10.01.13 | 19:30 | 0 Kommentare

Macht der Biografie

(Von Andrian Kreye) Jeder Wahlkampf kann auch zu einem Wettbewerb der Biografien werden. Jetzt hat der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel der Wochenzeitung Die Zeit seine Geschichte erzählt: wie er sein Leben lang unter seinem Vater leiden musste, der ihn als Kind der geschiedenen Mutter entziehen wollte, der ein Tyrann war, vor allem aber ein unverbesserlicher Nazi. Wie Gabriel deswegen immer der Zorn packt, wenn er etwas als ungerecht empfindet. Und wie er als Jugendlicher Freiwilligendienste in den KZ-Gedenkstätten von Auschwitz und Majdanek verrichtete.


Nun ist Sigmar Gabriel kein Kandidat. Nach dem Lesen der Geschichte findet man das schade. Denn in Gabriels Biografie steckt der Kern der deutschen Nachkriegsgeschichte, in der sich jede Familie mit ihrer Vergangenheit während der NS-Jahre befassen musste, in der sich die 68er an ihren Vätern und die 89er an ihren Großvätern abarbeiteten – und in der dieser Vergangenheit niemand je entkommen konnte, egal wie sehr er sich für Gerechtigkeit und Wahrheit engagierte.


Es ist plausibel, dass Gabriel Zeit brauchte, die Last seiner Kindheit und des Nazi-Vaters zu verarbeiten, bevor er sie mit der Öffentlichkeit teilen konnte. In Amerika hätte so eine Geschichte zu so einem Zeitpunkt allerdings garantiert eine Funktion: Ihre Hauptfigur würde sich – zum Beispiel – angesichts des angeschlagenen Spitzenkandidaten auf der Ersatzbank positionieren. Oder den Spitzenkandidaten als Sympathieträger flankieren. Oder ihre eigene Kandidatur für die nächste Wahl vorbereiten.


Als es noch darum ging, wer für die´SPD ums Kanzleramt kämpfen soll, hatte Gabriel seine Distanz zum sterbenden Vater geschadet. Weil diese Biografie
aber so exemplarisch für das kollektive gestörte Verhältnis zur eigenen Herkunft steht, wird sie Wirkung haben, selbst dann, falls dies nicht beabsichtigt war.
Es ist zwar nicht so, dass deutsche Politiker das Spiel mit der eigenen Biografie immer verweigert hätten. Willy Brandts antifaschistische Jugend, Helmut Kohls Wurzeln in der Provinz und Gerhard Schröders ärmliche Kindheit als Dörfler waren auch politisches Kapital. Noch aber ist die Biografie als politisches Instrument in Deutschland ein amerikanischer Import.


Auch dort ist diese Biografisierung des Wahlkampfs ein eher neues Phänomen. John F. Kennedy Anfang der sechziger Jahre und Ronald Reagan Anfang der Achtziger benutzten ihre Familien noch als politische Requisiten. George Bush der Ältere gab sich verschlüsselt. Erst Bill Clinton operierte als Präsidentschaftskandidat offensiv mit seiner Familiengeschichte.
Während seines ersten Wahlkampfs fand man sich dann mit etwas Glück im Wohnzimmer seiner wohl-ondulierten Mutter im tiefsten Arkansas, durfte Zierteller mit Rennpferden und Elvis bestaunen und bekam Pulverkaffee und staubige Kekse serviert. Man erfuhr von ihr, wie sie ihn alleine aufziehen musste, wie hart die Arbeit als Krankenschwester war und wie der junge Bill sie vor dem trunksüchtigen Stiefvater schützte. Zu einem Zeitpunkt, als sich sein Gegner George Bush Sr. gerade als weltfremder Elitenmensch entlarvt hatte, weil er bei einem Supermarktbesuch eine Scannerkasse nicht erkannte, wurde klar: Bill Clinton ist ein Mann des Volkes. Von ganz unten.

Barack Obama ging noch offensiver mit seiner Lebensgeschichte um. Er schrieb zwei Autobiografien und stand als Harvard-Absolvent und Sohn eines Kenianers und einer englischstämmigen Amerikanerin schon früh für die USA des 21. Jahrhunderts, in denen man es mit Bildung weit bringen kann und in denen ethnische Unterschiede keine Rolle mehr spielen.

Ob er es nun wollte oder nicht, mit seiner Geschichte vom geplagten, sozialdemokratischen Nazi-Sohn hat Sigmar Gabriel eine der emotional überzeugendsten Politikerbiografien skizziert. Zwischen dem soliden Kompetenz-Charisma der Kanzlerin und dem immer schwieriger zu vermittelnden Macht-Charisma Peer Steinbrücks steht Sigmar Gabriels Geschichte wie ein Mahnmal für Authentizität. Die hat weder für das Kindergeld, die Rentengerechtigkeit oder die Eurokrise irgendeine Bedeutung. Und doch könnte sie einen neuen Maßstab in der deutschen Politik setzen.

Weil dieser Maßstab rein emotional ist, wird man genau beobachten müssen, welche Wirkung die Geschichte entfaltet. Es ist gut möglich, dass ein Dilemma in die deutsche Politik Einzug hält: Einerseits lenken emotionale Biografien von den Inhalten ab, andererseits machen sie aber dem Wähler den Kandidaten viel deutlicher. Da aber steckt beides drin – die Gefahr des Populismus und der Ausweg aus der Tristesse der Parteien.

Foto: Hannibal Hanschke/DPA

07.11.12 | 17:00 | 3 Kommentare

Eine deutsche Liebe

Warum Obama nirgendwo so sehr verehrt wird wie hierzulande


(Von Andrian Kreye) Der Staat, in dem Barack Obama den mit Abstand höchsten Stimmenanteil hatte, durfte leider nicht wählen. 91 Prozent der Bürger der Bundesrepublik Deutschland hätten laut ARD für Obama gestimmt. Der Anteil für Romney war unter Einberechnung der Politikverweigerer und pathologischen Phlegmatiker statistisch kaum noch messbar. Schaut man sich die Onlinezahlen an, wurde die Wahlnacht in Deutschland so begeistert verfolgt wie einst die Mondlandung oder Boxkämpfe von Muhammad Ali. Es gab in beiden Wahlkämpfen sogar einige deutsche Bürger, die sich nach Amerika aufmachten, um dort in einer der freiwilligen Helferschaften Obamas auszuhelfen.

Mal ehrlich – wer würde für das Duell Merkel-Steinbrück die Nacht durchmachen? Wie viele Begeisterte würden sich hierzulande freinehmen, um freiwillig Ochsentouren im Dienste des Wahlkampfs auf sich zu nehmen? Auf die Frage, warum er sich nicht für einen Politiker im eigenen Land so engagiere, meinte ein deutscher Obama-Helfer, da gäbe es halt niemanden, der einen so begeistern könne.

Die deutsche Begeisterung für Obama hat etwas Skurriles, greift aber vor allem zwei historische Strömungen auf. Da ist zum einen die Sehnsucht nach dem Amerika des 20. Jahrhunderts, das als Vorbild der freien Welt den Weg in eine bessere Welt freischaufelte. Das waren die ersten Versuche einer sozialen Marktwirtschaft, die Franklin D. Roosevelt nach der großen Wirtschaftskrise mit seinem New Deal in der amerikanischen Gesellschaft verankerte, während Europa in Diktatur und Krieg versank. Das war Amerikas beherztes Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg, das Europa vor dem totalen Untergang bewahrte. Das waren aber auch die Jahre der Bürgerrechtsbewegung mit der Lichtgestalt John F. Kennedy und diesem ebenso unwiderstehlichen Kulturpaket aus Beatniks, abstrakter Malerei und Rockmusik.

Obama hat einige dieser historischen Fäden aufgenommen. In seiner Amtszeit hat er die Rolle der Frau politisch gestärkt, das Gesundheitssystem reformiert, er hat sich an der letzten Front der Bürgerrechtskämpfe für die Rechte von Schwulen eingesetzt, den Irakkrieg beendet und den Abzug aus Afghanistan eingeleitet. Vor allem aber hat er einen europäischen Geist in die amerikanische Politik gebracht, der von Solidarität und Mitgefühl geprägt ist. Deswegen hassen ihn viele Amerikaner so leidenschaftlich, wie ihn die Deutschen lieben.

Die negative Auslegung dieser Liebe ist allerdings eine unangenehme Mischung aus Antiamerikanismus und Philorassismus. Seit dem Beginn der konservativen Revolution mit Richard Nixons Präsidentschaftswahlsieg von 1968 definierte sich die europäische, aber vor allem die deutsche Volksseele immer stärker als Antipode zum Sozialdarwinismus und Großmachtstreben der USA.

Die Wahl eines schwarzen, vermeintlich linken Präsidenten sah man als so etwas wie Buße und Wiedergutmachung der amerikanischen Nation nach den finsteren Bush-Jahren. Da war es egal, dass Barack Obama im deutschen Parteiensystem wahrscheinlich im konservativen Flügel der FDP landen würde. Kaum jemand scherte sich darum, dass in den USA ein erbitterter Klassenkampf den Rassismus seine Rolle als zentralen gesellschaftlicher Konflikt abgelöst hat, und dass Obama mit seinen Beratern aus dem Umfeld der Investmentbanken und seiner Nähe zur Wall Street dabei keineswegs eine bürgernahe Rolle spielte.

Man muss sich die Meme im deutschen Internet ansehen, um den philorassistischen Kern zu erkennen – Obama als Jazzer, in Rapperpose oder beim Gangstergruß. Das alles sind Gesten und Welten, die mit dem Magna-cum-Laude-Absolventen aus Harvard und letztlich auch mit der Realität des schwarzen und post-ethnischen Mittelstandes, aus dem er stammt, so viel zu tun haben, wie die ostdeutschen Rockstars von Rammstein mit der ostdeutschen Politikerin Angela Merkel. Das Schlüsselzitat seiner Siegesrede "The best is yet to come" war ja dann dieses Jahr auch von Frank Sinatra, nicht von Jay Z.

Natürlich verkörpert Obama auch etwas von jenem Cool, das in seinen Anfängen eine subversive Haltung des Modern Jazz war. Für die Afroamerikaner war seine Wahl ein historischer Moment, mit dem der Kampf, den Martin Luther King begonnen hatte, seinen Marsch durch die Institutionen abschloss. Der Clou ist aber gerade, dass in der immer farbenblinderen amerikanischen Gesellschaft Obamas Hautfarbe gar keine Rolle mehr spielt.

Wollte man das Argument auf die rhetorische Spitze treiben, könnte man noch erwähnen, dass für Europa das Leben mit Präsidenten aus der Reihe der Republikaner meist viel einfacher war. Es war die Doktrin des republikanischen Präsidenten Dwight Eisenhower, die über Europa den Schutzschirm der USA aufspannte, unter dem sich Deutschland ganz auf sein Wirtschaftswunder konzentrieren konnte. Es waren Ronald Reagan und George Bush Senior, die mit dem Gleichgewicht des Schreckens dafür sorgten, dass der Kalte Krieg nicht heißlief. Und selbst George W. Bush und seine Neocons führten ihre Kriege für die gesamte G 20 – und somit auch für die deutsche Wirtschaft, selbst wenn man das nicht wahrhaben will.

Obama aber wird Deutschland in die teure außenpolitische Pflicht nehmen. Er wird die Konkurrenz mit der EU in Asien und Afrika verschärfen. Und er wird die Wall Street weiter gegen den Euro wetten lassen. Nun gut, die deutsche Liebe zu Obama ist eine moralische und emotionale, keine pragmatische Angelegenheit. Doch genau das ist ein amerikanischer Import, ohne den man hier gut leben könnte. In den US-Wahlkämpfen haben Moral und Emotion das Argument schon vor Jahren ersetzt. Das war eine Erfindung von George W. Bushs diabolischem Strategen Karl Rove, der erkannte, dass man Wähler nicht überzeugen, sondern mobilisieren muss. Das aber ist nichts anderes als das Ende der Politik im Populismus.

Illustration: JC Pagan/Barack Obama's Jazz

26.09.12 | 20:44 | 1 Kommentar

Vom Leben unter Drohnen







Wenn Kriegsmaschinen autonom handeln, brauchen sie einen eigenen Moralkodex - die 'Roboethics'

(Von Andrian Kreye) Der Traum vom sauberen, gerechten Krieg sieht so aus: Ein Kampfroboter spürt zu Lande, Wasser oder aus der Luft den mörderischen Akteur einer Terrororganisation oder einer feindlichen Truppe auf, identifiziert ihn und tötet ihn mit einem gezielten Schuss. Mögliche Kollateralschäden - äußerst gering. Risiko für die eigene Truppe - null. Programmiert man den Kampfroboter zusätzlich mit dem Regelwerk der Genfer Konventionen, hat man den bestmöglichen Soldaten gefunden. Der macht keine Fehler, kennt keine Angst, keine Erschöpfung und vor allem keine Emotionen. Diese Kämpfer sind natürlich längst im Einsatz - amerikanische Drohnen vom Typ Predator (Raubtier) und Reaper (Sensenmann), die über Jemen und dem Irak, über Somalia, Libyen, Afghanistan und vor allem Pakistan eingesetzt werden. Geht es nach dem Wehrbeauftragten des Bundestags, Hellmut Königshaus, verfügt auch die Bundeswehr bald über solche bewaffneten Flugkörper.

Eine Studie, die am vergangenen Dienstag gemeinsam von der Stanford und der New York University veröffentlicht wurde, will nun das Idealbild vom chirurgisch präzisen Drohnenkrieg zerschlagen. Für die Arbeit mit dem Titel 'Living under drones' (Unter Drohnen leben, im Netz abrufbar unter der Webadresse http://livingunderdrones.org) sprachen die Rechtswissenschaftler Sarah Knuckey und James Cavallero in Pakistan mit Bewohnern der Haupteinsatzgebiete der Drohnen in den Stammesgebieten von Wasiristan, mit Augenzeugen der Angriffe und mit Angehörigen von Einsatzopfern.

In ihrem ausführlichen Bericht erzählen sie von zahllosen Angriffen auf Zivilisten, vor allem von einer 'Wolke der Angst', die über den Stammesgebieten laste. Rund um die Uhr wären die Drohnen im Tiefflug unterwegs, meist nur für Aufklärungsmissionen, doch niemand wisse, wann und wo die omnipräsent surrenden Flugkörper ihre Zielvorrichtung gen Boden senken und eine ihrer Hellfire-Raketen abschießen.

3300 Tote gab es seit 2004 vermutlich, die meisten Zivilisten, davon 176 Kinder. Vor allem aber würden die Drohnen nach dem 'Double tap'-Strategie vorgehen, also auf ein schon getroffenes Ziel einen zweiten Angriff fliegen, um Nothelfer abzuschrecken. Das aber ist eine Taktik des Terrors. Kein Ort sei in Wasiristan verschont geblieben. Die 800000 Bewohner der Region seien nachhaltig traumatisiert. Viele trauten sich nicht mehr aus dem Haus, schickten ihre Kinder nicht mehr in die Schule, nähmen nicht mehr am Leben teil.

Die Studie greift nun mit der gesamten Wucht der Kriegswirklichkeit in eine obskure Ethik-Debatte ein, die in den vergangenen Jahren vor allem von akademische Zirkeln an technischen Universitäten und in den Forschungsinstituten der amerikanischen Streitkräfte und Geheimdienste geführt wurde. Einer der Grundlagentexte zum Thema erschien 2009 bei einem Fachverlag für naturwissenschaftliche Nachschlagewerke unter dem Titel 'Governing Lethal Behaviour in Autonomous Robots'. Verfasser war der Robotikforscher Ronald C. Arkin von der Technischen Universität in Georgia. Der suchte in diesem Buch nach Antworten auf die Fragen, welche die jüngsten Generationen von Robotern aufwerfen, die nicht mehr ferngesteuert agieren, wie die Drohnen, sondern mithilfe von Sensoren und Algorithmen ihre Mission quasi eigenständig ausführen.

Solche Roboter, so Arkin, könnten gerade im Kampfeinsatz dem Menschen überlegen sein, weil sie streng nach den vorgegebenen Regeln handeln. Sein Schlüsselerlebnis hatte der Forscher 2005, als er während eines Forschungsprojekts für das Militär das Video der Bordkamera eines Kampfhubschraubers ansah. Da nahm der Schütze über einer Landstraße im Irak drei feindliche Kämpfer ins Fadenkreuz. Zwei starben bei der ersten Salve. Der Dritte schleppte sich verletzt in die Deckung eines Lastwagens. Der Schütze zögerte kurz, doch der Kommandant befahl ihm, auf den Verwundeten zu feuern. Der Vorfall war ein klarer Verstoß gegen das Kriegsrecht, welche das Töten eines Kampfunfähigen verbietet. Nur ein Roboter wird in so einem Fall korrekt handeln, so Arkin. Deswegen hat er nun Algorithmen erstellt, die Kampfroboter nach einem ethischen Regelwerk programmieren.

Arkin ist nicht der Einzige, der sich mit dem neuen Feld der 'Roboethics' beschäftigt. Der Philosoph Patrick Lin hielt vor einer Entwicklungsabteilung der CIA einen viel beachteten Vortrag, in dem er vor den vielen ethischen und rechtlichen Überraschungen warnte, die in den 'Roboethics' auftauchen würden. Der Robotikforscher Gianmarco Veruggio prägte den Begriff für ein Symposium, das 2004 in San Remo stattfand. Dabei stellte sich heraus, dass die laufenden und künftigen technischen Entwicklungen die ethische Bewertung von Robotern gar nicht so einfach machen.

Sind Roboter nur Maschinen, unterliegen sie der klassischen Ethik, da sie nur Werkzeuge sind. Verlängern und verbessern sie das Wirken von Menschen jedoch, bekommen sie eine ethische Dimension, da reicht das traditionelle Regelwerk schon nicht mehr aus. Sind sie jedoch moralische Agenten, wozu sie nicht unbedingt einen freien Willen brauchen, müssen neue Parameter für ihr Handeln gefunden werden. Noch in der Zukunft liegt dagegen die Annahme, Roboter seien eine neue Spezies. Da kommt die Idee von der 'Singularity' ins Spiel, einer Art technologischem Erweckungsmoment, wenn Maschinen so weit entwickelt sind, dass sie eine eigene Intelligenz, und bald auch eine eigene Moral und Ethik entwickeln. Die, so glauben viele Anhänger dieser Idee, seien den Menschen wahrscheinlich überlegen.

Da ist man dann schnell bei den Robotergesetzen des Science-Fiction-Schriftstellers Isaac Asimov. Der hatte 1942 in seiner Kurzgeschichte 'Runaround' drei 'Grundregeln des Roboterdienstes' aufgestellt: Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen - es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

Der Kern, der in diesen Robotergesetzen steckt, ist aber weniger Science-Fiction als die Sehnsucht nach einem Urzustand der ethischen Unschuld, den der Philosoph Jean-Jacques Rousseau Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Idealbild vom edlen Wilden beschwor. Wenn wir als Menschen neue mechanische Wesen schaffen, warum nicht von den eigenen Fehlern lernen?

Nun sind Kampfroboter, wie sie sich Ronald Arkin vorstellt, schon einmal ein fauler Kompromiss, weil sie nur den Angreifer vor Verletzung schützen. Nach momentanem Stand der Technik gilt überhaupt nur das zweite Robotergesetz - Maschinen und Computer tun ausschließlich das, was ihnen ein Mensch befielt. Noch lernen sie nicht von sich selbst, sondern nur von den Arbeitsabläufen, die ihnen befohlen wurden. Überhaupt stellt sich die Frage - kann es einen Moment der Singularity überhaupt geben? Werden die viel beschworenen Algorithmen nicht genau da an ihre Grenzen stoßen, wo das menschliche Gehirn den freien Willen, das eigenständige Denken und das Gefühl entwickelt hat?

Die Roboterethik wird so schnell keine Antworten finden. Dafür entwickelt sich die Technologie zu schnell. Die Studie über die Einsätze in Pakistan will auch gar nicht so grundsätzlich argumentieren, sondern vor allem die amerikanische Öffentlichkeit aufrütteln. Und doch stellt sie eines schon klar - im Krieg bleibt Ethik reine Theorie.





Mehr Material unter http://livingunderdrones.org/

03.04.12 | 12:58 | 1 Kommentar

Kulturkampfmanöver

 

(Leitartikel aus der SZ vom 3.4. 2012, von Andrian Kreye) Es war ein durchsichtiges Manöver, als sich Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin am Wochenende in einem Interview für die Kulturflatrate aussprach. „Jeder zahlt einmal eine Gebühr und kann so viel runterladen, wie er will“, gab er dem Magazin Wirtschaftswoche zu Protokoll. Für einen Wahlkampf gegen die Piratenpartei ist die Kulturflatrate eine schöne Leerformel: So kann man bei digital sozialisierten Jungwählern punkten, ohne die bürgerlichen Stammwähler zu verprellen. Für das eigentliche Problem, wie man nämlich das Urheberrecht reformieren und damit das Auskommen von Autoren, Filmern und Musikern in die Zeiten digitaler Medien retten kann, sind solche politischen Manöver nicht hilfreich. Denn Debatten ums Internet sind längst ideologisch aufgeheizt.   

Wer sich für das Urheberrecht ausspricht, gilt dabei schnell als Reaktionär. Der Wutausbruch des Rockmusikers und Schriftstellers Sven Regener, der im Bayerischen Rundfunk die Bedrohung der Urheberrechte als persönliche Beleidigung jedes Künstlers beschrieb, sprach zwar vielen aus der Seele. Genauso wie die hysterischen Reaktionen Zehntausender Demonstranten, die im Handelsabkommen gegen Produktpiraterie Acta ein sinistres Ermächtigungsgesetz vermuteten. Doch da ist auf beiden Seiten Emotion im Spiel. Das zeigt schon der Kampfbegriff der Raubkopie. Beim illegalen Herunterladen handelt es sich nicht um Raub, denn es wird ja keine Gewalt angewendet. Es geht aber auch nicht um Kopien, sondern um digitale Klone.

Im Kern dreht sich die Debatte um das Internet um eine atemlos rasante technische Entwicklung, hinter der Gesetzgeber, Politik und Kulturindustrie verzweifelt herhecheln. Die alten Regelwerke einfach über Bord zu kippen oder durch halbgare Kompromisse zu ersetzen, nur weil es der euphorische Zeitgeist so will, führt zu keinen Lösungen. Vor allem, weil kaum ein Debattenbeitrag einräumt, dass das Internet im Frühjahr 2012 ein ganz anderes Netz ist als das Internet vor fünf Jahren. Die Zeit der Experimente ist nämlich vorbei.

Momentan kämpfen die vier digitalen Giganten Apple, Amazon, Facebook und Google um eine Vormacht im Netz. Zwischen den Giganten aber bilden sich totalitäre Strukturen heraus, denen Urheberrechte nur im Weg stehen, und für die die selbsternannten digitalen Rebellen letztlich den Weg bereitet haben. Steve Jobs, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Larry Page und Sergej Brin sind keine rebellischen Popstars, sondern knallharte Monopolisten. Sie wurden in der aggressiven Investmentkultur des Silicon Valley groß, nicht in der digitalen Subkultur. Für ihre eigenen Urheberrechte und Patente kämpfen sie mit Heerscharen von Anwälten, und wenn es sein muss: mit einem Rollkommando der Polizei.

Nun reichen die Urheberrechte aus den Zeiten des Buchdrucks und des Grammophons für die technischen Realitäten des 21. Jahrhunderts nicht mehr aus. Doch Kulturflatrates schwächen den Kampf für eine Reformierung des Urheberrechts nur. Sie spiegeln vor, dass es einfache und schnelle Lösungen gibt.

Selbst wenn man den Idealfall eines öffentlich-rechtlichen Modells durchsetzen könnte, wenn also von jedem Haushalt eine Abgabe in der Höhe der Rundfunkgebühren eingetrieben würde – wer oder welche Behörde sollte über die Verteilung der Erlöse bestimmen? Wer bekäme beispielsweise die deutschen Beiträge einer solchen Flatrate? Deichkind oder doch Rihanna? Der Regisseur Christian Petzold oder die Produzenten der „Hunger Games“? Es geht bei der Debatte um das Urheberrecht im Internet ja keineswegs um Hochkultur. Die wird subventioniert oder finanziert sich über das authentische Einzelwerk. Es geht vor allem um Popmusik und Film. Das sind Produkte für den freien Markt, nicht für bürokratische Systeme oder Subventionsmodelle.

Trittins Hinweis, solche Flatrate-Modelle funktionierten schon im Netz, widerlegt eine Grafik des Datenjournalisten David McCandless. Um den gesetzlichen US-Mindestlohn von monatlich 1160 US-Dollar zu verdienen, muss eine Band entweder 1161 Alben verkaufen, 12 399 Songs auf iTunes absetzen oder rund vier Millionen Mal auf dem Streaming-Dienst Spotify abgerufen werden, mit dem man gegen eine Monatsgebühr so viel Musik auf Computern oder Smartphones abspielen kann, wie man will.

Es gibt nun viele wohlfeile Vorwürfe gegen die Kulturindustrien: Die Plattenfirmen und Filmstudios hätten die technischen Entwicklungen verschlafen. Rockmusiker und Filmer könnten sich im Netz doch selbst vermarkten. Das ist weltfremd. Plattenfirmen und Filmstudios suchen schon lange vergeblich nach Möglichkeiten, Vertriebswege zu finden, die mit der Geschwindigkeit und Gratiskultur der Tauschbörsen konkurrieren können. Wer einen Rocksong oder ein Drehbuch schreiben kann, hat selten auch eine kaufmännische Begabung.

Die digitale Revolution ist buchstäblich eine solche: Revolutionen kippen lediglich bestehende Machtverhältnisse. Wer oder was nach dem Umsturz kommt, ist weder klar noch garantiert. Ideologische Verhärtungen und opportunistische Manöver wie das Trittins helfen niemandem. Höchstens den Monopolen.

06.03.12 | 17:37 | 0 Kommentare

Weimar am Pazifik

Im Westen von Los Angeles lebten die Größten des deutschen Exils – die Chancen, ihre Häuser zu bewahren, sind gering

(Los Angeles im März 2012, von Andrian Kreye) Vor einigen Wochen gab es kurz Hoffnung für ein Kulturdenkmal: Das Haus, in dem Thomas Mann von 1942 bis 1952 im kalifornischen Exil lebte, war zu vermieten. Die Angaben des Maklerbüros Joyce Rey waren nüchtern. Es handelt sich beim Objekt 1550 San Remo Drive um ein Einfamilienhaus mit fünf Schlafzimmern, rund 485 Quadratmetern Wohnfläche und einem Grundstück von viertausend Quadratmetern. Die Monatsmiete von 15 000 US Dollar entspricht in der Wohngegend Pacific Palisades dem Marktpreis.

Die Anfrage, das Haus zu besichtigen, wurde vom zuständigen Makler Stephen Apelian mit dem Hinweis abgewiesen, das Objekt sei nach zwei Monaten auf dem Markt vorvergangene Woche vermietet worden. Der neue Mieter bitte um Diskretion. Besucht man das Haus trotzdem, wird einem einerseits schnell klar, warum sich die Besitzer keineswegs um deutsche Institutionen bemühten, die das Haus vielleicht in ein Museum oder eine Begegnungsstätte umwandeln wollen. 1550 San Remo Drive liegt in einer der besten Wohngegenden der Stadt. Die Straßen sind von Villen und prächtigen Bungalows gesäumt. Wer hier lebt, will keinen Publikumsverkehr. Vor den Grundstücken stehen Schilder der Sicherheitsfirmen: „Armed Response“. Wer hier nicht wohnt und aus dem Auto steigt, gilt schon als verdächtig.

Man versteht aber auch, warum Thomas Mann sein Leben am Pazifik so liebte. Die Straßen tragen Namen, die den Zauber des Mittelmeers aus gutem Grunde beschwören: Amalfi, Sorrento und Capri Drive ziehen sich oberhalb des Sunset Boulevard in sanften Kurven um Hügel voller Zedern und Eukalyptusbäume. Es riecht nach Bougainvillea und frisch geschnittenem Gras.

In den vierziger und fünfziger Jahren nannte man die Pacific Palisades und die angrenzenden Viertel „Pacific Weimar“. Neben Thomas und Heinrich Mann lebten hier Franz Werfel, Bert Brecht, Arnold Schönberg und Theodor Adorno. Das schönste Anwesen aber hatten Lion und Marta Feuchtwanger. Deren Villa Aurora mit 20 Zimmern und parkähnlichem Garten über dem Pazifik ist heute das einzige der historischen Gebäude, das noch zugänglich ist.

Der Journalist und Feuchtwanger-Biograph Volker Skierka sorgte gleich nach dem Tod von Feuchtwangers Witwe Marta im Herbst 1987 mit Hilfe des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker dafür, dass eine Stiftung gegründet wurde, die das Haus kaufte. Alle vier Parteien stellten sich damals hinter das Projekt. Dazu kam ein amerikanischer Förderkreis aus Politikern und Kulturfunktionären. Trotzdem dauerte der Kampf um das Anwesen, das die University of Southern California geerbt hatte, acht Jahre lang. Seit 1995 dient das Anwesen als Stipendiatenzentrum.

Das Thomas-Mann–Haus in ein Kulturdenkmal zu verwandeln, hält Skierka für „noch komplizierter“. Das Interesse in den USA ist gleich null. Die Mittel der deutschen Stiftungen und Ämter sind begrenzt. Immerhin – in drei Jahren läuft der Mietvertrag für 1550 San Remo Drive aus.

Hausansichten 1550 San Remo Drive auf dreamhomephoto.com - hier

Foto: AK

27.02.12 | 19:39 | 0 Kommentare

Ein Sieg verwöhnt doch nur


Unterwegs mit den Deutschen in Hollywood – vor  und nach einer enttäuschenden Oscar-Nacht

(Aus der SZ vom 28. 2.12, von Andrian Kreye) Als kurz vor 21 Uhr kalifornischer Ortszeit endlich die letzte Kategorie verkündet ist, lüftet sich die Angst über Hollywood wie ein giftiger Smog. Es gibt nun viele Enttäuschte in dieser Stadt – und einige wenige Sieger. Es ist dann nur eine gute Stunde nach dem Ende der Oscar-Zeremonie, als Wim Wenders im Garten des Sunset Marquis einläuft, jenes Hollywood-Hotels, in dem früher die Stones abstiegen sind, und das heute mit seinen tropisch bepflanzten Wegen zwischen den Suiten und Bungalows ein wenig modernisiertes Flair vergangener Größe verströmt. Sein Team, seine Freunde und die gar nicht so kleine Gemeinde der deutschen Filmschaffenden in Hollywood haben hier vor den großen Flachbildschirmen mitgefiebert. Vier deutsche Nominierte waren im Oscar-Rennen dieses Jahr. Kein Einziger hat gewonnen. Doch zumindest das Bangen ist vorbei.

Nun ist Angst der Modus Operandi Hollywoods. Es wird hier viel Geld in die Launen eines unberechenbaren Kinopublikums investiert, da reichen manchmal Kleinigkeiten, um Existenzen und Firmen zu zerstören. In den Tagen vor den Oscars kann man diese Angst buchstäblich spüren – in den Lobbys der Hotels, wo die Teams und Mitarbeiter der nominierten Filme im Adrenalinrausch ihre Smartphones bearbeiten, auf den Dachterrassen der teuren Kaufhäuser rund um den Rodeo Drive, wo man Stars und Filmschaffende an den Kaffeetischen dabei beobachten kann, wie sie wie auf Autopilot belanglose Gespräche führen, obwohl ihre Gedanken rasen.

Die Oscars sind so etwas wie der G-8-Gipfel der Filmwirtschaft, mit dem kleinen Unterschied, dass es sich dabei um einen G-1-Gipfel handelt. Es geht bei den Oscars vor allem um – Amerika. Jedes andere Filmland ist allerhöchstens geduldeter Gast. In Hollywood gibt es keine Most Favored Nations. Das zeigt schon die Verleihpraxis, ausländische Filme ausschließlich untertitelt in kleinen Filmkunstkinos zu zeigen und die wirklich großen Erfolge mit amerikanischen Stars nachzudrehen. Erschwerend hinzukommen die Sonderregeln für ausländische Filme. Academy-Mitglieder, die in dieser Kategorie über den Oscar abstimmen wollen, müssen alle nominierten Filme in einem Kino gesehen haben (reguläre Filme dürfen auch auf DVDs verschickt werden). Die gleiche Sonderregel gilt für Dokumentarfilme. So können von den 5765 wahlberechtigten Academy-Mitgliedern in der Regel nur ein paar hundert abstimmen – wer hat hier schon die Zeit, fünfmal in eines der Filmkunstkinos zu gehen, die die Nominierten der Nebenkategorien meist nur die nötigen zwei Wochen lang zeigen?

Auch kostet es viel Aufwand, die Academy-Mitglieder zu umwerben – das macht es im nervenaufreibenden Oscar-Wahlkampf für Ausländer und Dokumentarfilmer kaum möglich, sich zu positionieren, wenn sie keinen mächtigen US-Verleih hinter sich haben. Zumal es ähnlich wie im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf längst eine ganze Reihe von inoffiziellen Vorwahlen gibt, die man bestehen sollte – die Golden Globes, die Preise der großen Filmgewerkschaften, die Independent Spirit Awards.

Deutschland ist in Hollywood also trotz seiner robusten Filmwirtschaft ein Schwellenland. Das gilt natürlich auch für Frankreich, auch wenn „The Artist“ in gleich zehn der großen Kategorien nominiert war. Das hat allerdings weniger mit der französischen Filmindustrie zu tun als mit dem New Yorker Brachialproduzenten und -Filmverleiher Harvey Weinstein, dessen Oscar-Kampagnen an die politischen Raubzüge von George W. Bushs Chefstrategen Karl Rove erinnern. Weinsteins Wunderwaffe ist dieses Jahr der Jack Russell Terrier Uggie aus „The Artist“, der die Wähler mit seinen putzigen Auftritten bei PR-Auftritten und Preisverleihungen bezirzt.

Das Konsulat des Filmschwellenlandes Deutschland war wie jedes Jahr die Villa Aurora, ein verschachteltes Anwesen im spanischen Kolonialstil weit oben in den idyllischen Hügeln von Pacific Palisades. Lion Feuchtwanger hatte sich die Villa nach seiner langen, erschöpfenden Flucht aus Europa 1943 gekauft, sie wurde zur Anlaufstelle für vertriebene Literaten wie Thomas Mann oder Bertolt Brecht. Heute betreibt ein Verein den Unterhalt der Villa, der Künstler und Autoren einlädt, hier ein paar Monate an einem Projekt zu arbeiten.

An einem Samstagnachmittag, wenn alle zum Strand wollen, braucht man eine gute Stunde zur Villa Aurora, die auf halbem Wege zwischen der Badestadt Santa Monica und dem Filmstar-Refugium Malibu liegt. Weit genug von Hollywood, um ein wenig Abstand zu schaffen zur angstgeschwängerten Hektik der letzten Abendessen und Benefizabende der Oscarsaison. Selten waren so viele Deutsche und deutsche Produktionen nominiert wie dieses Jahr, und die Nominierten sind fast alle da. Wim Wenders mit seinem Tross; Agnieszka Holland, die mit der deutsch-polnischen Produktion „In Darkness“ als aussichtsloser Außenseiter gehandelt wird. Der junge Regisseur Max Zähle, der mit seinem Kurzfilm „Raju“ über eine Kinderhandelsgeschichte immerhin erreicht hat, dass in Kalkutta kriminelle Waisenhäuser geschlossen wurden. Die in München geborene Kostümbildnerin Lisy Christl ist nicht da. Die hat für Roland Emmerichs „Anonymus“ die Kostüme entworfen, sie hat an diesem Nachmittag andere Verpflichtungen. Was auch ein wenig von den Machtverhältnissen in Hollywood zeigt. Emmerich mag Deutscher sein, aber er dreht Hollywoodfilme. Es ist ja nicht so, dass Hollywood per se fremdenfeindlich ist. Die Nationalität zählt hier nicht so viel wie das Geld, mit dem ein Film gedreht wird. Wer zu Emmerich gehört, gehört schon zu Hollywood, der hat jetzt Wichtigeres zu tun.

Rund um die Nominierten drängeln sich deutsche Kamerateams, deutsche Journalisten, deutsche Filmindustrie. Jürgen Prochnow ist da, Uschi Obermaier und Zsa Zsa Gabors neunter Ehemann Frédéric Prinz von Anhalt. Die Stimmung ist etwas angespannt. Auch wenn die Nominierten beteuern, dass sie nicht enttäuscht sein werden, wenn sie nicht gewinnen sollten. Die Wettquoten geben auch lediglich Wim Wenders eine Chance. Der tritt allerdings gegen das American-Football-Rührstück „Undefeated“ an, an dem Harvey Weinstein die Rechte gekauft hat, weil er einen Spielfilm daraus machen will.

Der Amerikavertreter der filmwirtschaftlichen Außenhandelsgesellschaft German Films Oliver Mahrdt weiß um die Bedeutung eines Oscars. Schauspieler, Kameraleute, Kostümbildner, Tonmeister können ihre Honorarfoderungen nach einem Oscargewinn vervielfachen. Regisseure und Produzenten haben es nach einem Sieg über Jahre hinweg leicht, selbst für ausgefallene Projekte Investoren zu finden.

Wim Wenders fröstelt. Die ersten Erschöpfungserscheinungen nach der Ochsentour der Oscar-Kampagne. Als er für „Buena Vista Social Club“ nominiert war, wusste er noch nicht, dass die Oscars kein Preis für Leistungen sind, sondern ein Wahlkampf. Dieses Mal hat er eigentlich alles richtig gemacht. Er hat sich bei Filmvorführungen gezeigt, bei Galadiners und Festivals. Doch er hat in Harvey Weinstein einen übermächtigen Gegner.

Mit seiner dick umrandeten Brille und seinem schwarzglänzenden Gehrock wirkt Wenders in der pastellfarbenen Geschäftslässigkeit von Hollywood immer noch wie die Inkarnation des europäischen Autorenfilmers. Dabei ist er schon lange aus dieser Rolle herausgewachsen. Ginge es mit rechten Dingen zu, würde er sicher den Oscar bekommen. Mag sein, dass die Oscar-Wählerschaft laut einer Untersuchung der Los Angeles Times aus 94 Prozent Männern mit einem Durchschnittsalter von 62 Jahren besteht. In einem vierschrötigen Geschäft wie dem Film ist das nicht gerade die Zielgruppe für einen Dokumentarfilm über modernes Tanztheater.

Die Pionierleistung, die Wenders mit „Pina“ gelungen ist, fasst sein 3-D-Berater François Garnier zusammen. Dessen Enthusiasmus steigert sich im Gespräch zunehmend, auch wenn er als französischer Medienpionier und Professor der Pariser École nationale supérieure des Arts Décoratifs schon seit Jahren über die neuen Medienformen referiert. Der grundlegende Fehler im Umgang mit 3-D im Film sei ganz einfach, sagt er. Fast alle Regisseure behandelten 3-D nicht als neues Medium, sondern als Effekt. Deswegen seien ihre Filme auch nur Reliefs, nicht die Eroberung des Raums.

3-D, sagt Garnier, eröffne ein vollkommen neues Filmerlebnis. „Das Raumerlebnis wird von einem ganz anderen Teil des Gehirns verarbeitet als das Bild, die Zeit, eine Geschichte. Das sind die Basalganglien, die im Englischen viel hübscher „reptilian complex“ heißen. Der traditionelle Film basiert rein auf einer kognitiven Rezeption. Deswegen müsse ein Regisseur für einen richtigen 3-D-Film auch komplett neu denken. Vom Blickwinkel bis zu den Kamerabewegungen zwingt der Raum den Film in vollkommen neue Parameter. Alles andere ist Kintopp.

Es mag in dieser Sonntagnacht nur ein schwacher Trost für Wim Wenders und sein Team sein: Der siegreiche Konkurrent „Undefeated“ wird lediglich das Material für eine Weinstein-Produktion liefern, „Pina“ wird in die Filmgeschichte eingehen. Endgültiger Beweis der Macht – die wichtigsten Oscars für Film, Regisseur und Hauptdarsteller des Jahres gingen an Weinsteins „The Artist“. Doch Wim Wenders ist letztlich guter Dinge. Film ist keine Soloshow, und er weiß, wie sehr es seine Mitarbeiter schmerzt, so weit und doch nicht bis um Ziel gekommen zu sein. „Ein Sieg verwöhnt doch nur“, sagt er in seiner kurzen Ansprache im Garten des Sunset Marquis. Das mögen Motivationsfloskeln sein – an diesem Abend sitzen sie.

Foto: Donata und Wim Wenders vor der Oscar-Verleihung; Plakatmotiv für "Pina"/dpa

04.12.11 | 12:05 | 0 Kommentare

Generationenkonflikt

Während die großen Parteien die Ängste vor dem Internet bedienen, möchte die Piratenpartei den Zeitgeist repräsentieren

WirSindDie

(3.12. 2011, von Andrian Kreye) Im Berliner Wahlkampf gab es ein Plakat der Piratenpartei, das die Probleme der Politik mit den Piraten auf den Punkt brachte. „Wir sind die mit den Fragen, ihr seid die mit den Antworten“, lautete der Slogan. Das brachte nicht nur die Politik, sondern auch den Wertewandel auf den Punkt, der die jungen Außenseiter ins Zentrum der Debatten katapultierte. Denn die eigentliche Kraft der Piraten ist weniger ihre Internetkompetenz als ihr Geschick, den Zeitgeist zu verstehen. Der wird nun vom Internet geprägt. So schließt sich ein Kreis, der die etablierten Parteien in eine Ideologiefalle gelockt hat, aus der sie nur mühsam wieder herauskommen.

Die Schwierigkeiten sind bekannt. Unions-Politikerinnen wie Ursula von der Leyen oder Verbraucherministerin Ilse Aigner bedienten vor allem die verbreiteten Ängste vor den neuen Technologien, die in Deutschland kurioserweise ebenso ausgeprägt sind wie der Wille, das Internet als Alltagsphänomen zu nutzen. Von der Leyen handelte sich mit ihren technisch unbeholfenen Versuchen, das Problem der Kinderpornographie im Netz zu lösen, den Spitznamen „Zensursula“ ein. Aigner hat mit Aufrufen, das soziale Netzwerk Facebook zu meiden, ihren Status als digitale Witzfigur zementiert.

Doch selbst die bisherigen Sachwalter progressiver Politik, die Grünen, profilierten sich als weltfremde Anachronismen. Legendär ist der Ausspruch der stellvertretenden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, Bärbel Höhn, die während der „Anne Will“-Talkshow nach dem Berliner Piratensieg von sich gab, sie „gucke jetzt mal Internet“. Worauf ihr der Piratenabgeordnete Christoph Lauer den Unterschied zwischen Gucken und Nutzen erklärte.

In Lauers Antwort lag das Kernproblem der Politik mit dem Internet. Es mag sein, dass das Internet zunächst ein moderner Medien- und Kommunikationskanal ist. Doch die komplexen Rollen, die das weltweite Netz längst in der Gesellschaft spielt, machen einfache Antworten unmöglich. Und das schon länger. Immerhin ist es schon fast zwanzig Jahre her, dass das Internet zum Thema der Politik wurde. Allerdings nicht in Deutschland.

Der damalige Vizepräsidentschaftskandidat Al Gore brachte im US-Wahlkampf von 1992 den Begriff vom „Information Superhighway“ ins Spiel. Im raffinierten Spiel mit historischen Anspielungen war Gores Begriff ein Meisterstück, denn er bezog sich auf den Aufbau des Highway-Netzes, das im Amerika der fünfziger Jahre das Fundament des Wirtschaftswunders bildete und gleichzeitig Normalverdienern in den Suburbias einen Lebensstil erlaubte, den sich bis dahin nur Wohlhabende leisten konnten.

Gore begriff das Internet schon damals als eine neue Infrastruktur und damit als eine Chance für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt. Die deutsche Politik hat das bis heute verschlafen. Zentrum der gewaltigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die das Internet seither brachte, sind immer noch die USA. Dabei ist Gores Vision auch in Deutschland längst Wirklichkeit. Das Internet ist eine Infrastruktur geworden, die den Alltag bestimmt. Das aber nimmt die Politik ganz anders in die Pflicht als eine bloße neue Medientechnologie. Denn den Zugang zu Infrastrukturen muss die Politik für alle garantieren.

Nun ist die Angst vor solchen Umwälzungen nicht ganz unbegründet. In jeder revolutionären Kraft steckt auch das Moment der Zerstörung. Und sowohl in der Wirtschaft wie auch in der Politik hat das Internet längst revolutionäre Kräfte entwickelt. Es ist ein „disruptor“, wie es im modernen Wirtschaftsjargon heißt – eine Kraft, die viel verändert. In den Medien- und Kulturindustrien waren diese Veränderungen bisher ein wirtschaftliches Problem. Die Möglichkeit, perfekte Kopien in unbegrenzter Anzahl auch ohne Bezahlung zu verbreiten, hat herkömmliche Geschäftsmodelle in Frage gestellt.

In der Politik haben Obamas Wahlkampf, die Enthüllungen von Wikileaks und die Volksbewegungen des arabischen Frühlings das gewaltige Potential der digitalen Technologien gezeigt. Und dann ist da noch das gewaltige Problem vom rechtsfreien Raum einer Gesellschaftsform, die im abstrakten Cyberspace keine Landesgrenzen mehr kennt. Die Piraten aber haben erkannt, dass es auf diese Herausforderungen keine leichten Antworten geben kann, weil zumeist nicht einmal die richtigen Fragen gestellt werden.

Die eigentliche Schwierigkeit der traditionellen Politik ist dabei, dass sich die oft widersprüchlichen Dynamiken des Netzes nicht in die klassischen Muster der Parteienlandschaft einfügen lassen. Der neue Freiheitsbegriff, den das Internet geschaffen hat, umarmt sowohl die gesellschaftlichen Gerechtigkeitsideale der Linken als auch die wirtschaftslibertären Ideen der Rechten. Auch dieses Dilemma wurzelt in der Geschichte des Internets, das seine ideologische Wurzeln in Kalifornien hat. Im Spannungsfeld zwischen den gesellschaftlichen Utopien der sechziger Jahre und dem brutalen Fortschrittspragmatismus der Rüstungsindustrie fand die digitale Kultur Wege, mit diesen Widersprüchen zu leben.

Nun kann jeder sich entscheiden, ob er aus diesem Dilemma den positivistischen Schluss eines Al Gore zieht, oder lieber mit den Ängsten spielt, wie von der Leyen und Aigner. In Deutschland haben Politikermit den Ängsten immer Erfolge feiern können. Denn hinter der Scheu vor neuen Technologien verbirgt sich gerade bei Älteren immer noch das Trauma der deutschen Geschichte, in welcher der technische Fortschritt und gerade die Massenmedien des frühen 20. Jahrhunderts von der Nazidiktatur missbraucht wurden.

Die Piraten aber vertreten eine Generation, die diese kollektiven Urängste nicht mehr kennt. Im Gegenteil. Sie gehören zu einer globalen Jugend, für die das Internet nicht nur Mittel ist, sondern auch Identitäts- und Sinnstifter. Wer ihre Werte von radikaler Offenheit und Teilhabe mit vorschnellen politischen Antworten angreift, wird sich auf einen Generationenkonflikt einstellen müssen.

19.10.11 | 21:16 | 0 Kommentare

Handgespielter Techno

Brandt Brauer Frick Ensemble

13.10.11 | 17:35 | 0 Kommentare

Echo des Urknalls

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„Kraftwerk“ sind die Schöpfergötter des Elektropop – jetzt als 3D-Gesamtkunstwerk in München


(Von Andrian Kreye, aus dem SZ Feuilleton vom 14.10. 2011) Das Erstaunliche an den Elektroklängen von Kraftwerk ist, dass sie auch dreißig bis vierzig Jahre nach ihrer Konstruktion nichts von der ursprünglichen Wirkung verloren haben. Im Gegenteil – vieles klang beim ersten von drei Münchner Konzerten in dieser Woche sogar besser als auf den alten Platten. Das mag an den Fortschritten der Tontechnik liegen, oder an der überwältigenden Wirkung, die die neuen 3D-Projektionen während des Konzertes haben. Es hat aber auch etwas mit dem Hier und Jetzt zu tun. Spätestens als die Holzpaneele am Balkon der Alten Kongresshalle in München unter den Bassfrequenzen von „Trans Europa Express“ in hörbar seismische Schwingungen gerieten, erinnerte man sich jedenfalls daran, was es bedeutete, Mitte der siebziger Jahre ein Teenager in der deutschen Suburbia zu sein – und zum ersten Mal Kraftwerk zu hören.

Als „Radioaktivität“ im November 1975 erschien, war das erste Anhören ein popkulturelles Erweckungserlebnis, wie es die Elterngeneration mit dem ersten Jazzkonzert oder die etwas Älteren mit dem Erscheinen des Beatles-Wegweisers „Sgt. Pepper’s“ beschrieben. Die kristallklaren Elektroklänge waren in ihrer Schlichtheit ein akustischer Eisbrecher im Klangsumpf der damals gängigen Rockgenres mit den Vorsilben Prog-, Soft- oder Kraut-. Vor allem aber waren Kraftwerk das Gegengift für die latente Depression des Pop, weil der Blues Mitte der siebziger Jahre längst im larmoyanten Pathos erstickt war. Der Retrofuturismus der vier Klangingenieure aus Düsseldorf aber war vom strahlenden Optimismus einer vordigitalen Techno-Utopie getragen. Und der wirkte im beklemmenden Vorort-November des Jahres 1975 wie ein Befreiungsschlag.

Deswegen zündete „Trans Europa Express“ Ende der siebziger Jahre dann auch so gewaltig in der schwarzen Kultur Amerikas. Die war nach den Erfolgen der Bürgerrechtsära von Aufbruchsstimmung geprägt. Die Kinder der Bürgerrechtskämpfer aber suchten nach einer Alternative zum Erweckungsmodus des Gospel, der sich in der Musik von Earth, Wind & Fire oder den Commodores manifestiert hatte. In der Musik von Kraftwerk aber steckte ein sehr diesseitiges Heilsversprechen – das Techno-Utopia des frühen 20. Jahrhunderts.

Immerhin waren die Technologien, denen Kraftwerk seine Hymnen widmete, keine Scienc-Fiction, sondern die technischen Grundlagen für den unfassbar rapiden Fortschritt des 20. und 21. Jahrhunderts – Schnellzüge, Radiowellen, Autobahnen, Computer und Radioaktivität. Mitte der siebziger Jahre war das noch keineswegs selbstverständlich. So kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war Technopositivismus eine Provokation. Auch wenn er sich auf so unverdächtige Ästhetikwelten wie den Konstruktivismus, Bauhaus und die Kybernetik bezog. Und auch wenn Kraftwerk letztlich nur vorführte, dass sich das Land der Dichter und Denker in ein Land der Techniker und Ingenieure verwandelt hatte.

Dieser Technopositivismus traf jedoch den Nerv einer schwarzen Jugend, die sich ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft noch bahnen musste. Afrika Bambaatas Vision vom Ausbruch aus der Gewaltspirale der Ghettos in der South Bronx war da nur der Anfang. Er adaptierte Kraftwerks Pan-Europäismus und erweiterte ihn mit dem melodischen Muster von „Trans Europa Express“ auf seiner wegweisenden Single „Planet Rock“ zum Traum vom postethnischen Zeitalter. Das Motiv Kraftwerk zieht sich bis heute durch den Hip-Hop. So antwortete der Überproduzent Dr. Dre erst neulich bei einem Interview auf die Frage, was er sich während seiner Arbeit als Inspiration anhöre: „Kraftwerk“.

Als Provokation mag der offensive Technopositivismus in einer Zeit, in der eine digitale Subkultur gerade die Mitte der Gesellschaft erreicht, nicht mehr taugen. Aber er passt trotzdem ganz gut in einen Herbst 2011, in dem sich wieder einmal Larmoyanz und Pathos in einer Popkultur breitgemacht haben, die in Filmen von Miranda July und Noah Baumbach, oder in der Musik von Bon Iver und Coldplay den Teenage-Weltschmerz zum übermächtigen Credo erklärt. Ihr wollt Emotionen? Wir geben euch „Boing, Boom, Tschak!“

Die Trotzhaltung des Techno, sich dem wortreichen Gefühlsleben der Rock’n’Roll-Väter zu verweigern, hatte immer etwas Befreiendes. Und diese Haltung hat ihre Wurzeln eben in jenem November 1975, als Kraftwerk das erste ernstzunehmende Album ganz ohne traditionelle Instrumente veröffentlichte.

In München wurde aber auch deutlich, was für ein überschaubares Gesamtwerk das Düsseldorfer Kollektiv in diesen vierzig Jahren hervorgebracht hat. Der Parcours der Klassiker ist einem so vertraut wie der Katalog der Beatles: „Autobahn“, „Roboter“, „Menschmaschine“, „Radioaktivität“, „Computerwelt“. Und eben jener übermächtige Treiberrhythmus von „Trans Europa Express“, in dem 1977 schon alles enthalten war, was die Popmusik in den folgenden dreißig Jahren an Neuem hervorbrachte.
Genau wegen dieser Vertrautheit ist es ein solches Vergnügen, Kraftwerk mit dem Abstand von mehr als drei Jahrzehnten zu hören. Streng genommen haben Hip-Hop, House und Techno dem rhythmischen Urknall in Düsseldorf nur noch ein paar evolutionäre Volten hinzugefügt. Das schmale Repertoire erklärt sich dann auch mit der Musik selbst. Jeder Song ist so etwas wie ein musikalischer Nike Swoosh – die extreme Reduktion eines großen Moments auf eine Geste.

Mit seinen Wurzeln im Konstruktivismus, Modernismus, Minimalismus und den prädigitalen Technologien hat Kraftwerk auch optisch immer schon gespielt. Und weil niemand diese Mischung aus Reduktion und Populismus so meisterhaft beherrscht wie Kraftwerk, waren es auch die begleitenden 3D-Projektionen, die beim Münchner Konzert den Szenenapplaus bekamen.

In den Projektionen manifestiert sich das Konzept Kraftwerk in Perfektion. Ein großer Reiz ihrer Musik liegt darin, dass sie Technologie nie benutzten, um etwas zu simulieren. Während die Elektronik im Pop oft als Sparmaßnahme dient, um die Produktion ohne Schlagzeuger, ohne Orchester und hin und wieder auch ohne Gesangsvermögen zu verschlanken, ist sie bei Kraftwerk immer Selbstzweck.

So sind auch die 3D-Projektionen niemals der Versuch, einen Eindruck von Realität zu vermitteln. Im Konzertsaal vermitteln die schlichten Graphiken das Raumerlebnis als Abstraktion. Da löst sich der Saal bei „Nummern“ in ein digitales Zahlenfeld auf, zu „Vitamin“ perlen erst Sprudelbläschen durch den Raum, bevor sich eine Flut bunter Pillen über die Köpfe des Publikums ergießt, und zu „Trans Europa Express“ wird der Blick der Zuschauer rasant ein schematisches Schienennetz entlanggezogen. Zu „Menschmaschine“ pulsieren Mondrian-Muster in die dritte Dimension. Bei „Electric Café“ baut sich ein schwarzweißer op-Art-Raum auf. Das alles betont eher die gestaffelte Flächigkeit des 3D-Effektes, anstatt Raumwelten vorzuspiegeln.

Im Kunstbau des Lenbachhauses kann man in den nächsten vier Wochen gut die Hälfte dieser Projektionen sehen. Die Reduktion der visuellen Ebene auf Schemen, Linien und Matrixmuster funktioniert im Kontext des Ausstellungsraumes sogar noch besser. Ganz so neu, wie es das Museum ankündigt, ist die Installation aber nicht. Lediglich für „Roboter“ wurde eine Sequenz im Betonschlauch des Kunstbaus gefilmt. Fast alle 3D-Bilder sind Projektionen, die Kraftwerk zweidimensional auch schon auf seiner Mammuttournee zwischen den Jahren 2002 und 2005 zeigten. So fungieren Konzert und Installation eher als Retrospektive denn als Neuanfang. An Wucht verliert Kraftwerk jedoch in keinem Moment.

Foto: Peter Boettcher, © Kraftwerk, 2011

27.09.11 | 12:19 | 0 Kommentare

80 Jahre Heimweh

quinn

(Von Andrian Kreye am 27.9. '11) Der große Unterschied zwischen amerikanischer und deutscher Popmusik war immer schon der Mangel an erlaubter Heimatliebe im Nachkriegsdeutschland. Drüben wären Bob Dylan, die Byrds und Bruce Springsteen ohne diese leidenschaftliche Begeisterung für die eigene Herkunft nie möglich gewesen. Hier ging das nun mal nicht und in den fünfziger Jahren schon gar nicht. Weil aber Heimweh so etwas ist wie die kleine, melancholische Schwester des Nationalstolzes, erzählt der Aufstieg Freddy Quinns zum wichtigsten Interpreten deutscher Seemannslieder seit Hans Albers viel mehr über Deutschland, als über den Mann, der am 27. September 1931 als Franz Eugen Helmuth Manfred Nidl im niederösterreichischen Niederfladnitz zur Welt kam.

Denn als der 23-jährige Sänger 1954 auf St. Pauli in der Washington Bar entdeckt wurde, ging es Deutschland zwar wieder gut. Doch hinter dem Wirtschaftswunder lauerte immer noch die tiefe Verstörung über das eigene Land. Da kamen Lieder wie "Heimweh", "Die Gitarre und das Meer", "Unter fremden Sternen" und "La Paloma" gerade recht. Ganz schlicht ging es in den Geschichten von traurigen Matrosen um die geistige und seelische Heimat, nach der man sich zurücksehnte.

Es war sicherlich kein Zufall, dass Freddy Quinn genauso wie seine Zeitgenossen Udo Jürgens und Peter Alexander ein Österreicher war. Wenn es darauf ankommt, können Österreicher so viel lässiger deutsch sein als die Einheimischen. Es war auch ganz logisch, dass die Hafenstadt Hamburg den Nordpol der schüchternen Wiederbelebung einer deutschen Heimatliebe bildete.
Ähnlich wie die Alpen im Süden war die Waterkant nicht ganz so schwer belastet vom Grauen der Geschichte wie München oder Berlin. Da gab es zumindest wieder die Chance, die Stadt als positive Projektionsfläche anzusehen, als "Heimathafen", der die Sehnsüchte bündelt, weil man dorthin zurückkehren will.

Freddy Quinn hatte außerdem die perfekte Biografie, um so der neuen Heimatliebe einen Star zu geben. Schon als Teenager war er durch Südeuropa und Nordafrika getrampt, er hatte sich als Saxofonist im Zirkus durchgeschlagen und sich in Algerien in einer Kneipe für Fremdenlegionäre als Sänger verdingt. Und war trotzdem zurückgekehrt. Davon einmal abgesehen erinnert seine erdige Stimme ganz deutlich an Johnny Cash, und sein erster Hit war eigentlich ein Standard von Dean Martin. Wenn er also heute 80 Jahre alt wird, dann werden sie im Fernsehen sicherlich Ausschnitte aus Hitparaden und Musicals zeigen. In Wahrheit aber war Freddy Quinn schon immer der Niederösterreicher mit einem verdammt guten Gespür für die deutsche Seele.

Foto: Hipp-Foto/DIZ Archiv

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