0 Kommentare
1 KommentarDie Shanghai-Theorie

Stuttgart 21, Olympia 22, die Philharmonien und der Traum vom sichtbaren Wachstum
(Von Andrian Kreye) Man sollte nicht immer jeden historischen Wandel des 21. Jahrhunderts auf die Anschläge des 11. September schieben, aber: Der Zusammenbruch der Zwillingstürme war der Beginn des Abstiegs der New Yorker Skyline als Symbol für Hoffnung, Aufbruch und Wachstum. Diese Rolle hat nun die Skyline von Shanghai, genauer gesagt das Wolkenkratzerpanorama des neuen Geschäftsviertels Pudong am Ufer des Huangpu Jiang. Und es ist nicht nur ein Traumbild. Seit fast schon zwanzig Jahren kann Shanghai zweistellige Wachstumszahlen melden. Ein Ende ist nicht in Sicht.
Die Ablöse hat sich im Bewusstsein Europas und Amerikas vielleicht noch nicht so offensiv vollzogen wie im Rest der Welt. Da hat Pudong seinen neuen Status noch im Unterbewusstsein. In Afrika und Asien hat der Oriental Pearl Tower mit seinen drei monumentalen Kugeln allerdings einen ähnlichen Symbolwert wir das Empire State Building. Da findet man die Skyline von Pudong schon auf Plakaten in Büros und Geschäften oder auf den naiven Wandgemälden an Supermärkten und Bushaltestellen.Stadtpanoramen waren schon immer das beste Bild, um in der kollektiven Wahrnehmung ein so abstraktes Phänomen wie wirtschaftliches Wachstum und kulturelle Macht zu verdeutlichen. Wobei es eigentlich nicht Manhattan ist, das dem Unterbewusstsein als Blaupause für diesen Sehnsuchtsreflex dient, sondern Paris. Seit seiner Eröffnung zum Beginn der Weltausstellung von 1889 hat der Stahlfachwerkturm den Ehrgeiz der Mächtigen beflügelt, sich in der Skyline ihrer Städte zu verewigen. Dem Pearl Oriental Tower war er offensichtliches Vorbild. Das Chrysler und das Empire State Building waren entfernte Zitate. Doch auch Großprojekte wie Bahnhöfe, Sportstadien oder Konzertsäle sind letztlich ein Echo jener städtebaulichen Sinnstiftung aus den Frühzeiten der Industriegesellschaft.
Es ist also kein Wunder, dass es die großen Architekturbüros derzeit nach China zieht, wo sie sich in den Stadtbildern mit kühnen Projekten profilieren können. Exemplarisch war der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas, der die Mitarbeit an der Wiederbebauung von Ground Zero in New York ablehnte und stattdessen lieber das neue Hauptquartier des Staatsfernsehsender Central China Television in Peking baute.
Das ist auch der Grund, warum sich die Debatten um Großprojekte nur vordergründig um Geld und Nutzwert drehen. Es geht immer auch um Kultur und Seele einer Stadt, eines Landes, einer Gesellschaft. Hierzulande sind das derzeit die Debatten um Stuttgart 21, den Münchner Hauptbahnhof, Konzertsäle in München, Hamburg und Bonn, sowie das Großprojekt einer möglichen Winterolympiade in München (nach der Niederlage gegen Korea im Jahre 2022).
Die einfachste Erklärung dieser Debatten findet man in dem Buch „Der Architekturkomplex“ des Designtheoretikers Deyan Sudjic. Der zieht von den Pyramiden über den Taj Mahal, Versailles und die Diktaturen des 20. Jahrhunderts eine direkte historische Linie in die Moderne. Große Architektur, so Sudjic, war immer die Manifestation einer immanenten Profilneurose der Macht.
Im 21. Jahrhundert funktioniert diese These nicht mehr ganz so einfach. Die Berliner Rekonstruktionsdebatten zeigen, wie komplex und empfindlich das historische Bewusstsein einer Gesellschaft sein kann. Und der Aufstieg der Skyline von Shanghai zum globalen Symbol für Aufbruch und Wachstum birgt im Unterbewusstsein Europas und Amerikas eine viel schwierigere Erklärung in sich. Es ist nicht nur die Sehnsucht nach der archaischen Aufbruchsstimmung der industriellen Revolution, sondern auch nach der schlichten Wachstumsmaxime, die der Wirtschaftspolitologe am Massachusetts Institute of Technology Yasheng Huang als „Shanghai-Theorie des Wachstums“ bezeichnete.
Nach dieser Theorie wird nationaler Wachstum vor allem vom Aufbau von Infrastruktur getrieben. Dieser Aufbau aber funktioniert nur dann reibungslos, wenn ihn Staat und Wirtschaft ohne den Widerstand der Bürger vorantreiben können. Und wenn der Staat genügend Land besitzt oder zumindest die Verfügungsgewalt darüber hat, dass Großprojekte ohne langwierige Verhandlungen durchgeführt werden können. Das heimliche Faible für die Shanghai Theorie ist aber nichts anderes, als das kapitalistische Äquivalent zur Ostalgie in ehemals sozialistischen Ländern. Ähnlich wie man sich dort in Zeiten der Krise nach der Sicherheit eines autokratischen Systems nachhängt, steht die Shanghai Theorie für eine Zeit, in der Aufbruch, Wachstum und Wohlstand zumindest im historischen Rückblick eine deutliche Entwicklung nahmen.
In Europa und Amerika stellt sich aber vor allem die Frage – welche Infrastrukturen können dort noch Wachstum antreiben? Die Erklärung des Dilemmas zwischen Großträumen und städteplanerischen Realitäten findet sich aber nicht in Deyan Sudjics „Architekturkomplex“, sondern in dem obskuren Buch „The Baseball Economist“ des Wirtschaftswissenschaftlers John Charles Bradbury von der Kennesaw State University in Atlanta.
In seinem Kapitel über Sportstadien definiert Bradbury das Dilemma als die Kluft zwischen sichtbarem und unsichtbarem Wachstum. Ein neues Sportstadion gehört zu den sichtbarsten Formen des Wachstums. Zum einen, weil es im Stadtbild einen prominenten Platz haben wird. Das funktioniert selbst am Stadtrand, wie die Münchner Allianz Arena vom Architekturbüro Herzog & de Meuron beweist, die erst im Mai 2006 eröffnet wurde und jetzt schon auf den Titelseiten von Reiseführern den Frauentürmen Konkurrenz macht. Zum anderen, weil die Bevölkerung mit der Ausnahme von Bahnhöfen und Flughäfen keine Gebäude so häufig nutzen wird, wie ein Sportstadion.
Allerdings, so rechnet Bradbury vor, schaffen Sportstadien, die mit öffentlichen Geldern subventioniert werden, für die Kommune selbst nur einen ideellen Mehrwert. Jedes Großprojekt lässt sich schönrechnen. Das Grundproblem öffentlich finanzierter Stadien sei jedoch, dass es keinen Mehrwert schafft, sondern öffentlichen Wohlstand lediglich umschichtet. Denn die Arbeitsplätze, die so ein Projekt schafft, sind entweder zeitlich begrenzte Stellen in der Bauindustrie, schlecht bezahlte und saisonale Jobs in der Serviceindustrie, wie dem Getränke- oder Souvenirverkauf. Zusätzlich werden die Spitzengehälter der Sportler und des Managements quersubventioniert. Und das alles für ein Bauwerk, das im Falle eine Stadions vor allem an Sommerwochenenden genutzt wird.
Wer davon profitiert sind vor allem privatwirtschaftlicher Kräfte. Wem das Geld dann fehlt ist die öffentliche Hand. Im Groben lässt sich Bradburys Rechnung auch auf andere Großprojekte wie Konzertsäle, Museen und Messezentren umrechnen. Wie begrenzt der öffentliche Nutzen einer Sportanlage ist, kann man in München beispielsweise an den verkrampften Bemühungen sehen, den Olympiapark mit Leben zu erfüllen.
Die wirtschaftlich dynamischen Infrastrukturen des 21. Jahrhunderts sind aber keine traditionellen sichtbaren Projekte. Es sind unsichtbare Strukturen, die einem Stadtoberen, einem Finanzier oder Planer all den klassischen Glamour verweigern, den ein Großbau mit sich bringt – die Möglichkeit, dem Ding einen Namen zu geben, der weithin sichtbar angebracht wird, die Veränderung des Stadtbildes, der Pomp einer feierlichen Eröffnung, der Platz in der Stadtgeschichte.
Europa und Amerika verfügen längst über die Hardware der Infrastruktur. Was fehlt ist die Software. Freie W-Lan-Netze für ein gesamtes Stadtgebiet Der Aufbau von Energiestrukturen für die Elektromobilität. Die Erhöhung der Siedlungsdichte. Infrastrukturen für das so genannte „Creative Capital“, also die qualifizierten Arbeitskräfte von außen, die von Bildungseinrichtungen über Kinderbetreuung bis zum Aufbau von Glasfasernetzen reichen. Vor allem aber gehört die Modernisierung bestehender Infrastrukturen dazu, die in den europäischen und amerikanischen Metropolen in vielen Bereichen das Haltbarkeitsdatum überschritten hat.
Doch was ist schon die Renovierung einer Brücke gegen den Bau eines Stadions? Wer wird sich an den Finanzier eines W-Lan-Netzes erinnern? Wie armselig ist die elektrische Ladestation für den Verkehr des Zukunft? Die zweistelligen Wachstumsraten aus den Schwellenländern, die ihre Infrastrukturen noch erschließen müssen, werden noch lange die Wirtschaftsnachrichten bestimmen. China wird diese Nachrichten bis zum Jahr 2025 gute 40 Milliarden Quadratmeter Baufläche in rund fünf Millionen Gebäuden errichten. Das entspricht rund zehn New York Cities. So wird der Traum vom Großprojekt als Schlüssel zur urbanen Unsterblichkeit fortleben. Auch wenn er bei uns keinen Zweck mehr erfüllt.
Foto: Samuel Zuder/laif
0 KommentareOptische Antidepressiva
...lautete der Titel der Rezension der Restrospektive des dänischen Künstlers Poul Gernes in den Hamburger Deichtorhallen, die Till Briegleb morgen im Feuilleton der Wochenend-SZ hat, wonach Gernes vom Modeschöpfer Paul Smith bis zum Architekten Bjarke Ingels so einige Moderne beeinflußt hat.




Abbildungen (von oben nach unten): Target/Skydeskivebillede, 1967, © Poul Gernes Estate. Foto: Anders Sune Berg; Untitled (target painting), 1966-69,Courtesy Gallery Bo Bjerggaard; Untitled (Grammofonpladebillede / Album painting ), 1966-1968, Courtesy Galleri Bo Bjerggaard, Klara Karolines Fond; Poul Gernes, 1966. Photo: Asger Sesingø. © Galerie Ben Kaufmann.
0 KommentareStuttgart 21

Schon nicht mehr nachvollziehbar, woher das kam (Holger Liebs Facebook page / nerdcore/ eye said it before).
Auch hübsch: Sim City 21.
0 KommentareTED Talk der Woche: The man who literally shanghaied the Little Mermaid
9 KommentareThe Future (curated by Hans Ulrich Obrist)
Für seinen Abschlussvortrag im Rahmen des "Where do we go from here"-Symposiums des Louisiana Museums während des UN-Klimagipfels in Kophenhagen stellte der Superkurator Hans Ulrich Obrist éine seiner legendären Listen zusammen.
For his exit lecture at the "Where do we go from here?" symposium at the Louisiana Museum during the UN climate conference in Copenhagen, supercurator Hans Ulrich Obrist compiled one of his famous lists.
The future will be chrome.
Rirkrit Tiravanija
The future will be curved.
Olafur Eliasson
The future will be "in the name of the future.
Anri Sala
The future will be so subjective.
Tino Sehgal
The future will be bouclette.
Douglas Gordon
The future will be curious.
Nico Dockx
The future will be obsolete.
Tacita Dean
The future will be asymmetric.
Pedro Reyes
The future will be a slap in the face.
Cao Fei
The future will be delayed.
Loris Greaud
The future does not exist but in snapshots.
Philippe Parreno
The future will be tropical.
Dominique Gonzalez-Foerster
Future? ...you must be mistaken
Trisha Donnelly
The future will be overgrown and decayed.
Simryn Gill
The future will be tense.
John Baldessari
Zukunft ist lecker.
Hans-Peter Feldmann
Zukunft ist wichtiger als Freizeit.
Helmut Kohl (proposed by Carsten Höller)
A future fuelled by human waste.
Matthew Barney
The future is going nowhere without us.
Paul Chan
The future is now - the future is it.
Doug Aitken
The future is one night, just look up.
Tomas Saraceno
The future will be a remake...
Didier Fiuza Faustino
The future is what we construct from what we remember of the past - the present is the time of instantaneous revelation.
Lawrence Weiner
The future is this place at a different time.
Bruce Sterling
The future will be widely reproduced and distributed.
Cory Doctorow
The future will be whatever we make it.
Jacque Fresco
The future will involve splendour and poverty.
Arto Lindsay
The future is uncertain because it will be what we make it.
Immanuel Wallerstein
The future is waiting - the future will be self-organized.
Raqs Media Collective
Dum Spero/ While I breathe, I hope.
Nancy Spero
This is not the future.
Jordan Wolfson
The future is a dog/ l'avenir c'est la femme.
Jacques Herzog & Pierre de Meuron
On its way; it was here yesterday.
Hreinn Friðfinnsson
The future will be an armchair strategist, the future will be like no snow on the broken bridge.
Yang Fudong
The future always flies under the radar.
Martha Rosler
Suture that future.
Peter Doig
'To-morrow, and to-morrow, and to-morrow' (Shakespeare).
Richard Hamilton
The future is overrated.
Cerith Wyn Evans
futuro = $B!g(B
Hector Zamorra
The future is a large pharmacy with a memory deficit.
David Askevold
The future will be bamboo.
Tay Kheng Soon
The future will be ousss.
Koo Jeong-A
The future will be...grains, particles & bits.
The future will be...ripples, waves & flow.
The future will be...mix, swarms, multitudes.
The future will be...the future we deserve but with some surprises, if only some of us take notice.
Vito Acconci
In the future...the earth as a weapon...
Allora & Calzadilla
The future is our excuse.
Joseph Grigely and Amy Vogel
The future will be repeated.
Marlene Dumas
Ok, ok I’ll tell you about the future; but I am very busy right now; give me a couple of days more to finish some things and I’ll get back to you.
Jimmie Durham
Future is instant.
Yung Ho Chang
'The future is not.'
Zaha Hadid
The future is private.
Anton Vidokle
The future will be layered and inconsistent.
Liam Gillick
The future is a piano wire in a pussy powering something important.
Matthew Ronay
In the future perhaps there will be no past.
Daniel Birnbaum
The future was.
Julieta Aranda
The future is menace.
Carolee Schneemann
The future is a forget-me-not.
Molly Nesbit
The future is an knowing exchange of glances.
Sarah Morris
The future: Scratching on things I could disavow.
Walid Raad
The future is our own wishful thinking.
Liu Ding
Le futur est un étoilement.
Edouard Glissant
The future is now.
Maurizio Cattelan
The future has a silver lining.
Thomas Demand
The future is now and here.
Yona Friedman
is a fax best to use as facsimile G&G FAX is:
THE FUTURE?
SEE YOU THERE!
AS ARTISTS WE WANT TO HELP
TO FORM OUR TOMORROWS.
WE HAVE ALWAYS BELIEVED IN
THE PAST, PRESENT AND FUTURE.
ITS GOING TO BE MARVELLOUS.
LONG LIVE THE FUTURE
WITH LOTS OF LOVE
ALWAYS AND ALWAYS
Gilbert&George
The future is without you.
Damien Hirst
The future is a season.
Pierre Huyghe
The future is a poster.
M/M
We have repeated the future out of existence.
Tom McCarthy
The future has two large beautiful eyes.
Jonas Mekas
less, few tours in my future.
Stefano Boeri
Future is what it is.
Huang Yong Ping
The future is the very few years we have remaining before all time becomes one time.
Grant Morrison
FUTURE MUST BE HERE TODAY
Jan Kaplicky
Future is more freedom.
Jia Zhangke
My art is very free, I don’t know what to do in the future. But I am positive.
Xu Zhen
The future is inside.
Shumon Basar, Markus Miessen, Åbäke
NO FUTURE - PUNK IS NOT DEATH !
Thomas Hirschhorn
The future will be grim if we don't do something about it.
Morgan Fisher
The future is reflexive and coming together
Olafur Eliasson
The future is listening
Shilpa Gupta
The future lies in the unknown
Ann Lislegaard
Nothing stinks, only thinking made it so
Sissel Tolaas
What the future is, you only know next morning
Die Zukunft kann man nur ueber Nacht definieren
Peter Sloterdijk
The future is a disease
Peter Weibel
Foto: Gardard Eide Einarssons's installation on the Louisiana Museum photographed by Finn Broendum.



