0 KommentareUrvater der Erstanwender

Vor 50 Jahren erschien '007 jagt Dr. No', der erste James-Bond-Film. Damals traf er den Nerv einer urbanen, hedonistischen Nachkriegsgeneration. Doch was bleibt von seinem Erbe?
(Von Andrian Kreye) Den Kalten Krieg hat James Bond dann doch nicht gewonnen. Das waren (je nach Interpretation) Ronald Reagan, Mathias Rust oder die Montagsdemonstranten von Leipzig. Dabei gehörte es bis zum Wendejahr 1989 zu den wichtigsten Aufgaben des Agenten 007, die Welt vor dem Atomkrieg zu bewahren. Auch wenn das russische Amt für Spionageabwehr Smersh aus den Romanvorlagen fürs Kino gegen die sinistre Weltverschwörungsorganisation Spectre ausgetauscht wurde. Aber das war Programm. Politik hat James Bond noch nie interessiert.
Fünfzig Jahre ist es nun her, dass der erste Bond-Film '007 jagt Dr. No' am 5. Oktober 1962 im London Pavilion am Picadilly Circus Premiere hatte. Die meisten männlichen Erwachsenen der westlichen Welt in der werberelevanten Zielgruppe zwischen 18 und 49 sind heute längst selbst hochgebildete, vergnügungssüchtige, konsumgeile, eitle Großmäuler. Deswegen ist es schwer nachvollziehbar, dass die Figur des James Bond damals eine gesellschaftliche Vorreiterrolle einnahm und sein wahres Erbe eben nicht die Bewahrung des Weltfriedens war, sondern vielmehr ein Befreiungsschlag mit Rundumwirkung.
1962, als James Bond auf dem Karibikeiland Crab Key mit der halb nackten Ursula Andress als Honey Ryder in das Hauptquartier des Dr. No eindrang, um dort die gesichtslosen Horden seiner Handlanger mit lässiger Geste auszuschalten, gehörten Bikinimädchen mit mangelndem Schamgefühl und zweideutigen Künstlernamen noch in die Unterhaltungskategorie, die man verschämt 'Burlesque' nannte. Diese Koketterie mit Pornografie und Gewalt, die sich in den nächsten Jahrzehnten mit jedem der Bond-Filme sanft steigern sollte, war ein ganz bewusster Verstoß gegen die Regeln des Anstands und der Moral. Denn nur als brachialer Verführer und Killer konnte Bond das Neuland erobern, das für gestandene Männer bis dahin als Tabu gegolten hatte: kosmopolitische Bildung, Mode, Konsum und Stilbewusstsein.
Solche Privilegien galten in einer Gesellschaft, die zwei Weltkriege und eine globale Wirtschaftskrise hinter sich gebracht hatte, als feminin und dekadent. James Bond sollte aber ganz bewusst den Nerv einer jungen, urbanen Generation treffen, die nun die Spaßdividenden der Wirtschaftswunder einlösen wollte und es nicht eilig damit hatte, das immer reichlicher verfügbare Einkommen in der Suburbia mit einer Familie zu teilen.
Das Verhältnis von Sex und Gewalt in den Bond-Filmen war dabei ein wichtiger Faktor. Die Gewalt hatte weder den existenzialistischen Stachel des Film noir, noch den triumphalistischen Gestus jener Actionfiguren, wie sie später Sylvester Stallone oder Bruce Willis verkörpern sollten. Jede der meist zufälligen Tötungen im ersten und zweiten Akt waren jedoch von einer solch lapidaren Lässigkeit, dass sie der Erobererfigur eine letztgültige Aura der Männlichkeit verliehen. Der Sex aber diente vor allem dazu, die femininen Seiten des hemmungslosen Hedonismus auszugleichen. War der Archetyp des stilbewussten Junggesellen bis dahin noch ein Code für Homosexualität, so war die Vielweiberei des James Bond nicht nur ein Bruch mit der Moral der Vätergenerationen, sondern ein sich ständig bestätigender Beweis der Männlichkeit. Und wer konnte das perfekter darstellen, als der kantige, haarige Sean Connery?
Dass der seine Eroberungen und Abenteuer mit einem unerschütterlichen Sinn für Ironie durchstand, bekräftigte nur noch den Bruch mit der jüngsten Vergangenheit. Ironie, so schrieb der Kulturkritiker Paul Fussell in seinem epochalen Werk über den Ersten Weltkrieg, war ein Produkt der Schützengräben und Großstädte Europas, in denen die lächelnde Arroganz einer der wenigen Auswege aus dem Grauen war. Sie blieb von da an immer der perfekte Rückzug aus dem Kampf, auch wenn er nur gegen die Widrigkeiten des Großstadtlebens geführt wurde. James Bond legte stellvertretend für die neue Generation der Kosmopoliten das Grauen und die Ernsthaftigkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den Akten. Und man wusste ja bald, was 007 von Akten hielt.
Mit einer solch durchgestählten Männlichkeit konnte sich James Bond hemmungslos seiner Lust am Konsum hingeben. Exotische Reiseziele waren in einer Zeit, in der sich das europäische Publikum grade langsam die Badestrände des Mittelmeeres eroberte und nur zwei Prozent der Amerikaner ihr Land ohne Auftrag verlassen hatten, ein unanständiger Luxus. Bonds exquisiter Geschmack in Mode und Alkoholika galt nach einer Zeit der Entbehrungen nur als frivol. Doch es waren vor allem die allerneuesten Sportwagen, die Technospielereien und Geheimwaffen, die ihn zu einem Urvater der Erstanwender machten. Sein ewiges Beharren, dass man ihm den Martini geschüttelt und nicht gerührt servieren sollte, war dabei so etwas wie der Leitspruch für jenes Distinktionsbürgertum, das Pierre Bourdieu als die neue 'petite bourgeoisie' bezeichnete. Geschmack wurde zum Synonym für Prestige und damit zum Motor des Konsums. Da führt die Linie vom kugelsicheren Aston Martin ganz direkt zum iPhone 5.
Nun gehörte James Bond nicht alleine zur Avantgarde. Das 'Rat Pack' von Las Vegas um Frank Sinatra und Dean Martin hatte das stilvolle Lotterleben schon längst gegen die kleinbürgerliche Moral in Stellung gebracht. Die Zeitschrift Playboy hatte dem Männerkonsum mit den Bunnys das gebotene Testosteronumfeld geschaffen. Ganz so unverfroren propagierte James Bond seinen Hedonismus ja nicht. Immerhin hatte er den Weltfrieden als universale Legitimation zu bieten. Da liegt dann vielleicht auch der einzige politische Kern der Reihe - der Sieg des kapitalistischen Spaßes über die Tristesse des Sozialismus.
Mitte der Siebzigerjahre hatte sich die Figur des rebellischen Hedonisten dann schon abgenutzt. Roger Moore war bald nur noch die Karikatur dieses Archetyps. Mit jedem Schauspielerwechsel wurde die Bond-Serie immer deutlicher zum reinen Kintopp. Bis Daniel Craig ins Bild kam, der erste humorlose Bond, der Schmerzen erleiden und Angst zeigen darf. Der unterscheidet sich kaum noch von den modernen Actionhelden wie Ethan Hunt oder Jason Bourne. Dem Zeitgeist ist Craigs Bond damit wieder sicher auf der Spur. Die Zeiten sind hart und ernst. Und gerade deswegen sehnt man sich einen Helden zurück, dessen größtes Problem der inkorrekte Einsatz eines Rührstäbchens ist.
Video: Adeles Titelsong für den nächsten James Bond "Skyfall"
Foto: Luciana Paluzzi und Sean Connery in ´James Bond 007 - Feuerball`"; Morgan
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