Gassenhauern und den braven Witzen, die er so meisterhaft beherrschte, eigentlich nichts abkonnten.

Man sprach ja damals nicht darüber, aber Peter Alexander war der Mann, der den Deutschen wieder erlaubte, sich selbst, ihre Heimat und ihre Sprache zu lieben. Eben weil er kein Deutscher war. Der Wiener Dialekt nahm der deutschen Sprache die Schärfe, die sich so brutal ins kollektive Bewusstsein ihrer Zeit gerammt hatte. Sein spitzfindiger Humor gab seiner sentimentalen Heimatliebe etwas Leichtfüßiges, da durfte einem beim Anblick der majestätischen Berge und lieblichen Sommerlandschaften das Herz aufgehen, ohne dass die grauenerregenden Besitzansprüche an Land, Blut und Boden aufkochten, die aus Europa die Hölle gemacht hatten. Zwar hatte er Richard Wagner verehrt, als er nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1946 am Max Reinhardt Seminar Schauspiel studierte. Doch es war die Operette, mit der er zum Superstar reüssierte.

Für die Deutschen war Peter Alexander sicherlich eine Flucht aus der Vergangenheit in eine zeitlose Unschuld, die es vielleicht nie wieder geben durfte. Doch gerade deswegen konnte er an seiner Rolle als Superstar eines unbelasteten Eskapismus so ungestört wachsen. In Österreich selbst hatte er ja schon früh fast übermenschliche Züge angenommen. Da war er die einheimische Wiederkehr des überseeischen Frank Sinatra, den er so bewunderte. Er war der erste, der in Smoking und Fliege die große Welt des Entertainments in die Studios des ORF brachte und sie dort mit so souveränem Gestus präsentierte. Die wenigen subversiven Kanten, die er sich vom "Rat Pack" in Las Vegas abschaute, kamen in Deutschland ja kaum zum Tragen. Da verstand man die Größe nicht, mit der er Hans Moser imitierte, oder die diebische Freude, mit der er die Adels- und Hofratskultur der Österreicher mit seinen Witzen vom trotteligen Graf Bobby aushebelte.

Als er 1976 mit "Die kleine Kneipe" die Volkskultur der Deutschen zum sentimentalen Radio-Augenblick veredelte, war er in beiden Ländern schon zur Inkarnation des Konsens geworden. Rock'n Roll und 1968 waren fast spurlos an ihm vorübergegangen. Seine harmlosen Zugeständnisse an den antiautoritären Kern der wilden Jahre in Komödien wie "Zum Teufel mit der Penne" und "Hurra, die Schule brennt" rückten ihn eher in die Nähe des betulichen Heinz Rühmann, als seine listige Graf-Bobby-Subversionen weiterzuführen. Peter Alexander war der Star, auf den sich Kinder, Eltern und Großeltern einigen konnten, wenn der Generationenkonflikt wie in so vielen Familien über den Musikgeschmack ausgetragen wurde.

Da kam ihm vor allem seine Stimme zu Hilfe, ein heller Tenor mit einem seltenen Drall. Der weckt einen ganz simplen Reflex im Hörer, der so ähnlich wirkt, wie das ansteckende Gähnen. Hört man beispielsweise den "Badewannentango", dann versucht der Kehlkopf unbewusst, Peter Alexanders Stimmbewegungen nachzuahmen. Und weil sein Drall wie die Muskelkontraktion wirkt, die gleich ein Lachen auslösen wird, drängt sich beim schlichten Lied diese gute Laune auf, die nur Melancholiker als aufdringlich empfinden.

Am vergangenen Samstag ist Peter Alexander in Wien verstorben. An diesem Montag soll er neben seiner Frau Hilde in einem Familiengrab im Wiener Stadtteil Grinzing bestattet werden. Er wurde 84 Jahre alt.


03.01.11 | 21:40 | 3 Kommentare

Atlas der Vorurteile

Europe According to Germany

Der bulgarische Designer Yanko Tsvetkov hat einen europäischen Atlas der Vorurteile gestaltet. Der recht gut illustriert, dass Kartographie letztlich doch ein sehr subjektives Handwerk ist.

Abb.: "Europe According to Germany" von Yanko Tsvetkov. Große Version - hier.

30.12.10 | 19:00 | 0 Kommentare

Neuland (das digitale 2010)

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(Aus der Neujahrsausgabe der SZ) Selten wurde in Deutschland so viel über neue Medien und digitale Kultur diskutiert, wie im Jahr 2010. Das hatte weniger etwas mit neuen Technologien zu tun, als mit dem unaufhaltsamen Siegeszug der drei Weltkonzerne Apple, Facebook und Google. Alle drei Konzerne versuchen derzeit, im bisher offenen Internet in sich geschlossene Systeme zu schaffen. In Zukunft, so die Visionen der drei Konzerne, soll man all die Alltagsgeschäfte, die man bisher über Telefongesellschaften, Fernsehkabelanbieter, Internet-Provider, Buchhandlungen, Plattenläden, Videoverleihe, Versandhäuser und Post abwickelte, mit einer einzigen digitalen Firma tätigen. Entsprechend forsch gingen die drei Konzerne dieses Jahr vor.
Betrachtete man diese Debatten von außen, wurde man trotzdem den Eindruck nicht los, dass sich kein wohlhabendes Land so sehr gegen die digitalen Veränderungen sträubt wie Deutschland. Nirgendwo ließen so viele Menschen ihre Wohnstatt im digitalen Kartendienst Google Streetview verpixeln, nirgendwo führte eine Bundesministerin wie Ilse Aigner einen Feldzug gegen den laxen Datenschutz des sozialen Netzwerks Facebook, nirgendwo erregte man sich so darüber, dass die Iphones des Apple-Konzerns einen laufenden Datenstrom versenden, der auch an die Werbewirtschaft geleitet wird.
Einer der wichtigsten Gründe, warum die Debatten um das Internet in Deutschland leidenschaftlicher geführt werden als in anderen Wohlstandsländern, ist, dass mit den digitalen Konzernen und den deutschen Bürgern zwei unterschiedliche Weltsichten aufeinanderprallen. Auf der einen Seite steht da eine neue Generation amerikanischer Unternehmer. Die Männer und wenigen Frauen, welche die digitalen Konzerne prägen, sind durchweg jung und vom euphorischem Eifer getrieben, Neuland zu erobern, für das es weder Erfahrungen noch Regeln gibt. Das ist nichts anderes, als klassische amerikanische „Entrepreneurship“, ein Unternehmergeist, der sich im Internet in einer enormen Geschwindigkeit entfalten kann. Dabei darf man nicht vergessen –digitalen Medien haben zwar wie jede neue Technologie gute und schlechte Seiten. Doch bisher überwiegen die guten Seiten deutlich.

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Selbst der Streitfall Google Streetview ist keinesfalls der Versuch eines sinistren Konzerns, weltweit den öffentlichen Raum zu ursupieren. Google Streetview ist nichts anderes als eine neue technisch hochentwickelte Form der Kartographie. Die verwenden auch andere. Die deutsche Firma sightwalk.de hat beispielsweise ebenfalls ganze Städte mit Rundumkameras abfotografiert und diese dreidimensionalen Straßenkarten ins Netz gestellt. Allerdings verwirklicht niemand digitale Projekte mit einer solchen Konsequenz und Perfektion wie Google. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Firma erstens über die Mittel und zweitens über den euphorischen Unternehmergeist verfügt.

Doch es war vor allem das soziale Netzwerk Facebook, das deutlich machte, dass man im Internet als Individuum und Konsument eine neue, eine digitale Identität hat. Plattformen wie Facebook, Google, aber auch Apple oder der Internetversandhandel Amazon zerlegen jeden Menschen in unzählige Informationseinheiten, die als Datenpakete eine Art digitales Ich schaffen. Dieses Ich ist Ware und Währung, mit der man all die Dienste bezahlt, die im Internet bisher noch kostenfrei sind. Die moderne Kartographie aber auch die Suchmaschine bei Google etwa, die Struktur des sozialen Netzes von Facebook, unzählige Sonderfunktionen des Apple Iphones. Und je mehr man von sich preisgibt, desto besser funktionieren diese digitalen Netzwerke.

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Doch gerade diese Funktionalität weckte die kollektiven Ängste der Deutschen, die in den Katastrophen der Vergangenheit wurzeln. Es ist ja nur zwei Jahrzehnte her, dass die Einparteiendiktatur der DDR unterging und mit ihr ein Geheimdienst, der nicht nur jeden Winkel des Alltags, des Berufslebens und sogar der Freundeskreise und Familien durchdrang. Es waren ja gerade solch alltägliche Banalitäten, wie sie die digitalen Netzwerke sammeln, aus denen die Stasi ihre Profile erstellte.
Mal ganz zu schweigen vom Schreckensregime der Nationalsozialisten. Die bereiteten ihren Aufstieg zur mörderischen Diktatur genau mit jenen Dingen, die in der digitalen Kultur derzeit so gefeiert werden – mit neuen Medien, mit Populärwissenschaft, Hochtechnologie und Popkultur. Bei Apple, Google und Facebook gibt es jedoch keine Feineinstellung für unterschiedliche Kulturen und Mentalitäten. Im Internet sind alle Menschen gleich. Das hat viele Vorteile. Die Missverständnisse, die daraus entstehen, sind allerdings ebenfalls Neuland, das es zu erobern gilt.

Fotos: Google Street View Blog von Jon Rafman

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