26.09.12 | 20:44 | 1 Kommentar

Vom Leben unter Drohnen







Wenn Kriegsmaschinen autonom handeln, brauchen sie einen eigenen Moralkodex - die 'Roboethics'

(Von Andrian Kreye) Der Traum vom sauberen, gerechten Krieg sieht so aus: Ein Kampfroboter spürt zu Lande, Wasser oder aus der Luft den mörderischen Akteur einer Terrororganisation oder einer feindlichen Truppe auf, identifiziert ihn und tötet ihn mit einem gezielten Schuss. Mögliche Kollateralschäden - äußerst gering. Risiko für die eigene Truppe - null. Programmiert man den Kampfroboter zusätzlich mit dem Regelwerk der Genfer Konventionen, hat man den bestmöglichen Soldaten gefunden. Der macht keine Fehler, kennt keine Angst, keine Erschöpfung und vor allem keine Emotionen. Diese Kämpfer sind natürlich längst im Einsatz - amerikanische Drohnen vom Typ Predator (Raubtier) und Reaper (Sensenmann), die über Jemen und dem Irak, über Somalia, Libyen, Afghanistan und vor allem Pakistan eingesetzt werden. Geht es nach dem Wehrbeauftragten des Bundestags, Hellmut Königshaus, verfügt auch die Bundeswehr bald über solche bewaffneten Flugkörper.

Eine Studie, die am vergangenen Dienstag gemeinsam von der Stanford und der New York University veröffentlicht wurde, will nun das Idealbild vom chirurgisch präzisen Drohnenkrieg zerschlagen. Für die Arbeit mit dem Titel 'Living under drones' (Unter Drohnen leben, im Netz abrufbar unter der Webadresse http://livingunderdrones.org) sprachen die Rechtswissenschaftler Sarah Knuckey und James Cavallero in Pakistan mit Bewohnern der Haupteinsatzgebiete der Drohnen in den Stammesgebieten von Wasiristan, mit Augenzeugen der Angriffe und mit Angehörigen von Einsatzopfern.

In ihrem ausführlichen Bericht erzählen sie von zahllosen Angriffen auf Zivilisten, vor allem von einer 'Wolke der Angst', die über den Stammesgebieten laste. Rund um die Uhr wären die Drohnen im Tiefflug unterwegs, meist nur für Aufklärungsmissionen, doch niemand wisse, wann und wo die omnipräsent surrenden Flugkörper ihre Zielvorrichtung gen Boden senken und eine ihrer Hellfire-Raketen abschießen.

3300 Tote gab es seit 2004 vermutlich, die meisten Zivilisten, davon 176 Kinder. Vor allem aber würden die Drohnen nach dem 'Double tap'-Strategie vorgehen, also auf ein schon getroffenes Ziel einen zweiten Angriff fliegen, um Nothelfer abzuschrecken. Das aber ist eine Taktik des Terrors. Kein Ort sei in Wasiristan verschont geblieben. Die 800000 Bewohner der Region seien nachhaltig traumatisiert. Viele trauten sich nicht mehr aus dem Haus, schickten ihre Kinder nicht mehr in die Schule, nähmen nicht mehr am Leben teil.

Die Studie greift nun mit der gesamten Wucht der Kriegswirklichkeit in eine obskure Ethik-Debatte ein, die in den vergangenen Jahren vor allem von akademische Zirkeln an technischen Universitäten und in den Forschungsinstituten der amerikanischen Streitkräfte und Geheimdienste geführt wurde. Einer der Grundlagentexte zum Thema erschien 2009 bei einem Fachverlag für naturwissenschaftliche Nachschlagewerke unter dem Titel 'Governing Lethal Behaviour in Autonomous Robots'. Verfasser war der Robotikforscher Ronald C. Arkin von der Technischen Universität in Georgia. Der suchte in diesem Buch nach Antworten auf die Fragen, welche die jüngsten Generationen von Robotern aufwerfen, die nicht mehr ferngesteuert agieren, wie die Drohnen, sondern mithilfe von Sensoren und Algorithmen ihre Mission quasi eigenständig ausführen.

Solche Roboter, so Arkin, könnten gerade im Kampfeinsatz dem Menschen überlegen sein, weil sie streng nach den vorgegebenen Regeln handeln. Sein Schlüsselerlebnis hatte der Forscher 2005, als er während eines Forschungsprojekts für das Militär das Video der Bordkamera eines Kampfhubschraubers ansah. Da nahm der Schütze über einer Landstraße im Irak drei feindliche Kämpfer ins Fadenkreuz. Zwei starben bei der ersten Salve. Der Dritte schleppte sich verletzt in die Deckung eines Lastwagens. Der Schütze zögerte kurz, doch der Kommandant befahl ihm, auf den Verwundeten zu feuern. Der Vorfall war ein klarer Verstoß gegen das Kriegsrecht, welche das Töten eines Kampfunfähigen verbietet. Nur ein Roboter wird in so einem Fall korrekt handeln, so Arkin. Deswegen hat er nun Algorithmen erstellt, die Kampfroboter nach einem ethischen Regelwerk programmieren.

Arkin ist nicht der Einzige, der sich mit dem neuen Feld der 'Roboethics' beschäftigt. Der Philosoph Patrick Lin hielt vor einer Entwicklungsabteilung der CIA einen viel beachteten Vortrag, in dem er vor den vielen ethischen und rechtlichen Überraschungen warnte, die in den 'Roboethics' auftauchen würden. Der Robotikforscher Gianmarco Veruggio prägte den Begriff für ein Symposium, das 2004 in San Remo stattfand. Dabei stellte sich heraus, dass die laufenden und künftigen technischen Entwicklungen die ethische Bewertung von Robotern gar nicht so einfach machen.

Sind Roboter nur Maschinen, unterliegen sie der klassischen Ethik, da sie nur Werkzeuge sind. Verlängern und verbessern sie das Wirken von Menschen jedoch, bekommen sie eine ethische Dimension, da reicht das traditionelle Regelwerk schon nicht mehr aus. Sind sie jedoch moralische Agenten, wozu sie nicht unbedingt einen freien Willen brauchen, müssen neue Parameter für ihr Handeln gefunden werden. Noch in der Zukunft liegt dagegen die Annahme, Roboter seien eine neue Spezies. Da kommt die Idee von der 'Singularity' ins Spiel, einer Art technologischem Erweckungsmoment, wenn Maschinen so weit entwickelt sind, dass sie eine eigene Intelligenz, und bald auch eine eigene Moral und Ethik entwickeln. Die, so glauben viele Anhänger dieser Idee, seien den Menschen wahrscheinlich überlegen.

Da ist man dann schnell bei den Robotergesetzen des Science-Fiction-Schriftstellers Isaac Asimov. Der hatte 1942 in seiner Kurzgeschichte 'Runaround' drei 'Grundregeln des Roboterdienstes' aufgestellt: Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen - es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

Der Kern, der in diesen Robotergesetzen steckt, ist aber weniger Science-Fiction als die Sehnsucht nach einem Urzustand der ethischen Unschuld, den der Philosoph Jean-Jacques Rousseau Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Idealbild vom edlen Wilden beschwor. Wenn wir als Menschen neue mechanische Wesen schaffen, warum nicht von den eigenen Fehlern lernen?

Nun sind Kampfroboter, wie sie sich Ronald Arkin vorstellt, schon einmal ein fauler Kompromiss, weil sie nur den Angreifer vor Verletzung schützen. Nach momentanem Stand der Technik gilt überhaupt nur das zweite Robotergesetz - Maschinen und Computer tun ausschließlich das, was ihnen ein Mensch befielt. Noch lernen sie nicht von sich selbst, sondern nur von den Arbeitsabläufen, die ihnen befohlen wurden. Überhaupt stellt sich die Frage - kann es einen Moment der Singularity überhaupt geben? Werden die viel beschworenen Algorithmen nicht genau da an ihre Grenzen stoßen, wo das menschliche Gehirn den freien Willen, das eigenständige Denken und das Gefühl entwickelt hat?

Die Roboterethik wird so schnell keine Antworten finden. Dafür entwickelt sich die Technologie zu schnell. Die Studie über die Einsätze in Pakistan will auch gar nicht so grundsätzlich argumentieren, sondern vor allem die amerikanische Öffentlichkeit aufrütteln. Und doch stellt sie eines schon klar - im Krieg bleibt Ethik reine Theorie.





Mehr Material unter http://livingunderdrones.org/

26.09.12 | 08:39 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Clay Shirky – How the Internet will (one day) transform government

21.09.12 | 19:00 | 1 Kommentar

Moral bindet und blendet

Im amerikanischen Wahlkampf geht es wieder einmal um moralische Überlegenheit. Doch wer hat die eigentlich?  Und warum wählen Menschen überhaupt Parteien, deren Programme ihren Interessen eigentlich widersprechen? Ein Interview mit dem Sozialpsychologen an der NYU Jonathan Haidt, der in seinem Buch "The Righeous Mind" die Spaltung von Gesellschaften untersucht.

(Von Andrian Kreye)
Als Europäer wundert man sich , warum so viele Menschen mit bescheidenem Einkommen eine Partei wählen, deren Kandidat Mitt Romneyfür sie offensichtlich nichts Gutes will, während Obama doch einiges für sie getan hat. Warum wählen Menschen gegen ihre eigenen Interessen?

Jonathan Haidt: Die Frage geht davon aus, dass eine Wahlentscheidung aufgrund einer rationalen Berechnung der eigenen Interessen gefällt wird. Als Moralpsychologe sehe ich das anders – Politik ist dem Glauben sehr viel ähnlicher als dem Shopping. In der Soziologie des 20. Jahrhunderts gab es zwar die Idee vom Homo oeconomicus, der ganz rational das beste Ergebnis für sich errechnet.

Ratio spielt in der Politik keine Rolle?

Wir haben das lange untersucht. Ich habe versucht, ein einfaches Bild zu finden, und bin auf den Elefanten und seinen Reiter gekommen. Unser Bewusstsein ist der Reiter, alles andere ist der Elefant. Bewusstsein macht aber lediglich zwei Prozent unseres Selbst aus, der Elefant sind die restlichen 98 Prozent – das Unbewusste, die Emotionen und vor allem die Moral.

Haben politische Einstellungen dann gar nichts mit Vermögensverhältnissen zu tun?

Nur bis zu einem gewissen Grad. Je wohlhabender jemand ist, desto konservativer wird er sein. Doch je weiter man sich im Einkommensspektrum vom vermeintlichen Kern der Partei entfernt, desto deutlicher wird, dass das nicht der entscheidende Grund ist.

Ist es nicht auch eine Altersfrage?

Da kenne ich die Zahlen nicht. Ich weiß, dass es zwei Einschnitte im Leben gibt, die einen konservativer machen – wenn man Kinder bekommt, und wenn man eine Firma gründet. Die Altersfrage hängt aber auch davon ab, wann man geboren wurde – manche Generationen sind liberaler als andere. Das hängt von den Erfahrungen ab, die man als Teenager und vor allem in seinen Zwanzigern gemacht hat. Die prägen einen fürs Leben. Auslandsreisen machen einen beispielsweise liberaler.

Erklärt das, warum in Deutschland so viele Leute mit hohem Einkommen die Grünen oder die SPD wählen?

Die meisten Menschen bleiben in ihrem moralischen Spektrum, das sie in frühen Jahren entwickelt haben. Es sind nämlich nicht nur die Erfahrungen, auch die Persönlichkeitsstruktur spielt eine Rolle, und die ist angeboren.

Wie unterscheiden sich Linke und Konservative da?

Linke sind eher neugierig, haben wenig Scheu, sie reisen gerne und experimentieren mit exotischen Speisen. Konservative sind eher von Ängsten vor Bedrohungen, Unordnung und Verfall geleitet. Da sind wir wieder beim Elefanten.  

Wenn nun im amerikanischen Fall deutlich mehr Wähler mit den Republikanern gegen ihre eigenen Interessen abstimmen, heißt das im Umkehrschluss, dass die Konservativen moralische Überzeugungen glaubwürdiger ansprechen können?

Ich frage mich, ob die Demokraten überhaupt wissen, dass es einen Elefanten gibt. Aber die Konservativen decken auch das Spektrum der moralischen Grundlagen besser ab. Wir haben nach unseren langjährigen Untersuchungen und Feldversuchen eine Theorie entwickelt, nach der es fünf moralische Fundamente gibt. Das sind Mitgefühl, Gerechtigkeitssinn, Loyalität, Respekt für Autorität und Glaube. Erstellt man nun ein Diagramm, welche dieser Grundlagen von sehr liberalen bis zu sehr konservativen Menschen besonders ausgeprägt sind, dann erkennt man, dass sehr liberale Menschen ein besonders ausgeprägtes Mitgefühl und einen besonders ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben. Loyalität, Respekt für Autorität und Glaube spielen kaum eine Rolle. Diese fünf Kurven nähern sich bis nach rechts dann an. Für politisch Moderate und für konservative Menschen spielen alle fünf Grundlagen eine ähnlich wichtige Rolle im Leben. Linke Parteien wie die Demokraten bedienen nur zwei dieser fünf Grundlagen, während die Republikaner alle fünf dieser moralischen Sinne ansprechen.   

Werden da nicht bloß Empörungspotenziale abgerufen?

Ja, aber bisher empörten sich die beiden Seiten vor allem gegenseitig. Es hilft, dabei im Blick zu haben, was der jeweiligen Seite heilig ist. Für die Linke sind Opfer heilig, vor allem machtlose Opfer. Das waren von den Fünfzigerjahren an bis vor ungefähr zehn Jahren die Afroamerikaner. Das ändert sich zum Glück. Jetzt sind es vor allem die Umwelt und Homosexuelle.

Warum zum Glück?

Weil das Problem mit dem Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft kein zentrales mehr ist. Die New York Times zeigte neulich ein Diagramm, das zwei Problematiken über die letzten 40 Jahre hinweg gegeneinander stellte. Die Kurve für die Rassenproblematik ging dabei stetig nach unten, die Kurve für die Ungleichheit der allgemeinen Einkommen nach oben. Vor ungefähr zehn Jahren haben sie sich gekreuzt. Wir haben nun in erster Linie ein massives Klassenproblem.

Warum tut sich Amerika so schwer, das Klassenproblem zu thematisieren?

Da müssten Sie einen Soziologen fragen. Aber auch da spielt Moral mit hinein. Früher gab es zum Beispiel auch in den USA so etwas wie eine Aristokratie der Stände – der soziale Status wurde meist weitervererbt. Dann gab es einen gewaltigen Wandel, den Charles Murray 1994 in seinem Buch „The Bell Curve“ beschrieb. Die Linke hat ihn dafür gehasst, weil sie glaubte, dass er über Rassenunterschiede schreibt, dabei ging es ihm um Klassenunterschiede. Er sah vieles voraus, was nun eingetreten ist. Er sagte, wenn man den gesellschaftlichen Status nicht mehr durch die Geburt erlangt, sondern auf Grundlage von IQ, dann sortiert man alle klugen Menschen in eine Ecke, sie heiraten untereinander und bekommen kluge Kinder. Die nicht ganz so klugen Menschen werden dagegen in eine andere Ecke sortiert. So teilt man auf Dauer sowohl die geistigen als auch die sozialen Ressourcen. Die Menschen an der Spitze der Gesellschaft haben gute Voraussetzungen, um Kinder großzuziehen. Die Voraussetzungen für die Menschen am unteren Ende der Skala sind dagegen ein Desaster. Egal ob für Weiße oder Schwarze.

Und was ist den Konservativen heilig?

Gott und Vaterland. Als Konservative in den Sechziger- und Siebzigerjahren sahen, dass junge Amerikaner das Sternenbanner verbrennen, dass sie ein Geschichtsbild entwarfen, in dem Amerika die Unterdrückung und das Böse verkörpert, war das, als hätte man mit der Faust in einen Bienenstock geschlagen. So haben sich die beiden Seiten seit den Sechzigerjahren gegenseitig aufgeregt. Im 21. Jahrhundert kam dann noch die politische Innovation des Bush-Rove-Teams dazu, dass man Wahlen nicht gewinnt, indem man die Mitte überzeugt, sondern indem man das eigene Lager in Rage bringt.

Funktionieren die Tea-Party- und Occupy-Bewegungen nicht so?

Ja, das sind moralische Gemeinschaften, die sich um geheiligte Werte herum organisieren. Das Interessante ist, dass sie so viel gemeinsam haben, vor allem die Wut auf den Kapitalismus. Sie könnten eigentlich gemeinsame Sache machen, wären sie nicht die exemplarischen Ausformungen der psychologischen Profile der Linken und der Rechten.

Wie kann man eine moralisch gespaltene Gesellschaft dazu bringen, vernünftig zu diskutieren?

Ganz grundsätzlich: Moral bindet und blendet. Das gilt nicht nur für die politischen Debatten, das gilt auch für die Wissenschaften. Irgendwann in den Sechzigerjahren tat sich da eine Kluft zwischen den Geistes- und Naturwissenschaftlern auf. Die Verwerfungslinie war die Frage: Ist die Evolution relevant oder nicht? Wenn Evolution relevant ist, dann gibt es ja vielleicht Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Doch weil das sexistisch ist, durfte es nicht wahr sein. Wenn man weiß, was der jeweiligen Gruppe heilig ist, kann man auch erkennen, in welchen Punkten sie unzugänglich für Beweise und Tatsachen sind.

Ist das auch der Grund, warum die Beschneidungs- oder die Urheberrechtsdebatten mit solcher Härte geführt werden?

Die Beschneidungsdebatte hat mich extrem verärgert. Ich bin zwar ein atheistischer Jude, aber wie kann man die Grundlagen eines Glaubens so infrage stellen? Ich kenne mich aber besser mit Urheberrechten und Patenten aus – mein Vater war Patentanwalt. Bislang war das eine eher obskure Debatte für Rechts- und Wirtschaftstheoretiker, die wenig mit dem Alltag der meisten Menschen zu tun hatte. Und dann kommt plötzlich das Internet und alles ist verfügbar. Die wenigsten würden wahrscheinlich jemandem eine CD aus dem Rucksack stehlen. Aber wenn man etwas von einer Webseite herunterlädt – wem schadet man da schon? Und auf einmal kommen die Regierung und irgendein Anwalt für irgendeine Plattenfirma und sagen, dass man das nicht mehr darf, sie beginnen, den Computer auszuspähen. Das berührt das Freiheitsverständnis der Leute negativ. Ihr erzählt uns, dass wir etwas nicht mehr tun dürfen, auch wenn unser moralischer Kompass da kein Problem damit hat? Fuck you. Dann baut sich eine Philosophie drumherum auf. Information muss frei sein! Das hat irgendjemand mal vor Jahrzehnten gesagt. So kann man das in einen normativen Imperativ packen.

  

Noch einmal: Wie kocht man eine Debatte wieder herunter?

Es gibt einen alten Vaudeville-Witz: Kommt ein Mann zum Arzt und sagt, es tut so weh, wenn ich so mache. Sagt der Arzt, dann hören Sie halt auf damit. Ich meine damit nicht, dass man keine vernünftigen Argumente anbringen sollte, aber man darf nicht erwarten, dass sie funktionieren. Prinzipiell sollte man kein Sakrileg begehen, weil sich die andere Seite sonst nie wirklich mit dem Thema beschäftigt. Und man kennt die Heiligtümer der anderen doch. Nehmen Sie die Regelung der Obama-Regierung, dass katholische Krankenhäuser und Colleges für die Empfängnisverhütung ihrer Angestellten bezahlen sollen. Das war unfassbar dumm. Das hat nur das Gefühl zementiert, dass es einen Krieg gegen Religion gibt. Dass sie ein Opfer sind. Dass die Demokraten Religion hassen.

Sie selbst sind auch eher liberal – beraten Sie die Demokraten?

Ich habe mich vor Jahren den Demokraten als Berater angeboten. Die meisten haben gar nicht reagiert. Ein paar Einladungen habe ich bekommen, aber ich habe die meisten abgelehnt. Demokraten glauben immer noch, dass sie nur die Botschaft richtig hinkriegen müssen, dann passt die wie ein Schlüssel in die Köpfe der Leute und bringt sie auf ihre Seite. Ich habe immer versucht, ihnen beizubringen, dass der Botschafter so wichtig ist wie die Botschaft. Die Leute müssen einem vertrauen.

Warum sollte man den Demokraten weniger vertrauen als den Republikanern?

Da müssen sie nicht einmal moralisch argumentieren. Die machen schon auf der rationalen Ebene grobe Fehler. Demokraten gelten als geschäftsfeindlich. Wenn sie sagen, dass wir den Markt regulieren müssen, um ihn effizient zu machen, dann ist das zwar ein dringend nötiges Argument für jede moderne kapitalistische Gesellschaft. Doch die Leute glauben, dass das nur ein Machtanspruch ist. Wäre allgemein bekannt, dass die Demokraten den Kapitalismus lieben, wenn sie sich als großer Freund der kleinen Geschäftsleute im Kampf gegen Big Business profiliert hätten, dann stünden sie in der Tradition von Andrew Jackson in den 1820er-Jahren. Das wäre eine wirklich gute Position. Die Linke muss sich wirklich überlegen, was es im 21. Jahrhundert heißt, links zu sein.

Und wie erklären Sie, dass das Rennen so knapp bleibt, obwohl Mitt Romney gerade erklärt hat, dass ihm 47 Prozent der Amerikaner egal sind?

Die 47 Prozent decken sich mit seinem Gerechtigkeitsverständnis. Er teilt das Land in die „Makers“, die mehr einbringen als herausnehmen, und die „Takers“, die mehr herausnehmen als einbringen. Das hält er für so ungerecht, dass es rechtfertigt, die Steuern der „Makers“ zu senken und die Zuwendungen für die „Takers“ zu streichen. Ich glaube allerdings, dass ihm dieser Kommentar sehr schaden wird.

21.09.12 | 05:25 | 0 Kommentare

Friday Night Live

16.09.12 | 21:52 | 0 Kommentare

#musicmonday

16.09.12 | 21:43 | 0 Kommentare

Fengel

Martin Fengel hat anläßlich des Jubiläumsjahres der Villa Stuck in der Empfangshalle eine Fotoausstellung, die wöchentlich um ein Bild mit einem Text ergänzt wird. Text und Bild sind auch auf dem Blog des Museums zu sehen und lesen.

(Foto Martin Fengel, Text Andrian Kreye) - Das Raffinierte an Martin Fengels Bildern ist, dass er meist keinen Raum für Interpretationen liefert, obwohl ja das die große Qualität der Fotografie ist, wenn sie zwischen konkreter Abbildung und subjektivem Empfinden eine neue Wahrheit schafft. Den Raum für Interpretationen hat sich der Betrachter von Martins Bildern schon gefälligst selbst zu schaffen. Deswegen sind sie so etwas wie ein Porträt des Betrachters in dessen Kopf. Abstrakte Kunst beherrscht diese Methode ganz gut. Die Fotografie eher selten, weil die abstrakte Fotografie schnell in den kunsthandwerklichen Kitsch abrutscht. Martin gehört zu den wenigen Fotografen, die das beherrschen. Und sein großes Vorbild William Eggleston natürlich, wobei Martin meist einen Schritt weiter geht. Bei Eggleston weiß man eigentlich immer, woran man ist - meistens im amerikanischen Süden, in den Ritzen und Nischen des American Gothic, dieser bedrohlichen Idylle wunderschöner Landstriche mit ach so finsterer Geschichte. Da war der Fokus aufs fast schon, aber nie konsequent abstrakte Detail immer auch die Flucht vor dem Hier und Jetzt.

So einfach ist das bei Martin nicht. Der ist viel hinterlistiger, als der elegante Gentleman aus Tennessee. Lässt offen, wo und wann die Aufnahme entstanden ist, hin und wieder auch, was da zu sehen ist. Nicht, wenn er auf Reportage ist. Nicht, wenn man ihn am frühen Nachmittag anruft, ob er nicht für den Redaktionsschluss der Zeitung in ein paar Stunden bitte noch ein Foto zu diesem ansonsten unillustrierbaren Thema zu schicken, das aber bitte auch eine Zeitungsseite tragen muss.

In seinen eigenen Arbeiten aber, stellt sich fast immer die Frage, was man denn nun damit anfangen soll.

Mit dem Ventil des bunten Wasserballs zum Beispiel.

- Ganz direkt – der Geruch von Sonnenöl und Filterzigaretten im Strandbad am bayerischen See, muss Mitte/späte 70er Jahre gewesen sein, jedenfalls lief andauernd überall Fleetwood Mac „Dreams“.

- Die Familie am Pool des Umubano Hotels in Kigali, zwei Schulkinder, ein Vater, die Mutter im Liegestuhl, wohlhabende, frankophone Westafrikaner, der Vater tippt den Wasserball auf die Köpfe der Kinder, die quietschen. Im Schatten der Sonneschirme Herren in Tropenanzügen in Verhandlungen um größere Rohstoffvorkommen, von denen es in Ruanda keine, hundert Kilometer weiter im Kongo unermessliche gibt.

- Elton Johns Show in Las Vegas, Bühnenbild von David LaChapelle, der die Air Artists egnagiert hat, die schon das aufblasbare Schwein für Pink Floyd und die haushohen aufblasbaren Honky Tonk Girls für die Stones gemacht haben. Als hinter Sir Elton John die beiden Brüste in der Größe einer Jumbo-Jet-Nase in die Höhe steigen, hält die Mutter ihrem Jungen die Augen zu.

- Muss man so einen Ball nicht auf alle Fälle mit dem Mund, auf keinen Fall mit einer Pumpe aufblasen, und wer denkt sich so eine Etikette der Selbstkasteiung eigentlich aus, weil das in praller Sonne in jedem Fall zu unanagenehmen Reaktionen führt? Das müssen irgendwelche dieser freudlosen Protstanten gewesen sein, die können keine Leistung ohne Leiden, keine Lust ohne Busse. Gib mir die Pumpe.

- Die Jungs am Strand mit dem Ball. Gerne wieder Dänemark. Bis dahin liegt er als großes Versprechen auf dem Speicher.

Da hat er mich also an der sentimentalen Ader erwischt. Der Hund.

14.09.12 | 06:34 | 0 Kommentare

Friday Night Live

10.09.12 | 06:30 | 0 Kommentare

#musicmonday

Flying Lotus - "Until The Quiet Comes" from WHAT MATTERS MOST on Vimeo.

A short film by Kahlil Joseph featuring music from the Flying Lotus album.
Directed By – Kahlil Joseph
Cinematography by – Mattew J. Lloyd
Produced By – Omid Fatemi
Underwater Cameraman / 1st AC – David Edsall
Edited by – Luke Lynch
Steadicam by – Dana Morris
VFX by – Josh Foster @ Synapse FX
Additional FX work by - Andy Curtis
Color by – Sean Coleman @ Company3
Titles by – Stephen Serrato
Styling by – Elizabeth Birkett-Gibbs
Music by – Flying Lotus
Production/Camera Assistant – Marcus Reposar
Location Manager – Big Flip

Featuring – Solomon Gibbs, Storyboard P, Ishmael Gibbs and Edwin Marcelin

Special Thanks to – Laura Tunstall, Chris Gibbs, Alan Algee, Rodney Passe, Patrick O’Brien-Smith, Panavision and the community of Nickerson Gardens

Filmed on 35mm in Los Angeles, CA

07.09.12 | 06:33 | 0 Kommentare

Friday Night Live

05.09.12 | 20:28 | 0 Kommentare

TED Talk der Woche: Bob Neuwirth über Schattenwirtschaft

Older Posts »