
Unterwegs mit den Deutschen in Hollywood – vor und nach einer enttäuschenden Oscar-Nacht
(Aus der SZ vom 28. 2.12, von Andrian Kreye) Als kurz vor 21 Uhr kalifornischer Ortszeit endlich die letzte Kategorie verkündet ist, lüftet sich die Angst über Hollywood wie ein giftiger Smog. Es gibt nun viele Enttäuschte in dieser Stadt – und einige wenige Sieger. Es ist dann nur eine gute Stunde nach dem Ende der Oscar-Zeremonie, als Wim Wenders im Garten des Sunset Marquis einläuft, jenes Hollywood-Hotels, in dem früher die Stones abstiegen sind, und das heute mit seinen tropisch bepflanzten Wegen zwischen den Suiten und Bungalows ein wenig modernisiertes Flair vergangener Größe verströmt. Sein Team, seine Freunde und die gar nicht so kleine Gemeinde der deutschen Filmschaffenden in Hollywood haben hier vor den großen Flachbildschirmen mitgefiebert. Vier deutsche Nominierte waren im Oscar-Rennen dieses Jahr. Kein Einziger hat gewonnen. Doch zumindest das Bangen ist vorbei.
Nun ist Angst der Modus Operandi Hollywoods. Es wird hier viel Geld in die Launen eines unberechenbaren Kinopublikums investiert, da reichen manchmal Kleinigkeiten, um Existenzen und Firmen zu zerstören. In den Tagen vor den Oscars kann man diese Angst buchstäblich spüren – in den Lobbys der Hotels, wo die Teams und Mitarbeiter der nominierten Filme im Adrenalinrausch ihre Smartphones bearbeiten, auf den Dachterrassen der teuren Kaufhäuser rund um den Rodeo Drive, wo man Stars und Filmschaffende an den Kaffeetischen dabei beobachten kann, wie sie wie auf Autopilot belanglose Gespräche führen, obwohl ihre Gedanken rasen.
Die Oscars sind so etwas wie der G-8-Gipfel der Filmwirtschaft, mit dem kleinen Unterschied, dass es sich dabei um einen G-1-Gipfel handelt. Es geht bei den Oscars vor allem um – Amerika. Jedes andere Filmland ist allerhöchstens geduldeter Gast. In Hollywood gibt es keine Most Favored Nations. Das zeigt schon die Verleihpraxis, ausländische Filme ausschließlich untertitelt in kleinen Filmkunstkinos zu zeigen und die wirklich großen Erfolge mit amerikanischen Stars nachzudrehen. Erschwerend hinzukommen die Sonderregeln für ausländische Filme. Academy-Mitglieder, die in dieser Kategorie über den Oscar abstimmen wollen, müssen alle nominierten Filme in einem Kino gesehen haben (reguläre Filme dürfen auch auf DVDs verschickt werden). Die gleiche Sonderregel gilt für Dokumentarfilme. So können von den 5765 wahlberechtigten Academy-Mitgliedern in der Regel nur ein paar hundert abstimmen – wer hat hier schon die Zeit, fünfmal in eines der Filmkunstkinos zu gehen, die die Nominierten der Nebenkategorien meist nur die nötigen zwei Wochen lang zeigen?
Auch kostet es viel Aufwand, die Academy-Mitglieder zu umwerben – das macht es im nervenaufreibenden Oscar-Wahlkampf für Ausländer und Dokumentarfilmer kaum möglich, sich zu positionieren, wenn sie keinen mächtigen US-Verleih hinter sich haben. Zumal es ähnlich wie im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf längst eine ganze Reihe von inoffiziellen Vorwahlen gibt, die man bestehen sollte – die Golden Globes, die Preise der großen Filmgewerkschaften, die Independent Spirit Awards.
Deutschland ist in Hollywood also trotz seiner robusten Filmwirtschaft ein Schwellenland. Das gilt natürlich auch für Frankreich, auch wenn „The Artist“ in gleich zehn der großen Kategorien nominiert war. Das hat allerdings weniger mit der französischen Filmindustrie zu tun als mit dem New Yorker Brachialproduzenten und -Filmverleiher Harvey Weinstein, dessen Oscar-Kampagnen an die politischen Raubzüge von George W. Bushs Chefstrategen Karl Rove erinnern. Weinsteins Wunderwaffe ist dieses Jahr der Jack Russell Terrier Uggie aus „The Artist“, der die Wähler mit seinen putzigen Auftritten bei PR-Auftritten und Preisverleihungen bezirzt.
Das Konsulat des Filmschwellenlandes Deutschland war wie jedes Jahr die Villa Aurora, ein verschachteltes Anwesen im spanischen Kolonialstil weit oben in den idyllischen Hügeln von Pacific Palisades. Lion Feuchtwanger hatte sich die Villa nach seiner langen, erschöpfenden Flucht aus Europa 1943 gekauft, sie wurde zur Anlaufstelle für vertriebene Literaten wie Thomas Mann oder Bertolt Brecht. Heute betreibt ein Verein den Unterhalt der Villa, der Künstler und Autoren einlädt, hier ein paar Monate an einem Projekt zu arbeiten.
An einem Samstagnachmittag, wenn alle zum Strand wollen, braucht man eine gute Stunde zur Villa Aurora, die auf halbem Wege zwischen der Badestadt Santa Monica und dem Filmstar-Refugium Malibu liegt. Weit genug von Hollywood, um ein wenig Abstand zu schaffen zur angstgeschwängerten Hektik der letzten Abendessen und Benefizabende der Oscarsaison. Selten waren so viele Deutsche und deutsche Produktionen nominiert wie dieses Jahr, und die Nominierten sind fast alle da. Wim Wenders mit seinem Tross; Agnieszka Holland, die mit der deutsch-polnischen Produktion „In Darkness“ als aussichtsloser Außenseiter gehandelt wird. Der junge Regisseur Max Zähle, der mit seinem Kurzfilm „Raju“ über eine Kinderhandelsgeschichte immerhin erreicht hat, dass in Kalkutta kriminelle Waisenhäuser geschlossen wurden. Die in München geborene Kostümbildnerin Lisy Christl ist nicht da. Die hat für Roland Emmerichs „Anonymus“ die Kostüme entworfen, sie hat an diesem Nachmittag andere Verpflichtungen. Was auch ein wenig von den Machtverhältnissen in Hollywood zeigt. Emmerich mag Deutscher sein, aber er dreht Hollywoodfilme. Es ist ja nicht so, dass Hollywood per se fremdenfeindlich ist. Die Nationalität zählt hier nicht so viel wie das Geld, mit dem ein Film gedreht wird. Wer zu Emmerich gehört, gehört schon zu Hollywood, der hat jetzt Wichtigeres zu tun.
Rund um die Nominierten drängeln sich deutsche Kamerateams, deutsche Journalisten, deutsche Filmindustrie. Jürgen Prochnow ist da, Uschi Obermaier und Zsa Zsa Gabors neunter Ehemann Frédéric Prinz von Anhalt. Die Stimmung ist etwas angespannt. Auch wenn die Nominierten beteuern, dass sie nicht enttäuscht sein werden, wenn sie nicht gewinnen sollten. Die Wettquoten geben auch lediglich Wim Wenders eine Chance. Der tritt allerdings gegen das American-Football-Rührstück „Undefeated“ an, an dem Harvey Weinstein die Rechte gekauft hat, weil er einen Spielfilm daraus machen will.
Der Amerikavertreter der filmwirtschaftlichen Außenhandelsgesellschaft German Films Oliver Mahrdt weiß um die Bedeutung eines Oscars. Schauspieler, Kameraleute, Kostümbildner, Tonmeister können ihre Honorarfoderungen nach einem Oscargewinn vervielfachen. Regisseure und Produzenten haben es nach einem Sieg über Jahre hinweg leicht, selbst für ausgefallene Projekte Investoren zu finden.
Wim Wenders fröstelt. Die ersten Erschöpfungserscheinungen nach der Ochsentour der Oscar-Kampagne. Als er für „Buena Vista Social Club“ nominiert war, wusste er noch nicht, dass die Oscars kein Preis für Leistungen sind, sondern ein Wahlkampf. Dieses Mal hat er eigentlich alles richtig gemacht. Er hat sich bei Filmvorführungen gezeigt, bei Galadiners und Festivals. Doch er hat in Harvey Weinstein einen übermächtigen Gegner.
Mit seiner dick umrandeten Brille und seinem schwarzglänzenden Gehrock wirkt Wenders in der pastellfarbenen Geschäftslässigkeit von Hollywood immer noch wie die Inkarnation des europäischen Autorenfilmers. Dabei ist er schon lange aus dieser Rolle herausgewachsen. Ginge es mit rechten Dingen zu, würde er sicher den Oscar bekommen. Mag sein, dass die Oscar-Wählerschaft laut einer Untersuchung der Los Angeles Times aus 94 Prozent Männern mit einem Durchschnittsalter von 62 Jahren besteht. In einem vierschrötigen Geschäft wie dem Film ist das nicht gerade die Zielgruppe für einen Dokumentarfilm über modernes Tanztheater.

Die Pionierleistung, die Wenders mit „Pina“ gelungen ist, fasst sein 3-D-Berater François Garnier zusammen. Dessen Enthusiasmus steigert sich im Gespräch zunehmend, auch wenn er als französischer Medienpionier und Professor der Pariser École nationale supérieure des Arts Décoratifs schon seit Jahren über die neuen Medienformen referiert. Der grundlegende Fehler im Umgang mit 3-D im Film sei ganz einfach, sagt er. Fast alle Regisseure behandelten 3-D nicht als neues Medium, sondern als Effekt. Deswegen seien ihre Filme auch nur Reliefs, nicht die Eroberung des Raums.
3-D, sagt Garnier, eröffne ein vollkommen neues Filmerlebnis. „Das Raumerlebnis wird von einem ganz anderen Teil des Gehirns verarbeitet als das Bild, die Zeit, eine Geschichte. Das sind die Basalganglien, die im Englischen viel hübscher „reptilian complex“ heißen. Der traditionelle Film basiert rein auf einer kognitiven Rezeption. Deswegen müsse ein Regisseur für einen richtigen 3-D-Film auch komplett neu denken. Vom Blickwinkel bis zu den Kamerabewegungen zwingt der Raum den Film in vollkommen neue Parameter. Alles andere ist Kintopp.
Es mag in dieser Sonntagnacht nur ein schwacher Trost für Wim Wenders und sein Team sein: Der siegreiche Konkurrent „Undefeated“ wird lediglich das Material für eine Weinstein-Produktion liefern, „Pina“ wird in die Filmgeschichte eingehen. Endgültiger Beweis der Macht – die wichtigsten Oscars für Film, Regisseur und Hauptdarsteller des Jahres gingen an Weinsteins „The Artist“. Doch Wim Wenders ist letztlich guter Dinge. Film ist keine Soloshow, und er weiß, wie sehr es seine Mitarbeiter schmerzt, so weit und doch nicht bis um Ziel gekommen zu sein. „Ein Sieg verwöhnt doch nur“, sagt er in seiner kurzen Ansprache im Garten des Sunset Marquis. Das mögen Motivationsfloskeln sein – an diesem Abend sitzen sie.
Foto: Donata und Wim Wenders vor der Oscar-Verleihung; Plakatmotiv für "Pina"/dpa