0 KommentareDer darf das…
. . . aber sonst niemand: Wie der alte „Steely Dan“ Donald Fagen mit großer Ironie das nicht sehr coole Genre des Jazzrock rettet
(Von Andrian Kreye) Wenn Donald Fagen auf seinem neuen Album „Sunken Condos“ (Reprise) eine Coverversion von Isaac Hayes’ Funk-Klassiker „Out Of The Ghetto“ einspielt, dann hat das etwas Niederträchtiges, weil er damit nicht nur den White Funk auseinandernimmt, sondern letztlich sich und seine Zuhörer bloßstellt. White Funk war dieses breitbeinige Gepose weißer Musiker, die sich an den scharfkantigen Gitarrenriffs und aufwallenden Bläsersätzen schwarzer Bands versuchten, und manchmal sogar die breitkrempige Zuhältermode des Genres nachäfften.
Als das Phänomen für kurze Zeit auftauchte, war Donald Fagen mit seiner Band Steely Dan noch ein Rockstar. Das ist weit über dreißig Jahre her. An die White-Funk-Bands wie Wild Cherry, Tower of Power oder die Average White Band erinnert sich heute kaum noch jemand. Aber letztlich war White Funk der Vorläufer jener Hip-Hop-Posen, die einem bei weißen Erwachsenen – Yo, man! – schnell den kalten Schweiß der Fremdschämens den Nacken hinuntertreiben.
Nun kann man die Geschichte der Popmusik mit etwas bösem Willen sowieso als endlose Umkehrung der Minstrel-Shows interpretieren, bei denen sich weiße Schauspieler Ende des 19. Jahrhunderts schwarz anmalten, um sich dann über die „dumb Negroes“ lustig zu machen. Popmusik war immer vom Bewunderungsmoment des Philorassismus geprägt. Weiße Stars betrachteten schwarze Kultur immer als eine Art unerschöpfliche Energiequelle, egal ob sich Frank Sinatra die Inbrunst der Swing-Orchester aneignete, Elvis Presley sich am Hüftschwung der Juke-Joint-Tänzer verging, die Rolling Stones im Blues-Schema wilderten, The Clash den jamaikanischen Rock Steady adaptierten, oder die gesamte Boy- und Girlgroup-Kultur von den Spice Girls bis Justin Bieber im Blue Eyed Soul den Notausgang aus der Bubblegum-Falle fanden. Wenn Donald Fagen „Out Of The Ghetto“ spielt, stellt er aber nicht nur den kulturkolonialen Reflex des Pop, sondern auch sich und seine Hörer in Frage.
Das Original erschien 1977 auf Isaac Hayes Album „New Horizon“, auf dem er seinen übersexualisierten Protofunk ins Extrem trieb, den er mit dem Wah-Wah-Gitarrenmotiv im Titelsong des Blaxploitation-Filmes „Shaft“ geschaffen hatte. „Out Of The Ghetto“ brachte das Dilemma eines neuen schwarzen Mittelstandes auf den Punkt: „Ich kann dich aus dem Ghetto rausholen, aber ich kann das Ghetto nicht aus dir rausholen“, hieß es da im Refrain. Da ging es um authentische Identität im Widerspruch zu Sehnsucht nach Bürgerlichkeit, dieses ganze „Black Studies“-Ding eben, das sich seit James Brown durch die schwarze Musik zieht.
Wenn das allerdings kein schwarzes Sexsymbol auf dem Höhepunkt seiner Black-Power-Phase singt, sondern ein alternder weißer Ex-Rockstar, wird aus dem Dilemma zuerst einmal eine sinistre patriarchalische Pose. Blaxploitation-Riffs und erotomanischer Grundrhythmus werden dann wieder zu dem, was sie vor dreißig Jahren schon mal waren – das musikalische Äquivalent zu einem breitkrempigen Pimp-Hut mit Federn. Der war bei Isaac Hayes Insigne, bei weißen Musikern Verkleidung.
Auf „Sunken Condos“ haben solche Referenzen nichts mit Retrokultur und sehr viel mit der beißenden Ironie von Donald Fagen zu tun. Das gilt für die White-Funk-Motive, die in jedem der neun Songs aufblitzen. Die Akzente auf dem Clavinet, dem elektrischen Cembalo, das einst Markenzeichen Stevie Wonders war. Die Bläserspitzen. Die Akkordteppiche auf dem warmen Fender Rhodes-Piano. Das alles gehört bei ihm einerseits zum musikalischen Handwerk. Wenn es aber dann doch mal etwas linkisch gerät, wie das eben so ist, wenn sich weiße Musiker an schwarzen Formen versuchen, dann lässt er das andererseits ganz bewusst so stehen.
Auch in den Texten hat Donald Fagens gallige Ironie nie vor ihm selbst Halt gemacht. Über das klassische Popmotiv des Abschiedschmerzes singt er in „I’m Not The Same Without You“: „ Seit du weg bist, ist es, als ob jemand die Sterne wieder angeknipst hätte“. Mit „Slinky Thing“ und „Memorabilia“ macht er sich über das Altern lustig. So vordergründig leicht wie mit „Out Of The Ghetto“ macht er es einem allerdings nicht mehr. Man weiß nie, aus welcher Richtung er den nächsten Hieb setzt.
Warum man Donald Fagen seine Galligkeit schon immer verziehen hat, sind Songs wie „Miss Marlene“ oder „Good Stuff“, die allesamt von einem Steely-Dan-Album jeder beliebiger Phase stammen könnten. Die haben diese Qualität, die der Regisseur Stephen Frears in seiner Verfilmung des Nick-Hornby-Romans „High Fidelity“ so kongenial inszeniert hat.
Da steht Rob in seinem Plattenladen und flüstert seinem Kumpel zu, er werde jetzt gleich fünf Platten verkaufen. Dann legt er einen Song auf, bei dem jeder der Kunden unwillkürlich anfängt mit irgendeinem Ende seines Körpers zu wippen, die Mienen entspannen sich, die Haltungen werden lässiger. Und jeder will wissen, was das denn für ein grandioser Song sei, der da gerade läuft.
Dieses Genre des subtilen Ohrwurms, der nicht über die Melodie und nicht über den Beat, sondern rein über die Jazz-geschulte Backbeat-Lässigkeit der Gesamtstruktur funktioniert, beherrschte Donald Fagen schon immer in Perfektion. Bei Steely Dan und auf Fagens Soloplatten wurzelte das immer in der Schnittmenge zwischen Jazzrock und Songwriter-Pop, die Mitte der Siebziger Jahre von Fagen, aber auch von Paul Simon, Bozz Scaggs oder Michael Franks gefunden wurde. So richtig cool war das nie, eher die Verramschung des Jazz im Softrock. Die Hintertür über die Ironie, mit der man das Genre aus der retten kann, hat allerdings nur Donald Fagen gefunden.
Foto: Warner Brothers
Keine Kommentare »
Noch keine Kommentare
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL



