2 KommentareVom Leben unter Drohnen

Wenn Kriegsmaschinen autonom handeln, brauchen sie einen eigenen Moralkodex - die 'Roboethics'
(Von Andrian Kreye) Der Traum vom sauberen, gerechten Krieg sieht so aus: Ein Kampfroboter spürt zu Lande, Wasser oder aus der Luft den mörderischen Akteur einer Terrororganisation oder einer feindlichen Truppe auf, identifiziert ihn und tötet ihn mit einem gezielten Schuss. Mögliche Kollateralschäden - äußerst gering. Risiko für die eigene Truppe - null. Programmiert man den Kampfroboter zusätzlich mit dem Regelwerk der Genfer Konventionen, hat man den bestmöglichen Soldaten gefunden. Der macht keine Fehler, kennt keine Angst, keine Erschöpfung und vor allem keine Emotionen. Diese Kämpfer sind natürlich längst im Einsatz - amerikanische Drohnen vom Typ Predator (Raubtier) und Reaper (Sensenmann), die über Jemen und dem Irak, über Somalia, Libyen, Afghanistan und vor allem Pakistan eingesetzt werden. Geht es nach dem Wehrbeauftragten des Bundestags, Hellmut Königshaus, verfügt auch die Bundeswehr bald über solche bewaffneten Flugkörper.
Eine Studie, die am vergangenen Dienstag gemeinsam von der Stanford und der New York University veröffentlicht wurde, will nun das Idealbild vom chirurgisch präzisen Drohnenkrieg zerschlagen. Für die Arbeit mit dem Titel 'Living under drones' (Unter Drohnen leben, im Netz abrufbar unter der Webadresse http://livingunderdrones.org) sprachen die Rechtswissenschaftler Sarah Knuckey und James Cavallero in Pakistan mit Bewohnern der Haupteinsatzgebiete der Drohnen in den Stammesgebieten von Wasiristan, mit Augenzeugen der Angriffe und mit Angehörigen von Einsatzopfern.
In ihrem ausführlichen Bericht erzählen sie von zahllosen Angriffen auf Zivilisten, vor allem von einer 'Wolke der Angst', die über den Stammesgebieten laste. Rund um die Uhr wären die Drohnen im Tiefflug unterwegs, meist nur für Aufklärungsmissionen, doch niemand wisse, wann und wo die omnipräsent surrenden Flugkörper ihre Zielvorrichtung gen Boden senken und eine ihrer Hellfire-Raketen abschießen.
3300 Tote gab es seit 2004 vermutlich, die meisten Zivilisten, davon 176 Kinder. Vor allem aber würden die Drohnen nach dem 'Double tap'-Strategie vorgehen, also auf ein schon getroffenes Ziel einen zweiten Angriff fliegen, um Nothelfer abzuschrecken. Das aber ist eine Taktik des Terrors. Kein Ort sei in Wasiristan verschont geblieben. Die 800000 Bewohner der Region seien nachhaltig traumatisiert. Viele trauten sich nicht mehr aus dem Haus, schickten ihre Kinder nicht mehr in die Schule, nähmen nicht mehr am Leben teil.
Die Studie greift nun mit der gesamten Wucht der Kriegswirklichkeit in eine obskure Ethik-Debatte ein, die in den vergangenen Jahren vor allem von akademische Zirkeln an technischen Universitäten und in den Forschungsinstituten der amerikanischen Streitkräfte und Geheimdienste geführt wurde. Einer der Grundlagentexte zum Thema erschien 2009 bei einem Fachverlag für naturwissenschaftliche Nachschlagewerke unter dem Titel 'Governing Lethal Behaviour in Autonomous Robots'. Verfasser war der Robotikforscher Ronald C. Arkin von der Technischen Universität in Georgia. Der suchte in diesem Buch nach Antworten auf die Fragen, welche die jüngsten Generationen von Robotern aufwerfen, die nicht mehr ferngesteuert agieren, wie die Drohnen, sondern mithilfe von Sensoren und Algorithmen ihre Mission quasi eigenständig ausführen.
Solche Roboter, so Arkin, könnten gerade im Kampfeinsatz dem Menschen überlegen sein, weil sie streng nach den vorgegebenen Regeln handeln. Sein Schlüsselerlebnis hatte der Forscher 2005, als er während eines Forschungsprojekts für das Militär das Video der Bordkamera eines Kampfhubschraubers ansah. Da nahm der Schütze über einer Landstraße im Irak drei feindliche Kämpfer ins Fadenkreuz. Zwei starben bei der ersten Salve. Der Dritte schleppte sich verletzt in die Deckung eines Lastwagens. Der Schütze zögerte kurz, doch der Kommandant befahl ihm, auf den Verwundeten zu feuern. Der Vorfall war ein klarer Verstoß gegen das Kriegsrecht, welche das Töten eines Kampfunfähigen verbietet. Nur ein Roboter wird in so einem Fall korrekt handeln, so Arkin. Deswegen hat er nun Algorithmen erstellt, die Kampfroboter nach einem ethischen Regelwerk programmieren.
Arkin ist nicht der Einzige, der sich mit dem neuen Feld der 'Roboethics' beschäftigt. Der Philosoph Patrick Lin hielt vor einer Entwicklungsabteilung der CIA einen viel beachteten Vortrag, in dem er vor den vielen ethischen und rechtlichen Überraschungen warnte, die in den 'Roboethics' auftauchen würden. Der Robotikforscher Gianmarco Veruggio prägte den Begriff für ein Symposium, das 2004 in San Remo stattfand. Dabei stellte sich heraus, dass die laufenden und künftigen technischen Entwicklungen die ethische Bewertung von Robotern gar nicht so einfach machen.
Sind Roboter nur Maschinen, unterliegen sie der klassischen Ethik, da sie nur Werkzeuge sind. Verlängern und verbessern sie das Wirken von Menschen jedoch, bekommen sie eine ethische Dimension, da reicht das traditionelle Regelwerk schon nicht mehr aus. Sind sie jedoch moralische Agenten, wozu sie nicht unbedingt einen freien Willen brauchen, müssen neue Parameter für ihr Handeln gefunden werden. Noch in der Zukunft liegt dagegen die Annahme, Roboter seien eine neue Spezies. Da kommt die Idee von der 'Singularity' ins Spiel, einer Art technologischem Erweckungsmoment, wenn Maschinen so weit entwickelt sind, dass sie eine eigene Intelligenz, und bald auch eine eigene Moral und Ethik entwickeln. Die, so glauben viele Anhänger dieser Idee, seien den Menschen wahrscheinlich überlegen.
Da ist man dann schnell bei den Robotergesetzen des Science-Fiction-Schriftstellers Isaac Asimov. Der hatte 1942 in seiner Kurzgeschichte 'Runaround' drei 'Grundregeln des Roboterdienstes' aufgestellt: Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen - es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.
Der Kern, der in diesen Robotergesetzen steckt, ist aber weniger Science-Fiction als die Sehnsucht nach einem Urzustand der ethischen Unschuld, den der Philosoph Jean-Jacques Rousseau Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Idealbild vom edlen Wilden beschwor. Wenn wir als Menschen neue mechanische Wesen schaffen, warum nicht von den eigenen Fehlern lernen?
Nun sind Kampfroboter, wie sie sich Ronald Arkin vorstellt, schon einmal ein fauler Kompromiss, weil sie nur den Angreifer vor Verletzung schützen. Nach momentanem Stand der Technik gilt überhaupt nur das zweite Robotergesetz - Maschinen und Computer tun ausschließlich das, was ihnen ein Mensch befielt. Noch lernen sie nicht von sich selbst, sondern nur von den Arbeitsabläufen, die ihnen befohlen wurden. Überhaupt stellt sich die Frage - kann es einen Moment der Singularity überhaupt geben? Werden die viel beschworenen Algorithmen nicht genau da an ihre Grenzen stoßen, wo das menschliche Gehirn den freien Willen, das eigenständige Denken und das Gefühl entwickelt hat?
Die Roboterethik wird so schnell keine Antworten finden. Dafür entwickelt sich die Technologie zu schnell. Die Studie über die Einsätze in Pakistan will auch gar nicht so grundsätzlich argumentieren, sondern vor allem die amerikanische Öffentlichkeit aufrütteln. Und doch stellt sie eines schon klar - im Krieg bleibt Ethik reine Theorie.
Mehr Material unter http://livingunderdrones.org/
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Der erste "Mensch", der eine willkürliche Grenze zwischen den Menschen gezogen hat ("ich Jude -- Du Muslim!"), hat ein noch schlimmeres Verbrechen begangen als jener Rousseausche "Mensch", der zum Zwecke seines Landbesitzes einen Pflock in den Erdboden gerammt hat...
Das erfolgreichste Mem („Ideologie“) aller Zeiten war wohl die „jüdische Kultur“, denn von ihr hängen alle modernen Kulturen ab: Christen, Muslime, Protestanten, Kapitalisten, Kommunisten, Marxisten, Nazis, Hollywood, etc. -- und keiner merkt, dass er ein Sklave dieser 2000jährigen dummen jüdischen Tradition ist.
Darum: Durchbrecht diesen jahrtausendealten Teufelskreis und seid nicht mehr die Sklaven dieser dummen „jüdischen Tradition“ („Juden“ > „Christen“ > „Marxisten“ > „Nazis“ etc.).
"Ich habe schon genug mit meinem Menschsein zu tun. Warum muss ich denn auch noch Franzose und Calvinist (etc.) sein?" (Michel de Montaigne). Wenn also jemand behauptet,
er sei "Jude" oder "Deutscher" (etc.), so ist er letztlich "selber schuld" − oder hat einfach den Montaigne (16.Jh.) nicht gelesen...
Comment by samy — Oktober 1, 2012 @ 22:13
Die Grenzen verwischen hier immer mehr. Fakt ist, dass aktuell Kampfdrohnen ganz oben auf der Wunschliste von zahlreichen Staaten stehen. Hierzu gehört auch die Entwicklung von Mini-Bomben und die Ausstattung von Aufklärungsdrohnen mit Waffen. Hier ist es nur noch eine Frage der Zeit bis zahlreiche Staaten diese Waffen verfügen.
Zusätzlich gibt es in den USA auch Entwicklungen die Kampf-Bodentruppen auch mit kleinen Drohnen (z.B. Switchblade) auszustatten, so dass sie mit Falle eines Hinterhaltes gleich zurückschlagen können.
Comment by Thomas — Juni 8, 2013 @ 03:35