11.09.11 | 20:46 | 1 Kommentar

Adieu Idéologie

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Vom neuen Typus der Revolutionäre



(Aus dem Feuilleton der SZ; von Andrian Kreye) Man bekommt im historischen Idyll des heutigen Mitteleuropa selten die Gelegenheit, gleich einen ganzen Konferenzraum voller Revolutionäre aus aller Welt zu treffen. Einer dieser seltenen Momente war vergangene Woche in der Orangerie im Potsdamer Park Sanssouci, als Revolutionäre aus Nordafrika, Asien und dem Balkan zusammenkamen. Die diskutierten im Rahmen des Sanssouci Colloquiums über die Rolle der digitalen Medien in der globalen Demokratiebewegung. Weil dieses Thema nur einen der zahlreichen Aspekte der Aufstände, Umstürze und Dissidenzen der letzten Jahrzehnte erfasste, wurde hier natürlich kein allumfassender Blick auf den Freiheitskampf des 21.Jahrhunderts geboten. Und doch präsentierte sich da ein neuer Typus, der sich vom romantischen Bild des Partisanen und Guerilleros der vergangenen drei Jahrhunderte klar verabschiedet.

Sucht man ein Gesamtbild, landet man bei so etwas wie dem aufgeräumten Revolutionär. Ohne den ideologischen Furor des letzten Jahrhunderts und ohne den falschen Glamour des bewaffneten Widerstandes ist der Freiheitskämpfer des 21. Jahrhunderts ein kluger Mensch mit dem kosmopolitischen Weltbild eines Großstadtintellektuellen und dem Organisationstalent eines Internetunternehmers. Hin und wieder ist er sogar beides. Vor allem aber verfügt dieser Freiheitskämpfer über die fast schon spirituelle Geduld des zivilen Widerstandes, die sich die gefährliche Euphorie und oft so tödliche Katharsis des bewaffneten Kampfes versagt.

Sami Ben Gharbia ist ein gutes Beispiel für diesen neuen Typus, ein 44-jähriger tunesischer Aktivist, der im Dresscode der digitalen Boheme auch gut ins Straßenbild der Berliner Mitte passen würde. Sein entspanntes Lächeln verbirgt, dass er die letzten zwölf Jahre nach abenteuerlicher Flucht im politischen Asyl in Holland verbrachte. Dort organisierte er das, was als 'Twitter Revolution' gilt, die Mobilisierung und Organisation der Massen über soziale Medien. Sein Blog Fikra und sein Webportal Nawaat spielten da eine wichtige Rolle.

Gharbia erzählt von der Revolution als einem Geflecht aus menschlichen, politischen und multimedialen Kräften, das nur dann den Sturz des Systems herbeiführen kann, wenn all diese Elemente ineinander greifen. Er kann das mit Flowcharts und Spreadsheets belegen, wie die Organigramme und Buchhaltungstabellen im Jargon der neuen Märkte heißen. Nur dass bei Sami Ben Gharbia am Ende nicht der Börsengang stand, sondern der Sturz des Diktators Ben Ali.

Die Rolle von Twitter in der Revolution relativiert sich da auch schnell. Ein dreieckiges Diagramm zeigt, wie stark die drei Ebenen der neuen Medienwelt voneinander abhängig sein müssen, um wirklich etwas zu bewegen. Die sozialen Medien schaufeln da nur Rohdaten in unübersichtlichen Mengen ins Netz. Blogger und Webportale sind die ersten Sortierstationen, bevor die traditionellen Medien die Flut in einen zeitgeschichtlichen Erzählfluss bündeln.

Auch wenn die digitalen Medien noch kein System gestürzt haben, sind sie doch Beschleuniger einer Dynamik, die es letztlich schon seit dem späten 18. Jahrhundert gibt - die Demokratisierung der Menschheit. Sicher wäre noch zu untersuchen, ob die digitalen Medien im Freiheitskampf eine ähnlich paradigmatische Rolle spielen, wie die massenhafte Verbreitung der Handfeuerwaffen. Dass hier also ein Machtinstrument in seiner Miniatur dem Volk verfügbar gemacht wird. Immerhin - das in den Entwicklungsländern so verbreitete Mobiltelefon Nokia 1100 gilt schon als 'Kalaschnikow der Handywelt'.

Syrien und vor allem Libyen sind sicher grausame Antithesen. Doch wenn die digitalen Medien eines gebracht haben, dann die Möglichkeit, einen gewaltlosen Widerstand stringenter zu organisieren. Dabei sind es weniger Mahatma Gandhi und Martin Luther King, die hinter dem Gedanken stehen, als die strategische Rechnung, dass jede Form von Gewalt wiederum Gewalt provoziert, was in der Eskalation die Kosten an Menschenleben und Zerstörung ins Unermessliche treiben kann.

In Potsdam war auch ein Mann, der solche Rechnungen mit dem kühlen Kopf des Unternehmers anstellen kann. Slobodan Djinovic ist in seiner serbischen Heimat mit seinen Telekomunternehmen zum Multimillionär geworden. Doch Geld ist nur Mittel. Der 36-Jährige war als Mitbegründer der Widerstandsbewegung Otpor am Sturz von Slobodan Milosevic beteiligt. Diese Erfahrungen sind nun Grundlage für den Lehrplan seiner Organisation Canvas.

Das Politikjournal Foreign Policy nannte das Institut mit Sitz in Belgrad 'Revolution U'. Djinovic und ein Lehrkörper von 15 Trainern mit eigener Revolutionserfahrung unterrichten hier Freiheitskämpfer aus aller Welt in der komplexen Organisation des unbewaffneten Widerstandes. Es ist ein mühseliger und oft langwieriger Weg vom Gedanken bis zum Ausbruch des Widerstandes auf den Straßen. Jahre kann es dauern, bis der Moment reif ist, die Massen zu mobilisieren. Sami Ben Gharbia gehörte zu Djinovics Studenten, außerdem Widerständler aus Georgien, Libanon, der Ukraine, den Malediven und vor allem aus der Bewegung des 6. April in Ägypten. Derzeit arbeiten sie mit Aktivisten in Syrien und Sudan.

Wie komplex der Widerstand sein kann, erzählt Fahty Abou Hata, Redakteur der ägyptischen Tageszeitung Al-masri Al-youm. Neben den unzähligen Problemen mit den anstehenden Wahlen und der Wirtschaft nähmen sich Revolutionäre nun die Stadtplanung vor. Mubarak habe den öffentlichen Raum aus Kairo einfach rausgeplant. Doch öffentlicher Raum sei die Voraussetzung für Freiheit und Demokratie. Da aber beginnt der unglamouröse politische Alltag nach dem Sieg der Revolution. Der Aufbau.

Will man den Begriff der Revolution nun streng nach Albert Camus definieren, ist der Freiheitskämpfer des 21. Jahrhunderts deswegen gar kein Revolutionär. Er kommt vielmehr dem Ideal des Menschen in der Revolte nahe, einem Rebellen, der nicht das eine durch das andere System ersetzen, sondern Freiheit schaffen will. Das allerdings wäre ein mächtiger Paradigmenwechsel, der Ideologie durch Ideale, Wut durch Vernunft und Gewalt durch Strategie ersetzen würde. Kein schlechter Anfang für das 21. Jahrhundert.

Ein erster Test steht an. Sihem Bensedrine, Aktivistin und Chefin des tunesischen Exilradiosenders Kalima, kann viel über die anstehenden tunesischen Wahlen am 23. Oktober erzählen. Von den 120 Parteien, den reichen Exilanten aus Libyen, den amerikanischen, britischen, französischen Interessen. Doch letztlich, sagt die elegante Dame aus Tunis, sei es egal, wer die Wahlen gewinnt. Es ginge nur darum, dass die Wahlen auch stattfinden. Vielleicht dreht ja bald jemand einen Film über die neuen Revolutionen. Der hätte schon einen Titel: 'Adieu idéologie'.

Abb.: Logo der ägyptischen Bewegung 6. April, das auf dem Logo von Canvas basiert

21.07.11 | 12:40 | 0 Kommentare

TED Global 2011/11: A conversation with Nadia Al-Sakkaf: See Yemen through my eyes

15.07.11 | 09:55 | 0 Kommentare

TED Global 2011/7: JR’s “Inside Out”-Kunstprojekt

JR, französischer Street-Art-Star und Gewinner des Ted Long Beach Awards dieses Jahr, hat sein Preisgeld für die Verwirklichung seines globalen "Inside Out"-Kunstprojekts im postrevolutionären Tunesien eingesetzt.

Webseite des "Inside Out"-Projektes -hier.

15.04.11 | 16:03 | 0 Kommentare

Die Gesichter der Revolution

Ghonim

Der Fotograf Jonas Fredwall Karlsson hat für die amerikansiche Vanity Fair die wichtigsten Figuren der ägyptischen Revolution besucht und daraus ein klassisches Porträt-essay gemacht. Hier zum Beispiel der Product Manager von Google und Revolutionsführer wider Willen Whael Ghonim.

Essay mit Slideshow - hier.

Foto: Jonas Fredwall Karlsson, Vanity Fair

04.03.11 | 23:24 | 0 Kommentare

Der ägyptische Revolutionsheld Wael Ghonim @ TEDx Cairo

Wael Ghonim is an Internet activist and computer engineer, Google’s Middle East and North Africa Marketing Manager. As "ElShaheeed," he started up an influential Facebook page that galvanized voices of protest in Egypt. In early 2011, he was detained by the Egyptian government for 11 days -- when freed after international pressure, he revealed his identity, and became a leading fugure in the youth revolution that forced Hosni Mubarak from power.

""Our revolution is like Wikipedia, okay? Everyone is contributing content, [but] you don't know the names of the people contributing the content. This is exactly what happened. Revolution 2.0 in Egypt was exactly the same. Everyone contributing small pieces, bits and pieces. We drew this whole picture of a revolution. And no one is the hero in that picture.""

Warl Ghonim on 60 Minutes

03.03.11 | 22:05 | 1 Kommentar

Al-Qaida tappt im Dunkeln – der Westen auch

TahrirFohlen

Der Islamwissenschaftler Bernard Haykel über die arabische Jugendrevolte, die Macht des Internets und die Marginalisierung des Islamismus

Hat die Islamwissenschaft die Revolutionen in Ägypten, Tunesien, Libyen und der arabischen Welt vorausgesehen?Bernard Haykel: Nein. Wir hatten zwar das Wachsen der Jugendblase beobachtet und wussten, dass diese neue Mehrheit der Jugend einen Weg finden würde, sich bemerkbar zu machen. Aber wir hatten angenommen, dass das über irgendeine Form des Islamismus geschieht. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass dies eine bürgerliche, westlich orientierte Jugend zwischen zwanzig und dreißig sein würde. Diese Leute waren nicht politisch. Wir dachten, das sind lediglich Leute, die sowieso Geld haben, die die guten Jobs in Dubai und Abu Dhabi kriegen. Wir sahen sie eher als verwöhnte Gören ohne jede Ideologie.

Haben sie nun eine Ideologie?
Haykel: Nein. Alles was sie wollen ist ein gewisser Respekt, eine Stimme, Möglichkeiten, sich zu verwirklichen. Das hat aber nicht nur uns überrascht, sondern auch die Moslembrüder und al-Qaida. Vor allem al-Qaida, die im Internet gerade heftige interne Debatten führt.

Wie reagiert al-Qaida nun darauf?
Haykel: Im Moment tappt al-Qaida im Dunklen. Aber da ist sie nicht allein. Die Regimes sind auch ahnungslos. Genauso wie der Westen. Al-Qaida fragt sich vor allem, warum ihr das alles nicht selbst gelungen ist. Irgendwie bewundert sie Figuren wie Wael Ghonim, den ägyptischen Google-Manager, wenn sie sie nicht sogar beneidet.

Was folgert al-Qaida daraus?
Haykel: Sie überlegt, wie sie selbst solche Dynamiken erzeugen kann. Und sie erkennt, dass sie der Zeit hinterherhinkt. Schon technisch. Al-Qaida kommuniziert im Netz immer noch über Bulletin Boards und Webseiten. Mit Facebook und Twitter kann sie überhaupt nicht umgehen.

Spielte das Internet in Tunesien und Ägypten denn eine so große Rolle?
Haykel: Eine riesige Rolle.

Hat man das nicht auch während der Unruhen in Iran vor zwei Jahren geglaubt, was sich dann als Irrtum herausgestellt hat?
Haykel: In Iran hat die Opposition einen großen Fehler gemacht, weil sie die Legitimität des Regimes anerkannt hat. Der Protest richtete sich gegen Wahlbetrug und man wollte einfach faire Wahlen. Die Opposition hat sich also auf die Spielregeln des Regimes eingelassen. In Tunesien und Ägypten ist das anders. Dort sprechen die Menschen dem Regime die Legitimität ab und lassen sich nicht auf seine Spielregeln ein.

Aber könnte al-Qaida so eine Volksbewegung überhaupt gelingen?
Haykel: Nein, weil sich al-Qaida immer auf Gewaltakte konzentriert hat. Ich habe neulich die Predigt des Al-Qaida-Ideologen Abu Baseer Al-Tartusi gehört, in der er beschrieb, wie Ghonim Millionen Menschen bewegen konnte, nur weil er im Fernsehen weinte. Das war dieses Interview mit Wael Ghonim, als er gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und sie ihm die Bilder der Menschen zeigten, die von Sicherheitstruppen getötet wurden. Das war in Ägypten ein ganz entscheidender Moment, der Hunderttausende mobilisierte. Tartusi war sehr erstaunt, dass es eben Tränen waren, die die Massen mobilisierten.

Spricht al-Qaida mit ihrer poetischen Sprache nicht ebenfalls die Emotionen an?
Haykel: Die Sprache der al-Qaida ist religiös, aufwühlend, strotzt nur so vor Kraft, aber al-Qaida spricht nicht über die Würde des Einzelnen. Das klingt alles so, als hätte sie irgendein Utopia im Sinn, aber es wird nicht wirklich klar, was sie wirklich will. Sie sagt einfach, vertraut uns nur, wir werden das islamische Recht einführen, und alles wird gut.

Wie klingen die jungen Revolutionäre dagegen?
Haykel: Sie sprechen sehr persönlich. Da klingt vielleicht Nationalismus an, aber es geht doch sehr um den Individualismus. Das wirkt alles sehr ernsthaft und ehrlich. Diese Sprache berührt. Außerdem mischen sie es mit Englisch und zeigen so, dass sie zu einer globalen Kultur gehören. Das ist eine sehr zeitgemäße Umgangssprache.

Hat sich die Politik diesen Ton nie zu eigen gemacht?
Haykel: Sowohl Al Qaida als auch Mubarak sprachen immer in einem sehr klassischen Arabisch. Das waren Stimmen der Vergangenheit. Mubaraks Sprache war dabei sehr herablassend. Er hat seine Bürger wie dumme Kinder behandelt. Er hat mit Klischees argumentiert, mit der unsichtbaren Hand des Auslands, mit vermeintlichen Verschwörungen der Juden, der Israelis, der Amerikaner. Das empfanden die meisten als Beleidigung. Dabei klang er sehr steif, als hätte er den Draht zum Volk schon lange verloren.

Ist der Ton denn so wichtig?
Haykel: Sehr wichtig. Es geht aber auch um Angst. Tunesien hat gezeigt, dass man diese Angst überwinden kann. Und dann steht eine Regierung vor der Frage: Sind wir bereit, eine große Anzahl von Menschen zu töten oder nicht?

Wie in Libyen?
Haykel: Gaddafi hat aus Tunesien und Ägypten nichts gelernt. Er ist von Natur aus brutal. Und er kämpft einen Kampf, in dem es nur einen Sieger geben kann, weil es keine Institution wie die Armee gibt, die ein Machtvakuum überbrücken könnte. Da geht es wirklich darum, ein ganzes System auszuwechseln. Außerdem ist die libysche Gesellschaft eine Stammesgesellschaft, die sich nun spaltet, keine homogene Gesellschaft wie in Tunesien oder Ägypten. Deswegen sind die Kämpfe dort auch viel heftiger.

Wie reagiert al-Qaida auf Libyen?
Haykel: Al-Qaida sieht die Gewalt dort eher als Bestätigung ihrer eigenen Linie. Mehrere Al-Qaida-Ideologen sehen die Kämpfe als gute Gelegenheit, das Chaos auszunutzen. Es gibt dort eine kleine Basis von Anhängern. Momentan rät sie ihren Anhängern jedoch, die Situation vorsichtig anzugehen, damit nicht andere Mitglieder oder Zellen auffliegen.

Könnte Libyen nun Vorbild für andere Regierungen werden, ähnlich wie Tunesien und Ägypten Vorbilder für Volksbewegungen waren?
Haykel: Das Blutvergießen in Libyen könnte ähnlichen Bewegungen in Syrien zum Beispiel eine Warnung sein, dass der Preis für einen Wandel unter Umständen zu hoch ist. In Syrien, Jemen oder Bahrain könnte es zu ähnlichen Kämpfen kommen. Man darf den Nahen Osten aber nicht als monolithische Region sehen.
Jedes dieser Länder hat eine andere Gesellschaftsstruktur. In Syrien gibt es eine Minderheitensekte, die das Land dominiert. Die Alawiten. Für die wären Unruhen auch ein Kampf, bei dem sie alles verlieren könnten. Da ist ein Blutbad nicht auszuschließen. Das einzige Zugeständnis, das sie vielleicht machen würden, wäre, Leute zu schmieren, um die Opposition zu spalten. Was derzeit viele Länder machen.

Welche Länder?
Haykel: In Bahrain haben sie jeder Familie mehrere tausend Dollar gegeben. In Saudi-Arabien werden gerade alle möglichen Subventionen erhöht. Fast alle Golfstaaten geben derzeit viel Geld für Bestechung und Subventionen aus. Wo immer es Öl gibt, können es sich Regierungen leisten, nicht nur die Opposition, sondern auch große Teile der Bevölkerung mit Geld ruhigzustellen.

Funktioniert das?
Haykel: In Bahrain scheint es nicht zu funktionieren. In Saudi-Arabien dagegen schon.

Aber in all diesen Ländern gären doch Unruhen.
Haykel: Ich glaube, wir können derzeit noch nicht abschätzen, wie sich die Lage entwickelt. Aber es stimmt, in Algerien, Bahrain, Iran, Jemen, wahrscheinlich auch in Syrien und Marokko könnte es zu ähnlichen Bewegungen kommen.

Wenn der Islamismus seinen Rückhalt verliert, ist Nationalismus der gemeinsame Nenner dieser Bewegungen?
Haykel: Deswegen ersticken die meisten Länder ja jede nationalistische Bewegung oder Institution im Keim. Sie fördern eher die Spaltungen zwischen Stammeszugehörigkeiten und religiösen Sekten. Das war auch ein entscheidender einigender Faktor in Ägypten. Sicher sind 85 Prozent der Bevölkerung dort Moslems und 15 Prozent Kopten. Aber sie sind letztlich alle Ägypter mit einer gemeinsamen Geschichte.

Wurde das thematisiert?
Haykel: Wael Ghonim hat gerade auf Twitter geschrieben, dass er jede Unterscheidung zwischen Moslems und Kopten, zwischen Minderheiten und Mehrheiten ablehnt. Er sagt, die Kopten in Ägypten sind keine Kopten, sondern unsere Brüder. Für al-Qaida wären solche Äußerungen, die im reinen Humanismus wurzeln, nicht annehmbar.

Ägypten mag nun politisches Vorbild sein. Hat es aber immer noch eine Rolle als kulturelles und religiöses Zentrum für die gesamte Region?
Haykel: Es hatte diese Rolle sicherlich lange. Aber unter Mubarak hat es sie verloren. Mubarak hat die Mittelmäßigkeit institutionalisiert und das Land zugrunde gerichtet. Unter ihm verkam Ägypten in der arabischen Welt zu einem Treppenwitz. Das war ja auch eine der Triebfedern für diese Revolution. Und letztlich auch für Wael Ghonim, der in Dubai gearbeitet hat. Der sagte, mir reicht es, dass Ägypten überall lächerlich gemacht wird. Bei der Forderung nach mehr Würde geht es nicht nur um individuelle Menschenwürde, sondern auch um nationale Würde. Ägypten hat Besseres verdient. Es muss wieder zum Herz der arabischen Welt werden, zum Zentrum des kulturellen, intellektuellen, wirtschaftlichen Lebens.

Wo sind derzeit die Zentren des intellektuellen Lebens in der arabischen Welt?
Haykel: In London, Beirut, in den Golfstaaten, in Saudi-Arabien. Es gibt einen Austausch zwischen den nordafrikanischen Intellektuellen in Tunesien, Algerien, Marokko und Paris. Einiges ist ins Netz abgewandert. Aber wenn man das große Ganze betrachtet, ist das eine ziemlich armselige Veranstaltung.

Sind die aktuellen Ereignisse nicht auch eine Chance, dass die radikalen religiösen Strömungen in der Region marginalisiert werden?
Haykel: Ganz sicher. Wenn Ägypten eine demokratischere Regierung bekommt, wäre es möglich, dass die religiösen Gruppen wie die Moslembrüder einige Sitze im Parlament bekommen. Das wäre gut, weil es sie in den demokratischen Prozess eingliedern würde. Das würde verhindern, dass sie immer zu Gewalt greifen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sich das vorstellen.

Ist ein Großteil der Jugend, vor allem aus ärmeren Bevölkerungsschichten, nicht schon mit einer islamisch ausgerichteten Erziehung aufgewachsen? Werden religiöse Motive deswegen nicht immer eine enorme Wirkung haben?
Haykel: Die Bevölkerungen in den arabischen Ländern werden immer Sympathien für religiöse Bewegungen haben. Es gab durchaus eine große Welle der kulturellen Islamisierung, die Ägypten und den gesamten Nahen Osten erfasst hat. Die Leute sind nun religiöser, konservativer. Ob sich das allerdings direkt in Stimmen für islamistische Parteien umsetzt, ist keineswegs sicher. Es ist dagegen durchaus möglich, dass Religion jetzt viel deutlicher eine Privatangelegenheit wird und nicht so sehr die Öffentlichkeit bestimmt.

Steckt in den Revolutionen von Tunesien, Ägypten und Libyen letztlich nicht auch ein zutiefst islamischer Kern? War Islam im 7. Jahrhundert nicht eine Auflehnung gegen den Feudalismus?
Haykel: Da gibt es sicher eine Verbindung. In vielen Punkten fordern die Jugendbewegung, Islam und auch der Islamismus dieselben Dinge. Die Religion des Islam fordert soziale Gerechtigkeit, eine Regierung, die zur Verantwortung gezogen werden kann, dass der Wohlstand eines Volkes nicht vergeudet oder gestohlen wird. Folter ist nicht akzeptabel. In anderen Punkten widersprechen die Jugendbewegungen dem Islam allerdings. Die Gleichbehandlung der Religionen und Geschlechter sind zum Beispiel keine islamischen Werte.

Können die Jugendbewegungen die Reformströmungen im Islam stärken?
Haykel: Das hätte in einem demokratischen Ägypten sicher eine Chance. Das hätte aber nur dann eine nachhaltige Wirkung, wenn sich auch islamische Intellektuelle in Iran, Westeuropa und Amerika dieser Strömung anschließen würden. Die Debatte um die Reform des Islam kann kein nationaler, das muss ein globaler Diskurs sein.

Gibt es diesen Diskurs schon?
Haykel: Bisher hauptsächlich in der Diaspora. Wenn es aber freiere Gesellschaften geben würde, dann würde dieser Diskurs auch in Ländern wie Ägypten geführt und auch Wirkung zeigen.

Würde das nicht nur den Islamismus, sondern auch den Anti-Islamismus im Westen marginalisieren?
Haykel: Gäbe es ein wirtschaftlich erfolgreiches, demokratisches arabisches Land, würden sich auch die Stereotypen ändern. Man kann das schon am Beispiel Türkei beobachten. Gäbe es ein Ägypten, das ein bisschen wie die Türkei ist, wo eine relativ gemäßigte islamistische Partei an der Macht ist, wo man Alkohol konsumieren kann und die Wirtschaft floriert, wird das nicht nur das Bild dieses Landes im Rest der Welt verändern. Es würden ja auch weniger Menschen auswandern wollen. Also wäre der Einwanderungsdruck auf Europa nicht so hoch. Und die Abwanderung der produktiven Mittelschichten wäre nicht so stark, weil Erfolg nicht mehr nur eine Frage von Verbindungen und Korruption wäre, sondern eine Frage von Leistung. Ägypten könnte durchaus den Weg Indiens gehen, das seine Diaspora zurückgewinnt.

Die Revolutionen sind ganz offensichtlich ein Schlüsselmoment in der arabischen Geschichte. War 9/11 ein ähnlicher Schlüsselmoment, oder ist das nur eine westliche Sichtweise?
Haykel: Für den Westen war 9/11 sicherlich der Schlüsselmoment, weil man begriffen hat, dass in der arabischen Welt etwas nicht in Ordnung ist. Aber die Reaktion der USA im Namen der Freiheit hat letztlich das Gegenteil bewirkt. Auf der einen Seite sind sie im Irak einmarschiert. Aber in Ländern wie Ägypten haben sie vor allem die autoritären Strukturen gestärkt. Deswegen ist all das, was jetzt geschieht, sicherlich eine Folge von 9/11. Gleichzeitig gab es in Ägypten einen Wirtschaftsaufschwung. Das hat die Erwartungshaltungen der Bevölkerung verschärft. Dazu kommt, dass das Internet um 1998 herum in den Nahen Osten kam. Und das hat fortgesetzt, was mit Satellitenfernsehen schon begonnen hatte - es hat die Kontrollmechanismen ausgehebelt, die der Staat über Informationsflüsse hatte. Ursprünglich ging man zwar davon aus, dass das Internet Oppositionsbewegungen eher fragmentieren würde. Aber Ägypten hat gezeigt, dass das Gegenteil der Fall war.

Es gibt diesen Impuls, die arabischen Jugendrevolten mit historischen Ereignissen zu vergleichen. Mit 1848, 1917, 1979, 1989. Gibt es Parallelen?
Haykel: Mit 1989 kann man das nur schwer vergleichen. Da gab es in Russland und Osteuropa keine Jugendblase. Es gab nichts Vergleichbares zur Macht des Internets und der sozialen Medien. Für Deutschland und die meisten Länder war es ganz klar, dass sie eine westliche Demokratie errichten würden. Das ist ein Unterschied. Der Vergleich mit Iran 1979 funktioniert auch nicht. Da gab es eine Revolution, die zunächst sowohl links, als auch nationalistisch und islamistisch war, dann aber von den Islamisten kooptiert wurde. In Ägypten haben wir es mit einer unideologischen Jugendbewegung zu tun, die die Revolution bis zu dem Punkt brachte, an dem der Staatschef zurücktritt. Aber es gibt keinen wirklichen Umsturz, weil das Regime in Gestalt der Armee immer noch an der Macht ist. Und es ist nicht ganz klar, wo die Islamisten stehen, und ob sie letztlich die Jugendbewegung zerstören, um die Macht zu übernehmen. Wir haben es also wirklich mit einer ganz neuen Situation zu tun. Doch wir wissen nicht, ob es eine richtige Revolution ist, weil der Wandlungsprozess erst am Anfang steht.

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Der Islamwissenschaftler Bernard Haykel ist Professor für Nahost-Studien und Direktor des Institute for the Transregional Study of the Contemporary Middle East, North Africa and Central Asia an der Princeton University. Haykel wurde in Beirut geboren. Sein politisches Bewusstsein, so sagt er, habe sich erstmals im libanesischen Bürgerkrieg geformt. Er promovierte 1998 an der Oxford University und untersucht seither die intellektuelle, politische und gesellschaftliche Geschichte des Nahen Ostens. Haykel forschte mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Jemen, Indien, und im Libanon. Zuletzt veröffentlichte er das Buch 'Revival and Reform in Islam: The Legacy of Muhammad al-Shawkani' (Cambridge University Press, 2003). Derzeit arbeitet er an einer Studie über die Wahhabi-Bewegung in Saudi-Arabien seit den fünfziger Jahren und ihren Aufstieg zu einer Schule des politisch-religiösen Denkens von globaler Bedeutung.

Interview: Andrian Kreye
Quelle: Süddeutsche Zeitungm Nr.52, Freitag, den 04. März 2011 , Seite 13

Foto: Tahrir-Platz nach dem Abtritt Mubaraks/Corentin Fohlen

02.03.11 | 22:09 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Wadah Khanfar (head of Al Jazeera) – A historic moment in the Arab world

Erster Talk von der TED Conference 2011 in Long Beach, die noch bis zum Freitag läuft.

23.02.11 | 17:49 | 0 Kommentare

The History of Clubbing (Gaddafis Söhne)

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Wikileaks schon wieder - laut einem Artikel in der New York Times , der sich auf Wikileaks-Dateien bezieht, hat Gaddafis Sohn Seif al-Islam der Sängerin Mariah Carey 1 Million Dollar dafür bezahlt, dass sie auf seiner Sylvesterparty 2008/9 im Nikki Beach Club vier Lieder sang (Bild - Jay Z, Beyonce und Carey auf besagter Party). Die New Yorker Boulevardzeitung Daily News berichtete damals schon. Inklusive langer, prominenter Gästeliste. Im Jahr darauf soll Beyonce für eine ähnlichen Auftritt bei Muatsim-Billah Gaddafis Party auf St. Barts 2 Millionen Dollar bekommen haben.

Foto: beyoncenow.net

28.07.09 | 22:01 | 0 Kommentare

Weltmarkt Bildung

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Die New York University meint das mit der Bildung als Zukunftsindustrie der Globalwirtschaft aber sehr ernst. Derzeit kann man sich für den ersten Studiengang in ihrem neuen "Portal Campus" in Abu Dhabi immatrikulieren. Das ist der nächste Schritt zur Global Network University, zu der jetzt schon weltweit zehn akademische Satellitenzentren gehören und mehrere Partnerinstitute gehören. Nicht schlecht für eine Uni, die Anfang der 70er noch so heruntergekommen war, dass sie als bessere Abendschule galt. Da machen sich die Exzellenzcluster hierzulande aber doch sehr bescheiden aus. In The National, Abu Dhabis englischsprachiger Tageszeitung, gibt es einen zweiteiligen Artikel über die ambitionierten Bildungspläne am Golf.

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