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"The Very Best" - Yoshua Alikuti. Nigerianische Satire auf Lil Wayne's "A Mili"-Video
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Vom neuen Typus der Revolutionäre
(Aus dem Feuilleton der SZ; von Andrian Kreye) Man bekommt im historischen Idyll des heutigen Mitteleuropa selten die Gelegenheit, gleich einen ganzen Konferenzraum voller Revolutionäre aus aller Welt zu treffen. Einer dieser seltenen Momente war vergangene Woche in der Orangerie im Potsdamer Park Sanssouci, als Revolutionäre aus Nordafrika, Asien und dem Balkan zusammenkamen. Die diskutierten im Rahmen des Sanssouci Colloquiums über die Rolle der digitalen Medien in der globalen Demokratiebewegung. Weil dieses Thema nur einen der zahlreichen Aspekte der Aufstände, Umstürze und Dissidenzen der letzten Jahrzehnte erfasste, wurde hier natürlich kein allumfassender Blick auf den Freiheitskampf des 21.Jahrhunderts geboten. Und doch präsentierte sich da ein neuer Typus, der sich vom romantischen Bild des Partisanen und Guerilleros der vergangenen drei Jahrhunderte klar verabschiedet.
Sucht man ein Gesamtbild, landet man bei so etwas wie dem aufgeräumten Revolutionär. Ohne den ideologischen Furor des letzten Jahrhunderts und ohne den falschen Glamour des bewaffneten Widerstandes ist der Freiheitskämpfer des 21. Jahrhunderts ein kluger Mensch mit dem kosmopolitischen Weltbild eines Großstadtintellektuellen und dem Organisationstalent eines Internetunternehmers. Hin und wieder ist er sogar beides. Vor allem aber verfügt dieser Freiheitskämpfer über die fast schon spirituelle Geduld des zivilen Widerstandes, die sich die gefährliche Euphorie und oft so tödliche Katharsis des bewaffneten Kampfes versagt.
Sami Ben Gharbia ist ein gutes Beispiel für diesen neuen Typus, ein 44-jähriger tunesischer Aktivist, der im Dresscode der digitalen Boheme auch gut ins Straßenbild der Berliner Mitte passen würde. Sein entspanntes Lächeln verbirgt, dass er die letzten zwölf Jahre nach abenteuerlicher Flucht im politischen Asyl in Holland verbrachte. Dort organisierte er das, was als 'Twitter Revolution' gilt, die Mobilisierung und Organisation der Massen über soziale Medien. Sein Blog Fikra und sein Webportal Nawaat spielten da eine wichtige Rolle.
Gharbia erzählt von der Revolution als einem Geflecht aus menschlichen, politischen und multimedialen Kräften, das nur dann den Sturz des Systems herbeiführen kann, wenn all diese Elemente ineinander greifen. Er kann das mit Flowcharts und Spreadsheets belegen, wie die Organigramme und Buchhaltungstabellen im Jargon der neuen Märkte heißen. Nur dass bei Sami Ben Gharbia am Ende nicht der Börsengang stand, sondern der Sturz des Diktators Ben Ali.
Die Rolle von Twitter in der Revolution relativiert sich da auch schnell. Ein dreieckiges Diagramm zeigt, wie stark die drei Ebenen der neuen Medienwelt voneinander abhängig sein müssen, um wirklich etwas zu bewegen. Die sozialen Medien schaufeln da nur Rohdaten in unübersichtlichen Mengen ins Netz. Blogger und Webportale sind die ersten Sortierstationen, bevor die traditionellen Medien die Flut in einen zeitgeschichtlichen Erzählfluss bündeln.
Auch wenn die digitalen Medien noch kein System gestürzt haben, sind sie doch Beschleuniger einer Dynamik, die es letztlich schon seit dem späten 18. Jahrhundert gibt - die Demokratisierung der Menschheit. Sicher wäre noch zu untersuchen, ob die digitalen Medien im Freiheitskampf eine ähnlich paradigmatische Rolle spielen, wie die massenhafte Verbreitung der Handfeuerwaffen. Dass hier also ein Machtinstrument in seiner Miniatur dem Volk verfügbar gemacht wird. Immerhin - das in den Entwicklungsländern so verbreitete Mobiltelefon Nokia 1100 gilt schon als 'Kalaschnikow der Handywelt'.
Syrien und vor allem Libyen sind sicher grausame Antithesen. Doch wenn die digitalen Medien eines gebracht haben, dann die Möglichkeit, einen gewaltlosen Widerstand stringenter zu organisieren. Dabei sind es weniger Mahatma Gandhi und Martin Luther King, die hinter dem Gedanken stehen, als die strategische Rechnung, dass jede Form von Gewalt wiederum Gewalt provoziert, was in der Eskalation die Kosten an Menschenleben und Zerstörung ins Unermessliche treiben kann.
In Potsdam war auch ein Mann, der solche Rechnungen mit dem kühlen Kopf des Unternehmers anstellen kann. Slobodan Djinovic ist in seiner serbischen Heimat mit seinen Telekomunternehmen zum Multimillionär geworden. Doch Geld ist nur Mittel. Der 36-Jährige war als Mitbegründer der Widerstandsbewegung Otpor am Sturz von Slobodan Milosevic beteiligt. Diese Erfahrungen sind nun Grundlage für den Lehrplan seiner Organisation Canvas.
Das Politikjournal Foreign Policy nannte das Institut mit Sitz in Belgrad 'Revolution U'. Djinovic und ein Lehrkörper von 15 Trainern mit eigener Revolutionserfahrung unterrichten hier Freiheitskämpfer aus aller Welt in der komplexen Organisation des unbewaffneten Widerstandes. Es ist ein mühseliger und oft langwieriger Weg vom Gedanken bis zum Ausbruch des Widerstandes auf den Straßen. Jahre kann es dauern, bis der Moment reif ist, die Massen zu mobilisieren. Sami Ben Gharbia gehörte zu Djinovics Studenten, außerdem Widerständler aus Georgien, Libanon, der Ukraine, den Malediven und vor allem aus der Bewegung des 6. April in Ägypten. Derzeit arbeiten sie mit Aktivisten in Syrien und Sudan.
Wie komplex der Widerstand sein kann, erzählt Fahty Abou Hata, Redakteur der ägyptischen Tageszeitung Al-masri Al-youm. Neben den unzähligen Problemen mit den anstehenden Wahlen und der Wirtschaft nähmen sich Revolutionäre nun die Stadtplanung vor. Mubarak habe den öffentlichen Raum aus Kairo einfach rausgeplant. Doch öffentlicher Raum sei die Voraussetzung für Freiheit und Demokratie. Da aber beginnt der unglamouröse politische Alltag nach dem Sieg der Revolution. Der Aufbau.
Will man den Begriff der Revolution nun streng nach Albert Camus definieren, ist der Freiheitskämpfer des 21. Jahrhunderts deswegen gar kein Revolutionär. Er kommt vielmehr dem Ideal des Menschen in der Revolte nahe, einem Rebellen, der nicht das eine durch das andere System ersetzen, sondern Freiheit schaffen will. Das allerdings wäre ein mächtiger Paradigmenwechsel, der Ideologie durch Ideale, Wut durch Vernunft und Gewalt durch Strategie ersetzen würde. Kein schlechter Anfang für das 21. Jahrhundert.
Ein erster Test steht an. Sihem Bensedrine, Aktivistin und Chefin des tunesischen Exilradiosenders Kalima, kann viel über die anstehenden tunesischen Wahlen am 23. Oktober erzählen. Von den 120 Parteien, den reichen Exilanten aus Libyen, den amerikanischen, britischen, französischen Interessen. Doch letztlich, sagt die elegante Dame aus Tunis, sei es egal, wer die Wahlen gewinnt. Es ginge nur darum, dass die Wahlen auch stattfinden. Vielleicht dreht ja bald jemand einen Film über die neuen Revolutionen. Der hätte schon einen Titel: 'Adieu idéologie'.
Abb.: Logo der ägyptischen Bewegung 6. April, das auf dem Logo von Canvas basiert
0 KommentareChefin des UN World Food Program, die während TED Global auch ein Interview zur Hungerkatastrophe in Afrika gab.
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(Von Andrian Kreye) Angesichts der Melange aus Aufbruchsstimmung, Zukunftsglaube, Optimismus und den Glauben an eine bessere Welt auf dem Ideenfestival der Ted-Konferenz in Edinburgh bleibt der Vergleich mit der jüngeren Geschichte nicht aus. Was sich da abbildet ist eine Art positiver Backlash gegen den Zynismus und Kulturpessimismus der neunziger und Nullerjahre. Was der Aufbruchsgeneration des 21. Jahrhunderts zum Glück fehlt sind die unangenehmen Seiten der 68er-Vorväter, die Besserwisserei, die esoterischen Verwirrungen und die ideologischen Verhärtungen. Und doch gibt es da einen unangenehmen Moment, der sich durch die Vorträge und Gespräche zog – die heimliche Sehnsucht nach einer Revolution, der Traum, dass die Aufbruchsstimmung in den Wissenschaften, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erneuerungen in den Schwellen- und Entwicklungsländern Teil eines radikalen Wandels sind.
Die Revolutionsromantik hat sich in diesem Jahr gerade auf der Ted Konferenz nicht nur in den Köpfen, sondern auch auf den Bühnen manifestiert. Immerhin sind gut über einhundert der 850 Teilnehmer und Sprecher aus jenen Ländern, in denen Revolution keine Metapher, sondern politische Realität sind. Ted spielt da mit seinen unabhängigen Tedx-Ablegern schon eine kleine Rolle, die vom Kernteam in New York weder geplant noch gesteuert war. Houssem Aoudi kann da Geschichten erzählen, ein junger Berater für digitale Strategien und der Veranstalter der beiden Tedx Carthage-Konferenzen in Tunis. Wenn er da etwas schüchtern auf dem Podium steht und berichtet, wie er mit Gleichgesinnten das Tedx-Format als neutrale Plattform fand, wie die Regierung nach der ersten der beiden Konferenzen im September vergangenen den Tedx-Sprecher und Blogger Slim Amamou verhaften ließ, der dann in der nachrevolutionären Regierung Minister für Jugend und Sport wurde, dann ist das einer der Momente, an denen man auch im klimatisierten Konferenzzentrum von Edinburgh den rauen Atem der Geschichte verspürt.

Es gab einige solcher Momente in diesem Jahr. Der Auftritt der jungen Chefredakteurin der englischsprachigen Yemen Times Nadia al-Sakkaf zum Beispiel. Die hatte ihren Posten von ihrem Vater und ihrem Bruder übernommen, die beide aus politischen Gründen ermordet wurden. Nun kämpft sie für einen modernen Jemen und versteht sich als Teil des arabischen Frühlings in ihrem Lande. Oder die Präsentation des Stars der französischen Street-Art-Szene JR. Der hatte mit seinem „Inside Out“-Projekt den Ted-Preis 2011 gewonnen. Seit 2004 sammelt JR Porträtfotos von Durchschnittsbürgern aus den sozialen Brennpunkten zunächst aus Paris, dann aus den Palästinensergebieten, afrikanischen Megacities und brasilianischen Favelas. Die bläst er zu Plakaten auf, die dann wiederum an den Orten der Fotografierten aufgehängt werden. Mit seinem Preisgeld verwirklichte er im Frühjahr ein Projekt in Tunesien, bei dem die allgegenwärtigen Propagandaporträts des geschassten Diktators Ben Ali mit solchen Plakatbildern tunesischer Normalbürger überklebt wurden.
Sicher bleibt die Revolution für die meisten der Ted-Teilnehmer eine Metapher. Trotz der Öffnung für einen jungen Dialog mit Entwicklungs- und Schwellenländern bezahlen die meisten Besucher der Ted-Konferenz immer noch fünftausend Euro für die Woche. Sie sind hier stellvertretend für eine Wohlstandsgesellschaft, die seit dem Mauerfall von einem verwirrenden Zeitalter der Umbrüche chronisch überfordert wird. Revolution ist die romantische Vorstellung von einem kathartischen Neuanfang. Auch wenn einer der Konferenzgäste, der New Yorker Medienwissenschaftler Clay Shirky, in seinem Essay „Thinking the unthinkable“ davor warnte, dass Revolution in der Geschichte vor allem das Ende einer Ära bedeutete, das nicht keine Kontinuität garantiert, sondern nur die Stunde Null.
Nun ist es eine historische Gnade, dass die politischen Revolutionen in der Wohlstandswelt seit dem 2. Weltkrieg kein Thema sind und die gesellschaftlichen Umwälzungen seit 1968 allerhöchstens marginal. Doch die technologischen und wissenschaftlichen Revolutionen reichen, um eine tiefe Unsicherheit zu erzeugen, die sich nach der Greifbarkeit einer traditionellen Revolution auf der Strasse sehnt.

Einer der Schlüsselsätze fällt im Vortrag des Videospiel-Pioniers Kevin Slavin, der sich mit der „Algoworld“ beschäftigt, der Welt der Algorithmen. „Wir schreiben Dinge, die wir nicht mehr lesen können“, sagt er. Die Algorithmen der Alltagswelt haben längst ihre eigene Dynamik entwickelt. Slavin erzählt von den zweitausend Physikern, die inzwischen an den Börsen der Wall Street beschäftigt sind, um das so genannte „Black Box Trading“ zu programmieren, das inzwischen 70 Prozent des Wertpapierhandels bestimmt. In Mikrosekunden tätigen da Algorithmen Käufe und Verkäufe mit enormem Volumen. Wie real die Auswirkungen dieser Algorithmenwelt ist, zeigt er an zwei sehr realen Phänomenen. In Manhattan laufen die Leitungen des Internets im „Carrier Hotel“-Gebäude an der Hudson Street zusammen. Weil der digitale Knotenpunkt aber eine knappe Meile von den Börsen der Wall Street entfernt sind, laufen die Algorithmen der Handelsinstitute mit acht Mikrosekunden Verzögerung. Das führte dazu, dass sich die ersten Investmentfirmen vom traditionellen Bankenviertel vom Süden der Insel in die Nähe des Carrier Hotels in Tribeca gezogen sind. Und um den Handel mit Chicago zu beschleunigen wird derzeit ein massiver Datenkorridor zwischen den beiden Städten gebaut. Ein monumentales Bauprojekt, das mit viele altmodischem Dynamit durch die Landschaft getrieben wird, und bald schon den transkontinentalen Algorithmenhandel um drei Mikrosekunden beschleunigen soll.
Da manifestiert sich eine beunruhigende Macht der digitalen Revolution, die ihr Echo in der beunruhigenden Geschwindigkeit der biotechnischen Revolution ihr Echo findet. Das Mooresche Gesetz der digitalen Revolution, nach der sich alle 18 bis 24 Monate die Leistungsfähigkeit der Rechner verdoppelt, hat die Gentechnik mit einem wissenschaftsgeschichtlichen Turboeffekt vervielfacht. Als Benchmark gelten da die Kosten für die Entschlüsselung eines kompletten Humangenoms, die in nur zehn Jahren von drei Milliarden auf 50.000 Dollar gefallen sind.
Die Designerin Daisy Ginsberg versucht dieser Revolution Herr zu werden. Mit ihrer Firma Synthetic Asthetic sucht sie nach Wegen, um die Kluft zwischen der wissenschaftlichen Revolution und dem Normalverbraucher zu überbrücken. Sie sucht derzeit nach einer Designsprache für die Biologie, eine Art Benutzeroberfläche, die aus der abstrakten Programmiersprache der Genetik eine nachvollziehbare Anwendung machen kann.

Gentechnische Designideen sind dann am Ende einer vollen Woche einer der Punkte, an dem jener Zustand eintritt, der im Konferenzjargon „Tedlag“ heißt. Wenn die Überfrachtung mit neuen Ideen Sättigungsgrenze erreicht hat, wenn die letzte Bekanntschaft mit einem Aktivisten aus Tunesien, einem Unternehmer aus China oder einem Wissenschaftler aus dem Silicone Valley gemacht ist, wenn die letzte Vision diskutiert wurde, übermannt einen eine mentale und soziale Erschöpfung, die eine Art intellektuelles Läuferhoch. Im Fazit war der Umzug von Oxford nach Edinburgh war für die europäische Ted-Konferenz nicht nur ein geografischer Neuanfang. Was fehlten waren die großen Namen, die Milliardäre, die Hollywood- und Rockstars, die Ted so gerne besuchen. Auch auf der Bühne gab es letztlich nur zwei wirklich bekannte Gesichter, die Schauspielerin Thandie Newton und der Bestsellerautor Malcom Gladwell (die beide außer Glamour nur Anekdotisches zu bieten hatten). Für die Rolle der Ted-Organisation als Gradmesser für den Puls eines Zeitgeistes und Katalysator für globale Dialoge ist das nicht das Schlechteste. Was wirklich bleiben wird von den Ideen und Visionen wird sich zeigen. Das aber ist keine neue Weisheit, sondern ein Zitat von Thomas Alva Edison aus dem frühen 20. Jahrhundert: „Genie besteht zu einem Prozent aus Inspiration und zu 99 Prozent aus Schweiß.“
Fotos: Thandie Newton; Nadia al-Sakkaf; Kevin Slavin; Ted Global Auditorium; by James Duncan Davidson / TED
0 Kommentare(Von Andrian Kreye) Reizüberflutung hat etwas Verführerisches. Und es gibt kaum eine Veranstaltung, die so virtuos mit der Reizüberflutung operiert wie die Ted Conference, das kalifornische Ideenfestival, dessen europäischer Ableger nun seit Montag in Edinburgh stattfindet. Will man die großen Linien in der Flut der rund zwanzig Vorträge und Performances finden, die jeden Tag auf der Bühne des großen Theatersaals ganze Bücher, wissenschaftliche Arbeiten oder Lebenswerke auf eine gute Viertelstunde komprimieren, ist es oft nur eine beiläufige Anmerkung, die einen auf die Spur bringt.
Wie die Beobachtung des Mathematikers und Wirtschaftsexperten Chris Meyer beispielsweise, dass die meisten technischen Innovationen oft nicht an den Orten ihre volle Wirkung zeigen, an denen sie entwickelt wurden. Meyers Theorie ist, dass Wohlstand eine Entwicklungsbremse sein kann. Technik entsteht an reichen Orten, die sich nur noch langsam entwickeln. Die Errungenschaften der industriellen Revolution im England des 19. Jahrhunderts - wie etwa die Eisenbahn - waren letztlich die Bedingung für den Aufstieg der amerikanischen Gesellschaft zur Supermacht des 20. Jahrhunderts. Ähnlich wie die Errungenschaften der digitalen Revolution aus den USA und Europa ihre eigentliche Wirkung derzeit in Asien, Afrika und der arabischen Welt entfalten. Meyer zeigte dazu Statistiken und Schaubilder. Die Zeit drängt bei so einem Ted Talk, und man muss zumindest optisch beweisen, dass die Behauptungen auf solidem Fundament stehen.

Auf was sich die Ted-Kuratoren bei dieser Reizüberflutung verstehen, ist, die Konferenz als Gradmesser für aktuelle globale Debatten zu konstruieren. Die aber werden immer öfter ohne die traditionellen Zentren in Europa und den USA geführt. Wie Yasheng Huang zeigte, der Politologe und Gründer des China and India Lab am Massachusetts Institute of Technology. Er vergleicht die Aufstiege der beiden Wirtschaftsmächte China und Indien zu ökonomischen Supermächten. China entwickelte sich bislang zweimal so schnell wie Indien. Woraus Huang schließt, dass es weniger Demokratie und Bürgerrechte als Bildung und die sogenannte Shanghai Theory of Economic Growth sind, die das Wachstum antreiben. Die Shanghai-Theory besagt, dass die Infrastruktur in Shanghai gerade deswegen so rapide wachsen konnte, weil sie auch gegen den Willen der Bevölkerung und auf dem umfassenden staatlichen Landbesitz gebaut werden konnte.
Solche Überlegungen sind einem europäischen Humanisten instinktiv zuwider - selbst wenn man bei der Shanghai-Theorie nicht gleich an Stuttgart 21 denkt. Als Yasheng auch noch erklärt, dass sich China selbst während der grausamen Jahre der Kulturrevolution besser entwickelt habe als das immer schon demokratischere Indien, windet sich mancher angesichts eines so kalten Wirtschaftspragmatismus. Weswegen Huang rasch noch einen Zusatz anfügt: Das chinesische Modell stoße gerade an Grenzen. China sei jetzt an dem Punkt angelangt, an dem es sich auch politisch reformieren müsse, um konkurrenzfähig zu bleiben. Denn nicht Infrastruktur, sondern soziales Kapital gewinne an Wert. Und das könne sich nur in Freiheit entwickeln.
Es mag keine Neuigkeit sein, dass sich die Welt derzeit fast überall schneller entwickelt als in Europa und Amerika. Man muss die Lage dort allerdings nicht gleich so pessimistisch betrachten wie der Historiker Niall Ferguson. Der formuliert die sechs Wettbewerbsvorteile des Westens zielgruppengerecht als die sechs 'Killer Apps': Konkurrenz, wissenschaftliche Revolutionen, Besitzrecht, moderne Medizin, die Konsumgesellschaft und eine hohe Arbeitsmoral hätten Europa und Amerika seit 1500 an die Spitze der Welt gebracht. Das aber ändere sich gerade. Die Arbeitsmoral zum Beispiel sei keineswegs eine Domäne des Protestantismus, wie Max Weber festgestellt habe. Vielmehr könne jede Gesellschaft eine kollektive Arbeitsmoral entwickeln. So arbeite ein Südkoreaner derzeit durchschnittlich eintausend Arbeitsstunden mehr pro Jahr als das bisherige Sinnbild für Fleiß und Ehrgeiz, der durchschnittliche Deutsche. Das sei, so Ferguson, nur einer der sechs historischen Vorteile, die der Westen langsam aufgebe, die nun andere Weltregionen für sich nutzten.
Die Ted-Konferenz hat diese Entwicklung in diesem Jahr besonders offensiv aufgenommen. Mit der Erweiterung der einstigen Elitentagung zur globalen Plattform hat sich der Einzugsbereich vervielfacht. Teilnehmer aus rund siebzig Ländern sind diese Woche angereist. Vor allem die unabhängigen Ted-Konferenzen haben sich zu einem weltweit gültigen Format entwickelt. Dieses Jahr sind in Edinburgh mehr als 100 solcher unabhängigen Veranstalter eingeladen, aus Ländern wie Afghanistan, Sudan und Indien. Ein nicht mehr ganz so junger Mann erzählt, dass er demnächst zum ersten Mal seit 33 Jahren in seine Heimat Irak zurückkehren werde. Weil er im amerikanischen Exil zwar nicht reich geworden sei, er aber nicht mit leeren Händen zurückkehren wollte, will er nun Ted Bagdad veranstalten.
Sicher muss man relativieren. Bei der Ted-Konferenz präsentiert sich der globale Wandel keineswegs als alles erfassende Welle der Geschichte. Die historischen Ebenen, auf denen sich der Wandel vollzieht, könnten nicht unterschiedlicher sein. Der Agrar-Aktivist Alexander Petroff erzählte etwa davon, wie er in Kongo Kleinbauern dazu bringt, sich zu profitablen Kooperativen zusammenzuschließen und ihre Felder nicht mit Hacken, sondern mit Ochsenpflügen zu bestellen.

Der einzig deutliche rote Faden, der sich durch die Vorträge zieht, ist der grundsätzliche Optimismus, dass sich jeder Wandel auch zum Guten wenden lässt. Selbst in den finstersten Nischen der Zeitgeschichte finden sich noch Hoffnungsschimmer. Die brasilianische Filmemacherin Julia Bacha erzählt von der Arbeit an ihrem Dokumentarfilm über das palästinensische Bauerndorf Budrus im Westjordanland. Sie zeigt Momente, in denen sich die Bauern aller Fraktionen zusammenschließen, und eine Szene, in der Fatah und Hamas die Waffen niederlegen, um gemeinsam mit israelischen Aktivisten im zivilen Widerstand den Bau der israelischen Antiterror-Mauer zu verhindern, die einem Dorf die Lebensgrundlage entziehen würde.

Da ist aber auch die Geschichte des ehemaligen Fundamentalisten Maahid Nawaz - ein pakistanischstämmiger Brite, der als Teenager in die Führungsriege der Islamistenorganisation Hizb ut-Tahrir aufstieg, weltweit Zellen aufbaute, in Ägypten verhaftet und gefoltert wurde und dann ausstieg. Nun bekämpft er als Co-Direktor des Quiliam-Thinktanks der britischen Regierung den Extremismus auf allen Seiten - und reist als Hoffnungsträger durch die Welt.
Wo verläuft in all diesem Reden über den Wandel die Grenze zwischen Hoffnung und Utopie? Das ist manchmal nicht so genau zu bestimmen. Aber genau darum wird es morgen gehen.
Fotos: Yasheng Huang; Julia Bacha; Mahid Nawaz; by James Duncan Davidson / TED
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Interview mit der Direktorin des UN World Food Programme Josette Sheeran, über die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika. Auch das Thema ihres TED Talks heute.
Interview with executive director Josette Sheeran about the emerging famine around the Horn of Africa.
What is the situation right now?
The hunger crisis at the Horn is equally devastating and affects even more people than the disasters we have seen last year in Haiti and Pakistan. We expect that we need to scale up our food assistance at the Horn from 6 million to up to 10 million people very soon and our partners need to rapidly expand operations at the same time.
What factors caused the hunger crisis?
The devastating drought afflicting the Horn of Africa region has left millions at the mercy of hunger, threatening the livelihoods of farmers and pastoralists, and putting the lives of hundreds of thousands of children at risk. Data shows that in many regions of Kenya and Ethiopia this is the driest or second driest year since 1950. In addition, desperate hunger is looming in the face of rising food prices and ongoing conflict in Somalia. Rising food prices mean that a 90-kilogram bag of maize, which cost 1,500 Kenyan shillings one year ago, now sells for 4,000 shillings - an increase of 160 percent.
What is needed most?
WFP is urgently scaling up the delivery of highly fortified, supplementary food products especially targeting the first 1000 days of life. We are working closely with governments and key partners, such as UNICEF, to ensure young lives are saved. As this devastating drought deepens, time is of the essence and WFP is appealing for urgent funding to cover a 40 percent shortfall in our US$477 milllion budget for operations in the Horn of Africa, including vital food for growing numbers of refugees in Kenya and Ethiopia. We also urge support for the longer term initiatives that will help communities living in the Horn of Africa to break out of the vicious cycle of drought and disaster. Such efforts in Uganda have helped to build resiliency there and require far less emergency action now.
Where do you purchase the actual aid?
Whenever possible, WFP is buying its food assistance on local markets. 80% of our purchased food is coming from developing countries. Purchases of almost US$ 1 billion a year contribute to agricultural investment in the developing world. By our “Purchase for Progress” (P4P) Programme we cooperate in this with more than 800.000 small scale famers worldwide, many of these from Horn of Africa countries such as Uganda, Kenya and Ethiopia.
What are the challenges doing aid work in a failed state like Somalia?
Security is the key challenge in countries like Somalia. WFP is one of the few agencies still present in the country, with 19 international and 145 national staff based in Somalia. WFP needed to withdraw from southern Somalia in 2010 because of threats to the lives of our staff. However, we are hopeful that operating conditions will allow us to return to southern Somalia as we are deeply concerned about the humanitarian needs of civilians living there.
What role can citizens and governments from G20 countries play?
Resources are thin and at the very moment that we should be ramping up operations, we had to scale back some programmes in Ethiopia and Somalia. It is essential that we move quickly to break the destructive cycle of drought and hunger that forces farmers to sell their means of production as part of their survival strategy. The deficit in our operation is amounting to € 140 Mio. for the second half of 2010. Protecting the brains and bodies of young children, and pregnant and lactating women is our top priority at the Horn of Africa, but we urgently need funding to do so.
Interview: Andrian Kreye Photos: AFP; UNWFP
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(Von Andrian Kreye) Unter den afrikanischen Fotografen, die seit gut eineinhalb Jahrzehnten in den europäischen und amerikanischen Kunstmetropolen gefeiert werden, ist der Südafrikaner Pieter Hugo derzeit sicher der bekannteste. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er seine Porträtstudien mit einem formal anachronistischen europäischen Gestus inszeniert. Egal, ob er Gaukler fotografiert, die mit gezähmten Hyänen durch Lagos ziehen, Schauspieler aus Nigerias Filmfabriken oder Behinderte, mit seinen klassischen Bildschnitten und dem unjournalistischen Blick des Porträtisten verlieh er seinen Subjekten eine altertümliche Würde, die den konservativen Erwartungshaltungen des europäischen und amerikanischen Publikums entgegenkam.
Sieht man genau hin, hat es Hugo seinen Betrachtern nie so leicht gemacht. Letztlich sind seine Porträts in mehreren Ebenen gebrochene Studien eben dieser Erwartungshaltungen. Dass sich ein weißer südafrikanischer Fotograf, der bei Nelson Mandelas Amtsantritt im Jahre 1994 18 Jahre alt war, nicht einfach darauf einlassen würde, Erwartungshaltungen zu bedienen, die letztlich im neokolonialen Moralgeheuchel liberaler Schuldgefühle in den Wohlstandsländern wurzeln, war zu erwarten. So deutlich wie mit seinem neuen Band ,,Permanent Error‘‘ hat Hugo diese Erwartungen allerdings noch nie angegriffen.

Die Bilder entstanden auf der Mülldeponie Agbogbloshie Market in Accra, der Hauptstadt von Ghana. Auf Agbogbloshie landet all jener Wohlstandsmüll, der das Wirtschaftswunder der digitalen Revolution antreibt, all jene Produkte also, deren Haltbarkeit mit Systemerneuerungen und Sollbruchstellen auf wenige Jahre begrenzt wird - Handies, Computer, Unterhaltungselektronik. Zwischen den giftigen Schwaden der Müllfeuer versuchen die Lumpensammler von Agbogbloshie, Rohstoffe aus dem verseuchten Müll zu retten. Eine dreiseitige Liste mit den chemischen Kürzeln dieser Gifte und Rohstoffe schafft zu Beginn des Buches den Kontext der Anklage.
Hugo kehrt mit dieser Arbeit zu seinen Wurzeln zurück. In seinen ersten Studien über Opfer der Aids-Seuche und über Behinderte hinterfragte er ganz direkt die Gesellschaft seiner eigenen Heimat. Dann erst entwickelte er jenen Blick, der die eigentliche Qualität und die Vielschichtigkeit seiner Arbeit ausmacht. Als weißer Südafrikaner, für den der Kampf gegen die Apartheid vor allem eine Kindheitserinnerung ist, gehört Pieter Hugo jener Zwischengeneration an, die zu Beginn der Ära Mandela erstmals den Blick aus dem einst hermetischen Schurkenstaat am Kap auf den eigenen Kontinent zu richten begann.

Dieser Blick war eigen, weil er eine Außenansicht des Kontinents zeigte, die eben nicht aus der kolonialen Perspektive hervorgeht, sondern auf der einzigartigen Geschichte Südafrikas fußt. Das liefert auch die komplexen Ebenen, hinter der Sozialkritik der Müllkippenbilder. Doch bleibt letztlich die Sozialkritik der Kern der Arbeit. Und gerade in der politischen Direktheit entwickelt Pieter Hugo neue Wucht.
Fotos: Pieter Hugo aus PIETER HUGO: Permanent Error. Prestel Verlag, München, 2011. 128 Seiten, 39,95 Euro.
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Der südafrikanische Fotograf Pieter Hugo hat ein neues Buch fertiggestellt. Nach seiner legendären Arbeit über die Hyänenmänner und seinem Buch über Nollywood war er nun auf einer Kippe für Technikmüll in Ghana.
Ausserdem hat er bei einem Video des südafrikanischen Rappers Spoek Mathambo Regie geführt, der gerade Joy Divisions "Control" gecovert hat:
SPOEK MATHAMBO - CONTROL from spoek mathambo on Vimeo.
Fotos: Pieter Hugo