31.12.11 | 06:34 | 0 Kommentare

2011 Digital







(Aus dem Jahresrückblick der SZ, von Andrian Kreye) Es war lange überfällig, dass sich die Politik endlich mit den Themen der digitalen Zukunft auseinandersetzte, als der französische Präsident Nicolas Sarkozy im Mai am Rande des G8-Gipfels seine digitale Politkonferenz EG8 veranstaltete. Doch schon in seiner Eröffnungsrede machte er einen gewaltigen Rückschritt in die Vergangenheit. Man müsse das Internet zivilisieren, forderte Sarkozy.

Er hatte damit ein griffiges Bild gefunden. Wäre der Cyberspace ein fremder Kontinent könnte nun nach den Jahren der Entdeckung und Besiedelung die Kolonisierung beginnen. Doch das Internet ist kein exotisches Wüstenreich, Hacker und Piraten sind keine rebellischen Kriegerstämme. Sarkozy hatte mit seiner Rede keine neue Ära der digitalen Geschichte eingeläutet, sondern lediglich die Hilflosigkeit der Politik auf den Punkt gebracht. Denn die versucht immer noch, die Fragen des 21. Jahrhunderts mit den Antworten des 20. oder gar 19. Jahrhunderts zu beantworten.

Sicher hatte Sarkozy den richtigen politischen Instinkt. Im arabischen Frühling hatte das Internet erstmals gezeigt, was für Kräfte es entfesseln kann, wenn es Organisationsmodelle für eine Volksbewegung und Informationsketten für die Weltmedien etablieren kann. Die erste Phase der digitalen Romantisierung war mit dem Scheitern der iranischen Demokratiebewegung vorbei. Niemand glaubte mehr an eine Twitter Revolution oder einen Aufstand der Generation Facebook. Doch es war kein Zufall, dass einige der Schlüsselfiguren der arabischen Revolutionen aus der digitalen Welt kamen, wie die tunesischen Blogger Sami Ben Gharbia und Slim Amamou oder der ägyptische Google-Marketingchef Wael Ghonim – sie bewegten die Massen erst aus dem Netz heraus, dann auf der Straße. Wikilieaks-Gründer Julian Assange klagte zu Recht seine Rolle in den Aufständen ein. Die diplomatischen Depeschen, die er veröffentlicht hatte, lieferten den Volksbewegungen seltene Einblicke in die Strukturen ihrer Regierungen.

In den USA wiederum zeigte sich mit dem Machtkampf der digitalen Konzerne Google, Apple, Amazon und Facebook, dass sich die digitalen Machtbereiche längst der immer noch nationalstaatlichen Politik entzogen haben. Wenn Google seinen Algorithmus verändert, dann hat der Rest der Welt zu folgen.
In Deutschland zog die digitale Kultur mit der Piratenpartei zunächst ins Berliner Stadtparlament. Die Parteien reagierten nervös bis panisch. Hämisch amüsierte sich die digitale Welt über die Reaktionen der etablierten Parteien. Die schien sich im Auftritt der stellvertreten Fraktionsvorsitzenden der Grünen Bärbel Höhn in der Talkshow von Anne Will, die dem Piraten-Abgeordneten Christoph Lauer versicherte, auch sie„gucke Internet“.

Nun ist das Internet in der Politik keineswegs ein Novum. Schon während des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes 1992 hatte Vizekandidat Al Gore das Bild vom „Information Superhighway“ beschworen. Auch das war ein historisches Bild gewesen. Im Gegensatz zu Sarkozys Kolonialmetapher hatte Gore das Netz jedoch positiv besetzt. Immerhin hatte das neue Netz der Highways nach dem Zweiten Weltkrieg das amerikanische Wirtschaftswunder mitsamt seiner Demokratisierung des Wohlstandes begründet.
Was die Politik erst langsam begreift ist, dass das Internet keineswegs nur eine neue Technologie ist, sondern eine Kultur mit gewaltigen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Als Medium entwickelt es eine ähnliche politische Kraft, wie der Buchdruck. Als Wirtschaftsfaktor stellt es traditionelle Geschäftsmodelle in Frage. Und für die Gesellschaft markiert es die Grenze zu einer Jugend, die das Internet als Sinn- und Identitätsstifter versteht.

Das hat nicht nur eine technisch versierte Generation geschaffen, sondern auch eine politische Avantgarde. Es sind weniger die Inhalte und Visionen, die diese Avantgarde so stark machen, als ihre Mittel und Formen. Denn wer sich eine gemeinsame Kultur geschaffen hat, die weit über die ideologischen Grenzen des vergangenen Jahrhunderts wirkt, der kann vieles bewegen. Ob am Ende ein Utopia oder eine Dystopie steht ist nicht abzusehen. Anzunehmen ist, dass es weder zu dem einen noch zum anderen kommt. Gesellschaftliche Umwälzungen sind viel zu komplex, um sie mit einem einfachen Werturteil einzuordnen. In der Politik hat kein neues Zeitalter begonnen. Es gibt nur ein neues Spielfeld, auf dem es bisher noch keine Regeln gibt.

Abb.: OH

10.10.11 | 14:40 | 2 Kommentare

Down on Wall Street


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(Seite 3 der SZ am 8.10.2011, von Andrian Kreye) Irgendetwas geschieht hier gleich. Was genau, ist nicht ganz klar. Aber die Menschenmenge im Schatten der Bankentürme und der 54 Lederhülsenbäume auf der Liberty Plaza weiß meist besser, wo etwas geschieht, als die Veranstalter der Protestbesetzung selbst. In Wellenbewegungen zieht sich der Kern der Menge um den Ort des Geschehens zusammen.

Um Naomi Klein etwa, die jetzt gleich auf einen der polierten Granitblöcke steigen wird, um vor den Demonstranten der „Occupy Wall Street“-Bewegung die in diesen drei Wochen der Proteste bisher meistbejubelte Rede zu halten. Naomi Klein gilt als das Postergirl der amerikanischen Linken, ein etwas paternalistisches Etikett für die 41-jährige Aktivistin, die mit ihrem Bestseller „No Logo“ zur Leitfigur der Antiglobalisierungsbewegung wurde. Die Medien lieben sie, weil sie mit ihrem Fassonschnitt und stilsicheren Modegeschmack vor jeder Kamera eine gute Figur macht. Wie auch am Donnerstagabend, an dem sie unter der kurzen schwarzen Lederjacke eine rote Bluse trägt, was eher nach Bergdorf & Goodman als nach Straßenkampf aussieht.

Die Bewegung aber liebt sie, weil sie sich kluge Gedanken macht, die sie in mitreißende Texte fassen kann. Derzeit macht sie sich Gedanken über die Besetzung dieses gut dreitausend Quadratmeter großen Parks im Süden von Manhattan, der nach 9/11 in Liberty Square umbenannt wurde und 2006 in Ziccotti Park, und auf dem je nach Tageszeit derzeit ein paar hundert oder ein paar tausend Demonstranten in einer Lagerstadt hausen. Von hier aus protestieren sie gegen ein Finanzsystem, das die meisten von ihnen um Job, Häuser oder Zukunftsperspektiven gebracht hat, und dessen Gravitationszentrum nur zwei Straßenecken weiter im neoklassizistischen Prachtbau der New Yorker Börse liegt.

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Was am 17. September als Spaßguerilla-Aktion der kanadischen Konsumkritikzeitschrift Adbusters begann, ist zu einer landesweiten Bewegung angeschwollen, die viele Kommentatoren der Einfachheit halber die „Tea Party der Linken“ nennen: Weil sich hier eine Volkswut sammelt, die sich von den etablierten Parteien und Organisationen nicht mehr bändigen lässt. Aber da hören die Parallelen auch schon wieder auf, weil die Tea Party sich bald nach ihrem Aufkeimen in den ultrarechten Block der Republikaner verwandelte – die Proteste rund um die Wall Street sind hingegen das Epizentrum einer neuen Gegenkultur, die sich nicht ganz so einfach definieren lässt. Weil sie eben keine Ideologien transportiert. Auch wenn die Prominenten, die hier regelmäßig auftauchen, um mit ihren Solidaritätsbesuchen die bisher noch zögerlichen Medien aufmerksam zu machen, eher zur amerikanischen Linken gehören: der Regisseur Michael Moore, der Princeton-Theologe Cornel West, Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, Hollywoodstar Susan Sarandon, Rapstar Talib Kweli und nun eben Naomi Klein. Auch der harte Kern der Demonstranten, die die Nächte in Schlafsäcken und unter Plastikplanen im Park verbringen, rekrutiert sich eher aus dem linken Vielerlei der Antiglobalisierungs- und neo-anarchistischen Protestbewegung.

Die Masse aber, die sich oft erst nach Büroschluss bildet, besteht aus Leuten, die man bei so einem Protest nicht erwartet. Da trifft man den Webdesigner aus Kalifornien, die Barkeeperin aus Brooklyn, den hochverschuldeten Doktoratsanwärter, den arbeitslosen Investmentbanker, die Anwältin, den Apple-Programmierer, die Modestudentin, den Maurer, die Lehrerin. Und ja, den freischaffenden Journalisten, was den Identifikationsgrad als Reporter noch verschärft, denn nach zwei Tagen und Nächten im Park hat sich ein Gedanke zementiert: Das ist keine jugendliche Protestbewegung, das sind keine Aufständischen aus dem Mittelmeerraum, die gegen ein politisches oder wirtschaftliches System kämpfen, das einem als Mitteleuropäer mit solider bürgerlicher Existenz eher fremd ist.

Das hier sind: wir. Der Mittelstand, das Bürgertum, deren Abstieg bislang eher theoretisches Menetekel war. Auch hier in New York, wo man im Kielwasser der aufbrausenden Weltwirtschaft immer einen Weg gefunden hat, zumindest ein anständiges Auskommen abzuschöpfen. Naomi Klein lächelt unsicher. In regelmäßigen Abständen brüllt jemand „mike check!“, wie es die Bühnenarbeiter vor Rockkonzerten beim Mikrofontest tun. Dann antwortet die Menge im Chor „mike check!“. „Human microphone“ heißt diese Technik, menschliches Mikrofon. Nur so können die Tausende im Park verstehen, was Naomi Klein sagen wird. Die Demonstranten dürfen zwar ihre Besetzung fortsetzen, das hat der New Yorker Polizeichef Ray Kelly tags zuvor bestätigt, aber die Regeln sind streng: keine Tonanlagen, keine Dieselgeneratoren, keine Zelte, keine Hütten, keine Klohäuschen. Es gibt eine Gratisküche, Ausgabestellen für Schlafsack- und Kleiderspenden, ein Medienzentrum mit Laptops und W-Lan-Netz, das von Gasgeneratoren betrieben wird, eine Bibliothek und sogar einen Friseur. Es ist allerdings nicht leicht, eine Lagerstadt zu unterhalten, wenn die wirklich elementaren Strukturen fehlen. Doch rund um den Platz und in den umliegenden Straßen stehen ganze Phalanxen der Polizei, die darauf warten, dass irgendein Demonstrant eine der unzähligen New Yorker Regeln und Gesetze für das Benehmen im öffentlichen Raum verletzt, um dem Regelbruch mit Plastikhandschellen, Knüppeln und Pfefferspray eine Ende zu setzen. Sie haben sogar mobile Wachtürme aufgestellt, mit Spiegelscheiben und Funkanlagen.

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Ein grober Regelverstoß der Besetzer wäre der willkommene Grund, den Park zu räumen. Deswegen sind die Freiwilligen vom Organisationsteam bedacht darauf, dass jede der Regeln penibel eingehalten wird. Deswegen wird Naomi Klein ihre Rede gleich in Bruchstücken von nicht mehr als sechs Wörtern hintereinander halten müssen, weil die menschliche Mikrofonkette während ihres Auftritts in zwei, später sogar drei Wellen ihre Sätze bis hinüber zur benachbarten Baustelle von Ground Zero tragen wird und mehr Wörter die Kette überfordern.

Wie schnell es gehen kann, dass der bedrohliche Tanz der Polizisten und Demonstranten um das komplexe Regelwerk der Stadt in einen handfesten Straßenkampf kippt, hat man erst am Tag zuvor erlebt. Die Seiten können ja den ganzen Tag über den Atem der anderen buchstäblich im Nacken spüren. Da filmt zum Beispiel ein Demonstrant eine Gruppe Polizisten für einen der vielen Blogs der Bewegung, als sich ein Polizist direkt hinter ihn stellt und mit in den Sucher schaut. Für einen Moment starren sich die beiden in die Augen, bis der Polizist mit einem triumphierenden Schmunzeln wieder abdreht. Oder eine Polizistin starrt einen der Demonstranten, der sich kurz auf eine der Bänke gelegt hat, so lange an, bis er grummelnd den Platz wechselt.

Die Frustration ist auf beiden Seiten groß. Die Polizisten sind entnervt, weil sie die ganze Nacht in Einsatzgruppenstärke und Habachtstellung in einem der umliegenden Vestibüle oder den Seitenstraßen stehen, ohne sich vom Fleck rühren zu können. Die Demonstranten wiederum stehen unter Dauerspannung, weil die ständige Bewachung zum einen so viele ihrer Vorurteile von der feindseligen Staatsmacht bestätigt, und sie andererseits plötzliche Zugriffe fürchten, die dann oft damit enden, dass man 48 Stunden in irgendeiner Sammelzelle verbringt und ein lästiges Gerichtsverfahren wegen eines Regelverstoßes am Hals hat.

Und doch ist es wichtig, dass die Demonstranten bis an die legalen Grenzen gehen – und hin und wieder etwas darüber. Das sagt jedenfalls Bill Dobbs, einer der Sprecher der eigentlich führer- und strukturlosen Bewegung. Man sollte auch die psychologische Wirkung nicht unterschätzen, dass es weder für die dauerhafte Besetzung des Parks noch für die regelmäßigen Protestmärsche Genehmigungen gibt. Der Vorteil einer Menge, die kaum Erfahrung mit Protestaktionen hat, ist, dass es leichter ist, zur Vorsicht aufzurufen. Niemand will seine ersten Demonstrationserfahrungen mit einer ersten Nacht im Gefängnis krönen. Wenn sich die Spannung doch einmal in einem Stoß von Gewalt entlädt, kann man oft nicht mehr sagen, wer angefangen hat, selbst wenn man direkt daneben steht.

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Wie eben am Mittwochabend, nach dem bisher größten Marsch, der auch ein Durchbruch der Bewegung war, weil fast alle der großen Gewerkschaften Flagge zeigten und ihre Mitglieder zu Tausenden aus den umliegenden Bundesstaaten mit Bussen herankarrten. Die United Auto Workers kamen, die Gewerkschaften der Stahlarbeiter, der Lehrer, der Krankenpfleger, der Dachverband AFL-CIO gab seinen Segen. Viele der Gewerkschaftler markierten ihre Grüppchen mit einheitlichen T-Shirts. Es gab sogar Genehmigungen, weil 20 000 Menschen nicht mehr im Gänsemarsch auf dem Bürgersteig marschieren können, was per Gesetz nicht genehmigungspflichtig ist, selbst wenn man Transparente trägt und Slogans skandiert. Allen war klar, dass diese Allianz für beide Seiten wichtig ist: für die Gewerkschaften, weil die neue Protestgeneration mit ihren digitalen Netzwerken und ihren übergreifenden Demografien mehr Relevanz und Wirkung hat als die verkrusteten Arbeiterzünfte. Für die Protestler, weil die Gewerkschaften Gelder und Massen mobilisieren können. Und weil sie Macht haben. Richtige Macht. Die hat der Vorsitzende der Transportgewerkschaft, John Samuelson, bewiesen, als er diese Woche verkündete, die New Yorker Nahverkehrsbetriebe würden in Zukunft bei Massenverhaftungen wie am Samstag auf der Brooklyn Bridge keine Verhafteten mehr für die Polizei transportieren. Die Gewerkschaftler waren noch kaum in ihre Busse und Hotels zurückgekehrt, da sammelte sich an der Straßenecke Wall Street und Broadway ein harter Kern von ein paar hundert Demonstranten, die lautstark forderten: „Lasst uns auf der Wall Street demonstrieren!“

Die Polizei reagierte mit einer in den Jahren unter Bürgermeister Rudy Giuliani einstudierten und während der Bush-Jahre perfektionierten Choreographie der sogenannten crowd control . Rund um die Wall Street erinnern die Straßen zwar seit dem Beginn der Proteste mit den Labyrinthen aus Stahlgattern, mit den Straßensperren, den Taschendurchsuchungen auf den Trottoirs, den Reihen der Einsatzfahrzeuge und den unzähligen Wachposten an die Wochen nach den Anschlägen des 11. September. Doch der Belagerungszustand kann innerhalb von Minuten in eine Gegenoffensive verwandelt werden. Also marschierten die Schlachtreihen auf. Die erste Reihe verriegelte die Westseite des Broadway mit orangefarbenen Plastiknetzen, die zweite Reihe postierte sich auf der Ostseite. Dann trabte die berüchtigte berittene Polizei die Straße hinunter, jene Ritter der Großstadt, die mit ihren Rössern im Gemenge eines Protestes immer wieder Angst auslösen und leichte bis schwere Verletzungen verursachen. Die stellte sich hinter den Schlachtreihen quer über die Wall Street in Formation. Das Gedränge rund um die Ecke nahm zu. Eine Gruppe Polizisten fand sich eingekesselt, plötzlich holte einer der Einsatzleiter mit seinem Schlagstock aus, seine Kollegen zogen ebenfalls ihre Knüppel aus dem Holster und innerhalb von Sekunden haben sie mit kräftigen Hieben eine Schneise um sich geschlagen.



Nun ist so ein kurzer Ausbruch der Gewalt im Vergleich zu den Massenverhaftungen, den Schlagstock- und Pfefferspray-Angriffen auf der Brooklyn Bridge am Wochenende eine Lappalie. Doch kaum hatte das Prügeln auf dem Broadway angefangen, wallte die Menge in einem Schwung um die Szene. Eine Batterie von Handyschirmen und Kameralampen flackerte auf. Minuten später schon war die Szene auf Youtube geladen, kurz darauf in den Fernsehnachrichten. Das sah nicht gut aus. So bekommt ein kleiner Vorfall maximale Wirkung.

Was die Polizei zusätzlich frustriert – die Proteste haben keine klare Organisationsstruktur. Es gibt kein Rädelsführer, die man isolieren und aus dem Verkehr ziehen könnte. Sicher, es gibt ein paar Knotenpunkte. Die befinden sich aber entweder im Internet. Oder abseits des Parks. Zum Beispiel in den Hinterzimmern eines Off-Off-Broadway-Theater im West Village. Da produziert eine Gruppe junger Journalisten und Aktivisten eine Zeitung, den Occupied Wall Street Journal. Und da laufen auch die Nachrichten von der Strasse zusammen. „Das Medienzentrum wurde verhaftet“ (ein paar Kameraleute der Proteswebseiten hatten sich zu weit in die Schlachtreihen der Polizei vorgewagt). „Zizek kommt!“ (Der Philosoph wird allerdings erst nächste Woche erwartet). Hier formiert sich auch der Geist, der an eine Bewegung glaubt, die revolutinäre Kraft entwickeln könnte. So wie am Tahrirplatz in Kairo, der so vielen Protestierenden als Vorbild dient. Oder wie in Griechenland, wo der Chefredakteur der Protestzeitung Jeb Brandt gerade die Strategien der Proteste dort studierte.
Eine leichte Paranoia gehört wie selbstverständlich zum Gestus der Revolution. Und Übergriffe wie auf dem Broadway wirken da wie Zunder.

Für Naomi Klein gehören solche Vorfälle zu den unangenehmen Begleiterscheinungen, die man vermeiden muss. Genau solche Szenen seien zwar für die Demonstranten Beweis für die Übergriffe der Polizei, für die bürgerlichen Medien aber meist das Bildmaterial, mit dem sie illustrieren können, dass ein Protest eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung ist. Viel wichtiger sei die neue Strategie, den Protest zu einer dauerhaften Einrichtung zu machen.

„Vor zehn Jahren waren die Gipfeltreffen der Weltwirtschaft unser Ziel“, sagt sie. Sie meint die Konferenz der Welthandelsorganisation in Seattle 1999, das Globalisierungsforum der Weltbank in Washington 2000, den G-8-Gipfel in Genua 2002. „Das sind flüchtige Ereignisse. Und das hat auch die Bewegung flüchtig gemacht.“ Die Strategie, sich ein klares, unbewegliches Ziel wie die Wall Street zu suchen, sei ein kluger, neuer Weg. Nur so könne die Bewegung Wurzeln schlagen. Denn so effektiv die sozialen Medien seien, um einen Protest zu organisieren, so hätten sie doch für einen inflationären Anstieg irgendwelcher Bewegungen gesorgt, die beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten wieder verschwänden. Wurzeln seien aber wichtig, denn es hätten sich nicht nur die Strategien verändert, sondern auch die Auslöser des Protests.

„Die Finanzkrise unterscheidet sich deutlich von den Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte“, sagt Naomi Klein: „Die Rettungspläne haben den Staat verändert, aber sie haben vor allem unser Wirtschaftssystem auf den Kopf gestellt. Deswegen sind diese Leute heute hier, um vor der Zitadelle des Überflusses zu protestieren. Wir haben nämlich keineswegs eine Krise der Wirtschaft, sondern eine Krise der Verteilung.“

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Die Zahlen der letzten Jahre, nicht nur in den USA, bestätigen den leicht marxistischen Unterton. Die Umverteilung des öffentlichen und allgemeinen Wohlstandes in den Finanzsektor hat mit den Rettungsschirmen der Finanzkrise vor drei Jahren eine Entwicklung beschleunigt, in deren Rahmen sich globale Wirtschaftseliten in einem Maße vom Rest der Gesellschaft isolieren konnten wie seit der Abschaffung des Feudalismus nicht mehr. So verstehen sich auch die Demonstranten vom Liberty Park quer durch alle ideologischen Färbungen – als die 99 Prozent der Bevölkerung, die nicht zum magischen einen Prozent der Reichen und Superreichen gehören. Es war jedoch nicht nur die Umverteilung, sondern auch die rasche Abfolge sogenannter jobless recoveries nach den Rezessionen der letzten zwanzig Jahre.

Überall im Park hört man Geschichten von Leuten jeden Alters, die seit dem Begin der Krise ihren Job, ihr Haus, ihre Firma verloren haben. Ian Williams zum Beispiel, 27 Jahre alt, ein freundlicher junger Mann, der eine Titaniumbrille trägt und eine Holzfällerjacke. Er hat alles richtig gemacht. Stammt aus einer soliden Bürgerfamilie in Vermont, hat an der McGill University in Montreal studiert, seinen Abschluss in ostasiatischen Studien gemacht. Kaum war er mit dem College fertig, brach die Lehman Brothers Bank zusammen. Da war er fucked , wie es hier so schön heißt. Seit drei Jahren schlägt sich Ian mit Gelegenheitsjobs durch. Er hat für ein Regierungsprogramm gearbeitet, das Einwanderern hilft. Das Gehalt lag allerdings unterhalb der Armutsgrenze von 11 000 Dollar pro Jahr, weil das Programm niemanden anstellen kann, sondern nur „bezahlte Freiwillige“ beschäftigt. Es folgten Jobs als Barkeeper, Skilehrer, Lagerarbeiter. Die Abzahlung seines Studienkredits darf er zum Glück stunden. Aussichten: finster. Pläne: irgendwie weiterstudieren.

Nicht alle Geschichten sind gleich so hoffnungslos. Das ändert nichts am Zorn. Debbi McCulloch verdient als Krankenschwester in Cape Cod beispielsweise immerhin 90 000 Dollar im Jahr. Ihr Lebensgefährte John Hopkins hat eine gut gehende Baufirma, die im Jahr 250 000 Dollar abwirft. Doch das Gesundheitswesen baut überall Stellen ab. Hopkins erhöht seit Jahren die Leistung mit schwindendem Ertrag. „Alles was ich will, ist, dass die Konzerne und die Superreichen Steuern bezahlen wie ich“, sagt er.

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Das müssen sie seit den Bush-Jahren nicht mehr. Und Obama hat es nicht geändert. Niemand weiß, wohin sich die Bewegung entwickeln wird. Alle sind sich einig, dass es noch zu früh ist, um eine klare Linie festzulegen. Als Naomi Klein dann auf einer der Granitbänke steht und ihre Rede langsam deklamiert, die von der Menge nachskandiert wird, sagt sie gleich zu Beginn: „Lasst euch nicht darauf ein, medienfreundliche Forderungen zu stellen. Warum wollt ihr euch jetzt schon eingrenzen lassen? Schaut lieber, wie weit ihr noch wachsen könnt!“

Wenige Stunden vor Naomi Kleins Auftritt hat Präsident Obama erstmals zugegeben, dass die Protestierenden vom Liberty Park „den Frustrationen mit dem Finanzsystem“ eine Stimme geben. Überall im Land formieren sich jetzt Zentren des Protests. Und für den 15. Oktober haben Protestgruppen in aller Welt einen globalen Aktionstag ausgerufen. Die New York Times hat den Protest mit dem Marsch der Gewerkschaften am Donnerstag zum ersten Mal zur Titelgeschichte gemacht. Und am Freitagmorgen beginnt der Starautor der New York Times , Paul Krugman, seine Kolumne über die Proteste mit den ersten beiden Zeilen des Protestsongs „For What It’s Worth“, den die Gruppe Buffalo Springfield 1967 herausbrachte: „There’s something happening here. What it is ain’t exactly clear.“

Irgendetwas geschieht hier. Was genau, ist nicht ganz klar. Kaum jemand zweifelt daran, dass sich im Liberty Park von New York gerade eine Gegenkultur formiert, die Bestand haben könnte. Wenn der Wind in den nächsten Wochen auf Nordwest dreht und aus den kanadischen Ebenen die Kälte in die Stadt bläst, wird die Besetzung des Parks ein Ende finden. Doch es geht ein Schauer der Bestätigung durch die Menge, als Naomi Klein ihre Rede mit den Worten beschließt: „Lasst uns diesen wunderbaren Moment so behandeln, als sei er das Wichtigste der Welt. Denn das ist er. Das ist er wirklich.“

iPhone-Fotos: Kens Schles (5), Foto Naomi Klein: A. Kreye


11.09.11 | 20:46 | 1 Kommentar

Adieu Idéologie

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Vom neuen Typus der Revolutionäre



(Aus dem Feuilleton der SZ; von Andrian Kreye) Man bekommt im historischen Idyll des heutigen Mitteleuropa selten die Gelegenheit, gleich einen ganzen Konferenzraum voller Revolutionäre aus aller Welt zu treffen. Einer dieser seltenen Momente war vergangene Woche in der Orangerie im Potsdamer Park Sanssouci, als Revolutionäre aus Nordafrika, Asien und dem Balkan zusammenkamen. Die diskutierten im Rahmen des Sanssouci Colloquiums über die Rolle der digitalen Medien in der globalen Demokratiebewegung. Weil dieses Thema nur einen der zahlreichen Aspekte der Aufstände, Umstürze und Dissidenzen der letzten Jahrzehnte erfasste, wurde hier natürlich kein allumfassender Blick auf den Freiheitskampf des 21.Jahrhunderts geboten. Und doch präsentierte sich da ein neuer Typus, der sich vom romantischen Bild des Partisanen und Guerilleros der vergangenen drei Jahrhunderte klar verabschiedet.

Sucht man ein Gesamtbild, landet man bei so etwas wie dem aufgeräumten Revolutionär. Ohne den ideologischen Furor des letzten Jahrhunderts und ohne den falschen Glamour des bewaffneten Widerstandes ist der Freiheitskämpfer des 21. Jahrhunderts ein kluger Mensch mit dem kosmopolitischen Weltbild eines Großstadtintellektuellen und dem Organisationstalent eines Internetunternehmers. Hin und wieder ist er sogar beides. Vor allem aber verfügt dieser Freiheitskämpfer über die fast schon spirituelle Geduld des zivilen Widerstandes, die sich die gefährliche Euphorie und oft so tödliche Katharsis des bewaffneten Kampfes versagt.

Sami Ben Gharbia ist ein gutes Beispiel für diesen neuen Typus, ein 44-jähriger tunesischer Aktivist, der im Dresscode der digitalen Boheme auch gut ins Straßenbild der Berliner Mitte passen würde. Sein entspanntes Lächeln verbirgt, dass er die letzten zwölf Jahre nach abenteuerlicher Flucht im politischen Asyl in Holland verbrachte. Dort organisierte er das, was als 'Twitter Revolution' gilt, die Mobilisierung und Organisation der Massen über soziale Medien. Sein Blog Fikra und sein Webportal Nawaat spielten da eine wichtige Rolle.

Gharbia erzählt von der Revolution als einem Geflecht aus menschlichen, politischen und multimedialen Kräften, das nur dann den Sturz des Systems herbeiführen kann, wenn all diese Elemente ineinander greifen. Er kann das mit Flowcharts und Spreadsheets belegen, wie die Organigramme und Buchhaltungstabellen im Jargon der neuen Märkte heißen. Nur dass bei Sami Ben Gharbia am Ende nicht der Börsengang stand, sondern der Sturz des Diktators Ben Ali.

Die Rolle von Twitter in der Revolution relativiert sich da auch schnell. Ein dreieckiges Diagramm zeigt, wie stark die drei Ebenen der neuen Medienwelt voneinander abhängig sein müssen, um wirklich etwas zu bewegen. Die sozialen Medien schaufeln da nur Rohdaten in unübersichtlichen Mengen ins Netz. Blogger und Webportale sind die ersten Sortierstationen, bevor die traditionellen Medien die Flut in einen zeitgeschichtlichen Erzählfluss bündeln.

Auch wenn die digitalen Medien noch kein System gestürzt haben, sind sie doch Beschleuniger einer Dynamik, die es letztlich schon seit dem späten 18. Jahrhundert gibt - die Demokratisierung der Menschheit. Sicher wäre noch zu untersuchen, ob die digitalen Medien im Freiheitskampf eine ähnlich paradigmatische Rolle spielen, wie die massenhafte Verbreitung der Handfeuerwaffen. Dass hier also ein Machtinstrument in seiner Miniatur dem Volk verfügbar gemacht wird. Immerhin - das in den Entwicklungsländern so verbreitete Mobiltelefon Nokia 1100 gilt schon als 'Kalaschnikow der Handywelt'.

Syrien und vor allem Libyen sind sicher grausame Antithesen. Doch wenn die digitalen Medien eines gebracht haben, dann die Möglichkeit, einen gewaltlosen Widerstand stringenter zu organisieren. Dabei sind es weniger Mahatma Gandhi und Martin Luther King, die hinter dem Gedanken stehen, als die strategische Rechnung, dass jede Form von Gewalt wiederum Gewalt provoziert, was in der Eskalation die Kosten an Menschenleben und Zerstörung ins Unermessliche treiben kann.

In Potsdam war auch ein Mann, der solche Rechnungen mit dem kühlen Kopf des Unternehmers anstellen kann. Slobodan Djinovic ist in seiner serbischen Heimat mit seinen Telekomunternehmen zum Multimillionär geworden. Doch Geld ist nur Mittel. Der 36-Jährige war als Mitbegründer der Widerstandsbewegung Otpor am Sturz von Slobodan Milosevic beteiligt. Diese Erfahrungen sind nun Grundlage für den Lehrplan seiner Organisation Canvas.

Das Politikjournal Foreign Policy nannte das Institut mit Sitz in Belgrad 'Revolution U'. Djinovic und ein Lehrkörper von 15 Trainern mit eigener Revolutionserfahrung unterrichten hier Freiheitskämpfer aus aller Welt in der komplexen Organisation des unbewaffneten Widerstandes. Es ist ein mühseliger und oft langwieriger Weg vom Gedanken bis zum Ausbruch des Widerstandes auf den Straßen. Jahre kann es dauern, bis der Moment reif ist, die Massen zu mobilisieren. Sami Ben Gharbia gehörte zu Djinovics Studenten, außerdem Widerständler aus Georgien, Libanon, der Ukraine, den Malediven und vor allem aus der Bewegung des 6. April in Ägypten. Derzeit arbeiten sie mit Aktivisten in Syrien und Sudan.

Wie komplex der Widerstand sein kann, erzählt Fahty Abou Hata, Redakteur der ägyptischen Tageszeitung Al-masri Al-youm. Neben den unzähligen Problemen mit den anstehenden Wahlen und der Wirtschaft nähmen sich Revolutionäre nun die Stadtplanung vor. Mubarak habe den öffentlichen Raum aus Kairo einfach rausgeplant. Doch öffentlicher Raum sei die Voraussetzung für Freiheit und Demokratie. Da aber beginnt der unglamouröse politische Alltag nach dem Sieg der Revolution. Der Aufbau.

Will man den Begriff der Revolution nun streng nach Albert Camus definieren, ist der Freiheitskämpfer des 21. Jahrhunderts deswegen gar kein Revolutionär. Er kommt vielmehr dem Ideal des Menschen in der Revolte nahe, einem Rebellen, der nicht das eine durch das andere System ersetzen, sondern Freiheit schaffen will. Das allerdings wäre ein mächtiger Paradigmenwechsel, der Ideologie durch Ideale, Wut durch Vernunft und Gewalt durch Strategie ersetzen würde. Kein schlechter Anfang für das 21. Jahrhundert.

Ein erster Test steht an. Sihem Bensedrine, Aktivistin und Chefin des tunesischen Exilradiosenders Kalima, kann viel über die anstehenden tunesischen Wahlen am 23. Oktober erzählen. Von den 120 Parteien, den reichen Exilanten aus Libyen, den amerikanischen, britischen, französischen Interessen. Doch letztlich, sagt die elegante Dame aus Tunis, sei es egal, wer die Wahlen gewinnt. Es ginge nur darum, dass die Wahlen auch stattfinden. Vielleicht dreht ja bald jemand einen Film über die neuen Revolutionen. Der hätte schon einen Titel: 'Adieu idéologie'.

Abb.: Logo der ägyptischen Bewegung 6. April, das auf dem Logo von Canvas basiert

21.07.11 | 12:40 | 0 Kommentare

TED Global 2011/11: A conversation with Nadia Al-Sakkaf: See Yemen through my eyes

15.07.11 | 20:00 | 1 Kommentar

TED Global 2011/8: Traum von der Revolution

Tahndie Newton

(Von Andrian Kreye) Angesichts der Melange aus Aufbruchsstimmung, Zukunftsglaube, Optimismus und den Glauben an eine bessere Welt auf dem Ideenfestival der Ted-Konferenz in Edinburgh bleibt der Vergleich mit der jüngeren Geschichte nicht aus. Was sich da abbildet ist eine Art positiver Backlash gegen den Zynismus und Kulturpessimismus der neunziger und Nullerjahre. Was der Aufbruchsgeneration des 21. Jahrhunderts zum Glück fehlt sind die unangenehmen Seiten der 68er-Vorväter, die Besserwisserei, die esoterischen Verwirrungen und die ideologischen Verhärtungen. Und doch gibt es da einen unangenehmen Moment, der sich durch die Vorträge und Gespräche zog – die heimliche Sehnsucht nach einer Revolution, der Traum, dass die Aufbruchsstimmung in den Wissenschaften, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erneuerungen in den Schwellen- und Entwicklungsländern Teil eines radikalen Wandels sind.

Die Revolutionsromantik hat sich in diesem Jahr gerade auf der Ted Konferenz nicht nur in den Köpfen, sondern auch auf den Bühnen manifestiert. Immerhin sind gut über einhundert der 850 Teilnehmer und Sprecher aus jenen Ländern, in denen Revolution keine Metapher, sondern politische Realität sind. Ted spielt da mit seinen unabhängigen Tedx-Ablegern schon eine kleine Rolle, die vom Kernteam in New York weder geplant noch gesteuert war. Houssem Aoudi kann da Geschichten erzählen, ein junger Berater für digitale Strategien und der Veranstalter der beiden Tedx Carthage-Konferenzen in Tunis. Wenn er da etwas schüchtern auf dem Podium steht und berichtet, wie er mit Gleichgesinnten das Tedx-Format als neutrale Plattform fand, wie die Regierung nach der ersten der beiden Konferenzen im September vergangenen den Tedx-Sprecher und Blogger Slim Amamou verhaften ließ, der dann in der nachrevolutionären Regierung Minister für Jugend und Sport wurde, dann ist das einer der Momente, an denen man auch im klimatisierten Konferenzzentrum von Edinburgh den rauen Atem der Geschichte verspürt.

Nadia al-Sakkaf

Es gab einige solcher Momente in diesem Jahr. Der Auftritt der jungen Chefredakteurin der englischsprachigen Yemen Times Nadia al-Sakkaf zum Beispiel. Die hatte ihren Posten von ihrem Vater und ihrem Bruder übernommen, die beide aus politischen Gründen ermordet wurden. Nun kämpft sie für einen modernen Jemen und versteht sich als Teil des arabischen Frühlings in ihrem Lande. Oder die Präsentation des Stars der französischen Street-Art-Szene JR. Der hatte mit seinem „Inside Out“-Projekt den Ted-Preis 2011 gewonnen. Seit 2004 sammelt JR Porträtfotos von Durchschnittsbürgern aus den sozialen Brennpunkten zunächst aus Paris, dann aus den Palästinensergebieten, afrikanischen Megacities und brasilianischen Favelas. Die bläst er zu Plakaten auf, die dann wiederum an den Orten der Fotografierten aufgehängt werden. Mit seinem Preisgeld verwirklichte er im Frühjahr ein Projekt in Tunesien, bei dem die allgegenwärtigen Propagandaporträts des geschassten Diktators Ben Ali mit solchen Plakatbildern tunesischer Normalbürger überklebt wurden.

Sicher bleibt die Revolution für die meisten der Ted-Teilnehmer eine Metapher. Trotz der Öffnung für einen jungen Dialog mit Entwicklungs- und Schwellenländern bezahlen die meisten Besucher der Ted-Konferenz immer noch fünftausend Euro für die Woche. Sie sind hier stellvertretend für eine Wohlstandsgesellschaft, die seit dem Mauerfall von einem verwirrenden Zeitalter der Umbrüche chronisch überfordert wird. Revolution ist die romantische Vorstellung von einem kathartischen Neuanfang. Auch wenn einer der Konferenzgäste, der New Yorker Medienwissenschaftler Clay Shirky, in seinem Essay „Thinking the unthinkable“ davor warnte, dass Revolution in der Geschichte vor allem das Ende einer Ära bedeutete, das nicht keine Kontinuität garantiert, sondern nur die Stunde Null.

Nun ist es eine historische Gnade, dass die politischen Revolutionen in der Wohlstandswelt seit dem 2. Weltkrieg kein Thema sind und die gesellschaftlichen Umwälzungen seit 1968 allerhöchstens marginal. Doch die technologischen und wissenschaftlichen Revolutionen reichen, um eine tiefe Unsicherheit zu erzeugen, die sich nach der Greifbarkeit einer traditionellen Revolution auf der Strasse sehnt.

Kevin Slavin

Einer der Schlüsselsätze fällt im Vortrag des Videospiel-Pioniers Kevin Slavin, der sich mit der „Algoworld“ beschäftigt, der Welt der Algorithmen. „Wir schreiben Dinge, die wir nicht mehr lesen können“, sagt er. Die Algorithmen der Alltagswelt haben längst ihre eigene Dynamik entwickelt. Slavin erzählt von den zweitausend Physikern, die inzwischen an den Börsen der Wall Street beschäftigt sind, um das so genannte „Black Box Trading“ zu programmieren, das inzwischen 70 Prozent des Wertpapierhandels bestimmt. In Mikrosekunden tätigen da Algorithmen Käufe und Verkäufe mit enormem Volumen. Wie real die Auswirkungen dieser Algorithmenwelt ist, zeigt er an zwei sehr realen Phänomenen. In Manhattan laufen die Leitungen des Internets im „Carrier Hotel“-Gebäude an der Hudson Street zusammen. Weil der digitale Knotenpunkt aber eine knappe Meile von den Börsen der Wall Street entfernt sind, laufen die Algorithmen der Handelsinstitute mit acht Mikrosekunden Verzögerung. Das führte dazu, dass sich die ersten Investmentfirmen vom traditionellen Bankenviertel vom Süden der Insel in die Nähe des Carrier Hotels in Tribeca gezogen sind. Und um den Handel mit Chicago zu beschleunigen wird derzeit ein massiver Datenkorridor zwischen den beiden Städten gebaut. Ein monumentales Bauprojekt, das mit viele altmodischem Dynamit durch die Landschaft getrieben wird, und bald schon den transkontinentalen Algorithmenhandel um drei Mikrosekunden beschleunigen soll.

Da manifestiert sich eine beunruhigende Macht der digitalen Revolution, die ihr Echo in der beunruhigenden Geschwindigkeit der biotechnischen Revolution ihr Echo findet. Das Mooresche Gesetz der digitalen Revolution, nach der sich alle 18 bis 24 Monate die Leistungsfähigkeit der Rechner verdoppelt, hat die Gentechnik mit einem wissenschaftsgeschichtlichen Turboeffekt vervielfacht. Als Benchmark gelten da die Kosten für die Entschlüsselung eines kompletten Humangenoms, die in nur zehn Jahren von drei Milliarden auf 50.000 Dollar gefallen sind.

Die Designerin Daisy Ginsberg versucht dieser Revolution Herr zu werden. Mit ihrer Firma Synthetic Asthetic sucht sie nach Wegen, um die Kluft zwischen der wissenschaftlichen Revolution und dem Normalverbraucher zu überbrücken. Sie sucht derzeit nach einer Designsprache für die Biologie, eine Art Benutzeroberfläche, die aus der abstrakten Programmiersprache der Genetik eine nachvollziehbare Anwendung machen kann.

Ted Auditorium

Gentechnische Designideen sind dann am Ende einer vollen Woche einer der Punkte, an dem jener Zustand eintritt, der im Konferenzjargon „Tedlag“ heißt. Wenn die Überfrachtung mit neuen Ideen Sättigungsgrenze erreicht hat, wenn die letzte Bekanntschaft mit einem Aktivisten aus Tunesien, einem Unternehmer aus China oder einem Wissenschaftler aus dem Silicone Valley gemacht ist, wenn die letzte Vision diskutiert wurde, übermannt einen eine mentale und soziale Erschöpfung, die eine Art intellektuelles Läuferhoch. Im Fazit war der Umzug von Oxford nach Edinburgh war für die europäische Ted-Konferenz nicht nur ein geografischer Neuanfang. Was fehlten waren die großen Namen, die Milliardäre, die Hollywood- und Rockstars, die Ted so gerne besuchen. Auch auf der Bühne gab es letztlich nur zwei wirklich bekannte Gesichter, die Schauspielerin Thandie Newton und der Bestsellerautor Malcom Gladwell (die beide außer Glamour nur Anekdotisches zu bieten hatten). Für die Rolle der Ted-Organisation als Gradmesser für den Puls eines Zeitgeistes und Katalysator für globale Dialoge ist das nicht das Schlechteste. Was wirklich bleiben wird von den Ideen und Visionen wird sich zeigen. Das aber ist keine neue Weisheit, sondern ein Zitat von Thomas Alva Edison aus dem frühen 20. Jahrhundert: „Genie besteht zu einem Prozent aus Inspiration und zu 99 Prozent aus Schweiß.“

Fotos: Thandie Newton; Nadia al-Sakkaf; Kevin Slavin; Ted Global Auditorium; by James Duncan Davidson / TED

15.07.11 | 09:55 | 0 Kommentare

TED Global 2011/7: JR’s “Inside Out”-Kunstprojekt

JR, französischer Street-Art-Star und Gewinner des Ted Long Beach Awards dieses Jahr, hat sein Preisgeld für die Verwirklichung seines globalen "Inside Out"-Kunstprojekts im postrevolutionären Tunesien eingesetzt.

Webseite des "Inside Out"-Projektes -hier.

15.04.11 | 16:03 | 0 Kommentare

Die Gesichter der Revolution

Ghonim

Der Fotograf Jonas Fredwall Karlsson hat für die amerikansiche Vanity Fair die wichtigsten Figuren der ägyptischen Revolution besucht und daraus ein klassisches Porträt-essay gemacht. Hier zum Beispiel der Product Manager von Google und Revolutionsführer wider Willen Whael Ghonim.

Essay mit Slideshow - hier.

Foto: Jonas Fredwall Karlsson, Vanity Fair

29.03.11 | 16:57 | 0 Kommentare

Die Angry Birds erklären den Nahen Osten: Three Big Pigs

The latest in viral ... Ethan Zuckerman hat einen Blogpost über den Autor des Videos geschrieben, einen russischen Culture Jammer namens Egor Zhgun, der die meisten seiner Video- und Grafik-Remixe auf seinem Blog veröffentlicht.

04.03.11 | 23:24 | 0 Kommentare

Der ägyptische Revolutionsheld Wael Ghonim @ TEDx Cairo

Wael Ghonim is an Internet activist and computer engineer, Google’s Middle East and North Africa Marketing Manager. As "ElShaheeed," he started up an influential Facebook page that galvanized voices of protest in Egypt. In early 2011, he was detained by the Egyptian government for 11 days -- when freed after international pressure, he revealed his identity, and became a leading fugure in the youth revolution that forced Hosni Mubarak from power.

""Our revolution is like Wikipedia, okay? Everyone is contributing content, [but] you don't know the names of the people contributing the content. This is exactly what happened. Revolution 2.0 in Egypt was exactly the same. Everyone contributing small pieces, bits and pieces. We drew this whole picture of a revolution. And no one is the hero in that picture.""

Warl Ghonim on 60 Minutes

03.03.11 | 22:05 | 1 Kommentar

Al-Qaida tappt im Dunkeln – der Westen auch

TahrirFohlen

Der Islamwissenschaftler Bernard Haykel über die arabische Jugendrevolte, die Macht des Internets und die Marginalisierung des Islamismus

Hat die Islamwissenschaft die Revolutionen in Ägypten, Tunesien, Libyen und der arabischen Welt vorausgesehen?Bernard Haykel: Nein. Wir hatten zwar das Wachsen der Jugendblase beobachtet und wussten, dass diese neue Mehrheit der Jugend einen Weg finden würde, sich bemerkbar zu machen. Aber wir hatten angenommen, dass das über irgendeine Form des Islamismus geschieht. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass dies eine bürgerliche, westlich orientierte Jugend zwischen zwanzig und dreißig sein würde. Diese Leute waren nicht politisch. Wir dachten, das sind lediglich Leute, die sowieso Geld haben, die die guten Jobs in Dubai und Abu Dhabi kriegen. Wir sahen sie eher als verwöhnte Gören ohne jede Ideologie.

Haben sie nun eine Ideologie?
Haykel: Nein. Alles was sie wollen ist ein gewisser Respekt, eine Stimme, Möglichkeiten, sich zu verwirklichen. Das hat aber nicht nur uns überrascht, sondern auch die Moslembrüder und al-Qaida. Vor allem al-Qaida, die im Internet gerade heftige interne Debatten führt.

Wie reagiert al-Qaida nun darauf?
Haykel: Im Moment tappt al-Qaida im Dunklen. Aber da ist sie nicht allein. Die Regimes sind auch ahnungslos. Genauso wie der Westen. Al-Qaida fragt sich vor allem, warum ihr das alles nicht selbst gelungen ist. Irgendwie bewundert sie Figuren wie Wael Ghonim, den ägyptischen Google-Manager, wenn sie sie nicht sogar beneidet.

Was folgert al-Qaida daraus?
Haykel: Sie überlegt, wie sie selbst solche Dynamiken erzeugen kann. Und sie erkennt, dass sie der Zeit hinterherhinkt. Schon technisch. Al-Qaida kommuniziert im Netz immer noch über Bulletin Boards und Webseiten. Mit Facebook und Twitter kann sie überhaupt nicht umgehen.

Spielte das Internet in Tunesien und Ägypten denn eine so große Rolle?
Haykel: Eine riesige Rolle.

Hat man das nicht auch während der Unruhen in Iran vor zwei Jahren geglaubt, was sich dann als Irrtum herausgestellt hat?
Haykel: In Iran hat die Opposition einen großen Fehler gemacht, weil sie die Legitimität des Regimes anerkannt hat. Der Protest richtete sich gegen Wahlbetrug und man wollte einfach faire Wahlen. Die Opposition hat sich also auf die Spielregeln des Regimes eingelassen. In Tunesien und Ägypten ist das anders. Dort sprechen die Menschen dem Regime die Legitimität ab und lassen sich nicht auf seine Spielregeln ein.

Aber könnte al-Qaida so eine Volksbewegung überhaupt gelingen?
Haykel: Nein, weil sich al-Qaida immer auf Gewaltakte konzentriert hat. Ich habe neulich die Predigt des Al-Qaida-Ideologen Abu Baseer Al-Tartusi gehört, in der er beschrieb, wie Ghonim Millionen Menschen bewegen konnte, nur weil er im Fernsehen weinte. Das war dieses Interview mit Wael Ghonim, als er gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und sie ihm die Bilder der Menschen zeigten, die von Sicherheitstruppen getötet wurden. Das war in Ägypten ein ganz entscheidender Moment, der Hunderttausende mobilisierte. Tartusi war sehr erstaunt, dass es eben Tränen waren, die die Massen mobilisierten.

Spricht al-Qaida mit ihrer poetischen Sprache nicht ebenfalls die Emotionen an?
Haykel: Die Sprache der al-Qaida ist religiös, aufwühlend, strotzt nur so vor Kraft, aber al-Qaida spricht nicht über die Würde des Einzelnen. Das klingt alles so, als hätte sie irgendein Utopia im Sinn, aber es wird nicht wirklich klar, was sie wirklich will. Sie sagt einfach, vertraut uns nur, wir werden das islamische Recht einführen, und alles wird gut.

Wie klingen die jungen Revolutionäre dagegen?
Haykel: Sie sprechen sehr persönlich. Da klingt vielleicht Nationalismus an, aber es geht doch sehr um den Individualismus. Das wirkt alles sehr ernsthaft und ehrlich. Diese Sprache berührt. Außerdem mischen sie es mit Englisch und zeigen so, dass sie zu einer globalen Kultur gehören. Das ist eine sehr zeitgemäße Umgangssprache.

Hat sich die Politik diesen Ton nie zu eigen gemacht?
Haykel: Sowohl Al Qaida als auch Mubarak sprachen immer in einem sehr klassischen Arabisch. Das waren Stimmen der Vergangenheit. Mubaraks Sprache war dabei sehr herablassend. Er hat seine Bürger wie dumme Kinder behandelt. Er hat mit Klischees argumentiert, mit der unsichtbaren Hand des Auslands, mit vermeintlichen Verschwörungen der Juden, der Israelis, der Amerikaner. Das empfanden die meisten als Beleidigung. Dabei klang er sehr steif, als hätte er den Draht zum Volk schon lange verloren.

Ist der Ton denn so wichtig?
Haykel: Sehr wichtig. Es geht aber auch um Angst. Tunesien hat gezeigt, dass man diese Angst überwinden kann. Und dann steht eine Regierung vor der Frage: Sind wir bereit, eine große Anzahl von Menschen zu töten oder nicht?

Wie in Libyen?
Haykel: Gaddafi hat aus Tunesien und Ägypten nichts gelernt. Er ist von Natur aus brutal. Und er kämpft einen Kampf, in dem es nur einen Sieger geben kann, weil es keine Institution wie die Armee gibt, die ein Machtvakuum überbrücken könnte. Da geht es wirklich darum, ein ganzes System auszuwechseln. Außerdem ist die libysche Gesellschaft eine Stammesgesellschaft, die sich nun spaltet, keine homogene Gesellschaft wie in Tunesien oder Ägypten. Deswegen sind die Kämpfe dort auch viel heftiger.

Wie reagiert al-Qaida auf Libyen?
Haykel: Al-Qaida sieht die Gewalt dort eher als Bestätigung ihrer eigenen Linie. Mehrere Al-Qaida-Ideologen sehen die Kämpfe als gute Gelegenheit, das Chaos auszunutzen. Es gibt dort eine kleine Basis von Anhängern. Momentan rät sie ihren Anhängern jedoch, die Situation vorsichtig anzugehen, damit nicht andere Mitglieder oder Zellen auffliegen.

Könnte Libyen nun Vorbild für andere Regierungen werden, ähnlich wie Tunesien und Ägypten Vorbilder für Volksbewegungen waren?
Haykel: Das Blutvergießen in Libyen könnte ähnlichen Bewegungen in Syrien zum Beispiel eine Warnung sein, dass der Preis für einen Wandel unter Umständen zu hoch ist. In Syrien, Jemen oder Bahrain könnte es zu ähnlichen Kämpfen kommen. Man darf den Nahen Osten aber nicht als monolithische Region sehen.
Jedes dieser Länder hat eine andere Gesellschaftsstruktur. In Syrien gibt es eine Minderheitensekte, die das Land dominiert. Die Alawiten. Für die wären Unruhen auch ein Kampf, bei dem sie alles verlieren könnten. Da ist ein Blutbad nicht auszuschließen. Das einzige Zugeständnis, das sie vielleicht machen würden, wäre, Leute zu schmieren, um die Opposition zu spalten. Was derzeit viele Länder machen.

Welche Länder?
Haykel: In Bahrain haben sie jeder Familie mehrere tausend Dollar gegeben. In Saudi-Arabien werden gerade alle möglichen Subventionen erhöht. Fast alle Golfstaaten geben derzeit viel Geld für Bestechung und Subventionen aus. Wo immer es Öl gibt, können es sich Regierungen leisten, nicht nur die Opposition, sondern auch große Teile der Bevölkerung mit Geld ruhigzustellen.

Funktioniert das?
Haykel: In Bahrain scheint es nicht zu funktionieren. In Saudi-Arabien dagegen schon.

Aber in all diesen Ländern gären doch Unruhen.
Haykel: Ich glaube, wir können derzeit noch nicht abschätzen, wie sich die Lage entwickelt. Aber es stimmt, in Algerien, Bahrain, Iran, Jemen, wahrscheinlich auch in Syrien und Marokko könnte es zu ähnlichen Bewegungen kommen.

Wenn der Islamismus seinen Rückhalt verliert, ist Nationalismus der gemeinsame Nenner dieser Bewegungen?
Haykel: Deswegen ersticken die meisten Länder ja jede nationalistische Bewegung oder Institution im Keim. Sie fördern eher die Spaltungen zwischen Stammeszugehörigkeiten und religiösen Sekten. Das war auch ein entscheidender einigender Faktor in Ägypten. Sicher sind 85 Prozent der Bevölkerung dort Moslems und 15 Prozent Kopten. Aber sie sind letztlich alle Ägypter mit einer gemeinsamen Geschichte.

Wurde das thematisiert?
Haykel: Wael Ghonim hat gerade auf Twitter geschrieben, dass er jede Unterscheidung zwischen Moslems und Kopten, zwischen Minderheiten und Mehrheiten ablehnt. Er sagt, die Kopten in Ägypten sind keine Kopten, sondern unsere Brüder. Für al-Qaida wären solche Äußerungen, die im reinen Humanismus wurzeln, nicht annehmbar.

Ägypten mag nun politisches Vorbild sein. Hat es aber immer noch eine Rolle als kulturelles und religiöses Zentrum für die gesamte Region?
Haykel: Es hatte diese Rolle sicherlich lange. Aber unter Mubarak hat es sie verloren. Mubarak hat die Mittelmäßigkeit institutionalisiert und das Land zugrunde gerichtet. Unter ihm verkam Ägypten in der arabischen Welt zu einem Treppenwitz. Das war ja auch eine der Triebfedern für diese Revolution. Und letztlich auch für Wael Ghonim, der in Dubai gearbeitet hat. Der sagte, mir reicht es, dass Ägypten überall lächerlich gemacht wird. Bei der Forderung nach mehr Würde geht es nicht nur um individuelle Menschenwürde, sondern auch um nationale Würde. Ägypten hat Besseres verdient. Es muss wieder zum Herz der arabischen Welt werden, zum Zentrum des kulturellen, intellektuellen, wirtschaftlichen Lebens.

Wo sind derzeit die Zentren des intellektuellen Lebens in der arabischen Welt?
Haykel: In London, Beirut, in den Golfstaaten, in Saudi-Arabien. Es gibt einen Austausch zwischen den nordafrikanischen Intellektuellen in Tunesien, Algerien, Marokko und Paris. Einiges ist ins Netz abgewandert. Aber wenn man das große Ganze betrachtet, ist das eine ziemlich armselige Veranstaltung.

Sind die aktuellen Ereignisse nicht auch eine Chance, dass die radikalen religiösen Strömungen in der Region marginalisiert werden?
Haykel: Ganz sicher. Wenn Ägypten eine demokratischere Regierung bekommt, wäre es möglich, dass die religiösen Gruppen wie die Moslembrüder einige Sitze im Parlament bekommen. Das wäre gut, weil es sie in den demokratischen Prozess eingliedern würde. Das würde verhindern, dass sie immer zu Gewalt greifen, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sich das vorstellen.

Ist ein Großteil der Jugend, vor allem aus ärmeren Bevölkerungsschichten, nicht schon mit einer islamisch ausgerichteten Erziehung aufgewachsen? Werden religiöse Motive deswegen nicht immer eine enorme Wirkung haben?
Haykel: Die Bevölkerungen in den arabischen Ländern werden immer Sympathien für religiöse Bewegungen haben. Es gab durchaus eine große Welle der kulturellen Islamisierung, die Ägypten und den gesamten Nahen Osten erfasst hat. Die Leute sind nun religiöser, konservativer. Ob sich das allerdings direkt in Stimmen für islamistische Parteien umsetzt, ist keineswegs sicher. Es ist dagegen durchaus möglich, dass Religion jetzt viel deutlicher eine Privatangelegenheit wird und nicht so sehr die Öffentlichkeit bestimmt.

Steckt in den Revolutionen von Tunesien, Ägypten und Libyen letztlich nicht auch ein zutiefst islamischer Kern? War Islam im 7. Jahrhundert nicht eine Auflehnung gegen den Feudalismus?
Haykel: Da gibt es sicher eine Verbindung. In vielen Punkten fordern die Jugendbewegung, Islam und auch der Islamismus dieselben Dinge. Die Religion des Islam fordert soziale Gerechtigkeit, eine Regierung, die zur Verantwortung gezogen werden kann, dass der Wohlstand eines Volkes nicht vergeudet oder gestohlen wird. Folter ist nicht akzeptabel. In anderen Punkten widersprechen die Jugendbewegungen dem Islam allerdings. Die Gleichbehandlung der Religionen und Geschlechter sind zum Beispiel keine islamischen Werte.

Können die Jugendbewegungen die Reformströmungen im Islam stärken?
Haykel: Das hätte in einem demokratischen Ägypten sicher eine Chance. Das hätte aber nur dann eine nachhaltige Wirkung, wenn sich auch islamische Intellektuelle in Iran, Westeuropa und Amerika dieser Strömung anschließen würden. Die Debatte um die Reform des Islam kann kein nationaler, das muss ein globaler Diskurs sein.

Gibt es diesen Diskurs schon?
Haykel: Bisher hauptsächlich in der Diaspora. Wenn es aber freiere Gesellschaften geben würde, dann würde dieser Diskurs auch in Ländern wie Ägypten geführt und auch Wirkung zeigen.

Würde das nicht nur den Islamismus, sondern auch den Anti-Islamismus im Westen marginalisieren?
Haykel: Gäbe es ein wirtschaftlich erfolgreiches, demokratisches arabisches Land, würden sich auch die Stereotypen ändern. Man kann das schon am Beispiel Türkei beobachten. Gäbe es ein Ägypten, das ein bisschen wie die Türkei ist, wo eine relativ gemäßigte islamistische Partei an der Macht ist, wo man Alkohol konsumieren kann und die Wirtschaft floriert, wird das nicht nur das Bild dieses Landes im Rest der Welt verändern. Es würden ja auch weniger Menschen auswandern wollen. Also wäre der Einwanderungsdruck auf Europa nicht so hoch. Und die Abwanderung der produktiven Mittelschichten wäre nicht so stark, weil Erfolg nicht mehr nur eine Frage von Verbindungen und Korruption wäre, sondern eine Frage von Leistung. Ägypten könnte durchaus den Weg Indiens gehen, das seine Diaspora zurückgewinnt.

Die Revolutionen sind ganz offensichtlich ein Schlüsselmoment in der arabischen Geschichte. War 9/11 ein ähnlicher Schlüsselmoment, oder ist das nur eine westliche Sichtweise?
Haykel: Für den Westen war 9/11 sicherlich der Schlüsselmoment, weil man begriffen hat, dass in der arabischen Welt etwas nicht in Ordnung ist. Aber die Reaktion der USA im Namen der Freiheit hat letztlich das Gegenteil bewirkt. Auf der einen Seite sind sie im Irak einmarschiert. Aber in Ländern wie Ägypten haben sie vor allem die autoritären Strukturen gestärkt. Deswegen ist all das, was jetzt geschieht, sicherlich eine Folge von 9/11. Gleichzeitig gab es in Ägypten einen Wirtschaftsaufschwung. Das hat die Erwartungshaltungen der Bevölkerung verschärft. Dazu kommt, dass das Internet um 1998 herum in den Nahen Osten kam. Und das hat fortgesetzt, was mit Satellitenfernsehen schon begonnen hatte - es hat die Kontrollmechanismen ausgehebelt, die der Staat über Informationsflüsse hatte. Ursprünglich ging man zwar davon aus, dass das Internet Oppositionsbewegungen eher fragmentieren würde. Aber Ägypten hat gezeigt, dass das Gegenteil der Fall war.

Es gibt diesen Impuls, die arabischen Jugendrevolten mit historischen Ereignissen zu vergleichen. Mit 1848, 1917, 1979, 1989. Gibt es Parallelen?
Haykel: Mit 1989 kann man das nur schwer vergleichen. Da gab es in Russland und Osteuropa keine Jugendblase. Es gab nichts Vergleichbares zur Macht des Internets und der sozialen Medien. Für Deutschland und die meisten Länder war es ganz klar, dass sie eine westliche Demokratie errichten würden. Das ist ein Unterschied. Der Vergleich mit Iran 1979 funktioniert auch nicht. Da gab es eine Revolution, die zunächst sowohl links, als auch nationalistisch und islamistisch war, dann aber von den Islamisten kooptiert wurde. In Ägypten haben wir es mit einer unideologischen Jugendbewegung zu tun, die die Revolution bis zu dem Punkt brachte, an dem der Staatschef zurücktritt. Aber es gibt keinen wirklichen Umsturz, weil das Regime in Gestalt der Armee immer noch an der Macht ist. Und es ist nicht ganz klar, wo die Islamisten stehen, und ob sie letztlich die Jugendbewegung zerstören, um die Macht zu übernehmen. Wir haben es also wirklich mit einer ganz neuen Situation zu tun. Doch wir wissen nicht, ob es eine richtige Revolution ist, weil der Wandlungsprozess erst am Anfang steht.

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Der Islamwissenschaftler Bernard Haykel ist Professor für Nahost-Studien und Direktor des Institute for the Transregional Study of the Contemporary Middle East, North Africa and Central Asia an der Princeton University. Haykel wurde in Beirut geboren. Sein politisches Bewusstsein, so sagt er, habe sich erstmals im libanesischen Bürgerkrieg geformt. Er promovierte 1998 an der Oxford University und untersucht seither die intellektuelle, politische und gesellschaftliche Geschichte des Nahen Ostens. Haykel forschte mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Jemen, Indien, und im Libanon. Zuletzt veröffentlichte er das Buch 'Revival and Reform in Islam: The Legacy of Muhammad al-Shawkani' (Cambridge University Press, 2003). Derzeit arbeitet er an einer Studie über die Wahhabi-Bewegung in Saudi-Arabien seit den fünfziger Jahren und ihren Aufstieg zu einer Schule des politisch-religiösen Denkens von globaler Bedeutung.

Interview: Andrian Kreye
Quelle: Süddeutsche Zeitungm Nr.52, Freitag, den 04. März 2011 , Seite 13

Foto: Tahrir-Platz nach dem Abtritt Mubaraks/Corentin Fohlen

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