0 KommentareDie Welt bleibt jetzt rund
Transparenz und Offenheit sind die Maximen der globalisierten Welt – das Ideenfestival Ted fragt warum
(Von Andrian Kreye) Es wirkt immer etwas verdächtig, wenn Schlagworte zu Maximen werden. Momentan sind Transparenz und Offenheit auf dem besten Weg zum Credo für Wirtschaft und Politik aufzusteigen. Dass sich das Ideenfestival Ted Conference in der vergangenen Woche damit in Edinburgh beschäftigte, lag nahe. Wikileaks-Gründer und Transparenz-Hardliner Julian Assange hatte bei einer Ted Conference in Oxford vor zwei Jahren quasi sein Debüt auf der Weltbühne. Wenige Wochen später veröffentlichte er die diplomatischen Depeschen aus Amerika und formulierte eine Ideologie der Transparenz, die letztendlich auch zum Erfolg der Piratenpartei führte. Zeit also für eine Bestandsaufnahme mit dem Titel „radical openness“.
Auftritt Ellen Jorgensen. Die Molekularbiologin gilt als Mutter der Biopunk-Bewegung. Sie sieht aus, als habe sie irgendwann mal in einer dieser klugen, aber lauten New Yorker Bands wie Sonic Youth oder den Pixies gespielt – akkurater Mittelscheitel, darunter der strenge Blick subkultureller Weisheit. Sie berichtet von ihrem Labor „GenSpace“ in Brooklyn. Da betreibt sie mit Amateuren und Teenagern „Do-it-yourself-Biotech– Biohacking“. Letztlich geht es darum, Genetik so zu verstehen wie einen Computer. Man könnte sich noch auf die Analogie einlassen, dass die DNA letztlich die ultimative Programmiersprache ist. Das tut Jorgensen nicht. Stattdessen zeigt sie, dass die Entwicklungskurve der Biotechnologie noch viel steiler ist als die der Informatik. Vor zwölf Jahren kostete die Entschlüsselung des ersten Genoms noch drei Milliarden Dollar. Heute ist das für unter tausend zu machen. Die radikale Offenheit kommt also zwangsläufig. Jorgensen sagt, es sei besser, die breite Bevölkerung verstehe die Materie und könne damit umgehen. Ignoranz hilft schließlich niemandem.
In Europa ist das Ideenfestival Ted Conference noch nicht ganz so bekannt. Das Prinzip ist ja einfach: eine Idee, eine Bühne, ein Mikrofon, ein Projektor und eine gute Viertelstunde Zeit. Nach der Konferenz wird eine Aufzeichnung des Vortrags ins Internet gestellt. Da haben diese sogenannten „Ted Talks“ oft einen Erfolg, den sonst nur Popsongs haben. Die Anwältin Susan Cain erzählte im Februar bei der kalifornischen Ted Conference davon, wie schwierig es ist, als introvertierter Mensch in einer Welt zu leben, die von Extrovertierten dominiert wird. Eine halbe Million Menschen haben sich diesen Vortrag seither angesehen. Als Popsängerin wäre sie damit in den Hitparaden. In Europa ist die Form des komprimierten Intellektualismus noch verdächtig. In den USA hat sie Tradition. Die Zeitschrift New Yorker findet in ihrer aktuellen Ausgabe die Wurzeln von Ted in den Vortragstourneen des Philosophen Ralph Waldo Emerson.
Weil die Ted Conference ihre Wurzeln im Silicone Valley hat, wo der Konferenzgründer Richard Saul Wurman Anfang der achtziger Jahre beobachtete, dass Technologie, Entertainment und Design (T.E.D.) eine neue Einheit bilden, ist die vorherrschende Stimmung eine leicht euphorisierte Zukunftsgläubigkeit. Sie bestimmt auch die Woche in Edinburgh. Das ist auch sicher der große Reiz an der Ted Conference. Aber so einfach machen es sich die Chefkuratoren Chris Anderson und Bruno Giussani dann doch nicht, schon gar nicht im skeptischen Europa. Einer der ersten Sprecher findet dann auch einen ganz anderen Begriff für die radikale Offenheit, die derzeit auf allen Ebenen Einzug hält. Tim Leberecht von Frog Design erzählt vom Kontrollverlust. Der sei unabwendbar. Sein Fazit: Design für den Kontrollverlust. Offensiv angehen, was nicht vermeidbar ist.
Ted ist ein gutes Beispiel für solch einen gewollten Kontrollverlust. Mit einem Eintrittsgeld von rund fünftausend Euro bleiben die Konferenzen vor allem Festivals für intellektuell neugierige Eliten. Im Publikum – viele Unternehmer, einige Stars. Auf der Bühne – Wissenschaftler, Aktivisten, Intellektuelle. Erst kam die Entscheidung, die Videos gratis ins Netz zu stellen. Die wurden bisher 80 Millionen Mal angesehen. Dann wurde die Marke selbst entfesselt. Wer will, kann eine TedX-Lizenz beantragen und selbst so eine Konferenz veranstalten. 2009 startete das Experiment. Inzwischen gab es über viertausend TedX-Konferenzen in 133 Ländern. Der Erfolg ist immens. Ted wandelte sich in drei Jahren vom Elitenforum zur Weltmarke. Ein Modellfall? Viele träumen solche Strategien schon. Gerade Medienkonzerne finden das Vorbild Ted sehr verlockend. Chefkurator Chris Anderson räumt ein, Ted ist ein gemeinnütziger Verein und muss als solcher keine Profite machen. Da fällt radikale Offenheit schon leichter.
Hinter den Schlagworten versteckt sich dann doch eine handfeste Entwicklung. Auftritt James Stavridis, amerikanischer 4-Sterne-Admiral und derzeit Kommandeur der Nato. Inmitten der kalifornisch-europäischen Lässigkeit wirkt er in der gestärkten Uniform und mit seiner geometrischen Gestensprache wie ein Polka-begeisterter Unteroffizier, der Robin Williams im Film „Good Morning Vietnam“ das Leben schwer macht. Der Admiral erzählt davon, dass Mauern als strategische Allegorien nicht mehr funktionieren. Brücken müsse man nun bauen, um Sicherheit zu schaffen. Beispiel organisiertes Verbrechen – Piraten rauben jährlich Güter im Wert von 10 Milliarden Dollar. Die kann man mit Kanonenbooten verfolgen. Cybercrime hingegen hat eine Dimension von 3 Trillionen erreicht. „Da nützen uns die Waffen des 20. Jahrhunderts nicht viel.“
Wenn Transparenz und Kontrollverlust unvermeidlich sind, welche Regeln gelten dann? Internet-Visionär Don Tapscott findet vier Grundregeln. Zusammenarbeit. In einer vernetzten Welt schafft das nur Mehrwert. Offenheit. Wer versucht, sich gegen Transparenz zu wehren, kann nur verlieren. Teilen. Hätte die Musikindustrie die neue Kultur des Miteinander verstanden, hätte sie Lösungen finden können. Ermächtigung. Wenn die neuen Technologien den Massen neue Macht verleihen, sollte man sie nicht bremsen, sondern fördern, um Teil der Bewegung zu bleiben.
Nichts wirkt auf einer Ted Conference so gut, wie ein fundierter Skeptiker. Der Wirtschaftswissenschaftler Pankaj Ghemavat tritt gegen die beiden populärsten Globalisierung-Theorien an. Gegen Paul Krugmans These, die Welt sei flach, also letztgültig internationalisiert. Gegen Naomi Kleins Theorie, die globalisierte Welt werde von multinationalen Banken und Konzernen beherrscht. Er nennt vier Werte. Von allen Telefonanrufen weltweit seien immer noch 98 Prozent innerhalb eines Landes. Die Zahl der Auswanderer beträgt weltweit 3 Prozent. Der Anteil internationaler Investments liege bei zehn Prozent. Das Verhältnis von Exporten zum Bruttosozialprodukt liege im internationalen Schnitt bei 20 Prozent. Die Vernetzung und damit einhergehende Öffnung findet vor allem in unseren Köpfen statt. Die Welt ist also – rund.
"RADICAL OPENNESS" - for TEDGlobal 2012 by @Jason_Silva from Jason Silva on Vimeo.
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