27.04.13 | 11:45 | 1 Kommentar

Die glücklichen Post-Neunziger

China hinkt dem Westen nicht hinterher, sondern orientiert sich an Stars, Filmen und Moden aus Asien. Ein Gespräch mit dem Jugendkulturforscher Kevin Lee über Rebellion und Generationen

(Interview: Andrian Kreye) Kevin Lee wurde in Kanada geboren. Nach einem Studium in Arts & Media Management an der York University in Toronto, übersiedelte er 2009 nach China. Seit 2010 leitet er in Peking die Firma Youthology, die im Auftrag von Firmen chinesische Jugendkulturen erforscht. Youthology arbeitet dabei mit akademisch ausgebildeten Soziologen, Ethnologen und Anthropologen. Als Business-Anthropologie gibt es diese Form der Marktforschung schon seit den Achtzigerjahren, um herauszufinden, was Kunden mit den Produkten tun, wenn sie sie erst einmal gekauft haben. Die Forscher von Youthology verbringen bei ihrer Arbeit viel Zeit mit ihren Studienobjekten, leben oft mit ihnen, protokollieren unzählige Details. Dabei erarbeiten sie Erkenntnisse über die Rituale, Hierarchien und Strukturen ganzer Bevölkerungsgruppen. Business-Anthropologie ist derzeit so erfolgreich wie umstritten. Nach Meinung der Akademiker verletzt sie die ethischen Leitlinien der Forschung. Die Wirtschaft sieht darin die perfekte Methode, um ihre Kunden als Menschen kennenzulernen.

Seit wann gibt es in China eine Jugendkultur?

Kevin Lee: Es gab schon länger Gegenkulturen - die Kunstbewegung von 1985, die Studentenbewegung von 1989. Aber das waren gesellschaftliche Nischen, keine Jugendkulturen im klassischen Sinne.

Wie muss man sich die vorstellen?

Kulturen, in denen sich junge Leute Fragen nach ihrer eigenen Identität stellen können. Im Westen gehen die meisten in ihren frühen Teenagerjahren durch so eine Selbstfindungsphase. Aber dort gibt es auch den Platz dafür.

In der Gesellschaft?

Nein, ich meine ganz buchstäblich den Platz - Kinder können auf der Straße spielen, es gibt Blocks, Clubs, Orte, wo sie herumhängen können. Aber auch alles andere, was eine Jugendkultur ausmacht, gab es in China lange nicht: kulturelle und kommerzielle Angebote, Meinungs- und Bewegungsfreiheit. Das kam alles erst mit der Politik der offenen Tür, nach 1985. Richtige Jugendkultur gibt es in China erst seit den späten Neunzigerjahren, wir reden also von gerade mal zwei Generationen.

Im Westen waren die Leitmotive der Jugendkultur Identität und Rebellion. Welche sind es in China?

Rebellion spielt keine Rolle. Man versucht natürlich immer, die Entwicklungen in China mit der Geschichte der westlichen Länder zu vergleichen. Wir werden immer wieder gefragt, ob in China jetzt eine ähnliche Aufbruchstimmung herrscht wie im Amerika der Fünfzigerjahre. Für westliche Firmen wäre das natürlich einfach; wenn China nur ein paar Jahrzehnte hinterher wäre, könnte man alles das noch einmal machen, was im Westen damals Erfolg hatte. Aber so funktioniert das nicht. China durchläuft zwar eine ähnliche Wachstumsphase, aber der Kontext ist einzigartig. Auf der einen Seite viel globaler, auf der anderen Seite aber auch regional viel komplexer als in Amerika und Europa damals.

Wie steht es denn mit dem Generationenkonflikt?

Auch den findet man in China kaum. Es gibt keine vorangegangenen Generationen, gegen die die Jugend rebellieren könnte. Die älteren Generationen stammen aus schwierigen Zeiten. Die waren vor allem damit beschäftigt zu überleben und konnten ihren Kindern nur wenig an Erfahrungen mitgeben, mit denen sie heute etwas anfangen könnten. In der chinesischen Jugendkultur geht es viel mehr ums Ausprobieren. Und da wiederum geht es vor allem um Identität.

Ist das nicht auch eine Form der Rebellion in einem Land, in dem der Staat über Jahrzehnte eine kollektive Identität verordnet hat?

Aber diese Zwangsidentitäten haben schon lange keine Gültigkeit mehr. Das war spätestens 1989 vorbei. In der chinesischen Jugendkultur spielen individuelle Identitäten eine viel größere Rolle, und die wiederum setzen sich aus vielen Facetten zusammen. Die Generationenfrage spielt dabei eher eine nostalgische Rolle, nicht so sehr als Motor eines Konflikts.

Wie manifestiert sich das?

Vor ungefähr vier, fünf Jahren gab es plötzlich die erste Retrowelle. Mit einem Mal war alles aus den Achtzigerjahren wieder in Mode - Turnschuhe, Schuluniformen, Zeichentrickfiguren, sogar japanische Comicfiguren und Produkte aus dem Westen. Das hatte damit zu tun, dass wir in der chinesischen Jugendkultur von zwei Generationen sprechen. Von den Post-Achtzigern und von den Post-Neunzigern, die eben jeweils in den Achtziger- oder Neunzigerjahren geboren wurden. Das waren die ersten Generationen, die mit der Freiheit aufgewachsen sind, sich zu fragen, wer sie eigentlich sind. Und die sich damit vom Kontext der Vergangenheit lösen konnten. Die Post-Achtziger fanden dann in dieser Retrowelle die Grundlagen ihrer Identität wieder.

Und die Post-Neunziger?

Die haben ihre eigene Retrowelle. Das Interessante ist aber, dass sie sich weniger über die Artefakte einer Generationen-Identität definieren als über regionale Artefakte.

Was heißt das konkret?

Sie definieren sich als Peking-Post-Neunziger, Shanghai-Post-Neunziger oder Xi"an-Post-Neunziger. Und sie beziehen sich dabei auf irgendwelche Getränke oder Spiele, die man früher eben nur in diesen Städten oder Gegenden fand. Da entwickelt sich gerade ein Hyperregionalismus, der sehr viel Spaß macht, weil er unzählige neue Zentren eigenständiger Subkulturen schafft.

Warum haben Sie Ihr Büro in Peking aufgeschlagen und nicht in Shanghai?

Shanghais Jugendkultur ist eher eine Konsumkultur, sehr pragmatisch, sie orientiert sich eher nach Westen. Wie eigentlich die ganze Stadt. Peking ist anders. Viel innovativer. In Peking gibt es die meisten Universitäten, die meisten Technologiefirmen, die Silicon Valleys von China. Aber eben auch die wichtigsten Kulturinstitute. Fast alle Schriftsteller, Künstler und Musiker gehen nach Peking. Die Kultur ist eher eine Bohème-Kultur. Deswegen entwickelt sich dort mehr.

Welche Rolle spielen in China internationale Kultur und Produkte?

Die gab es in China ja schon seit den Achtzigerjahren. Aber gerade für die jüngere Generation spielen die amerikanischen und westlichen Einflüsse eigentlich keine große Rolle. Amerikanische Produkte haben zum Beispiel kein besonders hohes Prestige. Oder nehmen Sie einen Star wie Lady Gaga. Die ist durchaus eine Sensation, wird von vielen geliebt. Aber niemand wäre gern wie Lady Gaga, niemand sieht sie als Idol. Das ist alles viel zu fremd. Da gibt es nichts, was sich auf den eigenen Kontext bezieht. Deswegen kommen die Einflüsse aus dem Ausland eher aus asiatischen Kulturen - aus Japan, Korea, Taiwan, Vietnam.

Wie sieht es denn mit amerikanischen Filmen und Fernsehserien aus, die ja weltweit großen Einfluss haben?

Auch da haben Filme und Serien aus anderen asiatischen Ländern einen größeren Einfluss. Die amerikanischen Geschichten sind ja meist recht einfach - es gibt einen Helden, einen Feind und zum Schluss gewinnt der Held. Das ist im Vergleich zu asiatischen Erzählformen viel zu simpel. Chinesische Jugendliche mögen es ein bisschen komplizierter, Erzählstränge, die sich miteinander verweben, die auf Gemeinschaften und Netzwerken aufgebaut sind. So wie die Geschichten in den Filmen von Ang Lee. Oder eben in Filmen, die in China, Vietnam oder Taiwan produziert wurden.

Hat das etwas mit chinesischen Erzähltraditionen zu tun?

Im akademischen Sinn bestimmt. Aber es beginnt schon mit der Sprache und damit, wie ihr Hirn Dinge verarbeitet. Das ist fest in der asiatischen Kultur verankert. Wir denken in mehreren kontextuellen Ebenen. Deswegen muss ein Drama auch komplex aufgebaut sein.

Welche Medien spielen denn die größte Rolle für die Jugend?

Ursprünglich war es Musik, doch das hat sich eher in Richtung Sport entwickelt. Digitale Medien spielen eine enorme Rolle. Und die Kombination aus beidem: Die Jugendlichen gehen snow- oder skateboarden, feiern danach und tauschen dann Videos aus. Es gibt außerdem eine große Do-it-yourself-Mode. Aber man kann das nicht verallgemeinern. Das ist von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich. China ist so fragmentiert, und die regionalen Unterschiede sind so stark, dass diese Nuancen eine große Rolle spielen.

Welche Rolle haben Familientraditionen in der chinesischen Jugendkultur?

Da gibt es eine interessante Spannung, die gerade in der Underground-Musik, in Gedichten und Romanen verarbeitet wird. Prinzipiell wollen junge Leute ihre Eltern durchaus respektieren. Sie wollen, dass ihre Eltern stolz auf sie sind. Allerdings sind ihre Eltern noch in ganz anderen Wertesystemen verwurzelt. Und gerade da unterscheiden sich die Post-Achtziger stark von den Post-Neunzigern.

Welchen Unterschied gibt es da?

Die Eltern der Post-Achtziger kamen aus viel härteren Verhältnissen. Als die chinesische Wirtschaft Fahrt aufnahm, also in den frühen Neunzigerjahren, waren sie meist schon in ihren Dreißigern oder Vierzigern, für viele war es da schon zu spät, noch richtig Karriere zu machen. Für sie waren die Jobs bei der Regierung immer noch der wichtigste Weg zum Erfolg. Deswegen waren ihnen gute Noten so wichtig, ein guter akademischer Abschluss, vielleicht sogar ein Job im Ausland, oder eben in der Regierung.

Die Post-Neunziger-Eltern sind finanziell meist besser abgesichert. Viele sind Unternehmer und schätzen das Wertesystem der Marktwirtschaft. Deswegen haben sie ihre Kinder oft viel freier erzogen, gaben ihnen mehr Raum, weil der Karrieredruck nicht mehr so groß war, und vor allem, weil die staatlichen Unternehmen und Institutionen für die berufliche Laufbahn nicht mehr so wichtig waren. Sie hatten ja auch die Mittel, um ihre Kinder zu unterstützen.

Gibt es da nicht einen Unterschied zwischen der Jugend auf dem Land, in den Provinzen und in den Städten?

Einen massiven Unterschied sogar. Wenn ich von Jugendkultur spreche, dann rede ich in erster Linie von der Großstadtjugend, die in den so genannten erstrangigen Städten aufgewachsen sind. Sobald sie in die zweit-und drittrangigen Städte gehen, ist alles ganz anders. Und mit zweit- und drittrangig meine ich immer noch Städte, die um ein Vielfaches größer sind als jede Stadt in Europa. Das sind vollkommen andere Welten. Die haben ihre eigenen Subkulturen.

Was sind das für Subkulturen?

Das Interessante in den zweitrangigen Städten und in der Provinz ist, dass wir es da nun schon mit der zweiten Generation von Kindern zu tun haben, deren Eltern ihre Heimat verlassen mussten, um Arbeit zu finden. Die haben ihre Eltern nur einmal im Jahr gesehen. Und diese Kinder fragen sich nun, ob es das alles wert ist. Will ich meine Kinder verlassen, die dann bei den Großeltern aufwachsen, nur um mehr Geld zu verdienen? Vor allem, nachdem das nicht mehr unbedingt der Fall ist, weil die Lebenshaltungskosten in den Städten viel schneller angestiegen sind als die Löhne dort. Deswegen gehen auch viele junge Leute, die vielleicht schon in die großen Städte gezogen sind, wieder zurück in die Provinz. Die entwickelt sich deswegen gerade auch sehr rasch, weil diese umgekehrte Wanderung viele gut ausgebildete junge Leute zurückbringt. So wird das Leben dort bequemer, es gibt mehr Arbeitsmöglichkeiten.

Und welche Subkulturen entwickeln sich da?

Da entwickeln sich eigene Dialekte, eine eigene Musik und Verhaltensmuster. Die Musik klingt ganz furchtbar, die ist wirklich schlecht. Aber die Provinzjugend steht da drauf. Das sind Sounds und Geschichten, die sie mag und versteht, nicht zuletzt, weil sich die Kultur in den erstrangigen Städten so schnell entwickelt hat, dass sie mit der Realität der Provinzjugend nichts mehr zu tun hat. Viele Dinge, über die sich die kreative Klasse in den Städten Gedanken macht, haben in der Provinz überhaupt keine Bedeutung.

Mit was beschäftigt sich denn die Großstadtkultur?

Im Moment ist die Verwischung der Geschlechtergrenzen sehr interessant. Das sieht man inzwischen sogar in den Talentshows im Fernsehen. Vor vier, fünf Jahren hat mal ein Tomboy-Mädchen gewonnen, das war noch richtig kontrovers. Inzwischen gibt es unzählige Boybands, die sehr feminin sind. Es gibt da auch eine ganze Subkultur von älteren Frauen, die auf feminine Knaben stehen. Die Schauspielerin Fan Bingbing, die ein Superstar ist, zieht sich dagegen oft sehr männlich an.

Hat das auch eskapistische Elemente?

Die stärkste Form des Eskapismus in China ist immer noch, ins Ausland zu gehen. Das ist nicht nur die grassierende Kapitalflucht. Das ist auch ein großer Braindrain der kreativen Klasse. Bleibt nur zu hoffen, dass sich China so schnell entwickelt, dass wir diese kreative Klasse halten können. Erst in den letzten 18 Monaten gibt es eine Rückkehrbewegung aus dem Ausland. Viele sind sehr jung emigriert und sehen jetzt wegen der Wirtschaftskrise im Westen in China mehr Möglichkeiten. Das wiederum ist ein ganz neuer kultureller Einfluss, weil diese Auslands-Chinesen ganz andere Werte und kulturelle Gewohnheiten nach China bringen. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt.

Foto: Wang Zhao/AFP

13.09.11 | 06:57 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Yasheng Huang: Does democracy stifle economic growth?

01.08.11 | 18:56 | 1 Kommentar

Die Shanghai-Theorie

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Stuttgart 21, Olympia 22, die Philharmonien und der Traum vom sichtbaren Wachstum

(Von Andrian Kreye) Man sollte nicht immer jeden historischen Wandel des 21. Jahrhunderts auf die Anschläge des 11. September schieben, aber: Der Zusammenbruch der Zwillingstürme war der Beginn des Abstiegs der New Yorker Skyline als Symbol für Hoffnung, Aufbruch und Wachstum. Diese Rolle hat nun die Skyline von Shanghai, genauer gesagt das Wolkenkratzerpanorama des neuen Geschäftsviertels Pudong am Ufer des Huangpu Jiang. Und es ist nicht nur ein Traumbild. Seit fast schon zwanzig Jahren kann Shanghai zweistellige Wachstumszahlen melden. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Die Ablöse hat sich im Bewusstsein Europas und Amerikas vielleicht noch nicht so offensiv vollzogen wie im Rest der Welt. Da hat Pudong seinen neuen Status noch im Unterbewusstsein. In Afrika und Asien hat der Oriental Pearl Tower mit seinen drei monumentalen Kugeln allerdings einen ähnlichen Symbolwert wir das Empire State Building. Da findet man die Skyline von Pudong schon auf Plakaten in Büros und Geschäften oder auf den naiven Wandgemälden an Supermärkten und Bushaltestellen.Stadtpanoramen waren schon immer das beste Bild, um in der kollektiven Wahrnehmung ein so abstraktes Phänomen wie wirtschaftliches Wachstum und kulturelle Macht zu verdeutlichen. Wobei es eigentlich nicht Manhattan ist, das dem Unterbewusstsein als Blaupause für diesen Sehnsuchtsreflex dient, sondern Paris. Seit seiner Eröffnung zum Beginn der Weltausstellung von 1889 hat der Stahlfachwerkturm den Ehrgeiz der Mächtigen beflügelt, sich in der Skyline ihrer Städte zu verewigen. Dem Pearl Oriental Tower war er offensichtliches Vorbild. Das Chrysler und das Empire State Building waren entfernte Zitate. Doch auch Großprojekte wie Bahnhöfe, Sportstadien oder Konzertsäle sind letztlich ein Echo jener städtebaulichen Sinnstiftung aus den Frühzeiten der Industriegesellschaft.

Es ist also kein Wunder, dass es die großen Architekturbüros derzeit nach China zieht, wo sie sich in den Stadtbildern mit kühnen Projekten profilieren können. Exemplarisch war der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas, der die Mitarbeit an der Wiederbebauung von Ground Zero in New York ablehnte und stattdessen lieber das neue Hauptquartier des Staatsfernsehsender Central China Television in Peking baute.

Das ist auch der Grund, warum sich die Debatten um Großprojekte nur vordergründig um Geld und Nutzwert drehen. Es geht immer auch um Kultur und Seele einer Stadt, eines Landes, einer Gesellschaft. Hierzulande sind das derzeit die Debatten um Stuttgart 21, den Münchner Hauptbahnhof, Konzertsäle in München, Hamburg und Bonn, sowie das Großprojekt einer möglichen Winterolympiade in München (nach der Niederlage gegen Korea im Jahre 2022).

Die einfachste Erklärung dieser Debatten findet man in dem Buch „Der Architekturkomplex“ des Designtheoretikers Deyan Sudjic. Der zieht von den Pyramiden über den Taj Mahal, Versailles und die Diktaturen des 20. Jahrhunderts eine direkte historische Linie in die Moderne. Große Architektur, so Sudjic, war immer die Manifestation einer immanenten Profilneurose der Macht.

Im 21. Jahrhundert funktioniert diese These nicht mehr ganz so einfach. Die Berliner Rekonstruktionsdebatten zeigen, wie komplex und empfindlich das historische Bewusstsein einer Gesellschaft sein kann. Und der Aufstieg der Skyline von Shanghai zum globalen Symbol für Aufbruch und Wachstum birgt im Unterbewusstsein Europas und Amerikas eine viel schwierigere Erklärung in sich. Es ist nicht nur die Sehnsucht nach der archaischen Aufbruchsstimmung der industriellen Revolution, sondern auch nach der schlichten Wachstumsmaxime, die der Wirtschaftspolitologe am Massachusetts Institute of Technology Yasheng Huang als „Shanghai-Theorie des Wachstums“ bezeichnete.

Nach dieser Theorie wird nationaler Wachstum vor allem vom Aufbau von Infrastruktur getrieben. Dieser Aufbau aber funktioniert nur dann reibungslos, wenn ihn Staat und Wirtschaft ohne den Widerstand der Bürger vorantreiben können. Und wenn der Staat genügend Land besitzt oder zumindest die Verfügungsgewalt darüber hat, dass Großprojekte ohne langwierige Verhandlungen durchgeführt werden können. Das heimliche Faible für die Shanghai Theorie ist aber nichts anderes, als das kapitalistische Äquivalent zur Ostalgie in ehemals sozialistischen Ländern. Ähnlich wie man sich dort in Zeiten der Krise nach der Sicherheit eines autokratischen Systems nachhängt, steht die Shanghai Theorie für eine Zeit, in der Aufbruch, Wachstum und Wohlstand zumindest im historischen Rückblick eine deutliche Entwicklung nahmen.

In Europa und Amerika stellt sich aber vor allem die Frage – welche Infrastrukturen können dort noch Wachstum antreiben? Die Erklärung des Dilemmas zwischen Großträumen und städteplanerischen Realitäten findet sich aber nicht in Deyan Sudjics „Architekturkomplex“, sondern in dem obskuren Buch „The Baseball Economist“ des Wirtschaftswissenschaftlers John Charles Bradbury von der Kennesaw State University in Atlanta.

In seinem Kapitel über Sportstadien definiert Bradbury das Dilemma als die Kluft zwischen sichtbarem und unsichtbarem Wachstum. Ein neues Sportstadion gehört zu den sichtbarsten Formen des Wachstums. Zum einen, weil es im Stadtbild einen prominenten Platz haben wird. Das funktioniert selbst am Stadtrand, wie die Münchner Allianz Arena vom Architekturbüro Herzog & de Meuron beweist, die erst im Mai 2006 eröffnet wurde und jetzt schon auf den Titelseiten von Reiseführern den Frauentürmen Konkurrenz macht. Zum anderen, weil die Bevölkerung mit der Ausnahme von Bahnhöfen und Flughäfen keine Gebäude so häufig nutzen wird, wie ein Sportstadion.

Allerdings, so rechnet Bradbury vor, schaffen Sportstadien, die mit öffentlichen Geldern subventioniert werden, für die Kommune selbst nur einen ideellen Mehrwert. Jedes Großprojekt lässt sich schönrechnen. Das Grundproblem öffentlich finanzierter Stadien sei jedoch, dass es keinen Mehrwert schafft, sondern öffentlichen Wohlstand lediglich umschichtet. Denn die Arbeitsplätze, die so ein Projekt schafft, sind entweder zeitlich begrenzte Stellen in der Bauindustrie, schlecht bezahlte und saisonale Jobs in der Serviceindustrie, wie dem Getränke- oder Souvenirverkauf. Zusätzlich werden die Spitzengehälter der Sportler und des Managements quersubventioniert. Und das alles für ein Bauwerk, das im Falle eine Stadions vor allem an Sommerwochenenden genutzt wird.

Wer davon profitiert sind vor allem privatwirtschaftlicher Kräfte. Wem das Geld dann fehlt ist die öffentliche Hand. Im Groben lässt sich Bradburys Rechnung auch auf andere Großprojekte wie Konzertsäle, Museen und Messezentren umrechnen. Wie begrenzt der öffentliche Nutzen einer Sportanlage ist, kann man in München beispielsweise an den verkrampften Bemühungen sehen, den Olympiapark mit Leben zu erfüllen.

Die wirtschaftlich dynamischen Infrastrukturen des 21. Jahrhunderts sind aber keine traditionellen sichtbaren Projekte. Es sind unsichtbare Strukturen, die einem Stadtoberen, einem Finanzier oder Planer all den klassischen Glamour verweigern, den ein Großbau mit sich bringt – die Möglichkeit, dem Ding einen Namen zu geben, der weithin sichtbar angebracht wird, die Veränderung des Stadtbildes, der Pomp einer feierlichen Eröffnung, der Platz in der Stadtgeschichte.

Europa und Amerika verfügen längst über die Hardware der Infrastruktur. Was fehlt ist die Software. Freie W-Lan-Netze für ein gesamtes Stadtgebiet Der Aufbau von Energiestrukturen für die Elektromobilität. Die Erhöhung der Siedlungsdichte. Infrastrukturen für das so genannte „Creative Capital“, also die qualifizierten Arbeitskräfte von außen, die von Bildungseinrichtungen über Kinderbetreuung bis zum Aufbau von Glasfasernetzen reichen. Vor allem aber gehört die Modernisierung bestehender Infrastrukturen dazu, die in den europäischen und amerikanischen Metropolen in vielen Bereichen das Haltbarkeitsdatum überschritten hat.

Doch was ist schon die Renovierung einer Brücke gegen den Bau eines Stadions? Wer wird sich an den Finanzier eines W-Lan-Netzes erinnern? Wie armselig ist die elektrische Ladestation für den Verkehr des Zukunft? Die zweistelligen Wachstumsraten aus den Schwellenländern, die ihre Infrastrukturen noch erschließen müssen, werden noch lange die Wirtschaftsnachrichten bestimmen. China wird diese Nachrichten bis zum Jahr 2025 gute 40 Milliarden Quadratmeter Baufläche in rund fünf Millionen Gebäuden errichten. Das entspricht rund zehn New York Cities. So wird der Traum vom Großprojekt als Schlüssel zur urbanen Unsterblichkeit fortleben. Auch wenn er bei uns keinen Zweck mehr erfüllt.

Foto: Samuel Zuder/laif

20.05.11 | 15:01 | 0 Kommentare

Ai Weiwei “Never Sorry”

Ai Weiwei: Never Sorry TEASER from Ai Weiwei: Never Sorry on Vimeo.

Webseite "Free Ai Weiwei" - hier.

19.04.11 | 21:13 | 1 Kommentar

Ai Weiwei

AiweiweiGuggenheim

Ganz erstaunliche Texte zu Ai Weiwei auf der englischsprachigen Propagandaseite der chinesischen Regierung M4:

Ai Weiwei der Schwindler und für Asien so untypische Macho

Ai Weiwei der Blender und Vandale

Die Unterstützung des Westens für Ai Weiwei ist abnormal

Foto: Plakat vor dem Guggenheim Museum in New York/copyright Jörg Häntzschel

09.04.11 | 21:19 | 4 Kommentare

Release Ai Weiwei

TateModReleaseAiWeiwei

Während die "drei Mandarine" der deutschen Museumslandschaft Michael Eissenhauer (Staatliche Museen Berlin), Klaus Schrenk (Bayerische Staatsgemäldesammlungen) und Martin Roth (Staatliche Kunstsammlungen Dresden) noch vergeblich versuchen, den Schaden mit holprigen Rechtfertigungen zu begrenzen, während Martin Roth sich erst über den verhafteten Ai Weiwei mokiert (»Der ist ja bei den Medien vor allem nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil er ständig draufhaut. Furchtbar natürlich, dass er verhaftet wurde. Aber warum sind alle so auf ihn fixiert? Es gibt Hunderte Künstler wie ihn, über die spricht aber keiner, weil sie keine Popstars sind.«) und weinerlich seinen kulturpolitischen Zynismus rechtfertigt, sagt die Tate Modern in wenigen Worten aber mit sehr großen Lettern, um was es eigentlich geht.

Foto: tate modern april 7 2011 after an idea by artist jeremy deller

04.04.11 | 22:09 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Ai Weiwei

Das letzte Interview mit Ai Weiwei vor seiner Verhaftung am vergangenen Sonntag hat Henrik Bork für das SZ-Feuilleton geführt (am Dienstag den 5.4. im Blatt).

24.05.10 | 09:01 | 0 Kommentare

#musicmonday

29.12.09 | 17:11 | 0 Kommentare

Come little rabbit, come to me



Akmal Shaikh wurde am heutigen Dienstag den 29.12. 2009 wegen Drogenschmuggels in China hingerichtet. Shaikh war manisch-depressiv, Brite pakistanischer Herkunft, lebte als Obdachloser in Polen und wurde dort von Drogenhändlern zur Reise nach China mit dem Versprechen gelockt, dass er mit seinem Lied "Come little rabbit, come to me" einen Welthit landen und den Weltfrieden herbeiführen würde. Er bestieg das Flugzeug nach China in der Annahme, er würde dort in einem Nachtclub als Sänger auftreten. Den Koffer mit Heroin transportierte er für einen seiner "Produzenten".

Video: PSA der Menschenrechtsorganisation Reprieve.

26.10.09 | 21:49 | 0 Kommentare

Visuelle Sprachmoden


China's 60th Anniversary national day - timelapse and slow motion - 7D and 5DmkII from Dan Chung on Vimeo.


Visuelle Sprachmoden: Seit man mit den Profifotokameras auch Zeitraffer- und Zeitlupenaufnahmen machen kann, schwemmen dementsprechende Videos zu Hauf ins Netz.

via @szmagazin

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