26.04.12 | 19:10 | 0 Kommentare

Präsidiales Cool


(Aus der SZ vom 27.4. 12, von Andrian Kreye)
Am vergangenen Dienstag eröffnete Barack Obama die heiße Phase des US-Wahlkampfs während der Late Night Show des Moderators Jimmy Fallon mit einem Auftritt in dem Sketch 'Slow Jamming the News'. 'Slow Jams' sind in der Soulmusik so etwas wie die verschärfte Version des Schiebers. Sänger wie Barry White und Isaac Hayes waren in den siebziger Jahren für diese Sorte Songs bekannt, bei denen sie im verführerischen Bariton Erotisches über Rhythmen raunten, die ganz bewusst an die Bewegungen eines Liebesaktes erinnerten.

So ganz ernst nimmt man dieses Genre heute nicht mehr. Bei Jimmy Fallon verlesen Moderator und Band deswegen zur nationalen Belustigung Nachrichten in diesem Stil. Obama raunte auch keine Schlüpfrigkeiten. Er verkündete zum lasziven Beat der Studioband seine Initiative im Kongress, die Zinssätze für Studienkredite zu begrenzen. Nachdem die Sendung auf dem Campus der University of North Carolina in Chapel Hill aufgezeichnet worden war, war der Jubel des studentischen Live-Publikums erwartungsgemäß frenetisch.

Politisch positioniert sich Obama mit dem Auftritt ganz eindeutig. Amerikanische Studenten verlassen die Colleges und Universitäten wegen der hohen Studiengebühren mit einer Schuldenlast von durchschnittlich 25000 Dollar. Eine Summe, die sie oft durch die ersten zehn Jahre ihres Berufslebens schleppen. Mit seiner Ankündigung, diese Last wenigstens etwas zu mildern, stellte sich Obama deutlich gegen die Politik der Republikaner, die vor allem dafür bekannt sind, die Steuerlast des obersten Einkommensprozents zu senken.

Obama festigte mit seinem Auftritt aber auch sein Image als der 'coolste Präsident in der Geschichte Amerikas'. Es gab einige solcher Momente in den vergangenen Monaten. Sein Auftritt bei einer Wahlveranstaltung im Apollo Theater in Harlem, bei dem Obama recht ordentlich ein paar Takte aus Al Greens Soulklassiker 'Let"s stay together' anstimmte. Seine Einlage bei der 'Blues Night' des Weißen Hauses, als er zu B.B. Kings Gitarrenbegleitung 'Sweet Home Chicago' sang, während Mick Jagger ihn anfeuerte. Das Foto, das Obama zeigt, wie er mit einem der Hausmeister des White House den jovialen Faust-gegen-Faust-Gruß austauscht.

Um diese vermeintlich spontanen Einlagen zu übertreffen, war der Auftritt bei Jimmy Fallon perfekt. Fallon ist nicht nur der neue Star der Late-Night-Moderatoren, er gilt auch als der Coolste seiner Zunft. Seine Studioband ist die versierte Hip-Hop-Formation The Roots. Die meisten Amerikaner kennen Fallon noch als Komiker aus der Comedy-Sendung 'Saturday Night Live', die seit 1975 der Außenposten des Cool und Hip im Fernsehen ist. So erreicht Obama eine junge Wählerschaft, für die laut einer Untersuchung ironische Talk- und Satiresendungen wie 'The Daily Show with Jon Stewart' während Wahlkämpfen eine ebenso wichtige Informationsquelle sind wie Zeitungen und Nachrichtensendungen.

Nun haben Auftritte großer Politiker bei solchen Sendungen Tradition. Bill Clinton spielte in der Talkshow von Arsenio Hall Saxofon. John McCain war Stammgast bei Jon Stewart. Auftritte beim Chef-Ironiker David Letterman sind Pflicht im Wahlkampf. So souverän, wie Obama seine Slow-Jam-Nachrichten überstand, bekam es allerdings noch keiner hin. Bleibt nur die Frage, ob Cool noch cool sein kann, wenn der oberste Regierungsvertreter die einst so subversive Haltung für sich pachtet.

23.04.12 | 13:14 | 0 Kommentare

Die Nacht, als der alte Süden unterging – zum Tod von Levon Helm

 

(Aus der SZ vom 21.4.2012, von Andrian Kreye) In den letzten Jahren seines Lebens, als Levon Helm schon an jenem Krebs erkrankt war, dem er nun erlegen ist, war die Scheune, die er in den Wäldern bei Woodstock zu einem Konzertstudio ausgebaut hatte, die wohl eindrücklichste Pilgerstätte des amerikanischen Rock. Jeden Sonntag veranstaltete er dort einen sogenannten Midnight Ramble, eine Session mit Bands, Musikern und Stars, die oft aus dem ganzen Land zusammenkamen. Levon Helm saß in diesen Nächten selbst am Schlagzeug, und als er nach den ersten Operationen seine Stimme wiedergefunden hatte, sang er auch wieder. Vor allem die Songs, mit denen er gemeinsam mit The Band Geschichte geschrieben hatte – „The Weight“, „King Harvest“, „The Night They Drove Old Dixie Down“.

Wenn dann in einer Sommernacht die Scheunentore offenstanden, vom Teich eine Brise in den großen Raum wehte und er mit seiner rauen Stimme die biblisch schweren Zeilen der Songs anstimmte, verstand man auch als Europäer, warum The Band für die amerikanische Rockgeschichte eine ähnliche Bedeutung hatten, wie die Beatles für den Rest der Welt.

Der Journalist John Poppy beschrieb das 1970 so: „Sie haben in mir Gefühle aufgewühlt, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe. Sie beschwören ein Amerikanischsein, das mich direkt in eine Art Heimat des Herzens transportiert. Das sind Versatzstücke unseres gemeinsamen Lebens auf diesem Kontinent. Und deswegen treffen dich ihre Songs wie ein Geruch aus der Kindheit, der sofort satte, scharfe Erinnerungen in einem weckt.“

Als Europäer kann man so etwas natürlich nur als exotischen Rausch begreifen. Dieses inbrünstige Gemeinschaftsgefühl aus dem gemeinsamen Kampf um den Kontinent, die spirituellen Wurzeln im Glauben und seinen Mythen sind einem als säkularem Humanisten so fremd wie die Ekstasen islamischer Sufis. In der Musik aber lassen sich solche Erlebnisse auch ohne die Wurzeln und den Glauben nachvollziehen. Und so versteht man auch, dass eine solch emotionale Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln in den Ausläufern der psychedelischen Hippiejahre eine Revolution gewesen sein muss.

Als 1968 The Band’s Debütalbum „Music From The Big Pink“ erschien, hatten die Beatles im Jahr zuvor den üppig produzierten Bilderbogen „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ herausgebracht, die Rolling Stones hatten sich in psychedelische Experimente verrannt. Die karg produzierte Musik von The Band war eine Absage an den Mehrspur-Monumentalismus, der aus der popmusikalischen Gegenkultur schon bald eine Industrie machen sollte. Big Pink war ein rosafarbenes Holzhaus in West Saugerties, in dem sich die fünf Musiker zusammenfanden, um mit Bob Dylan zu arbeiten, der ins benachbarte Woodstock gezogen war.

Sie hatten ihn seit 1965 auf seinen elektrisch verstärkten Touren begleitet. Mit seinem ersten elektrischen Auftritt beim Newport Folk Festival hatte sich Dylan nachhaltig den Groll seiner Fans zugezogen. Dylan steckte den Groll zwar souverän weg. Seine ursprüngliche Band hatte ihn jedoch schon bald verlassen. Und auch für die fünf Clubmusiker, die Dylan in Toronto entdeckt hatte, war es nicht leicht. Gleich beim ersten Auftritt vor 15 000 Menschen im New Yorker Tennisstadion Forest Hills brach der Zorn über sie herein.

Helm stieg schon nach wenigen Konzerten aus. Er sei nicht dafür geschaffen, sich ausbuhen zu lassen, sagte er. Für seine vier Mitmusiker und auch für Dylan war es ein schwerer Schlag. Robbie Robertson, Rick Danko, Garth Hudson und Richard Manuel hatten Helm 1960 kennengelernt, als er mit dem Rockabilly-Sänger Ronnie Hawkins aus dem amerikanischen Arkansas ins kanadische Toronto gezogen war, weil die Gagen dort besser waren. Hawkins engagierte die vier jungen Kanadier. Für die, und später auch für Dylan, der nicht weit von der kanadischen Grenze in Minnesota aufwuchs, verkörperte Helm als Sohn des amerikanischen Südens all die Urmythen des amerikanischen Rock, die sie in ihrer Jugend nur aus dem Radio kannten. Helm war auf einer Farm im Mississippi Delta aufgewachsen. In den Clubs im nahen Helena hatte er schon als Kind Blues und Country gehört, hatte bald selbst angefangen zu spielen. In der elften Klasse verließ er die Schule, um sich Ronnie Hawkins’ Band anzuschließen. Die biblische Schwere in den Texten, die Dylan und The Band Ende der sechziger Jahre schrieben, die spröde Musik voller Country, Blues, Gospel und archaischem Folk waren für Helm keine exotischen Sehnsuchtsmotive, sondern Teil seiner DNA.

Als sich Dylan dann nach Woodstock zurückzog, kehrte auch Helm zurück. Die Musik, mit Dylan, die auf den legendären „Basement Tapes“ erschien, und die Songs, die sie ohne Dylan auf ihren ersten beiden Alben einspielten, legten das Fundament für alles, was in der amerikanischen Rockmusik bis heute geschehen ist. Da fand sich die Rückbesinnung auf Country, wie ihn The Grateful Dead und The Eagles praktizierten, die Bodenständigkeit von Bruce Springsteen und die Amerikana-Mentalität, die sich durch Dylans Spätwerk und durch die Musik all der Wiedergänger von Wilco über die Fleet Foxes bis zu Arcade Fire zieht.

Offiziell lösten sich The Band 1976 mit dem Konzert auf, das Martin Scorsese für den Film „The Last Waltz“ aufnahm. Nach dem Streit mit Gitarrist Robbie Robertson tourte Helm immer wieder mit den anderen Musikern als The Band. Er begann eine Laufbahn als Schauspieler, spielte in Filmen wie „Nashville Lady“ und „The Right Stuff“. In den letzten Jahren wurzelten Levon Helms Alben immer deutlicher im Country und Folk. Drei Grammys bekam er dafür. Am Donnerstag ist Levon Helm in einem New Yorker Krankenhaus gestorben. Er wurde 71 Jahre alt.

Foto:  Levon Helm (rechts) und der Gitarrist Robbie Robertson im Sommer 1969 bei Proben von The Band in Woodstock. Elliot Landy/Magnum/ Agentur Focus

20.04.12 | 10:40 | 0 Kommentare

RIP Levon Helm

13.03.12 | 21:36 | 0 Kommentare

Der Romantiker vom Hudson River

(Von Andrian Kreye) Als Joseph Mitchell 1959 seine Sammlung mit sechs Geschichten rund um den Hafen von New York veröffentlichte, die er für die Wochenzeitschrift New Yorker geschrieben hatte, war das Buch schon ein Abgesang auf eine versinkende Welt. Die Austernfischer, Dockarbeiter und Wirtsleute sind bei ihm Zeitzeugen großer Epochen. Sie erinnern an die Jahre, als Amerika über die Küsten des Ostens erobert wurde, an die mythische Ära, als die Fischerei eine Industrie war, die das neue Land zur Wirtschaftsmacht aufsteigen ließ, an die Zeit nach der Sklaverei, als die Austernbänke in der Bucht zwischen New York und New Jersey den Befreiten eine sichere Einkunftsquelle war.

Es sind leise, bedächtige Geschichten, die sich deutlich von der elektrisierenden Energie abwenden, die sich auf der Insel Manhattan im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Triebkraft der westlichen Welt steigert. Diese Abkehr vom eigentlichen Lauf der Dinge, um in der Ruhe der Nischen mit ihren Randfiguren und Exzentrikern nach Wahrheiten zu suchen, war immer schon Mitchells Methode gewesen, seit er 1938 den rasenden Arbeitsabläufen der Tageszeitungen den Rücken gekehrt und beim New Yorker angeheuert hatte. Einer Methode, mit der er die Grenze zwischen Journalismus und Literatur auflöste und so zum unerklärten Vater des New Journalism wurde.

In der im letzten Jahr auf deutsch erschienenen Anthologie „McSorley’s Wonderful Saloon“ findet man Mitchell in abseitigen Pinten, Ballsälen und Kramläden der Stadt. In „Zwischen den Flüssen“ lässt er den urbanen Kontext hinter sich, um an den Ufern der Bucht, des Hudson und des East River einer naturbelassenen Vergangenheit nachzuspüren. Immer wieder tauchen die Texte ab zu den Riffen und Meeresgründen, wo die Muscheln und Schalentiere leben.

In den sechs Texten zeigt sich Mitchell deutlicher als in all seinen anderen Arbeiten als Romantiker. Aus seinem Widerwillen gegen das Neue, den Fortschritt, den Wandel, macht er keinen Hehl. Wenn er dann den Hafengrund beschreibt, sieht er die Zivilisation der Industriegesellschaft wie den Anbruch eines finsteren Urzeitalters: „An den meisten Stellen ist der Hafengrund mit einer dicken Schicht Schlick, Abwasserrückständen, Industrieabfällen und Ölklumpen bedeckt . . . In der Wallabout Bay, einer kleinen Bucht des East River, die zum Brooklyn Navy Yard gehört, wächst die Schlammschicht pro Jahr um einen knappen halben Meter. Bei Wärme fängt der Schlamm an zu faulen und dann steigen unablässig Gasblasen so groß wie Basketbälle an die Oberfläche.“

Umso schwärmerischer verliert er sich dann in den Details der Marktgänge, auf denen sich die Austernfischer von Staten Island in der Geschichte „Mr. Hunters Grab“ mit selbstgezüchteten Früchten ein wenig Geld dazuverdienen: „Zur Erdbeersaison verpackten die Leute ihre Erdbeeren und nahmen sie mit nach Rossville, von wo sie mit dem Dampfer zum Markt geliefert wurden. Auf jede Kiste legten sie ein paar Weinblätter, was die Erdbeeren erst so richtig hübsch aussehen ließ, das Grün gegen das Rot.“

„Mr. Hunters Grab“ gilt als eine der besten Reportagen in der Geschichte des amerikanischen Journalismus. Der Besuch bei dem alten Kirchenvorsteher der African Methodist Church in der Schwarzensiedlung Sandy Ground auf Staten Island komprimiert die Geschichte des schwarzen Amerika auf einen schläfrigen Sommernachmittag, der mit einer bittersüßen Pointe endet.

Es ist verwunderlich, dass Joseph Mitchells Texte erst jetzt auf deutsch erscheinen. Gerade weil sie in einer Zeit entstanden, in der die kulturellen Nischen Amerika noch nicht so deutlich prägten und die Sprachmuster noch nicht so vielschichtig waren. So ist Mitchells Sprache im Original von einer Klarheit, die hier kongenial übersetzbar ist. Es ist eine Sprache, die perfekt zu den altertümlichen Figuren passt, die jeden Handgriff genau bedenken, so wie Mitchell jede Wendung sehr bewusst formuliert.

Auf der anderen Seite ist nun vielleicht der perfekte Zeitpunkt, um sie zu veröffentlichen. Weil ja gerade die Texte in „Zwischen den Flüssen“ eine so stimmige Analogie auf den radikalen Wandel während eines Fortschrittschubes sind. Als Mitchell die Sammlung 1959 veröffentlichte, plante der Bankier David Rockefeller gerade einen radikalen Umbau der Stadt New York. Die Hafenanlagen und Manufakturen sollten in die Randbezirke weichen. New York sollte ein Zentrum der Finanz- und Medienwirtschaft werden. Der Beinahe-Bankrott der Stadt verzögerte die Umsetzung. Doch in den Neunziger Jahren wurde Rockefellers Vision vollendet. So ist Mitchells Buch heute kein Abgesang mehr, sondern eine Erinnerung an eine Welt, die es nun wirklich nicht mehr gibt.

13.03.12 | 17:22 | 0 Kommentare

Esperanza Spalding

06.03.12 | 17:37 | 0 Kommentare

Weimar am Pazifik

Im Westen von Los Angeles lebten die Größten des deutschen Exils – die Chancen, ihre Häuser zu bewahren, sind gering

(Los Angeles im März 2012, von Andrian Kreye) Vor einigen Wochen gab es kurz Hoffnung für ein Kulturdenkmal: Das Haus, in dem Thomas Mann von 1942 bis 1952 im kalifornischen Exil lebte, war zu vermieten. Die Angaben des Maklerbüros Joyce Rey waren nüchtern. Es handelt sich beim Objekt 1550 San Remo Drive um ein Einfamilienhaus mit fünf Schlafzimmern, rund 485 Quadratmetern Wohnfläche und einem Grundstück von viertausend Quadratmetern. Die Monatsmiete von 15 000 US Dollar entspricht in der Wohngegend Pacific Palisades dem Marktpreis.

Die Anfrage, das Haus zu besichtigen, wurde vom zuständigen Makler Stephen Apelian mit dem Hinweis abgewiesen, das Objekt sei nach zwei Monaten auf dem Markt vorvergangene Woche vermietet worden. Der neue Mieter bitte um Diskretion. Besucht man das Haus trotzdem, wird einem einerseits schnell klar, warum sich die Besitzer keineswegs um deutsche Institutionen bemühten, die das Haus vielleicht in ein Museum oder eine Begegnungsstätte umwandeln wollen. 1550 San Remo Drive liegt in einer der besten Wohngegenden der Stadt. Die Straßen sind von Villen und prächtigen Bungalows gesäumt. Wer hier lebt, will keinen Publikumsverkehr. Vor den Grundstücken stehen Schilder der Sicherheitsfirmen: „Armed Response“. Wer hier nicht wohnt und aus dem Auto steigt, gilt schon als verdächtig.

Man versteht aber auch, warum Thomas Mann sein Leben am Pazifik so liebte. Die Straßen tragen Namen, die den Zauber des Mittelmeers aus gutem Grunde beschwören: Amalfi, Sorrento und Capri Drive ziehen sich oberhalb des Sunset Boulevard in sanften Kurven um Hügel voller Zedern und Eukalyptusbäume. Es riecht nach Bougainvillea und frisch geschnittenem Gras.

In den vierziger und fünfziger Jahren nannte man die Pacific Palisades und die angrenzenden Viertel „Pacific Weimar“. Neben Thomas und Heinrich Mann lebten hier Franz Werfel, Bert Brecht, Arnold Schönberg und Theodor Adorno. Das schönste Anwesen aber hatten Lion und Marta Feuchtwanger. Deren Villa Aurora mit 20 Zimmern und parkähnlichem Garten über dem Pazifik ist heute das einzige der historischen Gebäude, das noch zugänglich ist.

Der Journalist und Feuchtwanger-Biograph Volker Skierka sorgte gleich nach dem Tod von Feuchtwangers Witwe Marta im Herbst 1987 mit Hilfe des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker dafür, dass eine Stiftung gegründet wurde, die das Haus kaufte. Alle vier Parteien stellten sich damals hinter das Projekt. Dazu kam ein amerikanischer Förderkreis aus Politikern und Kulturfunktionären. Trotzdem dauerte der Kampf um das Anwesen, das die University of Southern California geerbt hatte, acht Jahre lang. Seit 1995 dient das Anwesen als Stipendiatenzentrum.

Das Thomas-Mann–Haus in ein Kulturdenkmal zu verwandeln, hält Skierka für „noch komplizierter“. Das Interesse in den USA ist gleich null. Die Mittel der deutschen Stiftungen und Ämter sind begrenzt. Immerhin – in drei Jahren läuft der Mietvertrag für 1550 San Remo Drive aus.

Hausansichten 1550 San Remo Drive auf dreamhomephoto.com - hier

Foto: AK

11.01.12 | 23:49 | 2 Kommentare

Newt in Auschwitz


Stilfragen waren für den ehemaligen Speaker of the House, Erfinder der Conservative Revolution der 90er Jahre und aktuellen Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner Newt Gingrich schon immer ein Problem. Vom ungünstigen Zeitpunkt, seiner ersten Frau die Scheidung anzutragen, als sie wegen Krebs in Behandlung war über den T-Rex-Fossilienkopf in seinem Büro bis zu diesem Foto mit seiner dritten Frau Callista vor dem Eingang zur Gedenkstätte Auschwitz ...  Das Bild ist die Nummer 33 in der Fotogalerie mit Schnappschüssen von den Dreharbeiten 2009 zu dem Dokumentarfilm "Nine Day That Changed The World" über die Pilgerreise, die Papst Johannes Paul II. 1979 nach Polen unternahm, und die Solidarnosc den entscheidenden Auftrieb gab (produziert von, Gingrich, der 2009 für Callista zum Katholizismus konvertierte und - hey! Glaube und Antikommunismus in einer Geschichte. Großes Thema).

Foto: Gingrich Productions

16.12.11 | 16:39 | 0 Kommentare

Der Gnadenlose




 

 

Christopher Hitchens war einer der brillantesten Polemiker und leidenschaftlichsten Atheisten – ein Nachruf

Die größte Stärke des Polemikers ist es, in der Debatte niemals zurückzustecken. Kaum einer beherrschte diese Kunst des rhetorischen Stellungskrieges so gut wie der Essayist und Journalist Christopher Hitchens, der am vergangenen Donnerstag im Krebszentrum der University of Texas gestorben ist. Was ihn von den Allerweltspolemikern unterschied, die den politischen Boulevard bevölkern, waren seine Bildung, sein Intellekt und seine Bereitschaft, sich harten Realitäten auch selbst zu stellen.

Um sich für ein großes Vanity-Fair-Essay über die Folter vorzubereiten, unterzog er sich vor zweieinhalb Jahren beispielsweise der umstrittenen Prozedur des Waterboarding, jener Simulation des Ertrinkens, mit der amerikanische Geheimdienste in Militärgefängnissen wie Guantanamo Bay Terrorverdächtige zum Reden bringen wollen. Er musste lange suchen, bis er zwei ehemalige Special-Forces-Soldaten fand, die einen 59-jährigen „keuchenden, schmerbäuchigen Schreiberling“ einer Verhörmethode unterziehen, die für „Ledernacken im Überlebenstraining gedacht ist und für junge Dschihadkämpfer, deren Zähne sich durch die Knorpel einer alten Ziege beißen können“.

Hitchens überstand das Erstickungserlebnis. Und kam zu dem Schluss: „Glaubt mir, das ist Folter“. Weil es aber Christopher Hitchens war, der dieses Argument führte, war die eindringliche Beschreibung der Folter und das klare Urteil in eine differenzierte ethische politische Analyse eingebettet, mit der er die überhitzte amerikanische Debatte fast unumstößlich resümierte. Für Hitchens gab es keinen Zweifel, dass die Überschreitung der ethischen Grenze zur Folter ein politisches Desaster war.

Sein Wort wog schwer. Immerhin – der einstige Sozialist hatte nach den Anschlägen des 11. September die Seiten endgültig gewechselt und gehörte seit 2003 zu den eloquentesten Fürsprechern des Irakkrieges. Das wiederum hatte viele seiner Anhänger erstaunt. Immerhin hatte Hitchens sein Leben als politischer Mensch als Teenager in seiner englischen Heimat in der trotzkistischen Partei International Socialist begonnen. In den USA kannte man ihn später als Reporter und Kommentator der linken Wochenzeitung The Nation. Doch auch das zeichnete ihn als einen brillantesten Vertreter der Polemik aus – er wechselte während seines Lebens immer wieder die ideologischen Seiten. Treu blieb er sich trotzdem. Zurückstecken kam nie in Frage.

Geboren am 13. April 1949 zog er schon als Kind viel durch die Welt. Sein Vater war Offizier der britischen Kriegsmarine, seine Mutter arbeitete für den Women’s Royal Naval Service. Später studierte er Philosophie, Politik und Wirtschaft am Balliol College in Oxford. Nach dem Studium arbeitete er in London als Journalist für die Times, den Daily Express und den Evening Standard. 1982 übersiedelte er nach Washington DC. Amerika war dann auch der perfekte Nährboden für seine polemische Ader. Mit seinem manchmal geradezu zerstörerischen Witz nahm er sich die Gesellschaft und Politik seines Gastlandes vor. Zum klassischen Public Intellectual, also zu einer landesweit beachteten Stimme, entwickelte er sich erst später im Leben, als ihn Graydon Carter 1992 zum Zentralorgan der liberalen Eliten, der Condé-Nast-Illustrierten Vanity Fair holte.

Carter wusste genau, was er da tat. Hitchens hatte eine intellektuelle Angriffslust, die ihm bald schon den Ruf des Contrarians eintrug, des intellektuellen Provokateurs, der seine Brillanz erst dann entwickelt, wenn er gegen gültige Meinungen anschreibt. Es bereitete ihm unbändige Lust, die vorgefassten Sicherheiten des liberalen Amerikas zu zerlegen. Und er wusste sich zu inszenieren. Als Whisky-trinkender, kettenrauchender Atheist war er im Land der frommen Abstinenzler schon als Erscheinung eine Provokation.

Wie weit er da gehen würde, bewies Hitchens 1995 mit seinem Stück über Mutter Teresa. Da beschrieb er die Quasi-Heilige als fanatische Fundamentalistin und Scharlatanin. Damit gab er schon früh den Ton vor, der seine Texte und Bücher bestimmen sollte, mit denen er gegen Ende der Nullerjahre zu einem der „vier apokalyptischen Reiter“ des Neo-Atheismus wurde, zu denen neben ihm Richard Dawkins, Sam Harris und Daniel Dennett gehörten.

Beim Thema Religion schlug sein intellektueller Furor auch hin und wieder in nackte Wut um. Als er 2009 gemeinsam mit Richard Dawkins forderte, man solle den Papst wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ während seines Englandbesuches verhaften, stieß die Aktion vor allem in Europa auf Unverständnis. Doch auch dieser Ausbruch war letztlich eine konsequente Fortführung der eigenen Biografie. Hatte er doch mit seinem Buch „Die Akte Kissinger“ 2001 schon einmal gefordert, eine noch lebende historische Figur vor Gericht zu bringen.

Hitchens begnügte sich selten mit der reinen Textarbeit. Gegen Kissinger führte er eine regelrechte Kampagne. Bei einem seiner New Yorker Auftritte damals zeigte er dann aber, wie souverän er seinen Zorn im Griff hatte. Wie immer präsentierte er sich auf dem Podium mit Whiskyglas und Zigarette. Er blieb gelassen und schlagfertig, auch wenn ihn die Frager aus dem Publikum als größenwahnsinnigen, europäischen Popanz beschimpften.

Kissinger war keineswegs das einzige Opfer seiner Angriffe. Die britische Monarchie, Bill Clinton und immer wieder die Glaubensgemeinschaften aller Himmelsrichtungen bediente er frei jeder ideologischen Ausrichtungen. In seinem Buch „Gott ist kein Hirte“ verdammte er das Alte Testament als Albtraum, das Neue Testament als bösartig, den Koran als Plagiat und die östlichen Religionen im Westen als feige Ausflucht.

Die Gnadenlosigkeit, mit der er andere attackierte, richtete Hitchens in seinen letzten Lebensmonaten auch gegen sich selbst. Im Sommer 2010 bekam er die Diagnose Speiseröhrenkrebs. Unermüdlich thematisierte er seine Krankheit daraufhin bei Fernsehauftritten und in Texten. In seinem letzten Essay, das in der aktuellen Januarausgabe von Vanity Fair erschien, stellt er über den Umweg einer philosophischen Kritik an Friedrich Nietzsche sich selbst in Frage. Das Credo, was uns nicht umbringe, mache uns stärker, zerteilte Hitchens im Angesicht eines qualvollen Todes mit der Präzision eines Chirurgen. Eindringlich beschrieb er die Qualen der Strahlentherapie. Und kam doch zum Schluss: „Hätte ich die erste Stufe abgelehnt, hätte ich die zweite und dritte vermeiden können und wäre jetzt schon tot. Das hat keinen Reiz.“

Und bis zuletzt steckte er nicht zurück. In einem seiner letzten Interviews mit Amerikas Fernseh-Intellektuellem Charlie Rose antwortete er auf die Frage, ob er sein Rauchen und Trinken bereue: „Das Schreiben ist es, was mir wichtig ist. Und alles, was mir dabei hilft, was es verbessert, verlängert oder vertieft, ist es mir wert.“ Christopher Hitchens wurde 62 Jahre alt.

07.12.11 | 17:07 | 0 Kommentare

Occupy Kansas

OBAMA/


(Von Andrian Kreye)
Ausgerechnet in Kansas hielt Barack Obama am Dienstag eine seiner progressivsten Reden. Der Bundesstaat Kansas gilt als das Herzland Amerikas, ein mythischer Ort, den das Märchenbuch „Der Zauberer von Oz“ zum wahren Amerika verklärte. Seit 1846 stimmte Kansas in fast allen Wahlen für die Republikaner.

Im Turnsaal der Osawatomie High School sprach Obama nun vom Versagen der Regulatoren, das zur „atemberaubenden Gier einiger weniger und zur Verantwortungslosigkeit des gesamten Systems“ geführt habe. Er forderte Chancengleichheit für alle und die strenge Einhaltung der Regeln von allen. So näherte er sich der moralischen Rhetorik der Occupy-Wall-Street-Bewegung, die mit ihrem Protest innerhalb der letzten drei Monate den öffentlichen Diskurs deutlicher verändert haben, als es die Nation zunächst wahrhaben wollte. Obamas Kansas-Rede gilt als eine der ersten Salven im Kampf um seine Wiederwahl im nächsten Jahr. Und er trug die Protestbotschaft ganz bewusst ins Herzland, denn er hat die Gefahr erkannt. Nicht die Wall Street hat die Occupy-Bewegung zu fürchten, sondern der Präsident. Er war es doch, der das entfesselte Finanzsystem bändigen sollte.

Die Frustration des Mittelstandes, die sich da manifestierte, wird so schnell nicht verklingen. Kurzzeitig schien es, als ob der anbrechende Winter den Protesten ein Ende setzten würde. Doch die Bewegung ist schon einen Schritt weiter. Ebenfalls am vergangenen Dienstag passte Occupy seine Strategie der Jahreszeit an und besetzte in Brooklyn ein Wohnhaus, das von der Bank of America per Zwangsvollstreckung geräumt worden war. So kann der Protest bis ins Wahljahr hinein überleben.

Video und Text der Rede - hier.

Foto: Reuters

21.10.11 | 17:20 | 0 Kommentare

Bobs bester Freund

Zum Tode von Barry Feinstein - ein Besuch in Woodstock im Sommer 2008

Feinstein(Von Andrian Kreye) Bob Dylan war ein komischer Kauz. Als Barry Feinstein ihn zum ersten Mal traf, im Büro seines Kumpels Albert Grossman in einem dieser Art-déco-Bürotürme oben an der 55. Straße, da war es ihm gleich klar. "Aus dem würde noch mal was werden", brummelt Feinstein, der sich heute in seinem Ohrensessel in seinem Haus in Woodstock an so einiges nicht mehr erinnert, nur an seine Freundschaft mit Dylan sehr gut.

"Er war einfach, nun ja - sonderbar." 1962 oder 1963 muss das gewesen sein. So ganz genau weiß Feinstein das nicht mehr, aber das kann man ja auch nicht verlangen von jemandem, der erst die großen Glamourjahre in Hollywood und dann den Aufstieg des Rock'n'Roll fotografiert hat.

Dylan war jedenfalls ein dürres, jüdisches Kerlchen aus Minnesota, der mit seiner näselnden Stimme den Dialekt der Bergdörfler aus den Appalachian Mountains imitierte. Das war damals so Mode in den New Yorker Folkmusikkreisen, in denen sich zwar in erster Linie Kids aus soliden Bürgerfamilien herumtrieben.

Aber weil die Songs von Woody Guthrie, den sie damals wie einen Gott verehrten, von den simplen Menschen in den Bergen und Ebenen des amerikanischen Hinterlandes erzählten, versuchte man damit Authentizität oder zumindest ein Gespür für eine ebensolche zu beweisen.

Grossman und Feinstein hörten sich den jungen Sänger dann am selben Abend noch unten in einer dieser Folkkneipen im Greenwich Village an. Aber nicht nur Feinstein war angetan. Dylan mochte diesen grobschlächtigen Kumpel seines Managers, diesen Fotografen aus Hollywood mit seinem Walrossschnauzer und seinen dicken Koteletten. Er war nicht wie die anderen Fotografen, die einem gierig die Linse ins Gesicht hielten. Feinstein gehörte irgendwie dazu, hing rum, trank, soff, redete Zeug daher, wie alle eben, die dazugehörten. Und wenn er dann mal den Sucher ans Auge hob, hatte man nie das Gefühl, dass hier einer sein Privileg missbrauchte. Verdammt noch mal, das war eben Barry, und der war eben Fotograf.

Vielleicht half es ja, dass er den Umgang mit Stars als Standfotograf im Hollywood der fünfziger Jahre gelernt hatte, auf dem Höhepunkt des Glamours und der Macht der Filme. Da war er nie Paparazzo gewesen, sondern immer Teil des Teams, einer, der eben ab und zu abdrückte und den Stars höchstens einmal ins Auge fiel, wenn der Regisseur ihn bei einem Close-up näher an sie heranließ.

Ein Star war Dylan ja noch nicht. Es war ja auch Anfang der sechziger Jahre noch nicht abzusehen, dass so schlampig dahergelaufene Jungs wie er in einer Art Putsch Hollywoods Monopol der popkulturellen Macht brechen würden. Erst ein bisschen später, auf dem Schwarzweißfoto, das Barry von ihm für das Albumcover von "The Times They Are A-Changin'" machte, ahnt man, dass hier ein Fotograf ganz nah an einen Menschen herankam, der längst einen massiven Schutzwall um sich herum errichtet hatte, den nur noch die engsten Freunde überwinden. Wie Barry eben.

FeinsteinPortfolio

So richtig enge Freunde wurden sie auf einer Fahrt in Grossmans Rolls Royce. "Kreuz und quer sind wir damit durchs Land gefahren." Da hatte Dylan die streng gestutzten Haare schon längst wachsen lassen, und man kann nur ahnen, wie der dürre Langhaarige und der bullige Bärtige im Rolls auf die Menschen gewirkt haben müssen, denen sie in den Truck Stops und Kleinstädten zwangsläufig begegneten, wenn sie von Konzerthalle zu Konzerthalle fuhren. Viel mehr will Feinstein nicht erzählen, aber er sagt: "Dylan sagte immer, ich sei der Einzige, dem er wirklich vertrauen würde." Ausgerechnet einem mit Kamera. Aber Feinstein missbrauchte sein Privileg nie. Er schweigt auch mehr als vierzig Jahre danach noch höflich über die Details seiner Freundschaft.

Später war er ja nicht nur mit Dylan befreundet. Auch mit Mick Jagger und Keith Richards und mit George Harrison. Feinsteins Fotos waren intimer als die üblichen Starfotos. Nur wenige haben das so hingekriegt wie er. Später hat er dann nicht mehr für die Filmstudios, sondern für die Plattenfirmen gearbeitet. Man kennt seine Fotos von Plattencovern wie George Harrisons "All Things Must Pass", Janis Joplins "Pearl" oder auch von der CD des vielleicht besten Rolling-Stones-Albums "Beggars Banquet".

Das war 1968, und da führte Feinsteins allzu enge Freundschaft mit den Stars zu einem regelrechten Skandal. "Ich hing mit Mick in Hollywood herum und wir überlegten, was wir für das Album aufnehmen könnten", erinnert sich Feinstein. "Wir sind dann zu meinem Automechaniker in die Werkstatt. Ich musste da eh noch hin. Da haben wir dann auf dem Klo mit roter Farbe den Albumtitel auf die Wand geschmiert."

Feinstein schickt seine Frau Jude zum Schreibtisch, um einen Abzug aus einem Karton zu fischen. Er selbst ist ja gar nicht mehr gut zu Fuß. Auf dem Abzug ist das Bild von der verschmierten Wand, darunter der schmuddelige Spülkasten, der obere Rand der Klobrille. Die Plattenfirma weigerte sich damals, das Bild aufs Cover zu drucken. Als LP kam das Album deswegen mit einem kargen weißen Umschlag heraus. Erst als die CD neu aufgelegt wurde, wagte die Plattenfirma, das Bild zu verwenden.

Heute wirkt die Aufnahme harmlos. Aber das zeigt schon, was für ein Ruck damals durch die Kultur ging.

FeinsteinDylan

Für Dylan hatte sich dieser Ruck schon ein paar Jahre zuvor vollzogen. 1965 auf dem Folkfestial in Newport, als er zum ersten Mal mit elektrisch verstärkter Gitarre und Band spielte. Auch da war Feinstein dabei. "Es war natürlich großartig", sagt er. "Das waren die Folkspießer, die da herumbrüllten. Die nicht wahrhaben wollten, dass die Musik gerade durch eine der phantastischsten Verwandlungen aller Zeiten ging."

Ein Jahr später begleitete Barry Feinstein Bob Dylan dann auf seiner epochalen Englandtournee. Auf dieser Tour zeigt sich der Bruch zwischen Dylans Persönlichkeit und seiner Wirkung deutlicher als jemals zuvor und danach. Feinstein hat diese Fotos jetzt noch einmal editiert und in einem Bildband mit dem Titel "Real Moments" veröffentlicht.

Die Intimität, mit der man Dylan auf diesen Seiten begegnet, wird jeden verblüffen, der D.A. Pennebakers fahrigen Dokumentarfilm "Don't Look Back" gesehen hat mit der Aufzeichnung der Englandtournee im Jahr davor. Da nähert sich der Dokumentarist nur der spröden Oberfläche Dylans, der sich so unwirsch scheu und menschenfeindlich gibt.

Ganz anders Feinsteins Fotos, obwohl Dylan sich noch weiter in die Persona des Rockstars zurückgezogen hatte, mit der pechschwarzen Sonnenbrille, dem wirren Haarschopf, den etwas zu grellen gestreiften Hosen und den etwas zu dunklen Jacketts. Da sieht man ihn dann nur selten so locker wie mit den Zimmermädchen in einer Hotelküche, selten so verloren wie im Halbschlaf auf einem halb abgeräumten Restauranttisch.

Wirklich einzigartig aber ist der Bruch zwischen Dylan und der spröden Wirklichkeit des britischen Alltags, der aus diesem Band so viel mehr macht als die Starmonographie und das Zeugnis einer tiefen Freundschaft. Da landet diese wahnwitzig eigentümliche Figur im grauen Einerlei einer Gesellschaft, die noch weit entfernt ist von den tektonischen Verschiebungen der amerikanischen Befreiungsbewegungen. Das macht "Real Moments" zum gesellschaftsgeschichtlichen Dokument, mit den Bildern von der 1974er-Tour wie eine Koda, in der das Motiv des Aufbruchs als Selbstverständlichkeit wiederholt wird.

Es fällt Barry Feinstein nicht ganz leicht, sich an all das zu erinnern. Sein mächtiger Schädel ist knochig geworden, sein Walrosschnauzer zum Fu-Manchu-Bärtchen zerfasert. Abgemagert sitzt er in seinem Sessel. Ein hübsches Häuschen in Woodstock bewohnt er. Von seinem Sessel aus blickt er in einen gepflegten Garten mit Teich und Blumenbeeten. Dahinter beginnt der Wald.

Zehn Jahre älter als Dylan ist er. Und noch mal ein Stück älter als seine Frau Jude. Die hatte einen legendären Nachtclub in Woodstock, damals in den siebziger Jahren, als Barry sie zu seiner zweiten Frau nahm und all die Rockstars ihn so beneideten, die bei ihr herumhingen. Das Alter kann so ungerecht sein. Ein neues Hüftgelenk hat Barry Feinstein bekommen. Neun Monate Reha hat er hinter sich. Vor drei Tagen erst ist er nach Hause gekommen. Jetzt jagt der Schmerz durch seine Glieder, wenn ihn Jude aus dem Sessel hinter den Rollator hievt. Und ihr entgleitet ein Seufzer: "Das ist kein Spaß."

Doch dann blüht Feinstein noch einmal auf. Jude bringt einen schweren Karton mit großformatigen Schwarzweißabzügen. Seine Hollywoodbilder. Keine Starporträts, sondern morbide Details einer Ära in den letzten Zügen. Studios beim Abriss, Requisiten, Kartons mit Kostümen, auf denen Judy Garland, Kim Novak und Lucille Ball gekritzelt ist, Charlton Hestons Hände, die einen Oscar umklammern, Marilyn Monroes Pillendose.

Das wird sein nächstes Buch werden. Mit Gedichten, die Dylan vor vielen Jahren zu den Fotos schrieb. Die letzte Aufnahme zeigt zwei altmodische Medikamentenfläschchen. "Cocaine, Hydrochlorid. Warning - May Be Habit Forming. Poison", steht auf den Etiketten. Daneben ein Häufchen Pulver, ein schmaler Silberlöffel. Wo er das Bild aufgenommen habe? Da blitzt ein schelmisches Lächeln auf in seinem Gesicht. "Zu Hause", sagt er betont beiläufig, als sei dies die dümmste Frage an diesem Sommernachmittag in Woodstock gewesen.

FeinsteinHollywood

Abbildungen: Feinstein Photography

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