08.06.13 | 10:23 | 0 Kommentare

Die Welt – im Netz nur zu Gast

(Von Andrian Kreye) So war das nicht gedacht mit der Transparenz. Die National Security Agency (NSA) hat aus dem Internet einen globalen Überwachungsapparat gemacht. Das ist jedenfalls der Eindruck, wenn man sich ansieht, wie mit enormem technischen Aufwand sämtliche Kanäle der Kommunikation nach verdächtigen Stichworten und Kontakten durchforstet wurde. Das erschüttert einmal mehr das Verständnis von der Natur des Internets und damit auch das Selbstverständnis der digitalen Gesellschaft.

Statt dem Bild vom unbekannten Kontinent, den eine neue Generation nun entdeckt und erobert, drängt sich das miese kleine Bild von diesen Verhörkammern auf, in dem es nur einen Tisch, zwei Stühle und einen riesigen Spiegel gibt, durch den die wie auch immer geartete Macht der Unterhaltung folgen kann.

Nun kann niemand sagen, man habe uns nicht gewarnt. Der Internetkritiker Evgeny Morozov war vor zwei Jahren der Erste, der in seinem Buch "The Net Delusion" detailliert aufzeigte, dass die radikale Freiheit und Transparenz des Internets auch von Diktaturen genutzt werden kann, um ihre Bürger zu beobachten und zu verfolgen. Aus China, Iran und Syrien weiß man, dass dies auch mit brutaler Konsequenz getan wird.

Von den USA hätte man das nicht erwartet. Immerhin betrieb gerade Obamas erste Außenministerin Hillary Clinton ein offensives Programm der digitalen Diplomatie. Da initiierte ihr Sonderbeauftragter Alex Ross innovative Programme, um in Diktaturen den Kräften der Demokratie mit Technologien beizustehen.

Dass es nun die USA sind, die im großen Stile nicht nur die eigene, sondern auch die Weltbevölkerung ausspionieren, ist zwar die Bestätigung eines Verdachts, den man bisher gerne in Verschwörungstheorien und Actionfilme wie "Der Staatsfeind Nr. 1" mit Will Smith abgedrängt hat.

Es mag zwar gute Argumente für die Überwachung des Internets geben. Angeblich wurde schon ein "bedeutsamer Terroranschlag" auf die USA damit verhindert, auch wenn die US-Regierung die Einzelheiten verschweigt. Terroristen, Drogenhändler und Kinderschänder wurden angeblich schon mit Hilfe digitaler Fahndung gefasst. Das Standardargument der digitalen Geheimdienstler ist immer, es sei den Behörden doch auch erlaubt, Telefongespräche zwischen Terroristen oder Dealern abzuhören. In einer Zeit, in der kaum noch jemand per Telefon, aber alle Welt via E-Mail, Chat, sozialen Netzwerken und SMS kommuniziert, müsse es deswegen erlaubt sein, auch all diese Kanäle zu überwachen.

Doch zwischen dem Abhören eines Telefongesprächs und einer weltweiten Rasterfahndung gibt es große Unterschiede. Vor allem die Automatisierung solcher Vorgänge, bei denen ein Schlüsselwort ohne Kontext Alarm schlagen kann, macht aus Big Data nicht eine Chance, sondern eine Bedrohung.

Man muss nicht gleich auf einer Flugverbotsliste der USA gelandet sein, um zu begreifen, wie stur Algorithmen da Profile erstellen. Wer als Journalist abseitige Themen recherchiert und dazu Bücher bestellt, wundert sich beispielsweise oft, dass er vom Empfehlungsprogramm des Buchversandes je nach Auftragslage schnell als Rechtsradikaler, Islamist oder Walzer-Fan eingestuft wird.

Der Skandal zeigt aber vor allem, dass das Internet nicht nur ein globales, sondern nach wie vor ein amerikanisches Medium ist. Der Rest der Welt ist im Netz immer noch zu Gast. Als solcher steht er unter ständiger Beobachtung. Da muss man sich schon benehmen.

22.03.13 | 19:11 | 0 Kommentare

“Woodstock war keine Verschwörung”




(Von Andrian Kreye) Stephen Stills „Singin’ Call“ ist ein perfekter Song. Er beginnt mit einem einzelnen D, das Stills in Synkopen auf die heruntergestimmte tiefe E-Seite einer Westerngitarre schlägt. Darum herum lässt er dann den melancholischen Gesang laufen, mit dem er die Geschichte eines alttestamentarischen Sinnsuchers in der Wüste erzählt. Crescendo-Wellen ziehen die Spannung langsam nach oben, bis aufwallende Chorpassagen wie eine einstürzende Gospelkirche auf den Song hereinbrechen. Für europäische Ohren klingt das, als habe Stephen Stills den Spannungsbogen einer Symphonie auf einen Folksong von drei Minuten verdichtet. Das zieht einen mit dem ersten Takt in eine Musik, die sich in große Emotionen steigert, ohne den Zuhörer mit der schlichten Auflösung eines gefälligen Refrains aus der Pflicht zu entlassen.

Stephen Stills gefällt die Analyse und sie versöhnt ihn auch mit der ganzen letzten Stunde, die damit endete, dass er mit einem Schlagzeugstecken auf seinen Besucher eindrosch und ihn voller Zorn anfuhr: „Hören Sie auf, mich so zu löchern! Wenn Sie hier einen verfluchten Streit suchen, dann können Sie den haben! Ansonsten verlassen Sie verdammt noch mal mein Haus!“ Das war der Moment, in dem man begann, die ganze schwierige Geschichte von Crosby, Stills, Nash & Young zu verstehen, und warum sich die Schlüsselformation der amerikanischen Rockgeschichte seit 1968 so oft getrennt und wieder zusammengefunden hat.

Es ging natürlich keineswegs darum, Streit zu suchen. Es ging um die Frage, warum die Gegenkulturen von 1968 in Amerika und Europa so grundverschieden mit ihrer Kultur umgingen. Warum die Protestjugend in Europa damals die eigene Kultur so vehement ablehnte, während ihre amerikanischen Zeitgenossen sie so leidenschaftlich umarmten. Stephen Stills gehörte immerhin zur Speerspitze eine Rock-Avantgarde, die nach den psychedelischen Sackgassen die Wahrheiten in Country, Folk und diesem ganze Mythengebilde der Amerikana suchten.

Der entscheidende Unterschied zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Umgang mit dem Schlüsseljahr 1968 beginnt ja schon bei der Etikettierung. In Amerika bezeichnet man die 68er als „Woodstock Generation“. Das Woodstock Festival fand zwar erst 1969 statt, aber das ist nebensächlich. Tatsache ist, dass es ein Rockfestival war, das die Ära bestimmte, und der Höhepunkt dort war der Auftritt einer neuen Band, deren Namen Crosby, Stills, Nash & Young so klang wie eine Kanzlei machthungriger Anwälte, was damit zu tun hatte, dass jeder einzelne der vier damals ein Rockstar war.

Im Zentrum der Band stand Stephen Stills, der die Platten produzierte, seine undisziplinierten Kollegen auf Linie hielt und Songs wie „Helplessly Hoping“, „Suite: Judy Blue Eyes“ und „4+20“ schrieb. Weil er in Paris und London lebte, wäre er eigentlich der perfekte Vertreter seiner Generation, um diese Frage zu beantworten. Auch wenn er heute längst nicht mehr die Bedeutung hat wie noch vor dreißig Jahren.

Stephen Stills langjähriger Gegenpart Neil Young hat zwar eine der vielschichtigste Solokarrieren der Rockgeschichte gemacht. Stills kreativer Genius verglühte aber bald nach seinen ersten Solojahren. Wenn jetzt der große Rückblick auf seine Arbeit in der CD-Box „Carry On“ (Rhino) erscheint, dann erkennt man schnell, dass sein musikalisches Leben 1966 begann, als er gemeinsam mit Young die Gruppe Buffalo Springfield gründete, die mit „For What It’s Worth“ die Kampfhymne der Protestbewegung schrieb. Allerdings dann 1976 eigentlich wieder zu Ende ging, als er sich auf seinem Album „Illegal Stills“ an dem kalifornischen Softrock versuchte, mit dem so viele Stümper sein Werk für die Hitparaden verwässerten.

Nun muss man sich um Stephen Stills keine Sorgen machen. Er lebt heute immer noch in einem der Canyons von Los Angeles County, in denen Ende der Sechzigerjahre Musiker wie Stephen Stills, Joni Mitchell, Frank Zappa und Lowell George die Gegenkultur der Rockmusik zum amerikanischen Kanon des späten 20. Jahrhunderts perfektionierten. Auch wenn es heute nicht mehr der Laurel Canyon ist, der Ende der Sechzigerjahre so etwas wie eine großflächige Landkommune des späteren Rock-Adels war.


Sein Anwesen liegt auf dem Hügelkamm der Beverly Hills am Mulholland Drive kurz vor der Kreuzung des Coldwater Canyons. Die Straße rauf lebt hier Jack Nicholson, die Straße runter die Beckhams. Das ist eine der Gegenden, in denen die Stadt Los Angeles das ganze Jahr über so riecht wie das Ginster- und Lavendelgestrüpp über einem Mittelmeerstrand im August.

Stills residiert in einem dreiflügligen Gebäude im englischen Landhausstil, das hinter einem unauffälligen Ranchtor in einem waldähnlichen Park mit Tennisplatz und teichgroßem Pool liegt. Die Einrichtung ist in gediegenen Hölzern gehalten, und bis auf ein paar Erinnerungsfotos verrät nichts, dass hier ein Rockstar lebt.

Stills empfängt im Speisezimmer an einer schweren Eichentafel. Er trägt einen schütteren Pagenkopf und ein Holzfällerhemd, wirkt erholt, (erst einmal) gut gelaunt und nur die Hörgeräte sind ein Zugeständnis an sein Alter von 68 Jahren. Der Hörschaden bahnte sich schon in den Siebzigerjahren an. Damals waren seine Ohren allerdings das geringste Problem. Sein Mitstreiter Crosby musste für die wilden Jahre mit einer Lebertransplantation bezahlen. Die Zeiten, als Journalisten viele Zeilen mit Stills berauschten Eskapaden füllen konnten sind allerdings vorbei. Die Hörgeräte aber – Stills nimmt eines der beiden aus dem Ohr, flucht und beschwert sich, dass diese ganze neue Technologie noch kein vernünftiges Hörgerät gebracht habe.

Eigentlich wollte er ja gerade die Eingangsfrage beantworten. Die erinnerte ihn auch gleich an die Jahre, als er mit der französischen Sängerin Véronique Sanson verheiratet war und in Paris lebte. „Was habe ich da gelesen? Daniel Cohn-Bendit will nach all den Jahren bei den Grünen aufhören?“ Den kannte er damals natürlich.

Aber dann gerät er in den Sog seiner frühen Biografie, erzählt von Costa Rica und Panama, wo er als Kind und Teenager lebte. Er holt eine Cowbell und einen Schlagzeugstock aus dem Keller, und schlägt ein paar Salsa-Beats, die sein Rhythmusgefühl schon früh geprägt haben. In New Orleans lebte er dann auch, wo ihm „die Zulu-Paraden am Mardi Gras die Synkopierung ins Knochenmark getrieben haben“, weil die Stunden dauerten. In Florida, wo er mit seinem Schulfreund meilenweit fuhr, um Platten von Elmore James, Muddy Waters und Howlin’ Wolf zu finden, die sie dann so lange immer wieder aufs Neue abspielten, bis sie die Fingersätze und Stimmlagen auf der Gitarre begriffen.

Die amerikanische Gegenkultur – ja. „Wir wollten vor allem den Fünfzigerjahren entkommen und all diesen Weltkriegsüberlebenden, die sich so wichtig vorkamen, weil sie ja angeblich die ,Greatest Generation’ waren. Sicher waren die großartig. Aber die Großartigsten?“ Ist es nicht frustrierend, dass sich seit über zehn Jahren die Geschichte eigentlich wiederholt? Mit Krieg, Wirtschaftskrise und einem autistischen Washington? Weswegen so viele der politischen Songs der späten Sechziger eine bizarre Aktualität zurück erlangten? „For What It’s Worth“ hätte er ja eigentlich auch für die Occupy-Bewegung schreiben können. „Klar“, sagt er. „Aber genauso frustrierend war das wahrscheinlich auch 1939, oder 1870, und damals kam man in den Knast, wenn man so was sagte.“

Mit Politik hatte seine Musik vordergründig nie etwas zu tun. „For What It’s Worth“ schrieb er im November 1966 eher spontan, als er erlebte, wie die Polizei rund Tausend jugendliche Demonstranten zusammendrosch, die auf dem Sunset Boulevard gegen Sperrstunden für die neuen Rockclubs demonstrierten. Und mit dem Gründungsmythos von Crosby, Stills & Nash (Young kam erst später dazu) will er auch aufräumen. Es gab nämlich weder einen Plan, noch eine Idee. Das erste Treffen fand auch nicht im Haus von Joni Mitchell statt („Niemand hätte es gewagt im Haus der Göttin was Halbgares vorzutragen“).


Stephen Stills und David Crosby waren im Frühjahr 1968 beide arbeitslose Rockstars. Crosby war bei den Byrds rausgeflogen, weil er auf der Bühne zu viel über Politik schwafelte. Stills Gruppe Buffalo Springfield zerbrach gerade an Streit, Drogen und dem üblichen Rock-and-Roll-Wahnsinn. Das Geld war für Ferrraris und Häuser verpulvert. Mama Cass, Sängerin bei The Mamas & the Papas, lud die beiden in ihr Haus im Laurel Canyon ein, um einen dritten arbeitslosen Rockstar zu treffen, Graham Nash, der bei den Hollies rausgeflogen war, weil er keine Lust mehr hatte, nur harmlose Popstückchen einzuspielen.


„Cass hatte dieses überladene Wohnzimmer mit diesen ganzen Kissen und Teppichen und Sofas, deswegen haben wir uns in ihr Esszimmer gesetzt und diese eine Strophe gesungen. Da kam Graham, sagte ,singt’s nochmal’. Dann sang er oben drüber. Und unser Leben sollte nie mehr dasselbe sein.“ So ein einzigartiger Stimmsatz, das war „eine Laune der Natur“.


Als sie dann nach den langen Aufnahmen fürs erste Album im darauffolgenden Sommer gemeinsam mit Neil Young in Woodstock auftraten, hatten sie ihre Harmonien so perfektioniert, dass sie wie eine glockenreine Klangwand vor Stills spartanischen Rock-Arrangements standen.


„Woodstock war keine Verschwörung“, sagt er. Aber als er die Bühne betrat, durchzuckte es ihn an diesem Abend, dass dies ein historische Moment sein würde. „Das war das größte Zusammentreffen junger Leute seit dem Einmarsch in die Normandie. Es ging gar nicht um Musik oder irgendein Anliegen oder um Politik. Es ging darum, dass so viele Leute an einem Ort zusammenkamen und es kein Krieg war.“


Und die Gegenkultur? Das Generationenetikett? Die Folgen von Woodstock? „Hören Sie auf, mich so zu löchern!“ So quer über den Tisch haben Stephen Stills Schlagzeugstockstöße eine beeindruckende Wucht. Das kommt vom Golfspielen, das man hier in Beverly Hills ganz hervorragend betreiben kann.
Aber dann beruhigt ihn eben die Analyse seines alten Songs. Er entdeckt, dass man die gleichen Miles-Davis-Alben liebt. Es geht dann noch um den Klang von Musik. „Ich habe immer noch die alten Bandmaschinen. Auf denen nehme ich auf, mische auf dem Computer und mache das Master wieder auf Band.“ Warum, das kann er mit Frequenzgängen und Resonanzwerten erklären, und den Unterschied höre er trotz des Hörschadens. Mit dem ganzen Körper. Und nicht nur im Studio. Mp3s und CDs? Da wallt der Zorn kurz wieder auf. „Diebstahl! Man beraubt Sie, nur um der Bequemlichkeit Willen. Sie kriegen da nur 10 Prozent des eigentlichen Signals.“


Gefällt ihm denn irgendwas an neuer Musik? „Hm.“ Egal was. „Die Black Keys. Taylor Swift, weil sie ihr Herz genauso auf der Zunge hat wie wir damals. Adele, weil sie sich um nichts schert. Aber viel zu viel ist mechanisch und langweilig. Da lassen sie im Studio einen Beat spielen, den sie zerstückeln und die Teile dann wie Legosteine aufeinanderstapeln. Weil sie wissen – so viele beats per minute bringen die Leute zum Tanzen und so viele bringen sie dazu, Alkohol zu kaufen.“ Nein, diese Sorte Studioarbeit sei nichts für ihn. „Man kann nicht improvisieren. Und das ist letztlich die Seele der Musik.“ Für die er immer noch lebt. Weswegen er im Sommer auch wieder mit Crosby und Nash auf Tour geht. Selbst wenn ihm das als Choleriker hin und wieder schwer fällt.


Foto: Stephen Stills beim Woodstock Festival im August 1969/Getty; Buffalo Springfield 1966/Label; Sunset Strip Riot 1966/OH; Crosby, Stills & Nash 1968/Band-Webseite

22.03.13 | 17:12 | 0 Kommentare

Pionier einer neuen Haltung

(Von Andrian Kreye) Wenn Jay Leno im kommenden Jahr die "Tonight Show" an Jimmy Fallon abgibt, ist das mehr als eine US-Medienpersonalie. Die alte Ironie hat sich überlebt, Fallon wird eine Wende im Humor bringen - spürbar wohl auch im Rest der Welt.

Es ist nicht nur eine amerikanische Medienpersonalie, dass der Spätnachtmoderator Jimmy Fallon der Nachfolger des Talkshow-Gastgebers Jay Leno werden soll. Wenn sich die Machtübergabe bei der Tonight Show im nächsten Jahr vollzieht, wird das auch eine Zeitenwende in der Humorgeschichte Amerikas markieren. Und weil Amerika immer noch die führende Unterhaltungsnation ist, dürfte das auch im Rest der Welt spürbar werden.

Der 38-jährige Fallon vertritt einen warmen Humor, der sich eher an den Frühzeiten des amerikanischen Entertainments orientiert, am Slapstick und den Revueshows. Das verbindet er mit dem gesamten Instrumentarium des digitalisierten Popzeitalters - viele seiner Sketche entwickeln als virale Videos weltweit ein Eigenleben. Die Zuschauer dürfen über Twitter mitreden. Seine Studioband ist das Hip-Hop-Kollektiv The Roots.

Der 62-jährige Leno steht dagegen für das Diktat der Ironie, dem sich die amerikanischen Fernsehshows und Komiker während der vergangenen drei Jahrzehnte fast ausnahmslos beugten. Gerade für die jüngere Generation ist Ironie allerdings eine Luxushaltung, die sich ihre Eltern und Großeltern noch leisten konnten.

Wieder zu Haltung gezwungen
Die kalte Distanz, mit der sich Talkmaster wie Leno, David Letterman oder Conan O'Brien, Fallons Vorgänger bei der nächtlichen Late Night Show, über die Welt lustig machten, wirkt für das jüngere Publikum eher befremdlich. Denn Ironie ist immer auch eine Flucht vor Haltung. Das wurzelt im Cool, jenem Gestus, den Frank Sinatra und das Rat Pack in Las Vegas etablierten, und den die Komiker der Sketchsendung Saturday Night Live perfektionierten, ehe er zum Status quo der Massenunterhaltung wurde.

Das hat sich überlebt. Nicht nur, weil das Leben in der Dauerkrise die jüngeren Amerikaner wieder zu Haltung zwingt, sondern auch, weil jeder Mainstream der Popkultur von den nachfolgenden Generationen irgendwann als altbacken empfunden wird. Jon Stewart ist mit seiner Daily Show der Einzige, der es geschafft hat, die Ironie ins 21. Jahrhundert zu retten. Weil er ihr politisches Gewicht gegeben hat.

Nun wurde Jimmy Fallon zwar als Komiker bei Saturday Night Live bekannt. Doch das war noch traditionelle TV-Ironie. Erst mit seinem Debüt als Late-Night-Moderator im März 2009 begann er aufzublühen. Seine Mischung aus naiver Freundlichkeit und verschmitztem Feixen half nicht nur bei den Quoten. Sie schaffte vor allem bei den Prominenten Vertrauen - und die Grundlage für seinen weltweiten Internetruhm.

So brachte er Mariah Carey dazu, ein Weihnachtslied mit ihm zu singen, das die Roots auf Spielzeuginstrumenten begleiteten. First Lady Michelle Obama tanzte mit ihm die "Geschichte der Mama-Tänze". Und selbst der Präsident ließ sich im Wahlkampf auf einen Sketch mit ihm ein. Es wird nicht leicht sein, Fallons Stil zu kopieren. Aber das dachte man bei der Ironie von Leno und Letterman ja auch. Bis Harald Schmidt kam.

08.03.13 | 19:32 | 1 Kommentar

Hinter der Jetsons-Grenze



Einmal im Jahr treffen sich bei der Ted Conference in Kalifornien die vier Institutionen, die unsere Zukunft und unsere Werte prägen: Silicon Valley, Hollywood, die Naturwissenschaften und die Investorenzunft. Die Aussicht ist dort meistens – rosig

(Von Andrian Kreye - Videos sind von Ted Talks bei der Ted Conference 2013) Die Zukunft sieht manchmal sehr albern aus. Als Google-Gründer Sergey Brin im kalifornischen Long Beach die Bühne der Ted Conference betritt, hat er ein klobiges Brillengestell auf der Nase, bei dem die Gläser fehlen. Stattdessen hängt ein winziger Monitor über dem rechten Auge. Google Glass heißt das Gerät und sieht aus, als hätten Ingenieure versucht, Olivia Newton-Johns Aerobic-Stirnbänder für die retrofuturistische Welt der „Jetsons“ zu optimieren.

Bald schon kann man mit diesem Gerät die eigene Sicht auf die Welt via Nasenkamera nahtlos in die sozialen Netzwerke übertragen, gleichzeitig im Internet surfen und kommunizieren. Und das alles nur mit Blicken und Worten. Da geht es natürlich nicht nur um Technik. Es ist der ultimative Angriff auf den Apple-Konzern. Der hat mit seinen Geräten gleich zwei Mal nicht nur das Konsumverhalten, sondern auch die Gestik der computerisierten Weltbevölkerung grundlegend verändert. Erst mit dem Schritt vom Tippen zum Schieben, dann zum Wischen. Brin zieht ein Smartphone aus der Tasche und erklärt, es gäbe ja wohl nichts entwürdigenderes, als auf die eigene Hand zu starren. Googles Kampfansage: Schluss mit den Gesten. Mensch und Maschine werden eins.

Der Veranstaltungstitel „Technology, Entertainment and Design Conference“ führt zunehmend in die Irre. Ted ist kein interdisziplinäres Branchentreffen. Seit einigen Jahren ist Ted eine globale Medienmarke. Kern sind die Kurzvorträge während der Ideenfestivals, die nach den Konferenzen als Videos ins Netz gestellt werden und schon mehr als eine Milliarde Mal angesehen wurden. Das schaffte das „Gangnam Style“-Video zwar in ein paar Wochen, aber bei Ted werden anspruchsvolle, oft wissenschaftliche Themen verhandelt.

Bei der alljährlichen kalifornischen Ausgabe, dem Epizentrum von Ted, handelt es sich inzwischen um ein Gipfeltreffen, bei dem Silicon Valley, Hollywood, die Naturwissenschaften und die Investorenzunft den Stand der Dinge und der Zukunft prüfen. Der technisch-wissenschaftliche Status Quo dient dabei nur als Grundlage. Seit dem späten 20. Jahrhundert prägen genau diese vier Institutionen immer deutlicher die Werte und das Bild der Welt, auch wenn man diese Rolle immer noch lieber der Politik, der Philosophie und dem Glauben zuschreiben mag. Deswegen stellen sich dort auch Fragen, die viel größer sind, als die, wie wir in Zukunft unsere Elektrogeräte bedienen.

Zweifler haben es hier nicht leicht. Hin und wieder lässt Ted-Chef Chris Anderson zwei gegensätzliche Meinungen gegeneinander antreten. Gleich zu Beginn erklärt zum Beispiel der Ökonom Robert J. Gordon von der Northwestern University, dass das Wachstumsmodell der Wirtschaftswissenschaften nach 800 Jahren nun am Ende sei.

Das Wachstum sei ein phänomenaler Motor der Zivilisation gewesen, sagt er. Bis in die Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts hätten die Generationen den Lebensstandard ihrer Eltern jeweils verdoppeln können. Nun seien die Wachstumskurven rückläufig. Seit den Fünfzigern habe sich das Wachstum verlangsamt, vor sechs Jahren habe die Schrumpfung begonnen. Arbeitslosigkeit, Bildungskrise, Schuldenlasten und zunehmende Ungleichheit seien die vordergründigsten Ursachen.
Aber auch die Fortschritte des digitalen Zeitalters nähmen sich im Vergleich mit den Errungenschaften der industriellen Revolution geradezu lächerlich aus. Alleine die Elektrizität habe neben der enormen Produktivitätssteigerung auch die vertikale Stadt, die Besiedelung unwirtlicher Klimazonen und die Befreiung der Frau möglich gemacht. Der Verbrennungsmotor sei die Grundlage unseres Wohlstands, die Überproduktion von Nahrungsmitteln. Alleine in den USA habe man im 19. Jahrhundert noch ein Viertel allen bebaubaren Landes für Pferdefutter gebraucht. Solche Zivilisationssprünge hätten die digitalen und biologischen Technologien noch nicht geschafft.

Als Gegenspieler tritt der Direktor des Centers for Digital Business am MIT, Erik Brynjolfsson, an. Eigentlich kann er nicht überzeugen. Die Wachstumsfaktoren, die er ins Feld führt, sind die Gratisprodukte der Wissensgesellschaft wie Wikipedia, Twitter und Google, die Leistungen der künstlichen Intelligenz in Kombination mit dem Teamgeist der „crowd“, die enorme Geschwindigkeit, mit der sich digitale Technologien entwickeln. Gordon wendet ein, dass nichts davon direkten Einfluss auf den Lebensstandard der Weltbevölkerung habe. Das leuchtet ein. Doch das Publikum bleibt mit Applaus auf Brynjolfssons Seite.

Die Zweifel am technischen Fortschritt werden allerdings auch in den inneren Zirkeln von Wissenschaft und Technik immer deutlicher. In seiner Winterausgabe zeigte die MIT Technology Review ein Porträt von Buzz Aldrin auf dem Titel, dem zweiten Mann auf dem Mond, darunter die Zeile: „Ihr habt mir Kolonien auf dem Mars versprochen, stattdessen habe ich Facebook gekriegt“. Nimmt man „The Jetons“ als Messlatte, die ab 1962 als Bilderbuchfamilie im Science-Fiction-Idyll mit Haushaltsroboter und fliegenden Untertassen auf Sendung gingen, ist die Technologie wirklich noch nicht sehr weit. Ideen wie Google Glass hatten die Autoren von Groschenromanen und TV-Serien schon vor Jahrzehnten. Als der MIT-Professor Rodney Brooks seinen neuesten Industrie-Roboter Baxter vorführt, einen klobigen Blech-Golem von zwei Metern Höhe, der in der Fertigung eingesetzt werden soll, amüsiert sich die Komikerin Julia Sweeney: „Sieh da, ein Roboter, der Sachen hochheben kann!“ Und doch scheint die Wissenschaft gerade an mehreren Fronten die Jetsons-Grenze zu erreichen.

Stewart Brand zum Beispiel. Brand ist so etwas wie Hochadel im Silicon Valley. Als Schlüsselfigur der kalifornischen Hippiebewegung definierte er 1968 die politisch und ökologisch bewusste Zukunft des Konsums mit seinem „Whole Earth Catalog“. In den letzten Jahren verwirrte der studierte Ökologe seine Anhänger jedoch mit leidenschaftlichen Plädoyers für Atomkraft als Mittel gegen die Erderwärmung. An diesem Nachmittag aber stellt er ein Projekt vor, das er mit befreundeten Gen- und Biotechnikern betreibt: das „de-extinction project“. Mit Hilfe der Gentechnologie wollen Wissenschaftler ausgestorbene Arten nicht nur wieder ins Leben, sondern auch in die freie Wildbahn zurückholen.
Das Projekt ist längst keine Theorie mehr. In den USA wird die im späten 19. Jahrhundert von Vogeljägern ausgerottete Wandertaube rekonstruiert. In Spanien wurde der ausgestorbene Pyrenäensteinbock erfolgreich geklont. In Holland soll der Auerochse wieder auferstehen.

Noch verblüffender ist der Vortrag von Mary Lou Jepsen, die die Entwicklung von Bildschirmtechnologien bei Google leitet. Ziel ihrer Arbeit sei es derzeit, die Sprache als Mittler zwischen Gedanken und digitalen Medien zu überspringen. Moderne Hirnscan-Technologie mache es möglich. So habe man Testpersonen Bilderfolgen gezeigt und sie später wieder daran denken lassen. Neue Scanner zapfen diese Hirnströme an und übersetzen sie wieder in Bilder.

Jepsen zeigt Vorlage und Hirnscan. Der Scan besteht vor allem aus Farben und Pixeln. Und doch erkennt man schon ansatzweise die Umrisse und Flächen der Vorlage. Janet Baker, die in Cambridge Pionierarbeit für Spracherkennung geleistet hat, bestätigt später, das sei ein ganz neuer technologischer Schritt. Die Technologien, mit denen Ingenieure auf anderen Ted-Konferenzen verblüfften, weil man mit Hirnströmen Computerprogramme steuern kann, die gäbe es seit 40 Jahren. Aber was Jepsen da vorgeführt habe, sei radikal neu, selbst wenn das (visuelle) Signal-Rausch-Verhältnis noch bei über 90 Prozent liege.

Wer entscheidet dann, welche ausgestorbenen Arten wieder zum Leben erweckt werden? Wer verhindert, dass solche Hirnscanmethoden zur Überwachung eingesetzt werden? Wer wird genialische Köpfe wie den 17-jährigen Taylor Wilson im Zaum halten, der am selben Nachmittag erzählt, wie er in der Garage seiner Eltern mit 14 einen Fusions-Reaktor konstruierte, und der nun mit Kernspaltung experimentiert?
Im Silicon Valley, an den technischen Universitäten und in Hollywood stellen sich solche Fragen selten. Prinzipiell herrscht hier ein Geist, dass es selbstverständlich ist, nur das Beste für die Menschheit zu wollen. Das wurzelt in der Haltung des philanthropischen Auftrages, der ein unumstößlicher Teil der amerikanischen Identität ist. Man wolle die Fehler der Menschheit wieder gut machen, sagt denn auch Stewart Brand auf die Frage, was denn die Motivation sei, ausgestorbene Arten wieder zurückzubringen.

Der Glaube an das Gute im Menschen und der Wille, etwas dafür zu tun, ist verstärkt zum Leitmotiv der Ted Conference geworden, seit der britische Verleger Chris Anderson die Non-Profit-Organisation im Jahr 2001 gekauft hat. Anderson ist der Sohn eines Augenarztes, der in Indien, Pakistan und Afghanistan gearbeitet hat. Das prägte. Das Missionarische vieler Ted Talks geht einigen auch schon auf die Nerven. Wären die guten Taten nicht so wirksam.

Auftritt Bono. Der weiß um den Widerwillen gegen seine Person und gegen die allzu gut gemeinten Ted Talks. „Das hier ist doch das ideale Forum für meinen Messias-Komplex“, witzelt er gleich zu Beginn und macht sich später noch einige Male über sein Rockstar-Gehabe lustig. Aber dann kommen die Fakten. Mit seiner Wohltätigkeitsorganisation One hat er mitgeholfen eine magische Zahl zu halbieren – extreme Armut, unter die alle Menschen fallen, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen, habe sich von 1990 bis heute von 43 auf 21 Prozent der Weltbevölkerung halbiert. Das Ziel sei: null Prozent bis 2028. Das sei realistisch. Und natürlich nicht das Ende der Armut. Aber auch die harten Zahlen wie Kindersterblichkeit und Hungertote reduzierten sich dabei.

Als Ben Affleck zwei Tage später frisch von seinen Oscar-Feiern mit Musikern des Kinshasa-Symphonieorchesters auftritt, um Werbung für seine Arbeit im Ostkongo zu machen, scheint sich schon eine neue Konkurrenz der Giganten anzubahnen. Denn auch das gehört zum Geiste Kaliforniens: Der Weg zu den „last frontiers“, den letzten Grenzen der Menschheit, ist auch immer ein Wettlauf.

08.01.13 | 20:47 | 3 Kommentare

Scharfe Grenzen

Wie das Simon Wiesenthal Center den Unterschied zwischen Israelkritik und Antisemitismus definiert

(VON ANDRIAN KREYE) Es gibt da gerade ein paar Fragen, bei denen führt der Name Simon Wiesenthal in die Irre. Denn warum der deutsche Journalist und Herausgeber der Wochenzeitung Der Freitag Jakob Augstein mit Zitaten aus seinen Spiegel-Online -Kolumnen auf der Liste der „Top-Ten der antisemitischen und anti-israelischen Verunglimpfungen“ des Simon Wiesenthal Centers gelandet ist, was diese Liste bedeutet und wo die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus gezogen wird – all das hat mit der Arbeit des berühmten Wiener Nazijägers Simon Wiesenthal nichts zu tun. Antworten findet man höchstens in der Geschichte des Centers selbst.

Zwischen den Palmenwipfeln und Villen von Beverly Hills und den Glaskomplexen von Century City ist das Simon Wiesenthal Center und das angegliederte Museum of Tolerance im Stadtbild von Los Angeles mit seinen gestaffelten Klinkerflügeln eine wuchtige Ausnahme. Als das Hybrid aus Mahnmal und Forschungseinrichtung 1993 eröffnete, war das Simon Wiesenthal Center schon eine der weltweit größten jüdischen Menschenrechtsorganisationen. So bekam das Museum auf dem Highway 10 sogar eine eigene Ausfahrttafel.

Mit Wiesenthal selbst hatte das Center nie viel zu tun. Mitte der Siebzigerjahre hatte der in New York geborene Institutsgründer Rabbi Marvin Hier Wiesenthal in Wien besucht und gebeten, der Organisation seinen Namen zu leihen. Wiesenthal willigte ein. 1977 wurde das Center offiziell gegründet. Ansonsten blieb der Kontakt sporadisch, obwohl die Arbeit des Instituts durchaus im Sinne Wiesenthals war.

Schon früh verfolgten die Rechercheure Alt- und Neonazis, Antisemiten und Holocaustleugner in aller Welt. Die Ermittler des Zentrums hatten keine Scheu, die inneren Zirkel der Hasswelt zu infiltrieren. Einer der besten Rechercheure des Zentrums, Rick Eaton, hatte in den Neunzigerjahren als eingetragenes Mitglied der Aryan Nations in Amerika Zutritt zu den Treffen der Neonazis und Versammlungen der paramilitärischen Milizen.

In Deutschland hatte er die Brückenköpfe der Neonazis im Bürgertum aufgedeckt, indem er sich als Millionär aus Australien ausgab, der in „die Sache“ investieren wolle. Dabei entdeckte er auch Spuren nach Südamerika, über die er den lange gesuchten ehemaligen SS-Hauptsturmführer Erich Priebke aufspürte, der 1944 einer der Kommandeure beim Massaker in den Ardeatinischen Höhlen gewesen war. Eaton setzte ein Fernsehteam auf Priebke an. Der wurde nach Italien ausgeliefert und dort zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die größten Erfolge hatten die Rechercheure des Wiesenthal Centers jedoch in Amerika. Gemeinsam mit der Anti-Defamation League in New York und der Bürgerrechtskanzlei Anti-Poverty Law Center in Alabama setzte das Wiesenthal Center den heimischen Nazis beharrlich zu. Rechercheure des Centers bildeten Ermittler und Beamte der Polizei aus, die Subkulturen der Nazis zu erkennen und gegen „Hate Crimes“ vorzugehen. Gleichzeitig zwangen die Bürgerrechtsanwälte des Southern Poverty Law Center Neonazigruppen mit kostspieligen Zivilprozessen in die Knie.

Heute ist der Rechtsradikalismus in den USA ein Nischenphänomen. Der Ku-Klux-Klan ist nur noch ein hasserfüllter Trachtenverein, militante Gruppen wie die White Aryan Resistance und die Aryan Nations sind bankrott, die National Alliance erholte sich nicht vom Tod, die Church of the Creator nicht von der Verhaftung ihres Führers, die großen Skinhead-Gangs sind zerschlagen. Die meisten der rechtsradikalen Organisationen, die man heute im Netz findet, sind Einzelgänger, die eine Webseite unterhalten. Die Gefahr des Einsamer–Wolf-Phänomens bleibt zwar, doch der Erfolg und der Lauf der Geschichte brachten das Simon Wiesenthal Center dazu, sich neu auszurichten.

Bis dahin war der Antisemitismus sehr eindeutig definiert. Tauchten die fünf prägenden Klischees des Antisemitismus auch nur zwischen den Zeilen auf, gab es nicht viel herumzudeuten: Da ist die Mär von der jüdischen Weltverschwörung, zu der auch das Gerücht von den jüdisch kontrollierten Medien gehört, die Sage vom jüdischen Blutopfer, die Zerrbilder vom Geldscheffler, vom rastlosen Juden und vom wurzellosen Kosmopoliten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam noch die Leugnung und Relativierung des Holocausts hinzu. So einfach ist die Definition des Antisemitismus allerdings heute nicht mehr.

Rabbi Abraham Cooper ist Marvin Hiers Stellvertreter. Er verfasst seit 2010 auch die jährliche Liste. Cooper erinnert sich noch genau an die Woche, in der ihm klar wurde, dass die Beobachtungsperspektive verändert werden musste. Wenige Tage vor den Anschlägen des 11. Septembers richtete die Uno 2001 in Durban die dritte Weltkonferenz gegen Rassismus aus. Das Wiesenthal Center war als NGO dabei. „Da gab es plötzlich wütende Proteste gegen Israel“, erinnert sich Cooper: „Und da wurde der Begriff von Israel als neuem Apartheidstaat zementiert. Das hatte in Südafrika, das damals die Apartheid noch keine zehn Jahre hinter sich hatte, eine enorme Wirkung.“ Die Wut auf Israel kippte auf den Straßen von Durban dann auch rasch in offenen Antisemitismus um. „Ein Delegierter aus Jordanien schüttelte mir die Hand, und sagte, ich sei doch hoffentlich kein Jude.“ 9/11 lenkte die Welt dann von den Ausbrüchen ab. Doch für Cooper blieb der Eindruck, Antisemitismus und Israelprotest seien zwei verwandte Phänomene, die man beobachten müsse. Damals entwarf der ehemalige sowjetische Dissident und heutige israelische Politiker Natan Scharanski den „3-D-Test“, der die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus festlegt: doppelter Standard, Dämonisierung und Delegitimierung.

Heute, elf Jahre später, haben sich die Aufgaben des Wiesenthal Centers gewandelt. Mit seinen Filialen in New York, Miami, Toronto, Jerusalem, Paris und Buenos Aires betreibt das Center viel Aufklärungs- und Bildungsarbeit. Es gibt auch noch die „Operation Last Chance“, die Efraim Zuroff von Jerusalem aus leitet und die die Suche nach den letzten überlebenden Naziverbrechern zum Ziel hat. Doch wie die Anti-Defamation League in New York ist das Simon Wiesenthal Center heute zu einem Seismografen des globalen Antisemitismus geworden. Und, der, so Cooper, finde im Internet einen Brandbeschleuniger, der bis in die Mainstream-Politik hineinwirke.

Die Annahme, der Journalist Hendryk M. Broder hätte eine Berliner Fehde über die kalifornische Bande gespielt, weist Cooper übrigens zurück. „Wir kennen Herrn Broder kaum“, sagt er: „Wir haben uns einmal beim Berliner Filmfest gesehen. Aber wir haben weder telefoniert noch gemailt.“ Broders Zitat in der Fußnote, die Augsteins Antisemitismus belegen soll, habe man in Sekundärquellen gefunden.

Und wie findet Cooper sein Material für die Liste, auf der dieses Jahr Zitate aus Ägypten, Iran, Brasilien, England, Ukraine, Griechenland, Ungarn, Norwegen, den USA und eben Deutschland zu lesen sind? „Die Zitate finden eher mich“, sagt er: „Wir haben 400 000 Mitglieder in aller Welt. Die schicken uns Sachen zu, die sie ärgern oder beunruhigen. Die Liste ist vor allem dazu da, um den Mitgliedern zu zeigen, dass wir ihre Ängste wahrnehmen.“

Fünf Zitate aus Augsteins Spiegel-Online -Kolumnen stehen dort. Natan Scharanskis „3–D-Test“ halten sie nicht stand. So ein Absatz vom 19. November 2012: „Israel wird von den islamischen Fundamentalisten in seiner Nachbarschaft bedroht. Aber die Juden haben ihre eigenen Fundamentalisten. Sie heißen nur anders: Ultraorthodoxe oder Haredim. Das ist keine kleine, zu vernachlässigende Splittergruppe. Zehn Prozent der sieben Millionen Israelis zählen dazu. Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache.“ Ohne die Knautschzonen des Kontexts findet man hier die Verbindung der Dämonisierung einer jüdischen Bevölkerungsgruppe und die Delegitimierung des israelischen Staates. Liest man die gesamte Kolumne, ist es eine Analyse der Gewaltspirale, die sich nach des Hamas-Militärchefs Ahmed al-Dschaabari entwickelte.

Oder aus der Kolumne vom 6. April: „Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs.“ Aus diesem Zitat kann man Weltverschwörung und Delegitimierung lesen. Der Kontext ist es jedoch eine Kritik der deutschen Nahostpolitik.

Als fundierte Vorwürfe des Antisemitismus taugen die Einträge nicht. Es sei denn man legt den Maßstab an, dass nicht der Kontext, sondern der Satz an sich zählt. Die Liste erhebt ja gar keinen wissenschaftlichen Anspruch. Sie ist vor allem ein Mittel, um Spender zu rekrutieren. Und für amerikanische Leser haben solche Sätze Sprengkraft.

Auf die Frage, ob er die Israelkritik der europäischen Linken nicht etwas zu streng bewerte, will Cooper nicht eingehen. Er wolle da keine Unterschiede machen. Es sei egal, wer die Grenzen überschreite. Treffen will sich Cooper mit Augstein nur, wenn sich der entschuldigt. Cooper kann von seiner Liste nicht abrücken. Das verstünden die 400 000 Mitglieder des Centers nicht. Und einen versöhnlichen Ausgang der Debatte kann es ohnehin nicht geben. Denn letztendlich geht es bei Ressentiments und Vorurteilen weniger darum, wie man sie definiert, als darum, wie sie empfunden werden.

Foto: Wikimedia Commons

04.01.13 | 08:13 | 0 Kommentare

Friday Night Live

18.12.12 | 13:43 | 0 Kommentare

Abwahl der Waffen

 

(Von Andrian Kreye) Amerika ist ein seltsames Land. Es ist das Land, in dem der Vorsitzende des Vereins amerikanischer Waffenbesitzer, Larry Pratt, kurz nach dem Amoklauf an der Grundschule von Newtown öffentlich sagen konnte, dass es doch nun an der Zeit sei, das Waffenverbot an Schulen aufzuheben. Wären die Lehrer und Hausmeister bewaffnet gewesen, hätten sie den Amokläufer schon gestoppt. Es ist das Land, in dem der konservative Politiker Mike Huckabee im Fernsehen behaupten durfte, das Massaker sei geschehen, weil man Gott aus den Schulen vertrieben habe.

Aus europäischer Sicht ist der Stand der Dinge eindeutig: Was diskutiert Amerika denn überhaupt über schärfere Waffengesetze? Es sollte doch nicht mehr um 'gun control' gehen, sondern um ein generelles Waffenverbot. Das mag anmaßend sein. Ganz abwegig ist es nicht.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben die USA fünf große Versuche einer Prohibition lanciert, und immerhin zwei davon haben funktioniert. Wenn man sich die Einzelfälle genauer anschaut, versteht man, warum es Amerika so schwerfällt, Waffen einfach zu verbieten.

Nicht so gut funktioniert haben die Versuche, das Saufen und den Sex zu regulieren. Das Alkoholverbot, das der amerikanische Senat am 16. Januar 1919 mit dem 18. Verfassungszusatz verabschiedete, war eine der folgenreichsten politischen Fehleinschätzungen in der Geschichte der westlichen Zivilisation. Die 13 Jahre der Prohibitions-Ära legten das Fundament für eine Schattenwirtschaft, in der die Routen der amerikanischen Alkoholschmuggler die Infrastruktur für ein organisiertes Verbrechen schafften, das sich bis heute über alle fünf Kontinente ausgebreitet hat. Nicht umsonst beginnt die Fernsehserie 'Boardwalk Empire' über die Verwicklungen zwischen Politik und Verbrechen während der Zwanzigerjahre damit, dass die Mafiosi von Atlantic City den Beginn des Alkoholverbots mit einem rauschenden Champagnerfest feiern. Nichts ist so gut fürs illegale Geschäft wie ein Verbot.

Den gewerblichen oder auch nur sündigen Sex haben die amerikanischen Gesetzgeber nicht ganz so stringent bekämpft. Die Moraloffensive begann 1873 mit dem Gesetz des prüde gesinnten obersten Postinspektors Anthony Comstock, der den Postversand von 'obszönem, lüsternem und laszivem Material' unter Strafe stellte. Heute ist es vor allem die Prostitution, die in sämtlichen Bundesstaaten außer Nevada verfolgt wird. Was wiederum eine Schattenwirtschaft geschaffen hat, in der sehr viel mehr Geld auf Kosten von Frauen und Freiern verdient wird als beispielsweise in Ländern wie Deutschland und den Niederlanden, die einen bürokratischen Zugang zum Sexgewerbe gefunden haben.

Ganz gut funktioniert haben die Prohibitionen des Rasens und des Rauchens. Das Gesetz für eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 55 Meilen pro Stunde wurde während der Ölkrise von 1973 aufgesetzt. Man hoffte, den Benzinverbrauch zu senken und sich so aus der Abhängigkeit von Opec-Staaten zu winden. Eine Milchmädchenrechnung: die effektive Ersparnis belief sich auf knappe ein Prozent. Dafür sank die jährliche Zahl der Verkehrstoten um rund zehntausend, was einem Minus von etwa 18 Prozent entsprach. Aus den Zahlen wurde bald Konsens. 'Coasting' und 'cruising' sind heute die Weisen des amerikanischen Autofahrers, der 'speeding' höchstens auf deutschen Autobahnen kennt.

Die sanfte Prohibition des Rauchens gelang jedoch bisher am besten. Sie war ein schleichender Prozess, der mit Aufklärungsarbeit über die gesundheitlichen Folgen des Rauchens begann. Eine Welle der Schadenersatzprozesse, die in den Achtzigerjahren begann, kostete die Tabakindustrie Milliarden. Vor allem aber ihr Image.

Bald folgten die Verbote. Erst wurde das Rauchen in öffentlichen Gebäuden untersagt, dann in Lokalen, Bars, Mietwohnungen, an Stränden, in Fußgängerzonen, in der Umgebung von Schulen. Gleichzeitig wurde die Tabaksteuer empfindlich angehoben. In New York kostet ein Päckchen Zigaretten heute um die zwölf Dollar.

Was all diese Maßnahmen erreichten, war ein neuer gesellschaftlicher Konsens. Es mag kein gesetzliches Verbot des Rauchens geben. Sozial ist das Laster in Amerika heute verfemt. Die einstmals coole Gestik gilt als vulgär. 'Cigarette breath' ist in amerikanischen Reportagen ein Mittel, um eine Person als unangenehm zu beschreiben. Und seit eine gesunde Lebensführung zum Distinktionsmerkmal der gebildeten Stände wurde, ist die Zigarette in den USA heute so etwas wie der Mittelstreifen auf der Straße der Verlierer.

Den Krieg gegen die Drogen, den Präsident Richard Nixon 1971 erklärte, muss man an dieser Stelle ignorieren, weil er unterkomplex unterschiedliche Phänomene wie Marihuana und Crystal Meth über einen Kamm schert. Was die misslungenen Prohibitionen von Saufen und Sex und die gelungenen von Rasen und Rauchen deutlich zeigen, ist eine Kette, an deren Ende nicht nur ein Gesetz, sondern ein Wandel steht, den die Gesellschaft nicht zugelassen, sondern ganz dezidiert gewollt hat.

Reine Moralfeldzüge führen in den westlichen Zivilisationen zu nichts. Sie dienen dazu, politische Lager zu polarisieren. Anthony Comstocks 'New York Society for the Suppression of Vice' (Gesellschaft für die Unterdrückung von Lastern) galt selbst im viktorianischen Amerika des 19. Jahrhunderts als Verein prüder Fanatiker und Spinner. Abstinenzler-Lobbys wie die 'Women"s Christian Temperance Union' und die 'Anti-Saloon-League' verschwanden mit dem Ende der Prohibition 1933.

Die soziale Abschaffung des Rasens und des Rauchens waren dagegen die Folgen gesellschaftlicher Rechnungen mit eindeutigen Ergebnissen: Die Kosten des Rasens und Rauchens waren höher als der vermeintliche Nutzen. Die vielen Verkehrstoten waren meist jüngeren Alters. Die Kosten des Rauchens fasste das 'Center of Disease Control' vor ein paar Jahren in präzise Zahlen: 193 Milliarden Dollar gehen der Volkswirtschaft alljährlich durch das Rauchen verloren. Das gliedert sich in Behandlungskosten von rund 96, sowie Produktivitätsverlust von rund 97 Milliarden Dollar.

Nun sollte man meinen, dass die Zahlen auch im Streit um Waffengesetze eindeutig sind. Über 10000 Amerikaner werden jedes Jahr erschossen. In europäischen Ländern liegt die Zahl meist weit unter einhundert. Und auch das bizarre Phänomen des Amoklaufes steht offensichtlich in direktem Zusammenhang mit der Waffengesetzgebung. In Australien erließ die Regierung nach einem Amoklauf im Jahr 1996 strenge Waffengesetze. In den 18 Jahren zuvor hatte es 13 solcher Massenmorde gegeben. In den Jahren danach keine.

Doch die Rechnungen gingen bisher nicht auf, weil es der Waffenlobby immer gelang, die Debatte auf einer moralischen Ebene zu halten. Grundlage dafür war eine fundamentalistische Lesart des zweiten Verfassungszusatzes. Der garantiert den Bürgern Amerikas das Recht, eine Miliz zu gründen und Waffen zu tragen. Zwar stammt dieser Zusatz aus dem Jahr 1791, als noch die ganz reale Gefahr bestand, dass König George III. versuchen könnte, die abtrünnige Kolonie zurück ins Empire zu holen. Und doch kann man aus einer wörtlichen Lesart den Schluss ziehen: Wer gegen das Recht auf das Waffentragen ist, der ist auch gegen das grundlegende Freiheitsrecht Amerikas. Die Freiheit ist nach dem amerikanischen Verständnis das höchste aller Güter. Ganze Generationen waren während der vergangenen Jahrhunderte bereit, dafür zu sterben.

Der Amoklauf von Newtown hat allerdings eine Komponente in der Rechnung verschoben. Es waren kleine Kinder, die gestorben sind. Der Tod von Kindern ist für jede Gesellschaft der höchste Preis, den sie bezahlen kann. Barack Obama hat nun ein kleines Zeitfenster, in dem er doch noch eine Rechnung anstellen kann. Es sind zwar nicht die gesellschaftlichen oder die volkswirtschaftlichen Kosten, die hier eine Rolle spielen. Doch vielleicht sind Amerika die emotionalen Kosten von Newtown einfach zu hoch, um die Waffendebatte zu den moralischen Akten zu legen.

Abb.: screenshot online gunstore

10.11.12 | 16:45 | 0 Kommentare

Kaufdown

Occupy Wall Street erwirbt Schulden, um sie dann zu erlassen

(Von Andrian Kreye) Es ist seit dem Herbst etwas ruhig um die New Yorker Protestbewegung Occupy Wall Street geworden. Nach der Schließung des Camps im Zucotti Park Mitte November hatte sich die Bewegung vermeintlich zerstreut. Doch mit dem Hurrikan Sandy meldete sich Occupy zurück. Als die staatliche Nothilfestelle Fema und das Rote Kreuz noch Kräfte und Ressourcen sammelten, schlugen die Occupy-Aktivisten schon ihr Hauptquartier in einer Kirche in Brooklyn auf, nannten sich 'Occupy Sandy', organisierten Bergungsfahrten und gaben täglich 10000 Mahlzeiten aus.

Nun rüstet sich die Occupy-Bewegung zu einer neuen, höchst pragmatischen Aktion. Unter dem Schlagwort 'The People"s Bailout' (Der Volksrettungsschirm) sammeln Aktivisten Spenden, um Schulden aufzukaufen und diese dann zu erlassen. Occupy nutzt dabei den verrufenen Graumarkt, der von sogenannten Schuldenmaklern bedient wird. Diese kaufen von Banken und Kreditinstituten für einen Bruchteil des Wertes Privatschulden auf, um sie dann zu Geld zu machen. Es steht den Maklern frei, ob sie den Schuldnern die Eintreiber mit dem Baseballschläger vorbeischicken oder die Schulden zu neuen Paketen schnüren und weiter im Markt verschieben. Die Zinsen, die sich ansammeln, steigern den Wert ja automatisch.

Occupy kauft nun 'distressed debts'. Das sind Schulden, bei denen es so aussichtslos ist, dass sie je zurückgezahlt werden, dass sie jetzt zum Dumpingpreis weiterverkauft werden: Oft im Verhältnis von 30 zu einem Dollar. Solche 'giftigen Schulden' waren in den sogenannten neuen Produkten der Banken wichtig und führten zum 'predatory lending' - zur bewussten Überschuldung von Privatkunden.

Bei einem Testlauf kaufte Occupy Schulden im Wert von 14000 Dollar für 500 Dollar. Der realistische Mittelwert für die Aktion liegt nun bei einem Preis von 100 Dollar für 2000 Dollar Schulden. Die Occupy-Bewegung will vor allem versuchen, überfällige Studentenkredite, Krankenhausrechnungen und Hypotheken von Familien mit Kindern zu kaufen.

Präzise steuern lässt sich der Ankauf nicht. Die Schuldenpakete sind meist nach Zahlen, nicht nach Inhalten gebündelt. Auch kann man sich bei Occupy nicht für so einen Erlass bewerben, dafür ist das System zu undurchschaubar. Doch ein Anfang ist bereits gemacht. Auf der Webseite http://rollingjubilee.org werden nun Spenden gesammelt. Am 15. November ist der offizielle Beginn der Aktion, die mit einer Benefiz-Veranstaltung im Greenwich-Village-Lokal Le Poisson Rouge startet, bei dem unter anderen Musiker von Sonic Youth, Fugazi und TV on the Radio auftreten. 'Wir haben die Banken gerettet, und sie haben uns im Stich gelassen', heißt es im Video dazu. 'Wir schulden ihnen gar nichts. Wir schulden uns gegenseitig alles.'

07.11.12 | 17:00 | 3 Kommentare

Eine deutsche Liebe

Warum Obama nirgendwo so sehr verehrt wird wie hierzulande


(Von Andrian Kreye) Der Staat, in dem Barack Obama den mit Abstand höchsten Stimmenanteil hatte, durfte leider nicht wählen. 91 Prozent der Bürger der Bundesrepublik Deutschland hätten laut ARD für Obama gestimmt. Der Anteil für Romney war unter Einberechnung der Politikverweigerer und pathologischen Phlegmatiker statistisch kaum noch messbar. Schaut man sich die Onlinezahlen an, wurde die Wahlnacht in Deutschland so begeistert verfolgt wie einst die Mondlandung oder Boxkämpfe von Muhammad Ali. Es gab in beiden Wahlkämpfen sogar einige deutsche Bürger, die sich nach Amerika aufmachten, um dort in einer der freiwilligen Helferschaften Obamas auszuhelfen.

Mal ehrlich – wer würde für das Duell Merkel-Steinbrück die Nacht durchmachen? Wie viele Begeisterte würden sich hierzulande freinehmen, um freiwillig Ochsentouren im Dienste des Wahlkampfs auf sich zu nehmen? Auf die Frage, warum er sich nicht für einen Politiker im eigenen Land so engagiere, meinte ein deutscher Obama-Helfer, da gäbe es halt niemanden, der einen so begeistern könne.

Die deutsche Begeisterung für Obama hat etwas Skurriles, greift aber vor allem zwei historische Strömungen auf. Da ist zum einen die Sehnsucht nach dem Amerika des 20. Jahrhunderts, das als Vorbild der freien Welt den Weg in eine bessere Welt freischaufelte. Das waren die ersten Versuche einer sozialen Marktwirtschaft, die Franklin D. Roosevelt nach der großen Wirtschaftskrise mit seinem New Deal in der amerikanischen Gesellschaft verankerte, während Europa in Diktatur und Krieg versank. Das war Amerikas beherztes Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg, das Europa vor dem totalen Untergang bewahrte. Das waren aber auch die Jahre der Bürgerrechtsbewegung mit der Lichtgestalt John F. Kennedy und diesem ebenso unwiderstehlichen Kulturpaket aus Beatniks, abstrakter Malerei und Rockmusik.

Obama hat einige dieser historischen Fäden aufgenommen. In seiner Amtszeit hat er die Rolle der Frau politisch gestärkt, das Gesundheitssystem reformiert, er hat sich an der letzten Front der Bürgerrechtskämpfe für die Rechte von Schwulen eingesetzt, den Irakkrieg beendet und den Abzug aus Afghanistan eingeleitet. Vor allem aber hat er einen europäischen Geist in die amerikanische Politik gebracht, der von Solidarität und Mitgefühl geprägt ist. Deswegen hassen ihn viele Amerikaner so leidenschaftlich, wie ihn die Deutschen lieben.

Die negative Auslegung dieser Liebe ist allerdings eine unangenehme Mischung aus Antiamerikanismus und Philorassismus. Seit dem Beginn der konservativen Revolution mit Richard Nixons Präsidentschaftswahlsieg von 1968 definierte sich die europäische, aber vor allem die deutsche Volksseele immer stärker als Antipode zum Sozialdarwinismus und Großmachtstreben der USA.

Die Wahl eines schwarzen, vermeintlich linken Präsidenten sah man als so etwas wie Buße und Wiedergutmachung der amerikanischen Nation nach den finsteren Bush-Jahren. Da war es egal, dass Barack Obama im deutschen Parteiensystem wahrscheinlich im konservativen Flügel der FDP landen würde. Kaum jemand scherte sich darum, dass in den USA ein erbitterter Klassenkampf den Rassismus seine Rolle als zentralen gesellschaftlicher Konflikt abgelöst hat, und dass Obama mit seinen Beratern aus dem Umfeld der Investmentbanken und seiner Nähe zur Wall Street dabei keineswegs eine bürgernahe Rolle spielte.

Man muss sich die Meme im deutschen Internet ansehen, um den philorassistischen Kern zu erkennen – Obama als Jazzer, in Rapperpose oder beim Gangstergruß. Das alles sind Gesten und Welten, die mit dem Magna-cum-Laude-Absolventen aus Harvard und letztlich auch mit der Realität des schwarzen und post-ethnischen Mittelstandes, aus dem er stammt, so viel zu tun haben, wie die ostdeutschen Rockstars von Rammstein mit der ostdeutschen Politikerin Angela Merkel. Das Schlüsselzitat seiner Siegesrede "The best is yet to come" war ja dann dieses Jahr auch von Frank Sinatra, nicht von Jay Z.

Natürlich verkörpert Obama auch etwas von jenem Cool, das in seinen Anfängen eine subversive Haltung des Modern Jazz war. Für die Afroamerikaner war seine Wahl ein historischer Moment, mit dem der Kampf, den Martin Luther King begonnen hatte, seinen Marsch durch die Institutionen abschloss. Der Clou ist aber gerade, dass in der immer farbenblinderen amerikanischen Gesellschaft Obamas Hautfarbe gar keine Rolle mehr spielt.

Wollte man das Argument auf die rhetorische Spitze treiben, könnte man noch erwähnen, dass für Europa das Leben mit Präsidenten aus der Reihe der Republikaner meist viel einfacher war. Es war die Doktrin des republikanischen Präsidenten Dwight Eisenhower, die über Europa den Schutzschirm der USA aufspannte, unter dem sich Deutschland ganz auf sein Wirtschaftswunder konzentrieren konnte. Es waren Ronald Reagan und George Bush Senior, die mit dem Gleichgewicht des Schreckens dafür sorgten, dass der Kalte Krieg nicht heißlief. Und selbst George W. Bush und seine Neocons führten ihre Kriege für die gesamte G 20 – und somit auch für die deutsche Wirtschaft, selbst wenn man das nicht wahrhaben will.

Obama aber wird Deutschland in die teure außenpolitische Pflicht nehmen. Er wird die Konkurrenz mit der EU in Asien und Afrika verschärfen. Und er wird die Wall Street weiter gegen den Euro wetten lassen. Nun gut, die deutsche Liebe zu Obama ist eine moralische und emotionale, keine pragmatische Angelegenheit. Doch genau das ist ein amerikanischer Import, ohne den man hier gut leben könnte. In den US-Wahlkämpfen haben Moral und Emotion das Argument schon vor Jahren ersetzt. Das war eine Erfindung von George W. Bushs diabolischem Strategen Karl Rove, der erkannte, dass man Wähler nicht überzeugen, sondern mobilisieren muss. Das aber ist nichts anderes als das Ende der Politik im Populismus.

Illustration: JC Pagan/Barack Obama's Jazz

13.10.12 | 14:17 | 0 Kommentare

Lasst die Versager versagen

Die Rückkehr des Calvinismus im aktuellen US-Wahlkampf

(Von Andrian Kreye) Wenn die Deutschen in Amerika wählen dürften, wäre die Sache längst gelaufen. 89 Prozent aller Befragten antworteten gerade auf die Frage des ZDF-Politbarometers, dass Sie für Barack Obama stimmen würden. Nur zwei Prozent würden sich für Mitt Romney entscheiden. Und da ist man dann schon beim eigentlich Faszinierenden an amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfen.

Das ist dieses unheimliche Gefühl, dass einem dieses Land, das man doch so liebt (Manhattan, Dylan, Philip Roth) letztendlich doch sehr fremd ist (Genfood, Wall Street, George W. Bush). Ist Mitt Romney nicht einer von denen, die der Welt die finsterste Wirtschaftskrise seit 1929 eingebrockt haben? Und hat Obama nicht die Truppen aus Irak und Afghanistan abgezogen, armen Amerikanern eine Krankenversicherung besorgt und Osama Bin Laden zur Strecke gebracht? Und trotzdem bleibt der Wahlkampf ein Kopf-an-Kopf-Rennen?

Es gibt gute Erklärungen für Mitt Romneys Erfolge. Einige davon findet man in dem Buch "Arme Milliardäre" von Thomas Frank. Der gehört zu jenem Kreis Intellektueller, die während der Neunzigerjahre in dem Magazin The Baffler aus Chicago eine neue Form der Kapitalismuskritik erfanden, die sich viel mit Realitäten und wenig mit Theorien beschäftigte. Thomas Frank war neulich auf Lesereise in Deutschland unterwegs. Und wenn er da von seinem Land erzählte, schaute er in Säle voll ungläubiger Gesichter.

Ausführlich beschrieb er, wie Amerika auf die Finanzkrise reagierte - nicht mit Reformen, sondern mit einer noch konsequenteren Deregulierung, mit einer radikalen Durchsetzung der freien Marktwirtschaft, mit einer grimmigen Ablehnung jeglicher sozialer Maßnahmen und Programme.

Das erinnert an mittelalterliche Medizinpraktiken, als man Wunden mit Glüheisen ausbrannte. Vor allem aber verkehrte sich die auch in Amerika natürliche Reaktion auf eine solche Krise in ihr Gegenteil. Anstatt Solidarität und Gemeinsinn herrscht im Land nun eine gehörige Wut auf die Opfer der Krise - auf die Verlierer, Pleitiers, Bankrotteure, auf die Millionen, die mit Zwangsbescheiden auf die Straße gesetzt wurden. Und auf die Regierung, die sich anschickte, ihnen zu helfen und ihr Versagen damit auch noch zu legitimieren.

Motor dieses bizarren Zeitgeists ist eine neue Kaste aus der obersten Steuerklasse: die Beleidigten. Sie haben inzwischen eine erstaunlich große Anhängerschaft unter jenen Mittelständlern und lediglich Wohlhabenden gefunden haben, die sich so eine harte Linie eigentlich gar nicht leisten können.

Die Geburtsstunde dieser Kaste wurde am 29. Februar 2009 auf dem Wirtschaftsnachrichtensender CNBC live übertragen. Da stand der Reporter Rick Santelli auf dem Parkett der Chicagoer Börse und steigerte sich in einen Wutausbruch. Das staatliche Hilfsprogramm für Hauseigentümer, die ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten, sei "Belohnung von Fehlverhalten" und "eine Subvention der Kredite von Verlieren". Empört fragte er in die Runde der Börsenmakler: "Wer will hier für den Hauskredit seines Nachbarn aufkommen, der sich ein zweites Badezimmer geleistet hat und nun die Raten nicht mehr zahlen kann?" Voll in Rage rief er aus: "Wir leben hier in Amerika!"

Ähnlich zornig gebärdete sich der Vorkämpfer der Beleidigten Leon Cooperman, ein Investmentfonds-Gründer aus New Jersey. Der verfasst im November einen Brief an Barack Obama, der bald schon die Runde machte. Ausführlich erzählt er da von seiner Kindheit als Sohn eines Klempners in der Bronx, von seinem langen Weg in der Finanzindustrie, den er als verschuldeter Uniabsolventen antrat und nun als Multimilliardär abschließt. Was Obama mit seiner Rhetorik von den Armen und den Reichen und seinen Sozialprogrammen anrichte, sei nichts weniger als einen "Klassenkampf" anzuzetteln.

Heiliges Buch der Beleidigten ist Ayn Rands inzwischen viel zitierter Roman "Der Streik", der im Original viel treffender "Atlas zuckte die Schultern" heißt. Atlas, der Gott, der die Welt schultern musste, das sind all diejenigen, die Mitt Romney und die Beleidigten als die "Geber" der Gesellschaft ansehen. Mitt Romneys berüchtigte 47 Prozent der "Nehmer" sind die Last, die es durch ein Schulterzucken abzuwerfen gilt.

In Europa ist diese oft weinerlich vertretene Ideologie einer fundamentalistischen Meritokratie nur schwer nachvollziehbar, weil sie dem Verständnis von Gesellschaft und Staat grundlegend widerspricht. Die Solidargemeinschaft, für die man sich auch in Deutschland auf einen Kompromiss der Mittelmäßigkeiten, der hohen Steuern und relativ großen sozialen Sicherheiten eingelassen hat, ist heilig.

In Amerika aber ist der unermessliche Reichtum und Wohlstand an diesem Punkt fast ausschließlich aus eigener Kraft geschaffen. Noch nie war es in der Geschichte der Menschheit möglich, so schnell zu solchen Vermögen zu kommen wie in den Jahren 1997 bis 2008. In den meisten Fällen wurde dieser Reichtum keineswegs mit den traditionellen Methoden der Ausbeutung geschaffen. Finanzgeschick, Innovationsindustrien und Risikobereitschaft waren die Antriebskräfte. So wird Reichtum nicht als Privileg verstanden, sondern als Belohnung für harte Arbeit. Warum sollte man diesen Lohn nun mit den Heerscharen der Versager teilen, die sich nicht die Mühe gemacht haben, selbst zu etwas zu kommen?

Da aber schlägt jener Glaube durch, der ganz am Anfang der Geschichte der modernen Amerikas stand - der Calvinismus, der aus Europa in die neue Welt vertrieben wurde. Der geht (in groben Zügen) davon aus, dass der Mensch als Sünder geboren wird. Doch Gott belohnt die Tüchtigen. Und bestraft die Müßigen - Armut ist demnach selbst verschuldet. Dieses Credo schwelte schon immer in der amerikanischen Gesellschaft. Erst Franklin D. Roosevelt konnte diesen Urgedanken der freien Marktwirtschaft mit seinem "New Deal", seinem neuen Gesellschaftsvertrag nach der großen Depression, etwas bändigen.

Nun aber kehrt der Calvinismus mit aller Macht zurück. Mitt Romney mag Mormone sein, doch er steht mit seiner Biografie für genau diesen Grundsatz aus den Wurzeln der Nation. Auch wenn es nicht mehr Gott ist, der die Schuldfrage klärt: "Lasst die Versager versagen." Europäern sind solche Gedanken sehr fremd. Es sei denn, sie sollen gerade Griechenland und Spanien retten.

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